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Full text of "Geschichte der Vulgata"

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iniifriiii 

6000939108 




Geschichte 



der 



V U L A T A 



Von 



»\ 




MAINZ, 

¥«E]ag won iFraaz Kirobhetm. 
1868* 



/, 



10 1 . -e^ ■ I 



U 



Imprlml permlttltur. 

MOGUNTIAE, dl« 8 D«o«mbriB 1868. 



Ex mandato ReverendisBimi 
M. A. Nickel, 

Oa&, Cap. 6t Gonsil. Bool. 



Das Uebenetinngflrecht dieses Werkes in fremde Sprachen wird 

Yorbehalten. 



MAXKB, Draok tou F1oiIa& Kvpferbtry. 



Vorwort. 



Die Geschichte der Vulgata hat wfthrend eines halben 
Jahrhunderts keine eingehende Behandlung mehr gefunden. 
Dies ist in etwa eine Wirkang der zuletzt erschienenen 
Bearbeitungen, welche weder das zu verwerthende Material, 
noch die entscheidenden Gesichtsponkte richtig erkennen 
liessen. Indessen hat die Vulgata eine so reiche Geschichte 
gehabt, und diese Geschichte fiihrt uns ein so klares 
Bild von der Einheit der kirchlichen Anschauung vor, 
dass eine ausfOhrlichere Darstellung ihres thats£U;hlichen 
Verlaufs und der darin sich aussprechenden Grunds&tze 
schon langst zu wtinschen blieb. 

Gleichwohl musste wegen voraussichtlicher Vervollstftn- 
digung der Thatsachen gegenwartige Schrift verfrQht erschei- 
nen, wenn Vercellone's Arbeiten fiber die Vulgata baldigen 
Fortgang versprachen. Da aber die Thatigkeit dieses ausge- 
zeichneten Mannes fiir eine Reihe von Jahren in andere 
Bahnen gelenkt ist, so schien es nicht unangemessen, die 
Yorhandene Lilcke in der theologischen Literatur schon jetzt 
auszufiillen und nach den dargebotenen HtQfsmitteln einst- 
weilen eine Grundlage fiir sp^tere Arbeiten /ZU liefem. 

Die Yorliegende Geschichte ist nicht eine pragma- 
tische genannt, weil dieses Wort ein Lob enth&lt, das 
dem sachkundigen Leser, nicht dem Verfasser zusteht. 
Trotzdem wird das Buch von dem emsten Bestreben zeugen, 
den innem Zusammenhang der Begebenheiten zu erfassen 
und aus objectivem Gesichtspunkte darzustellen. Dasselbe 
Streben hat die Einflechtung einzelner principiellen Uii- 



— IV — 

tersuchuiigen veranlasst, deren Zusammenhang mit dem 
Ganzen sich dem Leser bald zeigen wird. Hier ware es 
leicht gewesen, die vorhandenen Erorterungen aJlgemeinen 
Inhaltes um eine neue zu vermehren; wenn statt dessen 
die Grundsatze miihsam bis in ihre letzten Anwendungen 
verfolgt sind, so erhalt dies ebenfalls durch die Ver- 
bindung mit dem behandelten speciellen Gegenstande seine 
Rechtfertigung. 

Auch auf die Beniennung emer kritischen Geschichte 
verzichtet die Arbeit, weil in ilir die Textesgeschichte nicht 
in den Vordergrund tritt. Zwar ist letztere , soweit des 
Verfassers Erfahrungen reic'hen, mitbertickfiichtigt word^; 
allein eine geniigende barstellung derselben ist erst von 
dem Meister zu erwarten, den einstweilen die Kritik des 
griechischen If euen Testamentes besohdiftigt. Ilier soil vor- 
ikuSg ein lTeber1}lick uber das Gebiet eroiBihet werden, wel- 
ches bei geschichtlicher ]^ehiandlung des Vdgatatextes eu 
durchwandern ist. Zu dem !lBnde sind einzelne Proben 
aus dell wichtigsten JDocumenten beigefugt. Bei ihrer 
Auswalil leitete die Absicht, den Charakter der Geschicke, 
welche den Vulgatatext betroflten haben, moglichst za ver- 
anschaulichen; ein Zusammenhang in den mitgetkeilten 
Stiicken wird auch so nicht ganz vermisst werden. Die 
vorgeiFundene Orthographie wurde da, wo sie von Interesse 
seih konnte, in der ftegel beibehalten. 

Mien, weiche diese Arbeit durch zuvorkommende tln- 
terstutzung, inshesondere durch ihre Hiilfe in der Beschaf- 
fung seltenien Materialls gefcrdert haben, sagt der Verfasser 
seinen aufrich'tig^ Dank. i)enen aber, weiche ihn wah- 
rend der Ausarbeilung durch ihre Theilnahme erfreut ha- 
ben, moge nun das Buch bis zum MoseHande imd znm Ost- 
seeslrande hih einen freundlichen Grass bringen. 

Bonn, 21. November 1868. 



ilr« Itr. Maiileii* 



liilialtsyerzeiclmisSi 



L Begriff and Aufgiabe 8. I-^IO. 

Qeschichte der Yulgata nicht GelBch. des tfitheils fiber si^S. 1, 
auch nicht ihres Einflusses 5, sondern der an ihr selbst ergangenen 
Entwickelung 7. H&chste Aufg&be died6r "Gfesiihichte di6 Fesstellung 
des Begriffs von Authenticitat 9. 

IL Literatur S. 11—16. 

A^ltere proteBtantische Arbeiten S. 11, kathDlisdhe 1% Leander 
van Ebb 12. SonstigQ Hulfsmittel 15. 

III. Namen S. 17—22. 

Auch der Name Yulgata hat eine Gefichv'hte ^ 17, wird erfit 
fur die Septuaginta gebraucht 18, dann far die Itala 20, zuletzt im 
he«iliij^ Silibe ^2. 

IV. Ufgeschicfate iS. 23--^^85. 

Bbts^^Aing &e!t bibHBchen ^hrifteil Sk ^8. Zeftweilige, fort- 
dliuiemde 6eBti«i«i%itig dertelben ^4; von iKtzterer Kichts in ilinen 
aiiBz^schlies8«n 25^ Inhalt uiad Foitn d«r bibl. Schrifben ^. Die 
Form nur von rel^aitivem Werth far den k^hBten Zireck derBibel 27. 
Mitirirkung Gottes zu (diesetn Zweeke; IUBpirat^n :26. Begriff ^er 
Inspiration als Determination '29. Einwirkteng ^^v^r Determination 
auf den Inhalt 31, auf die Form 45. Erhaltung und Ueberlieferung 
der hi. Schriften 58, ist ohne apecielle ab^nattlrliche Yorkehrung 
geschehen 54, unterliegt a'ber dem Aufsichtsrerht der Eirche 55, 
d*B sich zQA&chst auf d«n Inhalt 57, nur mittelbar ^uf 4ie Form 
der hi. Sohnit bezieht 58. Einwendung dageg^n 59. Beweis da- 
filr aHB den Thatsachen 61, •slub der Bibiel BelbBt 62, d^i Schriften 
der Yater 67, der Qeschichte des Textes in der Synagoge 69, bei 
den Samaritanem 77, in *der Kirche 81. 

V. Vatgci!5<*ichte S. «6— 106. 

Begriff vom i<^bea*arbeitkittg and Ueberbelznng S. 86. Y^erlkalt- 
niBfl Tott iahalt und Fonn bei einer UebeiiBidtzwig 87, veBBclueden 



— VI — 



nach dem Zwecke derselben 89. Dieser Zweck entscheidend fdr die 
WaM onter yerschiedenen Uebersetzangen 90. Dies best&tigt in 
der Eirche 90, wie friiher in der Synagoge 92; daher die Septuar 
ginta anthentischer Text 100. 

VI. Itala S. 107—144. 

Frdhzeitiges Beddrfhiss lateinischer Bibelsttlcke zn Bom and 
in Italien S. 108. Eine lateinische Bibeltlbersetzung schon im 2. 
Jahrh. allgemein 112. Vielerlei lateinische ■ Uebersetzangen 118. 
Angabe des hi. Aagustinas daraber 115. Itala. Bedeutong dieses 
Namens 117. Andere Darstellang des Sachverhaltes 119. GrtUide 
dagegen 120. Vielfache IJeberarbeitang der vorhandenen Ueber- 
setzangen 125. Erhaltene Reste derselben 125. Ihr Sprachcharak- 
ter 130. Folgernngen 135. Hire Uebersetzangsweise 137. Folge- 
rangen 140. Werth der Itala 142. 

Vn. Der hi. Hieronymus S. 145—189. 

Erhaltnng des Bibeltextes von der Kirche menschlicher Sorg- 
fait Uberlassen S. 145, bis im Abendlande die Nothwendigkeit zar 
Controle zwang 147. Damasus I. 149. Providentielle Bestimmong 
des hi. Hieronymus 149. Lebensabriss desselben 150. Revision 
der Itala 153. Grands&tze bei derselben 155. Reihenfolge 157. 
Stadium des Hebr&ischen 161. Uebersetzung des A. T. aus^ dem 
Hebraischen 165. Grunds&tze bei derselben 169, Charakter 173, 
Sprachform 181. Aufhahme ders. in der Eirche 183. Er5rterong 
mit dem hi. Augustinus 185. 

VIII. Die alte und die neue Uebersetzung S. 190 — 223. 

Itala in der afrik. Eirche S. 190. Ursache ibrer Ersetzung 
durch die hieronym. Uebers. 192. Nachweis der einen oder der 
andem bei den Schriftstellem vom 5. bis 7. Jahrh. 194, in den 
liturgischen BUchern 199, bei den Pabsten damaliger Zeit 201. 
Beide Uebers. in der r5m. Eirche 202, sonst im Abendlande 203. 
Die Itala ganz durch die neue Version ersetzt 206, ob durch kirch- 
lichen Beschluss? 208, vielmehr durch Gew5hnung 210. Hand- 
schriften dieser Periode 216, Proben daraus 219. 

IX. Verbesserungen S. 224—243. 

Entstellung des lateinischen Bibeltextes S. 224. Revision durch 
Cassiodorus 225, Alcuin 229, Lanfranc 234. Neue Incorrectheit 235. 
Handschriften dieser Periode 236, Evangeliarien 240, Proben 241. 

X. Correctorien S. 244—278. 

Erfolglosigkeit der bisherigen Bemtihungen S. 244. Stephan von 
Citeaux- 245. Correctorien. Einrichtung derselben 248. Beispiele 249. 
Parisius 250, Corr. der Dominicaner 251, der Franziscaner 254, un- 
genanntes wichtigstes 255. Proben aus letzterem 258. Bedeutang 



- vn — 

der Correctorien 264. Ihre Wirkang 266. Zustand des damaligen 
Vulgatateztes nach Roger Baco 266. Begriff der Vulgata gebildet 
272. Handschriften aas dieser Feriode 273, Proben 275. 

XI. Ergebnisse S. 279-301. 

Geistige Bewegung im 13.— 15. Jahrh. S. 280. Stadium des 
Hebr&iBchen 280. Richtige Yorscbl&ge Roger Baco's zur Besserimg 
der Vulgata 283. A«nderung nach den Grundtexten 288. Neue 
Uebers. aus den Grundtexten 290. Aenderung des Ausdrucks nach 
klassischem Geschmack 291. Abschfttzung von Inhalt und Form 
293. Unklarheit ttber den Yerf. der Vulgata 299. 

Xn. Gedruckter Text S. 302—317. 

Die Buchdruckerkunst zunftchst ohne Einfluss auf die Vul-* 

?;ata 8. 802. Ausgaben des 15. Jahrh. 804. Ihre anssere Beschaf- 
enheit 305, innere Beschaffenheit 309. Aendeiung des Textes nach 
den Grundtexten 311. Ausgg. Fontibus ex graecis 811. Gompluten- 
ser Polyglotte 314. 

XIII. Verwiming S. 318—378. 

ISnwirkung der Reformation auf die Vulgata S. 318. Erasmus' 
Uebers. des N. T. 319. Sogeo. Verbesserung nach den Grundtexten. 
Osiander 322, Petrejus 323, Wittenberger Bibel 325, Pellicanus 327, 
Rudelius 330, Steuchus Eugubinus 332, Isidorus Clarius 333. Neue 
TJeberss. aus den Grundtexten 336. Sanctus Pagninus 338, Gajeta- 
nus 340, Seb. MtLnster 343, Leo Judft 347, Castellio 350. Theil- 
weise Ueberss. 852. Resultat 356. Verbesserung des Vulgatatextes 
nach Handschriften 357. Gumelli 358, Castellano 359, Hittorp 360, 
Stephanas 364, Benedictus 373. 

XIV. Concil zu Trient S. 379—419. 

RtlckbHck S. 379. Veranlassung zu den Trienter Decreten ilber 
die Vulgata 882. Geschichtliches ilber ihre Entstehung 883. Un- 
terschied beider Decrete 387. Erklarung des erstern 389, deszwei- 
ten 394. Einleitungsformel 394. Authenticit&t 398. Schlussformel 
410. Corollarien 412. Bestimmung wegen des Druckes der Bi- 
bel 416. 

XV. OfficieUer Text S. 420—496. 

Aufhahme der betr. Decrete zu Rom S. 421. Gorrespondenz 
fiber dieselbe zwischen Rom und Trient 422. Commission zur Re- 
vision der Vulgata 426. Aufnahme der Decrete im Abendlande 427. 
Ausgaben von Henten 429. Neue Ausgaben von Stephanas 431. 
Ldwener Ausgaben 433. Arbeiten zu Rom f(ir die Herausgabe der 
Vulgata 440, unter Pius IV. 441, Pius V. 442, Gregor XUI. 448. 
SixtuB V. 444. Verfahren der sixtinischen Commission 446. Six- 
tus' V. Reyision 448. Bulle Aetemus ille 449. Beurtheilung von 



— vin .- 

MxtQs' Verfabren 458. Neu^ Begriff de8 officielten Textes 465. 
Beschaffenheit der sixUniBchen Ausg&be 458. Sistug V. f, Gre- 
gor Xrv. YerhaDdlaBgen tlber ,eme neoe Ausgabe 460. >)eiue Com- 
mission 463. Uebersiedelung nach Zagarola 465. Clemens YJLU. 
466. Beendigung der Beyision durcb Xoletus 467- Clementinische 
Ausgaben 469. Rechtfertigung von Clemens' Verfabren 471. Yer- 
schiedenbeit zwiscben der sixtinischen and der clementiiuscben 
Ausg. 476. Sixtttfi' Recht&rtignng durcb Bellarmin 480. BeBckaf- 
fenbeit des jetzigen officiellen Textes 482. Best&tigung der darge- 
legten GrrandsAtze. Urtheil iiber Isidorus ClariuB 488. Unberecb- 
tigte Reform des rdm. Messbuchs 488. Angebliche DeclaraiioB der 
Congreg. Concilii 4M. Armenisehe Bibel 494. 



L 
Begrlff nnd Anfgabe 



Habent sua fata UbelU! Wenn diese Worte des heid- 
nischen Dichters der Geschichte eines cliristlichen Religions- 
baches an die Spitze gestelit werden, so soil damit ein 
seiches Werk nicht in eine Reihe mit den Tageserzeugnissen 
gesetzt werden, die ihre Geschichte bloss in denWandlun- 
gen des Urtheils und der Geschmacksrichtung haben. 
Allerdings hat die lateinische Bibelfibersetzung, welche wir 
Vulgata nennen, auch eine solche aus der Verschiedenheit 
der Beurtheilung entsprungene Geschichte aufzuweisen. 
Bald wegen Rohheit ihrer Sprache und ihres Stiles geschmaht, 
bald als Muster reinen und treffenden Ausdrucks verherr- 
licht, von den Einen wegen ihrer Ungenauigkeit getadelt, 
von den Andem wegen ihrer Treue gertihmt, hier zum 
blossen exegetischen Hulfsmittel herabgewurdigt, dort als 
unwandelbare Glaubensnorm verehrt, hat die Vulgata mehr, 
als irgend ein anderes Buch, nach dem Wort des Dichters 
ihre Geschicke gehabt; und es ware ein in vieler 
Hinsicht nfttzliches und lehrreiches Unternehmen, die Ab- 
wicklung dieser Geschicke, besonders seit den Zeiten der 
Eirchenspaltung, zu verfolgen. 

Eine kleine Bliitenlese aus dem Vielen, das in dieser 
Hinsicht geschrieben worden, kann dies ersichtlich machen. 

Kaulen, Oeachicht« d«r Yulgat*. 1 



— 2 — 

• 

In versione vulgata^ heisst es in dem philologus hebraeo^ 
mixtus von Leusden, sunt multi soloecism% quia inter mo- 
nachos et pontificios superioribus saecuKs lingua Jatina 
nullo modo fuit exculta. Barbare et contra regulas gram- 
maticae et syntaxeos latinae scribebant et loquebantur . . . 
Et quia tales i/ndocti scribae saepe versionem latinam ex- 
scribebant et pro libitu suo ei vel aliquid addebant vel non- 
nunquam inde aliquid abiiciebanty ideo tales absurdae 
loquutiones in earn versionem sunt introductae . . . Postea 
Erasmus Boteroddmus linguam latinam in pristinum sta- 
turn resfituit et monachos meliorem latinitatem docuit. Hinc 
puduii eos deinceps talis latini serm^nis, quali versio vul- 
gata conscripta fuit '). Dagcgen schreibt Joh. Frider, 
Fischerus in einer Abhandlung de Versione Librorum divir 
norum V. T. vulgata verae legitimaeque rationis hebraea 
in latinum convertendi ma^t^^ra Folgendes : dubitari nan 
potest, quin ab idoneis et cautis consultoribus ex huius 
unius versionis fontepossint longe plures maioresque fructus 
hauriri, quam e rivis omnium aliarum huius generis ver- 
sionum. Tanta tamque excellens est eiurS pra^stantia, tarn 
multiplex et varia utilitas. Nam prima quidem haec versio 
multis et certis exquisites cuiusdam irUeriorisque latmitaHs 
sdentiae vestigiis impressa cemitur; multa verba vulgo 
ignota, sed quae non ficta et formata ab ipso interpreter 
immo iam ante eius aetatem frequ^entata et trita appareant^ 
multi multorum verborum eiusdem generis significatus re- 
cond/Ui hac in versione tanquam in quodam thesauro inve- 
niunturj adeo ut cognitio copiarum lingu^ae latinae mirifice 
amplificari egregieque omari studiosa eius diligeniique 
lectione possit"^). Wahrend ferner in Bezug auf die Ueber- 

1) Edit Ultraj. MDCLXXXU, p, 9. 

2) Lipstae MDCCLXXVI, p. IIU. 



— 8 -^ 

setzungstreue d^r Vulgata Garpzov behauptet, quod vo/rUs 
iisque subinde gravissimis scateai erroribus ac naevis ^), 
sagt Ludwig de Dieu darllber: si vulgatum quoque inter* 
preiem, quisquis is tandem fuerit^ doctum^ imo doctisstmum 
mrum fuisse assercmi^ non me peccasse iudicavero. Suos 
habet, fateor^ naevos, habet et suos barbarismos. Sed quin 
passim eius fidem iudiciumque admirer , etiam ubi ba/rbor 
rus videtur, negare non possum '). Gleicherweise 8chreibt 
Michaelis : Fraeiverat vulgata ' male deinc^s alOs ne- 
fflectay cum sit versionum una omnium praestanlissima . . . 
Ipsi enim auditor es mei^ tarn protestantes ^ quam pontic 
fim^ fadAe recordabu^iur^ quantopere ego vulgata^ usum 
turn criiicum turn escegeUcum commendem eiusque contemptum 
vittq^erem ^) ] imd so sagt auch noch in der neuesten Zeit 
Keil von der Uebersetzung des heiL Hieronymus, dass 
sie alle alten Versionen an Genauigkeit und 
Treue iibertrifft^). Ganz im Gegeasatz za der weg- 
werfenden Art, womit van Ess u. A. ihr zugestehen, dass 
sie nichts wider den Glauben, nichts wider die 
guten Sitten enthalte"^), nennt sie der hi. Franz von 
Sales la saincte version latine^)^ nostre version ordinaire 
que sa divine majeste a canonisee et sanctifiee par le con- 
dlede Trente''); und Morinus bekennt: vulgatam versionem 
de^TTvevoTov non sine gravibus argumentis existimamus; .... 
itaque quidquid demonstratur ad versionem vulgatam per- 



1) Critica sacra, Lipsiae 1728, p. 675. 

2) Critica sacra, Atnstelod, MDCLXXXXIIL Praef. Auct. 

3) Supplem. ad. Lex. Eebr. T. III. p. 992, 

4) Lehrb. der hist. krit. Einl in's A. T. 2. Aafl. 1859. S. 572. 

5) v. Ess, Pragm. krit. Gesch. der Yulg. S. 455. 

6) Traiti de P Amour de Dieu IX, 12. — 7) lb. X, 6. 

1* 



— 4 — 

tinere, iUud sanum et verum esse necessario nobis confiien' 
dum est ^). Noch in der neuesten Zeit stehen sich solche 
Urtheile gegeniiber, wie die folgenden: „dieVulgata kann 
fiberall, wo es sich darum handelt, den doctrinellen Inhalt 
der heiligen Schrift zu ermitteln oder darzulegen, als zu- 
verlfissige Quelle benutzt werden"^), und: „die Bibel des 
Dogmatikers ist die von der Eirche ftir authentisch erklarte 
und fflr den oflSciellen Gebrauch vorgeschriebene la- 
teinische Vulgata-Ausgabe" ^). „Dfe Vulgata ist also der 
eigentliche katholische Bibeltext, den aUein die Eirche als 
richtig und beweiskrS,ftig fiir ihre Glaubens • und Sittenlehre 
verbttrgt, und der folglich ftir diesen Hauptzweck des ge- 
schriebenen Gotteswortes alle andern Texte, auch die so- 
genannten heute sehr unzuyerlS.ssigen Urtexte, fibertrifft 
und entbehrlich macht"*). 

Die Darlegung aller der Wandelungen , welche das Ur- 
theil iiber die Vulgata erlitten hat , wiirde indess mehr eine 
Geschichte der in Glauben und Wissenschaft herrschenden 
GeistesstrSmung, als eine Geschichte des ftir beide gleich 
wichtigen Buches bilden. Die Geschicke menschlicher An- 
sichten, nicht ihre Geschicke wtirde bei solcher Betrach- 
tungsweise die Vulgata uns erkennen helfen. AUein eine 
Geschichte der Vulgata soil nichts Anderes, als die an 
dieser selbst vorgegangene Entwickelung im Auge behalten, 



1) Exercitatt. Bihh I, VII, 4. ed. Paris. 1633. p. 346) 

2) Beasch, Lehrb. der Einl. in das A. T. 3. Aofl. S. 202. 
8) Dieringer, Dogm. 5. Aufl. S. 8. 

4) Laurent, hagiolog. Fred. I, S. 584. Ygl. Cassiod. de In- 
stitutione Div. Litt. c. XXI (Migne LXXy 1135.) Beatus etiam Hie- 
ronymus latinae linguae dilatator eximius, qui nobis in translatione 
divinae scriptural tantum praestitit, ut ad hebraeum fontem pene 
non e^eamus accedere. 



— 5 — 

und dazu kann der mehrfach genannte Ausspruch des rS- 
mischen Dichters ftiglich als Anhaltspunkt dienen. Sonst 
mge es ja nahe, bei geschichtUcher Beschilftigang mit der 
in der Kirche gebrHuchlichen Bibeltibersetzung noch in an- 
derer Weise von den si$a fata abzuschweifen. Die Vulgata 
hat auch eine Geschichte, insofem sie in mancherlei Kreisen 
menschlicher Erkenntniss und menschlicher Geistesth&tigkeit 
eine Entwickelung nicht erfahren, sondern hervorgerufen 
hat. 1st doch die lateinische Bibel eines der wichtigsten 
Hfilfsmittel gewesen, durch welches im Abendlande and in 
femen Welttheilen mit dem christlichen Glauben auch Ge- 
sittung und Geistesbildung verbreitet worden 1st. Mit dem 
Studium der Yulgata und der lateinischen Sprache hat in 
manchen Landem Europa's gerade so, wie in unserm 
Yaterlande, die wissenschaftliche Th3.tigkeit begonnen, die 
flberall im Gefolge der Glaubensverbreitung gewesen ist. 
Uebersetzungen aus der Vulgata bilden bei manchen abend- 
landischen V51kern, eben so wie bei uns, den Anfang alles 
nationalen Schriftthums. Darum auch haben sich die 
meisten europaischen Schriftsprachen vollstandig unter dem 
EinjQuss der lateinischen Sprache, und zwar derjenigen 
lateinischen Sprachform, welche in der Vulgata zu Tage 
tritt, ausgebildet. 

Der EinjQuss, den diese Ausdrucksweise auf die Ent-. 
wicklung unserer deutschen Muttersprache gehabt hat, ist 
so gross, dass er bis auf den heutigen Tag in ausgedehn- 
tem Mass fortlebt. Nicht mancher von unsem Landsleuten 
ahnt es, dass er im Gebet, wie in der wissenschaftlichen 
Darstellung, im Geschichtsstil, wie in der Umgangssprache 
mancherlei Ausdrticke und Verbindungen gebraucht, die 
erst aus der Vulgata in die deutsche Sprache eingebiirgert 
9ind. Noch weniger Glaubeu scheiat die Behauptung zU 



v^rdienen, dass aelbst Hebraismea auf dem Umweg dmrqb 
die lateinische Bibel in die deutsche Redeweise eingedrim- 
gen fiind ^). Gleichwohl sind die derartigen Einmrkungei^, 
welche die deutsche Sprache bei ihrer Bildung zur Schrift- 
sprache erfahren hat, aUgemein anerkannt^). Zunachst 
ist der WortBchatz, vielleicht noch mehr aber die Syntax und 
die Satzbildung des Deutschen von der Yulgata beeinflusst war- 
den. „Unser h5herer, mehr philosophischer Ausdruck wur^elt 
tief in den uralten Bestrebungen der Kirche, der es darauf 
ankam, das Deutsche zu einem ihrem Latein adiquaten 
Mittel popularer Yerstandigung heranzubilden. — Den Sau 
der Periode, die Yerschlingung der Satze und Gedanken 
lemte die deutsche Rede erst durch die Kirche^^ % die bei 
Einfiihrung des Ghristenthums vor Allem geeignete Ab- 
schnitte der hi. Schrift in deutsche Sprache tibertragen 
Uess *). Diese Einwirkung der Yulgata auf den deutschen 



1) £in HebraismaB ist z. B. der Ausdrack „Eind des Todes," 
Oder diQ Yerbindung : „niclits nach etwas firagen" (Fs. IX, 25). 

2) In Bezug i^uf die lexicalische Seite der Sprache ist diese 
Anerkennnng besonders bewirkt worden durch das Buch von 
R. V. Baumer, die Einwirkung des Ghristenthums auf die Althoch- 
deutsche Sprache, Erlangen 1850. 

8) Deutsche Yierte^ahrs-Schrift 1851, H. 4. S. 249. Ygl. hierzu 
„Bin Wort der YerstHndigimg^^ von B. v. Baumer. Erlangen 1852. 

4) „Wena wir n&mllch fragen, welche Yorsteilungen am Uefpten 
io das ganze Yolk eingedrungen sind, so ergiebt sich eine gewisse 
Bangordnung unter den Althochdeutschen Sprachquellen. Die erste 
Stelle nehmen in dieser Hinsicht die kleinen katechetischen Denk- 
m^er ein: die Glaubeusbekenntnisse, Gebete und Beichten. Ihnen 
zun&chst stehen die Uebersetzungen und Bearbeitungen des Neuen 
Testamentes: der Wiener Matthaus, die Evangelienharmonie des 
Ammonius und Otfrleds Evangelienbuch. Denn die Geschichte 
Christ! war es Tor Allem, die in jenen Zeiten dem Yolke nahe ge- 



— 7 — 

Ansdruck wurde noch in sp&ter Zeit so deutlieh empfunden, 
dass Luther sagen konnte: „Man muss nicht die Buch- 
staben in der lateinischen Sprache fragen, wie man soil 
deutsch reden, wie die Esel thun, sondern man muss die 
Mutter im Hause, die Kinder auf den Gassen, den ge- 
meinen Mann auf dem Markt darum fragen, und denselbi- 
gen auf das Maul sehen, wie sie reden, und damach doU- 
metschen, so verstehen sie es dann und merken, dass man 
deutsch mit ihnen redet *)." 

Eine Geschichte der Vulgata kdnnte demnach wohl als 
eine Darstellung der Entwicklung betrachtet werden, welehe 
dieses Buch im Geistesleben der V5lker hervorgerufen hat. 
Anders aber ist die Aufgabe, welehe diese Arbeit sich 
gestellt hat: eine Aufgabe, die aus dem richtig erkannten 
Begriff der Geschichte sich von selbst ergibt. Die Ge- 
schichte, objectiv als Verlauf oder subjectiv als Darstellung 
des Geschehenden aufgefasst, kann nur Begebenheiten, 
nicht aber Thatsachen zum Gegenstande haben: was 
sich also an der Vulgata begeben hat, das ist die Ge- 
schichte der Vulgata. Das Vorhandensein einer lateinischen 
Bibeltibersetzung, der durch allgemeinen Gebrauch seitens 
der Glfiubigen und durch feierliche Sanction der Kirche 
eine besondere AuctoritM innewohnt, ist eine Thatsache, 
die bloss Sache der Anerkennung, nicht der geschichtlichen 
Behandlung sein kann. Dass aber diese nS^mliche Bibel- 
ilbersetzung das alles geworden ist, was heutzutage mit 
dem Namen Vulgata bezeichnet wird, ist eine Begebenheit 



bracht wurde. Erst an dritter SteUe folgen die dbrigen geistlichen 
Schriften: Isidor, die Hymnen, Kero und Notker'S Raumer, Elinv. 
des Christenth. S. 283. 

1) Deutsche YierteU -Schr. 1851, Hft. 1, S. 9^. 



— 8 — 

Oder vielmehr eine Reihe von Begebenheiten und uater- 
liegt insoweit der geschichtlichen Erkenntniss und Dar- 
stelluog. Eine jede Begebenheit erhalt ihre Geschichte, 
indem ihr Grund und ihr Ergebniss erkannt wird, und die 
geschichtliche Darstellung derselben muss also gleichzeitig 
mit ihr auch das, woraus sie hervorgegangen, und das, 
was aus ihr entstanden ist, zum Gegenstande nehmen. Ge- 
wohnlich aber wird der Name Geschichte auf l&ngere 
Reihen von Begebenheiten, die sich mit einer und derselben 
Sache zugetragen haben, angewendet. In diesem Sinne 
haben eine Geschichte alle Dinge, welche Veranderungen 
unterworfeu sind, und dieselbe besteht aus diesen Veran- 
derungen oder deren Darstellung. Vorzugsweise gilt der 
Name Geschichte im Gebiete des menschlichen Lebens und 
menschlicher Bestrebungen , wo es sich darum handelt, 
einen Zustand, der das Ergebniss einer Reihe von Ver- 
anderungen ist, mittels Durchlaufens derselben zu begreifen 
und das Gesetz, welches sich in der Entwicklung verrath, 
und dessen Wirksamkeit auch auf die fernere Entwicklung 
Einfluss tiben wird, zu entdecken*). Hiermit ist erkiart, 
inwiefern der Begrifif Geschichte mit dem der Vulgata in 
Zusammenhang gebracht werden kann. Der Inhalt der 
heiligen Schrift, als ein Ausfluss ewiger und unwandelbarer 
Wahrheit, ist an sich keinerlei Veranderung oder Entwick- 
lung unterworfen. Er bedarf aber einer Form, in der er 
dem Menschen verstandlich werden kann, und diese Form 
muss jederzeit das richtige Verhaltniss zu denjenigen Um- 
standen haben, unter denen das Verstandniss geschehen 
soil. Der miindliche Vortrag wird fur Gegenwartige und 
Gleichzeitige, die schriftliche Darstellung ftir Abwesende 



1} Kiesel, die Weltgeschichte, 1. Aufl. Freiburg 1855. £inl. 



— 9 — 

und sp&ter Lebende das Mittel der Yerktlndigung; in beiden 
FfiUen aber ist die Sprache das Mittel der Ueberlieferung, 
und eine sprachliche Yerschiedenlieit bei den Empf§,ngern 
bedingt auch eine Verschiedenheit der Form bei der Mit- 
theilung. Der Eintritt einer solchen Bedingung ist eine ge< 
schichtliche Begebenheit, und insofem ist, wie das Eht- 
stehen aller Bibeltlbersetzungen, so auch die Abfassung der 
lateinischen Version Gegenstand der geschichtlichen Be- 
trachtung. Von der Anfertigung der ersten lateinischen 
Bibelttbersetzung aber bis zu der Ausbildung dessen, was 
wir heuteVulgata nennen, Iftuft, wie eine Reihe von Jahr- 
hunderten, so auch eine mannigfaltige Reihe von Begeben- 
heiten, die sammtlich von Einfluss auf einander gewesen 
sind und schliesslich die Ausbildung der Vulgata in dem 
jetzt gewShnlichen Sinne zur Folge gehabt haben. Diese 
einzelnen Begebenheiten nun, oder, was dasselbe sagt, diese 
mit der lateinischen Bibeltlbersetzung geschehenen Veran- 
derungen theils im Einzelnen, theils in ihrem Zusammenhang 
ergriinden und mittheilen, die jedesmalige Wirkung der 
geschehenen Veranderung ermessen und schliesslich den 
auf die Vulgata beztlglichen Thatbestand aus allem Vorauf- 
gegangenen endgiiltig feststellen — das heisst die Ge- 
schichte der Vulgata schreiben. 

Ein solches Untemehmen hat seinen Werth und seine 
Anziehungskraft zunS-chst in dem Ueberblick, den es ttber 
die Entwicklung der kirchlichen Ansicht von einem hSchst 
wichtigen Glaubensgegenstande gewahrt. Wichtiger aber 
und einflussreicher ist die Geschichte der Vulgata dadurch, 
dass sie allein uns ttber deren jetzige Stellung und Be- 
deutung in der Eirche Aufschluss geben kann. Die Kirche 
namlich hat der Vulgata einen bestinmiten Gharakter bei- 
gelegt) den sie mit dem Namen „authentisch^^ bezeichnet, 



— 10 — 

und der uber das Yerhaltniss der Volgaka za noserer 
GlaubeDspflicht Aufscblnss verleihen soU Diesem Giankter 
hat sie weiter dadurch Bechnuiig getragen, dass sie die 
Textesform der Yulgata for anantastbar erklart hat und 
dieselbe nicht einmal mit abweichenden Lesaiten heraus- 
gegeben wissen wilL An dem richtigen Yerstandiiisse 
dieses Charakters ist schoa urn der zunaehst liegenden 
Folgen Trillen uberaas Tiel gelegen. Schwierig aber wird 
dieses Yerstandniss , weil sich in der J[irche die allenrer- 
schiedensten Anffassnngen von der Anthentidtat der Yul- 
gata nnd Ton der Intention, welche die Kirche bei Y^ * 
kundigong derselben gehabt, kund geben. Inmitten solcher 
Yerschiedenheit und beim Mangel einer officiellen Dar- 
l^nng kann am Besten die Betrachtnng der geschichtlichen 
Zwischenstufen , welche die lateinische Bibelubersetzong 
bis zu ihrer feierlichen Sanction dnrchlanfen hat, zom 
rechten Yerstandniss fohren. Denn dies ist nicht bloss eine 
Folge Yon dem Charakter, d«i die Yulgata mit jedem Re- 
snltat einer geschichtlichen £nt¥ricklung theQt, sond^m die 
Kirche leitet uns selbst auf diese Betrachtungswdse, indem 
sie bei ihrer dess&llsigen Erklarung sich darauf bemft, dass 
die vetus et tndgaia ediHo hngo iot s<»eeularum usu in ipsa 
eedesia probaia est, Um daher Alles zusammen zu &ssen, 
so ist eine genugende und zuverlassige Erklarung yon der 
Authenticitat der Yulgata, wie die Yeranlassung, so auch 
der Zielpunkt und das Endresultat fur die Gesehichte d^ 
Yulgata. 



IL 
Literatnr. 



Aus der Abaicht, den attthentisdieii Gharakter der 
Vulgata in's Elare zu stellen^ sind auch diejenigen Ar- 
beiten entstanden, welche in der theologischen Literatur 
als Darstellmigen yon der (reschiclite der Vulgata genannt 
werden. In der That aber giebt es keine unter denselb^, 
die irgendwie als geschiehtliche Leistung betrachtet wer- 
den dtirfte. Denn abgesehen davon, dass keine ein/ige 
dieser Darstellungen den gesammelten Stoff in pragnui- 
ttscher Weise znr Ansehauung bringt, so haben die wieh^ 
tigsten derselben in Betreff der Authenticitat nicht die Er-* 
mitilung der Wahrheit, sondem die Yerfechtung einer vor^ 
gefassten Meinnng znm Ansgangs- and Endpunkt gehabt. 
Dies gilt Yorerst yon den altem protestantischen Arbeiten, 
die in leidenschafUicber Weise dim Werth der Vnlgata ate 
BibelubersetzuBg herabzusetzra trachten. Bemerkenswerth 
sind in dieser Hinaicht Chrisiiam KortholH de variis Scriptn^ 
raeEdUiombus tracMusiheologico-hislovico^ 
Uni MDCLXXX 71. 4, in dem Cap. IXr^XIV.p. 93^:^51, 
gegen die Vnlgata gerichtet ist; femer Joh. GoUlob Cot^ 
zovii Critiea sacra veieris tesiamenti^ Lipsiae MDCCXXUX^ 
4. worin P. IL Cap, VL Yon der Vulgata handelt; dann 
4f . Johannis ChxtsHam MUtenewey DtsptUatio AnUi^BlanuAii^ 



— 12 — 

niana site Contra Josephi Blanchmi canonicarum scriptu- 
rarvm Vulgatae Latmae Editionis Vindicia^ , lApsiae 
MDCCLX. 4. und Joannis Friderici Le Bret Dissertatio 
theologica de Usu Versionis Latmae Veteris m ecclesia 
Christiana, occasione codicum StuUgardiensium, Tufnngae 
MDCCLXXXVL 4. Viel unparteiischer ist Walton in 
dem Apparatus biblicus^ der den ersten Band der grossen 
Londoner Polyglotte eroffnet (besonders gedr. Ziirich 1673) 
und zum Theil auch Humfredtis Hodius de Bibliorum 
Textibus originalibu^, Versionibus Graeds et Lati/na VuU 
gata LL. IV. Oxonii MDCCV, fol. L. III. P. IL p. 
342 — 569. Beide Werke konnen jedoch in den betr. Ab- 
schnitten nicht als geschichtliche Darstellungen, sondern 
nur als Materialiensammlungen betrachtet warden. Viel 
Braucbbares entbalt die katholischerseits erschienene Ristoire 
critique du Vieux Testament par le B. P. Bichard Svmon^ 
erschienen u. A. Rotterdam 1685. 4, die sicb L. II. Chap. 
XI — XIV, und Hist. crit. des Versions du Nouveau Testa- 
ment^ Rotterdam 1690. 4, die sich Chap. lU — XII mit der 
Vulgata beschaftigt. Manche andere Schriften des vorigen 
Jahrhunderts konnen iibergangen werden, weil sie sich 
nicht mit der Geschichte der Vulgata, sondern mit der 
Thatsache von deren Authentie befassen. Erst in diesem 
Jahrhundert wurde mit einer eigentlich geschichtlichen Be- 
handlung der Vulgata Ernst gemacht ; wenigstens erschie- 
nen zwei Schriften von Leander van Ess, die auf dem 
Titel eine solche verheissen. Der Name dieses Mannes 
ist indess bekannt genug, imi auch den Geist dieser 
Schriften zu kennzeichnen. Leander van Ess hat mit 
leidenschaftlicher Heftigkeit einen grossen Theil seines 
Lebens dazu verwendet, das Ansehen der Vulgata herab- 
zusetzen und die darauf beziigliche kirchliche Erklarung 



— 13 — 

— wir kSnnen kaum anders sagen — verachtlicfa zu 
machen. In diesem Bestreben steUte er 1814 als Pro- 
fessor der Theologie zu Marburg eine „Preisaufgabe an 
die ' katbolische Geistlichkeit/^ wodurch for die beste Be- 
arbeitung „einer kritischen Geschichte der Yulgata im 
Allgemeinen und zunachst in Beziehung auf das Trien- 
tische Decret^^ ein Preis von sechszehn Louisd'or, die er 
„durch milde Unterstdtzung von wohlthHtigen Mluinern^' 
zusammengebracht hatte, bestimmt waren'). In diesem 
Zeitungsausschreiben findet sich neben vielem UngehSri- 
gen auch die Aeusserung: „die Geschichte kann am 
Wahrsten beantworten die Frage: 1st der Eatholik ge- 
setzlich an die Yulgata gebunden?^^ — eine Aeusserung, 
welche die vollste Zustimmung verdient, obwohl sie bei 
ihrem Urheber eine blosse Redensart war. Der Bearbei* 
tung jener Preisaufgabe unterzogen sich vier Bewerber, 
deren anonyme Arbeiten van Ess mit einer fQnften eben- 
falls anonymen L5sung der theologischen Facult&t in Frei- 
burg zur Beurtheilung einschickte. Nach dem Ausspruch 
der Preisrichter ^) erhielt die zuletzt angeftLhrte Arbeit 
den ersten Preis „mit dem Wunsche, der Yerfasser mOchte 
Yor der Herausgabe noch einmal seine Schrift durchgehen, 
um ihr die mdgliche Pr§.cision und Yollendung zu geben/^ 
Bei Er5ffnung der Schedula zeigte sich nun, dass diese 
Arbeit von dem Preisausschreiber, von Leander van Ess, 
selbst war'). In Folge dessen erschien sie 1824 im Druck 



1) Das AaBBchreib6& iatgedruckt als Anhang zuRieglers ,,Erit 
Gesch. derVulg." und vor v. Ess's „Pragm. krit Gesch. der Vulg.'' 

2) Mitgetheilt bei van Ess a. a. 0. S. XI. 

8) Derselbe besass Tact gehug, urn den versprochenen Preis 
swischen drei seiner Mitbewerber zu theilen- 



~ 14 — 

unter dem Titel: „Pragmatisch-kritische Qeschichte der 
Vulgata im AUgemeinen and zun&chst in Beziehung auf 
das Trieiitische Decret. Oder: 1st der Katholik gesete- 
lich an die Vulgata gebunden? Eine gekr5nte Preiss<^brift 
von Dr. Leander van Ess. Tttbingen." Nichts verdient 
weniger den Titel pragmatisch und kritisch, als dieses 
Buch. Die 526 Octavseiten desselben bestehen zuin grossteti 
Theil aus blossen Stellen alter und neuer Theologen, die 
wOrtlich abgedruckt sind. Diess ware, ohne Pragmatik 
heissen zu k5nnen, doch noch das Einzige, was dem 
Buche einigen Werth verleihen kOnnte, wofern nicht alles 
dieses Material auf unverschtote Weise aus Body's oben 
angefQhrtem Werk heriibergenommen wSre. Unter Kritik 
aber ist hier bloss die Yerachtung aller kirchlichen Aucto-' 
ritUt verstanden, die damals in Deutschland nocb viet- 
fach an der Tagesordnung war, und die sich in diesem 
Buch bis zum Uebermass breit macht'). Fine Anzahl 
aus den bezeichneten BtLcherstellen (§. 27 des deutschen 
Werkes) hatte van Ess schon 1816 herausgegeben als 
Fragmaiica doctorum catholicorum Tridentmi circa VnU 
g&tam decteiA sensmn; nee nan licitum textus ongmaUs 
usuin testantium historia edita a L* van Ess, prof, eoctra** 
(jrdinario et pastore catholicOy Marburgi , StdzbaohUj Er- 
fordiae, Viennae 1^16. 8. Eine andere von den ab 



1) Mit Recht sagt Prof. Reusch, Kath. 1860, H. 1. S. 1. von 
diesem Bach, dass es mit Rdcksicht auf den darin herrschenden 
G6tet aid ein ^htodfleck der d^atschen tbeologischea Literatuir be- 
2ekhiiet trerdeti kann. Die oberfl&chliGlLe Art aber, wi6 dits Bueft 
aus fremden Brocken KU8ainiaen|re8toppelt ist, ketm^eichiitft jenen 
6^i6t am Bedteti, tind es ist dem Michweifk dess^egen auch oben 
mehr Raum gegdnnt worden^ al8 e8 BooBt tefdient 



— 16 — 

Beantwortung der angegebenen Preisfrage eingesandten 
Arbeiten erschien 1820 zu Sulzbach 8. unter dem Titel 
„Kritische Geschichte der Vulgata von Georg Riegler, 
der hi. Schrift Doktor, Kaplan zu St. Burkard in Wtirz- 
burg." Der Geist derselben ist hinreichend aus der Dedi- 
cation za ersehen: „Der Grossmtithigsten Brittischen xmd 
Auslandischen Bibel-Gesellschaft in London gewidmet von 
dem Verfasser"; an wissenschaftlichem Gehalt steht die- 
selbe noch hinter der van Ess'schen zurtick*). Durch 
wissensehaftlichen Geist und kirchliche Gesinnung empfiehlt 
sich dagegen ein kleines Schriftchen von Brunati, eigent- 
lich bloss ein latcinischer Sonderabdruck einer italienisch 
geschriebenen Abhandlung: De Nomine, Auctore^ Emen- 
datofibus et Authentia Vulgatae Dissertatio typis Taurir- 
nens. italice edita a Jos. Brunati Viennae MDCCCXXVIL 
8; hier ist freilich eine geschichtliche Behandlung nicht 
intendirt. Ausserdem findet sich die Geschichte der la- 
teinischen Bibeltibersetzung mit mehr oder weniger Aus- 
fiihrlichkeit und Pragmatik in den Lehrbtichern der Ein- 
leitung zu den hi. Schriften, besonders bei Home, Introd. 



1) Bemerkenswerth zur Eenntniss der damaligen Bdchermacherei 
ist, dass Biegler z.B. S. 86 ff. Stellen aus SarpPs Geschichte des Trien- 
ter Goncils nach einander in deutscher, franzdsischer, italienischer und 
lateinischer Sprache abdrucken lasst. Aehnlich finden sich bei van 
Ess seitenlange Stellen mehrmals im Text abgedruckt. £rg5tzlich 
klingt es, wenn van Ess S. 454 sagt: ^,1^^ bemerke hier noch ge- 
legentlich, dass Hr. Georg Biegler in seiner kritischen Geschichte 
der Yulgata, Sulzbach 1820, iiber 2 ganze Bogen voll gefdllt hat 
mit Citaten aus meiner Pragmafica .... ohne mein Buch zu nennen, 
daraus er alle diese Stellen entnommen^' ; und doch beweist die Gi- 
tationsweise van Ess's durchg&ngig, dass er iiberall Hody ausge- 
Bchrieben hat, ohne auch nur dessen Anftihrungen zu yerificiren. 



— 16 — 

London MDCCCXXVIIL Vol JLp. 69 s. Herbst, 1840 
L S. 236 fif. Hug, 4. Aufl. I. S. 403 ff. Keil, 2. Aufl. 
S. 547. 571. Bleek, in's A. T. S. 779 ff. Reusch, 3. Aufl. 
S. 196. Fiir den letzten Theil dieser Geschichte sind 
kiirzlich werthvoUe Beitrage erschienen von Ungarelli, mit 
Vercellone's Bereicherungen gedruckt als Prolegomena zu 
den Variae Lectiones Vulgatae Latinae Bibliorum Editio- 
nis, quas Carolus Vercellone digessit, Tom, L Romae 
MDCCCLX. Andere Beitrage lieferte Vercellone selbst 
in seinen Dissertadoni Accademiche, Moma 1864, n. III. 
IV. V. XVII.^ sowie in der Vorrede zu dem zweiten 
Bande der angegebenen Varr. Lectt VgL „Zur Geschichte 
der Entstehung der officiellen Ausgabe der Vulgata,'* 
Kath. 1860. Heft 1. (von Prof. Reusch.) Als voUstandige 
Bearbeitung der Geschichte der Vulgata kann bloss der 
Artikel „ Vulgata" der Herzog'schen Realencyclopadie 
Bd. 17, Gotha*1863 (von Fritzsche) gelten'). 



1) Die^ sonst fdr die Geschichte der Vulgata noch wichtigen 
Schriften werden an den betr. Stellen erw&hnt. 



ni- 

N a m e n. 



Bevor auf die Geschichte der Vulgata selbst eingegangen 
werden kann , bleibt an erster Stelle hervorzuheben , dass 
schon der blosse Ausdruck Vulgata eine Geschichte hat, 
nnd dass diese mehrfach Gegenstand der Controverse ge- 
worden ist. Zweifelsohne riihrt der Name Vulgata in 
seiner h e u ti g e n An wendung und Bedeutung aus den Be- 
stimmungen des Trienter Concils her, das in seiner vierten 
Sitzung wiederholt auf die vetus et vulgata latina editio 
der hi. Schrift hinweist. Jedoch konnte der Natur der 
Sache nach vor dem Concil mit jenem Namen noch nicht - 
der Begriff einer officiellen Kirchenversion verbunden wer- 
den, wie es jetzt der Fall ist. Vielmehr hat der Aus- 
druck vulgata scil. bibliorum interpretatio oder auch biblia^ 
dem lateinischen Sprachgebrauch gemass seit Gregor dem 
Grossen keine andere Bedeutung gehabt, als den von 
gewOhnlich vorkommend oder allgemein vor- 
handen. E« gab namlich vom siebenten bis zum sechs- 
zehnten Jahrhundert eine lateinische Bibelttbersetzung, 
zum Theil vom hi. Hieronymus, zum Theil von einem 
SItem Verfasser herriihrend, die durch blosse GewOhnung 
der Glaubigen allmSlig in kirchlichen Gebrauch gekommen 
war. Neben dieser konnten alle andem lateinischen Bi- 

Kaulen, OeBohichte der Vulgata. O 



— 18 — 

beln bloss als Ausnahme, als Privatarbeit erscheinen, und 
der Name Vulgata war daher in sich selbst gerechtfer- 
tigt. Selbstverstandlich aber konnte das Wort mlgcUa 
nicht das NSmliche bedeuten, ehe die gedachte Ueber- 
setzung in allgemeinen Gebrauch gekommen war, oder 
gar, ehe dieselbe (iberhaupt bestand. Und doch findet 
sich schon vor diesen beiden Zeiten, namentlich in den 
Schriften des hi. Hieronymus, die Bezeichnung vulgata 
Oder vidgata edUio f&i eine bestimmte BibelUbersetzung, 
und es ist demnach zu ermittehi, welche hiermit gemeint 
ist. Nun leidet es keinen Zweifel, dass der hi. Hiero- 
nymus und die altern lateinischen Eirchenvater mit dem 
Wort vulgata zunachst die alte griechische Bibdftbersetzung 
der Siebenzig bezeichnen. Elar sind in dieser Hinsicht 
beim hi. Hieronymus die Stellen Comm. in Is. Cap. LX V. 
V, 20: Hoc iuxta Septmginta interpretes diodmuSy quorum 
editiointoto orbe vulgata est^). Comrn. in Os, VII^ 13: 
Jn editions vulgata duplidter legimus: quidam enim 
codices haibent drikoi eio-iv, h. e, manifesti suntj alU SiiXaioi 
ei(7iv, h. e. meticulosi sive miseri sunt^). Ebenso sagt dar 
hi Augustinus L. X VL Civ. Dei^ 10. Fiunt anni a dduvio 
usque ad Abraham MLXXII. secundum vulgatam edi- 
tionem, h. e. interpretum LXX. SpecieU jedoch ist 
der fragliche Ausdruck ofter von dem verdorbenen Text 
der Septuaginta zu verstehen, der gewohnlich xotv^ ge* 
nannt wurde und dem hexaplarischen Texte entgegenstand. 
Hiertiber spricht sich der hi. Hieronymus in seinem be- 
kannten Briefe an die Bruder Sunias und Fretela aii^ 
und zwar so, dass er zugleich auch den leicht erkenn^ 
baren Ursprung der Bezeichnung hervorhebt: Illud bre^ 



1) Ed. Vail T. IV. p. 791. 2) Ed. Vail T. VI p. 78. 



— 19 — 

viter oAmoneOj ut aeiatis aliam ease edUionem, quam Ori^ 
genes et Caesariensis Eusebim omnesque Graedae tractor 
tores xocvViy, i. e. communem appellant atque vidgatam, et 
aplerisque nunc Ao\j^iaybi dicitur^ aliam septuaginta inter- 
pretum, quae in e^atrXoi^ codidlms reperitur et a nobis in 
lutinum sermonem fideliter versa est et Jerosolymae atque 
in orienUs eedesiis decantatur ^). Aehnlich spricht er 
anderswo von der editio vtdgata^ quae graece Mivn didtur 
et in toto orbe diversa est. £ine Vergleichung aller ein- 
zdaea hierher gdiCrigen Stellen zeigt, dass das Wort 
vuigaia in denselben schon zam terminus technicus ge- 
wordea ist, und dass die ttbrigen AusdrUcke vulgaris ^ 
emmums nur gelegentlich als Appellativbezeichnungen 
vorkommen , wie etwa auch beim hi. Isidorus von Se- 
idUa Etym. VL 4, 3 zu lesen ist: sicut etiam et vulgaris 
Ula interpretaiioj cuit4S auetor non apparet et ob hoc sine 
nomine vnterpretis quint a editio nu/ncupatur. Als Ent- 
stekungsgrund fUr eine solche specifiscbe Bezeichnung 
gilt dem UL Hieronymus und den Sltern lateinischen 
Schriftstellern bloss die factische Verbreitung, wie in der 
scbon angeftthrten Stelle Comm. in Is. LX F, J20. gesagt ist. 
Neben den angefohrten Stellen jedoch, die kein Miss- 
verstandniss zolassen, kommen zun&chst beim hi. Hiero- 
nymus , der naturgemS.s8 als die hauptsachlichste Aucto- 
ritftt betrachtet werden muss, noch andere Aeusserungen 
und Citationen vor^ bei denen es schwer zu entscheiden 
ist, ob er die griechiscbe Uebersetzung der Siebenzig, 
Oder ob er irgend eine lateinische Uebertragung, die aus 



1) Ed. VM. T. L p. 64J^. Die Stelle handelt von Psalmentexten, 
and blosB von den Psalmen ist deswegen der Ausdruck fideHiier 
versa est in verstehen. 

2* 



— 20 — 

der Septuaginta geflossen, im Auge habe. So z. B. Comm. 
in Is. Cap, XXX : Multum in hoc loco LXX editio hehrair 
cumque discordant Primum ergo de vulgata editione tracta- 
himus^ et postea sequemur ordinem veritatis^). Hierher 
kann rauch die Beischrift zu der Uebersetzung des Baches 
Esther Cap. X gerechnet werden, in welcher der Heilige 
sagt: quae habentur in hebraeo, plena fide expressi. Hose 
autem, quae sequuntur, scripta reperi in editione vulgata, 
qtme Graecorum lingua et Uteris continentur. Stande hier 
continetur^ so miisste man sagen, was gewShnlich ge- 
sagt wird, dass unter editio vulgata auch hier die Septua- 
ginta-Uebersetzung zu verstehen sei ; die Pluralform aber, 
die auf haec hinweist, lasst auch die Deutung zu, der 
heilige Uebersetzer habe diese Zusfitze in der gebrfiuch- 
lichen lateinischen Uebersetzung gefunden und bezeichne 
als Quelle derselben die Siebenzig, aus denen die la- 
teinische Uebertragung geflossen sei. 

Die Moglichkeit dieser Deutung darf um so weniger 
abgewiesen werden, weil an andem Stellen des hi. Hiero- 
nymus der Ausdruck vulgata ganz gewiss eine lateinische 
Uebersetzung bezeichnet. Letztere Thatsache wfire nie 
in Zweifel gezogen worden, wenn nicht zum Nachweis 
derselben ungeniigende Beweismittel beigebracht worden 
waren. Walton beruft sich dafiir auf zwei Stellen bdm 
hi. Hieronymus, Comm. in Is. XIV, 29 und 49. Die 
eine heisst Philistaeos autem, ut supra diocimus, Palaesiir 
nos significat, quos alienigenas vulgata scribit editio '). 
Hier liest wirklich die alte vorhieronymianische Ueber- 



1) T. IV. p. 411 ed. Vail (nach der im Folgenden immer 
citirt ist). 

2) T. IV. p. 182. 



— ■ 21 — 

setzung ne laetemini alienigenae onmes^); dass aber diese 
in den obigen Worten gemeint sei, lasst sich nicht mit 
Sicherheit schliessen , well der Heilige anderswo (Comm. in 
Esech. XVI. V. 27) sagt: Falaestinos indifferenter septum- 
ginta alienigenas vacant '). Die zweite Stelle Comm, in Is, 
XLIX. V, 6 heisst: miror, quomodo vulgata editio fortissi' 
mum contra Judaeorum perfidiam testimonium alia inter- 
pretatione Subvertit dicens : congregabor et glorificabor coram 
Domino, quum Theodotio et Symmachus nostrae interpre- 
tationi congruant ^), Hier lasst schon die Entgegenstellung 
von Theodotion und Symmachus auf die Septuaginta 
schliessen, auch wenn es spater nicht ausdriicklich hiesse: 
Ulud autem quod in septuaginta legitur: congregabor et 
glorificabor coram Dommo^ sic intelligi potest, ut congre- 
gatus sit Dominus cum credentibus, Anders schon ist 
es mit der von Rosenmliller auf eine lateinische Ueber- 
setzung bezogenen Stelle Comw. in Ezech, IV, v, 3: sa- 
tisque miror^ cur vulgata exemplaria centum nonaginta 
annos habeant^ et in quibusdam scriptum sit centum quvn- 
quagmta , quum perspicus et hebraicum et Aquila Sym- 
machusque et Theodotio trecentos nonaginta annos teneant 
et apud ipsos iXX, qui tamen non sunt scriptorum vitio 
depravat% idem num^erus reperiatur"^), Hier ist aus dem 
Zusammenhang schon wahrscheinlicher, dass an eine la- 



1) Bei Sabatier T. IL p. 545. 

2) T, V, p. 169, Wie mit dieser Stelle, so verhalt es sich auch 
mit der in Ep. LVII. ad Pammachium T, I, p, 305 vorkommenden^ 
wenn also Yallarsi p. 310 anmerkt: vulgatae nomine, quod semel 
liceat admonuisse, veins latina versio intelligenda est ex LXX edi- 
tione expressa, quae turn temporis obtinebat, so mass diese Behaup- 
tang in ihrer Allgemeinheit beschr^nkt werden. 

8) T, IV: p. 564, 4) T, V, p, 4h 



— 22 — 

teiniscbe, als dass an die griechische Uebersetzimg 96- 
dacht werden mtlsse. Entscheidend aber sind diejenigtn 
Stellen, in denen der hi. Hieronjmus bei Erklfining des 
neuen Testamentes von der Vulgata redet. Zu Matth. 
XIII, 85 bemerkt er: Legi in nonnulUs eodieibus^ et stu- 
diosus lector forte reperiet idipsum^ in^eo locoy ubi nos 
postdmus et vulgata habet editio f,ut impleretur quod 
dictum est per prophetam dicentem**^' «W scriptum ,yper 
Isaiam prophetam dicentem^y^ Ebenso Cofum. in 1^. 
ad Gal. V. 24: Et hoc ita admomtum sii^ si vuigaiam 
editionem seqmmur legentes „^i autem sunt ChrisU, car^ 
nem crucifixerunt cum vitOs et concupiseenHis^y^^ Hier 
heisst es kurz vorher : Ubi latinus interpres viHa poauU, 
in Ghi^aeco Ttot^^cfxoi ^ i, e. passiones leguntur^ so dass 
jeder mdgliehe Zweifel ausgeschlossen Ueibt. In dersri- 
ben Weise scheint auch Orosius den Ausdruck m ver- 
stehen, wenn er von einem der deaterokanonidchen Stttcke bei 
Daniel sagt : ut vulgata narrat editio ; knrz vorber nSmlich 
gibt er zu erkennen, dass er bloss des Lateinischen, nidit 
des Griechischen mftchtig sei^). Der Ausdruck behieit 
diese Bedeutung ungef&hr bis 2u Anfiang des siebenten 
Jahrhunderts, wo mit der Sache auch der Name 2ur6ck- 
treten musste. Seit dieser Zeit war eine andere latd*- 
nische Uebersetzung die Vulgata, ohM dads gerade der 
Name h^ufig genannt wurde; erst im dreizehnten Jahr-* 
hundert ward er der stehende Terminus ffir die Ueber- 
setzung, die seit dem siebenten in allgemeinem Gebrauch 
geblieben war. 

1) T. VIL p. 94, 2) T, Vn, p, 514, 

8) P. Orosft Apol. de Arhitrii Libertate ed Haverhamp, 
MDCCXXXVin p, 596, cf, p. 592. 



IV- 

tJrgesclilchte. 



Die Geschichte einer Uebersetzung Iftsst sich tiber- 
haupt von dcr Geschichte des Originals, welches sie 
wiedergibt, nicht trennen. Fiir die Geschichte der Vul- 
gata insbesondere iSsst sich die Geschichte der biblischen 
Originaltexte nicht entrathen, weil die Vulgata nur ein 
• weiteres Glied in der gesammten Entwicklungsreihe bil- 
det, welche die Offenbarungsthatsachen mittels der hi. 
Schriften durchlaufen haben. Die Urgeschichte der Vul- 
gata begreift daher die Geschichte der theils hebrftischen 
(und chaldSischen), theils griechischen Schriftwerke, welche 
den Eanon der hi. Schrift beider Testamente ausmachen. 

Die erste Thatsache, welche in jener Entwicklungs- 
reihe von durchgreifendem Einfluss gewesen ist, und deren 
Betracfatung daher bei der Geschichte der Vulgata als 
Grundlage dienen muss, ist die Ehtstehung der bibli- 
schen Schriftwerke. Hinsichtlich dieser muss als fest- 
stehend gelten, dass die einzelnen Bestandtheile der 
Bibel zwar nicht zuf&lligen, aber doch nur zeitweiligeA 
und geschichtlich begrundeten Ursachen ihre Abfassung 
Tcrdanken. 

Die biblischen Bttcher sind, wie alle Bticher, Kinder 
ihrer Zeit, und sie batten zunftchst keinen andern Zweck, 



— 24 — 

als ihrer Zeit zu dienen. Bloss ^eil die Zeit selbst, der 
sie dienten, die Keime zu viel sp&teren, ferntragenden 
Entwicklungen in sich trug, haben die Bestandtheile der 
hi. Schrift auch fur diese spatere Periode ihren Werth 
behalten. Es sind die zeitweiligen Einrichtungen und 
Verhaltnisse , denen die biblischen Schriftstiicke dienten, 
selbst wegen hoherer, wichtigerer Veranstaltungen von Gott 
gewollt gewesen, und insofern ist die hi. Schrift diesen 
vollkommeneren Verhaltnissen und Thatsachen mittelbar 
ebenso niitzlich und zweckdienlich, als sie es den friihe- 
ren unmittelbar gewesen ist. Der Pentateuch z. B. hat 
bei seiner Abfassung keine andere Bestimmung gehabt; 
als dem Bestehen und der Entwicklung der Offenbarung 
im jiidischen Volksleben forderlich zu sein. Dieser Zweck, 
der in den Biichern Moses wiederholt angefuhrt wird*), 
ist langst erfiillt ; aber der ^Pentateuch ist desswegen nicht 
ttberfliissig geworden. Die Entwickelung des Gottesreiches 
unter den Juden ist nur ein erstes Glied in der Eette 
der gesammten Gottesleitung gewesen, welche das Men- 
schengeschlecht bis zum Ende der Welt erfahrt, und so 
wie alle spateren Thaten Gottes an den Menschen durch 
die richtige Erkenntniss jener friiheren von Seiten der 
Menschen gefordert werden, so behalt auch der Penta- 
teuch wegen seiner Bedeutung fiir eine grundlegende 
Zeit diese selbe Bedeutung fur alle spateren Zeiten. 



1) Ex. XYII^ 14.: Schreib diess (die Vernichtung Amalek's) zum 
Andenken in ein Buch. Deut. XXXI, 9.: Und Moses schrieb dieses 
Gesetz und gab es den Priestern . . . und gebot ihnen : nach je 
sieben Jahren . . . sollst du die Worte dieses Gesetzes xor gam 
Israel lesen, dass sie es horen . . . und bewahren und erfollenalle 
Worte dieses Gesetzes. Vgl. Ex. XXIV, 7.. XXXIV, 27, 



— 25 — 

Aehnlicher Weise sind die Evangelien, wie der hi. Lucas 
von dem dritten ausdriicklich sagt^), um augenblicklicher 
Bediirfnisse willen geschrieben worden ; well aber diese 
Bedftrfnisse immer von Neuem in der Kirche eintreten, 
sobehalten die Evangelien stets denselben Werth, den 
sie bei ihrer Entstehung liatten. Obschon nun diese all- 
gemeine Bedeutsamkeit der hi. Schiaften ^ewiss von Gott 
vorausgesehen und gewollt gewesen, so hat dieselbe doch 
nicht den Zusamm^nhang aufheben kdnnen, in welchem 
jedes bibliscbe Buch zu seiner ganzen Zeit und zu der 
IndividualitSt seines Yerfassers stand; im Gegentheil, 
gerade weii die Zeit und die Einrichtungen, unter deren 
Einfluss die einzelnen biblischen Schriftsteller schrieben, 
fttr spatere Zustande eine vorbereitende oder vorbildliche 
Bedeutung batten, musste auch der Typus dieser vor- 
ftbergehenden, geschichtlichen Yerhaltnisse sich getreu in 
den betreflfenden Schriftwerken wiederspiegeln. Ware aber 
hierbei irgend etwas, das eine einmalige, nur augenblick^ 
liche Bedeutung hUtte, so wtirde dessen Reflex in den 
biblischen Schriften fiir alle spateren Menschen und mensch- 
lichen Einrichtung seinen Werth verlieren. So z. B. 
kdnnte es fiir Andere, als fiir Angehorige des jMischen 
Reiches, werthlos scheinen, zu erfahren, dass „die T(3ch- 
ter Salphaads, Maala und Thersa und Hegla und Melcha 
und Noa die SOhne ihrer leiblichen Vettem heirateten ') ;'* 
denn nur fiir die vorchristlichen Juden hatte diese That- 
sache wegen ihres Zusammenhanges mit einem rechts- 
krSftigen Gesetze eine Bedeutung. Allein diese Werth- 



1) „Dainit du von dem, worin da anterwiesen worden, die Zu^ 
v«ri&S8igkeit erkennest.^' Luc. I, 4. 
a) Num. XXXYI, 11. 



— 26 — 

losigkeit der Mittheilung anzanehmen, hindert mui die U. 
Schrift durch den bekannten Attssprach des Apostels: 
,,Was immer geschrieben ist — zu uns^er Belehmng 
ward es geschrieben^);'^ denn der Zusammenhang dies^ 
Worte mit dem, was ihnen voraofgeht, zeigt, dass d«r 
Apostel unter ,,was immer^' nicht etwa die biUischea 
BUcher als Ganze gepommen, sondem jeden einzelnen Be^ 
standttheil derselb^ versteht Wie nun dieser Aussprack 
Yorzugsweise vom Alten Testamente gilt, so Usst sich 
aucb nach dem Beispiele der Yater recht wohl die an- 
gefObrte Thatsache fiir den Zweck, den die gesamttte 
hi. Schrift hat, noch heute verwerthen^. Dies^ Zwedi 
ist namlich zun&chst die Leitung des Einzehien und mitt^ 
bar die der Gesanuntheit durch den Glanbai und dte 
Unterwerfong unter die Eirche zu dnem tLbemattUrlichen 
Ziele, und alles, was die hi. Schriften enthalten, besitot 
je nach seiner Beziehung auf diesra Zweck eine grdssmi 
Oder geringere Bedeutung. 

Es ist daher von Wichtigkeit, bei den einzehien Be- 
standtheilen der hi. Schrift den Grad jener Zusammen* 
gehSrigkeit zu untersuchen^ Zuerst kommt hier der Un-^ 
t^schied zwischen Inhalt und Form der hi. Schriftra in 
Betracht'). Ein eigentUcher Zusammenhang mit den 
hdchsten Zweck der hi. Schriften muss gewiss im Inhalte, 
nicht in der Form des Gotteswortes gesucht werden; 
denn nur jener, nicht diese kann vom Olauben crreidit 
und erfasst werden. AUein auch bei dem Inhalte idlvt 



■*^MM 



1) Bdm. XV, 4. 

2) Vgl. Com. a Lap, zu der aagefakrten Stella. 

8) Inhalt heisst hier und im Folgenden das im GedttolMi Tov* 
handene, Form aber der sprachliche Ausdrock deseelbeii. 



— 27 — 

ifit die Wichtigkeit fOx den angegebeiien Zweck eine ver- 
fichiedene. An ^ster Stelle stehen die Aufschltlsse iiber 
die ei¥igen Wahrheiten des Heils, dber Gott iwd die 
Beziehtmgen dea Irdiachea zu Gott, also alle religiosen 
Wahrheiten; von untergeordneter Bedeutong sind die 
Mittfaeilungen aller and^ren Wahrheiten nnd Thatsachen, 
die bloss wegen irgend eines Zasammenhanges mit jenen 
ewigen Wahrheiten niedergeschrieben sind. Zu letzterer 
Klaaae gehdren gesdiichtliche, geographische, naturhisto- 
rischs^ aberhaupt alle nicht religidsen Wahrheiten, mag 
ihre Mittheilung beabsichtigt oder nur gelegentlich ge- 
schehen sein. Was dann die sprachliche Form betrifft, 
to ist d^en Werth fUr den angegebenen Zweek der U. 
Sehrift eia rda4iver. Von wirklicher Bedeutung ist sie 
in zwei Fallen. Zuerst hat das Vorhandensein einer be- 
atuomtra SpraehfcHrm in den hi. Schnften den Werth 
dner geschiehtlichen Thatsache und steht somit den oben 
genannten Wahrheiten von nicht religioser Natnr gleicb. 
Es l»ldet z. B. der chaldftische Ausdmck von Dan. II, 4 ff. 
nnd Est. IV^ 8 ff. einen Beweis ftir die Ursprfloglichkflit 
and Aechtheit der betr^enden Mittheilungen und ist 
desswegen ein Mittel 2iir Befestigung tibematiiriichen Glau- 
bans. Zweitens kann der vorhandene siuraehUche Ausdrock 
in einzebien Fallen eia Mittel werden, den Inhalt, der 
skb in sie kleidet, besser und deutlicher zu verstehmi 
als es bei der Einkleidung in irgend eine andere Form 
der Fsdl sein wiirde. So hat den Zeitgenossen der Apostel 
der Ausdruck kmoimoq bei Luk. XI, 3 gewiss besser und 
deutlicher die Absicht des Heilandes kund vgethan, als 
das irgend eine Uebersetzung des Wortes thun kann. 
Ton diesen beiden Beziehungen aber abgesehen, ist ftir 
den obersten und wesentlichen Zweck der hi. Schxilt die 



— 28 — 

sprachliche Form von keiner Bedeutung, und jeder Aus- 
druck, der den Inhalt der hi. Schrift menschlich richtig 
und treu wiedergibt, dient jenem Zwecke in gleicher Weisc. 

SoUen nun aber die hi. Schriften dem Menschen zur 
Erreichung seines tibernaturlichen Zieles dienen, so ge- 
schieht diess in der Weise, dass sie die Quelle des tiber- 
nattirlichen Glaubens bilden. Hierzu w^ren sie als mensch- 
liche Schriften schlechthin nicht gceignet, wofern nicht 
bei ihrer Entstehung Gott der Herr in einer solchen 
Weise mitgewirkt hatte, dass er ihr hauptsachlicher und 
eigenilicher Urheber ist , die Schriften daher ein Werk *) 
und ein Geschenk Gottes ^) heissen kdnnen ; mit anderen 
Worten: wofern nicht diese menschlichen Schriften kraft 
g6ttlicher Mitwirkung denselben Gharakter triigen^ wie 
directe Mittheilungen • Gottes an den Menschen. 

Diese Weise der Mitwirkung, welche insbesondere 
dem hi. Geiste zugeschrieben wird, heisst nach allgemeiner 
Uebereinkunft Inspiration, ohne dass desswegen auch bei 
Erklarung dieses Begriffes Uebereinstimmung herrschte. 
Nur durch eingehende Untersuchung kann ermittelt wer- 
den, was der den hi. Schriftstellem zu Theil gewordene 
Gnadenbeistand in sich schliesst. Hergenommen ist der 
Ausdruck aus 2. Petri I, 20., wo es heisst: omnis pro- 
phetia scripturae propria interpretatione non fit. Non 
enim voluntate humana allata est aliquando prophetia, 



1) Sacrosanctd .... Tridentina »ynodu8 .... omnes lihro$ 
tain veteria quam novi testamentif quum utriusque unus Deus sti 
atictor, .... pari pietatis affectu ac reverentia smcipit et veneratur. 
Cone, Trid, sess, IV. in. 

2) Coelestis ille sacrorum librorum tliesaurus , quern Spiritua 
aanctus summa liberalitate hominibus tradidit .... ib, seas, V. cap, 
X 4$ Eeform. 



— 29 — 

$ed Spiritu sancto mspvrati locuti sunt sancti Dei ho* 
mines. Der Ausdruck mspirati gibt das griechische unb 
TrveufXflCTo^ aytov (pej3d|utevoi wieder und verschiebt in etwa 
die Auffassung, ohne den Sinn za &ndern. Denn (fipea^ou 
kann bier nur die Bedeutung von „zu etwas angetrieben 
werden" haben, wie denn fipeiv bei Plutarch und fthn- 
lichen SchriftsteUern in der Bedeutung von „leiten, be* 
einflussen^' vorkonunt. Die Art dieses Antriebes und 
Einflusses determinirt der lateinische Ausdruck durcb 
das Bild, welches in dem Wort inspirare liegt. Dieses 
heisst namlich „hineinhauchen/^ d. i. durch Hauchen et- 
was in das Innere eines Gegenstandes bringen, wie wenn 
Columella von einer Heilwirkung sagt: facU idem usta 
sepiae testa et per fistulam ter die oculo inspirata ^). 
In Ubertragener Bedeutung heisst das Wort „einflUstem/^ 
d. h. Gesinnungen hervorrufen, deren Wirkungen man 
als moralischer Urheber zu verantworten hat; so findet 
sich bei Gurtius inspirare fortitudi/nem^ bei Quintilian 
vnspvrare warn , misericordiam. Ftir beide- Bedeutungen 
ist eine Stelle bei Columella belehrend: videmtis hmir 
nibus inspiratam^ velut aurigam rectricevnque membrorumf 
animam^y Hiemach Ifisst sich schon schliessen^ dasa 
unter der Inspiration des hi. Geistes ein bestimmter Ein- 
fluss auf die Handlungsweise des Schreibenden zu den- 
ken ist. Dieser richtet sich vor Allem auf den Willen, 
und um dessentwillen auch auf die Erkenntniss des Men- 
schen. Denn die Inspirationsgnade ist der ftber- 
natUrliche Antrieb des heiligen Geistes, etwas 
von diesem Determinirtes niederzuschreiben. 
Um die Tragweite dieser Erklarung genauer zu erkennen, 



1) L. VL c. 17. extr. 2) L, III 10. 



— 30 — 

muss man den Begriff der Eingebung (impireOio) von 
dem verwandten der Offenbarung (revelatio) und des Bei- 
ETtandes (assistenUa) unterscbeiden. Unter Offenbarung 
yerstebt man die gdttliche Mittheilung von Mher nicht 
erkannten Wahrheiten ; hiervon unterscheidet sich die In- 
spiration wesentlich, weil sie die Bef&higung fUr den 
Menschen bildet, Mittel einer solchen Mittheilung zu wer^- 
den. Die Offenbarung kann zum Object dieselben Gegen- 
st&nde haben, wie die Inspiration; allein der Natur des 
Menschen zufolge muss in solchem Falle jene dieser vor« 
hergehen, sei dieser Voraufgang aucb nur ein logisdier, 
kein zeitUcher, und es k5nnen daher beide Gnadenwir* 
kungen ebenso wenig identiseh heissen, als die Inspira- 
tion die Revelation in sich schliesst. Im Gegentheil kami 
der inspirirte Schriftsteller den Inhalt seiner Mittheilungen 
an Andere auf nattlrlichem Wege kennen gelemt haben, 
und die Inspiration bewirkt dann, dass diese sehriftlichen 
Mittheilungen fQr die Ubrigen Menschen den Gharakter 
von Glaubensquellen empfangen. Die Offenbarung kann 
auch bloBS um des empfangenden Subjectes willen ertheilt 
werden, die Eingebung hat immer die Mittheilung an 
Andere zum Zweck. Auf der anderen Seite ist der Bet- 
stand des hi. Geistes, wie er bei den Beschliissen der 
allgemeinen Concilien statuirt wird, nur als Verhutung 
aUes Irrthums zu denken; denn bei dieser Gnadenwirkung^ 
geht die Determination nicht vom hi. Gdst, sondem von 
menschlichen KrS,ften aus. Eine solche Assistenz ist zu- 
meist negativ, die Inspiration aber positiv wirksam; dort 
ist also eine menschliche Auctoritftt, hier Gott selbst der 
muctor prmeipalis. 

Diess voraufgeschickt, lasst sich der Umfang des Be- 
griffes Inspiration mit ziamlicher Grewissheit nacbweisen, 



— 31 — 

imd zwar aus- dem obersten Grundsatz, dass sie eine 
Gnade bedeutet, welche ein menschliches Schriftwerk ziur 
Quelle abernatflrlichen Glaubens erhebt. Zuerst ist sicher, 
dass die Eingebung des hi. Geistes einen HlbematHrliclien 
Antrieb zur Abfassung der betreffenden Schriften in sich 
sehliesst. Da es sich nS.mlich bei den hi. Schriften um 
Erlangung eines iibernaturlichen Gates durch den Glauben 
bandelt, so wtirde den biblischen Schriftstellern ohne 
jene Anregong Gottes die erforderliche rechtm&ssige Sen- 
dung fehlen. Dieses Antriebes sind die hi. Schriftsteller 
mm Theil sich bewusst gewesen, wie es z. B. von Mo- 
ses Ex. XVII, 14. and Tom Propheten Isaias VUI, 1. 
bexeugt ist; zom Theil aber ist derselbe ihnon auoh 
verborgen geblieben, wie diess z. B. vom Evangelium 
das hL Lucas nicht unwahrscheinlich anzunehmen ist. 

Aasser dieser tibemattirlichen Anregung aber mass 
die Inspiration, damit das betreffende Bach Glaabens- 
quelle sein kSnne, auch die Determination des Niederzu- 
schreibenden in sich begrdfen. Wie weit diese Determi- 
nation gehe, ist eine der wichtigsten Fragen, welche in 
Bezug auf d|e hi. Schrift aufgeworfen werden kOnnen, und 
da alles, was tiber die Bedeatung der Valgata zu sagen 
ist, aaf der Beantwortung dieser Frage rnht, so darf 
dieselbe an dieser Stelle nicht aner()rtert bleiben. Im 
Ganzen ist die richtige Antwort schon mit dem ange- 
deatet, was oben tiber das Verh&ltniss der einzelnen Be- 
standtheile der Schrift zu deren Haaptzweck gesagt ist. 
Wenn namlich die Inspirationsgnade um der Erreichung 
eines tibemattirlichen Zieles willen gegeben ist, so wird 
ihr Einfluss sich auch nach dem jedesmaligen Zusammen- 
hang bemessen, in welchem das Niederzuschreibende mit 
diesem Ziel steht. Hieraus folgt , dass zunftchst der In- 



— 82 — 

hiilt, in gewissem Maass auch die Form dem bestitnmenden 
jBinfluss der Inspiration unterliegt. Im Einzelnen aber 
bedarf beides einer naheren Untersuchung. Hinsichtlich 
des Inhaltes I&sst sich die Determination durch den hi. Geist 
entweder auf die Quantitllt oder auf die Qualitat des 
Qeschriebenen gerichtet denken. Quantitativ bedingt die 
Inspiration die Wahl des Stoflfes, der (iberhaupt Gegen- 
stand der schriftlichen Darstellung werden soil. Diese 
Auswahl kann nach keinen andem Riicksicliten gedacht 
werden, als nach den ewigen und universellen Absichten 
Oottes. Die gdttlichen Endzwecke aber in ihrer einzelnen 
Anwendung, sowie der Zusammenhang, worin der aus- 
gew&hlte Stoff mit denselben steht, sind nieht immer 
nothwendig erkennbar. Erkennen l£isst sich wohl einer- 
seits z. B., warum der Inhalt des Pentateuchs auf- 
geschrieben ist, und andererseits z. B., warum die hi. 
Geschichte weder chronologische, noch pragmatische VoU- 
stS.ndigkeit bietet, wohl aber der Liebe und der Gerechtigkeit 
Gottes Zeugniss gibt. Ueberaus Vieles aber steht in der 
hi. Schrift, dessen Tragweite und dessen Beziehung zum 
letzten Ziel und Ende der Menschen jetzt schwer oder 
gar nicht eingesehen werden kann. Hier muss immerhin 
die M5glichkeit zugegeben werden, dass (rott der Herr 
sich auch dieser anscheinend irrelevanten Stellen zur Er- 
reichung gewisser Absichten bei Einzelnen oder bei der 
Gesammtheit bedienen will. Diess dient als Grundlage zu 
der weitern Untersuchung, ob die Inspiration sich auf 
den gesammten Inhalt der hi. Schrift, d. h. auf jeden 
Gedanken in derselben erstreckt habe , oder ob auch das 
Eine oder Andere in derselben rein menschlicher Thatig- 
keit zuzus(;hreiben ist. Das Letztere konnte nach dem 
Inhalte mancher Stellen in der hi. Schrift ftir nicht un^ 



— 33 — 

wahrBcheinlich gehalten werden; so z. B. kSnnte die An* 
gabe Tob. XI, 9. dass der Hund, der mit dem jungen 
Tobias auf der Beise war, voranlief und mit dem Schweife 
wedelte, oder der Auftrag des Apostels an Timotheus, 
2. Tim. IV, 13., seinen Mantel und seine Biicher mit- 
zubringen, eher fUr persdnliche Zuthat des Schriftstellers, 
als fur inspirirte Mittheilung genommen werden. Allein 
es ist Yorerst nicht mOglich, hier eine Grenze zu finden 
and genau zu bestimmen, was irrelevant , was wichtig ist. 
Femer l&sst sich die Mdglichkeit einer besonderen 
Absicht Gottes auch bei den scheinbar unbedeutenden 
Stellen der hi. Schrift nicht in Abrede stellen'). Die 
Frage kann desswegen nicht nach innem GrOnden ent- 
schieden, sondem bloss auf aussere Zeugnisse bin beant- 
wortet werden. Hier kommt denn zuerst wieder das 
Wort in.Anwendung: was immer geschrieben wor- 
den, zu unserer Belehrung ist es geschrieben. Ward 
AUes zu unserer Belehrung geschrieben, so ent- 
stand auch Alles in der hi. Schrift unter dem Einfluss 
der Inspiration, die eben urn unserer Belehrung wiUen 
gegeben ward. Ftir diese Ansicht lassen sich so vide 
Zeugnisse anfflhren, dass die entgegenstehende Meinung:, 
wann und wo sie nur vorgetragen worden, als Ausnahme 
da steht. Nach der Anschauung des Talmudischen Juden- 
thums sind die Worte: „Eain's SOhne sind Kusch und 
Mizraim^^ eben so von Gott eingegeben, als die andem : 
„Ich bin der Herr dein Gott"*). In der filtem Eirche 
ist es besonders der hi. Hieronymus, der mit Entschie- 
denheit von sich selbst bekennt: non'adeo me hebetis 
fuisse cordis et tarn crassae mstidtaMs, ataliquid de do- 

1) Ygl. Scholz, Einl. in die hi. Schr. Erster Theil §. 99. 
^ 2) S. Scholz, a. a. 0. §. 101. 

KauUn, Oeschlohte der Vulgata. 3 



— 34 — 

mifiids verbis aut corrigendum pt4a^eriin aut non divi^ 
nitus inspiratum^). Bd den meisten V&tem und bd 
den mittelflltetlichen Theologen ist diese Ansicht m str^ge 
festgehalten worden, dass man den hi. Schriftgtelleim so- 
gar die selbststtodige AMasi^ng abspracb; blos& dieses 
Extrem hat 5fter die entgegengesetzte Ansicht hervor- 
gerufen, die in der bekannten These des Jesniten da 
HameP) von den theologischen f^acultaten des sieben- 
zehnten Jahrhunderts verworfen wurde. Vennuthlich wttrde 
auch. die Wahrheit von dem allgemeinen Einflnss der 
Inspiration auf das Oeschriebene weniger bezweifelt 
worden sein, wenn in dieser Frage nicht der Inspira- 
tionsbegriff mit dem der Offenbarnng veTwed^selt 
worden wSre. 

Znm richtigen Begriff der Inspirationsgnade gehSrt 
nun neben der qnantitativen anch eine qualitative De* 
termination des Niederzusehreibenden. Diese benrirkt im 
Geiste des Schreibenden eine bestimmto, von Gott ge- 
wollte Aufiassung des Darzastellenden. Eine solehe Thft- 
Ugkeit des hi. &eistes mag, weil altere Theologen den 
Ansdruck gebraucht haben, Erleuchtung (besser: Be> 
leachtong) heissen; sie bleibt ein psychologisches Ge^ 
heimniss, bis die Wissenscbaft fiber den Yorgang der 
mensehlicheii G^dankenbildung geniigendere AufschMsse 
geben kann. Z^eeck derselben ist zunftchst nicht die Un- 
terweisttng des Schreibenden, sondern die Wahl einer 
sold^en sehriftlichen Darstellung, wie sie Gottes Absichten 
in Bezug auf die Leser entspricht. Es liegt nftmlich in 



1) Bp. XXVn. T. t p, 133. 

2) Non est miessatiumj ut sinffulae i^^riUxks et sententiae sint 
immediate a Spiritu sancto ipsi scriptori in$pifa6ae. l%e&. ll. 



— 36 — 

der Natur des Menschengeistejs einerseits and im Wesen 
der Sprache andrerseits, dass ein Einfluss auf die Dar* 
stdlung) ohne die Freiheit aufzuheben, nur in der an- 
gegebenen Weise zu Stande kommen kann. Ferner die* 
nen^ wie schon erw&hnt, die hi. Schriften ausser d«i 
nichaten Zweck, dem sie ibre Entstehnng verdanken^ 
auch einem uniyerseUen und unendlichen Zweck; wenn 
nan aber den betreffenden Schriftstellern diese allgemeine 
and grossartige Tragweite ihrer Schriften nicht noth- 
wendig bekannt war, so I&sst sich die EifQUang der Ab- 
sichten Oottes nnr unter ein^ solchen dbematlbrlichen 
Erlenchtong denken. Ein analoges Beispiel hierfttr mufis 
in den Worten des Eaiphas gefunden werden : . Jhr wisset 
nichts and bedenket nicht, dass es besser fiir eadi ist, 
wenn Ein Mensch ffir das Volk stirbt, als weitn das 
ganze Volk zu Grande geht/^ Gewiss dachte er hierb^i 
bloss an eine eventoeUe Oefahr dnrch die BSmer, wie 
er Yorher schon angegeben: ,,Wenn wir ihn so lassen,. 
werden Alle an ihn glaaben, and die BOmer werden 
kommen and nnser Land wegnehmen/^ Gleichwohl setzt 
der hi. Johannes za ersteren Worten hinza: „Da8 sagte 
er aber nicht aos sich selbst, sondern weil er in diesem 
Jahre Hoherpriester war, weissagte er, dass Jesas f&x 
das Volk sterben wilrde, and nicht allein ftir das Volk, 
sondern aach, damit er die zerstreaten Kinder Gottes 
in Eins zasammenbrSchte'* *). Hier hat also die Stellang 
des Hohenpriesters als gratia gratis data in seinem Geiste 
eine solche Erleachtung bewirkt, dass die mtindliche Dar- 
stellang einen von seiner arsprUnglichm Meinung ver- 



i) VgL Job. XI, 4B^62. Vgl. T&umelff, ed. Pat. MDOCtXV, 
T. I. p. 53. 

3* 



— 36 — 

Bcbiedenen Sinn einschliesst. Das N&mliche ist bei 'der 
schriftlichen DorsteUung aller inspirirten Schriftsteller an- 
zunehmen; denn in dieser Hinsicht finden wieder die 
Worte des Apostels ihre Anwendung: „Was immer ge- 
schrieben ist, zu unserer Belehrung ^ward es geschrieben/* 
Auch die typiscbe und allegorische ErMSmng der hi. 
Schiift, die von jeher in der Eirche zu Recht bestanden 
bat, kann nur auf einer solchen Bescbaffenheit des Bibel- 
wortes beruhen. Demzufolge ist z. B. die Beziehung, 
welche die Weissagungen iiber den Fall Jerusalems aaf 
das Weltende zulassen, gewiss nicht immer der persfin- 
lichen Erkenntniss der betreffenden Propbeten zuzuschrei- 
ben; vielmebr ist die Ursache dieser Beziehung Yor- 
zugsweise in der Absicht Gottes nnd in der ihr 
entsprechenden Srieuchtung hinsichtlicb der offenbarten 
Thatsache zu suchen. 

Hiermit wird eine bekannte Ansicht von der Inspi- 
ration abgewiesen, wonach bei Abfassung eines Theiles 
der hi. Schriften Gott der Herr den Schreibenden nach 
der ersten Anregung bloss vorallem Irrthum behiitet, im 
Uebrigen aber ihn seinen menschlichen ErSften iibeilassen 
habe^). Diese Ansicht von einer sogenannten iny^iratio 
concomitans ^) setzt die Mitwirkung Gottes mit dem Schrift- 



1) Hoc enim modo potest Spiritua sanctus scriptorem hdgio- 
graphum dinger e, ut in nullo eum err are fcUlive permittat; cum 
enim praesciat^ quid ille scripturus sit, ita ei tulstat, ut sieubi vide- 
ret eum erraturum, inspiratione sua illi esset adfuturus. Banfrerii 
Traeh in totam s. Scr, cap, VIIL sect, IIL 

2) Yon der ganzen Unterscheidnng in inspiratio antecedens, 
concomitans und consequens ist hier Umgang genommen. Die letz- 
tere Benennnng enth&lt einen inneren Widerspruch, die zweite ist 
wenigstens nach Bonfrere^s Erkl&rung fttr den Inspirationsbegriff 



— 37 — 

steQer zu der blossen assistentia^ dem Beistande des hi. 
Geistes herab; nach ihr k5imten die hi. Schriften keine 
universellere Tragweite gewinnen, als der Schreibende mit 
seinen natiirlichen, wenn schon durch iibernattlrliche Oflfen- 
barung erweiterten Kr§,ften flberschauen kann. AUein 
die universelle Bestimmung der hi. Schriften und die Un- 
angemessenheit menschlicher ErUfte far einen solchen 
Zweck fQhren von selbst auf die Nothwendigkeit einer 
positiven Erleuchtung des Erkennenden oder Beleuchtuag 
des Erkauaten durch den hi. Geist. 

Eine solche positive Mitwirkung des hi. Geistes glau- 
ben Manche in vdlliger AUgemeinheit nicht zugeben zu 
diirfen, weil daraus sich eine Consequenz ergibt, welche 
sie nicht zulassen woUen. Dasjenige, was unter der an* 
gegebenen Erleuchtung geschrieben worden, muss auch 
voile Wahrheit und Glaubwtirdigkeit besitzen ; denn Gott, 
der die Wahrheit selber ist, kann nichts in einem solchen 
Lichte darstellen, dass dadurch die Auffassung des Schrei- 
benden--eine irrige wiirde. Nun wird aber die absolute 
Irrthumslosigkeit der hi. Schrift allgemein bloss fiir die 
religiSsen Mittheilungen zugestanden ; gegen die Folgerung, 
dass dieselbe auch in natiirlichen Dingen von jeder 
Irrung frei sei, werden von vielen Seiten Einwendungen 
erhoben, und diese Einsprtiche sind es, um derentwillen 
die Universalit§;t der iibemattirlichen Erleuchtung bei den 
inspirirten Schriftstellem gel^ugnet wird. Alles, was hier 
eingeredet werden kann, lasst sich auf zwei Behauptun- 
gen zuriickfiihren, die angeblich beide auf den Thatsachen 
beruhen. Die Einen betonen namlich die Wahrheit, dass 



tiicht gentlgend, und die erste bezeichnet, recht erklart, nichts An- 
dereS| als der einfache Name Inspiration, 



- 88 - 

die bi£q[KiratioB8gnad6 6m Zweck und d^ Erfolg hat, 
xneoschliche Schriften zur Quelle ubernattirlichen Gkm- 
ben$ fur den Leser zn machen; denmach soil es uicht 
notfaig gewesea sein, auch in naturlichen Dingen absolute 
Verl^sslichkeit zu bewirken. Die Andern dagegen be- 
rufen sich auf die (vorerst nur behauptete) Erfahrung, 
das8 in der hi. Schrift im Bereich natiirlicher Erkeniit- 
niss mancherlei IrrtiiuBter zu finden seien. Beide Einreden 
sind nkht beweisend. Was die erstere betnfft, so muss 
vor Allem daran erinnert werden, dass auch^ natfirliche 
Wahrheiten Gegenstand iibernaturlichen Glaubens sein 
konnen. Nun enth&It die hi. Schrift unzihlige Mitthei- 
Imogen naturlicher Ai*t, die als unmittelbares und eigent-' 
Uches Object d^ schriftlidien Darstellung erschdnen, wie 
z. B. die Geschlechtsr^gister der Genesis und der Chronik 
Oder die Thatsache, wekhe den Inhalt des Baches Ruth 
bildet. Andere natorliche Mittheilungen stehen mit An- 
gaben von religioser Natur in engem Zusanunenhang, so 
dass sie logisch nicht von einander getrennt werden kon- 
nen; der Art ist die doppelte Wahrheit Spr. 3LXV, 23.: 
„der Nordwind vertreibt dea Regen, und ein saures Gesicht 
die ehrenrUhrerische Zunge.^^ In beiden ang^ebenen 
PSllen widerstrebt es jedier richtigen Erkenntniss , men 
Irrtiium in der DarsteUungzuzugeben; deim da in beiden 
die quantitative Determination der Inspiration nicht ge- 
l&ugnet werden kann, so wiirde die Annahjsne eines Irr- 
thums zu der Folgerung nothigen, die ewige Wahrheit 
habe demselben formlich Glauben verschaffen wolien. Wenn 
diess nicht zugegeben werden kaon, so muss festgehalten 
werden, dass auch die natiirlichen Dinge dem inspirirten 
Schriftsteller in tibematiirlichem Lichte gezeigt worden 
sind. Diesem Dilemma sucht man durch die Bebauptung 



- ?© -- 

zu eatgeb^o, die Erleuchtung des SchreibendeD (oder die 
BelencbtuQg des Niederzuschreibenden) sei in jeaen IWep 
lucht notbwendig gewesen, w^l die uattirlicb9 Erkemitiufijs 
dej5 Heiischen bei denselben zur 3ewgbrung vor Irr&uw 
bipreicbend geweseu sei. Moses z. B. babe jn ^o weigg 
«Js eia Anderer eiaer uberoaturlicbeu Unterstfitzui^ bei 
Drz&bbmg dessen bedurft, was er euunal voiji GqU er- 
fahreii, oder wii.s er selbst in der Wit^te erlebt ui|d Aa* 
geprdoet babe. Allein hiergee^A spricht die Er£ab;ruM[. 
P^r Mensch ist auob b(3i Darst^ung desseo, was 
s^ bereits ricbtig erkannt bat^ dem Irrtbmn zugangUcb) 
wjle dmn Moses bei AuSseicbuiQig dessen, was er bai^ 
erfabren oder gethan batte, jecbt w^bl durch Schwiche 
des Gedacbtiusses zxi leinem Missgriff verleitet werdea 
kowte. £s kovmt bioztt, dass erne durch bless menscb^ 
licbe Kr^te erfolgte Aiufzeicbaung ^aUirlicber Dinge nicbt 
d^ waitausseheoden Absichten Gottes geuOg^ kaw, di? 
bei den bl. Scbriften anzunehin^ sind, dass vielmehr die 
meoscblicbeji Y^rfasser bierzu i^ (ibernatiirlichen Dar- 
steUung miter soldien Gesicbtspiuikten, wie sie der All- 
gemeinbeit des beabsichtigten Zweckes entsprecbea, be- 
durfitig sind. Aus beiden Ursacben muss daber aueh bei 
.Aufzeiebnung naturUcher Diuge die tospirationsgnade als 
eiuwirkend angenommen werden. Indess kaon aucb bier 
die natiiirliche ;^kenntaiss des Scbreibe^den ' dejr Au- 
scbauuug ixQ Lichtq des bl. Geistes bless logiscb verauf- 
gegangen sein, wie es z. JB. gewiss bei dem Auszugder 
FaU war, den der Verfasser des zweiten Mackabaerbucbes 
AUs dem Werke des Jason von Gyrene machte. 

Bis bierher ist von d^qeoigen nal&rlicben Angab^n 
die Bede gewesen, welche erkennbares Object der bibli- 
schen Mittheilung wd demoadat auch dts iiibenmttirlicben 



^ 40 — 

Okubens bilden. Nun aber sind Bemerkungen Hber na- 
ttlrliche Dinge denkbar, die nur menschlicher VoUstHn- 
digkeit zu Liebe als Erg&nzimg oder ErklSrung einge- 
flochten sind. Bel solchen wird es darauf ankommen, 
wie weit ihre Richtigkeit oder Unrichtigkeit die Glaub- 
wiirdigkeit des jedesmaligen Hauptgegenstandes beeinflusst; 
der Glaube des Lesers bleibt ja immer der letzte End- 
zweck der hi. Schrift. Wtirde d^ch einen Irrthum in 
solchen Angaben nicht auch die Glaubwfirdigkeit des dar- 
gestellten Hauptobjectes beeintrachtigt, so stande vielleicht 
nichts im Wege, die Richtigkeit von dergleichen Bemer- 
kungen und folglich die Universalitat der tlbematOrlichen 
Erleuchtung bei der Aufzeichnung zu bezweifeln. Allein 
i¥enn auch dieses Verhaltniss in der hi. Schrift moglich 
zu denken ist, wo ist es in Wirklichkeit vorhanden? 
Bei der hohen Wichtigkeit, welche die hi. Schrift besitzt, 
ist keine Bemerkung in ihr ohne Bedeutung fiir ihre 
Glaubwfirdigkeit. Wie viel folgt nicht ffir die Aechtheit 
des MatthHuseyangeliums aus dem geringftigigen Umstand, 
dass XYU, 24. die Drachme und XXn, 19. der Denar 
als Mtinze genannt wird^)t Nicht umsonst bemtihen sich 
die Laugner der Religion, in den hi. Schriften die ge- 
ringf&gigsten Angaben aufzuspiiren, in denen ein Irrthum 
gefunden werden kQnnte. Stande es fest, dass bei den 
Angaben der inspirirten Schriftsteller auch nur in unbe- 
deutenden Dingen IrrthOmer vorhandea sind, so ware dem 
Zweifel an der hi. Schrift selbst Thur und Thor geSflfnet. 
Denn es ist unmoglich genau zu begrenzen, sowohl was 
in der betr. Darstellung Haupt- und Nebensache ist, als 
auch, in wie weit die Glaubwttrdigkeit der einzelnen Ne- 



1) Hog, EinL in's N. T. Erster Th^il, §. S. 



— 41 — 

bendinge mit der des Hauptgegenstandes zusammenhfingt. 
Der Begriff der hi. Schrift f ordert daher die y511ige Irr- 
thumslosigkeit derselben in natfirlichen sowohl, als in 
iibernatOrlidien Dingen, imd damit die AUgemeinheit der 
qualitativen Determination bei ihrer Abfassung. 

Was hiennit aus innem Griinden nachgewiesen ist, kann 
erfahrongsmftssig nicht entkraftet werden. Die Behaup- 
tung, dass die hi. Schriftsteller bei ihrer Darstellung sich 
in natfirlidien Dingen geirrt hfttten, ist nicht zu beweisen. 
Vorerst wlbre sie noch nicht damit bewiesen, dass etwa 
heutzutage in der hi. Schrift sich Irrthiimer fUnden ; denn 
zwischen dem Entstehen der hi. Schrift mid deren heu- 
tiger Gestalt liegt eine Reihe von Ereignissen, dienach- 
wdslich nicht ohne Einfluss auf den Text derselben geblieben 
sind ^). Allein abgesehen von wenigen Stellen, auf welche 
eine solche Vorsicht angewendet werden muss, kann nicht 
zugegeben werden, dass auch bei der jetzigen Gestaltung 
der Bibel Irrthiimer in derselben erfunden werden. Eine 
Unrichtigkeit ist nur dann zu beweisen, wenn auf der 
einen Seite die sonstwoher ermittelte Wahrheit, auf der 
andem Seite die Abweichung davon unumstosslich 
feststeht. Das Zusammentreffen beider Momente aber 
l&sst sich bei keiner Stelle in der hi. Schrift beweisen. 
Wo man glaubt Irrthiimer in der Bibel aufdecken zu 



1) DlesB gilt auch fdr solche SteUen, die kritlsch nicht ange- 
fochten werden k5nnen; denn unsere jetzigen Halfsmittel konnen 
eine absolute kritische Gewissheit nicht geben, wie z. B. die Stelle 
1. Sam. Xm, 1. zeigt. Yielleicht muss nach solchen Erfahrungen 
die Stelle Luk.IY, 19. erklftrt werden, wo naclr den heutigen Texten 
JesuB etwas aus dem Buche Isaias liest, das an der betr. Stelle 
des Propheten nicht steht. 



— 42 — 

kSimen, wd gewChnlicb das eiKtere Erfordemise aiuiser 
Acht gelassen, und es werden Wafarficbeinlicbkeiteii, welcbe 
auf inductivem Wege gewoimen sind, als ausgemachte 
Wahrheiten genommen; oft aber iubxt aucb das irnge 
Verstandmss des Scbriftstellers zn der BebauptuDg, da86 
derselbe geirrt babe ^). Nacb den vieten auf diesem Felde 
gemacbten Erfabruogen darf mit Zuversicbt behauptet 
vrerden, dass in dem ricbtig erkliirt^ £ibdwort arucb die 
naturlicben MitUsieilungen von Irrtbum frei erfunden wer- 
den. Hieraus folgt danii, dass der Zweifel an der AU- 
gemeinbeit der qualitativen Determination des bibUschen 
Inbaltes unberecbtigt ist. 

Indess fordert gerade die ricbtige Erklarung des BU 
belwortes aacb zu beacbten, dass die Wabrbeit und Lrr- 
Ibnmslosigkeit bei den gedacbten Mittbeilungen oft nur 
ih relative, nicbt als absolute: anfzu&ssen ist. Diess 
hangt damit zusainmen, dass die bl. Scbrift neben der 
universeUen, femliegenden Bestimmung zun&cbst einem 
aAgenblicklicben, in Zeitbedjilrfnissen liegenden Zveck dient. 
Dieser Bestimmung konnte die absolute Bicbtigkeit natfir- 
licber Jidittbeilungen mitunter geradezu Eintrag tbun. Deim 
fiber viele nattirlicbe Dinge, fiber weicbe eine YoUkommene 
Gewissbeit nie zn erreicb^ ist, gibt es zu yerscbiedeaen 
Zeiten verscbiedene aUgemein getbeilte Ansicbten, denen 
eben um der allgemeinen Ueberzeugung willen der Cba- 
rakter der Wabrbeit beigelegt wird. H&tten nun die bl. 
Bcbriften den zu ibrer Zeit aUgemein als wabr geltenden 
Meinungen widersprocbeu, so wurden sie dadurcb in ibrer 



I) Jbi (in scripturis sacriaj H quidfdffiurdum ^movent, man licet 
dicere : aucior huius libri nontmuit verittU^m ; ae^ »tU e»dex mmdofiw^ 
aut interpres erravit, aut tu non intelligis. Mug, Jj, XL fi.fFamtim* c, ^. 



— 43 — 

Olsubwiirdigkeit beeintrachtigt worden sein, nnd es w&re 
der n&chste Zwedc ihrer AbfassuBg in Frage gestellt 
worden. So wUrde der Verfiasser des Buches Josue, 
wenn or Jos. X, 13. gemeldet hatte: „da stand die Erde 
in ikrem Laufe urn die Sonne still, ^^ bei seinen ersten 
Lesem Zweifel an der Zuverlassigkeit seines Berichtes 
bervorgerufen haben, weil er anscheinend in G^enstanden 
der uacbstliegenden Erkenntniss nicht bewandert sei. So 
sttcht man ja auch heute den hi. Schriften ihren gott- 
Jieben Charakter desswegen abzusprechen , weil manche 
ihrer Angaben nicht in Einklang mit den Behauptungen 
moderner Naturforseher steben sollen. Eine absolute 
Riehtigkeit in solchen Dingen kann demnach der hi. Geist 
bei Abfassong der biblischen Sclmften nicht intendirt 
haben. Anf der andem Seite widerstrebt es dem Begriie 
der gottUcben Wahrhaftigkeit, dass der Geist Gt)ttes je- 
mals dem absoluten Irrthum sich gefugt imd schlechthin 
unrichtige Auffassungen in iibernatiirlichem Lichte darge- 
stellt babe. Es kommt wieder hinzu, dass den hi. Schrif- 
ten ausser der nachsten und zeitweiligen auch noch eine 
hOhere und uxdverselle Bestimmung inne wohnt, und dass 
diese ebenso wenig als jene durch Aufnahme absoluter 
Irrthlimer beeintrachtigt werden darf. Ftir alle natiirlichen 
Hittheilungen der hi. Scbrift also, bei welchen kdne ab- 
tsdute Bichtigkeit nachgewiesen werden kann, wird sich 
immer eine relative Wahrheit ergeben, und zwar eine 
solche, wie sie bei keinerlei Anschauung tlber den That- 
bestand die Glaubwtirdigkeit des Verfassers erschilttern 
kann. So z. B. behalt der Bericht im Buche Josue tlber 
den Stillstaod der Sonne immer seine voile Bichtjgkeit, 
mag nun das Ptolemaiscfae oder das Eapemikanische 
Sonnensystem fiir wahr gehallen werden; i&m es ist 



— 44 — 

das betreffende Ereignis^ nur so als geschehen erz&hlt, 
wie es der Augenschein lehrt : „da stand die Sonne mitten 
am HimmeV^ und es macht fiir die Wahrhaftigkeit des 
Berichtes keinen Unterschied , ob der Augenschein mit 
dem wirklichen Thatbestand tibereinstimmt oder nicht. 
Wenn ferner in der Stelle Levit. XI, 6. der Hase Mrirk- 
lich zu den Wiederkauern gerechnet wird, so Uegt die 
relative Wahrheit darin, dass der Begriff „Wiederkauer*' 
nicht in dem physiologischen Sinn von Thieren mit vier 
Magen gefasst ist, sondern dass an Thiere gedacht 
wird, die ohne zu fressen doch mit dem Maule arbei- 
ten^). Ebenso ware die Angabe Gen. XL, 1, dass die 
beiden Gefangenen Pharao's Eunuchen gewesen, desswe- 
geii nicht unwahr, wenn etwa in Wirklichkeit einer der- 
selben dieses Merkmal nicht an sich gehabt hatte, denn 
die betr. Angabe enthalt bloss, was die beiden nach ihrer 
aussern Stellung oder nach Meinung ihrer Landsleute 
waren. Die Mitwirkung des hi. Geistes zur Darstellung 
solcher bloss relativen Wahrheiten hat nichts der ewigen 
Wahrhaftigkeit Gottes Widerstrebendes ; wohl aber wider- 
strebt derselben die Mittheilung jeder Auffassung, der 
eine relative Wahrheit schlechthin nicht zukommen kann. 



1) Indessen ist an der angefahrten SteUe der Thatbestand zwei- 
felhaft. Im Original steht r)331^) )>der Springer;" diess ist man 
nach Analogie des Arabischen und Afamfiischen gewohnt, als^Hase" 
zvL erkl^en. Allein die Septuaginta hat (die Umstellung der betr. 
Verse beachtet) SxarjitoMi (vgl. Deuter. XIY, 7.) und diess bezeichnet 
ein Thier, das bei alten Schriftstellern ausdrticklich vom Hasen 
unterschieden wird. Uebrigens gilt bei den obigen und ahnlichen 
Ausfflhrungen far die Beispiele selbstverstandlich die BeschrHnkung, 
dass ihre Anwendbarkeit mit der GtQtigkeit der betr. profanwissen- 
schaftllchen Behauptungen steht und f&Ut. 



— 46 — 

Hierzu muss auch die bloss subjective Wahrheit gerech- 
net iverden, d. h. deijenige Irrthum, ivelcher der Person 
des Schreibenden als Wahrheit erscheint; diess folgtaus 
dem Zweck der Inspirationsgnade, die zunachst um des 
Lesers willen gegeben wird ^). Dagegen leidet die relative 
Wahrheit dadurch keinen Eintrag, dass etwa ein Schrift- 
steller Begebenheiten und Thatsachen nicht nach ihrem 
wirklichen (zeitlichen und raumlichen) Zusammenhang, 
sondem nach idealer Rticksicht ordnet; bekanntlich ver- 
lieren die Evangelisten den Charakter der geschichtlichen 
Zuverlftssigkeit nicht dadurch, dass sie die Thaten und 
Reden Jesu in verschiedener Anordnung berichten. 

Es bleibt nunmehr zu untersuchen, ob die Determi- 
nation des Niederzuschreibenden, welche der hi. Geist be- 
wirkt, sich auch auf die Form der hi. Schriften erstreckt 
hat. Die Untersuchung muss hier auf Grund deijenigen 
Thatsachen geschehen, welche bei der menschlichen Rede 
das VerhUtniss zwischen Denkinhalt und Lautform be- 
dingen, und insoweit l&uft sie ziemlich auf dasselbe hinaus, 
was oben fiber die Richtigkeit natiirlicher Mittheilungen 
er5rtert ist. Denn die menschliche Rede tiberhaupt bildet 
ein System von bloss relativen Watirheiten und bewegt 
sich dem wirklichen Thatbestand gegenuber in unzahligen 



1) DaBS ansserhalb der Bestimmung, Grund und QueUe des Glau- 
bens zu werden, der Beistand des hi. Geistes den snbjectiven Irr- 
thnm nicht unmoglich macht, zeigt das Beispiel yon der Rede des 
hL Stephanus Apgsch. VII. Dieselbe enth&lt mancherlei unrichtige 
Angaben, welche der hi. Hleronymus Ep, LVII ad Famm. ed. Vail, 
I. p, 315, aufz3.hlt; und doch sprach Stephanus, wie die Schrift 
bezeugt, voU des hi. Geistes. Dass der inspirirte Schriftsteller 
diese Irrthttmer so, wie sie gesprochen wurden, mit anftthrt, be- 
dingt dessen Wabrhaftigkeit auch in natdrlichen Dingen. 



— 46 — 

Irrthttmern. Es steht fest, dass das jetzige Verh^tniss 
zwischen Denkinhalt uad Sprachfonn nicht mehr das ur- 
sprtingliche und von Gott eingerichtete ist. Ursprfinglich 
war das Verhaltniss zwischen Inhalt und Ausdruck in 
der Sprache ein nothwendiges und adaquates, so dass es 
fur jeden Inhalt nur Einen organischen Ausdruck gab. 
Dieses Verhaltniss ist nicht erst mit der Sprachtrennung 
zu Babel, sondem schon mit dem Siindenfalle der ersten 
Menschen aufgehoben worden. In Folge des letzteren 
ist die menschliche Sprache nicht mehr im Stande, den 
wirklichen Inhalt der Bede in adaquater oder congnienter 
Form darzustellen, sondern kann diess bloss in annahern- 
der Oder conventioneller Weise. Diese Unvollkommenheit 
der Sprache als sokher ist auch die letzte Ursache der 
Sprachverschiedenheit unter den Vfilkem^); aber abge* 
sehen faiervon, sind in jeder Sprache fiir denselben In^ 
halt verschiedene Ausdrucke mGglich. Da n&mlich jetzt 
die menschliche Rede auf subjectiver Anschauung beruht, 
so gibt jeder Ausdruck den wirklichen Inhalt nur theit- 
weise wieder, wie er dem Redenden erscheint, und die 
Versehiedenheit der Anschauung bedingt desswegen die 
M(3glichkeit verschiedener Ausdrucksweisen. Nur die 6e* 
w5hnung bringt uns dazu, dass wir den gesammten In- 
halt, der das Object der Rede bildet, aus den Worten 
entnehmen. Beispiele fur diese Beschaffenheit der Sprache 
liefert in der hi. Schrift besonders der sogenannte syno* 
nyme Parallelismus der poetischen Rede. Wenn es z. B. 
heisst : 

wie er Bpricht, so geschieht's: 
wie er gebeut, so steht es da; 

1) Die weitere Ansfalirang and BegrtLndimg dieser Angaben 
siehe in des Yerfassers „8praehTerwirrttBg zu Bab«l/* Maisz 1861. 
Cap. 8—12. 



— 47 — 
Oder: 

erbanne Akh meiner nach deiner grossen Barmherzigkeit, 

Aach der Menge deiner Erbarmnogen tilge meine Sttndhaf dgkeit ; 

Oder: 

FinBtemiss bedeckt die Erde 

tind Dunkel die Ydlker^ 

aber fiber dir itrablt Jehovah, 

and seine Herrlichkeit erscheint fiber dir, 

SO ist in diesen Stellen jedesmal Ein Gedanke in zwei 
AusdrUcke gekleidet^ von denen trotz ihrer gftnzlichen 
Yersctaiedenheit doch keiner den Sinn wesentlich anders 
ge^taltet. Unter solchen verschiedenen Ausdrucksweisen 
ist die Wahl lediglich Sache der menschlichen Freiheit, 
die Uerbei mehr oder minder von der Erkenntniss des 
Inhalteg und von der Fertigkeit im Gebrauch der Sprache 
untersttLtzt wird. Diese allgemeinen Wahrheiten geben 
ung Attfschluss tiber die Einwirkting, welche der hi. Geist 
durch die Gnade der Inspiration auf den sprachlichen 
An^druck der biblischen Schriftsteller geiibt hat. Zweck 
dieser Einwirkung ist die Slcherheit des Glaubens ge- 
weisen, and hiermit ist auch die Grenze des fibernatilr- 
lichen Einflttsses gegeben. Diese Sicherheit verlangt nicht 
die Herstellting des nrsprttnglichen Verh&ltnisses sswischen 
Inhalt und Form iu der menschlichen Rede, so dass der 
Yon den hL Schriftstellem gew&hlte Ausdruck als der 
einzig znlassige und nothwendige, als der absolut und 
nicht bloss relativ richtlgd erschiene. Denn diess wttre 
elnerseits wegen der untolkommenen Beschaffenheit aller 
geschichtUchen Bprachen ein «unm(>gliches Wunder, anderer- 
s^ts muss das Mittel znr Verkflndigung des Glaubeng 
der Beschaffenheit des Verstandnisses beim H5rer oder 
Leser entsprei^ent und letzteres geschieht auf Gru^d 



— 48 — 

des heute in den Sprachen obwaltenden unvollkommenen 
Verhaltnisses. Ferner kann die von den biblischen Schrift- 
stellern gewahlte Form nicht, wie die Lehre von der 
iitspiratio verialis will, die einzig von Gott gewollte und 
desswegen dem Schriftsteller vom hi. Geiste wQrtlich de- 
terminirte, gleichsam dictirte sein. Die biblischen Bticher 
sind namlich, ihrer gelegentlichen Entstehung und ihrem 
speciellen Zweck zufolge, in einer geschichtlich gegebenen 
Sondersprache, entweder hebraisch oder chaldaisch oder 
griechisch, verfasst worden. Jede Sprache aber besitzt 
eine singulare Farbong, den sogenannten Sprachgeist oder 
die innere Form, als constitutives Merkmal; diess istnur 
demjenigen zuganglich und verstandlich, welcher vollstan- 
dig im Besitz der Sprache ist, und lasst sich in einer 
andem Sprache gar nicht wiedergeben. Ware nun die 
Form des biblischen Ausdruckes buchst&blich von Gott 
eingegeben, so ware das v511ige Verstandniss desselben 
einem grossen Theil der Menschheit verwehrt, wahrend 
dasselbe doch Gemeingut aller Menschen muss werden 
konnen. Die Einwirkung der Inspiration auf die sprach- 
liche Form der biblischen Schriften kann demnach das* 
jenige, was singulare Eigenthiimlichkeit der drei biblischen 
Sprachen ist, nicht erreicht, sondern sich auf dieselbe nur 
insoweit erstreckt haben, als sie durch die Mittel jeder 
menschlichen Sprache dargestellt werden kann. Wenn 
also die alttestamentlichen Schriftsteller, dem hebraischen 
Sprachgeist entsprechend, den Storch chasidah^ „den ZSrt- 
lichen,^^ nennen, oder wenn sie den Sitz der Sehnsucht 
in die Nieren verlegen, so sii^d diese Anschauungen nicht 
als Eingebungen des gdttlichen Geistes, und nicht als 
absolute Wahrheit, sondern als Einwirkung der hebraischen 
Yolksthtimlichkeit und als relative Wahrheit aazusehen. 



— . 49 — 

Aber auch bei dieser Eiuscbr&nkang ist es mit der 
menschlichen Freiheit kaum vereinbar, dass die gOttliche 
Inspiration direct soUte die Wabl bestimmter biblischer 
Ausdrticke veranlasst haben. Nur indirect kann der 
Ausdruck des menschlichen Schriftstellers durch g5ttliche 
Einwirkung veranlasst sein, indem Gott der Herr, dem 
die Indivldualit&t des Schriftstellers voUstHndig bekannt 
ist, denselben das Niederzuschreibende in einer solchen 
Weise hat anschauen Idssen, dass dadurch der von ihm 
beabsichtigte Ausdruck zu Standc kam. Diess muss nach 
d6m, was oben S. 27 gesagt ist, auf zwei F3Ile beschrankt 
bleiben. Der erste ist da eingetreten, wo Gott derHerr 
den Zeitgenossen der betreffenden Schriftsteller seine 
allerheiligsten Mittheilungen in einer bestimmten, ihren 
Bedurfnissen angemessenen Form wollte zukommen lassen, 
wie diess von manchen wortlichen Anfiihrungen der Got- 
tesworte durch die Propheten % oder von den sieben 
Briefen im Anfang der Apokalypse gedacht werden kann. 
Der zweite Fall ist hinsichtlich mancher tibernatiirHcher 
0£fenbarungen anzunehmen, bei denen desswegen, weil sie 
(iber dem gewohnlichen Bereich der menschlichen Sprache 
liegen, auch eine Mithiilfe Gottes bei Abfassung der be- 
treffenden Ausdrticke zur Sicherheit des Glaubens noth- 
wendig erscheint. So ist das eorl in den Einsetzungs- 
worten des hi. Abendmahles ganz gewiss dem hi. Geiste 
zuzuschreiben, insofem er dem hi. Schriftsteller die Ka- 
tegorie der Identit&t als die einzig wahre erscheinen 
liess. Das Namliche gilt von dem erhabenen Namen 



1) Ex. V, 1.: „Daniach gingen Moses and Aaron zaPharao and 
Bprachen: So spricht der Herr, der Gott Israels: lass mein Yolk 
laehen, dass es mir opfere in der Wilste/* 

Kaulen, Oesohiolite der Vnlgftto. ^ 



— 50 — 

Gottes Ex. UI, 14. Abgesehen von dieseD beiden F&Deii 
kann bei Abfasaung der biblischen Schriften die Gnade 
der Inspiration auch indirect nicht anders anf die Wahl 
des Ausdmcks gewirkt haben, als insofem gr6ssere Elar- 
heit der Anschauung immer einen dentlicheren Ausdruck 
m^glich macht, die Erleuchtung des hi. Geistes abereine 
gr5ssere Elarheit bewirken musste. Im Uebrigen sind die 
hi. SchriftsteHer bei Abfassung des sprachlichen Ausdrucks 
ganz anf menschliche Weise verfahren, nnd ihre Freiheit 
ist dabei nnr durch die individuellen und geschichtlicheii 
Umst&nde beschr&nkt gewesen, denen jeder Schreibende 
Oder Redende Rechnung tr&gt. Jede andere Annahme 
lanft den an der Sprache gemachten Beobachtnngen zn- 
Wider ^). Die hi. Schriften selbst aber liefem fiir eine 



I) Vgl. 8. Agobardi Lib. adveraus Fredeg. C. XH: apparet 
eiiamy quod ita sentiaHa de propheHs et apastolts, til n<m aoium 
sensum praedieationis et modos vd anrgtmrnta dietionmn Spiriiua 
sancha eis inapiraoerit, sed etiam ipsa corporalia verba extrinsecua 
in ore iUorum ipse formaverit Quod si ita sentitis, quanta absur- 
ditas seqttetur, quis dinunCerare poterit ? et in primis quidem, ut 
caute scientiae vestrae loquamur, recordamini quod Moyses Domino 
dicatf cum se excusaret, ne ad Pharaonem mitteretuTj asserens se 
gracilis esse vocis et impeditioris linguae. Cui Dominus neqtMquam 
respondit: mentiris^ sed annuens obsecranti aii: eec e Aaron f rater 
tuus, scio quod eloquens sit; ipse erit propheta tuus; 
tu ioqueris ad eum, et ille loquetur ad Fharaonem.- A^ 
tendite^ quia, si secundum vos ipsa verba aorpordUa in ore Moifsi 
sonantia eius erant et vox quae sonabat^ g^re ergo gracilis vox? 
quare ergo impeditior sermo? Aaron erat propheta Iloysi, Moyses 
propheta Dei. Quare ergo robustior vox et expediHor sermo in 
propheta Moysi^ qumn in propheta Dei 9 If^mtgfuid et hoc vitium, 
graoilikstem scilicet vods, et linguae impeditionem SpirituS sanet^ 
tribuetis ? restat ergo, ut sieut ministerio angeNeo wx artit^iilkttd 



— 51 — 

solcfae Entstehung ihrer sprachlichen Form die deutliehsten 
Beweise. So setzt der Verfasser des zweiten Mackabaer- 
buehes alle Daten ein Jabr sp&ter an, als der des ersten^ 
bloss well er die Seleuciden-Aera von einem anderen 
Zeitpunkt an datirt, als letzterer ; diesea Gel^rauch seiner 
Freiheit hat die gottliche Inspiration nicht beschrankt. 
Wenn ferner die Evangelisten berichten woUen, der Herr 
babe den Aposteln auf ihren Missionsreisen mdglichst 
wenig mitznnehmen geboten, so gibt Matthaus diese 
Worte 80 wieder: „ihr soUt weder Gold, noch Silber, 
noeh Geld in ea^n GUrteln baben, auch keine Tasche 
auf dem Wege, noch zwei R3cke, noch Schuhe^ noch 
Stab;^^ Markus aber erzahlt: f^er befahl ihnen auch, 
nicbts mit sich auf den Weg zu nehmen, ausser einem 
Stab, keine Tasche, noch Brod, noch Geld im Giirtel, 
aber Sohlen sollten sie als Schuhe tragen und nicht 
zwd Rficke anziehen^)." Oflfenbar ist bier die Art, ein 
Mimmum auszudriicken , aus verschiedenem freiem Er- 
messen geschopft. Aehnlich verhalt es sich mit den 
Bmsetzongsworten des hi, Altarssacramentes unter der 
zweiten Gestalt Matthaus fiihrt diese so an: „diess ist 
mein Blut des Testamentes, das fiir Viele vergossen wird 
zur Vergebung der Stinden" (tout© yap eerrtv zb al^d ^ov 
rn^ (}(9t3YJxy;^, to Trepc iroXAuv enx^vyojuievov ei^ i^atv diioipzmv. 

XXVI, 28.); Markus aber hat: „diess ist mein Blut, das 
des Testamentes, das filr Viele vergossen wird" (tout^ 



formata est in ore asinae, ita dicatis formari in ore prophetarum, 
et tune taiHs eHam absurditas sequetur, ut, si tedi modo verba et 
voces perborum tteceperuni, sensum Ufnorarent, Sed ahsit tMa de* 
Urom&K^ eogiktre. Migne, Ptxtroh T, CIV, pag, 16&, 
1) Matth. X, 10. Mark. VI, 8. 

i* 



— 52 — 

coTtv rb cdiid [jlov^ rb vn^ ^ta3^>cy35 , to iy.'/yyvoutvov vukp 

TToXiwv. XIV, 24.) Lukas ferner schreibt: „dieser Kelch 
ist das neue Testament in meinem Blut, der ftir euch 
vergossen wird" (tovzq to izozYipiov -n y.<xivr} (Jia3v5)ty} ev tw 
.cdiiaxi iiov zb vmp v^jl^v e^cxuvvofxevov. XXII, 20.) Endlich 
der hi Paulus berichtet bloss: „dieser Kelch ist das 
neue Testament in meinem Blut" (touto to TioT^ptov ^ 

xoLiVYi iiaBriy.'r] k(Tziv ev tw ejexw cu^olzi, 1 Kor. XI, 25.) 

Da die hi. Schriftsteller an den betreflfenden Stellen nicht 
die Absiclit hatten, die Einsetzungsworte in der diploma- 
tisch genauen Fonn, in welcher die Kirche sie im Mess- 
kanon aufbewd.hrt hat, mitzutheilen , so ist auch ihrem 
Ermessen frei geblieben, die Fonn zu wahlen, in welcher 
Sie den wesentlichen Inhalt mittheilen wollten. Neben 
dieser individuellen Freiheit endlich ist auch die allge- 
mein menschliche Ausdrucksweise, unter deren Herrschaft 
die hi. Schriftsteller standen, und mittelst deren sie allein 
ihren Zeitgenossen verstandlich werden konnten, durch 
die Inspiration niclfit alterirt worden. Es schreiben also 
die biblischen Schriftsteller gerade wie wir vom Aufgang 
und Untergang der Sonne, ohne dass desswegen der hi. 
Geist einen Irrthum bewirkt hatte. Auch von dieser 
Seite betrachtet, ergibt sich, dass Josue, selbst wenn 
ihm das Richtige ware offenbart gewesen, das Ereigniss 
bei der Schlacht zu Gabaon seinen Zeitgenossen gar nicht 
anders erzahlen konnte, als wenn er sagte: „da stand 
die Sonne mitten am Himmel einen Tag lang." Indem 
der hi. Geist, der ihn inspirirte, diesen Ausdruck nieder- 
schreiben liess, ist tiber den wirklichen Thatbestand durch- 
aus nichts ehtschieden und der Anschauung des Lesers 
gar nicht vorgegriffen; bloss den natiirlichen Bedingungen 
der menschlichen Rede ist ihr Becht gelassen worden. 



- 53:- 

£s leuchtet von selbst ein, wie sehr ein solcher Gha- 
rakter der biblischen Schriften nicht allein der Stelluug 
des freiea Menschen zu Gott, sondem auch dem hdchsten 
Zwecke der hi. Schriften entspricht, und wie desswegen 
die obigen Ausffihrongen eine innere Richtigkeit f(ir sich 
in Ansprach nehmen. Es folgt aber weiter hieraus 
for das VerhS,ltniss zwischen Inhalt und Form eine wichtige 
Wahrheit. 1st bloss der Inhalt der hi. Schriften Gegen- 
stand der gottlichen Inspiration, und ist die diesem In- 
halt gegebene Form eine menschliche Schopfung, so kann 
die letztere auch kein wesentliches Element der heiligen 
Bticher sein. Sie hat yiehnehr nur eine relative Bedeu- 
tung, insofern sie zur Fixirung und zur Gontrole des 
Inhaltes dient; fiir den h5chsten Zweck der Bibel aber 
ist jede andere Form, als die von den Verfassem ge- 
w&hlte, ebenso gentigend, wofern sie den Inhalt unange- 
tastet l&sst. 

Diese Wahrheit filhrt zur Betrachtung der zweiten 
Thatsache, welche bei der Geschichte der biblischen 
Bticher in's Auge gefasst werden muss. Ebenso wichtig, 
als die Eenntniss von der Entstehung derselben, ist auch 
die Einsicht in die Art und Weise ihrer Erhaltung 
und Ueberlieferung. Auf den ersten Blick sollte 
scheinen, es seien hierbei ebenso ubernattirliche Vorkehrun* 
gen von Seiten Gottes nothig gewesen, als bei Abfassung 
der betreffenden Schriften; dem Glauben kOnnen ja durch 
spater eingeschlichene Irrthiimer ebenso viele Gefahren 
entstehen, als durch urspriinglich vorhandene. Dass diess 
jedoch nicht der Fall, lasst sich zuerst aus inneren Grun- 
den erschliessen. Auf dem gewohnlichen Wege mensch- 
licher Ueberlieferung ist die M5glichkeit zur Einfuhrung 
eines Irrthums viel beschrankter, als bei der ersten Ab- 



" 84 — 

fassung eines Biicbes; denn die einmal yorhaiidene Form 
bildet imm«r eiae Schutzwehr gegen Lraqgen, wie sie 
bei einem «rst abzufassenden Buche nicht vorhanden ist. 
So wie femer schon bei der ersten Aufischreibung der 
biblischen Mcher die menschliche Freiheit von Seiten 
der gdttlicben Einwirkung in ihrem unverkiirzten Rechte 
belassea worden ist, so muss diess bei der Ueberlieferung 
derselben noch viel mehr der Fall gewesen sem. Der 
biblische Inhalt ist vielfacfa der menscfalichen Erkenntnias 
unerreichbar, und zu seiner ersten Fixirung durchWorte 
ist desswegen in solchen FUllen ein unmittelbarer gott* 
licher Gnadenbeistand nothig. Die Ueberliefemng des ein* 
mal Niedergeschriebenen aber, enthalte dass^be auch 
die hSthsten tibernatlirlichen Oeheimnisse, ist ein rein 
mensdilicher Vorgang, zu dem die nattb'lichen Mittel 
des Metischen vollkommen ausreicben ; kann dieselbe docb 
ohne alles Verstandniss des Mitgetheilten geschehen. 
Endlich bringen die hei der Aufbewahrung und Ueber- 
Heferung der hi. Schriften m6glicher Wdtee eintTeten- 
den Irrtbdmer deren oberstem Zwecke durchaus oicht 
dieselbe Oefahr, Yfie trrthlimer un Geiste des ersten 
Sclmftstelt^s. Der Sicfaerheit des Glaubens ist genug 
gesckelien , sobald nor die Moglichkeit offen bleibt, 
dass etwaige Iittbtlmer in den hi. Scbriften durch mensch- 
liches Versehen eingetreten sind. Ja es darf die Be-r 
hauptung gewagt werden, dass es dem Wesen des Glau- 
bens tind der Beli^on gerade entspreche, ein Mittel, zu 
dem menschliche BeihQlfe gewShlt worden, auch insoweit 
der menschlicben Unvollkommenheit zu unterwerfen, als 
der hOchste Zweck der Religion dadurch nicht beein- 
trichtigt wird. Letzterem geschieht kein Eintrag dureh 
fehlerhafte Ueberliefemng, well die Menschen, durch welche 



— 56 — 

die Ueberlieferong gesdbieht, an sich keiiie ftadere Aucto^ 
rit&t^ als ihre rein menschlicbe, besitzen, w&hrend die 
Verfasser der biblischen Btlcher eine hShere Sendung 
batten und desswegen zn ihrer Auctorit&t die Freiheit 
von IrrthiuB beduriten. 

Wicbtiger nocfa ist ein tasserer Grund. Die hi. Schrift 
ist zar Erreichung des Zweckes, dem sie dient, niefat 
das einzige, ja nicht einmal ein nothwendiges Mittel. Die 
Besellgung des Menschen viehnebr, zu welcher der Glaube 
an die bibtiscbe Offenbarung erforderlich ist, wird durcb 
eine positive Anirtalt Gottes auf Erden bewirkt. Im Altep 
Bunde wax diess die Synagoge, im Neuen Bunde ist es 
die cbiistlicbe Kirqhe. Die Eirche hat den Beruf , alle 
Mittel, wodi^ch die Menschen ihrem letzten Ziele ent- 
gegengefOhrt w^den konnen, in Anwendung zu Inringen, 
and hierza geb($rt auch die Serge fiir die richtige Ueber- 
mittelung des geschrieben^ Gotteswortes. Mit der Ein- 
jTichtung d^r Kirche also <oder der Syns^oge des Alton 
Bimdes) ist jede'andere tlbematflrliche Sorge fiir die hi. 
Schrifteaa db^iissig geworden, und von dieser Wahrhejt 
BMSgdhend , nah«i :die Sjrnagoge und ninunt aUfOh die 
Eirche das Aufsichtsrecht tiber ^ richtige Fortf^nzung 
der bibUsi^hen .9u(^r liir sieb in Anspruoh. Es liegt 
nun im Wesen dieser dQpyelt^ Gnadenanstalt, 4ai9s sie 
zunachst fiber die ]?elig|6sen« d* b. den Glaubon und d^ 
Sitten betr^enden MittheUuQgen d^r S^ift zu w^i^h^n 
hat. AUein desswegen kann die Eirche die natiiiiiohea 
Mittheilungen in der Bibel nicht ohne Weiteres j^msg^beoi. 
Insoweit letztere vielmehr den n&mlichen gottUchen Ab- 
fiii^ten, wie auch die reUgidsen Wahrheiten, dienen, so 
unterliegen sie zweifelsohne der Aufsicht einer Anstalt, 
wekshe die gdttlichen Absichten verwirklich^n soU. Ferner 



- 56 - 

ist eine Scfieidung zwischen religi5ser Offenbarung and 
nattirlicher Mittheilung an unz&hligen Stellen der hi. 
Schrift gar nicht mSglich; die Kirche kaiin daher die 
Controle auf dem ihr zustandigen Gebiet nur austlben, 
indem sie den gesammten Inhalt der hi. Schriften ihrer 
Beaufsichtigung nnd Bewahrung unterzieht. Nur ist die 
Kirche nicht immer in der Lage gewesen, diese in ihr 
lebenden Grundsatze anzuwenden. In Wirklichkeit ist die 
hi. Schrift, zumal die des Alten Testamentes, an die Kirche 
ia einer fertigen und feststehenden Gestalt herangebracht 
worden, in der dieselbe ohne ihr Zuthun tiberliefert wor- 
den. Wenn die Kirche in solchen Ffillen nachtraghch 
ihr stillschweigendes oder ausdrtickliches Urtheil abzugeben 
hatte, so mussten bei demselben auch ftussere RtLcksichten 
in Betracht kommen. Grtinde der Zweckm&ssigkeit oder 
Nothwendigkeit konnten die Kirche wohl veranlassen, sich 
mit der richtigen Ueberlieferung des wesentlichen Inhaltes 
zu begntigen, auch wenn in unwesentlichen Dingen (wo- 
zu selbstverstHndhch nur nattirliche Mittheilungen gehdren 
konnen) die Treue der UeberUeferung zweifelhaft war; 
die Ermittelung der hier gewdnschten menschlichen Sicher- 
heit blieb der Wissenschaft. 

Hinsichtlich der Ueberlieferung von inspirirten Schrif- 
ten kommt auch das Yerhaltniss zwischen Inhalt und 
Form wieder zur Sprache. Bei Entstehung der biblischen 
Bticher trifft der g5ttliche Gnadenbeistand direct und un- 
mittelbar den Inhalt, erst in zweiter Linie auch die 
Form; bei Ueberlieferung der hi. Schriften bezieht sich 
Treue wie Fehlerhaftigkeit direct und unmittelbar auf 
die Form, und erst durch diese in secundSrer Weise auf 
den Inhalt. Mfissen daher diejenigen Yorkehrungen, 
welche zur zuverlassigen Uebermittelung der hi. Schriften 



— 67 — 

tLberhaupt anzuwenden sind, sich auch auf die Form er- 
strecken, oder kann letztere als ausserwesentlich betrach- 
tet werden, sobald die richtige Vermittelung des Inhal- 
tes gesichert ist? Dem rechten Yerhaltniss kann nur 
entsprechen, dass der Inhalt, nicht dass die Form einer 
Beaufsichtigung unterzogen wird. Der letzteren muss 
unter alien UmstSuden ihr Gharakter als der eines rein 
menschlichen Productes gewahrt bleiben, und dieser Gha- 
rakter bringt es mit sich, dass sie selbst alterirt werden 
kann, ohne dass der Inhalt dadurch irgend eine Ein- 
wirkung erfuhre. Diess erf&hrt jedoch eine Beschr^nkung. 
Ist auch der sprachliche Ausdruck Sache der menschlichen 
Freifaeit, so kann doch der Gebrauch dieser Freiheit nur 
ein vemiinftiger sein. Die Yemunft aber l&sst uns 
zwischen dem gedachten Inhalt und der gesprochenen 
Form, wenn auch keinen nothwendigen, doch einen ana- 
logen Zusammenhang erkennen, und die Wahl und 
Bestimmung des Ausdrucks ist desswegen durch einen 
bestimmten 6rad der M5glichkeit beschrslnkt. Man kann 
sich tiber eine gewisse Grenze im Ausdruck nicht ent* 
femen, ohne auch den Inhalt zii beeintr&chtigen. So 
kdnnte der erste Vers der hi. Schrift auf mancherlei 
Weisen dberliefert werden, unter denen, was den Inhalt 
betrifft, dem Ueberliefemden voile Freiheit zusteht. Statt 
„im Anfang schuf Gott Himmel und Erde^^ k5nnte es 
heissen : „die Zeit begann mit der Schopfung Himmels und 
der Erde,^^ oder: „beim Beginn der Zeit ward von Gott 
Himmel und Erde aus Nichts hervorgebracht;" denn hier 
wird an dejn Inhalte des Verses nichts geHndert. Wiirde 
aber durch die Weise der Ueberlieferung entweder an 
dem Stoffe, oder an der Form des Gedachten etwas geftn- 
dert, so w&re diese Weise ungenUgend und unzulftssif. 



— 68 — 

Dieses ware der Fall, wenn z. B. gesagt wOrde : i^iai Ao- 
fang schuf Gott das Firmament und die Erde;^^ deim hier 
wSre stofflich statt des Begriffes „HimmeP^ ein aoderer 
gesetzt, und desswegen bezeidmete dann auch „Erde^^ nicht 
mehr denselben Begriff. Femer, wenn es hiesse: ,,6eit 
dem Anfang schafft Gott Himmel und Erde,^^ bo w&re in 
zwei wesentlichen Stticken die innere Form des Gedachtep 
geEndert, und desswegen kdnnte dann die Ueberfieferung 
keine zuverl&ssige mehr sein. Nun gibt es Begriffe, fOr 
welche die sprachliche Bezeichnung unter alka Menschen 
so popul&r Oder so enge umschrieben ist, dass von dem 
^inmaligen Ausdruck keine Abweidiung ohne Aenderung 
de^ Inhaltes gedacht werden kann. Vcm dieser Art i^t 
z. B. der Begrifif des Seins , der Identitat und fihnlicbe. 
Wenn also von irgend einer Seite ^mf treue Ueberliefening 
ctes Inhaltes gedrungen wird, so muss in solchen StCLckeii 
auch die Unverletzlichkeit des Ausdrucks beansprucbt 
werden. Allein jedes biblische Buch macht ein Gaoxes 
fiir sich aus, in dem das Einzelme bald mehr, bald weni- 
ger miteinander verwachsen ist , und was immer hier der 
peculation Auch als mo^ch erscheinen mag, iftoralischer 
Weise hleibt eine Aussonderung dessen, was keine Aende*- 
rung des buohstS^blichen Ausdrucks erleiden kann, you 
dem, was eine sokhe zuUsst, unthunlich und unnusfttlirbar. 
Zur Yerwirklichung der kirchlicben Controle bietet aich 
daher kein anderes Mittel dar, als dass von den biblisdieA 
Bftchem irgend eine Form, welche nach dem Urtheil dar 
Sirche deren religiSsen Inhalt treu und voUstandig bewAhxl; 
in ihrem gaausen Tenor als unverletzlich bezeichnet wird. 
Indem die Kirche diess thut, erkl&rt sie die vorhanden^ 
Fcttm fiilr die Erkenntniss der religiosen Wahrheiten, in 
rjebus fidei et monm^ als eine zur Ueberiiefermig derselb90 



— 69 — 

geeignete, vidA als die ein^ la^i^iiclie uad zul&ssige; la 
Bezug auf alles Andere aber erklart sie die Form bless 
fiir stabil, so me sie dieselbe flberkommen hat, ohue iiber 
d^en iimere Berechtigiuig ein Urtheil zu fallen. 

Hier muss numnefar einem Einwurfe begegnet werden^ 
der aus den hi. Schriften selbst genommen wird. Die 
Offenbanmg des bl. Johannes und mit ihr die gesammte 
hi. Schrift tragt nftmlieh den branerkenswerthen Schluss* 
satz: ^lefa bezeuge jedem, d^ die Worte der Weissagung 
dieses Bodies h6rt : wenn jesiiaiid etwas hinzuthut, auf den 
wird Qott alle die Plagen legen , die in diesem Buche ge- 
sehrieben sind. Und wenn jemand von den Worten de^ 
Bnches dieser Weissagung hinwegthut, so wird Gott sein 
Theil hinwegthun vom Buche des Lebens und von d^ U. 
Stadt und von dem, was in diesem Buche geschrieben ist ^)/^' 
Hier wurde wohl bloss an den Inhalt, nicht an die Form dea 
hi. Baches gedacfat werd^ mussen, wenn nicht eine andere 
Stelle uns nafae legte, dass der Herr gerade um des h^ 
haltes wilten die Form der biUisehen DarsteUang gewahrt 

4 

wissen will. In setnen Beden bei Matthftus heisst es nam^ 
lich sehr nachdrdcklich : ^Wahrlich sage ich euch, bis 
Hinmel und Erde vergangen sind, soil nicht ein Jota oder 
ein Hakchen aus dem Gesetze schwinden, bis Alles ge- 
scbehen kit ^).^^ Die Stelle heisst indessen, um etwas be? 
reite Gesagtes zu bestatigen, bei Lukas anders: ^,Leicht^ 
ist ea, dass Himnel und Erde vei^eht, als dass vom Qer 
aetze ein Hakehen ausfiele ^y Diese doppelte Form eiaep 
and deaseiben Ausspruehes bildet an sich schon einen Pro- 
teat igegen die Deutung, die dt^ Stelle bei Matthius «er 
geben werden kHimite. No<^ mehr zeigen an beiden Stelteji 



1) Offenb. XXn, 8. 2) Matth. V, 18. .8) Luk. XVI; If. 



— 60 — 

Sinn und Zusammenhang, dass nur vom Inhalte, nicht von 
der Wortform der alttestamentlichen Offenbarung die Rede 
ist. Denn unmittelbar vorher ist bei Matth&us erw&hnt, 
dass der Herr das Gesetz und die Propheten nicht auf- 
heben^ sondern erfOllen woUe. Hier ist offenbar an eine 
Verwirklichung der thatsaehlichen Vorbilder des Alten 
Testamentes zu denken, und diess kann nur auf den In- 
halt, nicht auf die Buchstab^form des Alten Testamentes 
bezogen werden. Gleich nachher erklart der Herr aueh 
in diesem Sinne die von ihm gebrauchten Ausdrflcke „Jota^^ 
und „Hakchen": „wer also eines dieser kleinsten Gebote 
aufhebt^^ u. s. w. Beide Bezeichnungen sind denmach nur 
bildlich vom Inhalte zu verstehen. Viele Jota's und viele 
Hakchen und viele Worte und noch mehr kann vom Ge- 
setze weggenommen werden, ohne dass desswegen das Ge- 
ringste am Gesetze sejbst getodert wtirde. Dem entsprechend 
ist auch das, was der hi. Johannes von seiner Offen- 
barung sagt, zu verstehen. Auch hier gilt also, was der 
Apostel sagt: „Der Geist ist es, der lebendig macht, der 
Buchstabe t5dtet." Jene Behandlung der hi. Schrift, welche 
die Buchstaben zSblte und einen Zaun um das Gesetz zog, 
damit kein Jota daraus entschlupfen kOnne, stammt nicht 
aus der Absicht Jesu und seiner Apostel, sondern aus dem 
Geist, der ErausemUnze und Anis und Eiimmel nach dem 
Puchstaben des Gesetzes verzehntete, aber das Wichtigere 
des Gesetzes, die Gerechtigkeit, die Barmherzigkeit und 
den Glauben vernachl9.ssigte ^). Es ist vielfach die Meinung 
verbreitet, eine solche ^ngstliche Sorge um den Buch3taben 
der hi. Schrift sei zur Zeit des Alten Testamentes im Ju- 
denthum die gewShnliche gewesen; in Wahrheit aber sind . 



I) Matth. XXni, 23. 



— 61 — 

schon zur vorchristlichen Zeit, so lange das Judenthum 
noch ein lebendiges und lebengebendes Institut war, in Be- 
zug auf die Aufbewahrung und Ueberlieferung der hi. 
Schrift alle jene Grunds^tze in Anwendung gekommen, von 
denen bereits oben die Rede war. Im Neuen Testament 
ist es nicht anders ; und so soil nun die Geschichte des 
Bibeltextes im Einzelnen nachweisen, dass die hi. Schrift 
in der Gestalt, wie sie uns heute vorliegt, nur ein Resul- 
tat von der Wirksamkeit dieser n&mlichen Grunds&tze 
bildet. 

Es erscheint als eine eigenthtimliche Zulassung Gottes, 
dass die aus der Hand der betreffenden Yerfasser geflosse- 
nen Originalien s§,mmtlich verloren gegangen sind^). Wir 
besitzen keinen einzigen Urtext mehr, sondem bloss Ori- 
ginaltexte, d. h. Abschriften der Autographen ^). Durch 
diesen Umstand ist von vomherein eine sklavische Ueber- 
lieferung der ursprdnglich gew&hlten Form unmOglich ge- 
worden; denn nur die Urtexte k5nnten die hierzu benSthigte 
Gontrole liefem. Ein solcher Verlust w^e gewiss nicht 
eingetreten, wenn zwischen der sprachlichen Form und dem 
Inhalte der biblischen Schriften ein nothwendiger Zusammen- 
hang gedacht werden mfisste; denn in diesem Falle wtbrde 
ebenso Gottes Vorsehung, als menschliche Yorsicht die 
Erkenntniss der richtigen Form durch die Erhaltung der 



1) Ygl. Tieffensee de Autographarum Bibliarum Jaetura rei 
christiauMe et innoxia et utili. Hdlae Magdeb, 1743, 4, 

2) Ueber das Schicksal der biblischen Autog^raplien ist nicbts 
bekannt. Dass die Urschriffc des Pentateuchs noch unter Josias 
vorhanden gewesen, kann aas 2. E5n. XXII, 8. 2. Ghron. XXXIY, 
14. nicht gefolgert werden. Fflr die Aechtheit der in Yenedig and 
Prag ge^eigten lateinischen Brachstticke aas dem Eyangeliam det 
hi. Markas l&sst sich nichts Beweisendes vorbringen. 



— 68 — 

nothwendigen Mittel gewahrt haben. Ddss aber jeser Z^- 
sammenbang auf beiden Seiten nur gemass den in der 
Sprache liegenden Grenzen bemessen worden ist, dsdm 
gibt die hi. Schrift selbst zuverlassige Anhaltspunkte. 
Zwaj' kann hierbei, wie spater zu er5rtern sein wird, der 
hentige Text unserer hi. Schriften nur in beschraid£tei& 
Mass als Erkenntnissmittel dienen ; aber auch so aoeh be- 
sitzt er geniigende Beweiskraft. Es sind zuerst im Alteni 
Testamente manche Textstiicke zweimal mitgetheilt*^), und 
zwar so, $lass sie zu verslchiedenen Zeiten aufgezeielmet 
e^chemen. Hierdurch ist ein Massstab gegeben, fiber die 
Attfbewfthrung der betreffenden TextstUcke zu urtbeileD. 
Das wichtigste Stiick dieser Art ist das LoUied D^^vids 
nach Besiegung aller seiner Feinde, das zuerst im aweiten 
Bitch Samuels (Gap. 22.) gelegentlich seiner Kntstehunlg 
mitgetheilt wird. Dieses Lied wurde spater auch in die 
erste Sammlung der Psalmen au^enommen, die das Ge- 
isangbdeb {fix den salomonischen Tempel bildete. Wie lange 
Zeit zwisehen der ersten Aufzeichnung und dieser Einfii- 
gang yerftossen sein mag, ist unbekannt; ebenso wenig 
Iftsst sieh ilber die Treue, in welcher die bdden jetz^^ 
Texte den ursprtinglichen Redactionen entsprechen, etwaa 
Sicheires erschbesaen; aber auch so noch lehrt die Yer- 
gieichung ders^ben^ dass man Bkk bezti^ch der Form 
eine grosse Freiheit gestattet hat und nur auf die Ueber- 
lieferung des Inhaltes bedacht gewesen ist. Im Buch Sa- 
muels tragt der Psalm alle Eennzeichen alterthtimlichen 
Sprachzustandes : archaistische Worter^ yeraltete Formen^ 



mw w 



I) Eim Tolistftiidiges Yefaeiehnifls dieter Texta a. bei Bdtteher, 
AwftiiriieliM Lehrtrack der hebr&ificlLen Spraehe. Erster Baii4. 
Erste Haifte. LeJ^sig 186§-. & Sd. 



— 68 — 

knappe Rechtechreibung, sprungweisen, unvermittelten Fort- 
scbritt der Gedanken. Im Psalter dagegen ist AUes einer 
sp&teren, h5fiscben Sprache angepasst: fOr die alten, poe- 
tisehen Aasdrficke sind neuere, leichter verst&ndliche ge- 
wfthlt, die altfrfinkischen Formen sind entfentt, die seripHo 
plena ist vorgezogen, die Gedanken sind durch BindewOrter 
Mbsch in Zusammenhang gebraeht; dadurch ist die Rede- 
fbnn concreter und verst&ndlitber , obwohl viel weniger 
dichterisGh und plastisch geworden. Auf solche Weise 
lassen sich zndschen den beiden Texten in einundftinfzig 
Yersen nicht weniger als ffinfundneunzig Yerschiedenheiten 
aufweisen. Es zeigt sich hieraus, dass die Psahnen gleich 
onsem Kirchenliedem ^) als Eigenthmn der Gemeinde an** 
gesehm waren, welche sie sang, und dass das Yolk diesel- 
ben jedesmat aus lebendigem Sprachgefilhl in die Form 
kleidete, welche dem jeweiUgen Bildungs- und SprachzH- 
stande estsprechend war. So wie nun bei uns nidit teidit 
zwei Gesangbiicher ausfindig gemacht werden kdnnen, in 
denen ein und dasselbe Lied textualiter identisch geblieben 
w&re, so ist aueh zu alttestamentlieher Zeit bei aller Treue 

1) FtLr unsere Eirchenlieder liefern die Sammlungen von Hoff- 
mann, Wackernagel und Eehrein ganze Reihen von Texten, die ein 
und dasselbe Gedicht in den verschiedensten Formen darstellen. 
Als Beispiel mdge die ersle Strophe anS' einem seto bfkannten 
Weihnachtslied dienen. Dieselbe heisst bei Bone, Cantate Kr. 86.: 

Mit sussem FreudenhaH 

Nun singet uberalll 

Denn unseres Hersens Wonne 

Liegt in dem HirtenstaU 

Und leuchtet als die Sonne, 

Ein kleines Eind zumal, 

Der Herr der Welten all^ 

Der Herr der Welten aS ! 



— 64 — 

hinsichtlich des Inhaltes doch die Behandlung der 'Form 
in den liturgischen Bestandtheilen der hi. Schrift eine 
h5chst freie und lebendige gewesen. 

Von der Art und Weise, wie die hi. Schrift in der 
Synagoge behandelt worden ist, hat auch noch das Neue 
Testament ein merkwtirdiges Beispiel aufbewahrt. Bei 
Matth. II, 6. fiihren die Hohenpriester und Schriftgelehrten 
dem Konig Herodes folgende Stelle aus dem Propheten 
Mich^as an: „Und du, Bethlehem, Land Juda, bist keines- 
wegs die kleinste unter den Ftirstenstadten Juda's, denn 
aus dir wird der Ftirst hervorgehen, welcher mein Volk 
Israel leiten wird." Nach der Meinung der hi. Vater hat 
der Evangelist die Stelle so wiedergegeben , wie die jildi- 
schen Theologen sie Herodes mitgetheilt haben. Da nun 
die Mittheilung ein an hOchster Stelle abgegebenes offi- 
cielles Gutachten bildet , so lasst sich hieraus am Besten 
ermessen, welche Wichtigkeit die Synagoge damals dem 
Buchstaben der hi. Schrift beigelegt haben wird. Nun fin- 
det sich jedoch die betrefifende Stelle ebenso im masore- 
thischen Text, als bei den Siebenzig, in anderer Form vor. 
Dart heisst sie: „Und du, Bethlehem Ephratah, zu klein, 
um unter den Tausenden Juda's zu sein, aus dir wird Einer 



Im funfzehnten Jahrhandert hiess diese Strophe: 

In dulei itibilo 

nu singet und seit fro ! 

dller tmser toemne 

leit in praeaepio; 

sie leuchtet vor die sonne 

matris in gremio, 

qui est a et o ! 

qui est a et o! 
(V^ackemagel, Altd. I^eseb. 4. Mfl- S. U770 



— 65 — 

hervorgehen, der in Israel herrscht;" bei den Siebenzig aber: 
„Und du, Bethlehem, Haus Ephratah, zu klein bist du, am 
unter den Tausenden Juda's zu sein. Aus dir wird Einer 
hervorgehen, um zum Herrscher in Israel zu werden." 
So folgt denn aus dieser Vergleichung, dass nach der An- 
schauung derjenigen KSrperschaft, welche in der Synagoge 
zu Christi Zeiten die Aufsicht aber die hi. Schrift ausllbte, 
nur der Inhalt derselben unverletzlich war, und dass hin- 
sichtlich der Form diejenigen Aenderungen zulassig er- 
schienen, welche den Inhalt nicht beeintrSchtigten. 

Noch allgemeiner tritt die Wahrheit von der unwesent- 
lichen Bedeutung des sprachlichen Ausdrucks bei denjeni- 
gen Schrifttexten hervor, die aus dem Alien Testamente 
in's Neue hiniiber genommen sind. Die neutestamentlichen 
Schriftsteller batten bei solchen Anflihrungen, die in grie- 
chischer Sprache zu machen waren, die Wahl, entweder 
selbst aus dem Hebraischen zu ttbersetzen, oder sich der 
bereits vorhandenen Septuaginta-Uebersetzung zu bedienen. 
Es ist nicht unm5glich, in manchen einzelnen Fallen nach- 
zuweisen, dass sie entweder das Eine oder das Andere 
vorgezogen haben. Allein nur hochst selteu sind die FftUe, 
in denen sie die Stellen des Alten Testaments wSrtlich 
wiedergeben; meistens begniigen sie sich damit, den 
wesentlichen Inhalt der betreflfenden Textesstellen mit 
ihren Worten zu reproduciren. Diese Freiheit im Gebrauche 
des Ausdrucks geht so weit, dass sie nicht selten zwei 
Stellen ahnlichen Inhaltes miteinander verschmelzen oder 
auch nur nach ganz aUgemeinen Anklslngen etwas als 
Schrifttext anfiihren, das in der Schrift selbst nirgend 
zu finden ist. Beispiele von all diesen verschiedenen An- 
fQhrungsweisen sind folgende. Das Gebot der Gottesliebe 
heisst Matth. XXII, 37., Mark. XU, 30., Luk. X, 27.: „Du 

K»ulen, Gtsohichte der Vulgat^. g 



— 66 — 

soUst den Herm deinen Gott liebeu aus deinem ganzen 
Herzen und aus deiner ganzen Seele und aus deinem gan- 
zen Qemiithe/^ Dies ist nach dem hebraischen T^t von 
Deut. VI, 5. citirt; dort aber steht: „Du sollst den Herrn 
deinen Gott lieben aus deinem ganzen Herzen und aus 
deiner ganzen Seele und aus alien deinen Eraften/' Der 
Ausdruck „aus deinem ganzen Gem^the^^ stammt aus der 
Septuaginta, die denselben statt des anderen „aus deinem 
ganzen Herzen^^ gebraucht. Mattb. XI, 10., Mark. I, 2.^ 
Luk. VII, 27. wird eine Stelle ausMalachias so angefdbrt: 
,,Siehe, ich sende meinen Engel vor deinem Angesicht, der 
deinen Weg vor dir bereiten soil." Im hebraischen Text 
steht dafiir ebenso, wie in der Septuaginta: „Siehe, ich 
sende meinen Engel, und er tiberschaut den Weg vor mir." 
Rom. IX, 33. fiihrt der Apostel aus dem Propheten Isaias 
an: „Sieh, ich setze in Sion einen Stein des Anstosses 
und einen Fels des Aergernisses, und jeder, der auf ibn 
traut, soil nicht zu Schanden werden.^^ Dieses Citat ist 
aus zwei Stellen des Propheten zusammen gezogen: Is. VIII, 
14. steht namlich: „Er soil sein . . . zum Stein des An- 
stosses und zum Fels des Aergernisses ftir die beiden 
Hauser von Israel;" und XXVIII, 16.: „Siehe, ich setze 
in Sion's Griinde einen Stein, einen bew&lurten Stein, einen 
k(^stlichen Eckstein, der fest im Grunde liegt; wer glaubt, 
hat nicht zu eilen!" Aehnlich wird Apgsch. XIII, 22. als 
Schriftstelle angefiihrt : , Jch babe David, den Sohn Jesse's, 
als einen Mann nach meinem Herzen gefunden, der aUen 
meinen Willen erftillen wird;" die Stelle besteht aus den 
vereinigten Worten von Ps. LXXXIX, 20. und 1. Sam. 
Xni, 14. Von dem Aufenthalt Jesu zu Nazareth sagt 
Matth. U, 23.: „Dies ist geschehen, damit erfiillt wtirde, 
was durch die Propheten gesagt worden, dass er ein Nar 



— 67 — 

zsaeHer heissen soUe/^ An keiner Prophetenstelle ist dies 
aosdrucklich gesagt, wohl aber findet sicb an manctaen 
SteUen, wie Pa. XXII, 6., LXIX, 9. 10., Is. LU, u. LIU., 
Zacb. IX, 12. die Niedrigkeit und Demutb des Heilandes 
gescbildert, und nur den allgemeinen Inhalt dessen, was 
,^die Prapheten^^ gesagt, kleidet bier der Evangelist in 
Worte, die demsriben entsprecben ^). 

Dem Vorgange der neutestamentUehen ScbriftsteHer 
entspriebt anch die Anscbanung der Utesten Kirebe, wie 
sie sieb in den Sdiriften der Vat^ aus den ersten 
Jabrfaunderten offenbart. Diese baben bei ibren An- 
ftthrungen aus der bl. Scbrift nur sebr selteu zu wort- 
licbem Nacbsehlagen ibre Zuflucbt genommen, sondern 
gew5hnlicb aus dem Gedaebtnisse, mitunter ganz frei 
und in blosser Acconmiodation die Scbriftworte vorgebracht. 
Um mit den apostoliscben Vatem ' zu beginnen , so. be- 
gegnen sieb diese, wie es nicbt anders sein kann, sebr 
oft in Ausdrdcken und ganzen Batzen oder in Reminis- 
cenzen mit den bl. Scbriften, und die Ausgaben ibrer 
Sebriften baben desswegen eine fortlaufende Verweisung 
anf Scbriftstellen unter dem Teste; und docb lasst sieb 
eini9 bttebstabUcbe Citation des Scbriftwortes nur sebr 
selten bei ibnen nachweisi^. Beim bl. Clemens von Rom 
und bei Hennas ist dies an keiner einzigen Stellemog- 
licb, in dem Brief Bamaba an einer, beim bl. Ignatius 
an einigen, die aus dem Ged&ebtniss wiederholt sind; 
n«r beim bl. Polycarpus werden vier Scbrifttexte wort- 
liqb angefilhrt, Aehnlieb verbalt es sieb mit den Gi- 
taten der ScbriftsteHer aus dem zweiten Jabrbundert. 
Aus Papias' Scbriften ist nur eina einzige Stelle bekannt. 



!■ ■»■ ! 



1) Yiele &bnlicbe Beietpiele s. Capefli Crit. sacra L, IL 

5* 



— 68 — 

welche w5rtlich aus dem Neuen Testament herflberge- 
nommen ist; mehr dagegen findea sich bei Irenftus, 
Athenagoras, Justinus ; ob Ptolemaus und Heracleon \7irk- 
lich einige Stellen des Neuen Testamentes w5rtlich haben 
anftihren woUen, lasst sich nicht bestimmen '). Bei den 
spateren Kirchenschriftstellern ist's nicht anders. Oft 
wird die Freiheit im Citiren schon dadurch oflfenbar, dass 
dieselbe Stelle mehrmals auf ganz verschiedene Weise 
angeftihrt wird. Ftir alles, was bier zn sagen w&re, m5- 
gen einige Beispiele gentigen. Matth. Y, 28. sagt der 
Herr: „Jeder, der ein Weib ansieht, um sie zu begehrra, 
der hat schon mit ihr in seinem Herzen die Ehe ge- 
brochen " (7r«s d (SXeTrwv yuvaivta Trpo? zb kiztBuixfitTai auriiv, 
adin kiJLoi'/e\j(jz'u oLvrhv ev z9i 9toLp$ioi layroO). Diese Stelle 
citirt Clemens von Alexandrien f olgendermassen : Strom. 
IIIj 14, 94,: „Jeder, der ein Weib ansieht, um zu be- 
gehren, der hat schon mit ihr die Ehe gebrochen." 
(nag b pXsTTwv yuvatxa npbq tb iTxi^}j(xfi(Toii^ Hdn efjtoi'xey^v 
oLXJTfiV') ib, IV, 18. 116.: „Ich aber sage, wer auf ein 
Weib sieht aus Begierlichkeit, der hat schon die Ehe 
gebrochen;" (eyw $t Xeyw, b i^i^yi^oLg vri yuvatxi izpbg etti- 
&u/xt«v, Yidn ^tfjLoix'S'^TLtv.) ib. II, 4. 50.: „Wer aus Be- 
gierlichkeit umschaut , der hat die Ehe gebrochen ;'* 
(b iAJjv 'Kpbq e7rt&U|w«v, *e|txotxei^oBv) ib. II, 14. 61. f „Wer 
aus Begierlichkeit anschaut, wird gerichtet;'' (6 ktx^U^aq 
npbg e7rt5ujuiiav xpiverui) ib. II, 15. 16. i „Wer begehrt, 
der hat, wie geschrieben steht, die Ehe schon gebrochen ;" 
(6 tT:i5vfjLri(Taq rtdn iJ.tpLoi)(tuia^ (fn<7iv) ift. Ill, 2. 8. : „ Jeder, 



1) Scholz, Einl. in das A. a. N. T. I. S. 575. Von den Citaten 
der griechischen Vater aus der Septuaginta oder der lateinischen 
aus der Itala ist in Obigem nicht die Bede. 



— 69 — 

der aus Begierlichkeit anschaut, der hat, wie der 
Herr sagt, schon die Ehe gebrochen*/^ (izAg b izpoq^Uiic^v 

v-cfx' kTtiBviiiav i^im moiyj^jtjiv , ieyei) Tded, III, 5. 33. : 

„Wer ttberfltissiger Weise, sagt der Herr, hinsieht, der 
hat schon gesdndigt^^ (b yap kix^TA^^aq^ fviai^ Trepiepydrepov 
a^, riiJLOLpztv). Die Stelle Matth. V, 36.: „Du kannst 
nicht ein Haar weiss oder schwarz machen," fohrt Ter- 
tallian de ctdtu femmarum c. 6. so an: „Wer yon euch 
kann ein weisses Haar schwarz machen, oder ein schwar- 
zes weiss ?" (quis vestrum potest capUltmi atrum ex alho 
ffu^ere aut album ex atro?) Von der Stelle Luk. VH, 
47.: „Ihre vielen Stinden werden vergeben, weil sie viel 
geliebt hat; wem aber wenig vergeben wird, der Uebt 
auch wenig," sagt Cyprian Testim. III^ 116. : „Im Evan- 
gelium nach Lukas steht: Wem mehr vergeben wird, 
der Uebt mehr, und wem weniger vergeben wu-d, der 
liebt weniger." (in evangelio cata Lucam (est), cui plus 
dmittitur, phis diligit, et cui minus dimittftur, minus di- 
ligit). Lactanz endlich legt dem Herm nach Joh. H, 19, 
die Aeusserung in den Mund : „Wenn ihr diesen Tempel 
zerstdrt, der in sechsundvierzig Jahren erbaut ist, so 
will ich ihn in Zeit dreier Tage ohne fremde Hftnde 
wieder hinstellen" (dixerat: si solveritis hoc templum, 
quod asdificatum est annis XL VI, ego Ulud in triduo 
sine manibus resusdtabo) ^). 

Filr die bisher gewonnene Ueberzeugung sprechen 
ferner die Schicksale, welche der Text der hi Schrift, 
soyreit derselbe kritisch untersucht werden kann, im Lauf 
der Jahrhunderte erlitten hat. Die Texte des Altenund 



1) AusfJlhrlichereB bei Semisch, die apostolischen DenkwUrdigp- 
keiten des Martyrers Justinus, Hamburg und Gotha 1848. S. 207 fiV 



— 70 — 

« 

<k8 Neuen Tefttamentes lieJben jeder scitie i)esiMi- 
dere Geschiehte gehabt. fiinsiclitlich der alttestamenSb- 
lichen Schriftfonn ist es die gew()hiiliche Ansieht, diesdbe 
sei dureh eine liberaus Ungstliche Sorgfalt der Juden 
ver jeder Ver&ndenmg selbst im klemsten Buchstabeii 
sorgfaltig bewafart und uns in demselben Zn^^nde, wie 
sie ursprttnglich gewesm, abeiiiefert worden. Diese Mei- 
mmg beruht auf ein^ Verwechslung. Allerdings ist der 
Text des A}ten Tesfiamentes seit dem seohstten oder sie- 
benten Jahrbundert unserer Zeitrechnung voUkomnsen 
^bil gewarden, so dass sicb in zwdlf Jahriiunderten 
keine aennenswerthe Aendentng mit demselben zngetra- 
g^fi hat. Um jene Zeit nmiich haben gelehrte Juden 
des Morgenlandes , die sogenannten Masoretiien, dordi 
allerlei Zuthaten unter, liber und in don Text Vorkdmin- 
gen getroffen, dass tiber die damalige Beschaffenheit des- 
sdben furderkin kein Zweifel mehr entstehen konne. 
Kritisdi festgestellt haben die Masorethen den Text nicht, 
sondem bloss Mittd ^rfimden, ihn in der bestehenden 
Gestalt zu erhalten. Die Feststell^ng des Textes \mr 
Mhestens in den beiden ersten Jahrhunderten naeh Un- 
tergang des jlidischen Staates erfolgt; in den drd fol- 
genden war die hiermit gewonnene Gestalt dorch die Be- 
milbungen des talmudischen Judesithums traditionell 
geworden, und so fanden ihn die Masorethen vor. Wenn 
Biin aacfa seit iterer Zeit d«i^ bebndsehe Text keine Yer- 
gnderung mehr erMttea hat, so darf man doch nicfait 
ohne weitere Untersuchung annehmen, es sei auefa . in 
den zwei frUhem Jahrtausend€n nicht geschehen. Hier-* 
gegen spricht vielmehr die Beschaffenheit des uns iiber- 
lieferten Textes. Die Masorethen haben gerade dadurch, 
ditSQ sie an demselben keine Eritik Ubten, sondem ihn 



— 71 — 

mit abergl&ubificber VeFehning fixirteu uad gleicbsam 
umz&iinten, uns die Mittel gelass^, auf dessen friibere 
Schjcksale zn schliessea. Das erste Mittel hierzu ist die 
Vocalisation des Textes. Da der Text ursprlinglich ohne 
Vocalzeichea and Lesezeichen war, so versahen ihn die 
Masoiietiien mit dem zum ndktigen Lesen und Verstehea 
benothigten Apparat. Hiei^ei folgten sie der in Fal&stina 
bestehenden UeberHeferung, die, nach ihrer Versichenmg, 
noch von Moses selbst herBtammte. Obwohl die letztere 
Bebauptiuig bd dem christlichen <jhelehrten wenig Glauben 
gefonden hat, so gilt doeh die Bichti^eit der angefiibr^ 
ten Tradition hei denselben last durchgiLngig als aus- 
gemacbt. In letzter Zeit aber ist eine andere Ueberr 
zengung eingetreten. Es wurden in der Erim unter den 
Trummern einer alten Synagoge hebraische Bibelband- 
schriften gefunden, die aus dem zehnten Jahrhundert 
stammen und soinit alle vorhandenen Texte des Alten 
T^tamentes an Alter Uberbieten. Diese Manuscripte, 
jetzt zu Odessa befindlioh, zeigen eine Art von Vocali- 
sation, w6lcbe von der masorethischen ganz verschieden 
ist. Die Versohiedentaeit liegt nieht bloss in der gra- 
pMsch^ Darstellung, sondem auch in der Auffassung 
und Erklarang des vocaQosen Textes, und ftussere Griinde 
nothigen dazu, diese Art fUr alter, als die masorethische 
zu halten^). Der Glaube an diie Zuverlassigkeit derma* 
sorethischen Tradition muss desswegea der Ueberzeugung 
weichen, dass schon zn frtiber Zeit die voile Gewissbeit^ 



1) Einleitttng in das babylonisch-hebr&ische Punktationssyfitem 
von S. Pittfiker. Wien 1863. Vgl. Ftlrst, das babyloniBch-hebraische 
Vocal- und Accent-System und die babylonische JMasorah, Zeitschr. 
der D. M. G. 1864. S. 314. 



^ 'za - 

wie der consonantische Text richtig auszusprechen sei, 
abhanden gekommen \7ar. Zwar betrifft die hierdurcb 
entstandene Unsicherheit nur den unwesentlichern Theil 
des Wortgeftiges ; allein auch der wesentlichere, der con- 
sonantische Bestandtheil , ist einem ahnlichen Schicksal 
erlegen. Schon die in den ersten christlichen Jabrbun- 
derten eingetretene Notbwendigkeit, den bebraiscben Bi- 
beltext zu revidiren und endgQlti^ festzustellen, zeigt, 
dass damals binsicbtlicb der Form des Alten Testamentes 
keine Yerl&sslicbkeit mebr war. Daber auch die vielen 
Engstlicben Vorscbriften im Tahnud, wodurcb bei Ab- 
scbrift der Bibel den mdglicben Verwecbslungen vorge- 
beugt werden soil; dieselben w&ren gewiss nicbt so 
nacbdrflcklicb eingescb&rft worden, wenn die gemacbten £r- 
fabrungen nicbt dazu veranlasst b&tten. Es wtirde in der Tbat 
vom gewdbnlicben Gange der Dinge abweicben, wenn der 
Codex des Alten Testamentes bei so h&ufiger Ver- 
vielfftltigung keine Aenderungen im Text erlitten biLtte. 
Zwar warden von jeher im Tempel unter dffentlicber 
Controle officielle Abscbriften wenigstens vom Pentateuch 
binterle^. Allein in den wenigen Exemplaren, welche 
den Ftdl Jerusalems iiberlebten, fanden sich ebenfalls bei 
sp&terer Vergleicbung Textverschiedenbeiten vor, so dass 
auch diese Vorkebrung zu vollkoumien treuer Ueber- 
lieferung nicht genttgt bat^). Ueber eine Anzabl solcher 
Verschiedenheiten haben die jddiscben Textesrevisoren nicht 
endgfiltig entscbieden, und die Masoretheu haben dess* 



1) Tract Taanith fol 68. Tr. Sopherm VI, 4. S. die zweite 
dieser SteUen bei Eichhorn, Einl. in's A. T. I. §. 115. und bei 
Geiger, Urschrift and Uebers. der Bibel. Breslau 1857. S. 232. £s 
werden bier als Yarianten aufgefdhrt jij;q und nOi;;o, ^Kl^yi und 

nw, {<in und «^-l. 



— 73 ~ 

wegen die betr. Lesarten beide dem Bibeltext ge- 
sich^^); hier geben sie noch heute von dem Geschick, 
das den hebraiscben Bibeltext betroffen hat, Zeugniss. 
Das gesammte tlbrige WortgefQge wird als zweifellos ge- 
sichert dargeboten, so dass, wenn dies richtig w&re, 
die Sorgfalt der Masorethen gewiss gerechtfertigt ware. 
Allein der fiber alien Zweifel erhabene Text zeigt eine 
Itenge von handgreiflichen Verstossen, die unm5glich den * 
Yerfassern zur Last gelegt werden k5nnen, sondem deut- 
lich eine sp&tere Verschlechterung bekunden. Besonders 
viele solcher Fehler lassen sich in den parallelen Stellen 
des Alten Testamentes beobachten. So werden 2. Sam. 
XXin. die Helden aus der Umgebung Davids aufgez&hlt. 
Es stehen bei denselben V. 36. n^H ^33 n^VO rn3 a bN:i\ 
„Ighal, der Sohn Nathans aus Zoba, Bani der Gadite.'* 
1. Chron. XI. steht dasselbe Verzeichniss ; hier heissen 
die beiden Namen njlH p nnSD jn3 ^HN bxv, Joel, 
der Bruder Nathans, Mibchar der Sohn des Hagri. An 
Verschiedenheit der Berichterstattung ist hier nicht ' zu 
denken, weil die Buchstabenverwechslung gar so offen 
liegt. Num. n, 14. ist ein gewisser Eliasaph der Sohn 
Raguel's, 'psiJI, Num. I. 14. aber der Sohn Daguel's, 
VnUI- Ein als unrein erklarter Vogel heisst Lev. XI, 
14. nxi, Deut. XIV, 13. aber riN"^- Der Ort, wo Jo- 
sua begraben worden, wird Jos. XXIV, 30. rnO n3Dn> 
Bicht. n, 9. aber D'ln 'T\ genannt. Solchen Verderbnissen 
in den Eigennamen ^), die sehr haufig sind, treten eben- 



1) Dies ist durch die Einrichtong des sogenannten Eeri und 
Ghetibh geschehen. 

2) „Die Nomina propria der Geschlechtiregister wimmeln ganx 
von Schreibfehlem,^' sagt Gesenius im Hebr. WOrterb., Torr. zvac 
8. Aufl. S. 48. 



- 74 — 

sovielein den Zahlen W Seite. Nach 1. Edn. IV, 36. 
hatte Salomon vierzigtausend Fferdekrippen gehabt,. nach 
2. Chron. IX, 25. waren es nur viertausend. Nach 
2. Sam. X, 18. vemichtete David den Syrern 700 War 
gen, nach 1. Chron. XIX, 17. aber siebentausend. Hier- 
her gehort auch die bekannte Angabe 1. Sam. XIII, 1., 
Saul sei Ein Jahr alt geweiien, als er den Thrcm be- 
stieg'). Wie viele Fehler nun in denjenigen Abschnittfn 
sein mogen, zu denen es keine Parallelstellen gibt, l^st 
die Analogie nur vermuthen. Ein Verderbniss anderer 
Art findet sich Ps. GXL. Dieses Lied ist alphabetisch ; 
es fehlt aber der Vers mit j. Derselbe hat ursprUnglicb 
nicht gefehlt, denn der alexandrinische Uebersetzer fand 
ihn noch vor und iibersetzte ihn tuiot^^ xupio^ ev zolg loyou; 
ainov nai Sffiog iv Tracrtv zoU tpyoiq ai/cou ^). Solche That- 

sachen lassen keine andere Ueberzeugung zu, als dass 
der Text des Alten Testamentes, ehe die Masorethen 
sich seiner bemachtigten, mancherlei Verlmderungen unter- 
legen ist, vermuthlich mehreren, als wir nachweisen kon- 
nen. Aus dem namlichen Thatbestand geht aber auch 
hervor, dass die kritische Bef&higung derer, welche den 
hebraischen Bibeltext in seine heutige Form brachten, 
nicht gross gewesen ist^). Wenn wir nun hdren, dass 



1) Eine sehr grosae Menge solcher Beispiele s. CappdH OH- 
tica sacra, L, I, c. 3 — 11, 

2) Vermuthlich vtt^yo t^Da TDHI inDID ni-T |D«3. 

8) Man pflegt freilich zusagen, die Beibehaltung solcher Fehler 
sei ein Beweis ftlr die Qewissenhaftigkeit, womit die Juden den 
Bibeltext aherliefert h&tten. Allein ttbgesehen davon, dass diesea 
Lob doch bloss den spatem Masorethen geblihrt> so ist eine der- 
artige Gewissexihaftigkelt durchaus Hbel angebracht, wo die gesnnd.e 
Vemnjift die Anwendung der Eritik fordert. Dieser Yorwurf triffl 



— 75 — 

die jiidi«cheB Lefarer, von denen hier die Rede ist, auch 
GoBjectar^ m Bibeltext vorgenommen hB,beii, so miissen 
wir voa vornherein Misstrauen gegen. ein seiches Veri- 
fahreoi imd gegen <^e so ^ntstandenen Lesarten fassen '). 
I& der That l^sst sich in mehroren Fallen ohiie 
MUhe nachweisen, dass die Gonjectur eine offenbare Ver- 
sohlechteruBg des Textes bildet; so, wenn 1. Sam. Ill, 
13. orh statt des urgprttngHchen ^^, odenvenn Zach. II, 12. 
U^y statt ^j>j^. geschrieben wordwi ist. Bei solck^i Er- 
lahrungai wird auch das Andenken an di« oft ausge- 
sprodiene Behauptung wach, dass die Juden einselne 
SteUra der hL Schrift mss^tlich verf&lscht, d. h. 
aus bestimmten Tendenzen geandert hStten. Der Yor^ 
wurf datirt aus den ersten christlichen Jahrhunderten 
und ist auf die Auctoritat des hi. Hieronymus und Jo* 
hannes Ghrysostoinus bin oft wiederholt worden^). Ijsl 



wenigstens Eines in der Beihe derGlieder, durch welche hindur<^ 
der alttestamentliche Text in unsere H&nde gekommen wt; denn 
ijDfiier hat die Unmoglichkeit, solche Yerstdasie zu beB&em, nicht 
bestanden. 

1) Es siiiLd hier die sogenannten Tikkun Sopherim (emenda- 
tiones scribartm) rgemeint; s. dartiber Bleek, EdnLeitung in's A. T. 
S. SOS. Levy, chald, Wb. Leipzig 1868. II, 8. 553. Qeigex, Unjchr. 
S. 808 ff. Anders Welte, TftB. Q. Schr. 1848. 8. 600, der dieae 
Aenderni)^gen auf traditionelles Material und ^gewissenhafte £ritik 
sorilckftlhren wiU; noch anders Delitzsoh im <CoiQm. zu HahakiA 
I9 12. nnd Anh. Dabs aber an wirkliche Coi^ecturen aus ftusser- 
lichen Motiven zu denken ist, geht besonders aus der Absicht der 
«p&tem Juden, dies zu. yesheiailichen, henror, s. Levy a. a. 0. 8. 554. 

2) 8. Hier. Comm. in Gal III, XO, Vail p. 431. Chrys. Horn. 
5. in Matth. Am bestimmtesten spricht sich hiernher d«r iU. Har- 
tyrer Justinns aus, der im Dialog gegen Tryphon p. 169 sq. vier 
solcher Stellen ausdrUoklich bezeichnet. Seine Angaben sind nich\ 



~ 76 — 

seiner nackten Form geht derselbe vielleicht zu weit; 
dass aber die Rabbinen wiederholt, wo sie unter ver- 
schiedeneu Lesarten zu wahlen batten, die ihren An- 
sichten giinstigere wahlten, lasst sicb nicht wobl bezwei- 
fehi. An einzelnen Stellen darf man auch noch mehr 
behaupten. Fur die Weglassung z. B. von ^3 Deut. 
XXVII, 26. lasst sicb kein anderer Orund auffinden, als 
eine apologetische Rttcksicht *) ; die Aenderung von TjXD 
Ps. XXII, 17. in das abenteuerliche HND ist aus 
dem Bestreben, den Christen diese messianische Stelle 
zu entwinden, . hervorgegangen ^) ; an andern Stellen schei- 
nen die kabbalistischen Grillen der Juden zur Gestal- 
tung des Textes mitgewirkt zu haben *). So triflft mancher- 



recht wahrscheinlich. Trotzdem sollte man iiber die fragliche 
Behauptnng nicht so einfach hinweggehen, wie jetzt gebrauchlich 
ist; denn gerade Origenes und der hi. Hieronymus, die sonst die 
Juden gegen einen solchen Yorwurf in Schutz nehmen, sprechen den 
selben an einzelnen Stellen fOrmlicb aus, s. Orig, Rom, XII in 
Jerem, Hier, /. e, 

1) Der Fluch iiber die, welche nicht bei alien Worten des 
Gesetzes blieben, musste den „Mitgliedem der grossen Yersamm- 
lung," die nicht mehr das ganzeGesetz-erfiillen konnten, unbequem 
sein, und so liessen sie den Zusatz „alle" einfa<;h weg. Im sama- 
ritanischen Pentateuch steht dies aber ebenso, wie in der Septua- 
ginta, s. Kohn de Fent. Sam, p, 14, Hier, L,c. 

2) S. die betr. Anm. in Eossi, Varr, Lectt. V, T., die als ein 
Muster einer kritischen Abbandlung betrachtet werden kann. Ygl. 
Michaelis, orient, und exeg. Bibl. XI, S. 209. Delitzsch, Comm. zu 
den Ps. z. d. St. 

3) Jer. XXY, 26. steht fur das Chaldaerreich das sonderbare 
Wort TJl^l^ ; es gibt dafCtr kaum eine andere Erkl&rung, als dass es 
den'kabbalistischen Worth far ^22 x^ach der Athbasch-Regel ent- 
halte. S. Hier, Comm, in Jer,, IV, jp. 1019, Jer. LI, 1. geben die 
i»XX den merkwilrdigen Ausdruck ^^p 2'? durch x«^^«<ow$*> ^Dp 3^ 



— 77 — 

lei zusammen, urn die VerUisslichkeit des heutigen he* 
br&ischen Bibeltextes herabzudriicken. 

Hierzu kommt die weitere Thatsache, dass das 
wichtigste Buch des A. T. nicht bloss in der ma- 
sorethischen, sondern auch in &Iterer Textgestaltung vor- 
handen ist, und dass letztere von der masorethischen 
bedeutend abweicht. Den Pentateuch besitzen wir * in 
einer Recension, die sich unter den Samaritanern erhal- 
ten hat, und die mit der slltern, vor dem Exil gebrauchten 
Schrift geschrieben ist. Ueber die Zeit, wann die Sa- 
maritaner den Pentateuch m5gen erhalten haben, schwan* 
ken die Ansichten vom achten bis zum vierten vor- 
christlichen Jahrhundert; dies thut jedoch dem Beweis, 
welchen das Vorhandensein des merkwtirdigen Buches 
liefert, keinen Eintrag. SorgfWtige Untersuchungen, 
welche hinsichtlich dieser samaritanischen Recension ge- 
f&hrt worden sind, haben gezeigt, dass dieselbe an sehr 
vielen Stellen von der masorethischen abweicht. Es ist 
kein Eapitel, welches nicht mehrere solcher Verschieden- 
heiten aufwiese. Eine kleine Zahl derselben stellt blosse 
Schreibfehler dar, die keine BerfLcksichtigung verdienen. 
Unter den iibrig bleibenden finden sich gewiss manche, 
die von willkiirlicher Behandlung des Textes^ durch die 
Samaritaner zeugen: bald ist die Rechtschreibung oder 
die Satzbildung verst&ndlicher, zumal der samaritanischen 
Grammatik entsprechender, hergestellt, bald sind einzelne 
Ausdriicke erweitert und erklart, bald sind die religiSsen 



iBt aber ebenfalls nach jener Kegel gleich oniS^Dt und die Juden 
Bcheinen durch den betr. Ausdiuck ihren Hass gegen die babylo- 
nischenUnterdrUcker bekundet zu haben. S. Munk, PaHesHne^ Po- 
rn 1845, p. 620. 



-^ 78 — 

AnschaiHmgen der Samaritaner willktirlkh in den in<^* 
saischen Text hineiogetrageja ^). Allein solche Entatellon- 
gm des Textes bilden nur den kleinem Theil der Ab- 
weidiuiigen vom masorethisehen Text. Die grdssere HUfte 
deffdelben ist weder dnreh Versehen, noch durch Absicht 
in den Text gekommen; yielmehr stammen die betr. 
Verscbiedenheiten aus der alten iiberlieferten Gestalt des 
Pentateuchs, welche bei AnncQime desselben durch die 
Samaritaner die gew6hnliehe war^). An yielen einzehien 
St^en lasst sieh ans innern oder aussem Orttn- 
den darth^n, dass der saickiaritanische Pentateuch die 
IU;hte und urspriingliche Form bewahrt. Weim z. B. im 
masorethiaehen Text Gen. IV, 8. steht : ,^und es sprach 
Kain za mmm Bruder Abel" VflN Sanb Tp "^DM^I, so 
ist )mi! mk Fehler sogleieh erkennbar; denn "niSMi g^eich 
desi kteini^hen inquity fordert die Aafuhruiiig der ge- 
aprochenen Wcxrte; die Hinzusetzung also im samarita- 
nischCT X®*t rnttfb rchi hildet gewiss die ursprfinghche 
SQbmbnng. Gen. n, 24. hat der samaritanische Text 
statt dea masorethiseben vn> die Lesart D7T3t^ Y^n% 



1) G48eniuB, de Pentateuehi Scmaritani Origine, Indole et Aucto- 
ritaie CommenMio, Halae 1815. p. 26 sf. KifeKh%im, ]^*it)1t^ ^^)!2D 
Franitf, a, K- 1B51. p. 37. Kohn, de Fentat 8mnw, mu8^fue turn 
verss, amU, nexu. Li^^iae XB6S. Indess gehea diese drei Sdirill- 
s teller viel ^u wait, and namentlich der letz<^eiuumte verfiUirt mit 
grosser WillkUr. 

2) Dies ist das Resultat, welches bei vorurtheilsloser Yerfol- 
gifhg der Frage gerade aus denjenigen Schriften gewonnen wird, 
dm das Ohegentheil su beweisen sudten. Die llltem 9difrift- 
staller dagegen, wekhe die abaokttis Bichttgkeit d0» samaritaiii- 
sctran PeaMeftchs TerfechtetK, uberaeugen aicht, well sie z« vie^l 
beweisen. 



— T9 — 

uod hierin stimmen die Septuaginta, die Peschittho^ die 
Yttlgata und das Targum Jonathan mit ihm tberein^). 
Will man aus solchem Saehverhalt auch nicht folgem, 
dass der ganze samaritanische Pentateuch den Vorzug 
dear Zuverlassigkeit vor dem masorethischen verdiene, so 
muss man doch einraumen, dass schon im viert^ Jahr* 
hundert v. Ghr. verschiedene Recensionen des Textes 
vorhanden waren. Dies aber beweist ftir den vorli^mden 
Zweck das Namliche: vor der FeststeUung des masore- 
tibisehen Textes ist hinsichthch der F<>rm des Schrift- 
wortes durehaus keine StahUitat anzunehmen. 

Von besonderer Wichtigkek ist hierbei, dass dear sa- 
maritanisehe Pentateudi an wenigstens tausend der Stellen, 
an wdehen er vom masorethischen abweieht, mit der 
Utesten griechischen Uebersetzung harmonirt; eine Ueber- 
einstimmung, die sich nicht selten bis aof die unbe- 
deutendsten Nebendinge erstreckt^). Da auch die Ueber- 
setzung der Siebenzig nach einem hebrftisehen Text 
gearbeltet ist, der yor Fixirung des heutigen eixeolirtef 
so wird durch eine solche Uebereinstimmang das gefun- 
dene Besultat nur bestatigt. Ihrerseits aber lie£^ die 
S^tuaginta auch selbstst^dig denselben Bew^. Urn 
ndcht von unzahligen Stellen zu sprechen, an denen ihre 



1) Ebenso die Anfahrungen des Neaen TeBtamentes Matth. 
XIX, 6. Mark. X, 8. 1. Kor. VI, 10. Eph. V, 3L 

2) Bleek, Einl. in das A. T. S. 748. Die Zahl dieser Stellen 
berechnet Hassenkamp (der entdeckte wahre Ursprung der alien 
Bibel-Ueberaetzungen^ Minden 1775, S. 215) auf mehr als 1900. 
Wie mit der Septuaginta, bo stimmt der samaritanische Pentateach 
oft auch mit der Feschittho, der Yulgata, Onkelos and Jonathan 
gegea den maBorethischen Text» b. Kobn L c p» 59. 



— 80 — 

Verschiedenheit vom heutigen hebrftischen Text auf einer 
andem Gtestalt ihres Originals beruht, so enthaJt das 
griechische Alte Testament anch ein ganzes Buch in 
einer wesentlich . andern Gestalt, als das hebrSische : die 
Weissagungen JeremiS erscheinen bei den Siebenzig nicbt 
bloss anders geordnet, sondern auch im Text bald kfir- 
zer, bald lllnger, bald anders gestaltet , als bei den Ma- 
sorethen. Auch hier sind die Verschiedenheiten der Art, 
dass sie nicht aas der Willkftr oder Unkenntniss des 
Uebersetzers, sondern bloss aus abweichender Beschaflfen- 
heit des gebrauchten Originals entstanden sein k5nnen. 
Es braucht hierbei nicht hervorgehoben zu werden, dass 
die besonnensten Eritiker den griechischen Text des 
Baches JeremiS, als den ursprtinglichem und zuyerl&ssi- 
gem ansehen ^) : das blosse Vorhandensein einer so be- 
deutenden Diiferenz zeigt zur Gentige, dass die Ansicht 
von der buchstablich treuen Ueberlieferung des Bibel- 
textes durch die vorchristliche Synagoge auf einer Ver- 
wechslung beruht. Es waren viehnehr zur Zeit dieser 
Gnadenanstalt bei Ueberlieferung der hi. Schriften alle 
die Ursachen wirksam, welche bei Vervielfaltigung jedes 
Schriftwerkes ihren Einfluss austlben. Wir haben daher 
wohl befriedigende Sicherheit darfLber, dass der Inhalt 
der alttestamentlichen Offenbarung uns in dem masore- 
thischen Wortgefuge unverkurzt und unverfUscht vorliegt ; 
was aber die Form derselben betrifft, so zeigt die heu- 
tige Gestalt des hebraischen Alten Testamentes zur Ge- 
ntige, dass sein Text dem vorher genannten Einfluss 
unterlegen ist'). 



1) Bleek, a. a. 0. S. 488. 

2) Wie der aufgekl&rtere Theil des modemen Judenthums 



-. 81 — 

Viel klarer, als beim Alten Testament, zeigt sich 
derselbe Thatbestand in den neutestamentlichen Schriften. 



fiber diesen Gegenstand denkt, m5gen folgende Worte Geigers zei- 
gen: „die spfttere ausserordentliche Sorgfalt far die Reinerhaltung 
des Bibeltextes darf uns nicht zn einem Rackschlusse aaf die frUhe- 
ren Zeiten verleiten. In der Ultern Zeit ist die Behandlung des 
Textes eine weit selbstftndigere, ja oft willkftrliche gewesen, und 
die sp&tere SorgfaJt ist gerade als eine heilsame Reaction gegen 
dieses lange fortgesetzte Yerfahren der eigenmachtigen Textesge- 

staltong anfgetreten. Wie konnte bei der g&nzlicben Ge* 

trenntheit der Aegypter and Samaritaner, die gerade in den pa- 
Iftstinensischen Jud&ern ihre Yermittlang fanden, zwischen jenen 
Uebereinstimmung herrschen, w&hrend das vermittelnde Glied sich 
Bcharf sonderte? Die Ldsnng dieses R&thsels liegt einfach darin, 
dass za jener Zeit der Bibeltext Qberhaapt, also auch in den cur- 
sirenden pal&stinensiseh-jttdischen Exemplaren, sehr abweichend 
laatete von dem unsrigen; nun besitzen wir zwar moistens den 
richtigen and ar^prttnglichen Text, allein zur Zeit, als die Einen 
tibersetzten and die Andem ihren Text sich feststellten, war der- 
selbe in der Umgestaltung verbreitet, und erst sp&ter fingen die 
pal&stinensischen Juden an, durch sorgf^tigere Eritik ihren Text 
seiner ursprClnglichen Beschaffenheit conform er zu machen. — — 
Die alte Zeit -- etwa bis gegen das zweite Jahrhundert n. ChV. — 
behandelte den Bibeltext in Bezug auf Einzelheiten mit sehr ge- 
ringer Sorgfalt, indem sie sich theils von ihren Yoraussetzungen 
dber den Inhalt leiten liess, zu bestimmen, wie der Text lauten 
mtlsse, theils wo der Inhalt nicht wesentlich modificirt wurde, die 
Lesart dem Zufalle and dem bequemern Yorsttodnisse aberliess/^ 
Indem wir diese Resultate , soweit sie mit dem Obigen Uberein- 
stimmen, acceptiren, billigen wir keineswegs die bodenlose WillkCUr, 
mit der Geiger seinen Beweis gefiihrt hat. (Urschr. and Uebers. 
8. 97. 99. 281.) Die jetzt bei den Protestanten allgemeinere An- 
sicht fiber den n&mlichen Gegenstand l&sst- sich aus folgenden 
Worten Hitzig's entnehmen: „E8 ist nunmehran der Zeit, eitie kri- 

Kaulen, Oeiohiolite der YolgftU. Q 



— 82 — 

Atich bei diesen sind, ohae dass bestimmte VorkebruEgen 
gleich den masorethischen getroffen worden w&ren, seit 
dem zehnten Jahrhundert keine wesentlichen Aenderun- 
gen mehr in den Text hineingekommen. AUein die Hand- 
schriften, welche am Ende des zehnten Jahrbunderts 
Torhanden waren, bieten schon unz^.hlige Yarianten dar, 
wdcbe von der Geschichte des Textes in den Mh^en 
Jahrhunderten Zeugniss ablegen. In diesen Jabrhunderten 
ist der neutestamentlicbe Text von Anfang an viel freier 
und willktirlicher behandelt worden, als der alttestament- 
licbe, und je alter die betr. Documente sind, urn so 
mehr weichen die einzelnen Zeugnisse von einander ab. 
Sjshon seit dem zweiten Jahrhundert k}ag^n die kirch- 
lichen Schriftsteller Uber Verderbnisse des neutestamieot* 
lichen WortgefQges, ui^d im viert^ Jahrhundert goltem 
die Abweichungen der einzelnen Exemplare von einander 
als eine allbekannte Thatsache'). Da nun die Sltesten 



tische Ausgabe des Alten Test, zu ttntemehmen. W&hrend die 
Elassiker, nicht nur griechische and rdmisehe, kritisch heransgege- 
ben Bind Oder werden, selbst beim Neuen Testament in diploma- 
tischer Eritik grosse Leistong vorliegt, besitzen wir das Alte Test, 
nor in der recep$a, and es ist tLbler mit ihm besteUt, als init dem 
Elzeyir des Keuen. Nun hat die Hxegese, anbeirrt darcb Sla- 
s^echen der Ignoranz, in vielen Bachem die PanktatioB and den 
Text selber bereits verbessert; aber die Aufgabe ist, Uber alle 
Btieber die kritische Praxis zu eratrecken, aof dem Grande der £r- 
klftrung durch Gonjectar einen berichtigten Text aafzasteUen, and 
einea solchen anch heranszageben, der neben dem dberliefertea 
einliergehe und Terrielf&ltigt werde.** £r5lbiingsvede der Gen. Vers, 
der 4. Orient, ibii Beidelberg, in der ZMtsehr. der D. M. G. Bd. 80. 
Heft 1. 

1) Seh0k, rati in das A. and N. T. h S. 677. 



— 83 — 

A1)BcMriftiBn, welche jetzt y6m Neuen Testametit vorhkn- 
dcn gind, allerfrtihestens dem vierten Jahrhundert ange- 
h0reii, BO gibt es auch keine Gewissheit, dass die Rchte, 
von den ApoBteln lierrflhrende Form desselbeti uildnt- 
steUt und uhg^ndfert vorhanden ist. Vielmehr i'st dfts 
VefrlJingen, den von deii hi. Schriftstellem selbst ge- 
braachten Absdrack kenneh zu lertien, in vieleii Stdcken 
auf die Bemahnngen menschlicher Kritik angeWiesen. 
iMttteter wird aber diirch eiii sotehes Veritog'en das Uti- 
mi^glicbe zugemnthet, weil ihr die audi*eichenden Mittel 
fehlen. Erstreckt sich doch die Ungewissheft , welche fQr 
die Kritik als sotehe be&telien bleibt, nicht bloss auf for- 
melle B^standtheile del^ Testes, sondem anch auf Ein- 
zelnes, das mm Inhalte gehdrt^ wie z. B. das suloyrifdvYi 
(TV ev TAiq yuv«t&v an der Stelle Luk. I, 28. oder das 
sogenannte comma Johdrifieum 1. Joh. V, 7. „Ueberali 
drtickt daher den Kritiker," sagt ein in diesen Dingeri 
erfehrenei* Gelehrter, „das Geffihl der Unsicherheit *)," 
und man muss sich auch beim Neuen testament mit 
det Gewisshdt beghiigen, den Inhalt ganz und lauter, die 
YtMa aber nur im Wesenflichen richtig zu besitzen. 

t)emnaeh gilt fiir die ganze hi. Sbhrift die Be- 
haiiptttiig, dads iBine Sicherhfeit dbfer die erste Foriii der- 
selbt^h nidht -m^hr geWonnen werden kann. Die Gesai&M- 
zahl iter Yarianten b6St§,tigt dii^ses Results. . R^chnfet 
man alles ^usammen, was die einzelnen kritischen Do- 
cameiflte der Bibel zu beachtfen geben, so findeti sich 
yreit fiber himdertfanf^lgtaugend SteUen, an deiien Tfextes- 
ver^chiedenheiten zu beurtheilen sind'^). Dies eri^^heint 
nicht bloss, wenn man den geiringen Uinf^g der Bibd 



}) Sc&olz il. a. 0. 2) Belio)s, EuiL I. S. m. 

6* 



— 84 — 

erw&gt, sondern auch, wenn man die Schicksale profaner 
Schriftwerke in Betracht zieht, als eine ungeheure Zahl. 
Wird bierbei auch berilcksichtigt, dass von keinem Buch 
in der Welt soviel Gebrauch gemacht worden ist, als 
Ton der hi. Schrift, so springt doch in die Augen, dass 
die urspriingliche Form der Bibel bei ihrer geschicht- 
lichen Uebermittelung mehr gelitten hat, als die anderer 
menschlicher Schriftwerke. Daher mdssen wir uns be- 
gniigen, iiber die richtige Vermittelong des wesentUchen 
Inhaltes Sicberheit zu haben. Wenn die Eirche uns 
beute we4er fCir die Treue in unwesentlichen Stdcken 
des Inbaltes, noch fiir die buchstabliche Treue der 
Form Garantie leistet , so bleibt sie ihrer Aufgabe 
gerecht und weist uns in Dingen, die bloss menschlicher 
Sicberheit bedtirfen, auch auf menschliche Htifsmittel 
bin. Zur Controle natQrlicher Erkenntnisse gibt es das 
Hittel der Erfahrung und der Wissenschaft. Bei der Bi- 
bel die betreffende Sicberheit zu verschaffen, ist Sache 
der biblischen Eritik und Exegese, und' diesen Disciplinen 
bleibt es iiberlassen, die ZuverllLssigkeit der von ihnen 
gewonnenen Resultate zu vertreten. Anders ist es mit 
den tlbemattlrlichen Erkenntnissen des Menschen, denn 
zu deren Erhaltung ist das unfehlbare Lehramt d^ 
Kirche auf Erden eingesetzt. Soweit iibemat^]iche Offen- 
barungen den Inhalt der hi. Schrift bilden , und soweit 
natlirliche Mittheilungen dazu in wesentlichem Zusanunen- 
hang stehen, kann die Kirche uns ffir die unverfalschte 
Ueberlieferung beider Sicberheit gewfihren, und dies urn 
so mehr, weil sie sich zur Verwirklichung ihres Berufes 
auch der hi. Schrift als eines von Gott gewoUten Mittels 
bedient Diese Sicberheit aber ist ihrem Ursprung,^ wie 
ihrem Zweck gem&ss, eine abematurliche und ist geeig- 



— 85 — 

net, dem Glauben der Menschen als Gnindlage zu dienen. 
Die von 'der Kirche gewahrte Garantie aber ist von der 
Form, unter welcher die hi. Schrift vorhanden ist, un- 
abh3,ngig, und die Kirche muss sich bei Ertheilung der- 
selben hinsichtlich der Form von den Rtlcksichten leiteh 
lassen, welche das ihr gestellte Ziel zeitweilig vorschreibt. 



V. 

Vorgeschlchte. 



Von den Originaltexten der hi. Schrift kann sich 
die geschichtUche Betrachtung nicht unvennittelt zu der 
Yulgata hinwenden. Zwischen das Bestehen der erstem 
und die Entstehung der letztem reihen als zeitlich 
voraufgehende , wie als ursachliche Mittelglieder die 
verschiedenen Uebersetzungen sich ein, welche vor der 
lateinischen Uebertragung bereits vorhanden waren, und 
die Geschicke dieser Uebersetzungen sind in mehr, als 
einer Hinsicht geeignet, die der Yulgata in das rechte 
Licht zu setzeh. 

Hierbei sind vorerst wieder die principiellen Erorte- 
rungen nicht zu umgehen, welche die Natur aller Ueber- 
setzungen und der bibHschen insbesondere betreffen. Wie 
schon Mher bemerkt worden, lasst sich ein und derselbe 
Gedankeninhalt in mehrfacher spracUicher Form dar- 
stellen; fiir die bereits vorhandene Form kann desshalb 
eine neue erfunden werden. Geschieht eine solche Ver- 
tauschung der sprachlichen Einkleidung innerhalb einer 
und derselben Volkssprache, so nennt man dieselbe Ueber- 
arbeitung; wird aber die neue Form aus einer andern 
Sprache genommen, so nennt man ebenso die Umwand- 
lung selbst^ als das Resultat derselben, eine Ueber- 



— 87 — 

setzttn^. Yon blossen Umarbeitungcn sind m der hi. 
Schrift maactae Beispiele zu finden; so enthalten die 
Bdcher der Kdnige und der Chronik Ueberarbeitungen 
Slterer Quellenwerke, und das zweite ^Kapitel des zwei- 
ten Briefes Petri ist eine theilweise Ueberarbeitung des 
Briefes vom hi. Judas. Uebersetzungen enth&lt die hi. 
Schrift in den griechischen Citaten des Neuen aus dem 
Alten Testament, sowie in einigen der deuterokanonischen 
Bfichem des Alten Testamentes, deren Original verloren 
gegangen ist. Nun ist es einleuchtend, dass bei Ueber- 
setzimgen so wenig, als bei IFeberarbeitungen, das Yer- 
hSltniss des Inhaltes zur Form ganz dasselbe sein 
kann; Wie n&mlich bei der Ueberarbeitung die subjective 
Auffassung des Inhaltes, die sich im Ausdruck wieder- 
spiegelt) eine andere wird, so tritt bei der Uebersetzung 
zu dieser ebenfalls nicht zu umgehenden Aenderung auch 
noch diejenige Yerschieden^rtigkeit hinzu, welche durch 
die Yerschiedenheit des Sprachgeistes bedingt ist. 
Nichtsdestoweniger sind Uebersetzungen, um von Ueber- 
arbeitungen* nicht weiter zu sprechen, immerhin geeignet, 
die richtige Erkenntniss eines gegebenen Inhaltes zu ver- 
mitteln. Es- lassen sich alle Beziehungen, welche die 
Form mittels einer bestimmten Sprache zum Inhalt hat, 
in einer andem Sprache durch analoge Mittel ersetzen. 
Zwar geh5ren zu einer solchen vollkommenen Ueber- 
tragong mancherlei Eigenschaften sowohl der Sprache, 
als des Uebersetzers , die saltan vollstandig vorhanden 
sind; allein die M5glichkeit derselben l&sst sich nicht 
bestreiten. Nur wird in dfen meisten F&llen eine solche An- 
foMerung aii eine Uebersetzung nicht gemacht; denn da 
die Uebertragung aus einer Sprache in eine andere immer 
zu einem bestimmten Zwecke geschieht, so begniigt man 



— 88 — 

sich mit einer Wiedergabe des Inhaltes, wie sie dem ge- 
rade vorliegenden Bedilrfnisse entspricht. Von einer Ueber- 
setzung eines Gesetzbuches verlangt man eine solche 
Wiedergabe des Inhaltes, dass mittels derselben alle 
Pflichten und Rechte der Unterthanen ebenso, wie aus 
dem Originate, erkannt werden kdnnen; man verzichtet 
aber darauf, in der Uebertragung auch alles das wieder- 
zufinden, was etwa eine personliche Erinnerung far den 
Gesetzgeber oder eine geschichtliche Reminiscenz bildet 
und desswegen auf die Hauptsache keinen Bezug hat. 
Nun ist klar, dass jede Uebersetzung, zn welchem Zwecke 
immer sie hergestellt werden mag, ihrer besonderen Be- 
stimmung. um so besser entspricht, je treuer sie im All- 
gemeinen das Bild eines Textes in einer andern Sprache 
darstellt; allein es ist nicht nothwendig, dass bei jeder 
Uebersetzung die h(5chste Treue der Darstellung ange- 
strebt werde. Es kSnnen auch Falle vorkommen, wo der 
Zweck, dem eine Uebersetzung dient, besser durch Ab- 
weichung von der ursprtoglichen Form, als durch strengen 
Anschluss an dieselbe erreicht wird. So gibt Is. IV, L 
die freie Uebersetzung Luthers: „wir wollen uns selbst 
nSliren und kleiden, lass uns nur nach deinem Namen 
heissen^^ den Sinn des Originals deutlicher wieder, als die 
wortliche Uebertragung der Vulgata: panem nostrum 
comedemus et vestimentis nostris operiemur, tantummodo 
mvocetur nomen tuum super nos^). Auf solche Weise 



1) Andrerseits kann eine Uebersetzung noch in ihren Fehlem 
die treueste Gontrole fdr den Text des Originals bilden, insofem 
eine fehlerhafte Uebertragung nur auf Eine, eine richtige aber auf 
mehrere (synonyme) Ausdrucksweisen des Originals kann zurilck- 
gcbliessen lasses. So z. B. ist der komische Fehler der ftthiopischen 



— S9 — 

kdnnte sehr oft gerade das Bestreben nach w5rtlich 
treuer Uebertragung dem Zwecke der Uebersetzung Ab- 
bruch thun; denn die Treue in der Wiedergebung der 
Form k5niite dazu ftthreo, den Sprachgeist^ des einen 
Idioms in das andere hiniiberzuftlhren, so dass dadurch 
v5llig unverstandliche Sprachgebilde entstftnden *). Die 
Treue bei jeder Uebersetzung muss demnach vernflnfti- 
ger Weise nicht hdher gefordert und getibt werden, als 
sie far den jeweiligen Zweck nothwendig und ntttzlich ist. 
Bei Uebersetzung der hi. Schriften nun lassen sich 
verschiedene Zwecke und Veranlassungen zu derselben 
denken. Es k5nnte in einem Fall die Absicht zu Grunde 
liegen, dem Leser das Verhaltniss des Inhaltes zu der 
hebr3,ischen und griechischen Originalform klar zumachen, 
'in einem andern k5nnte bezweckt sein, die Kenntniss 
des gesammten Inhaltes zu verschaffen, in einem dritten 
konnte es bloss darum gehen, den Glauben an die fiber- 
natilrlichen Wahrheiten zu vermitteln. Die ErfOllung der 
ersten Absicht wiirde dem sprachlichen, die der zweiten 
dem literarischen, die der dritten dem kirchlichen Be- 
dtirfnisse entsprechen, und hiernach waren die Anforde- 
rungen zu bemessen, die man an den Uebersetzer stellte. 



Uebersetzung 1. Kor. XII, 28. toaumhaba egztebcher ezna^ „and es 
gab Gott ein Ohr,'^ die beste BUrgschaft dafiUr, dass im Texte 
steht otf fjikv li^rro dtd$. EbesBo beweist Sir. XXY, 15. dieStelle ovx 
i«T( KMfaXii vnkp xtfot^v effxw; besser, dys im Text zweimal ]t/iC) stand, 
als wenn i6i gesetzt w&re; denn dies liesse nach Ps. CXXXIX, 8. 
auch anf non schliessen. Aehnlich l&sst sich aus Sir. XXIY, 27. 
itt f&i schliessen, dass im Original ^1X^3, „wie der NiP' stand. 

1) Ein Beispiel hiervon ist die Uebersetzung pro dilecto (alt 
Neutrum zu fassen). Ps. XLIV, 1, far vnk^rov kyoinyirQxt^z^y^y yf^^ 



N 



, — 90 — , 

Umgekehrt mUsseii bei der AuBwahl au8 vorhand^ien 
Uebersetzungen immer die Zwecke leitend sein, zu denen 
dieselben sollen verwandt werden. Der SpracMorscher 
wird diejenige vorziehen, welche den Sinn der einzelnen 
Ausdriicke moglichst genau darstellt; der Literarhistoriker 
wilhlt die, welche die geistigen Schonheiten der Originale 
am besten wiederspiegelt; der Religionslefarer endlieh 
muss diejenige auslesen, welche die Glaubens- und Sitt^- 
lehren am treuesten and geeignetsten dargestellt hat. 
Jeder der drei Interessenten aber kann bei seiner Ent- 
scheidung von den Mangeln in Bezug auf einen Zwedc, 
den er nicht im Auge hat, absehen. 

Die Eirche kann demnadi fUr ihre Zwecke sieh 
einer Uebersetzung bedienen, welche fur manche andere 
ungentigend und verwerflich sein wUrde. Fiir diese Walir- 
heit spricht eine bestimmte Fiigung. Gottes, die in der 
jetzigen Beschaffenheit der hi. Schrift offenbar wird. Es 
siad nSmlich von vi^ Btichem des Alten Testamentes, 
Tobias, Judith, Ecclesiasticus und dem ersten Mackab&er- 
buch, die Originaltexte verlor^a gegangen,. und wir be- 
sitzen dieselben bloss in einer oder mehreren^ alten 
Uebers^^ung^n. Besonders lehrreich sind darunter das 
Buch Judith des Inhaltes, das Buch Ecclesiasticus der 
Form wegen. In ersterm werden tiberaus yiele Mitthd- 
kngen geacMchtUcher und noch mefar geographischer Na- 
tor gegefoen, von denen wir amielmien mttssen; da68< sie 
fehierios und zuverllissig aus der Hand^ des^ Verfafiffir^kis 
hervorgegangen sind. In der griecfaischeii Cebers^us^ 
aber, in der uns das chaldSlsche Original erhalt^n ist, 
sind viele dieser Angaben nachweislich entstellt, und in 
diesem Texte ist demnach das Buch voll von geogra- 
pbischen Eeblem und Unbegireiflichkeiten. Daneben ist 



— m. — 

einS' Iftteinische Uebersetzung erhalten, welche der hi. 
Hieronyimi& aus dem zu seiner Zeit noch erhaltenen 
Originaltext ang^ertigt hat; dieselbe ist, wie er selbst 
sagt, eine foeie und gibt desswegen von der Wort- 
einkleidmig des urspiUngliehen Baohe& nur ein unvoU- 
kommenes Bild. Denmach ist der Eirche hinsicbtlich 
des Baches Judith keine andere MfigUchkeit geblieben, 
alsi den Glaubensinhalt desselben unverfSlscht und zuver- 
Iftssig kennen zu lemen^ und sie muss es der Wissen- 
sdlafb dberlassen, sowohl ilber die notOrlichen Wafai^eiten, 
wakhe das Biich) ursprtlnglich. entiiielt, als iiber die 
sprachliche Form desselben nahere Sicherheit zu. gewin- 
nen. Bei. dent Buche Ecolesiasticus kann an der Treue 
dea griechischen Uebersetzers, yon dem der vorha^ene 
Text hi^rtthrt, gegrUndeter Weise nicht gezweifelt wer- 
den; desto ^dsser ist hier die Unsicherhdt, ob der 
Text der Uebersetzung sorgffiltig Hberliefert und unan- 
geitastet geblieben ist. In, alien Documenten^ welohe 
hiertiber i^eugniss geben kimnten, findet sichi dieser Text 
aoders. gestaltet, und so ist fiber die Besehaffesheit 
des, Buehes: im Einzelnen keinerlei Siolierhdt mSglioh. 
Dia Eirohemuss sich. also aueh hier' begn%en^ den In- 
halt. des. Sittenbuohes- zu. besitzen und* zxl. wissen, dass 
sich. in. die vorhandenen Formen nicbts UnzuUtosiges, der 
gotttiohen.Offenbairang Widerstrebendes^ eingesohlichen htit. 
A^etolich iat. es mit: dem. Texte^ desi. Bucbes Tobias^ m- 
yerULasiger ist) der des eratenLMaokabS,0iiQ(ache& Dies aHes 
gibt yorearst: eine neue Best&tigung fiir die Mher er- 
kannte Wabrheit^: dass^ Uosa ftir die richtige Ahfasisung, 
nieht;.fUr^ die bu€b8titt)lich6 Ueberlieferttng der hi, SoUriftto 
Qbein^atusliohe. Voriceharungen g^offen worden sind. Es 
¥ard;abnrj aucdi d^utUchf welche Anspr^che die Kircbe 



— 92 — 

an die za ihren Zwecken bestimmten Bibeldbersetzungen 
machen muss. Uebertraguogen, die in geschichtiicher und 
geograpbischer, oder in sprachlicher und formeUer Hin- 
sicht als unzuverlassig und unbrauchbar erscheinen, kdnnen 
doch ftir den Glauben und die Sitten der Menschen ganz 
dieselben Dienste leisten, wie die Originalschriften; und 
da die Kirche nicbt zu der Beurtbeilung natiirlicher Er- 
kenntnisse, wobl aber zur Controle aller religidsen Lehren 
berufen ist, so richtet sie beim Gebrauch von Bibel- 
tibersetzungen einzig ihr Augenmerk auf die relative, 
d. h. ihrem bdchsten Zwecke entsprechende Richtigkeit 
des Ihhaltes. 

In einem solchen Yerfahren ist der Kirche die vor- 
ehristliche Synagoge mit Recht yorangegangen. Schon 
Yor Entstehung der christlichen Kirche, bald nach der 
Wiederherstellung der jlidischeii SelbststHndigkeit unter 
Esdras, war der hebraische Text der alttestamentlichen 
Schriften fiir das Bediirfiiiss, dem dieselben dienen sollten, 
nicht mehr geeignet. Die hebr&ische Schnftsprache hatte 
aufgehdrt, im Munde des Yolkes zu leben. Die Masse 
des palHstinensischen Yolkes redete das Chald&ische, die 
westwHrts gezogenen Auswanderer aber das Oriechische 
als Muttersprache. Es ward daher der Gebrauch einge- 
fOhrt, bei den gottesdienstlichen Yersammlungeu die 
jedesmal hebr&isch verlesenen Schriftstflcke nachtr&glich 
in der Muttersprache zu wiederholen. Anf&nglich geschah 
dies bloss mtlndlich, und im Morgenlande suchte man 
sogar lange Zeit die schriftliche Au&eichnung solcher 
Uebertragungen zu verhdten; je mehr aber die Kenntniss 
des Hebr&ischen unter den Juden ausstarb, um so gr5sser 
ward die Nothwendigkeit, auch fiir schriftliche Yerbrei- 
tung des Alten X^stamentes in der Yolkssprache zu sor- 



— 93 — 

gen. In der westlftndischen HSlfte des Judenthums, die 
von der griecbischen Bildung durchdrungen war, kam 
man diesem Bediirfnisse zuerst durch schriftliche Ueber- 
setzungen in's Griechische zu Hdlfe; im Morgenlande, 
Yfo schon wegeu der Verwandschaft des Ghald&ischeu mit 
dem Hebraischen das Bedttrfniss nicht so gross war, 
entstanden Volkslibersetzungen erst zwei Jahrhunderte 
sp&ter. So entstanden in Africa seit dem Anfang des 
dritten vorchristlichen Jahrbunderts die Uebersetzmigen 
der sogenannten Septuaginta, die sich bis zur Mitte des 
zweiten Jahrbunderts bereits liber alle p#otokanonischen 
Bdcher erstreckten, in Pal&stina aber frUhestens seit der 
Mitte des ersten Jahrbunderts v. Ghr. die chald&ischen 
Targumim, die nur ftir die Mehrzahl der hebr&isehen 
Btlcher vorhanden sind'). Von diesen beiden Ueber- 
setzungen muss vor Allem festgehalten werden, dass sie 
nieht als Privatarbeiten einzelner Juden anzusehen sind, 
sondem dass sie offidellen CSiarakter batten und zur 
Vorlesung in den gottesdienstlichen Versammlungen dien- 
ten. Von der SeptuagintatLbersetzung gilt dies durch- 
g&ngig'X ^^^ ^^^ Targumim trifft es wenigstens die 
beiden altesten, das des Onkelos und des Jonathan ben 
Uziel, wahrend die sp&teren mehr Privateharakter tragen. 
Beide Elassen von Uebersetzungen sind demnach geeig- 



1) Dies ist die gew6hnlichere Ansicht; dagegen macht Zunx 
(die gottesdieustl. Vortr. der Juden, Berlin 1882. S. 61.) wahrschein- 
lich, dass einzelne Targumim gleichzeitig mit der alexandrinischen 
Uebersetzung aufgeschrieben worden seien. Nach Andern gab es 
geschriebene Targumim schon zur Zeit Esdras', s. F r an k e 1 , Yorstu- 
dien zn der Septuaginta, Leipzig 1841. S. 34. 

2) Hodii de Bibliorum Textt, III, 1, 1. 3. 



— 94 — 

net, uns fiber die Art nud Weise, wiie inaai in dem 
nftchexilischen Judenthum die hi Schrift ttbermittelte, 
Aufschluss zu geben; wenn die Targnmiih axich erst 
spiiker niedergeschrieben sind, als die griechiscJien Ueber- 
setzungen, so leisten sie doch hierzu dieseiben Dienste, 
weil sie auf alter herk5mmlicher Uebertraguog berthen. 
Der erste und wichtigste Aufschluss, der hierbei gewon- 
nen wird, i^t der, dass die Synagoge die Mittheilntig 
der bibliscben OfiEenbarui^g durch Uebersetzimgen ffir 
eben so geeignet gefaalten hat, wie durch die Or^ginale; 
sie bat demnaok alles, was bloss durch die hebr&ische 
Sprachform ausgedrtickt werden kann und in der Ueblsr* 
setzujig nicht zu erreichen ist, fOr unwesentlicfa erachtet. 
Allem noch mdhr. ObwOhl beide Uebersetzungen , die 
der Septuaginta, wie die der Targumisten, ein vielfach yam 
het^igen Text abweichendes Original yor sich batten , st) 
iS^st sich doch auch aus dem masorethischen Text bin* 
I^boglich aber ihre Treue in der Uebertragung urtheilen. 
Nun ist aber in beiden mancherlei zu finden^ was sich 
veta eimer treuen oder w5rtlichen Uebersetzung weit ent^- 
femt. UnlEeiintniss Oder MissverstSndniss und Frdhdt 
Oder WiUkOr haben dabei in gleichem Maasse mitgewirlct« 
In der Septuaginta kommen mandierlei Stellen vor^ d^n 
Fassux^ aaf volldtindiger Unkenntniss des hebrSisc&ea 
Ausdrucks beruht; so z. B. wird 2t<1l2 1113*1^3 Num. 
XXII, 1. tibersetzt ml AjoyjiMv Mwap, XXVI, 3. aber ev 
'Apofp&)5 M&)d?P; Richt. m, 3. steht l«5 AafBwyjfzaS- fur 
nan N!lb iy; 2. Sam. XVI, 16. x^^^i ^ dpxitraipoq 
Zia(3t(J fiir Ti-Tj ^^ O'^NPl ^tS^IPl; Zachar. VI, 14. steht 
b dk 7zi(f»vo^ IfJxoLi xolq uTramevovo't >t«l rots )(jpn(TiiJ.oiq autrii 
tlolI iT:eyvoi}y,6(nv axniiv y.ai zlq X^P^*^^ ^^^^ So^oviov, wo die 

Vulgata richtig fibersetzt et carome erunt Helem et To- 



— 96 — 

biae et Idajcte et Hem JUio Sophoniae. An andern Stelten 
wird der Slim des Originals ganz selbststHndig, olme 
RUcksicht auf den hebraischen Ausdrack, mit Zas&tzen 
und Weglassung€n gegeben, z. B. Gen. VI, 5. %a\ ir«$ 
rt^ iiavo&xcn ev Xi) ytotpSix avzov em|UL€X&)^ cttI ra Ttovy^pa, WO 

der Text hat „und (dass) alles Dichten und Tracbten ihres > 
Herzens nur immer bose war;" Ex. IV, 13, rcpo^x^ptvxi 

Gen. XXXI, 20. Ixp^e $€ laxcb^ Ad^v flir „und es 
stahl Jakob das Herz Labans;^^ Gen. XXIX, 15. ov 
3cuh.v<nig [loi ioap&Av fiir ^soUst du mir umsonst djenen?^ 
^Ex. XXIV, 10. €{Soy xbv zonov oit 6iffnj)tgt b Sri; tou 'I^fortX 
statt „8ie schauten den Gott Israels ^).^^ Noeb andeire. 
Stellen verstossen im Ausdruck so sehr gegen alls Be- 
geln des griechischen Ausdrueks, dass sie fast tin- 
versttodlich sind und nur dureh ein lUmliches grieclnscbes 
Jargon, wie bei uns das Judendeutsch, zu erkl&ren «ind ; 
so namentKch im Prediger, wo z. B. VII, 29. steht izkiiv 
tdt rovro «u|Dov, b tKcimtitv b Beb(; oiiv rbv ivSpoatzov eu3^. Bei den, 
Targumim ist eg andars. Die chaldaischen Uebersetzer: 
kamen, well sie aus einer der ihrigen verwandten Bprache 
ubers^zten, nicht leicht zu Verst5ssm gegen den ricbti* 
gen Sinn, allein sie batten keine andere Absicht, ak; 
diesen Sinn, sei es in weleher Form immer, wiederzu- 
geben. In den Targumim ist daher der Inbalt des On- 



1) Ygl. hierfiber Frankel, Yorst. S. 163 ff. Im Ganzen ist diese 
wie alle ahnliche)! Untersuchangen ilber das Verlialtniss zwischen 
der Septuaginta and dem masorethischen Texte sehr willkurlich, 
well bloss nach dem beutigen Zustande beider Texte geartheilt 
wird and der maBorethische von Yom herein als einzig richtige 
N^rm gilt 



— 96 — 

t 

giuals nicbt bloss h&ufig in andere Wendungea und Aus- 
driicke gekleidet, sondern auch durch mancherlei ZusHtze 
imd Ausschmiickungen erweitert, und man nennt mit 
Recht desswegen die Targumim mehr Paraphrasen, als 
Uebersetzungen. Bei Onkelos, von dessen Targum dies 
am Wenigsten gilt, finden sich doch Uebersetzungen fol- 
gender Art. Gen. Ill, 15. steht im Text: „Feindschaft 
will ich bringen zwischen dich und das Weib, zwischen 
deinen Samen und ihren Samen; selbiger soil dir nach 
dem Kopfe trachten, und du wirst ihm nach der Fersc 
trachten/^ Dafflr gibt Onkelos: „Feindschaft will ich 
setzen zwischen dich und zwischen das Weib und zwischen 
deinen Sohn und ihren Sohn ; er wird dir gedenken, was 
du ihm gethan von Anfang an, und/du wirst ihm auf- 
lauern bis zu Ende.^^ Gen. XXII, 14 hat das Original: 
„Da nannte Abraham den Namen dieses Ortes: Jehovah 
wird ersehen; wie noch heute gesprochen wird: auf dem 
Berge Jehovah's wird ersehen.*' Dies iibersetzt Onkelos: 
„Da fiel Abraham nieder und betete an diesem Orte 
und sprach: hier werden die kommenden Geschlechter 
den Herrn anbeten; desswegen wird man in Zukunft sa- 
gen: auf diesem Berge hat Abraham Gott den Herrn 
angeb'etet." Gen. XXV, 26: „ Jakob war ein schlichter 
Mann, der die Zelte bewohnte;'^ Onkelos: „der sich aufs 
Studiren verlegte.'* Noch viel frei«r geht Jonathan mit 
dem biblischen Text um; und zwar lasst sich hier durch- 
g3,ngig die Beobachtung machen, dass er nur dann sich 
an den hebraischen Ausdruck halt, wenn derselbe klar 
und deutlich den Inhalt darlegt; je schwieriger der Wort- 
ausdruck ist, um so weniger bindet sich Jonathan an 
denselben. Von seiner Uebersetzungsweise folgende Bei- 
spiele. 1. Sam. VI, 19. hat der Text: „und Gott schlug 



— 97 — 

die Manner von Beth-Schemesch, weil sie die Arche Je- 
hovah's geschaut hatten, er schlug aber vom Volke 
50,000 und 70 Mann/^ Dies ubersetzt Jonathan: „und 
Gott t5dtete unter den Mannern von Beth-Schemesch, 
weil sie sich dartiber gefreut, die Arche Jehovah's zu 
schauen, da sie sichtbar ward, und er schlug von den 
Aeltesten des Volkes siebenzig und sonst 50,000 Mann." 
Jer. XXIII, 5. „Siehe, Tage kommeu, da erwecke ich 
David einen gerechten Spr5ssling;" Jonathan: „da er- 
wecke ich David den Messias der Gerechten." Is. VI, 1. 
„Im Jahre, da der K&nig Ozias starb, sah ich den 
Herrn sitzen auf einem hohen und erhabenen Throne, 
und das, was unter ihm war, erfuUte den Tempel. Se- 
raphim stauden darauf; je sechs Flugel hatte ein jeder. 
Mit zweien bedeckten sie ihr Angesicht, mit zweien be- 
deckten sie ihre. Fiisse, und mit zweien flogen sie. Und 
es rief einer dem andem zu und sprach: Heilig, heilig, 
heilig ist der Herr, der Gott der Heerschaaren, die 
ganze Erde ist vol! seiner Herrlichkeit." Hier hat Jo- 
nathan folgendermassen : „Im Jahre, da Ozias erschlagen 
wurde, sprach der Prophet: Ich sah die Herrlichkeit 
des Herrn auf seinem hohen Throne ruhend, der in die 
hdchsten Himmel reichte, und von dem Glanz seiner 
Herrlichkeit war der Tempel erfdllt. Die hi. Diener 
(befanden sich) in der Hohe vor ihm ; sechs Htigel hatte 
ein jeder. Mit zweien verhUUte jeder sein Angesicht, 
um nicht - zu sehen, mit zweien verhiillten sie ihren Leib, 
um nicht gesehen zu werden, und mit zweien dienten 
sie. Und sie riefen einer dem andern zu und sprachen: 
Heilig ist in den hohen Himmeln, der Wohnung seiner 
Herrlichkeit, heilig auf der Erde, dem Werke seiner 
Allmacht, heilig in alle, alle Ewigkeit der Herr der 

Kaulen, Geschichte der Vulgata. , 7 



— 9& — 

Heersohaaren ; die ganze Erde ist voU von dem Glanase 
seizier Herrlichkeit/' Eine solche freie Behandlung dee 
Textes hat den Targumim in der Synagoge ebrasowenig 
Abbruch gethan, als der Septuaginta-Uebersetzimg die 
oben bemerkten Eigenthtoilichkeiten. Dies ist urn so 
bemerkenswerther, weil ja in der Synagc^e die nachste 
Moglichkeit war, beide Uebersetzungen durcb das Qri-^ 
ginal zu controUren und sieh der bestehenden Yerschie- 
denheiten bewusst zu werden. Statt aber an denselben 
Anstoss zu nehmen, hat man sich bis etwa 100 n. Cta* 
det griechischen, wie der chaldaiscben Uebersetzungen 
ganz ebenso, wie der Originale, zu aQen ZwecSsen der 
Synagoge bedient,^). Die Achtung, welehe man vor dem 
Original des Alton Testamentes hatte, ward aucb an! 
diese Uebersetzungen libertragen, und daher stammen did 
Sagen von dem wunderbaren, inspirirten Charakter det 
Siebenzig oder die Angabe, das Targum des Qnkelos 
schreibe sich durch miindliche Ueberlieferusg von Moses 
selbst her. Erst mit dem Anfang des zweiten Jabr*- 
hunderts, als die Juden den Yorhaltungen der Christn 
aus dem Alton Testamente nichts zu entgegnen wussten, 
zogen sich jene auf den bei den Christen weniger be^ 
kannten hebraischen Text zurUck und erkUrten der Far-" 
teirticksicht zu Liebe die griechische Ueberdetassng fSat 
unzuverlfissig. Dieselbe Rficksicht bewog den TroBAjUit 
Aquilas, die hebr&isehen Bestandtheile des Alton Testa* 



1) Ueber die Bedeatong der Targumim in der Sj^iiagoge t 
P/eifferi Crit sacra ed. Lips, 1712 p, 266 sq, Zeibickins, de ChM. 
F. T. Paraphrasimn apud Judaeoe Auctoritate. Vitemhergae 17B7. 
Zvnz, gotiesd. Tortt* S. 61 ff. 



— 99. — 

mentes so in's Gri^chische zu dbersetzen, dass darch Ety<* 
mologie nnd-^atzbildung das Yerhaltniss dea Inhaltes 
zar hebraischen Wortfonn volbtandig wiedergegeben wer- 
den BoQte. AUein seine Arbeit, so dienlich sie auch den 
polemischen Zwecken der damaligen Juden war, kam 
docfa me m dffentMehen, gottesdienstlichen Gebrauch und 
ist desswegen auch bis aaf Fragmente verloren ge- 
gangen. 

So laBge demnaeh die Synagoge noch zu Becht be- 
stand, war sie Mnsichtlich der hL Scbrift von denselben 
Ansehauttngen geldtet, die oben als die richtigen geltend 
gemacht worden sind. In ihrer Eigenschaft als gott- 
liebe Heilsanstalt hat sie sich keinen andem Beruf zu- 
eorkannt, als fiber die Aufbewahrung und Mittheflung des 
geoffenbarten Inhaltes zu wacben. Die kritische Beauf* 
siehtigung des Textes ist auch in ihr menschlicher Sorg* 
fait und Thitigkeit tlberwiesen worden ; zu ihrem nUcbsteii 
und wichtigsten Zwecke, znr Belehrung uud Erbauung, 
genugte ihr jede Form, die den Inhalt unverkiirzt und 
unentstellt darbot. Weder Unebenheiten im Ausdruek, 
noch unwesentliehe Irrthtimer in naturliohen Mittheilun- 
gen hat sie fur ein Hinderniss zur Erreichung dSeses 
Zweekes erachtet, und solche Md,ngel haben sie desa* 
wegeii nicht abgehalten, Uebersetzungen der hi. Scbrift^ 
in welchen dieselben sich fanden, zum officiellen Gebrauch 
zu verwenden oder, wie eine spatere Zeit sich ausdruckt, 
als authentisch zuzulassen. 

Die Grundaatze, wQlche die Synagoge hierbei leitete, 
sind in der chriatUchen Eirche von Anfang an in un- 
veranderter Geltung geblieben. Da man sich der hi. 
Schfift in den ersten Jahrhunderten nicht sowohl zu ge* 
lehrten, als viehnehr'zu praktischen Zwecken bediente^ 

7* 



— 100 — 

so kam es damals nur darauf an, dieselbe in einer 
Allen zuganglichen Form zu besitzen. Die hebraischen 
Texte des Alten Testamentes konnten den ersten Christen 
nicht zur geistigen Nahrung dienen, weil auch beiihnen 
das Verstandniss des Hebraischen nicht vorhanden war, 
wahrend griechische Sprache und griechische Bildung 
von Spanien bis nach Indien hin verbreitet war. Nichts 
war desswegen nattirlicher, als dass das Alte Testament 
unter den Christen zunachst in der Septuaginta-Ueber- 
setzung verbreitet wurde. Die Targumim waren ihrer 
sprachlichen Beschaffenheit wegen nicht geeignet, sich 
bei den Christen Eingang zu verschaffen, und wurden 
von diesen nicht beachtet Mit der Lesung und Be- 
nutzung der Septuaginta aber steigerte sich auch taglich 
die Ehrfurcht, welche man gegen diese Uebersetzung 
trug. Diese Achtung kam nicht aus der Ueberzeugung, 
sie sei in streng philologischer, wortlicher Treue ange- 
fertigt und gebe von dem Originaltexte ein in Allem 
treues Bild ; im Gegentheil war man sich der vielen Ab- 
weichungen, welche dieselbe in unwesentlichen Stucken 
enthielt, klar bewusst. Wohl aber batten die Christen 
die Sicherheit, dass die Wahrheiten der Glaubens- und 
Sittenlehre |n derselben unangetastet und lauter tiberliefert 
wtirden, und dass die Kirche bei den umgehenden Bibel- 
exemplaren keine andere Garantie fordere. Dies ist um 
so begreiflicher wegen des Argwohns, den die Christen 
gegen die Juden hegten, als ob dieselben keine treuen 
HUter der biblischen Oflfenbarungslehren geblieben seien. 
So bestand denn auch in der christlichen Zeit Jahrhun- 
derte lang die Meinung, die Uebersetzung der Siebenzig 
sei unter dem besonderen Beistande des hi. Geistes ent- 
standen. „Es ist der eine und derselbe Geist Gottes/' 



— loi — 

sagt der hi. Irenaus, „der durch die Propheten geredet, 
durch die Septuaginta aber das, was prophezeit worden, 
tibertragen hat"^). Damit waren die Abweichungen im 
Texte von selbst gerechtfertigt : „Was in den hebraischen 
Texten steht," sagt der hi. Augustinus, „ohne sich bei 
den Septuaginta zu finden, das woUte der hi. Geist nicht 
durch diese, sondern durch die jtidischen Propheten aus- 
sprechen; was aber bei den Septuaginta steht, ohne sich 
in den hebraischen Texten zu finden, das woUte der 
namliche Geist lieber durch jene, als durch die Juden 
offenbaren; so beweist er, dass die Einen wie die An- 
dern Propheten sind ^)." Ausgenommen von dieser grossen 
Achtung war die alexandrinische Uebersetzung des Pro- 
pheten Daniel, weil sie nicht bloss der Form, sondern 
auch dem Inhalte in wesentlichen Stticken untreu war; 
sie blieb desswegen immer als Privatarbeit unbeachtet, 
und in kirchlichen Gebrauch kam fiir das Buch Daniel 
die griechische Uebersetzung des Theodotion ^). 



1) IV, 25, Unus et idem Spirit us Dei, qui in prophetis prae- 
conavit, in senioribus autem interpretatus est, quae prophetata fue- 
runt, 

2) Civ, Dei, XVIII, 43, Quidquid est in hebraei§ codicibus et 
non est apud interpretes LXX, noluit ea per istos, sed per iUos 
prophetas Dei Spiritus dicer e; quidquid vera est apud LXX, in 
hebraeis autem codicibus non est, per istos ea maluit, quam per 
illos, idem Spiritus dicere sic ostendens, utrosque fuisse prophetas. 

3) Danielem Prophetam iuxta LXX interpretes Domini salva- 
toris ecclesiae non legunt, utentes Theodotionis editione; et hoc cur 
accident, nescio, Sive quia sermo chaldaicus est etquibusdam pro- 
prietatibus ^a nostro eloquio discrepat, noluerunt LXX interpretes 
easdem linguae tineas in tramlatione servare, sive sub nomine eorufn 



— iOS — 

AIs die haufige Vervielfaltigung der Septuaginta auch 
auf den Text derselben ihren Einfluss ftusserte und 
saanche Verschiedenheiten in den einzelnen Exemplaren 
hervorrjef, geschah dagegen consequenter Weise nichts 
von Seiten der Kirche, sondern die Wissenschalt traf 
dagegen Yorkehrungen. Unter den dessfallsigen Bemiihun- 
gen sind die Arbeiten des Origenes am bekannteste^. 
Dieser verwandte zuerst auch die Originaltexte zur Coq- 
trole des Septuagintatextea, aber nicht, mn den griechi- 
schen Text nach dem hebraischen zu llndem, sondern 
bloss, um durch Cionstatirung der gegenseitigen Abweichun- 
gen den Text der Septuaginta vor alien Aenderungen zu 
schiitzen. „Es war meine Absicht nicht/^ sagt er sdbst 
ilber sein Werk, „etwas Neues zu Tage zu fordem, das 
von dem in der katholischen Kirche angenommenen Teste 
verschieden ware; ich wollte nicht denjenigen eine G«- 
legenheit geben, welche auch die gewohnlichsten Dinge 
tadeln und uber die allgemeine Ansicht der katholischien 
Kirche aburtheilen." Zugleich wollte er den Christen 
fiir ihre haufigen Erorterungen mit den damaligen Juden 
ein Mittel verschaffen, sich auch von dem Zustande des 
hebraischen Bibeltextes Kenntniss zu verschaffen, f,damit 
wir, wenn wir mit den Juden zu thun haben, nicht et- 
was Yorbringen, was in ihren Bibelexenq>laren nicht steht, 
sondern nur dasjenige, was sie auch haben.^^ Die Art, 
wie er dies gethan, zeigt am besten, welche Meinung 



a& alio nescio quo non saiis chaidaeam Unguam sciente editm at 
liber^ sive aiiud quid causae extiterit^ ignoranSy hoc unum aj^rtnare 
possum^ quod mtdtum a veritate discordet et recto iudicio repudiatus 
eit. S. Bier. Fraef, vera. Danielie. 



'bkisichtiich des Bibeltextes damals die Eirche beherrschte: 
„Was sich im Hebr&ischen nicht fand, haben wir mit 
einem Obdus durchstochen, da wir uns nicht anmass^ 
wollten, «s wegzolassen. Bd andem Stellen haben w 
«in Stemefaen gesetzt, damit man gleicfa sehen k5nne, 
dieselben $eien aus den mit dem Hebr&isdien stinonen- 
4en Uebersetzungen hinzugefQgt, und damit man nach 
Belieben sie dberschlagen kdnne^)/' Dies heisst mit 
andem Wortra: die Ermittlung der ursprttngUchen .6e- 
stalt des Btbelwortes ist Sache menschlidier Forschung; 
gteichwohl «oll das Ergelmiss dersdben dem Urtheil der 
Kirche nicht vorgreifen. Denn wenn sie auch Eesultate 
eireieht, wekhe eine genauere Eenntniss des urspriing- 
liehen Bibeltextes mSglich machen, so ist denselben doch 
keine solche Bedeutung zuzusdureiben, dass sie flUr den 
0bersten Zweck der Kirche von Belang sein k&nnten; 
Tidmehr, da die Eirche fCir diesen die Septuaginta hin- 
7ei<diend erachtet, h^t der Einzehie in derselben das ge- 
effeabarte Schiiltwort genflgend tibermittelt. 

Eine sokhe Mcksieht auf das Bestehende war in den 
ersten Jahrhunderten des Ohristenthums schon durch eine 
Aossere Nothwendigkeit geboten ; denn damals, unter andem 
Yerlialtnissen, hatte die Bibel eine viel allgemeinere Wiehtig- 
dceit, als jetzt. Es war noeh kein Grand vorhanden, das BibeL- 
ksen ^aof Seiten der Laien einzuschranken ; vielmehr blieb 
die hi. fichrilt .das haupts&chlichste oder einzige Er- 
bftuungsbuch der Ol&ubigen, mit dessen Lesung schon im 
ersten Eindesaltar begonnen wurde. Gleicherweise bildetcii 
bd d^ kirchhcb^ Liturgie, die in der aUgemein ttb- 



•i) JS^. ad Aflrie. ^. 16 sq. Oomm. inMaUk. fJOfl £d. 4e Ja Bm. 



— 104 — 

lichen griechischen Sprache vorgenommen wurde, die 
biblischen Lesestticke einen viel bedeutenderen Abschnitt, 
als heutzutage, imd das Volk betheiligte sich in weit 
grosserem Maasse an dem Officium der Cleriker, das aus 
den Bestandtbeilen der hi. Schrift entnommen war. Unter 
solchen Umstanden war der Gebrauch des griechischen 
Bibeltextes natiirlich, insofern in denjenigen Landern, 
welche zuerst das Christenthum annahmen, das Griechi- 
sche die einzige allgemein verstandene Sprache bildete. 
Dass die Kirche hierbei die Septuaginta adoptirt hatte, 
war nicht gerade desswegen geschehen, weil keine andere 
zu Gebote gestanden hatie. Die Uebersetzung v<m 
Daniel wurde ja nicht in Gebrauch genommen. Es ge- 
schah vielmehr, weil der Kirche die Septuaginta zur 
Erreichung ihrer Bestimmung an den Menschen als ein 
hinreichendes Mittel erschien. Als salches war sie durch 
den rechtmassigen Gebrauch in der Synagoge Jahrhun- 
derte lang erprobt, und da das praktische Bediirfhiss 
einen griechischen Text des Alten Testamentes forderte, 
so war die Entscheidung von selbst gegeben. Es hatte 
zwar noch die Moglichkeit gegeben, neue Uebersetzungen 
aus dem Hebraischen anzufertigen. Allein die damals 
vorhandenen hebraischen Texte boten durchaus nicht 
mehr Garantie fur die Richtigkeit der Form, als auch 
die Septuaginta; und hatten sie auch mehr geboten, so 
konnte doch der gross^ere Grad menschlicher Genauigkeit, 
der ftir die Zwecke der Kirche ohne Bedeutung blieb, 
die praktischen Nachtheile nicht aufwiegen, die durch 
Verdrangung eines herkommlichen Bibeltextes entstanden 
waren. Mit einer solchen praktischen Approbation der 
Septuaginta nun wollte die Kirche den Text derselben 
nicht als einzig zuverlassig oder urspriinglich hinstellen. 



— 106 — 

Die Ansicht Yon der Inspiration ibrer Verfasser blieb 
eine Privatmeinung, und war nie kircWiche Lejire. Die 
Kirche trat ferner den Bestrebungen, einen kritisch gesicher- 
ten griechischen Text oder eine voUkommenere Uebersetzung 
herzustellen, niemals in den Weg; sie sprach auch de^ 
so gewonnenen Verbesserungen nicht die menschlidie 
Richtigkeit und Zuverlassigkeit ab; aber sie hielt an 
dem einmal gebrauchlichen Texte fest, weil diese Con- 
sequenz der Erreichung eines hohern, iibematurlichen 
Zweckes diente. Wie sehr ein solches Verfahren zur 
Bestatigung der schon oft ausgesprochenen Grundsatze 
dient, soil bier nicht auf's Neue hervorgehoben werden. 
Die Kirche wtirde in diesem Verhalten bis zum heutigen 
Tage ausgeharrt haben, wenn die Septuaginta in gleicher 
Weise stets dem praktischen Bediirfnisse entsprochen hatte. 
In der morgenlandischen Kirche, wo die griechische Sprache 
als hauptsachlichstes Bildungsmittel und als Kirchen- 
sprache noch immer in Gebrauch ist, gilt auch noch heute 
die Septuaginta als authentischer Bibeltext . Als in 
mehreren Landem unter veranderteit Bildungszustanden 
ein griechischer Text dem praktischen Bediirfnisse nicht 
mehr geniigen konnte, musste freilich auf Beschaffung von 
Bibeltexten in der Landessprache gedacht werden; allein 
alle Uebersetzungen , die in kirchlichen Gebrauch kamen, 
wurden beim Alten Testament nicht aus dem hebraischen 
Originaltext, sondern aus der Septuaginta angefertigt. So 
entstanden im 2. Jahrhunderte koptische, im vierten eine 
athiopische, im ftinften eine armenische, im sechsten eine 
georgische Kircheniibersetzung ^). Eine Ausnahme machte 
die syrische Kirche, insofern hier die Verwandschaft der 



1) Scholz, Einl. I. S. 489 ff. 



— 106 — 

I 

Sprache eine oimiittelbare Uebersetznag aus idem Hebdii- 
Bchen bewirkte. Indess war das Anseheii 4ier Septuagiirta 
auch fai^r so gefestigt, dass mdit bloss die Peechittho in 
Behr vi^n SteUen ihre Abbftngigkeit von der griecbischcu 
Ueb^ragung erkennen ISsst, sondem dass aadi sp&ter 
tteae syrteche Uebersetzungen aus der Septuaginta gleich- 
sam aur Controle der Peschittbo aagefertigt wurden^). 



r^'i^n'— T j ' t .i > . I I I J 



1) Scholz a. a. 0. 13. 4^2. Herbst n&d Welte, Einl. I. %. 909 ff. 
V^n der monophyBitiBdiea Ueberietsung des Paul von 'Tfilla iit 
^nicht die B^. ^ 



VI. 

1 1 a 1 a. 



,Aiich dem Abendland ward das Alte, wde das Neue 
Testament zuerst in griecbischer Spnache bekamit. Giieebi- 
ischer Mdimg waren schon jene Jiuden und Judengemeinden, 
die Beit dem zwdten vorchristliclien Jahrhiindert and noeh 
friflier sich im nfirdlichen Africa, in Hellas, in Italien, in 
^lanien niedergelassen hatt^^). Wenn diese auch das 
Gesetz und die Propbeten in hebraiseher Sprache beaassen, 
so wurden doch die dffentlichen Vorlesungen in den Syna- 
gogen auch aus der Septuaginta gehalten, gegen wekbe 
er^ andalhalb Jahrhunderte nach Gbdstus die Juden ihre 
Opposition zu richten anfingen. Die cluristlichen Glanbeos- 
irerkiindiger vollends konnten, soweit sie des fiibelwortfis 
m ihrem Zwecke bedurften, sich gar keines andfirn Tescbes 
als der Septuaginta bedienen. Denn einestheils batten sie 
sanuntlich ihre Bildung unter dem Einflusse des Hellenis- 
nms empfangen, andemtheils fiEmden sie im Abendlande 
wohl das Y^i^tandniss der grieChischen, siber niCht das 
der hebrSischen Sprache vor. 

Es lasst sich desswegen wohl annehmen, dass auch 
zu Bom die biblischen Lesungeu bei den soj|;inta^licben 
Vj^sainmliu^en zuer^t in gri^i^fihcir Spraqbe g^pl^i^WP- 



^^r 



1) Haneberg, Gesoh. der bibl, Qffenb. 1890. & .418 JL 



— 108 — 

Den Anfang zu der dortigen Gemeinde bildeten ja die be- 
kehrten Juden, welche ihrer Herkunft wegen in. der grie- 
chischen Sprache erfahren waren, und die ohne Zweifel in 
der Synagoge die Septuaginta batten lesen hOren. Wenn 
nun die Apostel, wie kaum nocb bezweifelt wird, die Li- 
turgie in der jedesmaligen Landessprache hielten, so ftihr- 
ten in Rom die bestehenden Verhaltnisse dazu, sich we- 
nigstens ftir die allererste Zeit des Griecbischen zu be- 
dienen. Nicht anders mag es in Gallien geschehen sein. 
Gleicbwohl brachte das Aufbltihen des Christenthums im 
Abendlande sehr bald ein anderes Bedilrfniss, als im Morgen- 
lande vorhanden war. Im Orient war durch die griechische 
Herrschaft wahrend dreier Jahrhunderte das Griechische 
jiieht bloss officielle Geschaftssprache geblieben, sondem 
es war allmalig auch in alle Schichten der Bev61kerung 
gedrungen und hatte den Gebrauch der einheimischen 
Sprachen, wo nicht verdrangt, doch sehr beschrankt. An- 
ders war es im Abendlande, Die Ausbreitung der romischen 
Macht und die Pflege des romischen Bechts hatte dort 
der lateinischen Sprache im Geschaftsverkehr und im Um- 
gange allgemeinen Eingang verschaflft ^) ; im eigentlichen 
Italien (nordwarts von Rom) wurde nur wenig^ Griechisch 



1) Selbst im Morgenlande wax durch die romische Herrschaft 
auch die Kenntniss des Lateinischen nicht ungewohnlich ; da- 
her der dreifache Titel am Kreuze des Herrn. Harduin behau^- 
tete sogar, es sei das Lateinische zur Zeit des Heilandes in Pa- 
lastina die gewohnliche Verkehrssprache gewesen. Noch weiter 
ging Molkenbuhr, der nach dem Yorgange von Isaak Yoss (1672) 
Bchon vor Christi Geburt die Septuaginta in's Lateinische tibersetzt 
glaubte. S. Blnterim, Denkwtird. lY, 2. S. 98. Banke^ Fragmm, 
vers. s. 8cr, lat antehier, Vindob. 1868, iS. 2. 



— 109 — 

gesprochen, and in Rom vollends ward bei den mittlern 
und untern Elassen bloss das Lateinische verstanden ^). 
Gerade bei diesem Theil der BevOlkerung aber fand das 
Eyangelium, das den Armen gepredigt wird, den meisten 
Eingang, und hier war flir die Zwecke des Christenthums 
das Griechische ein ganz ungeeignetes Vehikel. Mit der 
Bildung der ersten Christengemeinden musste desswegen 
sehr Mhzeitig das Bediirfniss erwachen, das Bibelwort 
auch in lateinischer Sprache zu be^^tzen. Dies Bediirfniss 
war freilich kein theoretisches zur Uebermittlung des 
christlichen Lehrinhaltes ; denn das Ghristenthum ist durch 
das lebendige Wort der Apostel und nicht durch die hi. 
Schrift in's Abendland gebracht worden. AUein das prak- 
tische Bediirfniss der Erbauung forderte sehr bald 
lateinische Bibeltexte sowohl fiir .die gottesdienstlichen 
Versammlungen, als fiir den hauslichen Kreis der romischen 
und italischen Glaubigen. Denn erstens kann kein Zweifel 
sein, dass die Liturgie zu Rom noch zu den Zeiten des 
hi. Petrus in lateinischer Sprache gehalteu wurde. Schon 
der hi. Papst Innocenz I. (402 — 407) fuhrt die Einrichtung 
der zu seiner Zeit gebrauchlichen romischen Liturgie auf 
den hi. Petrus zuriick'). Wie aber ein grosser Theil der- 



1) Was gewoholich fiber die allgemeine KeDntniss des Griechi- 
schen in Rom gesagt wird, ist nach Obigem zu modificiren ^ vgl. 
Gams, K. G. von Spanieu I, S. 100. Daneben bleibt aber zu be- 
merken, dass die rdmische Eirche bei ihrem gescha ft lichen 
Verkehr sich wslhrend der drei ersten Jahrhunderte des Griechiscben 
bediente; denn nur durch diese Sprache konnte sie Beziehungen 
aUgemeinerer Art unterhalten. Dies ist auch der Grund, warum 
die ^testen abendlandischen EirchenschriftsteUer , darunter auch 
Clemens von Bom, (iberhaupt griechisch schrieben. 

2) Mansij Coll, Cone, Illy p, 1028, 



-- 110 — 

selben aus der hi. Sclirift entnommen war, wie namentiiiek 
die Psalmen eiiieii Hauptbestandtheil derselben bildeten, 
so brachte die Herstellung einer liturgischen Ordnung von 
selbst die Uebertragung biblischer Stiicke iit's Latdnisdie 
mit sich ^). Noch n^thiger mirde diese zweitens nm der 
Muslichen Erbauung der Gl&ubigen willen. Wie den Judenein- 
geschlbrft war, das Gesetz des Herm Tag und Nacht vor Augen 
zn halten, so suchten auch die ersten Christen ihre geistige 
Nahrung zumeist in ^r hi. Schrift, die Jahrhunderte 
lang ihr Haapterbauungsbuch blieb ^). So lange ja von 
derselben weder zur Entstellung der Glaubenslehren, 
noch zur Yerkehmng der Sitten Gefahr zu beftirchten 
war, hatte die Kirche keine Ursacbe, die Lesnng 
der hi. Schrift einzuschrilnken. Im Gegentheil ist das 
Bibellesen yon der Kirche Aniangs gebilligt worden, 
und die Beformatoren des sechszehnten Jahrhundertes 
haben dasselbe gewiss nicht so nachdrticklieh empfohlen, ala 
die VHter der ersten Jahrhunderte. Ihrer aUer Meinung 
spricht am eindringUchsten der hi. Hieronymus aus, wenn 
er an Nepotian schreibt: „die hL Schrift lies fleissig, od^ 
viefanehr, lass nie aus deinen H&nden eines der hi. Bilcher 



1) YgL was Ruf&auB bei Gelegeaheit'der Uebersetzung de^ hi. 
Hieronpntts aus dem Hebr&iicben schreibt: Petru» romamae ^ode^ 
9iae per viginti et quoJtmt annos praefuU: dubitamdum nan eet^ 
quin, sicut eeteraj qme ad instrudienem pertinent, etiam lihrorum 
i$i9trumenia eeclesiae ipse tradiderit, quae utique iam tunc, ipso 
eedente et doeenie^ recitabcmtur. 0pp. S. Hier. T, II, p, 661. 

2) Daher schreibt der hi. Clemens Ton Bom in seinem ersten 
Briefe an die Corinther XLY. : ^lAdvccxoe i^n, & jt^f •}, xai inXttvai ircpi 

fiil &y)ixtfyTwy <{$ ffun^iKy. '£yxvirr«r< tU Teles yp^f^if "^^i ^>2i^s7fi /^i^Mis 
irMU/M(TO( row ocylov. 



— Ill — 

kdmmtti^^ ^). Den Zweck dieser imausgesetztea Lesong: 
gibt er in seinem Brief an iea Bischof Busticus an : ^^Halte 
die B^kamitsehaft mit den M. Schriften lieb, so wirst da 
die Lfiste des Fleisches nicht lieben konnen ^).'^ Dies gilt 
abeJ* nicht bloas den Priestern tind Manchen: auch an die 
Jm^au DeiBietrias schreibt er: „Liebe die U. Schriften^ 
S€K ivird dich die Weisheit lieb haben ^) ;'^ und der reiehen 
Bdmerin Lata gibt er unter andern Vorschriften, wie sie 
ibre Toehter erziehen soUe, auch folgende : „Lass dir jeden 
Tag von ihr ein Pensum von Blftten aufsagen, die sie 

im Garten der hi. Schrift gepfldckt hat* Zuerst 

kss sie das Psalterium lemen und in den Spriichen 
Salomoiis sidi Lebensweisheit holen. Im Prediger lass 
sie dann sich gewohnen zu verachten, was weltUch ist 
An Job soil sie die Beispiele der Tugend und Geduld 
nachahmen. Dann mag sie zu den Evwgelien weiter 
gehen, um sie niemehr aus der Hand zu lassen^^ u. s. w.^"^), 
Wie sehr schon die ersten ronuschen Christen solche 
Begeln zur Anwendung gebracht haben, davon geben die 
Katakomben zu Bom in Bild und Wort mannigfachen 



•'■'-*-■■'• ■ 



ly DMncta scripturas 3<tepiU8 lege, immo nunquam de manHms 
tuts 8€tcra lectio deponatur, Ep. LH, T, L p. 261, > 

2) Anna seientiam scripturarum, et camia vitia non amaibis, 
Ep. OXXY, T. L p. 939. 

8) Ama stripiuras 8anet(H8, et dtndbit te sapiMtick Ep, OXXX* 
T. L p. 997. 

4) Eeddat iibi petmtm quotidie de scripturarum fioribus car- 

ptum4 Discat primo PaaUerium et in Proverbiit Salamonis 

erudiatwr ad vitam. In Ecelesiaste coneueseat, quae mundi sum, 
ealeare. In Job virtuMs et patientiae exempla sectetur. Ad Evan- 
gdia tranaeat nnnquam ea poeitura de manibue etc, Ep, OVIL 
T. L p. 688. 



— 112 — 

Beweis, und es lasst sich nicht anders annehmen, ^s 
dass zu einem solchen Gebrauch zuerst das Alte, spater 
auch das Neue Testament sebr friih in lateinischer Ueber- 
setzung Yorhanden war. Dass die Uebertragung aus dem 
Griechischen geschah, braucht kanm bemerkt zu werden. 
Erweislich war dies gegen Ende des zweiten Jahrhun- 
derts bereits geschehen ; denn einerseits konnte TertuUian, 
der urn 200 n. Chr. lebte, schon die ganze lateinische 
Bibel benutzen^), andererseits reicht in Karthago^ wo 
ausser der Landessprache nur ^ lateinisch verstanden und 
gesprochen wurde, die Reihe der Bisch5fe und also die 
Ordnung der Gemeinde und der Liturgie bis in die 
letzte Zeit des zweiten Jahrhunders hinauf ^). Diese Ge- 
wissheit erlaubt noch einen Schritt weiter zu gehen. 
Nach Africa ist das Christenthum aus Italien her ge- 
gefcommen, und es ist daher wahrscheinlich, dass von 
dort schon eine lateinische Bibeliiberfietzung den Weg 
liber das mittellandische Meer gefunden hat*); die Zeit 
namlich, welche seit der Errichtung africanischer Ge- 
meinden bis auf TertuUian verflossen ist, scheint ftir die 
Entstehung und Verbreitung einer voUstandigen Bibel- 
iibersetzung zu kurz. Ware letztere so, wie spater die 



1) TertuUian citirt nicht Ruth, die BB. der Ghronik, die BB. 
Esdras, Esther, Abdias, Sophonias und Aggaas; diese werden aber 
fast s&mmtlich bei Cyprian angefllhrt. 

2) Scholz Binl. I. S. 484. 

3) Al certt'j sagt Vercellone, la chiesa romana net secondo se- 
eolOy prima ancora che venissero in fiore le chiese d* Africa, non 
doveite essere priva della latina liturgia; ne questa poieva avere 
luogo senaa la versione della 8* scrittura, Dis$ert» Accad. Boma 
1864. p, 19. 



— 113 — 

Uebersetzung des hi. Hieronymus, aus bestimmtem Auf- 
trag und yon Einem Manne abgefasst worden, so liesse 
sie sich in sehr kurzer Zeit entstanden und allgemein 
verbreitet denken; allein es gibt Anhaltspunkte, die an- 
ders zu urtheilen nothigen. Der hi. Augustinus sagt fiber 
der Entstehung lateinischer Bibeltexte: sobald in den 
ersten Zeiten des Glaubens ein griechischer Bibelcodex 
jemandem in die Hande gekommen sei, der in beiden 
Sprachen etwas Fertigkeit zu'besitzen glaubte, habe der- 
selbe sich auch darangegeben, eine Uebersetzung anzu- 
fertigen '). Aus dieser Angabe muss geschlossen werden, 
dass die Uebersetzung der biblischen Bdcher in's Lateinische 
mehr gelegentlich stattfand; solche Privatubertragungen 
konnten eine allgemeine Verbreitung sobald nicht 
finden. Nun aber citiren die altesten lateinischen Eirchen- 
schriftsteller , Tertullian, Cyprian und der lateinische 
Uebersetzer des Irenaus, im Ganzen abereinstimmend aus 
einer Uebersetzung, die zu ihrer Zeit schon in allgemeine 
Aufnahme gekommen war; die Entstehung derselben 
muss daher in eine altere Zeit hinaufgerflckt werden, 
als an das Ende des zweiten Jahrhundertes. In noch 
frilhere Zeit weist die Zeitangabe des hi. Augustinus 
bei obiger Stelle die Entstehung lateinischer Bibeltexte. 
Nach ihm stanmien dieselben „aus den ersten Zeiten des 
Glaubens.^^ Man konnte hierbei an die ersten Zeiten 
denken, in welchen der christliche Glaube in der Hei- 
mat des hi. Augustinus, in Africa, Wurzel geschlagen 
hatte. Wenn aber der hi. Lehrer sagt, er schreibe fttr 



1) Ut enim cuique primis fidei temporibus in manus venit codex 
graecus, et dliqiumtulum facultatis sibi utritisque linguae habere vi- 
debatur, ausus eat interpretari, Doctr, christ. II, 11, 

KauUn, OeBchichte d«r Yulg»t«. g 



— 114 — 

Leser lateiniseher Zunge^), ^^ ^^^ ^^^^ ^^^ anzn- 
nehmen, dass er damit bloss seine afrlcanischen Lands- 
leute nleine; denn es ist nicht wahrscheinlieh, dass es 
bloss in Africa, wo kein reges wissenschaftliches Leben 
war, eine „imzlLhlige Menge" von lateiuischen BibelUber- 
setaungen gegeben habe. Viehnehr mtissen die ange- 
fOhrten Worte in allgemeinem Sinne verstanden werden. 
Damaeh geht die Zeitbestimmung „in den ersten Zeiten 
des Glaubens'^ anf die erste Zeit des gesammten Ghristen- 
thums iiberhanpt zurtick. In diesen fiihrte das Bedtlrfniss zu 
vielfacher Uebertragung in's Lateinisehe. In Rom selbst 
wuchs die Ghristengemeinde so schnell, dass schon in 
der Neronischen Verfolgung nach Tacitus „eine ungeheure 
Menge" von Christen vorhanden war*). Ebenso schnell 
verbreitete sich das Evangelium sfldwarts und nordwfirts 
von Rom durch Italien. Wie aber zu Rom die untern 
Volksklassen, die jedenfalls zu jener „ungeheuem Menge" 
das grOssere Contingent geliefert haben, so waren in 
Italien die Landbewohner des Griechischen unkundig, 
und es llisst sich leicht erkl^ren, dass bei der raschen 
Zufiahme der Christen auf Befriedigung ihrer geisti* 
gen Bedflrfixisse durch lateinisehe Bibeltibersetzungen 
s^r bald und sehr mannigfaltig Bedacht genommen 
wurde. 

Es lag in den Umstanden und in der Natur der 
Sache, dass alle so entstandenen Uebersetzungen nur 
Privatcharakter hatten; nichtsdestoweniger wurden sie 
von der Kirche fiir den 5flFentlichen Gottesdienst geduldet. 



1) Et laUnae quidem linguae homines, quoB nunc inHruendoa 
auacepimuSy Doctr. Christ, U, 11. 

2) Toe. Ann\ XV. 44. 



— 115 — 

Die Zeit der Verfolgungen, die bis in den Anfang des 
vierten Jahrhunderts dauerte, war fiir solche innere Ein- 
richtungen, wie die Bestimmung einer allgemein zu 
brauchenden Uebersetzung, nicht geeignet; demnach blieb 
es dem Gutdtinken der Bischofe und Priester ilberlassen, 
welcher lateinischen Bibeltexte sie sich beim Gottesdienste 
bedienen woUten. Zwar fingen einsichtige Manner friih- 
zeitig an, einer bestimmten Uebersetzung den Vorzug vor 
alien ubrigen zu geben ; allein die vorhandenen Versionen 
blieben trotzdem in Gebrauch. So erklart sich, was uns aus 
dem.vierten Jahrhunderte von den lateinischen Bibelversionen 
berichtet wird. „Diejenigen" sagt der hi. Augustinus, „welche 
die Schrift aus dem Hebraischen in's Griechische tlber- 
tragen haben, lassen sich zahlen, die Uebersetzer in's 
Lateinische aber zu zahlen ist unmoglich ^)." "Bei der 
grossen Zahl dieser Uebersetzer machte sich auch eine 
„unendliche Mannigfaltigkeit" ^) in ihren Uebersetzungen 
bemerkbar; die Hauptverschiedenheit bestand darin, dass 
die Einen sich gar zu streng an den Ausdruck des 
griechischen Originals hielten'), die Andern aber bloss 
den Inhalt wiedergaben, ohne auf den Ausdruck Gewicht 
zu legen*). Eine andere Verschiedenheit hebt der hi. 
Hilarius hervor, wenn er die Uebersetzer des Alten 
Testamentes in solche eintheilt, die bloss griechisch, und 



1) Qui enim Scripturas ex hebraea lingua ingrctecam verterunty 
numerari po88unty latiniautem interpretes nullo modo, Doctr, chHst 
IIj 11. extr, 

2) LMnorunh interpretum infinita varietas, ib. in, 
8) Qui 86 verbis nimis obstrinxerunt ib, 19, 

4) Qui non magis verba, quam sententias interpretando aegui 
tnaluerunt, he, 

8* 



— 116 — 

in solche, die neben dem Griechischen auch hebraisch ver- 
standen*). Aus einer solchen Verschiedenheit empfiehft 
der hi. Augustinus denen, welche bloss lateinisch ver- 
st£lnden, Nutzen zu Ziehen, indem sie bei schwierigen 
Stellen die eine mit der andern Uebertragung vergleichen ; 
aus der Gesammtheit der verschiedenen Ausdrucksweisen 
werde sich dann leicht auf die eigentliche Bedeutung 
des im Original stehenden Ausdruckes zurtickschliessen 
lassen ^). . Wer aber nur einer einzigen Uebersetzung sich 
bedienen konne oder woUe, dem empfiehlt er die „ita- 
lische^^ die bei aller Elarheit des Inhaltes doch auch 
wortgetreu sei, d. h. die das Haupterforderniss einer 
Uebertragung, die Verstandlichkeit, gliicklich mit dem we- 
niger gesuchten, der wortlichen Uebereinstimmung, ver- 
einige'). Dies ist die bertihmte Stelle, aus der sich 
schliessen lasst, dass schon im vierten Jahrhundert eine 
bestimmte lateinische Uebersetzung von Sachverstandigen 



1) Conrn. in Ps, CXLII, 1, 

2) Nunc de incognitis [signis] agmus .... quae m ex alienis 
Unguis veniunt, aut quaerenda sunt ab earum linguarum haminibus .... 
aut plurium interpretum eonsulenda coUatio est Si autem ipsius 
Ungwke nostrae aHqtM verba locutianesque ignoramus .... pluri- 
mum hie quoque iuvat inUrpretum numerositas coUatis codic^ms 
inspecta atque discussa. Doctr. christ II, 14, 

8) In ipsis antem interpretationibus itala caeteris praeferatur ; 
nam est verborum tenacior cum perspicuitate sententiae, Doctr, 
Christ. II, 15, Die Gonjectaren, welche hier ilia (oder usitata) an die 
Stelle Yon itdla setzen woUten, hat Hag, Einl. I, §. 115. ein f^r aUe- 
mal abgewiesen. Das Ad|jectiY italus ist zwar seltener, als italicus ; 
es ist aber nehen gaUus, hispanus, germanus eine gaDz normale 
Bildong, die nicht bloss in derPobsie vorkommt, sondem sich schon 
bei Cicero de harusp, resp, und spater bei Arnobias findet 



— 117 — 

den sonst vorhandenen vorgezogen wurde. Der Name 
dieser Uebersetzung, der noch jetzt gewOhnlich „Itala" 
wiedergegeben wird, erklSrt sich im Mimde des africa- 
nischen Schriftstellers leicht. Da aber der hi. Augustiaus, 
wie schon angefiihrt, ftir einen allgemeinen Leserkreis 
schrieb, 80 scheint die betr. Bezeichnong schon damals 
der terminus technicus fiir eine bestunmte BibelQbersetzung 
gewesen zu sein. Jedenfalls war diese schon weit ver- 
breitet und allgemein bekannt, sonst hatte eine so ein&che 
Hinweisung zur Eenntlichmachung derselben nicht geniigt. 
Es darf weiter der Schluss gezogen werden, dass ein be- 
stimmter Ver&sser dieser Uebersetzung nicht bekannt 
war, sondern dass man nur im Allgemeinen wusste, sie 
stamme aus den Gemeinden in Italien ^). Etwas Anderes, 
als die Abstammung, kann namlich die Bezeichnung 
„italisch'^ nicht ausgedrtickt haben; von landschaftlicher 
Oder nationaler Verschiedenheit des Lateinischen ist in 
den ersten christlichen Jahrhunderten nirgendwo die 
R^de'). Wie ist es aber nun zu denken, dass bei den 

1) BeuBS hat in der Geschichte des N. T. die Meinnng aufge- 
stellt, der hi. Augustinus habe unter Itala die Uebersetzung des 
hi. Hieronymus verstanden ; allein als die BB. de Doctrina christtatM 
verfasst wurden, hestand letztere Uebersetzung erst zum Theil, und 
dem hi. Augustinus gefiel dieselbe durchaus nicht. 

2) Augustinus scheint selbst die oben gegebene Deutung zu be- 
Btatigen, wenn er contra Faustum Man, L. IL C, 2, von den la- 
teinischen Uebersetzungen sagt : Ita si de fide exemplarium quaestio 
verteretur, aicut in nonnullis, quae paucae sunt et sacrarum literctr 
rum notissimae sententiarum varietates, vel ex aHiarum regianum 
codicibus, unde ipsa doctrina commeavit, nostra dubitatio dijudica- 
retur: vel si hi ipsi quoque codices variarent, plures paucioribus, 
vetustiores recentioribm praeferrentur : et si adhuc esset incerta va- 
rietaSf pracccdens lingua, unde iUud interpretatum est^ consuleretwr. 



— 118 — 

ausseritalischen Christen, zunachst in Africa, eine la- 
teinische Bibelfibersetzung als die „italische^^ eingeftihrt 
und verbreitet wurde? Ofifenbar wird jene Bezeichnung, 
als auf nationalem Gegensatz beruhend, den Sinn gehabt 
haben, dass darunter die in Italien allgemein ge- 
brauchte Uebersetzimg verstanden wurde. Wenn ferner 
abendlandische Gemeinden des vierten Jahrhunderts eine 
lateinische Bibelubers^tzung batten, von der sie bloss 
wussten, dass sie aus Italien stanune, so darf bei der 
allgemeinen Verbreitung derselben auch gefolgert werden, 
dass sie damals schon ein hohes Alter besass. Um die- 
selbe Zeit aber, in welcher der hi. Augustinus in Africa 
schrieb, gab es in Italien unter der Menge vorhahdener 
lateinischer Uebersetzungen eine, welche als „die alte" 
(vett4S, cmtiqua)^^) „die herkonunliche" (usitata)^ „die ge- 
w5hnliche" (communis)^ „die gebrauchliche" (vulgata)^) 
bezeichnet wnrde. Hier liegt es nun tiberaus nahe an- 
zunehmen, dass unter beiderlei Benennungen eine und 
dieselbe Uebersetzung verstanden sei; in Italien Mess 
diese „die gebrauchliche^^ ausserhalb Italiens aber „die 



1) TransMi nuper Job in lingiMm nostram; cuius exemplar a 
sancta Marcella consobrina tua poteris mutuari. Lege eumdem 
graecum et latinum, et veterem editionem nostrae translationi com- 
para, Ep, XLIX, ad Famm. I, p, 235, Quanta dimiserint [septuxxr 
ginta], vel asterisci testes, ut dixi, sunt, vel nostra inierpretatio, si 
a diligenti lector e translationi veteri confer atur, Ep. LVIL ad 
eund, ib, p. 316, Nos antiquam interpretation em sequentes, quod 
nan nocebat, mutare noluimus, Ep. CVL ad. Sun. et Fret. n. 66. 
ib. p, 670. 

2) S. die S. 21 f. aDgefuhrten Stellen, sowie comm.in Jon. 11,5: 
hie, quod in graeco dicitur apa. et hahet vulgata editio ^putas", in' 
terpretari potest „igitur'% T, VL p, i09. 



— 119 — 

italiscbe^\ d. h. die in Italian gebrS.uchliche. Nach aUem 
diesem lasst sich schliessen, dass der Yorzug, welchen die 
Yoin hi. Augustinus bezeichnete Uebersetzung genoss, 
nicht bloss auf der von ihm hervorgehobenen. Ueber- 
tragungsweise, sondern auch auf deren ehrwiirdigem Alt^- 
thume beruhte. In Italien selbst scheint fiir dieselbe noch 
ein anderer Grand zur Empfehlung darin bestanden zu 
haben, dass sie in dffentUchem Gebrauche war und dem- 
nach eine Art von officiellem Charakter trag. Dies 
wiirde von selbst in sich schliessen, dass die gedachte 
Uebersetzung auch zu Rom beim Gottesdienste gebraucht 
wurde, ware dies auch nicht durcb anderweitige Zeug- 
nisse bekannt; und es muss dahin gestellt bleiben, ob 
nicht der Yorrang, welchen die romische Eirche bes^s, 
ebenfalls das Seinige zur allgemeinen Yerbreitung der 
Itala beigetragen hat^). 

Im Gegensatz zu vorstehender Darstellung ist ein 
anderer Sachverhalt schon von Sabatier ^) und Eichhom ') 
behauptet und spSter von Wiseman*) ausfiihrlich ver- 
theidigt worden^). Nach ihrer Aufstellung soil vor dem 



1) . . . quum auspiciis, ut cmnino credibiU est, ecck9iae romfi- 
nae prodierit, sagt Eanke yon der Itala, Fragmm. vera, s, s. lat 
antehier, Vindoh. 1868 p. 3, 

2) S. die Yorr. zu dem unten S. 128. Anm. 2, angefdhrten 
Werke. 

8) Einl. in das A. T. 2. 6d. §. 823. (4. Aufl. 1628). 

4) Two letters on some parts of the controversy concerning the 
genuiness of 1 John V, 7. containing also an inquiry into the ori- 
gin of the first latin version of scripture, commonly called the Itala, 
sp&ter abgedruckt in den Essays on various subjects, London 1853, 
vol, J. deutsch Eegensb. 1854. 

5) Die niimliche Ansicht iet nachher besoaders yerfocbten wor- 



— 120 — 

hi. Hieronymus nur eine einzige lateinische Uebersetzung 

verfasst worden sein und zwar nicht in Rom oder Italien, 

sondern in Africa; diese sei spater haufig entstellt und 

interpalirt und so in zahllos verschiedenen Gestaltungen ver- 

breitet worden. Als Grund hierfiir wird angegeben, dass 

einzig im proconsularischen Africa, nicht aber zu Rom, 

wegen Unkenntniss des Griechischen eine Uebersetzung der 

hi. Schriften nothig gewesen sei. Die verschiedenen Ueber- 

setzungen einzelner Stellen, welche uns erhalten seien, 

liessen trotz aller Abweichung von einander doch einen 

einheitlichen Charakter erkennen, und es sei einerseits die 

Freiheit der Kirchenschriftsteller beim Citiren der hi. 

Schrift bekannt, wahrend andererseits die willktirliche Ent-^ 

stellung der lateinischen Bibel durch Unberufene vom hi. 

Hieronymus wohl bezeugt sei. Wenn der hi. Augustinus 

von einer numerositas interpretum rede, so lasse sich aus 

seinen Schriften zeigen, dass er unter mterpres den Be- 

arbeiter eines schon vorhandenen Textes, nicht den ersten 

Uebersetzer verstehe; eine blosse Recension habe er auch 

unter itala interpretatio verstanden. Vor Allem aber sei 

es der Sprachcharakter der betr. Uebertragung , der zu je- 

nem Schluss nothige ; denn die sogenannte Itala zeige ganz 

dieselbe Farbung des Lateinischen, welche die africanischen 

Kirchenschriftsteller der ersten Jahrhunderte charakterisire. 

i)ie angefiihrten Grtinde sind jedoch nicht im Stande, 

die zuerst gegebene Darlegung des Sachverhaltes ujnzu- 
f 

den von Lachmann, Nov. Test gr. et lot. Berol, 1842, I, p. IX. 
von Tischendorf, Evang. Palat. ined. Lips. 1847, p. XVI, und von 
Reusch, Tab. Q. Schrift 1862 S.244. Bekampft wurde sie vornehm- 
lich von Reithmayr, Einl. in das N. T. 1852 S. 262, von Welte, 
Tftb. Q. Schrift 1860. S. 150 von Gams, K. G. von Span. S. 86 ff. 
und von Reinkens, Hilarius von Poitiers,, Schaffh. 1864. S. 333 ff. 



— 121 — 

* 

stossen. Ware auch zu der Zeit, da die christlichen 6e- 
meinden in Africa entstandeu, die relative Nothwendigkeit 
einer lateiuischen BibeMbersetzung dort grosser gewesen, 
als in Rom, so kann daraus doch nicht gefolgert werden, 
dass in den anderthalb Jahrhunderten vor Entstehung jener 
Gemeinden eine lateinische Uebersetzung^ der hi. Schrift 
ilberhaupt nicht ndthig gewesen wlbre. Ausserhalb Rom gab 
es schon in der zweiten Halfte des ersten Jahrhunderts viele 
Christen, welche die Bibel in lateinischer Sprache bedurften, 
und dass unter den Christen zu Rom selbst die griechische 
Sprache durchaus nicht allgemein verstanden war, ist schon 
oben gesagt worden. Die Verschiedenheit, welche sich in 
den Bibelcitaten der ersten lateinischen Eirchenvater findet, 
ist allerdings keine zwingende N5thigung, eine Mehrheit 
urspriinglicher Uebersetznngen anzuerkennen. Selbst die 
mehrfachen Uebertragungen einzelner ganzer Biicher, die 
uns aufbehalten worden sind^), n(^thigen noch nicht dazu, 
in ihnen verschiedene selbststandige Uebersetzungen 
zu erblicken, da recht gut eine aus der andern entstanden 
sein k5nnte. AUein gesetzt auch, dass alle uns erhaltenen 
Reste von altem Uebertragungen auf einer einzigen ge- 
meinschaftlichen Quelle beruhten, so folgt doch hieraus 
noch nicht, dass es nur eine einzige altere Uebersetzung 
gegeben haben konne. Da nach dem hi. Augustinus 
sicher eine Uebersetzung vorhanden war, die vor alien 
andem, sei es Uebersetzungen, sei es Recensionen, eine 
gewisse Auctoritat besass, so ist wohl zu denken, dass 
nur diese bis auf unsere Tage sich erhielt, wahren^die 
tibrigen der Yergessenheit anheimfielen. Der Wahrheit 
von wiederholten Ueberarbeitungen, welche vom hi. Hiero- 

1) Yon dem Buche Baruch, dem Buche Tobias und dem ersten 
Mackab&erbache gibt ee je zwei Texte, 



— 122 — 

nymus beneugt wird, geschieht durch' die Behauptung 
von mehrfachen orspolinglichen Uebersetzungen kein Ab- 
bruch; es haben sich eben jene Ueberarbeitungen und 
Yerbesserungen oder Entstellungen nicht bloss auf Einen, 
sondem auf viele ursprungliche Texte erstreckt. Wenn 
dahw der hi. Augustinus spater yon einer numerosikts 
intetpretmn ^) spricht, so kann er immerbin unter letzterm 
Ausdruck selbststandige Uebersetzer und spatere Ueber- 
arbeiter einer yorbandenen Uebersetzung zusammengefasst 
baben. In demBelben Sinne schreibt auch der hi. Hie- 
ronymuB: mcusime cum apud Latinos iot sint exemplarin^ 
qtiOt codices^ et tmusquisque pro a/rbUrio stto vel addiderit vel 
isubtraxerit, quod ei visum est^). Dass aber der hi. Au- 
gaatinujs uberhaupt intetpretari auch fUr das .Geschaft 
der blossen Uefoerarbeitung gebrauche, ist unerwiesen ^). 



1) Doctr, Christ II, 14. 

2) Praef. in Jos, 

8) Augustinus schreibt an Hieronymus (O'pp^ S, Hier. ed, VcUL I, 
p, 637) : evangelium ex graeco interpretatits es; darauf antwortet 
letzterer ib, p» 753: si me, ut diets, in emendatione novi testamenti 
9uscipi8 etc. Dies scheint doch nichts Anderes ztL enthalten, als 
dass Augustinus' Meinung damit rectificirt, nicht, dass ihr beigestimmt 
wird. Kach Wiseman soU der hL Augustinus L c. auch interpre- 
Uiri dorch den Ausdruck scripturam graecam latintie veritati reddere 
erklSxen* Dies ist un^rweislicb. Augustinus spricht zuerst von der 
Uebersetzung des hi. Hieronymus aus dem Hebr^ischen und sagt: 
Ich wtlrde lieber sehen, wenn du das A. T. aus dem Griechischen, 
statt aus dem Hebraischen tlbersetztest , mailem te interpretari; 
hier weist schon die Beziehung auf die andere Uebersetzung auf 
die Erklarung yon erster selbstst&ndiger Uebertragung hin. Sip&ter 
tiagt er: plurimum profueris, si earn scripturam graecam, quam 
MX^-QpurvH sunt, latinae veritati reddideria; quae in diversis co- 
Aioibt^ ita varia est, ut tolerari ^ix possit Der letzte Zusatz 



— 123 — 

Im Gegentheil imterscheidet er die emendatio von der 
interpretatio ganz genau, wenn er lehrt: (codicibvs) emevir 
datis non emendati cedant, ex uno dumtaxat mterpreta- 
tionisgenere venientes ^). Die Ueberarbeituug hob die Einheit 
der Uebersetzung auf und konnte insofem fiir das Ver- 
standniss der hi. Schrift einen Vorzug begriindeo^ als 
der mangelhafte Gharakter der einen Uebertragung durch 
die zutreffenden Ausdrucke der andem verbessert wurde. 
Demnach ist dem vollen Wortlaute nach zu fassen, was der 
hi. Augustinus anderswo sagt: qui scripturas ex hebraea 
lingua in graecam verterunt, numerari possunt, latmi 
autem mterpretes nullo modo'^). Dieser Ausspruch ist 
um so zwingender, weil er in einem Zusammenhang 
steht, wo die Kenntniss der Ursprache als zum Ver- 
standniss der Uebersetzung nothwendig hingestellt wird: 
sunt enim quaedam verba certarum linguarum, quae in 
usum alterius linguae per interpretationem transire non 
possvnt Ebenso klar driickt sich der hi. Hieronymus 
aus, wo er von den Textverderbnissen in den EvangeKen 
spricht. Er unterscheidet hier dreierlei Fehler: ea, quae 
vel a vitiosis intefpreiil>u8 male ^eddita^ vel a praesum- 
toribus imperitis emendata perversius, vel a librarm dor- 



zeigt, dass es dem Heiligen nor um einen autheniiscben lateini- 
Bchen Text nach der Septaaginta geht. Ob dieser durcb Emen- 
dation Oder durcb neue Uebersetzung bergesteUt werden soil, wird 
gar nicbt gesagt, docb ist es wabrscbeinlicber, dass Augustinus aucb 
hier an das Namliche denkt, wie vorher, d. i. an eine Ueber- 
setzung. Wenn der hi. Hieronymus wirklicb den Ausdruck veriere 
fttr „emendiren" gebraucht (s. ob. S. 19), so hat dies auf die vor- 
liegende Frage keinen Bezug. 

1) Doctr. Christ I c. 2) Boctr, Christ, U^ li. 



— 124 -^ 

mitantibus aut addita stmt aut mutata ^). Die Stufenleiter 
zeigt leicht, dass an erster Stelle Fehler in den ur- 
spriinglichen Uebersetzungen gemeint sind; demgem^ss 
sind auch die Latini, die veteres interpretes^ die onmes 
interpretes, die latini translatores^ welche bei demselben 
hi. Lehrer vorkommen, als mehrere selbststHndige Ueber- 
setzer zu fassen. Zu diesen Zeugnissen kommt das des 
hi. Hilarius von Poitiers, in dessen Psalmenerklarung 
wiederholt die latini translatores angerufen werden*). 
Dass trotzdem Augustinus sowohl, als Hieronymus, mit- 
unter von einem mterpres latinm oder von einem Latmus 
sprechen, ist auch bei dem angeg^benen Sachverhalt natiir- 
lich; der Ausdruck gilt entweder demjenigen, der gerade 
zur Hand war, oder dem, von welchem der hi. Augusti- 
nus einmal sagt: Laimus^ quern pro optima legebamus ^), 
Nach allem diesem wdrde der africanische Sprachcharakter 
der alten Uebersetzung keine Beweiskraft mehr haben 
konnen, selbst wenn er formlich constatirt ware. Allein 
es ist jetzt hinreichend bewiesen und wird gleich noch 
naher zu er5rtem sein, dass die Annahme eines solchen 
Charakte^s auf einer Verwechslung beruht*); die sprach- 

1) Praef in IV. Evang. ad. Bam. X, p, 661. 

2) Die betr. SteUen bei Eeinkens a. a. 0. S.846. Ein anderes 
nicht zu unterscb&tzendes Zeugniss findet sich Agob. adv. Fredeg. 9. 
(Migne T, CIV. p. 164) Fuerunt praeterea [praeter Eieronymum] 
dliqui venerandi catholici interpretes Latini, qui septuaginta editio- 
nem in latinum traftetulerunt ehqmum, . . . Fuerunt etiam latini 
aJiqui, quos Hieronymus presbyter reprehendit .... sic etiam in 
aliis locis quosdam reprehendit interpretes. 

8) Locut. 23. d. Ex. Noch weniger beweist der Ausdruck lor 
Una translatio oder interpretatio, der nur relative Bedeutung hat. 

4) Die von Wiseman angefQhrten Belege sind durch den von 
OamB a. a. 0. gelieferten Beweis vollst&ndig entkrSyftet worden. 



— 125 — 

lichen Eigenthtimlichkeiten, welche an derselben hervor- 
treten, gehoren der Zeit und der Schreibweise, nicM 
einer bestimmten Oertlichkeit an. ' 

Es bleibt also bestehen, dass es in der Kirch^ frtih- 
zeitig yerschiedene lateinische Bibel tibersetzungen 
gegeben hat, die sp3,ter durch Ueberarbeitung za 
einer weit gr()ssem Menge von lateinischen Bibeltexten 
geworden sind. Dass alle ursprtinglichen Uebersetzungen 
sich auf die gesammte Bibel A. und N. T. erstreckt 
haben, ist damit nicht gesagt und kann auch kaum als 
wahrscheinlich gelten; bei den griechischen Bibelhand- 
schriften, von denen der hi. Augustinus spricht^), wer- 
den auch manche gewesen sein, die nur einzelne biblische 
Bdcher enthielten. Umgekehrt wird aus der Redeweise 
des namlichen Heiligen^) wahrscheinlich, dass die be- 
sonders empfohlene italische Uebersetzung sich tiber die 
ganze hi. Schrift erstreckte; damit ist freilich auch nicht 
gesagt, dass sie ganz aus der Feder eines einzigen 
Uebersetzers geflossen sei'). 

Die vorstehende Untersuchung wiirde tiberfliissig wer- 
den, wenn uns von den lateinischen Bibeltexten, welche 
den Vatem vorlagen, und welche jetzt Gegenstand der 
Controverse sind, hinreichende Proben erhalten wSren. 
Dies ist indess niu* in ungentigendem Maasse der FaH. 
Zwar ist das Neue Testament nebst einigen alttestament- 
lichen Biichem in der angegebenen Uebersetzung nie 
ausser kirchlichen Gebrauch gekommen; allein dies hat 



1) 8. oben S. 118. 2) S. oben 8. 118« Amn. 3. 

8) DasB die einzelnen BB. des N. T. yon yerBcbiedenen Yer- 
fassern Ubersetzt seien, glaubt Mill aus der Beschaffenheit der 
UebertraguDg herleiten zu kdnnen, Frolegg, in N, T, n. 5J21 sq. 



— 126 — 

auch eine Ueberarbeitung der betr. Texte zur Fofge ge- 
habt, und hier kann nur von der urspriinglichen Form 
die Rede sein. Filr diese sind wir auf nicht zu reich- 
liche Hiilfsmittel angewiesen. Die vielen von einander 
abweichenden Citate, welche bei den altern Kirchenvatern 
sich finden, kSnnen nicht als Belege gelten, weil ihre 
Verschiedenheit auf Rechnung der Citations weise ge- 
schrieben werden kann. Beim hi. Augustinus findet 
sich eine Anzahl von Angaben, in denen ftir ein- 
zehie Stellen die verschiedene Uebertragung der dem 
Heiligen zu Gebote stehenden Interpreten bemerkt ist*). 
Dieselben sind aber zu wenig ausfuhrlich, um einen zu- 
treflfenden Schluss zu gestatten. Von Tobias, Baruch 
und dem ersten MakabSerbuche sind je zwei verschiedene 
Texte erhalten; ob diese aber als verschiedene Ueber- 
setzungen oder als verschiedene Recensionen anzusehen 
sind, dariiber schwanken die Meinungen. Hiervon abge- 
sehen, besitzen wir statt der vielen lateinischen Schrift- 
texte, welche aus dem Griechischen geflossen sind, nur 
einen einzigen, aber sehr Itickenhaften, den der Fleiss 
einzelner Gelehrten vor und nach zusammen getragen 
hat. Fundgruben fiir denselben sind theils alte Hand- 
schriften gewesen, welche einzelne Biicher enthielten, 
theils codices rescript^ die manches Bruchstiick ergeben 
haben, theils Anfuhrungen lateinischer Kirchenschriftsteller. 



1) S. dieselben gesammeR bei Rdnsch, die lateinischen Bibel- 
(ibersetzangen im cbristliclien Africa zur Zeit des Augustinus, 
Zeitschr. filr die hist. Theol. Bd. 37. Gotha 1867. S. 615. Als Bei- 
spiel diene quaest 55, in Dewt : Quod in graeco est rixva fioifxvir&, quidam 
iwterpretati sunt „filii vituperahUes'* , quidam ,^ii commaculati", 
guidam ,^ii vitiosi.** 



— 127 — 

Handschriftlich sind besonders die Psalmett, die EyaageUeii 
und die Briefe des hi. Paulas auf uns gekommen, und 
zwar die Evangelien in einer nicht unbedeutenden Zahl 
Yon Texten, die im Einzelnen manches Abweichende ha- 
ben. Von der Untersuchung der Handschriften aus dem 
achten bis zehnten Jahrhundert ist nach gUicklichen An- 
fangen noch mancherlei fUr die Zukunft zu hoffen; in 
jenen Zeiten namlich warden die Exemplare der alten 
lateinischen Uebersetzangen, weil letztere aasser Gebrauch 
gekommen waren, sehr hSufig rescribirt. Unter den la- 
teinischen Schriftstellern, welche den alten lateinischra Bibel- 
text citiren, ist besonders der hi. Hieronymus eine ergiebige 
Qaelle; in seinen Gommentaren zur hi. Schtift ftlhrt er 
fortlaafend eine Uebersetzang aas dem Griechischen im, 
in der allem Anscbeine nach die Vnlgata seiner Zeit, 
wenn aach mit seinen Aendemngen, erhalten ist. Mit 
solchen Mitteln ist denn allerdings das Keae Testament 
fast voUstandig, das Alte Testament zum grossen Thcil 
uns in einer der vielen Uebertragungen , von welcher 
Hieronymus und Augustinus reden, zuganglich. Diese 
Uebertragung ist man jetzt gewohnt Itala zu nennen. 
Der Name ist nicht ganz richtig, insofern der hi. Au- 
gustinus einen einzigen bestimmten Text mit demselben 
bezeichnet. Was aber jetzt so genannt wird, ist eine 
lateinische Bibel, die zuverUssig aus Stflcken verschiede- 
ner Uebersetzungen besteht, und die bei einzelnen Bdchem, ' 
wie schon bemerkt, sogar mehrere parallel laufende Texte 
umfasst. Gleichwohl ist jene Bezeichnung nicht zu ver- 
werfen, da sie aus der Erwagung hervorgegangen ist, 
dass aus der Zahl der vorhandenen Texte am ei^ten 
diejenige Uebersetzung sich erhalten musste, welche die 
Yulgata der ersten Zeit bildete. Dies ist aber ganz ge* 



— 128 — 

wiss die sogen. Itala gewesen, und besonders hat sich 
ihrer der hi. Hieronymus, der sie ja die vulgata ediHo 
nennt, bedient. Was der hi. Augustinus der Itala 
nachriihmt, dass sie verborf4m tenador cum sermonis 
perspicuitaie sei, lS,sst sich an den uns erhaltenen alt^ 
lateinischen Uebertragungen gr^sstentheils als Merk- 
mal nachweisen. Wir kdnnen demnach ftir einen grossen 
Theil der hi. Schrift mit ziemlicher Sicherheit behaupten, 
dass wir die Itala des hi. Augustinus besitzen^); ftir 
die tibrigen StiLcke, von denen lateinische Uebertragungen 
aus dem Griechischen vorhanden sind, passt der n&m- 
liche Name insofem, als dieselben Mr uns denselben 
Werth haben, wie auch die wirldich zur Itala gehQrigen ^). 



1) Bei denjenigen Theilen der hi. Schrift, von denen mehrere 
parallele Uebersetzungen vorhanden sind, kann nattlrlich nur eine 
der letzteren als die Itala gelten; dies trifft im AUgemeinen die 
wdrtlichste unter den Uebertragungen, in einzelnen Fallen die vom 
hi. Hieronymus (als Yulgata) gebrauchte. 

2) Die^hierher gehdrige Literatur ist folgende: VetfAS Testam. 
sec, LXX latine redditum ex auct. Sixti F. Bomae 1588 fol. (ed, 
Flaminius Nobiliua all.), VtUgata antiqua latina et ItcUa versio 
Evangdii sec, McOth, ed. J, Martianay, Parisiis 1695. 12. Epistola 
canon. 8, Ja>coh% iuasta vfdgatam veterem sive veraionem Itaiicam ed, 
J, Martianay Parisiis 1695. 12, Ada Apost, ed, Thomas Heamius. 
Oxoniae 1715. 8; letzterer Text wiederholt in A. Ch. Hwiid Libellus 
crit de indole cod. ms. graeci N. T, etc. Eavniae 1785. 8, Haupt- 
auBgabe bleibt das bis jetzt undbertroffene Werk Bibliorum sancto- 
rum UUinaeversiones antiquae sive vetus itaiica et eaeterae quaecunque 
reperiri potuerunt op. P. Sabatier. PaHsiis 1739 — 49, 3 Tomi fol. 
Bald daranf erschien Evangeliarium qwtdruplex latinae versionis 
antiquae s. vet, itaiicae ed. a Jos. Blanchino Bomcie 1749. 2 Tomi 
fol, Saerosanctus Evangeliorum codex 8. Eusehii M, ep, et mart. 
man^ exarixtus ex autogr. Basilicae VerceUensis ed. op. J, A. Irici 



— 129 — 

Durch den betr. lateinischen Text ist n&mlich die 
M5glichkeit geboten, tlber die Beschaffenheit und mittel- 
bar auch Uber die Entstehung der Mtesten lateinischen 
Uebersetzungen sich ein Urtheil zu bilden. Hierzu ver- 
hilft erstens die sprachliche Beschaffenheit und zweitens 
die Uebersetzungsweise, welche saromtliche erhaltenen Reste 



Medioh 1T48. 4. Von den Erangelien erschien ferner Cod. Th. Be- 
gae Cantdbrig, Evangelia et Acta Ap. compl, graeeo-latinua, ed Th. 
Kipling, Cantabr. 1793, 2 Ps. fol Evangelium PcUatinum ineditum 
8. reliquiae textus evangeliorum latini ante Hieronymum versi, ed. 
Tischendorf, Lipsiae 1847. 4. Evang. sec. Matth. ex perantiquo co- 
dice bei Ang. Mai, Scriptt. vett nova coll T. III. p. 257. Frag- 
mente ' von Markus und Lukas , herausg. von Alter bei Paulus, 
Neues Bepertorium Theil 3. S. 115. Jena 1791, und Paulus, Memo- 
rabilien^ St. 7. S. 58. Leipzig 1795. Fragm. von Lukas in Naumann's 
Zeitschr. Serapeum, 8. Jahrgang S. 172. Leipzig 1842, nnd bei 
Ceriani, Monumm. a. et prof, ex codd. bibl. Amhros. P. J. fa^c, 1. 
Mediol. 1861, ib. 1866 fasc. 2. Yon den Briefen : Fragmm. Ep. ad 
Bom, lat et goth. ed. F. A. Knittel Brunsv. 1762. 4, Cod. graecus 
Xm epist. Pauli cum vers, lai, vet. ed. Ch. F. Matthaei Misen. 
1791, 4. Cod. Claromontanus sive Ep. Pauli omnes gr. et lat, ed, C. 
Tischendorf Lips. 1852. 4. Yom A. T. erschienen nacb Sabatier 
nocb Fragmente aus den gescbicbtl. BB. bei Vercellone, Varr. lectt. 
I, p. 183. 307, 586.II.p.78f auB den Propheten hei Banke, Fragmm. 
vers. 8, script, antehieron. ed. repet. c, append. Vindobonae 1868. 
Vogel, Beitr. zur Herat, der alten lat. Bibeltibers. Wien 1868; aus 
den Sprichw. bei Fr.Mone^ de libr. pcdimps. Carlsr. 1855, p. 49, 
Dazu konunen noch: M&nter, Fragmm. vers, ant. lat. ant'ehier. pro- 
phett. Haffn. 1819, 4. Mai, ScripU. coll. T. in. VII. Spicil. Bom. 
P. IX F. F. Fleck, Anecdota, in dessen ^wissenschaftl. Reise" Bd. 2. 
Abth. 8. Leipzig 1887. Tischendorf im Anzeigeblatt der Wiener 
Jahrbb. der Litt. 1847. 48. 49., endlich viele Citate im Corpus iuris 
rom. ant€QUSt. ed, Bocking. Bonnae 1835. 

Kaulen, Oeichichte der Yulgftto. 9 



— 180 ^ 

gleicttma^sig zeigep. Was zuerst den spFaehlieheii Gha- 
rakter betrifft, so liegt hier nicht das klassische Lateln 
yor, welches in Bom als Schriftsprache diente, sondem die 
vulgare Ausdrucksweise des Volkes, die von jeher neben 
der kiinstlich gepflegten und officiellen Rede der Gebil- 
deten barging. In der lateinischen (oder romischen) 
Volkssprache batten sich die ursprilnglicb italischen, nicbt 
durch griechiscbe Einwanderung berbeigefuhrten Elemente 
selbststsLndiger erbalten, als in der Scbriftspracbe , die 
erst durcb den Einfluss griecbiscber Oultur'und Literatur 
entstanden war; das Vulgarlatein bebielt desswegen 
der klassiscben Redeweise gegentiber einen durcbaus 
arcbaistiscben Charakter. Die Selbststandigkeit nun, 
welcbe die Scbriftspracbe kunstlicb gewonnen batte, konnte 
aucb nur durcb kungtjicbe Mitfcel bewabrt werden, Yor 
Allem geborte dazu eine gewisse Convenienz der bobem 
Elassen zu Rom, die nmn urhanitas nannte, dann die 
scbuhnassige Erziebung und Uebung , der patriciscbe 
Adelstolz, endKcb der officielle Kanzleistil. Als diese 
Formen scbwanden, sank aucb die Scbriftspracbe, und 
die Yulgarspracbe errang sich zuletzt das Feld der Li- 
teratur in den romaniscben Sprachen. Hieraus lasst sich 
schon ermessen, dass die lateinische Volksinundart ibr 
bauptsacblicbes Gebiet ausserhalb Roms, im eigentlicben 
Italien, batte. Aucb in den Provinzen, in welcben la- 
teinisch gesprocben wurde, in Gallien, Spanien und Africa, 
war beim lebendigen Verkebr nur die Volkssprache be- 
kannt, und einzig fiir die offentlichen Verbandlungen 
befliss man sich mebr der Urbanitat. Dass in den 
Provinzen aucb landscbaftlicbe Eigentbilmlicbkeiten in 
dem Vulgarlatein bervortraten, ist wobl denkbar; doch 
wurden die Unterscbiede nicbt bedeutend, weil die eigent- 



— 131 — 

lichen Tr&ger des Lateinischen, die Soldaten and die 
Beamten, stets wieder von Rom kamen ^). Wenn nun etwa 
im ersten Jahrhundert zu Bom oder in Italian eine la- 
teinische Bibeliibersetzung entstand, so darf von vorn- 
herein angenommen werden, dass diese den Charakter 
des Yolksthamlichen, nicht des schriftmassigen Ausdrucks 
an sich trug. Das Christenthum drang ja vor Allem in 
dicgenigen Schichten der Bevolkerung, welche von der 
griechischen Bildung and der vornehmen Urbanit&t nicht 
erreicht worden waren. In diesen Elassen hatte man 
von jeher nicht bloss vulgar gesprochen, sondern auch 
geschrieben, wie das zahllose Inschriften aus den vor- 
christlichen und ersten christlichen Jahrhunderten bewei- 
sen. Das Christenthum femer durchbrach gleich bei 
seinem Auftreten alle die kiinstlichen Schranken und 
Formen, in denen das urbane Latein seinen bedeutendsten 
Halt hatte, und schuf neue Verhaltnisse, in denen weder 
Stand noch Erziehung, weder Reichthum noch Amt eine 



1) Ueber das Vulgarlatein, wofiir es noch an ausreichenden 
Htllfsmitteln fehlt, vgl. Zaccaria Istituz, lapidar. L, II. c. 10. 
Wachsmuth, von der litigua rustica latina und romana, in dessen 
Athenaum I, S. 271, Halle 1816. Mone, lat. und griech. Messen 
auB dem 2.-6. Jahrh. Frankf. 1850, S. 39 ff. Schuchardt, der Vo- 
calismus des Yulg&rlateins, Leipzig, 1866. Eonsch, sprachliche Pa- 
rallelen aus dem Bereiche der Itala zu Mosis Assumptio, in Hilgen- 
feld's Zeitscbr. far wissensch. Theol. 1868. S. 76. Ftlr das spatere 
Vulgarlatein ist hdchst belehrend das Chronicon Casinense (Monum. 
Germ, Script T, III), tiber dessen Idiotismus Betbmann In Pertz' 
Archly fUr deatsche Gescbichtskunde Ed. 9. S. 659 ausfiibrlicbe Zu- 
sammenstellungen gibt. Eine eingebende Darstellung des in der 
Itala und der Vulgatabeobachteten Spracbcharakters ist yon R5nscb 
in dem erwftbnten Aofsatze yersprocben. 

9* 



— 132 — 

Auszeichnung bedingte. Eine solche allgemeine Gleich- 
stellung liess sich durch das Mittel der urbanen Sprache 
nicht bewirken; nur das Yulgarlatein konnte desswegen 
bei allem, was der Eirche diente, in Gebrauch bleiben. 
Wie daher in den Eatakomben auch das Heiligste und 
Theuerste, das die Christen kannten, in der vulgaren 
Sprache behandelt und gefeiert ist, so bot dieser Aus- 
druck auch zur Verbreitung der hi. Schriften das einzig 
geeignete Vehikel. 

In der Sprache des gewohnlichen Lebens sind 
nun wirklich die Bruchsttlcke der alten Itala, welche 
wir nach der urspriinglichen Aufzeichnung besitzen, nieder- 
geschrieben. Auch die Stticke, welche durch Vermittelung 
des hi. Hieronymus uns zugekommen sind, lassen in den 
altesten Handschriften jenen Sprachcharakter noch deut- 
lich erkennen, wahrend derselbe in den gedruckten Aus- 
gaben verwischt ist. Um ein deutliches Bild von der 
sprachlichen Beschaffenheit, um die es sich hier handelt, 
gewinnen zu konnen, muss man die Eigenthtimlichkeiten 
des Yulgarlateins, wie es in der Itala vorliegt, der klassi- 
schen Sprache ' gegentiber stellen. Alsdann ergeben sich 
hauptsachlich vier Arten von Abweichungen: a. in der 
Schreibung (oder Aussprache), b. im Gebrauch, c. in der 
Abwandlung, d. in der Verbindung der WOrter*). 



1) Fttr die folgenden Beispiele Bind zunachst diejenigen Aus- 
gaben benutzt, welche den Text der Handschriften diplomatisch 
genau wiedergeben, *namlich Vercellone bei den Geschichtsbb. des 
A. T., Banke bei den Propheten, Bianchini und Geriani bei den 
Evangelien; alles Uebrige ist aus Sabatier oder der Yulgata. In 
zweifelhaften F&Ilen ist die QueUe durch Hinzufttgung von B= Bi- 
anchini, S = Sabatier, Y = Yulgata, C = Geriani angegeben. 



— 133 — 

Was zuerst die orthographiscben Besonderheiten betrifft, so 
Bind diese die nftmlichen YerstOsse oder Angew5hnnngen , welche 
sich auf den rdmischen Inschriften aller Zeiten finden und in der 
Aassprache des gewOhnlichen Yolkes begrtindet zu sein scbeinen. 
£b Bind z. B. AaslaBsnng von Bucbstaben, namentlicb des i nnd j, 
sagitarum Gen. XLIX, 23, in umerum tuum Ez. XXY, 9, filia :=zfilii8 
Os. IX, 12, ^t (Genetiy/ Luk. XYII, 22, adtctam,^htciet, Os. IX, 
15,16, 8U8um:=Z8ur8um Ex. XXY, 20,*antiZod Ex. XX Y II, 4; Hinzu- 
fagung, namentlicb Yerdoppelung von Bacbstaben, in istrahel (sebr 
b&nfig), themauris Ez. XXYIII, 4, vtcetisima Dan. X^ 4, locuplens 
Luk. XIX, 2, occansio Mark. XII, 40 R. herit =; erit Ex. XXHI, 83. 
sepellierunt Gen. XLIX, 81, hit Mttb. YIII, 88 B. gluttiret Jon. 11, 
1^ aucb am Ende des Wortes viatn maris ziz via Mttb.IY, 15 S; Yer- 
taoscbnng, wie graegis Micb. lY, 8, taelonea Mttb. IX, 9 B. famis 
(Nom.) Rutb. 1, 1. aaitim Jos. X, 28, ingemescent Ez. XXYI, 16, Me- 
letoEz, XXYII, 18, Johannes zizJohannis Mttb. IX, 14 B., videt = vidit 
Luk. XXI, 1 C, luctutae Joel I, 4, didbuHus Mttb. lY, 1 B. promun' 
turiorum Ez. XXY, 9, triboUs YII, 16 B., nontiaverunt Mttb. YIII, 
83 B., asparsit Ex. XXIY, 8^ optulisti Am. Y, 25, optinuerunt Micb. 
lY, 9, foheas ziz foveas Mttb. Yin, 20 B. intrabit = intravit Dan. X, 3, 
honorifieciberunt Mttb. IX, 8 B. confirmavit = confirmabit Dan. IX, 27, 
vibafmis=bibamu8 Ex. XYII, 2, parevis Ex. XXIII, 15. intravit^sintra- 
bit Mttb. YII, 21 B., cottidie Luk. XIX, 47 G., cocent Ezecb. XLYI, 
20, adzzzat Luk.Y, IIR., Ittge at me Joell, 8, aput Job. YIII, 88 B.^ 
set Job. Yin, 63 B., sup Gen. h, 22, temtatio Ex. XYII, 7, graterem:=z 
craterem Ex. XXIY, 6, gratieula Ex. XXYU, 5, 

^s lexicaliscbe Eigentbtimlicbkeit findet sicb der Gebraucb 
von WOrtem in ungewdbnlicber Bedeutung, z. B. de instrumental, 
extergere de linteo Job. XIII, 5 B., cooperies de velamine Ex. XXYI, 
34 S., omnigenere'snomnim/odo 2. Mack. Ill, 18, apudziizad, dbierunt 
apud se Job. 20, 10 B.. duxerunt se Job. YII, 53 S., palam = coram^ 
paiam JUiis Israel Ex. XYII, 6, diminuerc intrans. Joel I, 10, pa- 
rere = apparere Mttb. YI, 5 S., pascua Sing. 8 Kdn. lY, 28, femer 
nngewobnlicbe Wortformen, wie trdbis Mttb. YII, 4 B., nubs Ex. 
XXIY, 15, fanes tuos Micb. Y, 14, altarium Joel 1, 9, retia, retiam:sz 
rete Ez. XYII, 20, humilare Ez. XYII, 24, cubiUs tuus Dan. II, 28, 



— 134 — 

in laetu = Icuite Ex XXIII, 19, consolare Gen. XXXYII, 86, clatidi- 
cart 3 K6n. XVIII, 21, meditare Luk. XXI, 14 C; besonders h&u- 
fig Worter, die der klassische Sprachgebraach nieht kennt, z. B. 
adpropiare Mtth. XXYI, 45 B., aegrimoniitm Mtth. YIII, 17 B., dlli^ 
gamentum 8 K5n. VI, 10, capiUacius Ex. XXVI, 7, eoncogere 1 K5b. 
XIV, 19, cdlumnatio Ezech. XLU, 5, comrmxticius Ez. XXVII, 17, 
confixio Os. IX,«18, co^nfratmicare ^ com^tinem reddere Mtth. XV, 
11 S., diseensus Luk. XIX, 37 •C, diversicolor Ex. XXVI, 86, (2bct«- 
me»far6 2 E5n. VIII, I, eremitare 4 Eon. XIX, 24, eToginesHo 
Ezech. XXVI, 15, exoroitorius Ezech. XLIV, 27, exuperantia XXI, 
4 C, improperium Sir, VI, 1 V., grossamen 3 Kon. VII, 15, mamare 
1 Kon. XV, 8, mwratm Sir. XXVUI, 17, minare Apg. XVm, 16, 
odihUis Luk. XXI, 17 C, offidari 8 KOn. I, 4, ptniwj Ex, XXV, 20, 
potmtari 1 K6n. XII, 8 S., proximare Luk. XIX, 37 C», seetw 
Vf'am Mtth. XIII, 19 B. scrutinare 2. KOn. X, 3, siibnervare Gton. 
XLIX, 6, tenebrescere 2 K6n. XXIII, 4, vatillum Ex. XXVEI, 8. 

Koch Tiel haufiger sind die Abweichungen yon der gevOhn-. 
lichen Flexion der Nomina und Verba, wie z. B. ilhtm = iUud Mtth. 
XIII, 20 B., vidua paupera Luk. XXI, 3, omnia praesta stmt Mtth. 
Vn, 33 B., uno als Dativ, Num. XXIX, 14, mater mi (Voc.) 3 Kon. 
n, 20, lignum hurmlem Ez. XVII, 24, praegncUes Os. XIII, 16, mi- 
nimissimus 4 Kon. XVHI, 24 ; Futura auf ibo, tbor, wie scibo Ps. 
CXVIII, 125 B., custodibo ib, 146, metibor Ps. LIX, 8, sepelivit-rz. 
sepeJibit Os. EX, 6; Vermischung der zweiten und der dritten Con- 
jugation, avertuit Os. VIII, 3, lambuerunt Bicht. VII, 5, tondentzr: 
tondebunt Ez. XLIV, 20, floriet Ps. CXXXI, 18 B., augeam = augebo 
Gen. XVn, 6 S., deleam = delebo Ex. XVII, 14 S. ; femer exiet rftth. 
n, 6 B., prodies Mich. IV, 10, odivi Os. IX, 16, odiena 2 Kon. 
XXn, 41, odietur Sir. XX, 8, absconsusLuk, XIX, 42 C, dissonavi 
Ex. XXIV, 11, fugierunt Mtth. VIII, 83 B., eregit Os. X, 10, phu- 
disti Ez. XXV, 6, paenitebitur Dominus Jon. Ill, 9. 

Sehr gewOhnlich sind endlich Verbindungen von Wdrtern, die 
in der klassischen Sprache als ungrammatische angesehen wer- 
den wurden. Zu dieserlei Abweichungen gehdrt Tor Allem die 
eigenthtlmliche Eecti^n der Pr&positionen, wie in veritcftem non 
stetit Joh. Vin, 44 B., fugiant in moniibus Luk. XXI, 21 C, credi- 



— 1^6 — 

derunt in Deo Jon. m, 5, sine eum Joh. I, 3 B., sine praedicantem 
Rdm. 11, 5 S., de heme hora[m] Joh. XII, 27 B., poeniimt eum 
super »uda Jon. Ill, 10; ferner die Rection der Verba, z. B. obau- 
diunt eum MUh. YIH, 27 B., accusahant eum multa Mark. XV, 8, 
miserere nobis Mtth. IX, 27 B., impetum (zz: impetu) dbiit Mtth. VIII, 
32 B.; ferner videhis eicere Mtth. VII. 6 B„ occidere se habet Joh. 
Vni, 22 B., vade et offers Mtth. Vni, 4, neque nubent neque nuben- 
tur Mtth. XXII; 30 B,, generatio rectorum benedicetur Ps. CXI, 2, 
quid faciendo :rzfiicien3 Lnk. XVIII, 18 S., obtulit rogando et dicendo 
Apg. Ym, 19 S. 

So bestimsit auch hiernach der Charakter des Vul- 
giirlateiDS in den Texten der Itala zu Tage tritt, so ist 
doch ein Schluss auf die uraprungliche Beschaffenheit 
derseiben noch nicht sogleich gerechtfertigt. Es wftre 
}^ mOglich, dass in den uns erhaltenen Handschriften 
jener Charakter von den Abschreibem, nicht von den 
Veffassem herriihrte. Dies ware um so glaublicher, 
weil anch die Schriften des hi. Hieronymus and vieler 
andem Autoren, die s^ch erweislich einer bessem Lati- 
nit&t beflissen, in den Handschriften des secbsten und 
der folgenden Jahrhunderte ahnliche Erscheinnngen zei* 
gen^). In den einzelnen Handschriften der Itala zeigt 
^cb obendrein keind constante Beobachtnng des vnlglbren 
Attsdrucks, so dass wohl die Willktir ungebildeter Ab- 
schreiber, denen das Yulgarlatein gelaofig war, von Ein* 
fluss gewesen sein kdnnte. AUein letzteres dUrfte hOchstens 
iii Bezttg auf die Rechtschreibung zugestai^den werden. 
hft Uebrigen ist der Charakter des Itala- Ausdrucks als 
der des Vulgarlateins zuverlSssig bezeugt. Der hi. Au- 
gustinus ftihrt einzelne Stellen aus der Itala eigens zu 
dem Zweck an, ihren vulgftren Ausdruck mit dem bessem 



1) S. Cod, AmiaU ed. Tischendorf. Lips. 1854 p, XXVU sq. 
Cod. Fuldensis ed. Eanke, Marb. 1868 p. XXVI «^. 



— 136 — 

schriftmassigen zu vergleichen; solche Ausdrflcke werden 
aber nicht als AusnahmeD, sondern als die Regel in der 
Itala hingestellt ^). Wo nun dieser selbe Sprachcharak- 
ter uns in unvermittelter Urspriinglichkeit entgegen- 
tritt, namlich in den lateinischen Inschriften jeder Zeit, 
findet sich durchweg als Merkmal desselben auch die oben 
dargestellte abweichende Orthographie ^). Soweit diese 
demnach in der Itala vor uns liegt, muss sie dort 
auch als urspriinglich und zum Yulgarlatein gehorig be- 
trachtet werden. Andererseits ist es bekannt, dass die 
Abschreiber des Mittelalters sich sehr haufig bemliht 
haben, alle Fbrmen und Ausdrucke zu entfemen, die 
ihnen ungranunatisch oder unklassisch vorkanien. Da nun 
die Itala uns bloss in mittelbaren Abschriften vorliegt, 
so miissen wir erwarten, dass wir den vulgSren Sprach- 
charakter nicht einmal in seiner ersten Yollstlmdigkeit, son- 
dern vielmehr durch Streben nach ClassicitUt beeintrachtigt 
vor uns haben. Hieraus ist auch die verschiedene Be- 
schaffenheit der einzelnen Handschriften zu erklgren. 
Gerade die ^.Itesten Handschriften der Itala zeigen die 
fragliche Beschaffenheit am meisten, , weil in ihnen am 
wenigsten gebessert ist. Was den hi. Hieronymus und 
die ubrigen Autoren betrifft, so wissen wir nicht, in wie 
weit bei ihnen die Spuren des Vulgarlateins, das ja 
spater immer mehr in die Schriftsprache eindrang, den 
Yerfassern oder den Abschreibem zuzurechnen sind. 
Sicher aber ist es, dass die Ausdrucksweise der Itala 
in hohem Grad auf die christlichen Schriftsteller latei- 



1) S. B&nsch in der oben S. 126 angef. Abh. 

2) S. Zell, Handbuch der romisclien Epigraphik, Heidelberg 
1852. Zweiter Theil, S. 58 ff. 



— 137 — 

nischer Zunge eingewirkt hat^), und dass auch in deren 
Werken die vulg&ren AusdrUcke oft erst durch die spa- 
tern Abschreiber verwischt worden sind'). Die Vulgftr- 
sprache erscheint demnach so sehr als charakteristisches 
Merkmal der Itala, dass aus derselben ein Schluss auf 
die Entstehung der letztern berechtigt ist. Die Itala kann 
nur zu einer Zeit verfasst worden sein, wo das Ghristenthum 
sich noch vorzugsweise in den niedrigern Schichten des 
Volkes bewegte. Dies aber war nur noch im ersten 
Jahrhundert der Fall; im zweiten machten schon die Oe- 
bUdeten ein sehr starkes Contingent in der christlichen 
Gemeinde aus, und es h&tte eine vulgare Uebersetzung, 
wenn sie erst alsdann entstanden ware, schwerlich zu 
allgemeinem Ansehen kommen kdnnen. 

Noch sicherer, als die sprachliche Beschaffenheit, er- 
laubt die Uebersetzungsweise auf den Verfasser der Itala zu 
schliessen. Es ist dies um so leichter, weil auf die 
Uebertragung des Originals kein Einfluss durch etwaige 
Willkiirlichkeiten bei sp&tem Abschriften geiibt werden 
konnte. Es stellt sich auf den ersten Blick heraus, 
dass die Uebersetzung nur aus dem Oriechischen ge- 
flossen sein kann; indess ist dies auch sonst bekannt 
und versteht sich den UmstS.nden nach von selbst. Was 
aber den Charakter der Uebertragung angeht, so schliesst 
sich diese so streng und treu an das Griechische an, 
dass sie dem Sprachgeist «nd der Grammatik des La- 

1) Vgl. Aug, Doctr. christ II, 14: Tanta est vis consuetttdinis 
etiam (k2 discendum, ut, qui in scripturis Sanctis quodam modo nti- 
triti educcUique sunt, magis cdioA locutianes mirentur, easque mi- 
nus latinos putent, quam iUas, quas in scripturis didicerunt neque 
in latinae linguae auctoribus reperiuntur, 

2) Vgl. Tischendarf l c p. XXVU. 



— 138 — 

teinischen vielfach Gewalt anthut und mebr f&t eine 
angstliche Nachbildung, als ftr eine eigentliche Ueber- 
setzung za halten ist. 

Dies zeigen vorerst Wdrter, wie bacterium 4 Kdn. IV, 29, catttefys* 
mu8 Ecdi. XX, 8, collyrigo 2 EOn. XIII, 8, eryaihee Joel 1, 4, hciocauiUh 
ma Ex. XXIY, 5, lygyrium Ezech. XXYIII, 13, numenia 4 K6n[. IT, 23, 
rhomphaea Sir. XXXIX, 36, petroboJa 1 Eon. XIY, 14, i^arsisDaa. X, 6, 
sammtlicli dem Griecbischen einfach entnommen ; noch mehr solcbe 
Wortbildungen, wie perexsiccare zz: xccra^yipoLivnv Os. XIII, 15, perdivi- 
serunt = xareSulXoLvro Joel rV, 2, virifratres = &v$pes l^StXfol Apgsch. H, 
87, die alle dem Griecliisclieii analog gestaltet sind ; aucli die Kacb- 
ahmung des griechischen Artikels, z. B. in id ipsum Ps. IT, 9 ti. 
8., dem griechischen ini td ahrd wdrtlicb entsprechend, ex hoe mme 
Fa* GXII, 2, wo hoc als Artikel za dem sabstantiyiBcli gebraufibten 
nunc gebdrt = &7rd toO yOv, die Fsahnenftberscbrifk ipsi David szt^ 
A«v2^ ; ferner Constructionen, wi& oboedierint mei Micb. T, 15, quts 
ex vestrum Job. Till, 46 B., repletae sunt nuptiae diacumbentiumj 
Mttb. XXII, 10 B. qui praecedat tui Ex. XXIII, 27, operuit se ci- 
licium, Job. Ill, 6, adorare dm Ex. XXUI, 24 ; weiter SatzfQgun- 
gen, me in convertendo Dominic captivitatem Sion Ps. CXXT, 1 T. 

'SSI iv x& iittvrpiipAt x}jpiov r^v afx/Aa}i«ff(ai Sewv, priusquam hdbitaTC CUm 

in Charran Apgscb. Til, 2 B.,'z:znph ^ xaTotjrfjffat awrdv, ut nuweri 
fundamenta carceris, eb. XTI, 26 S., ==:d&frs knoxt^pt^f^eu tdt. ^tfUhcL 
Tov StftfiwrvipiQVy responderunty quod Judaei sumMS JoIl Tin, 83 B.; 
dann Febler in der Uebereinstimmung, wie quae sunt opkimae ex 
omnibui regnis eorum Ezecb. XXTI, 16 = rdii xpttriarai r(tv fia9tX*i&v 
roitroiv, quaedam ceciderunt in petrosa, ubi nan hdbebat terram muJ- 
tarn Mttb. XIII, 5 S., tunc apparuit {if&vYi) zizania Mttb. Xn, 26 S. 
manifestetur opera Dei Job. IX, 3 B.; endlicb ganz unyepstandlicbe 
Terbindungen, die bloss durcb den griecbiscben Text erkl^t wer- 
den kdnnen, wie transferam voa in iUa DamascizszivUtwt^atfitMM^ 
Am. T, 27, exinament gladios Ez. XXTIII, 7 s ixxcvfl*«outfe xk^ /Msxs^lpKi^ 
si valde contristatus es tu Jon. IT> 4 = c? 9f6$peL xtA., didtis fOr dieiie =z 

Xiyiri Luk. XTII, 10 *). 



1) Alles Maass tlberscbreitend ist die sklaviscbe Wdrtlicbkeit 



— 139 — 

Einen weitem Beleg filr eine wortlich trene Uebersetziing auB 
dem Griechischen geben auch die ana der Septnaginta hertiberge- 
nommenen Hebraismen, z. B. die h&nfigen Ausdrflcke a facie, in 
^ conspectu statt coram, inter medium aancti et poUuti Ez. XLIY, 2S, 
die Umschreibung des Comparatirs dorch db =: hnb =: |0i a mari dbun- 
davit cogitatio eius et consilium illius ab abysso magno'EccU.XXIV, 
39, descendit hie iustificatus in domum suam ab illo Luk. XYIII, 
14 v.; ferner unam petti, hanc requiram Ps. XXVI, 4 V., pro hac 
orabit Ps. XXXI, 6 V. nach dem hebraiscben Gebrauch des Femi- 
nini fUr das verallgemeinemde Neutrum ; weiter die dem Hebr&ischen 
nachgebildete Construction des Belativums, ubi cocent illic aaeer do- 
tes Ez. XLYI, 20, in quas tu intrama in eaa Ez. XXIII, 27, ser- 
monea, quorum non audianiur voces eorum Ps. XYIII, 4. Y; dann 
die Betbeuerongsform mit ai, das dem Hebraisclien analog geradeza 
mit „nicht'' iibersetzt werden kann, aemel iuravi in aancto meo, si 
David mentiar Ps. LXXXYIII, 36 Y., oder umgekehrt si non hu- 
militer aentiebam Ps. CXXX, 2 ; ebenso der Gebrauch ' von in fttr 
alle Bedeutungen des bebraischen 3, in laqueo suo humiliabit eum 
Ps. IX, 31 Y., in corde et corde locuti sunt Ps. XI, 8, endlicb Wort- 
verbindungen, wie Pred. II, 2, risui dixi amentiam = tw yi\tart etna 

7r«/ptfop<i» = *^':JinD ^n^Di^ pintS^^- -A.uch der allgemcine Gebrauch 
von quia, quoniam, quod bei den verbis sentiendi und dedarandi 
gelidrt in etwa zu den Folgen der strong wortlichen Ueber- 
tragung. Allerdings war diese Bedeweise, wie noch einzelne andere 
griechiscb klingende Yerbindungen , von jeher der Sprache des 
Yolkes nicht fremd, allein die Conformitat mit dem griechiscben 
Original begUnstigte den Gebraucli derselben, so dass sie in tiber- 
wiegendem Mass angewandt erscheint. 



in dem uralten Cod, Catabrigenaia , dessen Uebersetzung jedoch 
wahrscheinlich nur Privatarbeit ist. Hier steht z. B. audit verbum 
ei continuo accipit eum Mtth. XIII, 20, conventione facta ex denario 
diem, eb. XX, 2, qui autem respondens uni eorum dixit i amice, non 
tibi nocui, nonne denario placuisti mecum? ant. 13, quanto ergo 
auperponit homo ab ove, eb. XII, 12, calicem bibere, quod ego bi- 
biturua aum eb. XX, 22. 



— 140 — 

Das Resultat aus der Betrachtung dieser eigenthiim- 
lichen Uebersetzungsweise ist unschwer zu ziehen. Schon 
die griechischen WOrter, die einfach beibehalten sind, 
noch mehr aber die Analogien mit der griechischen Gon- 
structionsweise legen den Gedanken nahe, es sei eine 
solche Uebersetzung von jemandem verfasst, der des La- 
teinischen nicht vollst&ndig machtig, des Griechischen 
aber wohl kundig gewesen sei. Hiezu stimmt auch das 
Ungstliche Festhalten an dem gesammten Wortgefuge des 
Originals; hatte der Uebersetzer das Lateinische als 
Muttersprache, das Griechische aber als angelernte Sprache 
verstanden, so mtisste man wenigstens mitunter eine 
vom Wortlaut des griechischen Textes abweichende, 
freiere Uebersetzung erwarten. Zur Gewissheit wird jene 
Wahrscheinlichkeit durch die Fehler, bei denen die la- 
teinischen Worter in griechischer Verbindung gedacht 
sind, Oder durch die seltsamen Infinitiv- und Participial- 
constructionen ; so etwas schrieb niemand, der mit la«- 
teinischem Sprachgeftihl erwachsen war. Der Verfasser 
der Itala war also kein Lateiner; es liesse sich aber 
wohl weiter schliessen, dass er auch kein gebomer 
Grieche war. Hierflir spricht die Beibehaltung deriiber- 
aus haufigen Hebraismen. Waren von diesen auch manche 
in die spatere griechische Sprache tiberhaupt eingebiir- 
gert, so blieben doch die meisten derselben, wie sie 
sich in der Septuaginta finden, ftir ein griechisches Ohr 
stets auffallig. Bloss weil die Septuaginta bei griechisch 
redenden Juden gebraucht wurde, konnten solche Rede- 
wendungen geduldet werden. Wenn dieselben nun ebenso 
in's Lateinische der Itala sich hinuberpflanzten, so wird 
wohl ein griechisch gebildeter Jude es gewesen sein, 
dem diese Uebersetzung ihre Entstehung verdankt. Ein 



— 141 — 

geborner Morgenl&nder konnte die semitischen Rede- 
weisen auch in dem fremden Gewande fQr yerstftndlich 
und natiirlich halten, wfthrend ein geborner Grieche 
schwerlich in die nahe verwandte Sprache etwas dem 
beiderseitigen Sprachgeist Zuwiderlaufendes hintlberge- 
tragen haben wiirde. Dieser Auslander selbst kann 
das Lateinische nicht schulgerecht auf dem Wege der 
Grammatik erlemt haben, denn alsdann wdrde sich in 
seiner Uebersetzung mehr die lateinische Schriftsprache 
der damaligen Zeit ausgepr&gt zeigen; vielmehr muss er, 
wie der Volkston der Itala zeigt, durch lebendigen Ver- 
kehr, und zwar mit weniger gebildeten* Lenten, des La- 
teinischen machtig geworden sein. So ftlhrt denn AUes 
dazu, dass der oder die Verfasser der Itala unter den 
Glaubensboten der apostolischen Zeit gesucht werden 
mussen, welche griechische Bildung und Sprache mit 
ihrer morgenlandischen NationalitSt verschmolzen hatten, 
vom Lateinischen aber durch Verkehr mit niedem Volks- 
klassen Kenntniss gewannen *). Hierdurch wird die erste la- 
teinische Bibeldbersetzung in das hochste christliche 
Alterthum hinaufgerUckt, in da^ auch schon Erwagungen 
anderer Art sie zu versetzen genSthigt haben. W&re 
eine lateinische Bibeltibersetzung sp&ter als zu apostoli- 
schen Zeiten angefertigt worden, so wtLrde sich untef 
der „ungeheuem Menge^^ von Christen, die es schon 
unter Nero in Rom gab, doch auch jemand gefunden 



1) Dies ist frflher die gew5hnliche Ansicht gewesen. Bianchini 
sagt Ton der Itala (Praef, in Evang. qtrndr.): principio nascentis 
ecclesiae a nescio quo apostolorum aequaHi sapienter elaborata [esf] ; 
S,hnlich Goldhagen, Introd, in 8, scr, P. I. p* 320, In neuerer Zeit 
sprechen sich besonders H&vernick (Einl. I, 1. S. 374) und Keil 
(Einl. S. 547) in diesem Sinne aus. 



— 142 — 

habeo, der mit hinreichender Sprachkenntniss ausgerUstet 
war, urn eiu solches Werk in wiirdiger und sprachge- 
rechter Weise auszufiihren. Dass man aber statt dessen 
sprachlich unvoUkommene Texte in der romischeDi Litur- 
gie fortftihrte, kann kaum aus einer andem Ursache, 
als aus der Ehrfurcht vor dem Altherkommlichen und 
Ueberlieferten erklart werden, die von jeher in der k»- 
tholischen Kirche einheimisch war. 

Ftir ein so hohes Alter, wie das angegebene, spricht 
auch noch die Beschaffenheit des griechischeu Original- 
textes, welcher der Itala zu Grunde gelegen hat. Nach 
Aussage aller derjenigen, welche diese Uebirsetzung unter- 
sucht haben, folgt dieselbe einem Texte, der alter, als 
jedes andere uns erhaltene Document ist*). Im Alten 
Testamente gibt die Itala ein Bild von demjenigen Zu- 
stande, in welchem die Septuaginta sich vor Abfassung 
der Hexapla befand, und im Neuen tritt aus dem la- 
teinischen Spiegelbilde ebenfalls ein Wortgefiige von 
hochster Alterthumlichkeit hervor. Wie dieses einen neuen 
Beweis ftir die frtihe Entstehung der ersten lateinischen 
Version liefert, so erhalt umgekehrt die Itala dadurch 
einen unschatzbaren Werth als Zeugniss fiir eine Text- 
gestalt , deren Erkenntniss sich durch kein anderes 
der vorhandenen kritischen Documente gewinnen lasst. 

Bei all jiiesem kritischen Werth mtisste doch die 
Itala ein hochst unvollkommenes Mittel zur Ueberlieferung 
des geoffenbarten Gotteswortes heissen, wenn die Be- 
wahrung der urspriinglichen Form hierbei als wesent- 
liche Bedingung gelten mtisste. 1st schon die Septuaginta 
dieser ersten Form viel weniger, als dem Inhalt, getreu 



1) Vgl. Millii Prolegg. in N. T. n. 382 aq. 



— U3 — 

geblieben, so weicbt die Itala, wie das bei einer secun- 
d&ren Uebersetzung nicht anders der Fall sein kann, 
Qoch mehr von der ersten GestaltuDg des biblischen In- 
baltes ab. Als Beispiel dient z. B. die bekaonte Psahnen- 
ttbersehrift ccmticum graduum^ die bloss als w5rtliche 
Uebersetzung von cddv tdjv dva^aS^oiv gelten kann; sie 
kann aber nicht als Uebertragung von Dlbj^DH "yV^ 
gelten, das die Septuaginta ihrerseits berechtigt waren 
so wiederzugeben. £in anderes Beispiel ist die Stelle 
Ps. V, 13: ut sctUo bonae voluntatis ttsae coronasti nos. 
Die Stelle ist freilich wortlich dem Griechischen nachge- 
bildet, wo sie heisst obg 37:1(0 fudoniaq e(7re^(xv&)?a^ iniJ-oti ; allein 
der Sinn der griechischen Stelle ist missverstanden, und 
so weicht die lateinische Form von der hebraischen ab. 
Die Worte lilDJ^D pV*l TOVD, d. h. „wie ^^jit einem 
Schilde hast du mit Gnade uns umgeben/^ sind im Grie- 
chischen strong und sprachgerecht wiedergegeben, indem 
die Graminatik bei den parallelen Ausdrucken das eine 
Mai den Dativ, das andere Mai den Genitiv fordert; 
hierbd hat sich aber der Uebersetzer entweder in der 
Bedeutung des griechischen Ausdrucks, oder in dem 
Verfahren der lateinischen Grammatik geirrt. Solcher 
Beispiele liefert die Itala iiberaus viele, und es konnte 
auch nicht anders sein, wenn der Uebersetzer den grie- 
chischen Text bloss in lateinische Worte umsetzte, ohne 
den lateinischen Sprachgeist zu beherrschen. Indess 
sind auf solche Weise keine Verstdsse entstanden, die 
d^i wesentlichen Inhalt der hi. Schrift irgendwie ander- 
ten Oder entstellten. Die Itala kann immerhin als eine 
unvollkommene Form des Schriftwortes gelten, iqso- 
fem sie ftir alle Leser, die des Griechischen und, He- 
braischen unkundig waren, mitunter besondere Erklarun- 
gen nOthig machte; ein unrichtiges Mittel aber war 



— 144 — 

sie nicht. Bei dem Gebrauch einer solchen Uebersetzung 
ist die Eirche den Grundsatzen treu geblieben, die sie 
stets hinsichtlich der hi. Schrift befolgt hat. Lag der 
biblische Ofifenbarungsinhalt in der lateinischen Ueber- 
setzung richtig und wahr vor, so war diese Form ftir 
die Zwecke der Eirche ausreichend. Hatte die Ueber- 
setzung aber in sprachlicher Hinsicht oder in Bezugauf 
natiirliche Mittheilungen allerlei Mangel, so waren diese 
reichlich aufgewogen durch das Alterthum und das aposto- 
lische Ansehen, welches- die Itala besass, und die Eirche 
konnte es dem menschlichen Verstande iiberlassen, beim 
Gebrauch der Schrift den Irrthum in natiirlichen Dingen 
zu verhuten. Selbst wenn die Itala den ursprunglich 
geoflfenbarten Inhalt verktlrzt enthalten hatte, so ware 
auch dim kein Hinderniss fiir ihren Gebrauch gewesen; 
denn die Ftille aller geoflfenbarten Wahrheit ruht in der 
Eirche, der die hi. Schriften nur als ein untergeordnetes 
Mittel neben ihrer unfehlbaren Lehrgewalt geboten waren ^). 



ly Der Yerfasser glaabt bei obiger Darstellang beharren zq 
mtlssen, auch nachdem ihm walirend des Druckes der 2. Band von 
BoBsi's Boma sotterranea zar Eenntniss gekommen ist. Hier wer- 
den auf S. 237 Grilnde fiir die Ansicht zasammengestellt, dass bis 
za Ende des 3. Jahrhunderts die Liturgie zu Bom griechisch ge- 
halten worden sei. AUein die Sitte, griechische Grabschriften an- 
zufertigen, erlaubt nocb keinen Scbluss auf die Beschaffenheit der 
liturgischen Sprache, und die ausserdem angefUhrten Thatsacben, 
bei denen es sich nur um rituelle Einzelheiten handelt, beweisen 
nicht mehr, als etwa das Kyrie eleison in unserer Messe. Dass bei 
der Liturgie zu Bom auch Bllcksicht auf den griechisch redenden 
Bestandtheil der Gemeinde genommen wurde, ist wohl erkl&rlich, 
und hierin m5gen die griechischen Lesungen bei der p&bstlicheii 
Messe ibren Ursprung haben. 



vn. 

Der helllge Hieronymns. 



Die Grundansichten, welche die Kirche beztiglich der 
hi. Schriften in den ersten Jahrhunderten festhielt, konn- 
ten zu keiner Zeit anders werden. Wohl aber musste 
das thatsachliche Verfaliren, welches in Bezug auf die 
Bibel geiibt wurde, frtihzeitig den veranderten Umstanden 
angepasst werden, in welche die Kirche jeweilig eintrat. 
Sobald die aussern Feinde rahten, erhoben sich innerhalb 
der Kirche Gegensatze gegen die Wahrheit, welche der- 
selben anvertraut ist, und drohten ihrem Bestande 
grossere Gefahr, als das Schwert der heidnischen Ver- 
folger. Von jeher aber war die hi. Schrift die Waflfe, 
womit die Irrlehrer die Kirche Jesu Christi zu bekampfen 
suchten, undletztere war nun veranlasst, die Behandlung 
der Bibel strenge zu beaufsichtigen. Zuerst ward es 
nSthig, einen Canon aufzustellen, nach welchem die falsch- 
lich als inspirirt ausgegebenen Schriften aus der Reihe 
der biblischen Bticher ausgeschieden werden konnten. So 
ward den Irrlehrern einerseits eine Hauptstutze, die der 
apokryphischen Schriften, entzogen, andererseits blieben 
diejenigen Bticher, welche mit Unrecht von den Sectirem 
verworfen wurden, in ihrer Wtirde und Wichtigkeit ge- 
schtitzt. Ein solches Urtheil war ein Schritt, der natur- 

Kaulen, Oeschichte der YulgatA. IQ 



— 146 — 

gemiss nor too der Eirche selbst ausgehen koimte, und 
zn dem nichts Anderes auf Erden, als die Lehrgewalt 
derselben, die BefahiguDg bot. Dem praktischen Bediirf- 
niss jedoch zur Reinerhaltang der kirehlichen Lehre war 
damit nieht mehr gedient, als die Feinde der Wahrheit 
anfingen, die Yorhandenen kanonisehen Bucher entweder 
durch tragerische Aaslegangen fur ihre Zwecke za be- 
nutzen, oder anch den Text derselben so, wie es ihren 
Absichten dienlich war, zu verfalschen. Gegen diesen 
doppelten Ennstgriff nan brauchte die Eirche nicht in 
^eicher Weise anfzutreten. Wobl war es ihre Sache, 
gegen alle falschen Anslegongen des Schrifttextes in der- 
selben Yollmacht anfzntreten, in der sie anch den Ea- 
non der hL Schrift festgesetzt faSttte; denn schon damals 
war sie die namliche, von der das Condi yon Trient 
sagt: cuius est iudicare de vero setisu* et interpretoHone 
seripturarum sacrarum^ nnd die richtige Erklamng der 
Schrift kann nur von demselben Geiste ausgehen, wd- 
cher sie anch eingegeben hat. Die kritische Erhaltong 
des Bibdtextes dagegen, die durch natOrliche Mittel 
recht wohl zu bewerkstelligen ist, konnte die Eirche 
anch in der Zeit, von welcher die Rede ist, so lange 
menschlicher Sorgfalt uberlassen, als dieselbe sich nicht 
unzureichend erwiesen hatte. Daher sind im Morgen- 
lande yon Seiten der kirehlichen Auctoritat keinerlei 
Schritte znr Reinerhaltung des Schrifttextes geschehen. 
Hier hatte ja fur das Alte Testament Origenes die Riesen- 
arbeit der Hexapla untemommen, durch die alle erdenk- 
lichen Yorkehrungen zur kritischen Sicherstellung des 
Bibeltextes getroffen worden waren. Der hexaplarische 
Text aber, so wenig er auch zu kritischer Sichtung des 
uberlieferten Bibelwortes beigetragen, hat dennoch fur 



— 147 — 

die Wirksamkeit der Eirche so genilgt, dass er im Mor- 
genlande bis auf den heutigen Tag in officieller Geltung 
geWieben ist; demnach fand die Kirche keine Veran- 
lassung, eine Controle des Bibeltextes zu unternehmen. 

Anders war es im Abendlande. Hier fiihrte nicht 
sowohl eine Anfeindung des Dogma's, als vielmehr die 
Beschaffenheit der Itala selbst friihzeitig zu mancherlei 
Aenderungen des Textes. Die Gebildetem, deren nach 
und nach sehr'viele in die Eirche eintraten , stiessen 
sich an den unlateinischen, sprachwidrigen oder vulgaren 
Ausdriicken, und suchten desswegen in ihren Exemplaren 
eine reinere Latinitat herzustellen. Andere, wie schon 
nach dem hi. Augustinus angefQhrt ist, glaubten vermdge 
ihrer Eenntniss des Griechischen von manchen Stellen 
bessere Uebersetzungen, als vorhanden war, herstellen 
zu kdnnen, und schrieben diese auf den Band oder in 
den Text ihrer Bibeln. So wiirde schon eine grosse Ver- 
schiedenheit im lateinischen Bibelwort entstanden sein, 
wenn es nur eine einzige Uebersetzung gegeben hatte; 
nm so mehr kam dieselbe zu Tage, da es verschiedene 
lateinische Texte gab, die sammtlich demselben Verfahren 
unterlagen. Noch grosser ward die Verwirrung, als der 
hexaplarische Texjt des Origenes im Abendlande bekannt 
wurde und sich von den dort vorhandenen Uebersetzungen, 
die auf alterer Textgestaltung beruhten, abermal mannig- 
fach verschieden zeigte; denn nun suchten Viele, ohne 
auf die Asterisken und Obelen zu achten, ihr Bibel- 
exemplar mit diesem neuen Text in Uebereinstimmung 
zu bringen. So entstand allmalig jene ^^infinita varie- 
ta$^^ lateinischer Bibeliibersetzungen, von welcher der hi. ' 
Augustinus spricht; iiber dieselbe klagt auch der hi. 
Hieronymus und vor beiden schon Tertullian, Cyprian, 

10* 



— 148 — 

Victorinus, Ambrosius, Hilarius und so alle einsichts- 
voUen Schriftsteller bis auf Cassiodorus herab*). 

An sich hiatte diese Verschiedenheit- wenig zu be- 
deuten gehabt. Sie betraf ja den Inhalt in keinem 
Stiicke und bedingte hochstens einen Unterschied in der 
Klarheit des Verstandnisses. AUein da fiir die Vorlesun- 
gen beim gemeinschaftlichen Gottesdienst die Wahl der 
Exemplare frei blieb, so musste auch hier die vorhan- 
dene Verschiedenheit bald bemerklich werden. Dies war 
auch von keiner Wichtigkeit, so lange die Kirche unter 
ausserem Drucke lebte .und der einzelne Glaubige vor 
Allem Trost und Starkung in den hi. Schriften suchte; 
gewiss war damals die Aufmerksamkeit auf den Buch- 
stabenausdruck nicht gar gross. AIs aber die Verfol-; 
gungen aufgehort und die Christen freie Religionsiibung 
gewonnen hatten, richteten sie bei ruhigem Z6iten eine 
sorgfaltigere oder kleinlichere Aufmerksamkeit auf alles, 
was im Schoosse der Kirche vorging; so ward auch die 
Mannigfaltigkeit im Schriftwort bei den Lateinem Gegen- 
stand der Beachtung. Wie es gewohnlich geht, ward 
hierbei bald das Unwesentliche mit dem Wesentlichen 
verwechselt. So schreibt der hi. Augustinus an den- hi. 
Hieronymus, dass eine Gemeinde ihren.Bischof entsetzen 
woUte, weil er Jon. IV, 6. statt des gew5hnlichen „Kiir- 
biss" nach Hieronymus' Uebersetzung „Epheu" vorgelesen 
hatte*). In Italien und zu Rom war jene Verschieden- 



1) S. Scholz, Einl. I. S. 488. 

2) August: Hieronymo inter 0pp. S. Hier, T. L p, 636, Nam 
quidam frater noster episcopus, quum lectitari instituisset in eecle- 
sia cui praeest interpretation em tuam, movit quiddam longe aliter 
ahs te positum apud Jonam prophetam, quam erat omnium senaibus 
memoriaeque inveteratum et tot aetatum successionibus decantcUum, 



— 149 — 

heit mit ihren Folgen nur wenig und erst spat bemerk- 
lich geworden, weil hier die Itala eine ^ewisse AuctorMt 
besass, vor der das Sprachgefiihl der Einzelnen zuruck- 
trat. AUein dass auch die Itala nicht in ihrem urspriing- 
lichen Bestande blieb, dazu trug eine sonderbare Ge- 
schmacksrichtung bei, die sich aus dem hi. Augustinus 
erkennen lasst. Dieser sagt namlich eben an der Stelle, 
wo er der Itala als einer bestimmten Uebersetzung 
gedenkt , es mtissten die Schrifttexte , welche Eine 
ursprtingliche Uebertragung bewahrten, denjenigen nach- 
stehen, welche sich das Bessere aus den ubrigen Ueber- 
setzungen angeeignet hatten^). Diese Ansicht muss auch 
bei der Itala namentlich in Rom reichlich angewandt 
worden sein, so dass auch diese bald in sehr verschie- 
denen Recensionen vorhanden war. So konnte der hi. 
Hieronymus die Itala nicht ausnehmen, wenn er tiber die 
Verschiedenheit der lateinischen Bibeltexte klagt, es gebe 
ebensoviele Recensionen, als Abschriften. Wie pun die 
Zeit, in welcher der hi. Hieronymus lebte, uberhaupt 
eine Zeit innerer Organisation und Befestigung war, so 
leuchtete dem damaligen umsichtigen Pabste Damasus I. 
auch bald die Nothwendigkeit ein, der vielfachen Ver- 



Factus est tardus tumultus in plebe, maxime Graecis arguentihus et 
inflammantihus calumniam falsitatis, ut cogeretur episcopus (ea 
quippe civitas erat) Judaeorum testimonium flctgitare. Utrum autem 
illi imperitia aut mcUitia hoc esse in hebraeis codicibus responde- 
runt, quod et Graeci et Latini hoibebant, Qtiid plura ? coactus est 
homo velut mendositatem corrigere, volens post magnum periculum 
non remanere sine plebe, 

1) Doctr. chr, IL 14. ut emendatis nonemendati cedant, ex uno 
dumtaxat interpretationis genere venientes. In ipsis autem inter- 
pretationibus itala ceteris praeferatur etc. 



— 150 — 

schiedenheit bei Yorlesuog des Schriftwortes ein Ende 
zu machen. Der Entschluss zur Bewerkstelligung eines 
solchen Unternehmens lag um so naher, weil der Pabst 
jemanden zur Seite^ hatte, der zu demselben alle erdenk- 
lichen Mittel besass, und dies war eben der hi. Hiero- 
nymus, welcher die Mannigfaltigkeit der lateinischen Bibel- 
fibersetzuDgen besonders unangenehm empfand. 

Wohl selten hat sich so viele Befahigung zu exege- 
tischen Leistungeu in Einem Manne vereinigt, wie sie 
der grosse hi. Hieronymus besass. Pannonier oder Dal- 
matier von Geburt, war er von Jugend auf in romischer 
Bildung und Sprache erzogen worden. Frtihzeitig kam 
er nach Bom, wo er mit Begeisterung an den klassischen 
Schriftstellern der Lateiner, besonders an Terenz und 
Virgil, sich weiter bildete. Hier begann er auch ein 
grtindliches Studium des Griechischen, in dessen Kennt- 
niss er es spater bis zu vollendeter Meisterschaft brachte. 
Damit verband er nach damaliger Sitte * den Unterricht 
in der Khetorik und lernte in solchen Beschaftigungen 
die beriihmtesten Gelehrten der damaligen Zeit kennen. 
Zwar vermochte er sich im Umgange mit den laster- 
haften Heiden nicht ganz von dem Sittenverderbniss der 
Weltstadt frei zu erhalten ; allein ausser seinem friih ge- 
nahrten Hange zur Andacht ftihrte ihn bald eine edlere 
Leidenschaft von den Vergniigungen Rom's zuruck. Mit 
unersattlichem Eifer verlegte er sich namlich auf die 
Ansammlung einer Bibliothek, wozu Rom die beste Ge- 
legenheit bot, und dieser Bestrebung blieb er bis zum' 
Ende seines Lebens getreu. Wie aber in damaliger Zeit 
gewohnlich, besonders aber bei dem wissensdurstigen 
Hieronymus, der Besitz eines Buches auch dessen 
Benutzung bedeutete, so konnte spater der hi. Augustinus 



— 151 — 

sagen, es gebe keinen Schriftsteller, den Hieronymus 
nicht gelesen habe. Von dec Gesellschaft seiner lieben 
Biicher trennte er sich selbst auf Reisen nicht, soviel 
Beschwerde ihm auch bei der Beschaffenheit der damali- 
gen Reisegelegenheiten und der Ausdehnung seiner Wan- 
derungen daraus erwachsen mochte. Denn zur Erweite- 
rung seiner Ausbildung trat er nach Beendigung seiner 
rhetorischen Studien eine Reise nach Gallien an, die ihn 
bis Trier fiihrte. In dieser uralten Stadt verweilte er sehr 
lange, und hier reifte sein Entschluss, sich ganz den 
theologischen Arbeiten zu widmen. Dann brach er auf, 
um nach Aquileja (iberzusiedeln ; auch dort blieb er 
lange in einem Kreise gelehrter Manner, der seiner Nei- 
gung' zur Frommigkeit, wie zum wissenschaftlichen Stu- 
dium gleiche Nahrung bot. Gewisse Umstande veran- 
lassten ihn, von Aquileja sich nach dem Orient zu 
begeben; er durchzog mit einigen Freunden Thracien, 
Bithynien, Pontus, Galatien, Kappadocien und das. heisse 
Cilicien, und kam endlich nach Antiochia, wo er eine 
schwere Krankheit tiberstehen musste. Wahrend derselben 
hatte er durdi Freundestod und menschliche Unbestandig- 
keit noch mehr das Irdische geringschatzen gelemt, und 
statt desswegen nach seiner Genesung bis Jerusalem 
weiter zu ziehen, wendete er sich von Antiochia ost- 
warts in die Wiiste von Ghalcis, um dort unter den 
Anachoreten ein funfjahriges Asketenleben zu fiihren. 
Mitten unter den strengsten Busstibungen, denen er sich 
hier unterzog, und der Handarbeit, womit er nach Ana- 
choretenbrauch seinen Unterhalt gewann, setzte der grosse 
Mann auch seine gelehrten Studien fort und benutzte 
besonders die ihm hier gebotene Gelegenheit, von 
einem getauften jiidischen Monche das Hebraische zu er- 



— 152 — 

lernen. Die Beschaftigung mit dieser Sprache verursaclite 
ihm grosse Miihe und noch grosseren WiderwiHen; allein 
er iiberwand alle Hindernisse mit der Kraft seines ent- 
schiedenen WiUens. In der chalcidischen Wiiste war es 
auch, wo Hieronymus zum ersten Mai als Schriftsteller 
auftrat und Biicher, die fiir einen weitern Leserkreis be- 
stimmt waren, verfasste. Gegen Ende dieses Wtisten- 
aufenthaltes veranlassten ihn die meletianischen Streitig- 
keiten, welche damals den Orient ersdiiitterten, sich um 
Auskunft in einem zweifelhaften Punkte an Pabst Da- 
masus zu wenden , und dieser Brief bildete den 
Anfang zu einem Verkehr, "Velcher fiir die Kirche von 
den nachhaltigsten Folgeni sein sollte. Die Antwort des 
hi. Pabstes traf ihn nicht mehr in der Wiiste, aus der 
ihn die Parteistellung der iibrigen Anachoreten vertrieben 
hatte, sondern in Antiochia. Hier empfing er mit Wider- 
streben und nur unter der Bedingung, keine Seelsorge 
iiben zu miissen, die Priesterweihe und trat nun mit 
hochst entschieden gehaltenen Schriften gegen die Irr- 
lehren der damaligen Zeit auf. Zum zweiten Male verliess 
er 380 Antiochien, um sich nach Constantinopel zu be- 
geben; dorthin zog ihn der Ruf des grossen Gregorius 
von Nazianz, den er seitdem immer mit Stolz seinen 
Lehrer in der Schriftauslegung nannte. Auch den hi. 
Gregorius von Nyssa und manche andern grossen Theo- 
logen der griechischen Eirche lernte er daselbst kennen, 
und dieser rege wissenschaftliche Verkehr gab Anlass zu 
mehreren wichtigen Schriften , besonders zur Ueber- 
setzung der eusebianischen Chronik und zu seiner ersten 
exegetischen Arbeit (iber das sechste Kapitel des Pro- 
pheten Isaias. Allein aus dieser wissenschaftlichen Musse 
zog ihn im Jahre 382 die Noth der durch Streitigkeiten 



— 153 — 

noch immer zerrissenen Kirche wieder nach Rom; dort 
sollte eine Synode gehalten werden, bei welcher Pabst 
Damasus von Hieronymus' wissenschaftlicher und lite- 
rarischer Tuchtigkeit Gebrauch machen woUte. Obwohl 
die Synode ohne eingreifende Wirkung verlief, so war 
sie doch fiir den hi. Hieronymus und fiir die ganze 
Kirche von der grossten Wichtigkeit, insofern sie im 
Leben des hi. Kirchenvaters eine Wendung hervorrief. 
Drei Jahre verweilte er jetzt in Rom an der Seite 
des hi. Pabstes, dessen unbeschranktes Vertrauen er ge- 
noss, und dem er in alien wichtigen Arbeiten zur Seite 
stand. Seine schriftstellerische Tuchtigkeit bewahrte er 
hier auf's Neue; namentlich setzte er dem Angrifif eines 
gewissen Helvidius gegen die Jungfraulichkeit der Gottes- 
mutter eine Streitschrift entgegen, in welcher zum ersten 
Mai aus der sittlichen Entrtistung die ganze Wucht sei- 
nes ^ewaltigen Geistes hervorleuchtete. Auf solche Weise 
schon vom Orient her durch den ihm voraufgegangenen 
Ruf empfohlen, durch stets neue wissenschaftliche Leistun- 
gen benihmt, wegen der grossten sittlichen Strenge be- 
wundert, durch die Freundschaft des Pabstes geehrt, er- 
schien Hieronymus zu alien Arbeiten, die das Heil der 
Kirche bezweckten, mehr als irgend ein Anderer geeignet. 
Eben urn diese Zeit aber war es, als auch in Rom iiber 
die Mannigfaltigkeit der Bibeltexte mancherlei Klagen 
laut wurden, und bei den vielen dogmatischen Streitig- 
keiten, die sich an das Bibelwort anklammerten, schien 
es gerathen, solchen Beschwerden abzuhelfen. 

Das Mittel, welches das Oberhaupt der Kirche zur 
Beseitigung dieses Uebelstandes wahlte, war ganz dem 
Bediirfnisse entsprechend und ist andererseits geeignet, 
die bereits oft genannten Grundsatze, welche hinsichtlich 



— 154 — 

der hi. Schrift in der Kirche festgehalten werden, in 
einem neuen Lichte zu zeigen. Als oberste Glaubens- 
quelle gait nicht die hi. Schrift, sondern die unfehlbare 
Lehre der romischen Kirche, wie dies gerade der hi. 
Hieronymus mit den klarsten Worten bezeugt^). Eine 
absolute Richtigkeit des urspriinglichen Schriftwortes, 
die an sich durch menschliche Mittel nicht zu erreichen 
war, erschien daher fiir die kirchUchen Lehrzwecke nicht 
erforderlich, und so ward auch fur das Neue Testament 
an eine neue Uebersetzung aus dem Grundtexte nicht 
gedacht. Soweit vielmehr die Kirche der hi. Schrift be- 
durft hatte, war die Itala immer ausreichend gewesen, 
und es lag kein Grund vor, von der bis dahin getibten 
Praxis abzuweichen. Nur musste fur alle Kirchen und 
alle lehrhaften Verhandlungen ein einheitlicher Text her- 
gestellt werden, um vielen unntitzen und friedestorenden 
Discussionen den Anlass abzuschneiden. Zu einem solchen 
Unternehmen aber erschien der hi. Hieronymus, den sein 
ganzes ausseres und inneres Leben dazu speciell befahigt 
hatte, wie von Gott gesandt, und ihm iibertrug daher 
auch Damasus die Ausfuhrung Ueber die Art und 
Weise, wie der grosse Lehrer sich des Auftrages ent- 
ledigte, gibt dessen Vorrede an Pabst Damasus Auf- 
schluss und gibt zugleich einen hohen Begriff von der 
Klarheit und Besonnenheit, die in solchen Dingen ihn 



1) Ego nullum primum nisi CJiristum sequens heatitudini tuae, 
i. e. cathedrae Petri, communione socior. Super illam petram aedi- 

ficatam Ecclesiam scio, Decernite, obsecro, si placet, et non 

timeho tres hypostases dicere. Si iubetis, condatur nova post Ni- 
caenam fides, et similibus verbis cum Arianis confiteamur orthodoxi, 
Ep, 15, ad Dam, Tom, L p, 39, 



— 155 — 

leitete. Die Revision konnte nur den Text der Itala 
treffen, der in ofifentlichem Gebrauche war; denn eben 
die offentliche Anwendung war es, urn derentwillen der 
Bibeltext einer Controle bedurfte. Bei der Revision ver- 
glich er zwar die verschiedenen Textesrecensionen , die 
zur Hand waren, nicht bloss untereinander, sondern auch 
mit den griechischen Originaltexten , hiitete sich aber 
Borgfaltig, nach letzterm einen neuen lateinischen Text 
herzustellen. Vielmehr sucbte er iiberall den vor Alters 
gebrauchlichen und ursprunglichen Text zu ermitteln, 
unbekiimmert um die unlateinische Gestalt des Ausdrucks 
und um bloss sprachliche Ungenauigkeiten. Selbst kleinere 
Abweichungen vom Sinne des Originals liess er unange- 
tastet, wenn die betr. Stellen in der ungenauen Form 
schon gar zu sehr in dem Gedaebtniss der Einzelnen 
hafteten^). Nur da, wo die vorhandene Uebertragung 
einzelner wichtiger Stellen ganz und gar vom Grie- 
chischen abwich, erlaubte er sich eigentliche Emendationen, 
d. h. ubersetzte er selbststandig aus dem Original. Aber 
auch hierbei beobachtete er eine grosse Vorsicht ; nament- 



1) Quae ne multum a lectionis latinae consuetudine discrepa- 
rent, ita calamo temperavimus, ut his tantutn, quae sensum videban- 
tur mutare, correctis reliqua manere pcUeremur ut fuerant {T, X, 
p, 667), Beispiele von dieser Selbstbeschi-ankung Bind z. B. Matth. 
ZY, 31., wozu er im Gommentar ausdriicklich bemerkt: de xoXXou 
tacuit und doch bei der Bevision es nicht hinzugefiigt hat. Zu 
Gal. V, 9. bemerkt er: male in nostris codicibus hahetur: modicum 
fermentum totam massam corrumpit, ohne jedoch im Text es zu 
&ndern. Ebenso Eph. lY, 19. sagt er im Gommentar: quod autetn 
ait: qui desperantes semetipsoSy i, e. k-K-nlym^^i kKuzoijgj multo alius 
in graeco significat quam in latino; dennoch liess er es so stehen. 
S. T. YH, p. 117. 488. 621. 



— 156 — 

lich hielt er sich hinsichtlich der Septuaginta nicht an 
Textesexemplare, welche erst in letzter Zeit Bearbeitun- 
gen erfahren batten, sondern zog alte Handschriften zu 
Ratbe, wie sie dem Verfesser der Itala selbst vorgele- 
gen batten. Man siebt leicbt, welcbe Absicbt ibn leitete : 
er woUte die Itala in der ursprUnglicben Gestalt, welcbe 
durcb langen kircblicben Gebrauch und durcb aposto- 
liscbes Anseben gebeiligt war, wieder berstellen; denn 
eben dieser Gebraucb und dieses Anseben gab binlang- 
licbe Btirgscbaft, dass der Inbalt der bl. Scbrift, soweit 
er der Kircbe diente, in der Itala unangetastet entbalten 
sei, mocbte sie aucb in formeller Hinsicbt wie immer 
bescbaffen sein. Die Form konnte ja nur als Mittel 
zumj Zweck dienen, und da das cbristlicbe Volk mit 
einer gewissen Eifersucbt an den berkommlichen Aus- 
drticken festbielt, so waren diese, wo es sicb um dessen 
cbristlicbe Fortbildung und Erbauung bandelte, alien an- 
dern, aucb den passendsten und gewabltesten, vorzu- 
zieben ^). 

Merkwtirdig ist, dass trotz dieser Besonnenbeit das 
Unternebmen des bl. Lebrers docb mit Misstrauen auf- 
genommen wurde. ,So gross war scbon damals die An- 
banglicbkeit an das Hergebracbte und Traditionelle, dass 
jede Aenderung des bekannten bibliscben Textes gefahr- 
licb scbien. Der bl. Hieronymus batte dies vorausge- 



1) Vgl. was der hi. Augustinus JDoctr. Christ, U, 13 sagt: lUud 
etiam, quod iam auferre non possumus de ore cantantium populo- 
rum f^super ipsum auiem floriet sanctificatio mea'^ nihil profecto sen- 
tentiae detrahit: auditor tain^n peritior mallet hoc corrigi, ut non 
floriet, sed florebit diceretur, nee quidtjuam impedit correctionem, 
nisi consuetudo cantantium. Ista ergo facile etiam contemni possunt, 
si quis ea cavere voluerit, quae sane intellectui nihil detrahunt. 



— 157 — 

sehen, und wie er-selbst gesteht, wtirde er die undank- 
bare Arbeit nicht unternommen haben, wenn ihn nicht 
das Ansehen des Statthalters Christi und das Bewusst- 
sein von der unabweisbaren Nothwendigkeit des Unter- 
nehmens dazu getrieben hatte^). 

" In der Reihenfolge seiner Arbeit richtete sich der 
hi. Lehrer lediglich nach dem Bediirfnisse. Zuerst ging 
er an die vier Evangelien, welche am meisten gelesen 
warden. Diese bedurften auch vorzugsweise der Revi- 
sion; denn es waren nicht bloss ihre Texte in der Form 
entstellt, sondern man hatte auch die Berichte der ver- 
schiedenen Evangelisten untereinander gemengt und einen 
aus dem andem erganzf^). Sie waren schon im Jahre 
383 kritisch wieder hergestellt und wurden mit einer 
Vorrede, in welcher der hi. Hieronymus seine GrundsMze 
hinsichtlich der Revision gerechtfertigt hatte ^), so wie mit 
dem Kanon des Eusebius, welcher einer neuen Vermen- 
gung der Texte vorbeugen sollte, dem Pabste Damasus 



1) Quis enim doctus pariter vel indoctus^ cum in manus volumen 
assumserit et a saliva, quam semel imbibit, viderit discrepare quod 
lectitat, non statim erumpat in vocem , me falsarium, me damans 
esse sacrilegum, qui audeam aliquid in veteribus libris addere, mu- 
tare, eorrigere? Adversus quam invidiam duplex ca^$ssa me consola- 
tur : quod et tu, qui summus sacerdos es, fieri tubes et verum non 
esse, quod variat, etiam maledicorum testimonio comprobatur, X, 
p. 659. 

2) Magnus siquidem hie in nostris codicibus error inolevit, dum 
quod in eadem re alius Evangelista plus dixit, in alio, quia minus 
putaverinty addiderunt vel, dum eundem sensum alius aliter expressit, 
iUe qui unum e quattuor primum legerat, ad eius exemplum ceteros 
quoque aestimarit emendandos. I. c, 

3) Es ist dies die bekannte Epistola ad Damasiim, die den 
vier Eyangelien voraufgedruckt wird, T. X, p. 659 fF. 



— 158 — 

iibergeben. Hierauf muss Hieronymus die iibrigen Schriftcn 
des Neueii Testamentes der Revision unterzogen haben; 
denn im Jahre 384 fiihrte er schon in seinen Briefen 
VerbesseruDgen aus den paulinischen Briefen an*), und 
spater sagt er von sich selbst ganz allgemein, er habe 
das Neue Testament mit dem griechischen Text in Ueber- 
einstimmung gebracht^). Diese seine verbesserte Auf- 
gabe der Itala legte der Heilige von da an auch seinen 
Commentaren tiber das Neue Testament zu Grunde, und 
das auch noch zu der Zeit, da er bereits selbst eine 
Uebersetzung aus dem Alten Testamente angefertigt hatte. 
Man darf daraus mit Recht schliessen, dass er an eine 
selbststandige Uebersetzung des Neuen Testamentes aus 
dem Griechischen nicht gegangen ist, sondern bei die- 
sem die revidirte Itala fiir das Bedtirfniss der Kirche 
hinreichend erachtete. In der That fehlen auch alle 
Nachrichten dariiber, dass der hi. Hieronymus jemals eine 
solche Uebersetzung des Neuen Testamentes unternommen 
habe. Zwar schreibt ihm der hi. Augustinus : „Wir dan- 



1) Bevertimur ad nostras hipedes asellos et illorum in aure buc' 
cinna magis quam cithara concrepamm, IIU legant (Bom, XII, 11.) 
„8pe gaudentes, tempori servientes^^ ; nos legamus: ,,spe gaudentes, 
Domino servientes." llli adversm preshyterum accvsationem omni- 
no putent recipiendimi ; nos legamus (1 Tim. V, 19) jyadversas preshy- 
terum accusationem ner^eperis, nisi sub duohus aut tribus testibus ; 
peccantes autcm coram omnibus argue.^^ Illis placeat (ib, J, 15.) 
,,humanus sermo et omni aceeptione dignus*^ ; nos cum Graecis, i. e, 
cum apostolo, qui gracce locutus est, erremus: „fidelis sermo et omni 
aceeptione dignus}^ Ep, ad Marcelldm XXVII, p. 134. 

> 2) Novum Testamentum graecae reddidi auctoritati. Ep, LXXL 
ad Luc. Bait, I. p. 434, Novum Testamentum graecae fidei reddidi, 
De viris illustr, 135, II, p. 955, 



— 159 — 

ken Gott fttr die Miihe, womit du das Evangelium aus 
dem Griechischen (ibersetzt hast^)"; allein dies beruht 
entweder auf irriger Nachriclit, oder soil bloss heissen, 
dass die Revision einer Uebersetzuiig an Sorgfalt gleich 
komme. Desswegen antwortet auch der hi. Hieronymus 
darauf: „du billigst meine Emendation des Neuen 
Testamentes'' ^). 

Das Nachste, was nunmehr das Bediirfniss forderte, 
war die Revision des lateinisclie^ Psalmeutextes. Hierzu 
scheint ihm aber in ausreichendem Maasse die Zeit nicht 
vergonnt gewesen zu sein, so dass er nach seinem 
eigenen Gestandniss die Arbeit nur „eilig" und „gr6ssten- 
theils" voUenden konnte '). Gleichwohl kam auf solclie 
Weise ein brauchbarer Text zu Stande, der ebenfalls 
noch im Jahre 383 dem Pabste eingehandigt wurde. 

Damasus war von den Vorzugen der verbesserten 
Texte so uberzeugt, dass er ihre sofortige Einfiihrung 
in die Liturgie Rom's anbefahl. Ein solcher Schritt 
konnte zwar, wie Hieronymus vorhergesagt, nicht ohne 
bittern Widerspruch von einem Theile des Clerus und 
der Gemeinde erfolgen*); allein theils die Auctoritat des 



1) Proinde non parvas JDeo gratias agimus de opere tuo, quo 
Evangelium ex graeco interpretatus es : quia^ paene in omnibus nulla 
offensio est, quum scripturam graecam contulerimus^ Ep. Aug. in- 
ter Epp, Bier. CIV, T. I. p. 637, 

2) Et si me, ut dicis^ in Novi Testamenti emendatione suscipis . . . 
Ep. CXII, T. L p, 753, Vgl. oben S. 122. Anm. 3. 

8) Psalterium Bomae dudum positus emendarayn et iuxta Sep- 
tuaginta interpretes, licet cursim^ magna tamen. ex parte correxeram* 
Fraef, in L. Psalm. T. X p, 105, 

^) ... ad me repente perlatum est, quosdam homunculos mihi 
studiose detrdhere, cur adversum auctoritatem veterum et totius 



— 160 — 

Pabstes, theils die Beschaffenheit der neuen Texte machte 
die Opposition bald verstummen. Da das Psalterium in 
seiner neuen Gestalt auch in die italienischen Kirchen 
iiberging, so erhielt es bier den Namen Psalterium Bo- 
manum zum Unterschied von dem Psalterium vetus^ das 
bis dahin in den Kirchen gesungen worden war. Unter 
jenem Namen ist es noch bis heute bekannt; denn 
zu Rom blieb ' es von der Zeit des hi. Damasus an bis 
auf Pabst Pius V. in jinunterbrochenem Gebrauch. Als 
letzterer es in den tibrigen Kirchen der Stadt beim 
Ghordienst durch einen. anderen Text ersetzte, blieb 
es doch in der Peterskirche, und zwar dort bis auf den 
heutigen Tag, in Uebung. In der Dogenkapelle zu Ve- 
nedig ward es ebenfalls bis zum Jahre 1808 gebraucht; 
ebenso hat der ambrosianische oder mailandische Ri- 
tus es nicht aufgegeben *). Auch aus dem romischen 
Missale ist es, die Lesungen abgerechnet, nicht verdrangt 
worden^), und selbst im romischen Brevier ist fur das 
Invitatorium der Matutin der 94. Psalm nach demselben 
beibehalten worden. 

Das Neue Testament nach Hieronymus' Revision 
fand nicht bloss in Rom und in Italien, sondern auch 
in der ganzen abendlandischen Kirche allmalig willige Auf- 



mundi opinionem aliqua in Evangeliis emendare tentaverim, ^p, 
XXVII. ad. Marc, p, 133. 

1) Scholz. Einl. I. S. 486. 

2) Vgl z. B. Ps 90. in Tractu Bom. I. Quadr, v. 6. vol ante 
per diem, vulg. in die; a ruina, vulg. ab incursu\ v.7. tibi 
autem, vulg. ad te autem; v. 12. ne unqu^am, vulg. ne forte] 
V.15. invocabit me, vulg. clamabit adme; v.l6. adimplebo, 
vulg. replebo. 



— 161 — 

nahme. Schon zwanzig Jahre nach Herausgabe desselben 
schreibt der hi. Augustiuus dariiber in einer Weise, dass 
an dessen allgemeiner EinfUhrung nicht gezweifelt werden 
kann. Seit dieser ' Zeit ist dasselbe in der lateinischen 
Kirche st^ts in allgemeinem Gebrauch geblieben. 

Die Zeit, welche auf die Veroflfentlichung dieser 
Arbeit folgte, brachte fttr Hieronymus hochst bittere und 
unaagenehme Tage. Ausser den Anfeindungen wegen 
seiner neuen Textesgestaltung, die bald vorubergingen, er- 
wuchsen ihm aush* seiner schonungslosen Rtige des da* 
maligen Glerus in Rom heftige Anfeindungen und Nach- 
stellungen. Auch sein Freund und G5nner Damasus 
starb gegen Ende des Jahres 384, und nun war er in 
Rom fast ganz isolirt. Desswegen entschloss er sich um 
diese Zeit fllr immer wieder nach dem Orient zu gehen, 
und nach einem Ifingem Besuche in Alexandrien, so wie 
bei den M5nchen der nitrischen Wtiste, schlug er seine 
Wohnung zu Bethlehem, bei der Krippe des Herm, auf. 
Ausser der Sorge fllr eine kleine Christengemeinde, die 
er nach unsern Begriffen als Pfarrer leitete, und ausser 
den Uebungen des asketischen Lebens nahmen ihn dort 
bloss gelehrte Studien in Anspruch. Er fuhr fort, mit 
grosser Muhe und grossen Kosten seine Bihliothek zu 
mehren; noch gr5ssem Fleiss und nicht geringere Eosten 
verwendete er auf abermaligen hebraischen Sprach- 
unterricht, den er sich durch gelehrte Rabbinen, meisten- 
theils zur Nachtzeit, ertheilen Hess. Er machte schnelle 
Fortschritte, und so war er bald in den Stand gesetzt, 
weitere exegetische und isagogische Schriften iiber das 
Alte, wie iiber das Neue Testament herauszugeben. Mit 
solchen Arbeiten verflossen iiber acht Jahre. 

Schon in den er^ten Wochen dieser Zeit, bald nach 

Maulen, Oesohiohte der YnlgaU. .11 



— 162 — 

seiner Ankunft auf pal9,stinensischem Boden, hatte er in 
Gasarea fiir seine Studien ein Htilfsmittel gefunden, 
das alle seine Erwartungen iiberstieg. Der Presbyter Pam- 
philus bewahrte daselbst eine genaue Abschrift, wo nicht 
das Urexemplar selbst, von den Hexapla des Origenes; 
es ward dem hi. Etieronymus gestattet, damit seine eige- 
nen Textesexemplare zu collationiren, sowie von einigen 
Columnen sich Abschriften zu nehmen. Auf Grund dieser 
Vergleichung begann er nun auch den lateinischen Text 
des Alten Testamentes, wie Mher den des Neuen, sorg- 
^tig zu revidiren^). Da die friibere Bevision des Psaji* 
menbuehes ihm selbst nicht geniigte, und da inzwischen 
auch diese wieder durch die im Ged&chtnisa fbrt- 
lebeude frtthere Form mannigfach verunstaltet war, so 
begann er abermal mit dem Psalter. Um hier mit 
mdglichster (jenauigkeit zu verfahren, passte er die alte 
Uebersetzung bis auf s Eleinste dem hexaplarischen Texte 
an und versah sie sogar mit den Obelen und Asterisken, 
welche den Unterschied zwischen dem griechischen und 
hebr&ischen Texte andeuteten ^). In dieser Gestalt {and 



1) Unde et nobis curae futt omnes veteris legis libros, quos 
fHr docius Adamantiu8 in Heaapla digesserat, de Caesariensi Mblio- 
theea descriptor, ex ipsis atMenticia emenda/re, in quibus et ipsa 
hebraea propriis sunt characteribus verba descripta et graecia Uieris 
tramite expressa vicino. Comm. in Tit III. T. VIL p, 734» 

%) Notet sibi unusguisque vel iaeentem lineam, vel signa radian' 
tia: id est vel obelos, vel asteriscos; et ubicunque viderit virgtdam 
praecedentem, ab ea usque ad duo puncta, quae impressimus, sciat 
in Septuaginta translatoribus plus haberi. Ubi autem stellae simi" 
litudinem perspexerit, de hebraeis voluminibus additum noverit aeque 
usque ad duo puncta^ iuxta Theodotionis dumtaaat editionem, qui 
simpiicitate serwanis a S^tua§iiUa inUrpr^ibua nan disoordat. 
Praef. in FsciH^ X, p. 108. 



— 163 — 

das Psalmenbadi , man weiss nicht auf welche Weise, 
zuerst in Gallien Eingaug uiid war doii; bald allgemein ver- 
breitet; daher Btammt sein Nune PsaUerium Gallicanum^). 
Sp&ter kam dieser namliche Text mit den obeu toge* 
gebenen Ausnahmen im ganzen Abendlande in Qebrailch 
und ist als Besiandtheil des rdmischen Breviers, sowie 
der Vulgata (versteht sich ohne Obelen and Asterisken), 
noch heute in AUer Handen. 

Das nlU^hste Bach, dessen Revision der hi Lehrer 
vomahm, war Job. Auch dieses versah er ebenso, wie 
den Psalter, mit den kritischen Zeichen des Origenes* 
Der so revidirte, ans noch voUstandig erhaltene Text 
ist besonders dadurch bekannt geworden, dass ihn der hL 
Aagustinus seinen „Anmerkangen zum Bache Job^' za 
Grande legte*). 

Dass Hieronymus ausser diesen beiden uns erhal- 
tenen Texten auch die Sprichworter , den Prediger, 
das Hohe Lied und die Chronik der Durchsicht iinter* 
zog, wissen wir aus den noch erhaltenen Vorreden, wo- 
mit er die Veroffentlichung der betr. Texte begleitete; 
diese selbst aber sind verloren gegangen^). Wenn der 
hi. Lehrer spater von dieser Revisionsarbeit spricht, sagt 
er kurzweg, er habe die ganze Septuaginta, d. h. deren 
lateinische Uebertragung, emendirt*); doch nimmt er fa 



1) In Alteren Scbriften liest man oft den Irrthum, das Psaitenum 
GaUicanum sei auf Bitten des hi Hierouymos durch Pabst DamasuB 
selbst far die galliichen Kirchen Torgesehrieben worden. Die wahr- 
BcheinUchste Ansicht ist, dass es dorch Gregor von Tours da- 
selbst verbreitet worden ist. 8. Hody de Bill, TexH. p, 381 eq, 

2) Abgedr. VaU, T. X p. 49^100. 
8) S. VM. T. X p, 431—436. 

4) Egane contra Septuaginta interpretea dliquid sum Id^MuB^ 

11* 



— 164 — 

der Vorrede zu den salomonischen Schriften hiervon das 
Buch der Weisheit und den Ecclesiasticus aus. Auch 
von einer Revision der Mackab&erbdcher wissen wir nichts. 
1st das Postscriptum &cht, welches sich bei einem seiner 
Briefe an Augustinus aus dem Jabre 416 findet, so ist 
der grOssere Theil dieser Arbeit noch zu Lebzeiten 
des U. Hieronymus durch fremde List oder B5swillig- 
keit zu Grande gegangen, so dass er auch sp&ter bei 
Aufzahlung seiner Werke davon keine Erw&hnung thut^). 
Bei dieser Arbeit hatte der hi. Hieronymus zum 
ersten Male auch von den neu erworbenen Eenntnissen 
im Hebr&ischen Gebrauch gemacht, indem er bei alien 
zweifelhaften Lesarten des griechischen Textes auf das 
Original zurUckgegangen war. In der Vorrede zur Chro- 
nik sagt er ausdrQcklich, er habe bei der Beyision 
desselben einen getauften rabbinischen Gelehrten aus 
Tiberias zu Htilfe genommen und mit ihm zuvor den 
hebrftischen Text coUationirt ^). Diese blosse Controle 



quos ante annos plurimos diligentissime emendatos meae linguae stu- 
diosis dedi, qtios quotidie in conventu fratrum ediasero, qwirum 
PscUtnas iugi meditatione decanto? L. It c. Buff. T. II. p. 518. 

1) Et subter. Grandem latini sermonis in ista pravincia 
notariomm patimur penuriam, et idcirco preieceptis tuts parere 
nan possumus, maxime in editione Sepktaginta, quae oateHacia ^e- 
rubusque distincta est, Pleraque enim piraria Idboria fraude cuiua- 
dam amiaimua. Ep. CXXXTV. p, 1043. 

2) DtfiMjfMtf quum a me nuper litteria flagitaaaetia , ut vabia 
librum Paraiipamenon latino aermone tranaferrem, de Ttberiada le- 
gia quondam doctorem, qui apud Hebraeos admiraiiom hdbehaiur^ 
aaaumai, et contuli cum eo a vertice, ut aiufitj uaque ad extremum 
unguem, et aic confirmatua auaua aum faeere quod iubeboHa. T. X 
p. 4B2, 



— 165 — 

war jedoch nicht der letzte Zweck, urn dessen willen er 
das Hebr&ische zu erlernen begoimen hatte. Noch ehe 
er mit der unternommenen Bevision zu Ende gekommen 
war, fasste er den Plan, von der erworbenen sp^ach- 
lichen Fertigkeit ausgedehntere Anwendong zu machen, 
indem er das ganze Alte Testament, so welt es in he- 
brfiischer Sprache vorhanden war, neu aus dem Urtexte 
ttbersetzte. Dieses Untemehmen war in jed^ Hinsicht 
eine Frucht seines Aufenthaltes in Pal&stina und zun&chst 
auf ein bloss hier bestehendes Bedfir&iss berechnet. 
Bei den ErOrterungen iiber die christlichen Grundwahr- 
heiten, welche daselbst h&ufig zwischen Juden und Christen 
Yorkamen, beriefen die letztem sich zur Beweisfiihrung 
auf die Septuaginta oder, was dasselbe sagen will, auf 
die Itala^), und mussten dann sehr oft den Einwurf 
hSren, die entgegengehaltenen Stellen standen entweder 
nicht im Urtexte oder h&tten daselbst einen andeni Sinn. 
Bei solchen Schwierigkeiten wandte man sich sehr oft 
an Hieronymus und bat ihn um Aufschluss. Urn also 
den Christen hierbei Sicherheit zu verschaffen, woUte 
der hi. Lehrer ihnen einen lateinischen Text in die Hand 
geben, der ein treues Abbild des hebr&ischen Originals 
bildete. Hierdurch sollteu die Christen mit Sicherheit 
erkennen, was die Juden in der Schrift Ifisen, so dass 
sie nicht bloss die anfechtbaren Beweise aus der Septua- 
ginta yermeiden, sondem auch die vom hebr&ischen Texte 
gelieferten neuen Beweismittel anwenden konnten. Bei 
dem ganzen Untemehmen wirkte indessen auch die etwas 



1) Dass im hi. Lande die Itala eher, alB irgend eine andere la- 
teinische Uebersetzung im Gebrauch war, liegt in der Natur der 
Sache. 



M kohe M^dnnng mit, die der hi. Hieronynms vob dem 
dainald TOrhanden«n hebrftiBchen Bibeltexte ge&sst hatte. 
Es Iftsist sich tiicht Iftngnen, dftss er im Uttgang mit 
dem jMischen Neophyten, von dem er zoerst das He^ 
brftische eiiemt hatte, und noch mehr in dem spilem 
Verkebre mit den Rabbinen, von denen er Abschriften 
der Originaltei^ie erbalten hatte, gar zu sehr anf deren 
Ansichton fiber das Verhaitmss zwischen Text and Ueber- 
setzungen eingegangen war. Dass er seitdem bei jeder 
Oelegenheit den Originaltext die hebraica Veritas nennt^) 
und diesem den Vorzug vor der Uebersetznng der Sie* 
benzig gibt, wftre ganz in d^ Ordnung, wofem er nor 
nicht seinen jfidischen Lehrem in dem Glaaben an die 
absolute Zttv^lissigkdt dea damaligen Textes gefolgt 
w&re. Dies^ Text war, wie sich aus seiner Uebertra* 
gang leieht earkennen lisst, im Ganzen mit dem heatigen 
madoreftkischen Texte fibereinstimmend; nor fehlten danais 
noch die Vooalzelchen, und der hi. Hieronymus hat dess* 
wegen den eonsoimntischen Text anders, als er q^ftter fixirt 
wnrde, gelesen and ausgesprodien. Dass er nun dieser 
unvoHkommenen Textesrecension im Gegensatze zar Septua* 
ginta abBolate Riohtigkdt beigemessen hat, iat jedenfaUs ein 
Fehler and Ulsst sick bei seiner soneitigen Verstaades- 
schftrfe nicbt anders, als aus dem Eiidusse der Babbuien 
eitiftren. 8ehr anffiallend ist z« B., daas er in seiner 
Vorrede zur Chronik (nach den LXX) die Verwimmg 
in den Mgennamen dieser Schrift beim griechiscbea Texte 



1) Z. a 0. Buff. U, 33. T. U. p. 6^7. Comm. in Jerem. e. 
XVII: Pudet me c^nietttionis nostrtuMm, qui hehratiecm argumnt ve^ 
ritatem. T, IV, p. 957. Comm, in Md. v. 20, T, VL p, 362. 



— 167 — 

str^ge rtlgt^), wfthrend docfa aueh im maaarethischen 
Texte die Eigennamen nach Gesenins' Auadrucke „Ton 
Sehreibfehlem wimmeln/^ Noch auffallender ist dies, wdil 
er die Fehlerhaftigkeit des Septuagintatextes nicht der 
ursprUnglichen Uebersetzung, sondern der Vervielfilltigung 
durch ungeschickte Abschreiber zor Last legt^). Wenn 
er sich daxm zur Rechtfertigung seiner Achtang vor dem 
hebrSischen Text hftufig suf die Apostel benift, die den- 
selben anfOhrten, so ist dies wohl bloss dem Eifer der 
Verthddigung znzusehreiben '), denn ganz dasselbe Ar- 
gument liess sich aueh ftir die Beibehaltung der Septua- 
ginta geltend machen^). Mit einer solchen Ansicht yom 
hebrSischen Texte des Alten Testamentes stand aueh Hie- 
ronymus ziemlich isolirt in der Eircfae, und nur die- 



1) Libere enim 9ohi8 loquor, ita et in graecis et Ic^tinU eodi- 
cibm hie wminum UbervitiosHe est, ut non tarn hebraea^ guambar^ 
bora quaedtm et sarmatica nomina congesta arl^tramdum sit, Ifec 
hoc SeptucigintQ, interpretibus, gui Spiritu. sanoto pleni ea, quae 
verafuerant, transttderunt , sed scriptorum culpae adscribendum, 
dum de inemendatis inemendcUa scriptitant et saepe tria nomina, 
subtractis e medio syUdbis, in unum vocabulum cogunt, vel e regione 
unum nomen, propter l<xtitudinem suam, in duo vel tria voedbula 
dieidunt* Die letstere Bemerkang ist um so aoffaOleBder, weil daff 
N&ttUohe nit Tiel grbsserm Rechto yon dem masoretliiseheii Teste 
gttsagt warden kann. 

%) Si Septuaginta interpretum pwra et ut ab eis in graecum 
versa est, editio permaneret, superfiue me, mi Chromati episcoporum 
sanctissime atque doctissime, impelleres, ut hebraea volumina latino 
sermone transferrem, Praef. in Libr. Pared. T. IX. p, 1405. 

8) Audi igitur aemuhj obtrectator ausculta: non damno, non 
reprehendo Septuaginta, sed confidenter cunctis iUis Apostolos prae- 
fero. Prol in Gen. T. IX. p. 6. 

4) Vgl. oben S. W, 



— 168 — 

jemgen, auf welche er persSnlich Einfluss hatte, theilten 
sie mit ihm. Gerade diese aber drangten ihn in- 
standig, sein Yorhaben auszufiihren, me denn die Vor- 
reden zu den einzelnen aus dem Hebr&ischen iLbersetzten 
Btichern jedesmal einer andern Person die Veranlassong 
zuweisen. Man sieht hieraus, dass er die Uebersetzung 
mehr gelegentlich, als nach einem festen Plane verfasste. 
So erklart sich zuerst, dass bis zu ihrer Vollendung 
fast funfzehn Jahre verflossen; denn den An&ng machte 
er urn das Jahr 390, den Abschluss erst 405. Ebenso 
lasst sich aus jenem Umstande die sonderbare Reihen- 
folge erkl&ren, in welcher er die einzelnen Blicher be- 
arbeitete. Zuerst iibersetrte er die Bdcher Samuels und 
der Eonige und gab diese mit der oft genannten „ge- 
harnischten Vorrede" heraus. In letzterer verwahrte er 
sich im Yoraus gegen die Anfechtungen, welche er wegen 
seiner neuen Uebertragungsweise erwartete. Dann folgte 
das Buch Job, «^ermuthlich weil er eben die Revision 
desselben nach der Septuaginta beendigt hatte. Hierauf 
kamen die Propheten sammtlich an die Reihe, damach 
das Psalmenbuch. Eine langere Krankheit unterbrach 
hierauf seine literarischen Arbeiten, bis er sie gegen Ende 
des Jahres 393 mit der Uebersetzung der drei salomo* 
nischen Schriften wieder aufhahm. In den Jahren 394 — 
396 erschienen die Biicher Esdras, die Ghronik und die 
Genesis; dann bis Anfang 404 Exodus, Leviticus, Numeri, 
Deuteronomium, endlich im genannten und und dem fol- 
genden Jahre Josua, Richter, Ruth, Esther nebst den 
deuterokanonischen Bestandtheilen von Daniel und 
Esther, sowie den Biichem Tobias und Judith. Un- 
iibersetzt liess er ausser dem Neuen Testament, dessen 
Revision ihm genugte, die Biicher der Weisheit^ Jesu 



— 169 — 

Sirai^h imd der Mackabfter, und zwar anscheinend, well 
er an ihren kanonischen Character nicht recht glaubte ^). 
Fiir diese Uebersetzung ist es von besonderer Wich- 
tigkeit, die GrundsHtze zu kennen, welche den Verfasser 
bei ihrer Anfertigung geleitet haben. Ueber dieselben 
hat der hi. Hieronymus slch wiederholt mit aJler wiin* 
schenswerthen Oenauigkeit erkl&rt^), und es ist desswe- 
gen leichtk, dariiber ein klares Urtheil zu erhalten. Als 
oberste Kegel, die er befolgt, stellt der Heilige wieder- 
holt den Satz auf, dass man bei der Uebersetzung nicht 
die Wortform, sondem den Inhalt wiederzugeben bemiiht 
sein mtlsse'); so sei es von jeher Theorie und Praxis 
bei den alten Schriftstellem gewesen. Zwar will er diese 
Begel filr die hi. Schrift nicht zu weit ausged^nt wissen, 
well in dieser auch die Wortform eine hohe Bedeutung 
habe^). Hier und da nSmlich neigt sich der hi. Lehrer 
zu der Ansicht, es sei auch bei der Form der hi. Schriften 
die Inspiration von directem Einfluss gewesen^). AUein 

1) Vgl. "Praef, inLL, Scdomonia itustaLXX: Porro in eo libro^ 
qui a plerisque Sapientia ScUomonis inscribitur, et in Ecclesiastico^ 
quern esse Jesu filii Sirach nullus ignorat, ccUamo temperavi, tan- 
tummodo canonicas scripturas vobis emendare desiderans et studium 
meufn certis magis quam dubiis commendare, X p, 436. - 

2) Die HauptsteUen sind Ep, LVII ad Pammachium T. L p, 
306S18 und L. 11 adv. Buff, c. 24^34, T, 11. p. 517 sq. 

8) Ego enim non solum fateor, sed libera voce profiteor, me in 
interpretatione graecorum, absque scripturis Sanctis, tUn et verborum 
ordo mysterium est, non verhum e terbo, sed sensum exprimere de 
Bensu. Ep. LVIL ad Panm. T. L p. 308. 

4) V. I c. 

6) Parum dixi pro meriio voluminis [sttcri], Laus omtis inferior 
est : in verbis singulis multiplices latent inteUigentiae, Ep, JjUI ad 
Paul. r. I. p. m, 



— 170 — 

in Wirklichkeit yerfahrt er bei Uebersetzung der U. 
Schrift Qicbt anders, als er auch bei sonstigen Ueber- 
tragungen zu thun pflegt, und zur Rechtfertigung seiner 
Methode beruft er sich nicht bloss auf Cicero und Ho- 
raz, sondem auch auf Ghristns und die Apostel bei 
deren Citaten aus dem Alien Testamente ^). Neben diesem 
Grundsatz leitete ihn besonders die praktiBche Biicksicht 
auf das Bestehende und auf den nachsten Nutzen der 
Kirche. Er hielt es fiir unpassend, der grammatischen 
Oder w6rt]icben Treue zu liebe den Christen der da- 
maligen Zeit, die an die Uebersetzung der Itala gewohnt 
waren, Anstoss zu geben, und suchte sich desswegen 
moglichst an die herk6nunlichen Ausdriicke in der Ueber-* 
aetzung zu halten. Hierin geht er so weit, dass er so* 
gar grammatische Unrichtigkeiten gegen seine bessere 
Ueberzeugung beibehalt, um dadurch alien Anstoss zu 
vermeiden ^). So konunt es denn, dass er manche Stellen 
in seinen Gommentarien anders libersetzt, als in seiner 
Textesiibertragung. So jGindet sich Gen. XIII, 2. die 
Uebersetzung : erat autem dives valdcy obwohl er dariiber 
anderswo^) sich tadelnd aussert: occurrit huic sensui, 
guod sequitur: guomodo potuevit exiens de Aegypto fuisse 
dives vdlde? Quod sohitur Ula hebraica veriiate^ in qua 



•Oi^ 



1) Ep. a4 Pamm. T. I p. 310^316. 

2) lUud autem eemelvumtUsHsuilficiat^ noaseimciibituwe^cubUa 
n$tUraU t^pp^Uari genere, sed pro simplicitate ei faeiUtate inteUigenr 
ticbe vtdgique consuetudine ponere et genere masctdino, / Nan enim 
eurae nobis est vitare sermonum vitia. sed scripturae sanctae cbscu- 
ritatem quihuscunque verbis disserere. Gomm. in Eieeeh, XL, 6 
T. V. p. 47X 

8) ^woea*. Hebr. in Gen, T- IH, p. 325, 



— 171 — • 

B4!filritur: Ahram grof^ vehementer^ h. e. ^pwi ^fidpa; 
Aegjgpti enim pondere gravabaiur. Ebenso steht Qeiu 
XXY, 8: et defidens (Abraham) mortuus est, obwohl er 
von dieser SteUe sagt: male in Septuaginta interpretAus 
€iddiUHm: et deficiens Abraam mortuus est, quia nan con*- 
penii Abraae deficere et immmui^). Jer. XXXII, 27 rteht: 
et venient Chaldaei, obwohl im Commentar zu der betr. 
SteUe die Uebersetzung et ingredientur fttr besser erklflrt 
wird'). Eccl. VII, 28. steht in der Uebersetzung: Ecee 
hoe inveni, dixit Ecelesiastes^ unum et aUerum, ut iwve'- 
fwrem rationem, quam adhuc quaerit amma mea; im 
Commentar aber: Ecce hoc inveni, dixit EcdesiasteSf 
unam ad unam, ut invenirem numerum^ quem adhuc 
quaesifHt etc. Diese und &hnliohe VerBchiedenheiten in 
seiner Auflfassnng kOnnten dem Wechsel seiner Ansicliten 
beim Yerlauf der Jahre and Erweiterung seiner Kent- 
Aisse zngeschrieben werden, wenn er nicbt in der Vor- 
mde zun Predigar-Gommentare ausdrttcklich gestande: de 
hebraeo tran^erens magis me Septuagmta interpretum 
consuet/udim coaptavi^ in his dumtaxat, quae non multum 
ab hebraids discr^abamt Letatere Bemerkung bezieht 
£dch aUerdings zunftohst auf diese eine, mn das Jahr 
B90 verfasste Arbeit; allein sie muss vielfach auf seine 
sonstigen Uebertragungen angewendet werden^). 

Zur yervollstftndigung des Urtheils Aber diese Ueber- 
setzung muss noch hinzugenommen werden, dass der fal. 
Hieronymus einige Theile derselben mit sehr grosser 
Schnelligkeit anfertigte. Seine steten vielseitigen Be- 



1) ib. p. 3U. 2) r. IV, p. 1087. 

S) WenigBtens ist dies allgemeine Anaiclit; itgl lAdesSi Wat 
unten S. 178^ Krm, 2 zu sagen sein irird. 



• — 172 — 

sch&ftigiuigeii, die Nothwendigkeit, ^en gelieh^en 
Codex mitunter nach drei Tagen wieder abznliefern 
die Sparlichkeit seiner gesunden Stunden, das DrSngen 
seiner Freunde — Alles mkte zusammen, van ihm 
mitunter eine mehr als gewohnliche Eile aufzulegen. 
So musste er das Buch Tobias in Einem Tage zu Ende 
bringen, weil ihm nicht langer der jadische Babbi zu 
Gebot stand, der ihm das chaldaische Original mOndlich 
in's Hebriische tibertrag^). Die drei salombnischen 
Schriften libersetzte er, wenn sein eigener Ausdruck 
w6rtlieh. zu nehmen ist, in drei Tagen, weil ihm eine 
lange Erankheit keine andere Zeit mehr liess, seinen 
Freunden gefallig zu sein^). £r scheut sich auch nicht 
zu gestehen, dass er bei dieser Eile mitunter sich geirrt 
habe, me dies z. B. an der Stelle Is. XIX, 95. in sei- 
nem Commentar zu lesen ist^). 

Eine solche Eilfertigkeit wiirde gewiss einen Schatten 
auf das ganze Untemehmen werfen, wenn sie nicht mit 
einer wohlgegrlindeten Ueberzeugung und mit dem sonsti- 
gen Yerfahren des hi. Lehrers in natUrlichem Znsammen- 
hange stande. Hieronymus war yon der Ansicht erfQllt, 
dass die Form dem Inhalt gegenUber nicht Werth genug 



1) Praef, in Tab. Quia vidua est Chaldaeorum lingua 6ertnoni 
hebraico, utriusque linguae peritissimum loquacem reperiens unitia 
diei Idborem arripui, et gmdquid ille mihi hebraicis verbis expres- 
sit^ hoc egOj accito notario^ sermonibus latinis exposui, T, X, p, 3, 

2) Itaque longa aegrotatione fra>ctu8, ne penitus hoc anno re- 
tieerem et apud. vos mutus essem, tridud opus nomini vestro const- 
cravi, interpretationem videlicet trium Sadomonis voJuminum, Praef^ 
m LL, Sal. T, IX. p. 1293. 

8) 8. r. IX. p. 71h iterot 



^ 173 — • 

besitze , urn auf buchstftbliche Wiedergabe Ans^rach 
machen zu k5nnen; war er sich bewusst, den Sinn 
in seinem Zusammenhang viedergegeben zu haben, so 
glaubte er seiner Pflicht als Uebersetzer genug gethan 
zu haben. Non verba in scripttms consideranda, sed 
sensus^% das war sein Grundsatz. Mit dem Sinn der 
einzeken ihm zu Gebot stehenden Texte, des hebrSischen 
des griecbischen und italischen, war er aber durch lang- 
jShrigen, ununterbrochenen Gebrauch so yertraut, dass er 
sich wohl zutrauen durfte, denselben ohne langes Be- 
denken in seine Worte kleiden zu kdnnen. 

Wie die Uebersetzung des hi. Hieronymus heute vor- 
liegt, entspricht sie durchgehends den Erwartungra, welche 
nach YorsiiBhender Darlegung an dieselbe gestellt werden 
k5nnen. Im Ganzen zeigt sie eine Auffassung des Ori- 
ginaltextes, welche den erfahrenen Eenner des Hebr&ischen 
(und spater auch des GhaldSischen) verr&th; Ausnahmen 
von der ZuverlHssigkeit des Ganzen machen jedoch Ungenauig- 
keiten, die theils formeller, theils materieller Natur sind'). 
Wir verzeichnen stlmmtliche Eigenthiinilichkeiten. ffier und 
da, Iftsst sich erkennen, dass der Yerfasser von seinen rabbi- 
nischen Lehrem und von jiidischer Tradition abhftngig 
gewesen. Dies trifft z. B. die Stelle Gen. XXXVIII, 5: 
Tertium quoque peperit^ quern appellavit Sela; quo nato 
pdrere ultra cessavit Im Hebr&ischen steht fOr letztem 



1) Ep. LVII. ad Pamm. T. L p. 315. 

2) Zum^ Folgenden geh5rt die Reserve, dass der hebr&ische* 
Text, welchender hLHieronymuB ttbersetzte, in EinzeUieiten noch 
von dem hentigen masoretiiischen verschieden war. Viele der betr. 
Abweichongen Bind zuBammengestellt bei Lud, Cappdli, Cfit sacra^ 
L. V, c. 8-^11. 



•_ 174 — 

Satz: rnx nmSl 3'?D'3 n^m ^und er (sie?) war in 
Kesib, als sie ihn gebar," LXX. aur/i 6i tjv h X.(x(f^ '). 
Dazu gch5rt ferner Jos. XIV, 15: Nomen Hebron ante 
mcabatur Ctmaih Arbe; Adam macdmus ibi inter Ena- 
dm situs est^ statt „dieser (Arba) war der grosste Mensch 
luiter den Enakim," xiH D^p3J?D blUH D1{<n- Auch 
die Uebersetzung von Neh. IX, 7 : tu ipse^ Domme Deus^ 
qui elegisH Ahram et eduxisti eum de igne Chaldaeorum^ 
statt „aa8 Ur in Chaldfta," DHtO "^Wi beruht auf 
einer rabbinischen Legende^ an die er auch Quaest hebr, 
in Gen, XI, 18 denkt '). Anderswo erklSrt er den Text 
durchaus selbstst&ndig nnd von der jiidischen Tradition 
abweichend. So iibersetzt er die Stelle Gen. 11, 20: 
n:>3D 'nry NVD"Nb Onxbl „und was Adam betrifft, 
er fand keine Hiilfe wie Seinesgleichen,^^ mit Adas vero 
nan invemebatur adiutor similis ems, Ebenso steht Is. 
II, 22: quia excelsus reputatus est ipse ftir HOIi^O 
Nin DK^m wo die jiid. Tradition mit den LXX erkiart: 
„denn wofdr ist er geachtet?" Is. XIV, 11: concidit ca- 
daver tuum for nbSi n'^OHi »d*s Rauschen deiner Har- 
fen;" Is. XLIX, 17: venertmt structores ttd (boncyichX 
ftir pD (banajieh), „deine S6hne." Zu dieser selbst- 
st^ndigen Erklamngsweise gehOrt auch, dass er eine 
messianische Deutung in viele einzelne Stellen hinein- 
gelegt hat, welche sie im Original nicht zulassen; 
so z. B. Is. XI, 10: et erit sepulchrum eius gloriosum 
fur TISD inniD nn^rrj, das sonst allgemeiner verstanden 



1) Kach den jodischen Midrasch heisst Bela ,,Be8chlas8)^ well 
seine Matter keine Kinder mehr gebar; dies ist es, wae Hier. in 
die Stelle liinein gelegt hat 

ft) S. dieselbe bei Eisenmenger, entd. Judenth. I. S. ^1 ft. 



— 175 — 

wird: „un<l seine Ruhestatt wird Herrlichkeit sein;" 
Is. XVI, 1 : Emitte agnum, Domine, dommatorem terrae 
de petra deserti ad montem filiae Sion^ statt: „schicket 
landesherrlichen L9,mmertribut aus Sela wlistenw&rts nach 
dem Berge der Tochter Sion;" Hab. Ill, 18: exultabo 
m Deo Jesu meo^ statt: „ich will jauchzen in meinem 
rettenden Ootte/^ Es fehlt auch nicht an Stellen, dei:ea 
lateinische Fassung offenbar auf einem Fehler im Ver- 
st&adnisse des Testes beruht So steht Gen. XIV, 5.: 
cum eis fOr Dn3? „zu Ham," das Hieronymus Quaest. 
hebr. in Gen. h. I. selbst fBr das Richtige erklM^); 
Gen.^ XXVII, 39.: benedicUo tua^ hebr. *|3t£fl0, „dein 
Aufenthalt," LXX >^ xatctVyj^n's <7ou; Ex. 11, 21.: iuravit 
ergo Moyses, quod habitaret cum eo, hebr. ^NV*!i n^r 
entscUoss sich zu bleiben," LXX xaTM)«'<j9v) ; Deut. XXIX, 
10: exc^tis lignorum caesoribus et his qui comportant 
aquaSy gerade das Gegentheil vom Hebrfiischen , wo es 
heisst: n^D^D DNK^ 1^ *l^VJ^ 3QnO, „auch dein Hote- 
hauer sowohl, als dein Wassertrager.*' In glelche Linie 
mit unrichtigem Verst9.ndniss des HebrSischen l&sst 
sich zum Theil auch die Gewohnheit des hi. Hieronymus 
setzen, die Eigennamen des Textes etymologisch aufzu- 
ISsen und wiederzugeben. So iibersetzt er Gen. II, 8. 
py!l Wi „einen Garten in Eden," LXX izoLp(x$u(jov ev 
'etJefx, mit paradisum voluptatiSj Num. XXXIV, 7, *in 
inrii ,>zum Berge Hor," ad montem altissimum^ und so 
oft; mitunter iSsst sich jedoch hierbei die Absichtlich- 
keit erkennen, wie z. B. 1 E5n. VII, 12. vocavit nomen 



1) Gleichwolil rtlhrt das cum eis der Yulgata von Hieronymus 
selbst her, s. Vercdl varr, Lectt. vtilg. lot, bibh Vol. I. Bomae 
1860 ad h. 7. 



— 176 — 

hd illius Lapis adiutoni, "^TJ^n pj^^ LXX )t«l Udh^ 
zo bvoiia oLUTov 'A(33veSsp, XtSo^ roO (Soy^S'ou. Nicht iinmer 
bleibt er bei dieser Art von Uebertragung consequent; 
so steht Gen* XII, 6. ftir nilD pbx HJ? • w^«w^ »^ ^«^- 
/cm Ultistrem^ Deut. XI, 30. aber ftir niD ^il^N blfX-* 
iiio^a vdllem tendentem et mtrantem proctd, und Richt. 
X, 1. ftirn'lDn n)^3J: colUs excelsi. Auch andereWor- 
ter, als Eigennamen, hat er mitunter ihrem etymologischen 
Werth nach dbertragen: Is. Y, 2. plantamt earn electam 
fiir p^ijf 'jnj^D^l* n^r bepflanzte ihn mit Gutedel," Is. 
IX, 13. incurvantem et refraenantem fur pDJXl HSDi 
„Palme und Binse," Is. XIII, 21 u. s. pihsi fOr DH^i^K^, 
„Waldteufel." 

Grossere Abweichungen von dem Wortlaut des be- 
braischen Textes, als die vorstebend angegebenen, sind 
hauptsS.chlich durch das Bestreben gekommen, mOglichst 
klar und verstandlich zu verden. Der Grundsatz, den 
Hieronymus selbst aufgestellt, non verba m seripturis 
consideranda, sed senstis ^), erscheint an sebr vielen SteUen 
befolgt. Besonders ist darauf Bedacht genommen, dem Satz- 
bau eine gefa^ige Bundung und Yerbindung zu geben, 
wie man sie im gebildeten ' Bom gewohnt war. Aus sol- 
chen Biicksichten umschreibt er oft deii hebr&ischen 
Text, z. B. Gen. XIX, 16.: dissmulante illo fiir nOnDP'^^ 
„er zogerte;" Gen. XXYin, 11.: cumqtce venisset ad 
quemdam locum et vellet in eo requiescere post solis oc- 
ciMtum, tulit de hpidUms^ qtd iacebant, et supponens 
capiti suo domdvit m eodem loco^ fiir „und er erreichte 
einen Ort und iibernachtete daselbst, weil die Sonne 
unterging; da nahm er von den Steinen des Ortes und 



1) Ep. ad Pamm. L p. 315, 



— 177 — 

legte einen zu seinen Hftupten und schlief an sdbigem 
Orte;^^ Gen. XXXI, 39: nee captum a bestia ostendi iHbi^ 
ego damnum onme reddebam; quidquid furto peribat^ a' 
me exigebas^ ftlr: ,,Zerrissenes habe ich dir nicht gebracht, 
ich ersetzte es ; von meiner Hand fordertest du es, mochte 
es bei Tag oder bei Nacht gestoUen sein/^ Gen. XL, 4 : 
aliquantulum temporis fltixeratj et iUi in custodia teneban^ 
tur, ftir: •^Dt!^D3 D*D* Vm, >i^uid sie waren eine Zeit 
lang im Gefangniss.^^ Aehnliche Erlftuterungen sind su/r- 
gens de node fttr ^p33 Gen. XX, 8. u. s., vento wrente 
Ex. XIV, 21. Oder venio calido et urenH Jon. lY, 8. fOr 
Onp m*l » „08twind." Anderswo macht Hieronymus er- 
klftrende Znsfttze, denen im Texte nichts ent8pr|pht, wie 
Gen. XXXI, 32: quod autem furti me arguis; ib. 47: „die* 
sen Stein nannte Laban Jegar Sahadathah, und Jakob 
nannte ihn Galaad, uter^te mocta proprietatem linguae 
€uae;^^ Gen. XL, 22: ut coniectoris Veritas probaretuTj fdr: 
„^e ihnen Joseph gedeutet hatte;^^ Lev. XVI, 3. nisi haec 
antefeceritj statt: HNT!!) „folgendennassen;^^ Jos. Ill, 16: 
quod nunc vocaiur mare mortuum, fiir: n^Dn Q^ ^Salz- 
meer.^^ Richt. VIII, 11: percussit eastra hostium, qui se- 
curi erant et nihil adversi suspicabantur^ fOr: „er fiber- 
fiel das Lager, denn das Lager war ruhig.^^ H&ufig zieht 
er auch den weitschweifigen hebraischen Aosdruck zosam- 
men; so z. B. Gen. XXXV, 13: et recessit ab eo, fOr: 
,,'und Gott erhob sich von ihm an dem Orte, wo er mit 
ihm geredet hatte;^^ Gen. XX;XTX, 19: his audiHs domir 
n^AS et niimum creduhts verbis coniugis iratus est vcdde 
tradiditque Joseph in earcerem^ fOr : „und als der Herr die 
Wort seines Weibes hOrte, welche sie zu ihm gesagt 
hatte, namlich: so und so hat mir dein Knecht gethan, 
da entbrannte sein Zom, un4 es liess Joseph's Herr ihn 

Kaulen, OMchiobU der Vulgata. X2 



— 178 — 

greifen und in's Geffingniss abKefern." Gen. XL, 5: vi- 
deruntque ambo somnium node una iuxta ii/UerpretaUonem 
eongruam sibi^ wo das HebrSische hat: „da tranmten 
beide einen Traum, ein jeder seinen Traum, in Einer Nacht, 
ein jeder nach der Bedeutung seines Traums, der Schenke 
und der Backer des Konigs von Aegypten, die gefangen 
sassen im Gefangnisse;^' Gen. XLI, 28: qui hoc ordine 
cofHplebuntur, fiir: „dies ist das Wort, das ich zum Pha* 
raoh geredet: was Gott thun will, hat er den Pharaoh 
sehen lassen.^^ Ex. XL, 13: Aaron et filios eius indues 
Sanctis vestibus; ut ministrent mihi, et Unctio eorum in 
sacerdotium sempUerwum profidat, fdr das Hebraische : .,be- 
kleide Ahron mit den heiligen Kleidern und salbe ihn, 
dass er mir Priester sei, und seine S5hne lass herantre- 
ten und bekleide sie mit R5cken; dann salbe sie, wie du 
ihren Vater gesalbt, dass sie mir Priester seien, auf dass 
ihnen ihre Salbung sei zu einem ewigen Priesterthume fiir 
ihre Geschlechter.^^ Ein solches Streben nach Glassicitat 
des Ausdrucks hat auch wohl die Begriffe aus der heid'- 
nischen . Mythologie in das Alte Testament gebracht; so 
finden sich sirenes Is. XIII, 22, fauni Jer. L, 39, onocen- 
iauri Is* XXXIY, 14, lamia i6., mulieres plangentes Ado- 
nidem Ez, VIII, 14, Diesw Freiheit und Ungezwungen- 
heit gegenfiber fallt die Dunkelheit einzelner Stellen auf, 
die gar zu wortlich, fast sklavisch aus dem HebrSischen 
abersetzt sind; so Is. XYIII, I: vae terrae et^dlo aU- 
rum; Gen. XLIX, 22: jilius accrescens Joseph^ JUius ac* 
ereseens et decorus a^spectu; JiUae discurrerunt super nm- 
rum u. a. m. Ueberhaupt ist der sonst so glatte und wohl* 
lautende Ausdruck mannigfach mit hebr&ischen Wendungen 
und Bedensarten durchw^bt, wie 1 E5n. in, 6 : et adiecii 
J)onmm rursum vgeare Samudem; 2 £on. XXIV, 1 : addidit 



— 179 ~ 

furor Domini irasci contra Israel; Mich. IV, 6: earn, qmm 
eieceram, coUigam, et quam affikceram (,,da8, wa^^ ich^^); 
2 K6n. XI, 18 : onmia verba proelii („alles in der Scblacbt 
Geschehene") ; Num. XXXII, 11: ^i videbunt homines isH 
terram z= non videbunt ; Is. Y, 9 : nisi domus fnultae de^ 
sertae ftierint:=:profecto des. erunt; Klagl. I, 2: ploraw 
ploramt in noete; Heb. 111,1: Domine^ audivi attditionem 
tuam^). Yermuthlich stammen diese Hebraismen aus der 
Gewobnung an die Itala; indess gibt der bl Lehrer aucb 
Qoch einen andern Grund an, wenn er sagt: omnem ser*- 
monds elegcmtiam et latim eloquii venustatem stridor UcUo-^ 
nis hebraicae sordidavU. — «-»- Quod auiem profecerim ex 
linguae iUius [hebraicae] infaiigabili etudio, oMorum w- 
dicio derelinquo; ego quid in mea anmerim^ sdo'^). 

Begreiflicher Weise treten die" angegebenen Eigenthflm* 
lichkeiten nicht uberall in gleicber Weise zu Tage. Im 
AUgemeinen gesprocben, mftssen die aus dem HebraiscbeB 
iibertragenen g^chicbtlichen Bllcber aU der beste Tbeil 
seiner Uebersetzungsarbeit gelten. v Der Sinn des Originals 
ist in ibnen treu wieder gegeben, ohne dass wed^ die 
urspiiinglicbe Wortform, noch der Genius dei^ Lateiniscben 
um ibr Beeht gekommen warem; 9xd die Abrundnng des 
Satzbaues and auf einen fliessenden Stil iat besonders viel 
Sorgfalt verwendet. Sehr gut ist aucb die Uebersetzung 
des Buches Hiob gerathen; indess bringt es die Fassung 
des Originals mit sich, dass hier weniger Sorgfalt auf die 
Abrundung des Ganzen verwandt ist. Ibr zunacbst steht 
die Uebersetzung der kleinen Propheten, bei der jedoch 



1) Hierttber «. Hagen, sprachl. Eioi. znr Vulg. Freiburg 1869. 
8. 24 ff. 

2) Oomm. in Epist. ad 0dl. L. XO. fratf. T. VIL p. 488^ 

12* 



— 180 — 

schon mehr, als bei den vorhergenannten, das hebrdlsche 
Colorit sichtbar wird. Aehnliches gilt von der Uebersetzung 
der grossen Propheten. Die salomonischen Schriften sind 
trotz rfer geiingen Zeit, welche auf sie verwandt worden, 
dennoch treu und sorgfaltig libertragen; die RfLcksicht 
auf die Itala tritt bei ihnen besonders wenig hervor, da- 
gegen ist auch die Rede weniger gegl&ttet und gefeilt. 
Bei der Uebersetzung des Psalteris riihmt der Verfasser 
selbst deren Anschmiegung an's HebrSische^); dieselbe ist 
natdrlich auf Eosten des Redeflusses herbeigefilhrt worden, 
hat aber die Reinheit des Ausdruckes nicht beeintr&chtigt. 
Am tiefsten stehen unter alien seinen Uebertragungen die 
der deuterokanonischen Biicher Judith und Tobias. Beide 
hat Hieronymus, wie er in der Vorrede zur erstem sagt, 
magis sensum e sensu, quam ex verba verbum transferenSf 
in mdglichst kurzer Zeit^) absolvirt und desshalb sich 
sehr viel an den ihm bekannten Ausdruck der Itala ge- 
halten^). Von diesen beiden Btlchem abgesehen, Iftsst 
sich mit Zuversicht behaupten, dass unter alien alten 
Bibelversionen, die uns erhalten sind, keine der des hi. 
Hieronymus den Rang streitig machen kann; denn es gibt 
keine, bei der sich alle Erfordemisse einer guten Ueber- 
setzung in solchem Maasse, wie bei ihr, vereinigt finden. 



1) Certe confidenter dicam et mtdtos huius opens testes ciiabo, 
me nihil dumtaxat scientem de hehraica veritate mtUasse, Praef, in 
L. Psaim, ad Sophron. T, IX. p. 1155, 

2) Acquievi postuUxtioni vestrae^ immo exactioni, et sepositis 
occuptttionibus, quibus vehementer arctdbar, huic [libra Judith] unam 
lucubraHimculam dedi. Praef. in L. Judith T. X. p, 21, 

8) Ygl. 0. Wolff, das Bach Judith, Leipzig 1861, S. 9 ff. Beasch, 
das Bach Tobias, Freiburg 1667, S. XXXTT ff. 



— 181 — 

Was die SpracMorm der Uebersetzung betrifR;, s6 
ist dieselbe die der gebildeten RSmer aus dem vierten 
Jahrhunderte. Der Ausdruck ist freilich nicht der Idas- 
sische des goldenen Zeitalters , wie er bei Lactanz -"and 
Sulpicius Severus nachgeahmt erscheint; fOr eine solche 
Kunsttibung bot das vielbewegte Leben des Heiligen we- 
der Zeit noch Rube. Gleichwohl zeigt sich ^ieronymus' 
Diction durchgehends edel und gew&hlt, wie bei den 
besten Schriftstellem jener Zeit, und seine Bibelliber- 
setzung ist desswegen von unberechenbarem Einfluss auf 
die christlichen Schriftsteller spaterer Zeiten geblieben. 
Damit ist jedoch nicht ausgeschlossen, dass auch in ihr 
sich der Einfluss des Vulgarlateins geltend macht, dem 
in jener Zeit alle rSmischen Schriftsteller mehr oder 
weniger unterlegen sind. Bei der BibelUbersetzung war 
es ftir Hieronymus um so schwerer, sich yon einer sol- 
chen Einwirkung frei zu erhalten, weil er durch lang- 
jahrige BeschUftigung mit der Itala an deren Ausdrucks- 
weise gewohnt war. Es finden sich daher trotz seiner 
Massischen Bildung in seiner Uebertragung viele Spuren 

des Yolksmassigen Ausdruckes. 

Zaerst mag hier eine Aaswahl auB den dahin gehdrigen W5r- 
tern Platz finden*). 

Abietarius Ex. XXXY, 85, ablactare 1 KOn. I, 28,, acetabulum 
Ex. XXY, 29, adiurare Jos. II, 17, atttuius Lev. XI, 22, baiulus 
2 KOn. XVin, 22, boirus Deut. XXXII, 32, burdo 4 KOn. V, 17, 
caldarium 1 EOn. II, 14, capitellum 8 Eon. YII, 41, cartaUus Deut. 
XXVI, 2, certari 2 K6n. XIX, 9, conscriptio Tob. VII, 16, clusor 
4 KOn. XXIV, 14, collecta Deut. XVI, 8, conditio (SchOpfung) Ezech. 



1) Dieselbe stammt haapts&chlich aus Vercellone, Varr. Lectt. J. 
p. CXIL und II. p. XXVIL Von der Orthographie ist in Obigem 
liicht die Bede, weil darttber da? S. 13(> f. Qesagte gelten muss. 



— 182 — 

XXVni, 16, demnbulaiorHm 8 Kta. TH, 3, deferre (ehreo) Dent. 
XXYIU, 50, deviate Num. XXn, 26, densiiudo Bkht. YII, 12, (^ 
t^o^o^to 3 K5n. Yin, 36, econtra 4 Mn. II, 7, grosaitudo 8 K5n. YII, 
26, ^rosati^, grossior 8 Eon. XII, 10, konorifico Deut XXYII, 16, 
humerulus 8 Edn. YII, 80, tncoZa^us Ezech. XX, 88, indicHo 8 Edn. 
Y, 18, insiringo Ex. XXYIIT, 28, JaftrMW Ex. XXX, 18, Itbum Ley. 
XXm, 18, numquid=:nonne Gen. XYIU, 14, palatha 2 KOn. XYI, 1, 
persentlis Jos. XXIII, 1, pleela 8 E5n. YII, 29, putasne (Fragepart.) 
Job XIY, 14, rememoro 8 Edn. XYII, 18, reprapitio Lev. XIX, 22, 
eanguen [gen. neutr.) Ex. XXX, 10, satum (TroGkeninaaas) Norn. Y, 
15, si (ob) Gen. XLIU, 7, temporaneua Deat. XI, 14, tomatura 
8 Edn. YI, 18, tortula^ Num. XI, 8. 

Yon Wortformen, die der vulg&ren Sprache angehdren, kOnnen 
als Beispiele dienen: clangueris Num. X, 4, eqites :^ equus Ex. XY, 
19, exiet Ex. XXI, 4, lambuerant Richt. YII, 6, odientes 2 EOn. 
XXn, 47, pavos 'znpavofies 8 E6n. X, 22, persequitur pass. 1 E6n. 
XXYI, 20, plexueris Bieht. XYI, 18, rediet Lev. XXY, 10, Hnceriter 
Tob. m, 6, st^eUectili AM. Gen. XLY, 20, uno als DatiT Num. 
XXIX, 14. EigenthOmlich itt ho^ nunc alt Ablatfy Gen. II, 23. 
Yulgftre ConBtrucUonen: adornire Domino Deut XXYI, 10, benedixit 
turn Gen. XXYIII, 1, si defecerint tibi ista Jud. XII, 3, iussisti 
servo tuo 2 Edn. IX, 11, non te nocebunt Num. Y, 19, suade He- 
braeam istam Jud. XII, 10; femer die Yerbindung von in mit dem 
Ablatiy statt mit dem Accusativ: erunt in came una Gen. II, 24, 
ponam te in gentHus Gen. XYII, 6; auch die 8itte, in den Abla- 
tiTUS absolutuB das Subject zu setzen, gehOrt hieilier: elevatis Lot 
oculis vidit Gen. XIU, 10; ebenso der h&uiige Gebrauch yon quod 
quia quoniam bei AnftLbrungSB&tzen : vidit DeuSj quod esset bonum 
Gen. I, 12, scio quia bonus es tu I EOn. XXIX, 9, cognovit David^ 
quoniam eonfirmasset eum Bominus 2 EOn. Y, 12; auch die hftufig 
vorkommende Yerbindung mit eo quod, wie Isaac amahat Esau, eo 
quod de venationibus iUius v'esceretur Gen. XXY, 28, nnd einigo 
andere Besonderheiten '). 



1) Y^. Vereettone U. cttl. Hagen a. a. 0. 8. 38. 



— 18S ~ 

Die neue Uebersetzung fand in der Kirdie eiiie sdbr 
verschiedenartige AufDahme. In dem eugem Kreise, in 
welchem der Einflues des hi. Ldlirers selbst den Ton an- 
gab, erlangte sie, wie nattirlich, begeisterten Beifall. Der 
griechische Presbyt^ Sophronius libersetzte den Fsal* 
ter und die Propheten naeh seiner Uebertragung in's 
Griechisehe, und ein gewisser Lucinius sandte aus An- 
dalusien her Scbreiber zu ihm, die seine Werke, dar* 
unter auch einen grossen Theil seiner BibeltLbersetzung, 
abschreil^en sollten. Ansserhalb dieses Kreises aber wurde 
die Uebersetzung vielfacb mit grossem Misstrauen auf^ 
genonunen. Die Achtong vor dem Hergebrachten und die 
Gewohnung an den fiblichen Ausdruck war so gross, dass 
das Untemehmen des hL Lebrers als eine bedenkliche 
Neuerung angesehen wurde. Obwohl derselbe wiederholt 
seine Achtung vor der Septuaginta in sehr starken Aus* 
drftoken ausgesprochen hatte, so wurde doch die ganze 
Arbeit als eine stillschweigende Kritik und Verwerfung 
dieser Uebersetzung oder der damit identificirten Itala 
angesehen; daher wurden bald nach Herausgabe der zu- 
erst ubersetzten BtLcher mancherlei Stimmen laut, die 
das durch die Apostel geheiligte Ansehen der Septua- 
ginta glaubten hervorkehren zu mILssen. Der entetan- 
denen Unzufnedenheit gab besonders ein frflherer lang- 
jahriger Freund Hieronymus', der Presbyter RufSnus aus 
Aquileja, bittern Ausdruck und verHrtheilte in leidenschaft- 
lich gehaltenen Schriften dessen ganze Uebersetzungsar- 
beit*). Diese Bestrebungen gingen freilich von einer 



1) Biuff. Apoh L. IL e. 31, Quid enim magis audaao, V€l quid 

amplius temerarfutny Ubros istos ipterpretari Origenis an ui 

divinarum Scrifturarum libros, guos ad pleniasimuni fidei instvHr 



— id4 — 

gftnzlichen Yerkennang der Sachlage aus, allein es lEssf 
sich nicht lHugnen, dass Hieronymus gerade seit der Zeit, 
da er den hebrSischen Text tibersetzte, in se^nen Aeus- 
serungen fiber die Septuaginta Anlass zu Missdeutungen 
gegeben batte. Insbesondere erschien seine Behaup- 
tung, die Apostel hfttten die Uebersetzung der Siebenzig 
nor da citirt, wo sie vom Hebraischen nicht abweiche^), 
dorch seine eigene Uebersetzung in solcher Allgemeinheit 
nicht best&tigt^ und dies bestarkte seine Gegner in ihrem 
Widerspruch ^). Es l&sst sich leicht denken, dass solche 
Anfeindungen den klar sehenden und willensreinen Mann 
auf s Empfindlichste verletzen mussten. Sein Unwille war 
um so gerechtfertigter, weil er gleich beim Beginn seiner 
Arbeit gegen die Deutung, welche derselben gegeben 



mentum ecclesiis Chriati ApostoU tradideruntj nova nunc et a Ju" 
daeia tnutcUa interpretaiione mutares? Quid tibi ex his duabus cau' ' 
sis magis videtur tUidtum? Nam Origenia dicta facile contemnuntur. 
lata vero, quae nunc tu interpretaria et per eccleaiaa et monaateria, 
per oppida et caatella tranamittia^ quofnodo auacipiemuay tamquam 
divina^ an tamquam humana? Et qmd facinuaj quod, quae prophe- 
tarum vet legialatorum nominihua Htulantur, veriora haec aba te, 
quam iUa, quae ApoatoU prohaioerwnt, ajfirmawtur? latud commia- 
sum die quomodo emendabiturf aine nefaa quomodo expiabitur? 0pp. 
Bier. T. 11. p, 660. 

1) lb. T. IL p. 529. 

2) (Quomodo ergo iaH, qui praecipiebant diacipuiia ut attenderent 

lectioni, emendataa da et veraa non ddbant lectionea? Quo- 

modo non pervidebant per apiritum, quod futurum eaaet tempua poat 
quadringentoa fere annoa, quando eccleaia, cognito eo quod ab Apo- 
atolia non aibi eaaet tradita veritaa veteria inatrumefUi, legatoa mit- 
terest ad iatoa, quoa iUi tunc dreumciaionem vocabant, obaecrana et 
exorana, ut dbi de peritate, quae apud ipaos eat, aiiquid largiren^ 
tur? Jj. e. p, e&i. 



— 185 — 

wurde, sich ausdrticklich verwahrt hatte*). Was ihn je- 
doch in Harnisch brachte and zu herber Erwiderung ver- 
anlasste, war nicht sowohl die pers5nlich erlittene Kr&n- 
kung, als vielmehr der Schmerz, eine gate Sache an 
einer doppelten Unwissenheit scheitern zu sehen. Dieses 
OefQhl spricht sich bei sSmmtlichen Yorreden zu den spa- 
ter iibersetzten Btichern in sehr energischen Worten aus '). 
Indessen wird man auch zugeben mfissen, dass be! die- 
ser ganzen Frage der U. Hieronymus, als achter Gelehr- 
ter und als weltverachtender Asket, doch eine wichtige. 
Rticksicht yielleicht nicht hoch getiug angeschlagen hat. In 
dem Bewusstsein, die Schwachheit der damaligen lateinischen 
Christen bei seiner Uebersetzung geschont zu haben, woUte 
er an die weitern Aeusserungen dieser Schwachheit sich nicht 
st5ren. Besser, alser, wiisste der milde und welterfahrene 
hi. Augustinus die Nothwendi'gkeit einer solchen Rticksichts- 
nahme zu wUrdigen, und von seinem praktischen Stand- 
punkte aus glaubte auch er dem hi. Hieronymus seine 
Bedenken gegen die neue Uebersetzung nicht zuriickhal- 
ten zu sollen. Schon im Jahre 394^ bei der ersten Nach- 
richt von Hieronymus' Vorhaben, hatte er film geschrie- 
ben, um ihm davon abzurathen, und hatte ihn dringend 
gebeten, lieber die mit so vielem Beifall aufgenommene 



1) Obsecro te^ lector, ne laborem meum repreJhensicnem aesHmes 
agiHquorum. Praef. in libro Sam. et Beg. T. IX. p, 460. 

2) Cogor per eingidoe scripiurcie divinae libros (uhersariotum 
respondere maiedietiej qui interpreUUianem meam reprd^enaianem 
S^tuagitUa interpretum erimitianiur. Praef. in L. Job T. IX. p^ 
10^. Perieulosum opus certe et obtrectatorum meorum latraiibue 
patens, qui me asserunt in SepHtaginta interpretum eugHkUionem 
nova pro veteribus cudere^ ita ingenium - quaei vintm probantee^ 
Praef. in Oen, J, IX. p. 1, 



— 186 — 

Revision der Itala (welche der hi. Augustinus irrig eine 
Uebersetzung nenut) weiter zu ftihren. Ein neuer Gewinn, 
meinte der heilige Bischof, werde aus dem hebraischen 
Texte fiir die Kirche nicht erwachsen, da die Septuaginta 
gewiss den ganzen Inhalt des Alten Testamentes unver- 
ktirzt b5te^). Da dieser Brief nicht an seine Adresse 
kam, so hatte der hi. Augustinus spater Yeranlassung, 
die gestellte Bitte zu wiederholen, und da inzwischen 
schon die meisten Bticher in der neuen Uebersetzung ver- 
5£Fentlicht •worden waren, konnte er urn so mehr die 
praktischen Schwierigkeiten betonen, die daraus er- 
wuchsen. Die meiste Unannehmlichkeit, schrieb er, ent- 
stande daraus, dass jetzt die Abweichungen von dem 
Septuagintatexte gerade denjenigen auffielen, die durchaus 
nicht in der Lage waren, nach Hieronymus' oft wieder- 
holter Aufforderung den hebraischen Text zu vergleichen; 
und selbst diejenigen, welche es thun konnten, bedurften 
ja doch schliesslich wieder den hi. Hieronymus selbst, 
um die Uebersetzung rechtfertigen zu horen. So sei es 
nicht zu verwundem, dass aus dem Gebrauch der neuen 
Uebersetzunf^ in einzelnen Gemeinden schon Misshellig- 
keiten von sehr ernster Natur vorgekommen seien'). 

1) PeHmu9 ergOy et nobiscwn petit omnia africanaivm eeck' 
siarum studiosa societas^ ut ininterpretandiseorumltbris, quigraece 
scriptwraa notiras qwjm optime tractaverunty euram cOque operam 
impendere non graveris, — ^^ De vertendis autem in I4ngui»m la^ 
tinam Sanctis Uteris cananieis Idborare te noltem^ nisi eo modt^ quo 

.4 

Job interpretaius es, ut signis ttdhibUis, quid inter hanc tuam et 
Septuaginta, quorum est gravissima auctoritas^ interpretaHonem du 
sM, appareait. Satis- autem mequeo mirari, si aiiquid adhue in Ad- 
braicis litteris et exempikmhus invemtur, quod tot ititerpretes iUius 
iinguae peritissimos fugerit. Ep, 66. inter 0pp. 8. Hier. T, I, p. SOL 

2) Ego sane te maUem graecas potius eanonicas nohis interprsr 



— 187 — 

Hieronynms erwiderte Ton Neuem, die entstandene 
Polemik gegen die Juden babe es nothig gemacbt, den 
Gbri3ten Gewissheit daruber zu verschaffeo, was diese im 
bebrgischen Texte stehen h&tten, imU e3 werde scbwer- 
licb je an der Gelegenheit fehlen , durcb einen Bprach- 
kundigen Juden oder Christen seine Uebersetzung zu con- 
troliren^). Obwohl diese Entgegnung scbon in gereiztem 
Tone stattfand, wollte Augustinus dennoch die Nothwen- 
digkeit oder auch die praktische Mtzlichkeit der neuen 
Uebertragung nicht zugeben und erklarte dem hi Hiero- 
nymufi mit allem Freimuth, er konne sich des sichern 
Aergernisses wegen nicht entschliessen , dieselbe in den 
Kirchen seines Sprengels vorlesen zu lassen; dagegen bat 
er instandig um die revidirten Texte der Itala, die er 
noch inuner fur eine neue Uebersetzung aus der Septuaginta 
hielt, weil er diese allgemein einzufiihren und damit der 
durch so vieleriei lateinische Texte entstandenen Yerwir- 
rung abzuhelfen dachte'^. Solche praktischen Biicksichten 



tart scripturaSj quae Sepiuaginta interpretum auctoritale perhiben^ 
tur. Ferdurum enim erit^ si tua interpretatio per multas ecclesias 
frequenlius coeperit Uctitari^ quod a graecis ecclesiis latinae ecdesiae 
dissondbunt, maodme quia facile contradictor convincitur, graeco 
prolato lihrOf t. e, linguofi notissimae, Quisquis autem in eo, quod 
ex hebraeo translatum est^ dliquo insolito permotm fuerit, et falsi 
crimen intenderit, aut vix aut nunquam ad hehraea testimonia per* 
vmietuTj qtubus d^endatur obiectum. Quod si etiam perventutn 
fuerit^ tot latinos et graecas auotoritates damnari quis ferat? Hue 
acceditf quia etiam consulti Hebrctei possunt aiiud respanderCj ut tu 
solus necessarius videariSj qui etiam ipsos possis convincere: sed 
taimen quo iudice^ mirum si potueris invenire. Ep, CIV inter 0pp. 
8. Eier. I. p. 636. Ygl. oben S. 148. Note 2. 

1) Ep. CXIL T. L p. 753. 

Z\ Ideo autem desidero interpret<Uionem tuatn de Septuaginia^ 



— 186 -^ 

hielten indess den heiligen Bischof nicht ab, den Werth 
der neuen Uebertragnng anzuerkennen und dieselbe auch 
da, wo kein Aergerniss zu befiirchten war, neben der 
alten Version zu benntzen*); wie er denn tiberhaupt vom 
liebr&ischen Texte spHter eine gflnstigere Meinong fasste, 
ohne seine Ansicht von dem praktischen Werthe der Sep- 
tuaginta aufzugeben. 

Die Beweise dieser Sinnesanderung, die in den sp&- 
tern Schriften des hi. Augustinus niedergelegt sind, er- 
lebte der hi. Hieronymus nicht mehr. Nlichdem er nach 
Yollendung seiner Uebersetzung noch manches Jahr fttr 
die katholische Wahrheit gektopft hatte, schloss er seine 
schriftstellerische Wirksamkeit und sein strenges Leben 
zu Bethlehem im Jahre 420. Die Anfeindungen, w6lchen 
sein Untemehmen ausgesietzt geblieben, waren damals noch 
nicht verstummt, allein sie scheinen ihn in den letzten 
Jahren entweder nicht erreicht oder nicht mehr gekflm- 



ut et tanto UUinorum interpretunf^ qui qualeacumque hoc ausi sunt, 
quantum possumusj imperitia eareamus, et hiy qui me invidere pu- 
tant utilihus laboribus tuis^ tandem aliquando, si fieri potest intel- 
ligantf propterea me nolle tuam ex hehraeo interpretationem in ee- 
desiis legi, ne contra Septuaginta auctoritatem tamquam novi aH* 
quid proferentes magno scanddlo perturbemus plebes Christie quarum 
auree et corda tllam interpretationem audire consueverunt , quae 
etiam ah Apostolis approbai;a est, 

1) Doctr. Christ. IV. 17, Die Stelle gibt die Ansicht des Hei- 
ligen fiber die yerschiedenen Uebersetzungen Tollstandig wieder: 

Non autem secundum LXX interpretes, qui etiam ipsi divino 

spiritu interpretatiy ob hoc cditer videntur nonnuUa dixisse, ut ad 
epiritcAem sensum scrutandum magis (tdmoneretur Uctoris intentiOy 
wnde etiam obscuriore nonnulla, quia magis tropica, sunteorum: sed 
sicut ex hebraeo in hxtinum eloquium presbytero Hieronymo utriusque 
linfmae perito interpretante translata sunt. 



— 189 — 

mert za haben. Er konnte mit dem Bewusstsein ster- 
ben, dass er redlich and willensrein nur der Kirche hatte 
dienen wollen und sich in diesem Bestreben durch keine 
menschliche Rticksicht hatte irre machen lassen. Diese 
Absieht ist die vollkommenste Weihe, welche er seinem 
Uebersetzungswerk verleihen konnte, und sie hat dasselbe 
des Erfolges wiirdig gemacht, welchen es in sp&terer Zeit 
gewinnen sollte. 



VIIL 

Die alte und die nene Uebersetzung. 



Mit dem Tode des hi. Hieronymus endigte der Streit 
fiber die Berechtigung der Version aus dem Hebraischen; 
fiber ihre Verwendung zum liturgischen Gebrauch war 
aber damit noch nichts entschieden. Noch immer bestand 
im ganzen Abendlande die Itala zu Recht, und die Yer- 
Buche, dieselbe mit der Uebersetzung des hi. Hieronymus 
zu vertauschen, scheiterten vorerst noch an dem beharr- 
lichen Widerstande von Seiten des christlichen Volkes. 
Die grossen Manner, welche damals an der Spitze der 
christlichen Welt standen, verzichteten desswegen gem 
auf den Vortheil, welcher aus der grSssem formellen Voll- 
kommenheit der neu entstandenen Uebersetzung erwachsen 
konnte, und* schonten das Gefiihl des Volkes, indem sie 
nach wie vor die Itala zum Gottesdienste verwenden liessen. 

Belehrend ist in dieser Hinsicht das Beispiel des hi. 
Augustinus. Fiir seine Person war er wenigstens in spa- 
tem Jahren von der Zuverlassigkeit und dem Werthe der 
Uebersetzung seines Freundes durchaus (iberzeugt. Er 
machte demzufolge auch in seinen Briefen und in exe- 
getischen Schriften zu wissenschaftlichen Zwecken wieder- 
holt davon Gebrauch. Nie aber konnte er sich ent- 
schliessen, sie in seinen Predigten, d. h. beim 5ffentlichen 



— 191 — 

Gottesdienste, zu verwenden, soiidern hierbei blieb er dem 
Grundsatze getreu, dea er frtiher selbst dem hi. Hiero- 
nymus gegentiber ausgesprochen hatte ^). Zwar hat lange 
Zeit die Meinung bestanden, der hi. Augustinus sei in 
den letzten Jahren vollstandig auf die Ansichten des hi. 
Hieronymus einge^angen und habe dessen Uebersetzung 
auch fQr die christliche Gemeinde in Anwendung ge- 
bracht. Man schloss dies aus dem sogenannten Sitten- 
spiegel des hi. Augustinus, einer Anweisung zum gott- 
seligen Leben, die centonenartig aus blossen Bibelstellen 
zusammengefiigt ist. Bis zum Jahre 1852 war hiervon 
bloss ein Text bekannt, der die Bibelstellen aus der Ue- 
bersetzung Oder der Revision des hi. Hieronymus ent- 
hielt, und so schien allerdings jene Meinung begrundet. 
In dem angegebenen Jahre indessen verSffentlichte Angelo 
Mai aus einer uralten Handscnrift einen andern Text, 
der nach alien Anzeichen das achte und urspriingliche 
Speculum Augustini bildet, und dieser ist durchaus der 
alten, unrevidirten Itala entnommen'). 

Das Ansehen, welches der grosse Bischof besass, 
blieb in diesem Stucke auch fUr die gesammte africa- 
nische Kirche maassgebend. Das ganze funfte und sechste 
Jahrhundert hindurch erhielt sich in ihr die alte Itala, 
und zwar nicht bloss beim kirchlichen Gebrauch, tsondem 
auch im literarischen Verkehr. 

Nicht so constant blieb schon w&hrend dieser beiden 
Jahrhunderte der Gebrauch des Italatextes im tibrigen 
Abendlande. Hier traten schon Mhe praktische RUck- 



1) S. oben S. 187. 

2) N<ma Pairum BibUo&h. Vol. L P. U, p. I-^VIH. 1—117. 
Bomae MDCXJCLIL 



— 192 — 

sichten ein, welche die Uebersetzung des hL Hieronymus 
empfeblenswerther machten, als die Itala, und wie letztere 
bloss um ihrer praktischen Bedeutsamkeit willen war bei- 
behalten worden, so verlor sie nun mit dieser eine Haupt- 
sttltze ihrer Oeltung. Jene Riicksichten aber waren einer- 
seits in der allgemeinern Einfiihrung «des Christenthums 
bei alien SUnden, andererseits in der damit zusammen- 
h&ngenden gr5ssem Lauigkeit der Christen begrttndet. 
Durch die gr5ssere Ausdehnong der Ghristengemeinden 
wurde der enge Zusammenhang, in welchem d^ Laien- 
stand mit dem CHerus gewesen war, allmalig gelockert, 
und das christliche Yolk verlor mehr und mehr das In- 
teresse, mit welchem es den kirchlichen Einrichtungen 
gefolgt war. Schon im Anfang des sechsten Jahrhunderts 
war im christlichen Europa eine solche Begeisterung fiir 
die Eirche und den ki^lichen Gottesdienst , wie ein 
Sturm wegen verHnderter Bibelstellen voraussetzt, nicht 
mehr zu iSbaden. Auf der andem Seite war die rdmische Ur- 
banit&t allmalig im ganzen Abendlande conventionell gewor- 
den ; auch das Ghristenthum, das in alle Stande eingedrungen 
war, hatte sich diese nSmliche Bildungsform zu eigen 
gemacht. Dem GefQhle der Gebildeten fing dah^ die 
Itala mit ihrem altfrSukischen Charakter an zu wider- 
streben, und dies um so mehr, well eine dem herrschen- 
den Geschmacke zusagendere Uebertragung vorhanden war. 
Denn die Version des hi. Hieronymus empfahl sich der 
damaUgen modemen Welt nicht sowohl durch ihre inneren 
Yorztige, denen man weniger Rechnung mehr trug, als 
durch die geschmeidige und klassische Form, wodurch 
sie dem Bildungszustande der sp&tern Jahrhunderte ange- 
piisst erschien. Solche Forderungen eines verSnderten 
Geschmackes m5gen bei einzelnen Bischofen und Priestern 



— 193 — 

der damaligen Zeit immerhin ein Hauptbeweggnmd ge- 
wesen sein, in ihren Eirchen statt der Itala die Ueber- 
setzung des hi. Hieronymus vorzulesen. Bei andem aber 
kamen diese Ansichten ihrer Privatiiberzeugung von dem 
gr5ssern Werthe der hieronymianischen Uebertragung ent- 
gegen and wurden ihnen ein willkommener Anlass, dieser 
beim 5£Fenttichen Vorlesen den Vorzug zu geben. Wahrend 
daher Manche noch immer in strengem Eifer ftir das Alt* 
hergebrachte an der Itala festhielten, fQgten immer Meh- 
rere sich den Wunschen der Zeit, und da die Kirche iiber 
die Wahl keinerlei Verordnung traf, so herrschte bis zum 
Ende des sechsten Jahrhunderts im Gebrauch der lateini- 
schen Bibeln grosse Mannigfaltigkeit. Diese Verschieden- 
heit, einzig durch personliche Ueberzeugungen oder auch 
durch aussere Umstande bedin^t, spiegelt sich in den Schrif- 
ten der lateinischen Vater jener Zeit getreu wieder^). Die- 
jenigen, bei welchen sich die Itala angefiihrt findet, sind 
iolgende : 

1) Die folgenden Nachweise kdnnen auf keine grossere YerUss- 
lichkeit Anspruch machen, aJs der Zustand der gedruckten Texte 
erlaubt. Bei manchen Ausgaben der betr. Scbriften bleibt es frag- 
lich, ob auf die Wiedergabe der Bibelstellen die ndthige kritische 
Sorgfalt verwandt worden ist. Wo letztere nicht bezweifelt werden 
kann, geben die Handschriften maifbben Grund zur Ungewissbeit, 
weil die SteUen aus der Itala von den Abschreibern nicht selten 
nach der sp&tern Yulgata gelbndert worden sind. Endlich erscbwert 
auch die freie Citationsweise der Alten die Entscbeidung. Im Gan- 
zen bieten die beispielsweise angefiihrten Stellen diejenige Sicher- 
heit, welcbe sich be! den betr. Schriftstellem tiberhaupt erreicben 
l&SBt. Bei der AnfQbrong sind der Eiirze wegen von dem Migne- 
fichen Curaus Patrologiae bloss Bandnummor und Seitenzahl ange- 
geben. Die ursprangliche Bchreibung ist auch in diesen Ausgaben 
meist verwischt. 

Kaulen, Qeschichte der Yolgata, \^ 



— 194 — 

Der hi. Paulinus von Nola (354—431) i» mmn 
Briefen'); 

Job. Cassianus (ungefahr 360—433) in seinea bekaim* 
ten Goliationen^) ; 

Marius Mercator (ungefahr 418--450) in seinen Schfif- 
ten gegen die Nestorianer ^) ; 

Fastidins auB Britannien (urn dieselbe Zeit) in sejneiqt 
Buch Yom christlidien Leben *) ; 

Der hi. Petarus Chrysologus (ungefahr 400-^50) in 
seinen Predigten ^) ; 

Valerianus von Cemele (um 440) in seinen Homilien ^) ; 



1) Sprichw. XVllI, 19 : -Frater fratrem adiuvans exaltabitur si- 
cut dvitas magna. Ep, XII!, M. LXI, 207. 

2) Sprichw. XII, 16 : StuUum eadem ipsa hora pronuntiat tram 
suam, occultat autem ignominiam suam astutus. CoU.Patr. XVI, 27, 
Mtgne XLIX, p. 1041. 

S) Is. VI, 6: Missus est ad me unus ex Seraphim et in manu 
hcibeha^ carhonem^ quern forcipe accepit aib aitari, et venit ad me et 
tetigit labia mea et dixit ad me : ecce tetigit hoc labia tua et adimet 
iniquitates tuas et peccata fita repurgabit. Transl. vftrr. opi4SC. 
XLVJII, 1014. 

4) "St^ech. XVin. 21: Ut iniquus si convertat se ab omnibus 
iniqti>itq,tiim suis, quas fecip, §t custodiat mandata meOf et faciat 
iudicium et ii^titiam et misericordiam, vita vivet et non morietur. 
Omnia delicta eius, quaecumque fecit, non erunt in memoriae in iu- 
^titia sua, quam fecit, vivet. L, 386. 

5) Hab. in, 2: Bomine, audivi auditum tuum et tin^ui; consi- 
dertm opera tua et epspavi. Sermo II. Append. LIII, 6^8. hfi N, T. 
befolgt der Heilige den vpp hi UietQnjmm ^mendlFtea Text. 

6) Sprichw. Ill, 11: Fili, ne defieias a disdplina Domini, neque 
fatigeris, cum ab eo increparis. Quern enim diUgit Domiwus, inere- 
pat, flagellat autem omnem fUium, quern recipit Horn. I. M,LII,681. 



— 195 — 

Der jttngere Arnobius (od^ Vigilius? um 460) in der 
Streitschrift iiber die hi. Dreifaltigkeit *) ; 

Der unbekannte VerfasBer des Buches „Prade8tinatus" 
(vermuthlich um dieselbe Zeit) ^) ; 

Der hi. Patricius (f 465) in Irland ^ ; 

Der hi. Maximus (um dieselbe Zeit) in seinen Ho- 
nulien *) ; 

Cerealis in seinem Buch gegen den Arianer Maxi- 
minus *) ; 

Victor Vitensis in der Geschichte der Verfolgung durch 
die Vandalen (geschr. 487) ^) ; 



1) Sprichw. VIII, 27 : Cum parahat coelum, sitnul cum illo eram, 
et cum segregabat sedem suam; quando super ventos fortes faciebat 
in summo nubes, et cum certos ponebat fontes sub coelo, et cum 
fortia faciebat fundamenta terrae; cum. ipso eramcuneta componens, 
ad quam gaudebat in faciem meam, cum laetaretur orbe perfecto. 
Confl. I, 11, M. LIU, 256. 

2) Ez. XXXin, 14: Vivo ego, dicit Dominus, quia cum dixero 
peccatori: morte morieris, et peccator se abstulerit a via sua mala 
et a studiis suis pessimis, vivo ego, dicit Dominus, vita vivet etnon 
morietur in delicto sua, quod fecit. 1 Petr. V, 8 : Vigilate, quia ad- 

jsersarius vester sicut leo rugiens circuit cdiquem vestrum transvo- 
rare festinans. LUI, 632. 643. 

3) Is. XXXII, 4: Linguae balbutientes velociter discent loqui 
pacem. LIII, 803. 

4) Sprichw. V, 3 : Ad tempus quidem impinguans fauces, novis- 
sima amariora sunt felle. Horn. XL. M. LVll, p. 316. 

5) Is. XL VI, 3: JEcce ego mittam manum meam super vos et 
depraedabuntur qui depraedavei*unt vos, et scietis quia Dominus om^ 
nipotens sum, et qui misit me, Dominus omnipotens est. LVIII,760, 

6) Ex. I, 12: Quanto magis eos affligebant, tanto magis muUi- 
plicabantur et invdleacebant nimis. LVUI, 191, 

13* 



— 196 — 

Der hi. Fulgentius von Ruspe (468 — 533), besonders in 
den an Monimus gerichteten Bllchem^); 

Der hi. Laurentius Novariensis (540) in- einigen Ho- 
milien ') ; 

Der hi. Benedict (f 543) in seiner Ordensregel ; 

Facundns in einer Vertheidigung der dreiCapitel (547)^); 

Fulgentins Ferrandus (f um 550) in Briefen *) ; 

Junilius in der Schrift de partibus divmae legis ^) ; 

Gildas der Weise in der Geschichte Britanniens *) ; 

Cassiodorus (470 — 562) u. A. in dem grossen Psalmen- 
commentar, dem das Psalterium Romanum zn Grunde 
liegt ') ; 

1) Soph, ni, 8 ff.: SiMtine me^ dicit Ihminus, in diem resur- 
rectionis meae in testimonium^ gwmiam ittdicium meum in congre- 
gationem gentium erit, ut recipiam reges et effundam super eos iram 
furoris mei, quoniam in igne aemulationis meae cansummabitur omnis 
terra, quia tunc transferam super populqs linguam in progenies 
eius et invocent omnes nomen Domini, ut serviant ei sub iugo una; 
a trans flwmine Aethiopiae suscipiam observances me, qui dispersi 
sunt, adferent hostias mihi in illo die, L. ad Mon. II, 5. M, LXV, 
p. 163. 

2) Sprichw. V, 8: Mel stillat ex labiis meretricis, LXVI, 95, 

8) Job yn, 1: Quia tentatio est super terram (vita humana), 
4 Edn. Xvill, 6 : Et adhaesit Domino nee recessit ab ipso et custo- 
divit mandaJta eius, quaecunque mandavit Moysi, LXVIII, 676. 660, 

4) Sprichw. Till, 14: Meum est consilium et mea tutela, Ep. 
VII, M, LXVU, 931, 

5) Gen. XXXI, 38: Tu autem ibis ad patres tuos cum pace, 
nutritus in senectute bona. Is. VII, 14: Et vocabunt nomen eius 
Emmanuel, 16 : Priusquam sciatpuer cognoscere nudum. LVIII, 36, 37. 

6) Sprichw. XXIV, 24: Qui dicit impium iustum esse, mdUdi- 
ctus erit populis et odibilis gentibus : nam qui arguunt, meliora spe- 
rabunt LXIX, 354. 

7) Zftch. Xn, 10: Videbunt in quern conyninxerunt LXX, 42. 



— 197 — 

Martinas Dumiensis (urn 572) in seinen Optisculis *) ; 

Zuletzt der hi. Columbanus (t 615) in Pastoralbriefen '). 

Bei andern Schriftstellern dieser Zeit zeigt sich ein ge- 
wisses Schwanken, indem sie bald der einen, bald der an- 
dern Uebersetzung folgen. So ftthrt Salvianus von Mar- 
seille (400—481) vorzugsweise die Itala, daneben aber 
nicht selten die Uebersetzung des hi. Hieronymus an^). 
Ebenso verfahrt um die namliche Zeit Eucherius von Lyon, 
der die letztere besonders auch zur Berichtigung der Itala 
verwendet*). Der hi. Avitus von Vienne (460 — 523) ge- 
braucht gewohnlich die Uebersetzung des hi. Hieronymus, 
hier und da aber noch die Itala ^). 

Entschieden der hieronymianischen Version zugethan 
sind, soweit wenigstens die Ausgaben einen Schluss erlau- 
ben, folgende Schriftsteller : 



1) Ps. Ln, 6: Quoniam Deus dissipaf^it ossa hominum sibi 
placeniium, LXXIIy 34, 

2) Jer. XXni, 23: Ego sum Deus proximans et non Deus de 
longe. LXXX, 231. 

3) Ezech. XXyill, 11— 13: Fill hominis^ accipe lainentum super 
principem Tyri et die illii Haec dicit Dominus Deus: Tu consignn- 
tio similiiudinis et corona decoris in deliciis paradisi fuisti : omnem 
lapidem optimum indutus es, sardium et topazium et smaragdum, 
De gubern. Dei VII, 14. LIII, 141. Nach der VulgaU Sprichw. XI, 
22. Jer. XLIV, 22. LEX, 71. 

4) Instr.L.L inPsalmos: j^Mater Sion dicet etc.^^ (Ps.LXXXVI, 
5.): Sciendum est tamen, melius et secundum hebraeum verius did: 
„Numquid Sion dicet etc.*^ X, 791. 

5) So citirt er Ep. XIX. folgendermassen die Stelle Is. 11, 4: 
Judicabit inter plebes multas et redarguet gentes validas usque longe ; 
et concident gladios stws in aratra et lanceas suas in fcUces ; et 
iam non extollet gens super gentem gladium, et iam non stdbunt 
beUigerare. LIX, 236. 



— 198 — 

Der hi. Vincentius von Lerina (imgefahr 400 — 450) im 
Commonitorium *); 

Eaustus von Biez in seiner Schrift liber den freien 
WiUen ^) ; 

Prosper von Aquitanien (c. 400 — 450) ^) ; 

Salonius (um dieselbe Zeit) in seinen Erklarungen der 
Sprichworter und des Predigers *) ; 

Johannes Diaconus (496) in Briefen^); 

Der hi. Faustinus in einer Homilie^); 

Jnlianus Pomerius in einer Schrift vom beschaulichen 
Leben ; 

Der Diakon Paschasius in seinen Btichem vom hi. 
Geist«); 

Der hi. Ennodius (473 — ^521) in Briefen und kleinem 
Schriften ') ; 

Eleutherius in Predigten *®) ; 

Justus von Urgel (540) in einer Erklarung des Hohen 
Liedes ") ; 

Der hi. Casarius von Aries (470--542) in seinen Pre- 
digten und Briefen*^); 

Der hi. Germanus von Paris (f 576) in einer Auslegung 
der gallikanischen Liturgie*^); 



1) Deut Xni, 1. L, 650. 2) Ez. XXIV, 12. LVHI, 812. 

3) Job XIX, 25. Lib. contra Coll. LI, 256. 

4) Job. 26, 5. LIU, 982. 

6) Job XXVn, 2—4. LIX, 402. 6) Jon. Ill, 4. LIX, 409. 

7) Ezech. XXXIV, 1 ff. LIX, 436. 

8) Is. XLIV, 24. LXn, 12. 

9) Is. LI, 7. LXm, 195. 

10) Is. IX, 7. LXV, 92. 

11) Der Commentar folgt der spatern Uebersetzung. LXVIL 

12) Job XL, 16. LXVII, 1126. 13) ^um. VI, 23. LXXH, 94. 



-.- 199 — ^ 

Licttd^UB von Carthago (584) in zWei Briefen ^). 

Yon den Condlieti ati& dem nSndichen Zeitraume' eitirt 
das von (Grange (529) noeh nach der Itala^), die Synoden 
von Tours (567) nnd von Sevilto aber (590) berafen sich auf 
die neue Uebel*8etzung ^). 

BesoQB^^e Aafmerksamkeit verdienen die liturgiscben 
f ormnlare, welche aus dem gedachten Zeitabschnitt vorhanden 
sind. Im Allgemeinen Iftsst sich bei ihnen die Beobachtmig 
machen, dass die Lesesttlcke, welche die Gemeinde ziuneist 
angingen^ aus der hieronymiaiiisehen Uebersetzung stam* 
ixsm^ wUirend die vom Gleras zu verriditenden Gebete, 6o- 
wie die vom Chor vo^^zutragenden Gesangsttlcke auf dem 
herkommlichen ftltern Texte fiissen. Did merkwiirdigste 
ZusammensteHung von beiderlei Texten findet sich in der 
mozarabischen Liturgie. In dem dazu gehdrigei^ Messbuch^^ 
das der Hauptsac^e naeh aus dem sec^sten Jahritundert 
staimnt, tHhren s&mmtlicbe Lectionen, Episteln und Evan* 
giBllen vom hi. ICeronymus her; die Intrbitus, Sequenzen 
und Offertorien aber sind noch aus der Itala, nnd zwar die 
Psalm^texte noeh aus dem Psalterium ^u$^). Ael&ilich 



1) Gen. Il, 7. LXXH, 693. 

2) Is; liXT, 1: Iftt>entm stm a noH qua^reniidus ine; paianh 
apparfd hiSy qui fne noii infetfogahawt, LXVII^ p. 1145. 

3) JSddpy I. c. p, 401. 

4) S. die Migne'sche Ausg., Patrol, LXXXV, die ein (nicht ganz 
cdnfteeter) VViedel'tbbdraek der Antrgabe von Lorenzanft (Toledb 1500) 
ist. Als Beifipiel dietie Cfrad. in quinto Dominico de esdventu D^ 
mini: Ut inhabitet gloria in terra nostra: misericordia et Veritas 
occurrerunt tfiM: juifieid ^ pax com^leaietvmi; 84. Veritas de terra 
drta est. Et- jt^ticia de eelo proBpexit: etenim Dominus ddbit be- 
nedietionem : et terra nostra dabitfrUctum suum. (Ps. LXX^IV, 12.) 
Offertorium (sacrifittnin) ib.: Apa^hit t'M Di^tiWAs ^ in chart- 



♦ - 200 _ 

ist es im mozarabischen Brevier, dessen heutige Gestalt 
dem hi. Isidoms zugeschrieben wird ^). In demselben nimmt 
das Psalterium mlt einem Anhange von 76 biblischen cantir 
eis eine besondere Stelle ein. Ersteres ist das Psalterium 
vetus, me fiberhaupt im mozarabischen Ritas die Emen- 
dationen des hi. Hieronymus zu den Psahnen nicht Platz 
gegriffen haben. Die gedachten canUca dagegen sind auf- 
fallender Weise dem spatem Texte des Alten, wie des 
Neuen Testamentes entaommen. Yennuthlich ist ihre Zu- 
sammenstellnng zu bequemerem Gebrauch erst spater ge- 
schehen, als nor noch Exemplare der hieronymianischen 
Bibel im Umlauf waren; denn die, namlichen cantiea sind 
da, wo sie den OfGicien an der zugehoiigen Stelle eingei^iht 
stehen, meist nach dem Texte der Itala gegeben. Was sonst 
noch biblischen Ursprungs im Brevier ist, stammt ebenfaUs 
aus der Itala. Die gallikanische liturgie, von deren bib- 
lischen Bestandtheilen uns nur Handschriften aus dem 7. 
nnd 8. Jahrhunderte vorliegen, zeigt die sp&tere Ueber- 
setzung, jedoch in einer Gestalt, w^lche auf den gleich- 
zeitigen Gebrauch der altem schliessen lasst^). Der 
ambrosianische Ritus hat das, was aus den Psahnen 
stammt, nach dem Psalterium romanum^ die Lesestucke 
vom hi. Hieronymus, alles Andere aus der Itak, Ueber 
die romische Liturgie lasst sich nicht so genau Auf^ 
schluss geben, weil die Lectionarien der fraglichen Zeit 



tote perpetua dilexit te virgo Israhel. Dominus Deus tuus cidduxit 
te ad misericordiam et miseratianem: adhuc edifiedbtria et edificalns 
(Jer. XXXIj 3, p, 136. 137.)- 

1) Ausg. Ton J40ren2ana, (Toledo 1502) bei Migne LXXXYL 

2) MabiOon^ de Liturgia GaiUcana LL. IIL Lut, Paris, 1785. 
Sacramentarium Gaflicanum, ed. Muraiari, (Museum Itdl. T. I, 
p, 273.) beide Werke abgedr. bei Migne, TiXXIT, 



— 201 — 

yerloren gegangen sind^) und die einzig mis erhaltenen 
Sacramentaxieii keine biblischen Bestandtheile haben. Nur 
die alteste Urkunde, das sogenannte Sacramentarium Leo- 
nianum, das aas dem Ende des fiinften Jahrhunderts stammt, 
hat Bibelstellen nach der Itala angewandt ^). 

Bei den Pabsten, die w3.hrend des fiinften und 
sechsten Jahrhunderts regierten, zeigt sich im Ge- 
branch der Bibeldbersetzung eine grosse Mannigfaltigkeit. 
Leo der Grosse (440 — 461) brancht zwar die Uebersetzung 
des hi. Hieronymus, eben so oft jedoch bedient er 
sich der Itala ^). Auch der hi. Hilarus (461 — 468) ci- 
tirt, wie ^ es scheint, nach der erstem *), Felix III. aber 
(483—492) ^) und Gelasius L (492—496) *) nach der letztem. 
Anastasius II. (496 — 497) fiihrt das Alte Testament nach 
der Itala, das Neue nach der Revision des h]. Hieronymus 
an'^); Symmachus dagegen (498 — 514) gebraucht bloss die 



1) Der sogen. Comes oder Lectionarius Bomantis mag immerhin 
vom hi. Hieronymas herruhren, stammt aber in seiner jetzigen Ge- 
stait auB spaterer Ueberarbeitung. 

2) Muratorim de Eebus Liiurgids bei Migne LXXIY. Bei- 
spielBweise heisst Is. YII, 14: Ecce enim virgp in utero concepit; 
Job. Xn, 24: Nisi granum tritici cadens in terrain etc.; 2 Thess. 
Ill, 6: Separate vos ab omnifratre inoi'dinate ambulante; 1 Tim. UI, 1 : 
^iscopatum qui desiderat, bonum opics coneupiscit. 

3) Gen. XLIX, 10.: Non deficiet princeps ex Jttda, et dux de 
femoribus eiuSy donee veniat cm reposita sunt Sermo 35, LIV, 250, 

4) Lev. XXI, 13: Sacerdos virginem uxorem accipiat, non vi- 
duam, non repudiatam. Thiel, Epistt, Bom, Pontiff, Bmmbergae 
1867. p. 168, 

5) Gen. IV, 7: Si recte offer as et recte non dividaSy peccasti, 
Thiel I c. p, 269. 

6) Jon. ni, 4: Triduum^ et Ninive subvertetur, Thiel l,c,p,306, 

7) 1 K6n. XVI, 7: Quia homo videt in facie^ Deua autem videt 



— 202 — 

I 

alte Uebersetzung/), und auch von Hormisdas (514 — 823) 
ist dies das Wahrscheinlichere '). Die Itala braucb^n tee- 
net Bonifacius 11. (530—532) ^), Johannes 11. (533—535) *) 
und Agapetus I. (535—536)*), Vigilius (540—555) dtirt 
eine Stelle des Bucbes Exodus naeh dem hi. Hieronymus % 
Pelagius I. aber (5d5 — 560) fuhrt noch einmal eine Stelle 
aus den Sprichw5rtem nach der Itala an ^). Die folgeikleii 
Papste Johannes in. (560— 573)«), Benedict I. (574—578)') 
und Pelagius 11. (578 — 590) *°) halten sich einzig an die 
Meronymianische Uebertragung. 

Aus diesen Angaben lasst sidi folgern, dass die r(^ 
mische Eirche wahrend des ftinften und sechsten JahrhiUi* 
derts beide Uebersetzungen, die alte, wie die neue, neben 
einander gebrauchte. Filr einen solchen Gebraueh gibt es 
aus dem Anfang des siebenten Jahrhunderts ein bestitiamtes 



in corde, Rdm. XIY, 13: Hoc iudicate magis, ne pancUia effendieur 
him frairi vel seandalum^ Thiel I. c. p, 617. 

1) Ezech. XVIir, 20: Non percipient JUii pixrentvm peecdta, ne' 
que parentes fiUorum suorum, Rom. XII, 19: Mifn vindictaM, ei 
ego retribuam. Thiel L c. p. 664, 711. 

2) Ps. CXXYI, 1 : Nisi Dominus ciestoch'erit eivitatem, in vanum 
vigilanty qui custodiunt earn. Thiel I. c. p, 878. 

3) Sprichw. XIX, 14.: Praeparatur volmUae a Domino LXV, 33. 

4) Sprichw. VIII, 16 : Et potentes scribunt iitetitiam. LXVI, 11. 

5) Sprichw. XXI, 13: Qui obturat aurem suam, ut nori audiat 
tnfirmumj et ipse invoccibit Dominum, et non erit, qui exaudiet eunt. 
LXVIj 46. 

6) Ex. XXIV, 14. LXIX, 59. 

7) Sprichw. XVIII, 3: Impius, cum venerit in profundatm mth- 
lorum, contemnit LXIX, 413. 

8) Gen. XXXI, 38. LXXH, 16. 

9) Gen. n, 24. LXXII, 683. 
10) Job XLI, 26. LXXn, 740. 



— 203 — 

Zeugniss, das aber selbst schon den Anfang einer neuen 
Praxis bezeichnet. Der hi. Gregor der Grosse erklart in der 
Vorrede zu seiner Anslegung des Buches Job, er wolle, ob- 
schon er dem lateinischen Texte des hi. Hieronymus folge, 
doch auch die alte Uebersetzung beachten, weil beide in 
der r()mischen Kirche, deren Vorsteher er sei, in Anwen- 
dung kamen *), Man sieht aus diesen Worten, dass er per- 
sonlich der neuen Uebersetzung des hi. Hieronymus den 
Vorzug gibt, wahrend die B-iicksicht auf einen Theil seiner 
Heerde ihn veranlasste, auch die Itala bei seinen Gitationen 
in Betracht zu ziehen. Im Verlauf seiner Schrift macht er 
aus seiner Ueberzeugung auch kein Hehl, indem er bei ver- 
schiedenartiger Uebertragung die des hi. Hieronymus fur 
die richtigere erklart *) ; in seinen iibrigen Werken voUends 
halt er sich an diese letztere ohne weitere Bemerkung. 

Das Beispiel des grossen Pabstes scheint flir die abend" 
landische Kirche von durchgreifender Wirkung gewesen zu 
sein, und die neue Uebersetzung gelangte nach und nach 
zu allgemeinpr Aufnahme. Den ersten Beweis davon liefert 
der Bischof Leander von Sevilla, dem der hi. Gregor eben 
jenes Werk iiber Job gewidmet hatte. Wie dieser bei 



1) Novam vera tramlationem edissero; sed cum comprcbationis 
causa exigit, nunc novam, nuno veterem per testimoma assumo; ut 
quia sedes apo9toliea, cut Deo auctore praesideo, utraque utiiur, 
mei quoque labor studii ex titraque fulciatur, Praef. in Mor, Migne 
LXXV, 516. 

2) Mor, Expos, in Job L. XX. c. 32. Longe ah hac sententia 
vetus trdnslatio dissonat, quia quod in hac de Deo dicitur, hoc in 
ilia de adversariis ac persecutoribus memoratur. Sed tamen quia 
ha£c nova translatio ex hebraeo nobis arabicoque eloquio ctmcta 
verius transfudisse perJubePur, credendum est quidquid in ea dicitur. 
Migne LXXVI, 174. 



— 204 — 

Erklarung der Psalmen sich an die vom hi. Hieronymus 
revidirte Itala gehalten hat *), so citirt er in seinen erhaltenen 
Schriften bloss nach der neuen Uebersetzung *). Wenige 
Jahre nach seinem Tode war wenigstens in Spanien die Itala 
bereits durch die neue Uebersetzung in den Hintergrand 
gedrangt; denn sein Bruder, der hi. Isidorus, der von 591 
bis 636 auf dem bischdflichen Stuhle von Sevilla sein Nach- 
folger war, gibt nicht bloss pers5nlich der Uebersetzung des 
hi. Hieronymus den Vorzug'), sondem ffihrt dieselbe auch 
als diejenige an, deren alle Kirchen insgemein sich bedien- 
ten*). Hierunter k5nnen zunachst nur diejenigen Eirchen 
verstanden werden, die im Gesichtskreise des hi. Bischofes 
lagen, also die spanischen. Aus diesen sind fttr die nachste 
Zeit auch bestimmte Belege filr jene Angabe vorhanden; 
so citiren ausser dem Concilium von Sevilla 619 auch die 
von Toledo 633, 636, 653, 656 und 675 nach der neuen 
Uebersetzung ^). Auch der hi. Ddefons von Toledo, der um 
das Jahr 655 schrieb, bedient sich nur der Uebersetzung 
aus dem Hebraischen ^). Einzig der Bischof Julian von 

1) Dies bezeugt sein Bruder Isidorus von ihm, laid, de viris 
illustr. XLI, 58, Migne LXXXIU, 1104. 

2) Ecch U, 4 /. Beg. LXXII, 875. 

3) Presbf^er qmque Hieronymus, irium Ungtiarum peritm, ex 
hebraeo in IcUinum eloquium scripturas convertit eloquenterque trans- 
fudit, cuius interpretatio merito ceteris antefertur. Nam est et ver- 
horum tenacior et perspicuitate sententiae clarior atque, utpote a 
ckristiano interpreter verior, Etym. VI, 4^ Migne LXXXLL^ 236. 

4) Cuius [Hieronymi] editione genercditer omnes ecclesiae usque- 
quaque utuntur, pro eo quod veracior sit in sententiis. et clarior in 
verbis. De ecclesiast. off. I, 12^ 8. Migne LXXXIII^ 748. 

6) Migne LXXXTV, 593. 363. 389. 411. 439. 451. 
6) S. lUephonsi s. Alphonsi de illib. virg. s. gen. Dei Mariae 
Liber unus, c. IV. passim. Migne XCVI, 68. 



— 205 — 

Toledo, der um das Jahr 670 lebte und schrieb, gibt in 
streitigen Punkten den Zeitangaben der Septuaginta den 
Vorzug *), obwohl er beim Citiren der Uebersetzung des 
hi. Hieronymus folgt^). In den tibrigen LSndern Europa's 
machte die Anerkennung der neuen Uebersetzung ^.hnliche 
Fortschritte. In Rom scheint sie zu den Zeiten des Pab- 
stes Martin I. (649 — 655) schon in allgemeinerem Gebrauche 
gewesen zu sein, da in den Aeten des Lateranconcils (649) 
nach ihr die hi. Schrift angeffthrt wird^). In England be- 
diente sich ihrer um 630 der Bischof Eucherius, der iiber- 
all in seinen Schriften als ihr Vertheidiger und Lobredner 
auftritt *). Zur Zeit Beda's des Ehrwlirdigen, welcher" den 
Anfang des achten Jahrhunderts bezeichnet, war die Itala 
aus dem kirchlichen Leben bereits verschwunden und wurde 
nur noch als literarisches Hilfsmittel neben der jtingem 
Version citirt^). 



1) Ergo ilia nobis et sola pro his annis est observanda aucto- 
ritas Sepiiioginta interpretum, quae merito omnibtcs editionibus et 
translationibus antefertur^ quam etiam usque omnes doctores ecclesior 
stici tenuerunt et in hac praecipue annorum supputatione secuti sunt, 
De comprob. aet. sextae III, 16. Migne XCVI, 577. 

2) Es findet sich jedoch auch Is. XXYI, 10. nacli der Itala ci- 
tirt: Tollatur impius, ne videat maiestatem Dei . Progn.TII,8. Migne 
XCVI, 501. 

3) Harduin III, 687 sq. Einzelne Citate nach der Itala finden 
sich jedoch aucli hier, z. B. Is. XXI, 12: Quaerens quaere, et apud 
me habita. p. 815. 

4) Seine Commentare (bei Migne T.L. mit den Schriften des 
hi. Eucherius yon Lyon abgedruckt) schliessen sich nicht bloss an 
die Uebersetzung des hi. Hieronymus an, sondern beruhen auch 
groBBtentheils auf dessen exegetischen Arbeiten. 

6) Beda Yen. Comm, inHexam. L. I: Pro eoautem quod nostra 



^ 206 ^ 

Auf den wiSBenschaftlichen Gebrauch blieb von da an 
die Itala audi grosstentheils beschrankt. In denjenigen 
TheUeo der Liturgie jedoch, die beim Gottesdienste ge- 
sungen (nicht bloss recitirt oder gelesen) wurden, blieb es 
so, wie scbon oben gelegentlich der einzeluen liturgischen 
Bilcher erwahnt worden.ist, und die herkOmmliche Form 
der Itala ist daraus bis auf d^ heutigen Tag uoch nicht 
verdrangt. Das Psalterium des hi. Hieronymus hat nie 
einen andern, als literarischen Werth gehabt. Fiir den 
Ghordienst blieb das gallikanische Psalterium iiberall, wo 
es einmal eingeftihrt worden, in unangetastetem Gebrauch; 
dass es aber nicht in alle Kirchen Eingang gefunden hatte, 
ist bereits erwSihut. Yermuthlich hat zu diesem Saehver- 
halt die Schwierigkeit, welche durch Anpassung neuer Worte 
zu den vorhandenen Gesangweisen entstanden ware, das 
Meiste beigetragen. Dass das Fsalterium romanum im 
romischeu Messbuche Aufnahme erhielt, ist theils durch 
seine geringe Verschiedenheit vom Fsalterium vetm, theils 
durch die reformatorische, auch auf den Gesang gerichtete 
Thatigkeit des Pabstes Damasus zu erklaren. So erscheinen 
auch hier wieder bei der Wahl der biblischen Form allent- 
halben praktische, keine principiellen Riicksichten als maass- 
gebend. 

Somit war das gegenseitige Verhaltniss der beiden Ue- 
bersetzungen YoUstandig umgekehrt. Wahrend Anfangs die 
Uebertragung aus dem Hebraischen vornehmlich zu wissen- 
schaftlicher Exegese, die Itala aber zur Erbauung verwendet 
wurde, dieute seit dem achten Jahrhunderte die letztere 
nur * noch zur Vergleichung bei cxegetischen und dogma- 



editio, guae de^ebraica veritate translata est, habet ,,a principio,^^ 
in anUqua tranelcUione positum est y,ad orientem^^, XCI, 43. 



~ 207 — 

'tiachen ErOrterungen, j^e aber zum kirchlichen und h&us- 
Ueben Gebrauch. Diese Aenderung prUgte sich auch in den 
far beide Uebersetzungen gebrauchlichen Bezeichnung^ 
flus. Die altere hatte nattirlich bloss ausserhalb der hes- 
perischen Halbinsel den Namen der ,,italischen^^ gefiihrt; 
sonst hiess sie „die alte", „die herkommliche", „die ge- 
brauchlicbe", „die unserige". Nachdem sie vom hi. Hie- 
rojaymus durchgesehen war, wurde sie unter dem Namen 

• der revidirten (emendata) aufgefiihrt. Diejenigen, welche 
zuerst ihr die des hi. Hieronymus entgegensetzten, fuhrten 
letztere unter dem Namen „die verbesserte" (emendatior) 
an^). Bei Eucherius von Lyon erscheint diese .unter 
dem Namen der „kurzli«h entstandenen" (recens)'^); Gen- 
nadius aber, oder wer sonst das Leben des hi. Hieronymus 
geschrieben hat, nennt sie kiihn die richtige (vera editio) ^). 
Bei Gregor dem Grossen heisst sie die neue (nova) im 
Gegensatz zu der alten (vetus) Itala*), und diese Bezeich- 
nung blieb seitdem fiir den Gebrau/;h der Kirche maass- 
gebend. Zwar Julianus von Toledo fiihrt noch die Itala 
unter dem Namen „unsere Texte" ^) an und nennt im Ge- 
gensatz zu ihr die Uebertragung des hi. Hieronymus die 
„hebraische" (hebraica translate) % dagegen heisst diese 
schon bei Eucherius dem Angeln „unsere Uebersetzung" ^), 



1) Cass, Coll XXUI, 8. Migne XLIX, 1259, 

2) Quaest. in V. T. s.Instr, ad Sdkmium L. /. M, L^ 775, 

3) Vita S. Hier, ante ej. 0pp. XXII, 182, 

4) S. oben S. 203. Anm. 1. 

6) Nostri codices, praef, de comprdb, aet, sextan XCVI, 539, 

6) L, c. ^ 

7) Comm, in Libr. Beg,: Pro Ana et Ava vettts editio quasi 
unius urbis nomen Anaetava posuit, et quidem in hehraeo ita scri- 
ptum est, Verwn quia syllaba u, quae in medio nominis posita est, 



— 208 — 

der gegeniiber die Itala nur noch als ,,eiiie andere'^ C<>I^>)i 
„eine alte" (vetus) Uebertragung erscheint ')• Beda endlich 
bedient sich der hieronymianischen Uebersetzung einzig 
unter der Bezeichnung „die unserige^^ ^), nennt dagegen die 
Itala „die veraltete" (antiqua, prisca^ vetmta) 0- Ein so 
voUstandiger Umschwung der Ansichten ist gewiss auffal- 
lend, und man hat desswegen geglaubt, die geschehene Ver- 
anderung einer bestimmten gesetzlichen Verordnung zu* 
schreiben zu miissen. Diese Meinung, die zuletzt Vercel- 
lone Yorgetragen hat, soil gewohnlich durch zwei Stellen 
mittelalterlicher Schriftsteller gesttttzt werden *). Die erste 
der betr. Angaben ist aus dem 12. Jahrhundert. Urn 
das Jahr 1120 namlich schreibt Hugo von St. Victor, die 
Kirche Christi babe im ganzen Abendland den Beschluss 
gefasst, es solle vor alien anderen Uebersetzungen einzig 
die des hi. Hieronymus gelesen und als offieielle Ueber- 
tragung angesehen werden*). Die andere Stelle ist ein 



conjunctionem apud eos significat^ potest etiam ita distingui, ut di" 
catur Ante et Gave, ut Aquila transtulit, sive Ana et Ava, ut noster 
vertit inter pres, L, 1191. 

1) Vgl. Agoh, Lugd. de Fidei Ver, c, V: ^,Qui aufert sttUas 
pluviae**, et sicut alia translatio dicit, ,,tnnumerabiles iUi stiUici' 
dia'% MLigne T. CIV. p. 270, 

2) S. oben S. 205. Anm. 5. 

3) Comm, in Gen, XI, 31,: TuUt Hague Thare etc, Vetus 
translatio habet, quia eduxit eos de regione Chaldaeorum, quod 
nullam omnino quaestionem hdbet. Quod vero iuxta hehraicam veri- 
totem dicitur etc, XCI, 134, In antiqua tratislatione sagt auch 
Claudius Taurinensis CIV, 820. 

4) Dissert, Accad, p, 41, 

5) Octavo loco Hieronymus accessit non iam de hehraeo in grae- 
cum sicut priores, sed de hehraeo in latinum transferens sermonem, 
CuitM translatio, quia hebraicae veritati cancordare magis probata 



— 209 — 

Jahrhimdert jtlnger. Roger Baco n&mlich schreibt in 
seinem Optis maius fiber die damals 8chon allgemein 
gebrd.nchliche Uebersetzung des hi. Hieronymas, die r5- 
mische Eirche babe sie von Anfang an adoptirt und 
ihre Verbreitung durch alle Kirchen befohlen^). Aus 
diesen beiden Stellen nun mit Yercellone zu folgern, es 
sei der Oebrauch der neuen Uebersetzung durch ein Con- 
cilium angeordnet, ist doch zu gewagt. Denn angenommen 
auch, dass beide Yerfasser mit den gebrauchten Aus- 
drficken wirklich den Erlasa eines Gesetzes bezeichnen 
wollen, so scheiqen sie dabei doch nicht auf positive 
Nachrichten gefusst, sondem vielmehr aus dem spatem 
Thatbestand den Inhalt ihrer Aussagen erschlossen zu 
haben. Eine fSrmliche Einffihrung der hieronymianischen 
Uebersetzung wfirde der ganzen firiiher in der Kirche 
bestandenen Praxis widersprochen haben ; denn in keinem 
Mhern Jahrhunderte w^ auf die Form der hi. Schriften 
so yiel Werth gelegt worden, dass die ^irche desswegen 
eine Verordnung getroffen hUtte. Seitdem aber war noch 
nichts in der Eirche geschehen, das etwa so, me im 
sechszehnten Jahrhundert, gendthigt hS.tte, von der frohe- 
ren Praxis abzugehen. Dass auch factisch zu den Zeiten 
der beiden genannten Schriftsteller der lateinische Bibel- 



eat, idcirco Ecdesia Christi per universam latinitatem prae ceteris 
omnibus tranalatianibus, quas vitiosa tnterpreiatio sive prima de he- 
brcieo in graecum sive secunda de graeco in latinum fcicta corrupe- 
raU, hanc solam legendam et in auctoritate hdbendam constituit De 
scriptura et scriptorihus sacris c. q, M, CLXXV, 17. 

1) Omnes anUquwBibliae, quae iacent inmonasteriis, quae nan 
sunt adhuc glossatae nee tactae, hdbent veritatem translationis, quam 
'Sacroaancta a principio recepit romana Ecdesia et idssit per omnes 
Ecclesias divulgari. Op, mc^. ed, Jebb, Land. 1733, p, 49. 

KauUn, Getchichte der Yvlgfttft. \^ 



— 210 — 

text noch nicht Object der kirclilichen Gesetxgebiuig ge- 
iresen ist, beweisen ihre eigenen Bemflhongen and Unter* 
weisttDgea zur Emendation dieses Testes, me 6ie in den 
betreffenden Werken vorliegen. Im Gegensatze zu der an- 
gegebenen Meinnng erseheint demnach als die richtigere 
Ansicht, dass nur allmfilig die nene Uebwsetzung die 
SteUe der alten in der Kirehe einnahm ^% und dass hier- 
zu das Beispiel des rOmischen Pabstes den meisten An* 
stoss gab. Dabei muss auch noch berfteksichtigt war- 
den, dass seit dem Auftreten Gregor's, voa dem jener 
Anstoss ansging, bis zu Beda, unter dem die neue Ueber- 
setzung eingebiirgert war, ein voiles Jahrhundert verfloss, 
und dass der allmfilige Umschi^ning der Meinongen w&b- 
rend desselben geschichtlich verfolgt werden kann. 

Ausserdem aber liefert die Beschaffenheit der latei- 
nischen Bibel im siebenten Jahrhunderte selbst durcb 
zwei Thatsachen den Beweis, dass die^ alte Itala nur aof 
dem Wege der Idrchlichen Praxis, nicht auf dem Wege 
der Gesetzgebung durch den Text des hi. Hieronymtis 
verdr&ngt worden ist. Die erste dieser Thatsachen 1st 
das schon wiederholt angefiihrte SachverhSltniss in den 
Liturgien. Wenn hier in den wesentlichem Bestandtheilen 
die Itala sich fortwahrend erhalten hat, so Iftsst sich 
daraus schliessen, dass die. Kirehe nicht den Willen 
hatte, durch ihre Auctorit&t die eine Uebersetzung an die 
Stelle der andern zu bringen, sondem dass sie hierbei 
dem Ermesseii der einzelnen Vorsteher freie Wahl liess. 
Die Einfiihrung der neuen Uebersetzung fur die Lectionen, 
welche 4em Yolke vorgelesen werden mussten, ist auch 



1) Nai. Alex. Hist Ecd. saec, IV. dissert. S9. art. 4. Ed. Bing. 
T. Vm. p. 195. 



— 211 — 

nur MS MdEsicht aaf den herrschenden Gescbmadk bel 
den einzelnen Eirchen allm&lig erfolgt. Eine andereThat- 
sache, welche das Namliche beweist, liefert die Textes- 
beBchaffenheit der hieronymianischen Bibein, welche ans 
jener Zeit librig sind. Bei Vervielfaltigung der henea 
Uebersetzimg konnten die Abschreiber, welche meist an 
die alte ihf Gedtehtniss geWdhnt batten, sich oft nicht 
vollfitandig yon deren Ausdriicken losmachen und schiie- 
ben unaufinerksamer Weise aus dem Eopfe Manches an- 
d^rs, als es der hi. Hieronylnua tib^rsetzt hatte^}. Dies 
findet.sich schon beim Neuen Testamente, das der hi. 
HieronymuB bloss revidirt hatte; auch in diesen emen- 
dirten Text nahmen die Abachreiber mahchBrlei anf, das 
noch aus der alten verwilderten Form der Itala her- 
stammte. Da indess der hi. Hieronymus, wie angegeben, 
selbst noch Yieles der Art hatte stehen lassen, so ist 
es fichwer zu sagen, was in den neutestamentlichen Hand* 
schriften des siebenten und achten Jahrhunderts ihm 
selbst, Und was den Abschreibem ahziirechnen ist. Deut- 
licher aber ist es bei den aJttestamentlichen Biichem, 
dass die Abschreiber bei Wiedergebung des hieronymia- 
nischen Textes durch die Erinnerung an die Itala beein^ 
flusst worden sind. Dies aUes ware noch bloss ein Zeichen, 
dass sie nicht mit Sorgfalt zu Werke gingen/ oder dass 
man auf die genaue buchst&bliche Form desi Bibeltextes 
keinen Werth legte. Es gibt aber aus der aiigegebenen 
Zeit auch Handschriften des Keuen Testamentes, in deneh 
der alte Italatext mit dem von Hieronymus revidirten 
Texte stellenweise abwechselt. Ebenso ist aus dem ach- 



1) Daher ist es heute ail Tielen SieUeii des A. T. sehr BC&wer, 
den &chten Text des hi. Hieronymus kritisch za ermitteln. 

14* 



— 212 — 

ten Jahrhundert ein alttestamentlicher Codex erhalt(Bn, 
dessen Schreiber die Uebersetzung des hi. Hieronymus 
nicht bloss viel£ach mit den Lesarten der Itala versetzt, 
sondem anch erst ganze Verse, nachher ganze Abschnitte 
aus der Itala an Stelle des andem Textes eingeschoben 
hat^). Dieses sonderbare Verfahren ist schwerlich bloss 
nach dem GedHchtniss erfolgt; offenbar hat dem Schrei- 
ber ein Exemplar der Itala vorgelegen. Ebenso zeigt sich 
seit dem^achten Jahrhundert bei den Abschreibem eine 
grosse Sorgfalt, nichts von dem verloren gehen zu lassen, 
was die Itala nach dem griechischen T^t mehr, als die 
andere Uebersetzung enthielt. Die betr. Zusatze, deren 
besonders viele in den geschichtlichen Biichem des Alten 
Testamentes sich finden, wurden erst an den Band ge- 
schrieben, sehr bald aber in den Text aufgenommen^). 
Hierbei liefen auch Qoch Missverstandnisse unter, so dass 
nicht selten zweierlei Uebersetzungen der nSmlichen Stelle, 



1) Ueber diese interesBante Entdeckong s. den Aofsatz von 
Vercellone in den AnnL Juris. Pontif, 1859. p, 1695, wiederholt in 
dessen Dissert. Accad, p. 16 ff. 

2) Solcher Zus&tze finden sich schon in den beiden ersten 
Bttchem der EOnige in Handschriften and alten Ausgaben neunond- 
sechszig, Yon denen dreissig in die hentige Ya]gata anfgenommen 
Bind. Vere. h c. p. VUI sq. In einer Handschrift des 9. Jahrhun- 
derts heisst 1 K5n. XIV, 41. folgendermassen: Et dixit Saui ad 

Dominwn Deum Israel: Q^id est quod non respandes servo 

tt«o hodie? Si in me aut in Jonathan JUio meo iniquitas est, da 
ostensionem; aut si ita est in populo tuo iniquitas, da satuititoitem. 
Damine Deus Israel, da indicium. In hoc loco vide ne quid prae- 
termissum sit. Et deprehensus est Jonathan et Saul. Populus autem 
exivit foras. Hier steht die Bemerkong des Abschreibers mitten 
jm Text^ um seine Nacbfolger aufmerksam zu machen. S. VerceH 
F. L. II, p. XVL 



— 213 — 

eine nach dem HebrSischen, die andere hach dem Grie- 
chischen, mit einander vereinigt sind^). Aehnlich yerhSlt 
es sich mit einer spanischen Handschrift des neunten 
Jahrhunderts, welche die UebersetzuDg des hi. Hierony- 
mus Yollstfindig enthUt. Auf ihrem Bande stehen zahl- 
lose Stellen und Abschnitte aus der Itala, anscheinend 
gleichzeitig mit dem Texte selbst niedergeschrieben; ein 
BeweiSf dass man sich noch damals in Spanien nut 
schwer von der alten Uebersetzung losmachen konnte'). 
Noch kann als weitere Thatsache angefohrt werden, dass 
die Uebersetzungen in die Landessprachen, welche im 
zehnten bis zw51ften Jahrhonderte von den biblischen 
Biichern angefertigt wurden, zum grossen Theil auf der 
Sltem Textesgestaltung beruhen^). Es ist dies vielleicht 
daher zu erklSxen, dass solche Uebertragungen gew^hn- 
lich interlinear angefertigt wurden, und dass man dazu 
die Sltem schon abgenutzten Codices wahlte; jedenfalls 
aber ergibt sich daraus, dass die Itala noch im 6e< 



1) So stelit noch heute 2 K5n. 1, 18. die Stelle : Et ait : Canaidera 
Israel pro his, qui mortui sunt super excelsa tua vulnerati. Dies ist 
die alte Uebersetznng der n&mliclien Worte, welche sogleich nach dem 
Hebrdischen tlbersetzt folgen : Inclyti, Israel, super montes tuas tn- 
terfecti sunt. 

2) Der betr. Codex gehort (oder gehdrte frdher) der Domkirche 
zu Leon. Nach der Unterschrift ist er 890 geschrieben; dock 
scheint dieseAngabe fehlerhaft zu sein und darch ein frtUieres Da^ 
tnm ersetzt werden zu mttssen, Vercell. Varr. Lectt, I, p. XCY. Die 
AuBzage aus der Itala s. ebend. Bd. 11. 

8) So ist die Psalmeniibersetzang Notker's aus dem Psalterium 
Bomanum angefertigt, s. Hattemer, Denkmale des Mittelalters, Bd. 
n, St. Gallen 1846. Die angelsftchsische Version beruht auf dem 
alten Italatezt, s. Home, Introd. 11, 2^ p, 78, ^ 



— 214 — 

brauch war, und dass der hieronymianischen tJebersetzting 
kein kirchliches Gebot zur Seite stand. Alle diese ein- 
zelnen Thatsachen zeigen am besten, dass ftir die Ver* 
breitimg des aeuen lateinischen Textes mcht die kirchliche 
GesetagebuBg, soBdem allmilige Gewdhntmg entscheidend 
vgewesen ist^). 

Bine solche QewdhiHing beruhte einzig auf dem An- 
$0lien, welches der hi. Hieronymos durch das Beispiri 
der spStem Lehrer im Abendlande gewonnen hatte. 
Yom achten bis in's dreizehnte Jahrhundert hinein er- 
sdieiat die christliche Welt in Europa mit ihren An- 
Bichten tiber Text und Uebersetzungen der hi. Schrift 
TOiUstandig yom hL Hieronymus abhSngig. Zwar warden 
lor die praktische Schrifterkl&rang, die darnels allgemein 
fibtich war, auefa die Schriften anderer Eirchenlehrer, 
zumal des hi. Augustinus, benutzt; wo aber entweder 
prmqipiell Oder fiactisch tiber Textesfragen zu entscheiden 
war, warden die Ansickten des hi. Hieronymus, und zwar 
meist mit seinen eigenen Worten, wiedergegeben. Was 
alles demnach von den kirchlichen Schriftstellem der 
angegebenen Zeit, z. B. von Alcuin, von Rhabanus Mau- 
irus, von Remigius Antissiodorensis, von Marianne Scotus 
in (Ueser Hinsicht geHussert wird, ist nieht al3 iBrgeb* 
niss von Untersuchungen, die dariiber in der Kir che ge-' 
pflogen worden warea, oder von prindpieller Ueberzeugung 
aufzufassen. Vielmehr Mlden alle solefae Aeusserungen 
einen Reflex aus den Anschauungen des einen hi. Hiero- 
nymus und bekunden den grossen Einfluss, welchen das 



. 1) Bierefif^iana ver^ia ptietwdkim uBu ipso et twaHa doetofwn, 
dff^arcjMiQttc ^epit 0»ee in preiia, hoc tteetimatiane aemm sine 
sensu crescente. Bonfrhre^ i¥a<i in «• scr* H 1&. 



-- 215 — 

Beispiel solcher Lehrer, wie Gifegor, isldor, Beda in 
dieser Zeit austibte. Auf denselben Grund sind attch die 
vielen Erlauterungen zurtickzufiihren, welche in den exe- 
getischen Werken dieser Zeit aus dem hebraischen Texte 
hergeleitet werden. Der Ausdruck m hehraeo oder m 
hehnma veritate heisst nichts Anderes, als „in der Ueber- 
setzung des hi. Hieroaymus ;^^ die Eenntniss des He- 
braischen selbst war in diesen Jahrhund^en im Abend- 
lande anf sehr wenige Christen beschr&nkt. Die AbhSngigkeit 
vom hi. Hicronymus geht sogar so weit, dass im neunten 
und zehnten Jahrhundert noch die Septuaginta als vulgata 
Oder als nostra editio citirt wird*). Wenn demnach 
Hugo von St Victor als Grund von der allgemeinen 
Aufjoahme der neuen Uebersetzung den angibt, dass man 
sich von deren treu^ Uebereinstimmung mit dem He- 

bi&iselien uberzeugt habe^X ^^ ^^^^ d^ ^^ ^ ^^' 
klfouHgsv^rsuch , nkht als Mittheihing einer Tbatsache 
gelten. 

Eine Folge der vollzogenen MeinungsSnderung war, 
dass der Italatext seit dem achten Jahrhundert nicht 
mehr abgeschrieben wurde. Die vorhandenen Exemplare 
fanden immer weniger Beachtung und gingen verloren 
Oder wurdep rescribirt. Daher ist von den umulhligen 
AbsdiriftM dieser Uebersetzung keine voUstandig auf m& 
gekommea, und von dem alten Text der Biteher, welehe 
auch der hi. Hieronymus tibersetzt hat, sind ausser d^n^ 
Psalterium nadi dreihundertj&hrigeiii Suehen nur d^rftige 
Reste gefunden worden'). 



1) da Jdo Vimn, Gkron. Misfne T, CXXIU^ p. 99, 

%} 8. ob. S. 20a Aam. 5. 

S) VewUcme Bi98$rt. Acetul. p. 26, 



— 216 — 

Da die vordtehend besprochene Periode die ftlteste and wich- 
tigste ist, auB der uns eine Kenntniss des Yulgatatextes darch 
uninittelbare Anschauung mOglich ist, so folgen hier anhangsweise 
einige Angaben tlber die aus jener Zeit noch Torfindlichen Hand- 
Bcbriften der hieronymianischen Uebersetzung. 

Im Allgemeinen gleichen diese Manuscripte alien tlbrigen skus 
BO hobem Alterthum erbaltenen. Im 7. oder 8. Jahrh. erscheint die 
Minnskel; der Text ist theils fortlanfend, theils sticbometriBcli ge- 
scbrieben. Dem Inbalt nach mUssen zweierlei Elassen nnterschie- 
den werden, woven die eine Handschriften mit dem fortlaofenden 
Bibeltexte, die andere Lectionarien mit den biblischen Ferikopen 
umfasBt. In Bezug auf den Text lasst sich scbon in dieser Zeit 
bemerken, dass nach den einzelnen L&ndem. in denen die Hand- 
Bcbriften entstanden, sich bestimmte Becensionen oder Familien 
yon Handschriften herausgebildet haben. Die Lectionarien behan- 
deln den biblischen Text, wie leicht denkbar, mit grosserer Freiheit 
uhd Bind dabei ton den Abscfareibern mitiinter arg misshandelt 

' Aus ^ der ersCen Elasse ist das 'dlteste erhaltene Manuscript 
ohne Zweifel ein Palimpsest, der aus dem Eloster Bobbio stammt 
und jetzt zum Theil in der vatikanischen, zum Theil in der wolfen- 
btlttelBchen Bibliothek ruht. Unter dem Texte von Isidors lAhtis 
etymologiarum stehen hier u. A. StUcke aas dem Buche der Bichter, 
Buth und Job (ausser den oben S. 129 erwahnten, Ton Enittel 
herausgegebenen Fragmm. des Bdmerbriefes) ; diese sind um das 
Jahr 500 niedergeschrieben. Bemerkenswerth ist, dass mit dem 
hier enthaltenen Texte die officielle clementinische Ansgabe fast 
ganz tibereinstimmt. Ueber die Handschrift vgl. Tischendorf, Anec- 
dota sacra et profana, p. 153 sq. Vercellone, Diss, Accad. p, 1 s., 
Varr. LecU. JI, p, XIX. 

Eine TollBtli.ndigc Bibelhandschrift ist der Codex Amiatinits, der 
aus dem aufgehobenen Cisterzienserkloster Mont' Amiata stammt 
und jetzt der ehemaligen grossherzoglichen Bibliothek in Florenz 
eiuTerleibt ist. Nach der gew5hnllchen Angabe ist derselbe im 
Jahre541 geschrieben; in letzter Zeit ist dieses hohe Alter inZwei- 
fel gezogen worden, doch fehlt fttr die Einsprache noch die Best&ti- 
gung. Eine alte Legende will, dass der CodiBX yon der eigenen Hand 



— . 217 — 

GiregorB des Grossen herrUhre. Wichtig ist der Eanon, der dem 
Texte Yoraufgeht, insofern er die Anordnong aller ftltern Hand- 
Bcliriften wiedergibt: In hoc codice continentur Veteris et Novi Testa- 
menti Uhfi numero LXXJ, GeneHa. Exodus, Leviticus. Numeri. 
Deuteronomium, Josue. Judicum. Buth, Samuhel, Malachim. 
Pardlypomenon, Liber PscUmorum. Froverbia, Ecclesiastes. Can^ 
tica Canticorum. Liber Sapientiae. Ecclesiasticum, EscUas, Hie- 
remias, Hieeechiel, Dawiheh Osee, Joheh Amos, Abdias, Jonas, 
Michas: Nautn. Habacuc, Soffonias, Aggeus, Zacharias. Ma' 
Idchias, Job. TJiobias, Judith. Hester. Ezras. Mdchabeorum libri 
duo, Evangelium secundum Matheum, secundum Marcum, secundum 
Lucam, secundum Johannem, Actus apostolorum. EpisMae Pa/uUi 
apostoli ad Bomanos I, ad Corintheos H, ad Gdlatas I, ad Ephe- 
s^os I, ad Philippenses I, ad Colos^nses I, ad ThessdUmicenses 11, 
dd Timothewm II, ad Titum I, ad PhUimon I, ad Hebreos I. Epist. 
Jacdbi J, Petri II, Johannis III, Judae I, . ApocaHypsis Johan. 
Amen. Das Bncli Baruch fehlt, wie in alien alien Handschriften ; der 
Psalter ist nach der Uebersetzung des hi. Hieronymus. Der Text ist 
in Majnskeln stichometrisch gesclirieben ohne Interpnnction ; den ein- 
zelnen Bdchern geben prologi, pfaefaiiones, argumenta and breves 
Torauf. Die Schreibong der W5rter ist sehr willkflrlicb, und der 
Einflass der Yulg&rsprache in jeder Hinsicht bedeutend. Aus die- 
ser Handschrift hat Tischendorf das Nene Testament herausgegeben. 
(Codex Amiatinus. Novum Testamentum interprete Hieronymo. 
Ed. repet. Lipsiae 1854). N&heres tlber den Codex s. in den Pro- 
legomenen zn dieser Ausgabe, sowie bei Bandini, Dissert. sutV an- 
tichissima biblia creduta dei tempi di 8, GregoHo PP. Vinegia 1786. 
VerceU. Varr. Lectt. I, p. LXXXIU. 

Bloss das Neae Testament enth&lt der Codex Fuldensis, der 
auf Gebeiss des Bischofs Victor von Capua 545 geschrieben, sp&ter 
TOm bl. BonifaciuB gebrancht und glossirt und seitdem auf der Bi- 
bliothek zn Fulda Terwahrt worden ist. Die Handschrift enth&lt in 
Majuskeln zuerst das Evangelium, d. h. den Text aller vier Evan- 
gelisten haxinonisch in einander geschoben, dann die paulinischen 
Briefe, hieranf die Apostelgeschichte, die kaiholischen Briefe.und 
die Apokalypse,'AIles mit fthnlichehZuthaten, wie der Codex Amia- 



— 218 — 

Units, Yennathlicli war das Bach znm Yorlesen in der Kireke be- 
Btimmt nnd hat desswegen aach eia Yerceiehniss der kirehlichen 
Ferikopen. Dem entsprechend ist der Text in eine Menge kleioer 
Abschnitte getheilt, nnd diese Bind in A]{|{i&t2en, wie bei imserer 
Yerseintheilung geschrieben. Die Eechtschreibong ist sehr Yernach* 
l&BBigt; die Spnren der Yulgarsprache Bind h&ofig. Die gance 
Handschrift iBt von Ranke mit diplomatiacher Treue herausgege- 
ben worden. (Codex Fuldensis. Marhurgi et Lipsiae 1868.) 

Eine Handschrift aus dem aiebenten Jahrhnndert ist zu Mai* 
land aof der Ambrosiana (Codex mediolanus) ; sie enth&lt den gr&sBten 
Theil der vier EOnigBbacher. Eine andere Handschrift des 7. Jahr- 
hundertSi ebenfalls die Bttchw derEdnige enthahend, ist der Codex 
veronen»i8 ; nber beide s. VerceU. Varr. Lectt, II, p. XX, 

Aus dem Ende des siebenten oder dem Anfang deB aehten 
Jahrhunderts stammen zwei Handschriften, welche den gesammten 
Bibeltext enthalten; die eine befindct sich in der Dombibliothek zn 
Toledo, die andere im Kloster der Trinitarier zu Cava bei Salerno. 
Die erstere ist in M^uskeln mit dem Psalter des Hieronymus nnd 
ohne das Buch Baruch geschrieben ; die letztere, in Minnskelachrift, 
hat alle deuterokanonischen Stdcke ohne Ansnahme. NAlieres bei 
VerceU. Varr. Lectt. I, p. LXXXIV. LXXXVIIL 

Der Codex Ottobcnianua^ auB dem Kachlass des Cardinals Otto- 
boni Btammend, jetzt in der Yatikana, enth&lt den sogenanntea 
Oktatench aus dem aehten Jahrhnnderte ; der Text des hl.Hier<my- 
mns ist fOr l&ngere nnd kOrzere Stellen mit. dem der Itala Tor- 
touscht VerceU. I c. p. LXXXVL 18Z 307. S. oh. S* 212. 

Die Domkirche zu Leon besitzt einen lateiniBohen Bibelcodex 
aus dem neunten Jahrhnndert, der mit gothlschen But^taben ge' 
schrieben ist and aof dam BaAde die alte Ueberoetzning von sehr 
▼ielen Stellen trl^t, s. ob. S. 213. Vercen. I. c. p. XCIU. 

Aach der Edlner Domschiatz ^ihiUtt lunter den in Folge des 
letzten Krieges wiedecgewonnenen Manaseripien hoehst irecChtolle 
HandachEifteB der Yolgaila, welche der Sage nach bis is'& aiebente 
Jjihrhandert hinaufreidiett. Sidier ist daranter eine Handsdatifit 
der Evangelien aus dem aehten Jahrkmidert S. die aktenmftssige 
Denkfichrift; „da8 Schidonl der im Jaihra 1794 Hher ieii JUiafa gs* 



— 219 — 

flftchieten Werthgege&st&nde des Gainer Domes, msbes. die Zara6k- 
fohmng der Ma&uscriptenbibliothek, G6ln und Neus 1868^'. Ge- 
nannt wird aach ein prachtroller Psalmencodex, in welchem das 
Psalterium des hL Hieronymns mit dem PscUterium romanum and 
dem PaaUerium gaUicanum in parallelen Golamnen znaammen ge- 
4Ette11t ist. Weitere Nachrichten stelien zn erwarten. 

AvB der sweiten Elasse der oben genannten Handschriften sind 
Tor AUem Bmchstttcke eines nraUen LecdonarinmB za nennen, 
das in Wolfenb&Uel nnter der Schrift eines im siebenten Jabrbonr 
deri rescribirten Codex entdeckt worden ist. Nach der Scbrift yer« 
setzt Tiscbendorf dasselbe in's fOnfte Jabrhundert. Aucb bier ist 
der Text des bl. Hieronymns auf eigenihtlmlicbe Weise mit Aus- 
drtlcken und Stelien der Itala versetzt. S. Tiachendorf, Aneedota 
B0era et profana p, X64 sq, 

Zwei Leetionanen der gallikaniscben Kirche sind aus dem sie- 
benten Oder acbten Jabrhundert voriianden; das eine ist in dem 
ebemaligen Eloster Luxeuil, dajs andere in Bobbio aufgefunden wor- 
den. Yon jenem hat Mabillon die eigentbilmlicben Leaarten aebst 
einzelnen Textstttcken in seinem Werke de Liiurgia QalUeana 
berausgegeben ; das andere ist yoUst&ndig edirt Ton Muratori im 
Museum Italicum. Beide zusammen s. bei Migne LXXIL 

Uralt ist aucb der Text der Lesesttlcke in der mozarabiadien 
Litorgie, obgleich derselbe nur inneuernHandscbriftenundDrucken 
bekannt ist. 

Die folgenden Proben geben ein Bild von der Besdiaffenbeit des 
damaligen Testes, sowievon der Art und Weise, wie dieYulgata da* 
mals in der Kirche yerwendet wurde; da derAbdruek genau nach 
den aagegebenen Quellen geschehen ist, so dienen sie auch zurBe- 
stittgung Ton dem oben Seite 132 ff. Gesagten. 

a. Lection. Guelpherb. (Tischepdorf L c.) 

(Is. XL, 26 s^q, p« 168.) LevcUe in epcceUo oculos vestros et 
videte eum qui educit in numero milia hominum et omnes ex nomine 
voeaV quofe dices iacab et loqueris isrl ab&condita est via mea a 
dno' et a do meo iudicium meum transibit' numquid nescis aut non 



— 220 — 

auldiati^ ds sempitemus dns gut creaint terminos terrae non defieiet 
neque laborahit' nee est investigatio sapienttae eiur qui dot lassie 
virtutem et his qui non sunt fortitudinem et rubur multipUcat' dC' 
ficient pueri et laborabuntr et iuvenes in infirmitate cctdent* qui au- 
tern sperant in dnm mutdbunt fortitudinem adsument pinnae sicut 
aquilae' current et non laborcibunt amhulabttnt et non deficient ta- 
ceant ad me insulae et gentes mutent fortitudinem' adcedant et tunc 
loquantur simul ad iudicium propinquemus'^ et vos servi mei quae 
elegi ne timeatis quia vdbiscum ego sum et ne deelinetis quia ego 
ds vester confortavi vos et auxiliatus sum vesiri et suscepi vos de 
terra* ecce conjundentur et erubescent omnes qui pugnant advereum 
vosr et erunt quasi non sunt et peribunt viri qui contradicunt vohis* 
quaerites eos et non invenietis viros rebellantes vobis' erunt quasi 
non sint' et velut consumptio homines beUantes adversum vos* quia 
ego dns ds adprae?iendens manum vestram* posui vos qucui plau- 
strum tritMrans novum hahens rostra serrantia* vos ergo ne timeatis 
neque paveatis quia ego custodivi vos, 

(1 Tim. m, 1—5. 2 Tim. H, 15. 1 Tim. IV, 13—15. V, 22. IV, 
16. 3, 13. p. 166) ait dns ds. Fidelis sermo et omni acceptione 
dignus' quia si quis episcopatum desiderat bonum opus desiderat- 
Oportit ergo episcopum inreprehenstbUcm esser unius uxoris virunC 
castwnr vigilantem" sobrium pudicum prudentem omatum hospitalem' 
doctorem* non vinolentum* non percussorem* sed modestum* non li- 
tigiosum' non superbum non copidum* non avarum' suae domui bene 
propositum' fUios habentem stibditos' cum omni castitate' Si quis 
autem domui suae praeesse nescit* quomodo eclesiae di dUigentiam 
habebit* tu autem soUicite cura te ipsum probabilem exhibere do 
operarium inconfusibilem recte tractantem verbum veritatis* adtende 
Uctioni exhortationi adque doctrinae' noli nedegere gratiam quae 
in te est quae ddbitur per prophetiam cum inpositione manuum- 
haec medetare' in his^esto ut profectus tuos manifestus sit omnibus' 
manus cito nemini inposueris neque communicaveris peccatis oAienis' 
adtende tibi et doctrinae insta in iUis' hocenim faciens et te ipsum 
sdlvum fades et qui te audiunt. Si enim bene ministraveris* bonum 
gradum adquires' et multam fiduciam in fide quae est in xpo ihu 
dno nostro. 



— 221 — 



b. Codex Bobbiensis paliinpsestus (Tischendorf 1. c.) 

Fol. CCLXXXII (Richt. IV, 16—22. p. 162.) 



Vorderseite 

Necionem caderet 
Btsara autem fugiens perve 

nit ad tentorium icihel 

tixoris aber dnaei 
erdft enim pax inter iabin 

regem aso^ et damum 

aber cinaei 
egressa igitur iahel in occur 

sum aisarae dixit ad eum 
intra ad me domine mi intra 
qui ingressus tdbemaculum 

eius et opertua ah ea pallio 

dixit ad cam 
da mihi obsecro pauluJum 

aquae quia valde sitio 
quae aperuit utrem lactis 

et dedit ei bibere et operuit 



Eehrseite 
Sta a/nte ostium tabemacuU 
et quum venerit aliquis inter 

rogana te et dicena 
numquid hie eat cdiquia 
reapondebia niUlua eat 
tulit itaque iahel uxor aher 

clavum tdbemacuU 
aaaumena pariter maUeum 
et egreaaa abaconae et cum 

ailentio poauit aupra tern 

pus capitia eiua clavum 
percuaaumque mdlleo defixit 

in cerebrum uaque ad terram 
qui aoporem morti aociana 

defecit et mortuua eat 
et ecce baraac peraequena 

aiaaram veniebat 



iUum dixitque aiaara ad eam egreaaaque iahel in occuraum 

c. Codex Fuldensis. (ed. Ranke.) 

(Evang, cap. CVI, p. 96,) Et cum egreaaua eaaet in uiam 
procurrena quidam genu flexu ante eum' rogabat eum 

Magiater bone' quid boni faciam ut habeam uitam aetemam' qui 
dixit ei' quid me interrogaa de bono' nemo bonua' niai unua deus. 
Si autem uia ad uitam ingredi' aerua mandator dixit iUi' quae* the- 
atta autem dixit' non occidea' non adulterdbia- nan furtum faciea* 
non fdUium teatimonium dicea' honora patrem tuum et matrem' et 
dUigia proximum tuum aicut te ipaum' Dicit iUi aduleacena* Omnia 
haec cuatodiui a iuuentute mea quid adhuc mihi deeat' 

Jheaua autem intuitua eum dUexit eum et dixit iUi unum tibi deeap 
ai uia perfectua eaae* uade uende quae habea et da pauperibua et 
habebia theaaurum in caeloet ueni aequere me 



— 222 — 

Cum audisset auttm adulescem uerbum abiit tristis' Erat etdm 
diues ucUde' et mtdtas possessiones haSens- et circum inspiciens the- 
8US- ait discipulis sttis' quam difficile qui peeuni4H8 hdbent in regnum 
dei introibunt' amen dico vohia* quia dities diffi^Ue mtrabit in regno 
caelorum* Et iterum dico vohisr facilius est camdum per foramen 
acu8 transire' quam diuitem intrare in regno caelorum* auditis au* 
tern his discipuli mirabaniur ucUde dicenies 

Quis ergo poterit scduus esse' aspiciens autem ihesus dixit iUis' 
apud homines hoc inpossibile est' apud deum autem omnia possibUia 
sunt etc. (Mark. X, 17. 18. 24. 21. Matth. XIX, 16—26. Luk. 
XVm, 23.) 

d. Missale Mozarabicum (ed. Lorenzana.) 

In sexto dominico de adventu Domini. 

Lectio libri Esaye prophete, Hec didt Dominus' Letdbitur de- 
serta et invia' et exuttabit solitudo* et florebit quasi lilium' Germi- 
nans germindbit' et extUtdbit letabunda et laudans* Gloria Libani 
data est ei' decor Carmeli et Sarow Ipsi videbunt gloriam Domini' 
et decorem Dei nostrr Confortate manus dissolutm' et genua debUia 
roborate' Dicite pusUlanimes confortamini* ei nolite timerer Ecce 
Deus noster ultionem adducet retributionis' Deus ipse veniet et sal- 
vdbit nos. Tunc operientur oculi cecorunv et aures surdorum pate- 
bunt. Tunc scUiet sicut cervus claudus' et aperta erit lingua muto- 
ruwQyda scisse sunt in deserto ague' et torrentes in solitudinc Et 
que erat arida in stagnum- et sitiens in fontes aquarum' In cubUi- 
bus in quibus prints dracones habitabant' orietur viror caHami et 
iunci' et erit ibi semita* et i?«a sancta voeabitur Non transibit pt/r 
earn poUutus* et hec erit vobis directa via' ita et stulti non errent 
per earn. Non erit ibi leo' et mala bestia non ascendet per earn* 
nee invenietur ibi' Et ambulcibunt qui liberati fuerint et redempti a 
Domino' Convertentur et venient' et lauddbunt Dominum in. 8ion 
cum laude' et leticia sempitema erit super caput eorum' Gaudiwn 
et leticiam obtinebunP et fugiet dolor et gemitus (p. 18.) 



— 223 — 
e. Lectionarium Gallicanum Luxoviense (ed. Mabillon.) 

Lectio Danihel prophetae' Anno octdbo decimo Ncibuchodo- 
nozor rex fecit statuam etc, (Lilcke im Codex.) Benedicite imher et 

ros Dominum' Benedicite omnea spiritua Dominum' Benedicite ignis 

• 

et color Dominum* hymnum dicite* Benedicite nodes et dies Domi- 
num- Benedicite tenehrae et lumen Domino* Benedicite frigus etaestus 
Domdnum' hymnum dicite' Benedicite pruina et niuis Dominum' 
Benedicite fulgura et nvibis Dominum* Benedicite terra Dominum' 
hymnum didte* Benedicite monies et colles Dominum' Benedicite 
omnia naseentia terrae Dominum* Benedicite maria et flumina Do- 
minum* hgmnum diciter Benedicite fontes aquarum Dominum* Bene- 
dicite hyluae et omnia quae morantur in aquis Dominum* Benedi- 
cite omnes uolueris eaeli Dominum* hymnum dicite' Benedicite hestiae 
et iumenta Dominum* Benedicite Israhelitae Dominum* Benedicite 
fUi hominum Dominum' hymnum dicite* Benedicite Sacerdotes Do- 
mini Domino* Benedicite serui Domini Domino* Benedicite spiritus 
et animae iustorum Domino* hymnum dicite' Benedicite sancti et 
humiles corde Dominum* Benedicite Annanias, Azarias, Misahel Do- 
minum* Benedicamus Patrem* et Filium* etSpiritum sanctum Domi- 
num- hymnum dicamus* et superexaltemus eum in saecula* Quia eri- 
puit nos Deus etc. (p, 139,) 

t Lectionarium Gallicanam Bobbiense (ed. Muratori). 

(Misea in Natdte Domini, p. 465) Lectio sancti Evangelii secun- 
dum Mathaeum. Liber generationis Jesu Christi filii David^ fitii 
Abraham, Abraham genuit Isaac^ Isaac autem genuit Jacob, Jacob 
autem genuit Judam et fratres eius, Et aliu^ Judas genuit Joseph 
virum Mariae, de qua natus est Christus, Christi autem generatio 
sic erat. Cum esset desponsata mater eius Maria Joseph etc. 






X. 

Yerbessernngen. 



Wie die neue Uebersetzang hinsichtlich' des Gebrauchs 
an die Stelle der alten getreten war, so musste sie auch 
deren Gescbicke tbeilen. Wie die Itala in demselben 
Maasse, als sie unter den Glaubigen verbreitet wurde, an 
Correctheit einbiisste, so verier auch die Version des hi. 
Hieronymus mit jeder neuen Abschrift von ihrer Genauig- 
keit. Die Ursache hiervon war schon bei ihrer Ent- 
stehung gegeben. Der hi. Hieronymus schrieb nach Sitte 
damaliger Zeit und auch wegen korperlicher Sphw^che 
nicht selbst, sondern dictirte einem Schnellschreiber ; hier- 
bei konnten schon mancherlei Verstdsse vorkommen, die 
dem Verfasser bei spaterer Revision nicht auffallen 
mochten. Von den Exemplaren nun, die er selbst be- 
wahrte, liess dann der Heilige fiir alle diejenigen, die 
seine Werke zu erhalten wiinschten, Abschriften anferti- 
gen. Dies war eine blosse Lohnarbeit, bei der im Ein- 
zelnen nicht auf grosse Genauigkeit, woU aber auf 
mancherlei WiUkiirlichkeiten gerechnet werden konnte. 
Bei der Menge von Geschaften und Besuchen aber, die 
den viel geplagten Mann in Anspruch nahmen, konnte er 
die Zeit nicht gewinnen, um solche Abschriften selbst 
durchzugehen, und es blieb ihm nichts tibrig, als beim 



— 225 — 

Gebrauche derselben Vorsicht anzarathen. Eine vollkom- 
mene Zuverlassigkeit besassen folglich nicht einmal die- 
jenigen Exemplare der Bibeliibersetzimg , welche von 
Hieronymus selbst herstammten ; urn so weniger boten 
die secundaren und terti^ren Abscfariften diplomatische 
Genauigkeit dar. Wie dann frtiher die Mannigfaltigkeit 
der lateinischen Uebertragungen zum Verderbniss jeder 
einzelnen beigetragen hatte , so bildete auch filr den 
hieronymianischen Text die alte Uebersetzung eine neue 
Quelle von Entstellungen ; denn ersterer ward aus der 
Itala, wie schon oben angegeben, vielfSltig interpolirt 
Oder nach derselben geSndert. Da es fiir solche WillkUr 
weder Grenzen noch Gesetze gab, so konnte schon hun- 
dert Jahre nach Hieronymus' Tode von seiner lateinischen 
Bibeliibersetzung dasselbe gesagt werden, was frtiher von 
der Itala gegolten hatte : quot codices^ tot exemplaria. 

Die einsichtsvolleren Manner in der Kirche erkannten 
wohl, dass hiermit das Untemehmen des hi. Hieronymus 
bald vereitelt sein wiirde, und sie boten desswegen alle 
Sorgfalt auf, um den neuen Text in seiner ursprQnglichen 
Reinheit zu erhalten. Was der hi. Hieronymus an der 
Itala gethan, das mussten nun Andere an seiner eigenen 
Uebersetzung vornehmen. Zwar dauerte es lange Zeit, 
bis sich ein Mann fand, der so, wie der hi. Hieronymus, 
eine durchgreifende Revision des lateinischen Bibeltextes 
vornehmen konnte; allein von der Aufmerksamkeit, welche 
der kritischen Behandlung des neuen Textes zugewendet 
wurde, ist doch schon aus dem sechsten Jahrhundert 
ein merkwurdiges Zeugniss vorhanden. Cassiodor hatte 
den Mdnchen des von ihm gestifteten Klosters eine Bi- 
bliothek eingerichtet, in welche er neben der Septuaginta 
und dem revidirten Italatext auch die Uebersetzung des 

Kauten, Oeschiohie der VulgftU. ][g 



— 226 — 

hi. Hieronymus niederlegte. Ueber das Studium dieser 
Texte gibt er seinen Jiingern in der Schrift de institur- 
tione divinarum litter arum '), die uns gKicklicher Weise 
erhalten ist, ausfilhrliche Anweisung. Aus den hier ent- 
haltenen Vorschriften k5nnen wir nun ebensowoW erken- 
nen, auf welche Weise die damaligen lateinischen Bibel^ 
exemplare verderbt warden, als auch, welche Grundsatze von 
den richtig Denkenden zur Reinerhaltung des Textes be- 
folgt wurden. Vor Allem verlangt der sorgsame Hirt, 
dass den AnfUngem im klociterlichen Leben (die in die 
Kenntniss der hi. Schrift erst einzufuhren waren) blos^ 
revidirte und sorgfaltig verbesserte Exemplare sollten in 
die BMAe gegeben werden. Um ein solches Bibelcxem- 
plar herzustellen, hatte er selbst mit Hulfe einiger Freunde 
den Psalter, die Propheten und die Apostelbriefe ndch 
der Revision und Uebersetzung des hi. Hieronymus mtih- 

* 

sam aus alten Handschriften verbessert und den so ge- 
wonnenen Text den Seinigen als Musterexemplar hinter- 
lassen '). Nach dieser Handschrift sollten nicht bloss neue 
angefertigt, sondern auch alle vorhandenen corrigirt wer- 
den; letzteres dadurch, dass die alte Schrift ausgeloscht 
und die neue mit grSsster Sorgfalt an die Stelle gesetzt 
wtirde. Ftir die Septuaginta und die Itala wurden ahn- 
liche Vorkehrungen getroffen. Man erkennt leicht hierbei 
denselben Grundsatz, der auch den hi. Hieronymus ge- 
leitet hat: es soUte der ursprtingliche Text der vorhan- 
denen Uehersetzungen diplomatisch genau fortgepflanzt, 
nicht aber durch Conjectur oder neue Uebertragung ver- 
bessert werden. Nur dann, wenn aus der Vergleichung 



1) Migne T. LXX, p. 1105 sq. %) L. e, p. 1109. 



— 227 — 

guter Handschriften keine Sicherheit zu gcwm»en ware^ 
soUten die Moncbe far die Itala die Septuagioia ^ 
Rathe Ziehen, f(ir die Uebersetzung des bl. Hieronymns 
aber wo moglich aus dem Hebraischen sich Bathes 
erholen. Das Geschaft der Emendation sdbst stellt Cassio- 
dor als eines der wichtigsten und heiligsten fiir gebildete 
MUnner dar und gibt dafur ausffthrliche Verhaltangs- 
regeln. Indem er hierbei seiii^ Klosterleute ganz im 
Einzelnen vor all den Verstossen wamt, die sie sich 
leicht konnten zu Schnld^n kommen lassen, gewinnenwir 
TolIstHndige Einsicht in das Ver£ahreni der daaiaUgen 
Mcherabsdbreiber als in die Quelle der vklfacheu Ent^ 
stellungen. Nach Gassiodor's AnweisuiUg m\\€n die Emen* 
datoren vor AUem sich htitenv Hand an die der BibcA 
eigenthumlichen Ansdriicke zu legen, mSgeii diese sich 
auch noeb so weit yon der gewohnlichen Bedeweise eot* 
feimen. Ausdriieke, wie ^ySecundum mnocentiomi mtmuum 
mearumj^^ „auribus perdpe lacrymaa meas^^ ^fiihaeait 
anima mea post fe," ^jAaron^ quern dUeoM ipsum^^ und 
fthnliche sollen treuBch berbehalten, nicht nach der mo- 
dernen Redeweise damaliger Zeit gearidert werden. Man 
erkemit aus dieser Vorkehrung, dasa der Charakter bol- 
der latdmscben Uebersetzmigen, der alt^ wii6^ der meiien^ 
am meisten dwch tibel angebrachte Modt raisirHDg muss ge- 
litten haben, und dass CJassiodor dem entgegen Ye»r Allem 
urkundliche Trcne far den Text fordert. Aus demselben 
Grunde verbietet der fromme Abt weiter, die hebraisehen 
Namen, wie Loth^ Henoch^ Sion^ HorA^ lateiniscb zu 
deeliniren; sie soUen ihren urspruaigliGhen Spracbcharakter 
behalten, wie Hieronymus eingeftihrt hat. Noch weniger 
sollen die Brtider die tropischen Ausdriieke, wdche ia 
der Scb-ift so hSufig sind, mit deo entsprechenden elgent* 

15* 



— 228 — 

lichen vertauschen, z. B. nicht, wo „einmal" steht, „un- 
abanderlich" setzen (semel iuram in sancto meo)^ sondern 
es den Auslegern tiberlassen, hier das rechte VerstSnd- 
niss herbeizuftihren, Auch die SolScismen, welche gegen 
die gute Grammatik verstossen, soUen, sobald sie durch 
Vergleichung der Handschriften sich als urspriinglich er- 
weisen, treulich beibehalten werden, wie z. B. radetur 
caput suum^ das Num. VI, 9. in der alten Uebersetzung 
steht, Oder beatus populus^ cuius est Dominus Deus eo- 
rum Ps. CXLin, 15. Wie die Grammatik, so soUen 
auch die Regain des guten lateinischen Stils und des 
Wohlklangs durchaus kein Anlass werden, das Geringste 
an der durch die Handschriften bezeugten urspriinglichen 
Form zu andem. Dass man einen Satz nicht nach hexa- 
metrischem Rhythmus anfangen und schliessen soil, dass 
man nicht drei Trochaen nach einander brauchen darf 
u. dgl., das alles moge bei Abfassung eigener Schriften 
ganz gut zu beobachten sein; bei der hi. Schrift aber 
komme alles darauf an, sie in ihrer urspriinglichen Form 
zu erhalten und der Willktir unberufener Aenderungen 
zu steuem. 

Nachdem so der fromme Meister seinen Jtingern die 
Erhaltung des Textes anbefohlen, beginnt er andrerseits 
ihnen Regeln zur Emendirung der vorfindlichen ^ehler 
zu geben. Alles, was unwissende und gewissenlose Ab- 
schreiber in die Bibelexemplare hineingebracht, das aller- 
dings soUen sie daraus tilgen. Sie sollen zu den 
Praepositionen, mit denen die Abschreiber so oft sich 
verthun, die richtigen Casus wiederherstellen, richtig de- 
cliniren und conjugiren, die richtige Orthographic bei- 
behalten — alles aber nur unter der Bedingung, dass 
die Auctoritat^ der alten Handscliriften nicht ftlr das Ab- 



' — 229 — 

weichende ist. Bei der Itala soUen sie fur richtige In- 
terpunction und Abtheilung sorgen, bei der neuen Ueber- 
setzung sich aber strenge an die Kola und Kommata 
des hi. Hieronymus halten. 

Waren solche Regeln allenthalben bei Vervielfaltigung 
der lateinischen Bibelversion beobachtet worden, so wSre 
gewiss fiir die treue Fortpflanzung des ursprfinglichen 
Textes alle Garantie vorhanden gewesen. Leider aber 
scheint es, dass die Willktir, der Cassiodor vorbeugen 
woUte, die grossere Halfte des Mittelalters hindurch all- 
gemein tiblich war. Wie lange diejenigen, fiir welche 
Cassiodor schrieb, selbst sich an die Yorschriften ihres 
Meisters mdgen gehalten haben^ wissen wir nicht; sicher 
aber ist, dass schon im siebenten Jahrhundert der Text 
des hi. Hieronymus derselben Verwilderung unterlag, 
welcher friiher die Itala anheim gefallen war. Im achten 
Jahrhundert war die Unordnung, welche die Vermischung 
des neuen Textes mit den Ausdrficken des alten und die 
unberufenen Aenderuiigen der Abschreiber angerichtet 
batten, bereits so gestiegen, dass sie ernstliche Abhiilfe 
forderte. Zur Bewirkung dieser Hiilfe ging diesmal die 
Aufforderung nicht vom r5mischen Pabste, sondern vom 
frankischen K5nige Karl dem Grossen aus ; wie Damasus 
den hi, Hieronymus, so beauftragte Karl seinen Reichs- 
kanzler und Vertrauten Alcuin, fttr einen zuverlassigen 
Text der lateinischen Bibel zu sorgen. Schwerlich hat 
den Konig hierbei ein eigetitlich wissenschaftlicher Grund 
gelei^et. Ob die damals gangbaren Texte sich von ihren 
hebraischen und griechischen Originalien entfernten, konnte 
er nicht beurtheilen, und auch fiir den Werth diploma- 
tisch genauer Handschriften besass er keiu Verstandniss. 
Seine ganze Thatigkeit fur Kirche und Staat war eiuQ 



— 8S0 — 

reh ^a&tlsche, schaffiende und oi^anisatorische. WeSL 
ihm iie YolkBbildiiDg als Gnindlage ^ller sei«er Ein- 
riciitutigen an Herzen lag, wsr er bemiiht, dass sich 
nnr correcte, d. h. orthographiBofa und srammatisdi 
riciiti^e Btlcher in seinen SUta4^en vor&aden. Daher "befahl 
er '^terst, in dieser flinsiclit aaf die am meisten Tier- 
tereiteteii) DUmlich aof die GebetMcher zu achten. WeU 
er femer "den kircfatichen Oottesdienst mit richtigem Ver- 
^tandniss als eines der nothwendigsten Bikbrngsniittel 4m- 
isali, so ¥i«)iidte er der wiirdigen AlAaltang desselben 
wise Hamptaiafmeiicsamkeit zu^). Hiarlbei musste ilim 
niciit bless daran gelegen sein, von den litucgisobea 
Btichem cmd Ton der hi. Schrift orthographisch uBd gram- 
laatiscb riehtigie, soodem aweh bei AUea gleichlatite&de 
'Akidcbriften in 'den HSndeR der Einzeliieii za iwissen, und 
turn 4Ke6 md^h «a macbeoft, beauftragte er Alcmn mit 
Mier Revirfon des lateinisdiien Bibeltoxtes. 

V«n diesem UAtomehmen berichten die gletchzeitigen 
SchriftsteHer, ^iass es mit grosser Sorgfalt dordi Alowk 
voUfisogen ivwden sei. Das Nftmliche ergibt sich aus den 
noch ToiiiandeiLen Briefen dasselben, aus deoen auch er- 
sicbtlidi ist, dass «)T das fertig gewordene Exesapiar des 
re^rMlrten Textes Earrl dem Grossen zu Weihnacbten 801 
^D«frreichen itess"^. Ueb^ die Grundsfttze jedoch, Qacb 



1) Mariani Scott Chron. ad. a. 799: Karolus legendi et psallen- 
di disciplinam diligentissime emendavit CLVIIy 765. 

2) Tip. praef. L. YI. Comm. in Joh. Totitis forsitan evangelii 
expoaitianem direxissem vobis, si me non occupasset dotnini regis 
pnueeptum in emendatione Veteris Novique TestcmtntL C, 923. — 
Ep. 181 ad damnum regem (a. 800). Quaerenti mihi et eomideram 
nihil dignius pacatiaaimo hotwre ^estro inveniri poaae^ quam divino' 



— 231 — 

wekhen die TexteByerhessterung geschah, sethweigen aHe 
Nachrichten, und das Urtheil hieruber kaim sicfa nur mi 
MuthmassuQgen grUnden. JedenfaUs wird die Arbeit 
bloss d^ Intentionen des Kaisers gemass geschehen sein. 
Es ist daher von vomherein unwahrscheinlich, dass Al- 
cuin den hebraisdien und griecfaischen Text, me Einige 
behaupten, zur Verbesserung der vorhandenen IJeber- 
setzuHg consultirt habe. Earl hatte ja nicht den theore- 
tischen Zweck, ein treues Bild der ursprlinglichen Schrift- 
form zu erhalten, sondern vielmehr den praktischen, fUr 
Gleichformigkeit und Wtirde des offentlicben Gottesdienstes 
zu sorgen. Zu dem Ende war es n&thig, den vorhan- 
denen Text zu reinigen, nicht ihn umzugestalten. Es ist 
auch sehr firaglich, ob Alcuin im Stande war, die Ueber- 
setzung des hi. Hieronymus mit dem Original zu ver- 
gleichen. Alcuin war wohl in der Domschule zu York 
in alle Eenntnisse seiner Zeit eingefuhrt worden und be- 
sass eine fiir jenes Jahrhundert ungewohnliehe Bildung; 
dass er aber auch des Hebraischen machtig gewesen, ist 
bei dem Zustand der damaligen Wissenschaft nicht wahr- 
scheinUch ^). Es ist desswegen ebenso nach Earl's Ab- 



rum munera librorum: gm Spiritu smcto idci<mte et Christo Deo 
ministrante ad scAutem totius humami generis codesMs graJtdae cata- 
mo conscripti sunt, guos in unius clarissimi corporis sanctitatem 
connexos atque diligenter emendatos vestrae clarissimae auctoritcUi 
per hunc clarissimum filium vestrum vobisque fidelem famulum diri- 
gere curavi, ih, 369, An * diesen Ueberbringer schreibt er gleich- 
zeitig: Epistolam vero parvitatis meae cum sanctissimo Scripturae 
munere die Natalis Domini et verbis scdUtationis pacificis redde do- 
mino meo etc, ih, 375, 

1) Die Yerweisungen auf den hebraischen Text, die slch in sei- 
nen exegetischen Schriften finden, sind dem hi. Hieronymus entnom- 



— 232 — 

sicht, als nach Alcuin's Fahigkeit das Wahrscheinlichste, 
dass letzterer die lateinische Bibel auf diejenige Gestalt, 
welche sie vom hi. Hieronymus durch Revision oder 
durch Uebertragung empfangen hatte , zuriickznfuhren 
suchte, und dass er hierbei besonders auf sprachliche Rich- 
tigkeit bedacht war. Dies war ja auch das Verfahren, wel- 
ches schon Cassiodor anempfohlen hatte, und welches nach 
Hieronymus' Beispiele gewiss von alien Einsichtigen zu alien 
Zeiten befolgt werden musste. In der That entsprechen 
die vorhandenen Manuscripte, welche durch Unter- 
schrift auf Alcuin's Recension zuriickgefiihrt werden, durch 
die Beschaffenheit ihres Textes durchaus der obigen An- 
nahme. Aber auch auf weniger konnte sich die Revision 
nicht er^trecken. Dass sie, wie Einige glauben, bloss 
die Herstellung einer richtigen Orthographie zum Zweck 
gehabt habe, entspricht nicht dem Bedtirfnisse, das da- 
mals vorhanden war, und das sich aus den vocalcuini- 
schen Handschriften , wie oben gezeigt, noch jetzt klar 
erkennen l^sst. 

Alcuin hatte bei seiner Arbeit sich grfisseres Bei- 
falles zu erfreuen, als dem hi. Hieronymus unter ahn^ 
lichen UmstS,nden zu Theil geworden war. Das Ansehen 
des machtigen Kaisers verschafite dem von ihm revidirten 
Texte im ganzen Reiche allgemeine Aufnahme. Gewohn- 
lich hiess derselbe Biblia Alcumi oder Biblia Caroli 
Magni. Mit grosser Sorgfalt wurden Abschriften davon 
genommen, und man scheute keine Kosten, um dieselben 
wtirdig herzustellen. Bald war im ganzen frankischen Reich 
kein lateinischer Bibeltext mehr geachtet, wenn er nicht 



men, z. B. Interrog, 220, in Oen, XXV, 8, aus Hier, Quaest, Hebr, in 
Qen. ad h, I, Vail. HI, p. 344, 



— 233 — 

aus Alcuin's Recension stammte. So erklM es sich, dass 
aus der Zeit vom neunten bis znm dreizehnten Jahrhun- 
dert verhaltnissmslssig viele lateinische Bibelhandschriften 
erhalten sind, die alle auf der alcuinischen Revision be- 
' ruhen^). 

Inzwischen batten durch Karls des Grossen Bemiihun- 
gen und durch spHtere kraftvoUe Kaiser die Verhelltnisse 
des Abendlandes auch einen ruhigern und bestS^ndigem 
Gharakter angenommen, als sie in den ersten Jahrhun- 
derten des Mittelalters gehabt batten. Der Verkehr 
zwischen den einzelnen LS,ndern hob sich, die Lebens- 
weise wurde geregelter, die Bildung ward allgemeiner. 
Somit konnte auch in Bezug auf den Bibeltext gros- 
sere Uebereinstimmung beibehalten werden, als bis 
dahin der Fall gewesen war. In der That gewann der 
von Alcuin emendirte Text vollstandig die Bedeutung, 
welche frtiher die Septuaginta und die Itala far die Kirche 
gehabt batten, und er blieb demnach fur die mittelalter- 
liche Zeit, was man frtiher die Vulgata genannt 
hatte. Zwar tritt dieser Name sobald nicht auf, als das 
durch ihn bezeichnete Verhaltniss eingetreten war. Erst 
im dreizehnten Jahrhundert wird der in den Hand- 
schriften herrschende Text vulgaris genannt. Der 
Sache nach gab es aber schon im neunten Jahrhundert 
eine lateinische Vulgata, und im Ganzen hatte diese die- 
selbe Geltung, wie heute die unsrige. 

So lange jedoch der Bibeltext bloss handschriftlich 
vervielfaltigt werden konnte, blieb er auch alien den Zu- 
falligkeiteh unterworfen, die bei fortgesetzter Abschrift 
nicht zu vermeiden sind. Schreibfehler, willkiirliche Cor- 



1) Ygl. unten S. 286 ff. 



— -234 — 

m 

recturen, Erinnerungen an die alte Uebersetzung tnigea 
nach Alcuin wie vor ihm dazu bei, den Text der hi. 
Schrift zu entstelleo. Nacbdem aber einmal das GeMd 
far die Nothwendigkeit eines fehlerfreien Textes erwa(jht 
war, stellte sich auch eine grosse Sorgfalt zur Rein* 
erhaltung der vorhandenen Recension ein. Die Emendi- 
rung der Bibelhandschriften gaJt fortan als ein Beweis 
der Pifctat gegen Gott und Gottes Wort, und sie ward 
mit demselben Eifer getrieben, wie die Uebungen des 
innerliclien Lebens. Unter den Tugendwerken , womit 
Karl der Grosse seine letzten Lebenstage ausfullte, wird 
auch die Emendation der hi. Schrift genannt; die Lebens- 
geschichte des hi. Dunstan, der 998 starb, zShlt die 
Yerbesserung der Bibeltexte ebenfalls unter seinen guten 
Werken auf^, und auch von Petrus Damiani ist noch 
«in Brief erhalten, der von seinen Bemiihungen um die 
Yerbesserung der Bibelhandschriften spricht*). 

In die Reihe dies^ mehr frommen als wissenschaft- 
lichen Emendationen gehort auch das oft genannte Yer^ 
besserungswerk Lanfranc's, des Mhem Abts von Bee 
und spatem Erzbischofs von Canterbury. Die einzige 
Nachricht, die von dieser Arbeit erhalten ist, findet skh 
in seiner aus dem 13. Jahrhundert stammenden Lebens- 
geschichte, und dieselbe lasst nicht schliessem, dass er 



1) Cum autem a forinseds rebus requies data fuisset, tunc con- 
iunetius cum Deo manere sa^ris vigilm insistendo, divinas Scriptu- 
ras legendo aut earum codices emendando^ suumque studium erat^ ut 
nunquam a divinis operibus vacaret, Migne CXXXVIL 443, 

2) Bibliothecam tiamgue omnium Veteris et Novi Testamenti vo- 
luminum licet cursim ac per hoc non exacie vobis emendare cwram- 
mus. 8, Petri Dam. Opusc. XIV, Migne J. CXLV^ p, m. 



— 28S — 

Merbei mehr geleistet habe, als «o Tiele Andere, 
die mit ihin diese Bemfihung theilten'). lodess gab er 
als Yorstefaer einer grossen Klosterschule vielen a^MLern 
Oelehiten seiner Zeit den Antrieb zu darselben Besditfti- 
^gttng; nameBtlich macbte sich Gondulf, der saxb der Zelk 
KU Bee erst an die Spitze der Abtei St. Alban, dann 
auf den bisch5fiicheii Stuhl von Rochester erhoben wnrde, 
dorch seine fleissige Emendation der Bibelhandschri£tei 
bekannt'). Das hobe wissenscbaftliche Ansehen^ dessea 
'Sich Bee -erfrettte, ward dann Anlass, dass i»an in 
Prdnkreicb und England sicb eifrig um die in Bee -ge- 
fertigten oder verbesserten Bibelexemplare bewarb, und 
insofern iibte Lanfranc mittelbar einen grossen Eiiifluss 
auf die Gestaltung des Vulgatatextes im Abendlande ^). 

Trotzdem ward es mit dem Sibeltexte nicht besser. 
Schon Hugo yon St. Victor beklagte (um 1120), dass 
wegen der Willkur der Abschreiber, die ohne iiphnmr 
tfsebe •Genaixigk^t Yerffthren, esne Ueb^j»enguog iii&sklht- 
lich der urspriinglidhen Form nicht zu gwvinnen sei*). 



1) Vitu Lcmfr.: .Lectwfd assiduus et amU apiaeogwtum ^ w epis- 
■eopatu g^ntum ^oterat ; et gpiia Scriptures ecrt^tarum vitio erant 
mmium corruptae, omnes ,tam Veneris guam Novi T^stamenU HhroB 
necnon etiam scripta sanctorum patrum secundum orthodoxam fidem 
Atuduit aorrigere , , , et hoc mon ttmtum per ee, aed .etiam per di^ 
^iipulos JBU08 fecit. CJL, 65, 

2) Histoire litt, de France par les P, P. Bened. T. YJL Parifi 
J746. p. l;t7., 

d) Merito Ulum Latinitas turn honore £i lam^re nenmrakm mya- 
^ietrum, Huius emendationis .daritate omnie weidui orjbis .Eecleaia 
.tarn gaUieamaquam angUea gaudet se .esse iSstminaimn. Vita Latifr, I, e. 

4) Usu autem pravo invaleecente, qui naunufiquam aalita tnagie 
quam vera appetit^ factum est^ ut diversas diversis sequefttibt^s tram^ 



— 236 — 

Aehnlich (Mckt sich etwas sp&ter der Gardinaldiakon 
Nikolaus aus, der am 1150 zu Rom sich mit biblischen 
Studien bescMftigte ^) ; nur vermehrte er selbst die Ver- 
wirrung, indem auch er sich mit Verbesserung der vor- 
handenen Texte befasste. Fttr den ganzen Zeitraum vom 
10. bis zum 12, Jahrhundert musste die Menge der 
Bibel-Emendatoren nicht blpss als Zeichen iind Folge der 
mangelhaften Textesbeschaffenheit, sondern auch als Ur- 
sache der bestehenden Mannigfaltigkeit gelten. 

Aus der Yorstehend behandelten Periode Bind Handschriften in 
ziemlicher Menge vorhanden, so dass es nicht schwer ist, aber die 
Beschaffenbeit des damaligen Textes ein 'Di;|theil zu gewinnen. Die- 
jenigen Manuscripte, welche die Recension Alcuins enthalten, zeich- 
nen sich meist durch grosse aussere Pracht aus, und dieser Urn- 
stand mag besonders zu ihrer Erhaltung beigetragen haben. £ine 
hoch berUhmte Handschrift dieser Familie ist der Codex B. YI. 
in dein Oratorianerkloster von Vallicelli zu Rom, der sonst wohl 
onter dem Namen des Codex Statianm (frtlheres Eigenthum des 
Achilles Statins) angeffihrr wird. Derselbe ist dreispaltig auf Per- 
gament Yom grossten Format geschrieben und stammt aus der 
ersten Halfte des 9. Jahrhunderts. Eine Beschreibung dayon hat 
Blanchini in seinen Vindiciis Canon, scripiurarum, p. CCCXXIIsq. 
gegeben; eine Schriftprobe steht in dessen Evang. quadr, p. II. p. 
DC. Vgl. Vercell V. L. I, p. LXXXVL Eine andere Handschrift 
aus etwas spaterer Zeit, aber doch noch aus dem 9. Jahrhundert, 



lationes ita tandem omnia confusa sintj ut pene nunc ^quid cut tri- 
buendum sit ignoretur, De scriptt. et scriptt, sacris c. iX« Migne 
CLXXV. p. 17. 

1) Die von Bessarion und Lindanus angefiihrten Worte dieses 
Schriftstellers siehe Hody /. c. p. 4:17 \ Lustrans armaria nequibam 
hoc adipisciy veracia scilicet exemplaria invenire, quia et quae a 
doctissimis viris dicebantur correcta, unoquoque in suo sensu abun- 
dante, adeo discrepabant, ut paene guot codices, tot exemplaria re- 
ferirem. 



— 237 — 

befindet sich im Benedictinerkloster St. Paul zu Bom; dieflelbe 
wird mitunter Codex Carolinus genannt, well sie irriger Weise fttr 
ein frtiheres Eigenthom KarPs des GroBsen gehalten wird. Be- 
Bchrieben steht sie hei Blanchini, Vindiciae p, CCCXXLK sq, Evang, 
quadr, II, DLXXVII und DXCIII; Mabillon^ Iter itcd, p. 68 sq. 
Vercell I c, p, LXXXV, Ein drittes Manuscript in der Chiesa 
nuova zu Rom erw&hnt Baronius ad a. 778, s. Blanchini Vindic. 
p. XXXVI uud CCCXXXV. Eine grosse Bibelliandschrift (ohne 
Apokalypse) aus dem 9. Jahrb. ist zu Bamberg, s. F. M. Kopp, Bilder 
und Schriften der Yorzeit, I, S. 184. Eine unyoUst&ndige Handscbrift 
aus dem 10. Jahrbnndert war bis zum Jabre 1817 im Kloster St. C&« 
cilia zu Rom; ihr jetziger Aufentbalt wird nicht angegeben, doeb 
hat Vercellone sie vergleichen k3nnen, s. I. c, p. XCL Der grdssere 
Theil der Geschichtsbilcher des A. T. beiindet sich nach alcuini- 
Bcher Recension in einem Londoner Codex des 12. Jahrhonderts, 
s. I. c. p. XCL Die Landesbibliothek zu Ddsseldorf besitzt die 
Briefe des hi. Paulus in einer Handschrift des 9. Jahrhunderts, die 
aus der ehemaligen Abtei Werden herrdhrt; ebendaselbst ist ein 
Codex des 11. Jahrhunderts aus der Abtei Gross Martin in C6ln, 
der in ungeordneter Folge die Propheten, die Apokalypse, mehrere 
deuterokanonischen B&cher und neutestamentliche Briefe, s6wie die 
Apostelgeschichte enth&lt. Ein genauer Abdruck vom Texte des 
Hohen Liedes nach einer Handschrift des 12. Jahrhunderts steht 
bei G. Haupt, das Hohe Lied, dbers. von Willeram, erkl. von 
Rilindis und Herrat, Wien 1864. Die ganze Bibel enth&lt ein al- 
cuinischer- Codex xu Wien^ beschrieben bei Lan^ecciw, Bihl. Caes. 
Vindob. II, p. 403; das Neue Testament ist in derselben Recension 
zu Ztlrich, s. Mart. Gerberti Iter Alemanicum, 1115, p, 4:7, Bjdrn- 
stahPs Briefe, Th. Y, S. 14, und zu Amsterdam, s. Wetstein, Pro- 
leg, in N, T, Eine ganze Reihe von alcuinischen Handschriften 
der gesammten Bibel war zur Zeit des Trienter Concils auf Monte 
Cassino; vor einigen Jahren fand sich dieMehrzahl derselben noch 
vor, s. Vercell, L e, p, XCIL 

Yon einer noch andem voUstandigen Handschrift, die aus dem 
Kloster Granfelden bei Basel stammt und sich zur Zeit in Privat- 
h&nden befand, hat Hug in der Zeitschr. fUr die Geistl. des Erzb. 



— 238 — 

Freiburg 1828. Heft 2 ausfahrliche Mht]toi}imge& gegeben. Da 
diese Beiftchreibusig ziemlich auf alle Handschriflien die&er FamUie 
paflst, BO steht hier das Wichtiggie daraus. Der Codex ist anf 
441 Blattern von grosstem Folio (19 zu 14 Zoll), zweispaltig mit 
latei&iscber Majuskelschrifi geschrieben und entMlt bloss clenPuakt 
als UnterBchfiidungszeichcn. Den einzelnen Bfichern, dte in Ah- 
s&izen geschrieben sind. gehen die Yon'eden de& hi. Hieronynuis 
mit den damalB gel^r&uchlicben Zusatzen voraaf. Daran schlies&t 
Btch ledesmfll die Capitt^tio^ d. h. die Inhaltsangabe der einzelnen 
Abs&tze im Texte ; die«e sind am Bande naraerirt und entEprechen 
BBcht den heutigen Capiteln, Bondern den Hauptpunkten desInhaltSy 
die Genesis hat deren 82. Am Ende steht jcfdesmal die Anzahl 
dev Zeileii, z. B. Explicit Genesis' Jibet versos JliDCC. Die Ord- 
nnng der Bdcher ist: Genesis' Exodus- Letitieus' Nununn' Deutero- 
mymhttw Jesu Nave- Judicum- IkUh Beguimr Esaicts' HiereiHias' 
Eisechid' DcmiMV Xll Propketae- Job' Psalmi' Liber Salomonis' 
i* e' Pm*0bvlk»e* Ecclesiastes- Gantiewn canticoruw Sapientia- Liber 
Hiesu filii Sirachf Lib' Dabreiainiftr Ezrcf Hester Tobias' Judith' 
Maceabeofum II' Epangetium secwndum MatHieum' seoundum Mar- 
cum- secnndwn LuccMf secwndum Joann^w Acty» Apostolorunr 
EpisCoiae 8. Jaeobi I S. Petri II S. Joannis III S. Judae I S. 
PmU XIV' Apocaippsis. Die Fsalnien sind nach deu Pscdterium 
gtdUcamum mk% denObelen und Asteri^en gegeben, aber in kleine- 
rem Schriftzug^ gleiehsam als gehorten sie nicht zum Uebrtgen. Am 
I&(nd6 Bteht auch derapokryphisehe Ps. CLL ]i(ach dem ersten Bucfa 
£ddias heissi es: Verba Neemiae etc, gleichwohl ist die Unter- 
seloift: ExpHeit liber Ezras, Am £nde der Handschrift steht 
eia langea- Gedidit des Abschveibers, das mit folfendes Versen 
schliessft: 

CoSicis istius guot suM in corpare sancto 

Depietae forniis littertdae varUs' 
Mercedes habeeet Ghristo donante per etevum 

Is Carolus qui iam scribere iussit emtv 
Haec dator aeterrms eumiorum Chriifte b&narum 

Mwnera de donis mtipe sanvta Puis' 



— 289 — 

Quae pater AJbinm devota pectore* supplex 

Nominis ad laudern obtulit ecce tui' 
Quern tua perpetuis conaeroet dextra diebus 
Ut felix tecum viva/t in arcc poli' ^ 

Pro me quieque legos versus orare memento 
Alchuine dicor ego' tu sine fine vale' 
Solche Verse Bind efne gewdbuliche Zuthat der alcuinischen 
Texie; in dem Ameterdamer Manuscripte heisst es: 
Quatuor hi rutilant uno de fonte fiuentes' 
Matthaei et Marci* Lucae liber atque Johannis* 
Sanetus Apostolus Lucas conscripserat Actus* 
Bis aeptem docti per cartas dogmata Fauli- 
Jaoobi' Petri' Judae et pia dicta Johannis' 
Scribitur extreme Johannes in ordine tomus' 
Jusserat has omnes Christi deducit^s amore 
Alchuinus Ecclesiae famulus conscribere librae. 
Die Verbesserung Akuins scheint auBserhalb des Frankenreichfl 
Btcht aHgemeine Aufna&me gefand«n zu habeo ; weBigsU]i» gibt eine 
Familie von Handscbriften aua dem 9. bis 11. Jalu*]iiuidert dea 
Text der Yulgaia in einer andern Recen&ion. Da die Lesarten 
dieeer Handscbriften sicb in den Werken des hL Pertros Damiani 
wiederfinden, so scheint die gauze Familie den Text darzuBtellen, 
wie er sicb zu Bom oder iiberhanpt in Italien erhielt. HierbM ge- 
hdrt ein Codex aus dem 10. Jahrhnndert, der im Golleg der Bar- 
nabiten zuRom aufbewabrt wird, ursprttnglich aus zwei B&aden zu 
je 188 Sdten bestebend, jetzt in £inen Band lusammtfn gebunden. 
Die Form ist grdgstes FoUo, der Scbriftzug die gefrdhnliche Mi- 
nttBkel dieser Zeit, mit Gemttlden und Federzeivhnungen verziert. 
Die Psalmen sind nacb dem Psalterium romamm gegeben, wit sie 
in St. Peter gesungen werden^ ein neuef Grund aiizu>aebiaie&, dasB 
dadn der Text nacb rdmiscber Tradition cfntbaltea i%t Eine Hand- 
Bcbrift depBeAben Gattang iBt im Yatiean sub n. 4216 nrit der Auf- 
Bchrift BibUa manasterii s. Crucis FonUs Avellanae; vieUeicbt iat 
dies die n&mlicbe Handschrift, welcbe der bl. Pekus Damiani dem 
beaeicbneten Kloster gescheukt bat. S. 0pp. S, Petri Dam. 



— 240 — 

t 

M CXLV, 334, Das Jabr der Entstehnng gibt die folgende Unter- 
scbrift an; 

Codice tarn facto' tihi frater vita sit Atto* 
Fit studio cuius pars magna voluminis huius' 
Quaeque fuere minus* prior addens cuncta Savinus 
Unum fecit opus libris constare duobus' 
Horum peccatis pius ut sit ftms pietatisr 
Semper et absque mora lector cum legeris orn* 
Virginei parttis fuerat tunc temporis annus 
Sextus' Millenus' bis ter- noviesquc decenus' 
Ebenfalls hierher geb5rt ein anderer vatikanischer Codex, der 
im Jabr 1860 von den Canonicben za Tuderto, wo er Jahrbunderte 
lang aufbewabrt gewesen, Pius IX. zum Gescbenk gemarht wurde. 
Ein Codex des 10. Jabrbnnderts, der nocb vor Kursem in Monte 
Cassino sub, n. 515 war, scbeint dieselbe Recension zu entbalten, 
uud obne Zweifel finden sicb deren in Italien nocb mancbe. Ver- 
cell V. L, I, p. LXXXVIL XCL XIX. P. /I, p, XVIII. 

Besonders b&ufig sind aus der angegebenen Zeit nocb Evan- 
geliarien erbalten, d. b. Handscbriften, welcbe bloss den Text der 
vier Evangelien mit angeb&ngtem PerikopenTerzeicbnisse entbalten. 
Seltener Bind die blossen Lectionarien mit den sonn- und festtag- 
]icben Evangelien. Der Text in denselben gebdrt je nacb ibrer 
Herkunft einer der bezeicbneten FamiUen an. Wobl das merkwUr- 
digste nnter den bekannten Bucbem dieser Art ist das zu Ecbter- 
nacb bei Trier aufbewabrte Evangeliarium, das von Kaiser Otto III. 
uud seiner Matter Tbeopbano der dortigen Abtei gescbenkt worden 
ist. Diese Handscbrift, die icb nebst den weiter unten bescbrie- 
benen gelegentlicb des internationalen arcb&ologiscben Congresses 
zu Bonn untersucben konnte, ist auf Pergament in gr5S8tem Folio 
zweispaltig durcbaus mit Goldbucbstaben in Minuskeln gescbrieben. 
Zu Anfong der vier Bttcber finden sicb blattgrosse oder zweiSeiten 
ftiUende Malereien in verscbwenderischer Anzabl, and der Deckel 
zeigt die Ereozignng in einer pracbtvoUenEIfenbeinscbnitzerei vom 
Ende des 10. Jabrbnnderts. Der Text zerf&llt, wie bei dem oben 
bescbriebeneu Manuscript, in Abscbnitte, deren Zablen nebst den 
parallelen Nummem der dbrigen Evangelisten jedesmal am Rande 



— 241 — 

angegebeu ist. Dielnitialea dieser Abschnitte sind s&mmtlich reich 
und kunstvoU in Roth gemalt; deiiTexten der einzelnen Evangelien 
gehen die Vorreden <les hi. Hierouymus and die capitulatio vorauf. 
Matthaus hat 80 Abschnitte (textuii)\ denEingang zum Ganzen bil- 
det a. der Brief dee hi. Hieronymas an Pabst Damasus: Novum 
opus facer e me cogis etc. ; h. Incipit Argumentum, c. Item incipit 
prefatio sett Hieronyml presbyteH' Plures fuisse etc, d, Incipit 
Epistola Eusebii Episcopi' Emebitcs Carpiano fratre etc. c. Die 
bekannten Verse : Quot Dni verbis constat perfectio legis etc. /. Die 
bekaiinte Kunonentafel in prachtvoU gemalter Bogenstelluug. 
Dann heisst es : Incipit Prologus in Evaiigelium Matthei. Als Probe 
von der Orthographic kann folgende Stelle gelten: 

Matth. T. X. Attendite ne iufticiam uram facia^if coram ho- 
minibuf' ut videamini abeif' Alioquiw mercedem non habebitif apud 
pairem urm qui in caelif eft' Cum ergo facif aelemofynam noli tuba 
canere ante tc ficut hypocritae faciunt in fynagogif dt in mcif ut 
honortfieentur ab hominibuf. Amen dico uobif receperunt mercedem 
fuam* Te auteni fiiciente elemofynam' nefciat finiftra tua quid fa- 
ciat dextera tua* ut fit elemofyna tua in abfcondito- Et pater tuuf 
qui videt in abfcondito redddt tibi' Et cum oratif non eritif ficut 
hypocritae' qui amant in fynagogif d' in angulif platearutn ftantef 
orare utvideantur ab hominibuf Amen dico ttobis' receperunt mer- 
cedem fuamr Tu autem cum orabif intra in cubiculum tuum' et 
claufo oftio tuo' ora pcitrem tuum in abfcondito* <S; pater tuuf qui 
videt in abfcondito- reddet tibi' 

Nur wenig jftnger ist ein anderer Eyangeliencodex im Domscbatz 
ZQ Trier, der dort die Nr. 139. ol. 20. ftihrt. Ueber seine Her- 
kanft scheint nichts bekannt za sein; nach dem reichen Deckel- 
schmuck in Email cloisonne und getriebenen Figuren byzantinischen 
Stils ist auch er wohl das Geschenk irgend eines Herrscherhauses. 
Der Inhalt desselben ist im Ganzen dem des Torstehend beschrie- 
benen gleich; doch fehlt die Epistola S, Eusebii. Der Text ist in 
Minttskeln fortlaufend ohne alle Absatze geschrieben ; die Einthei- 
lung in capitulay welche den Evangelien voraufgeht, ist am Rande 
nebst den Parallelstellen verzeichnet. l^ach jedem Evangelium steht 
die Zahl' der Zeilen : Explicit Evangelium secundum MtUtheum' ^habet 

Kaulen, Getohichte der VulgftU. \Q 



— 242 — 

i)er8us IIDCC. Eine Probe von Text and Oxthographie ist das 
Folgebde : 

MaUk, T, Xltll, Cum autem introiffet capharnaum* acteffit 
ad eum centurio roganf eum et dicenf' Dner puer meuf iacet in 
domo paralytieuf' et male torquetur Et ait Hit the Ego ueniam et 
curabo eum' Et refpondenf centurio ait' Dnc non fum dignuf ut 
intref fub tectum meum' fed tantum die verbo' et fanabitur puer 
meuf' Nam et ego homo fum fub poteftate' habenf fub me militef 
Et dico huic tutde' et uadit* Et alio veni' dt venitr Et feruo meo 
fac hoc ift facit' Audienf autem the miratuf eft & fequentibuf fe 
dixiir Amen dico vobif non inueni tantam fidem in ifrahel Dico 
autem uobif quod multi ab oriente & occidenie uenient & recutnbent 
cum abraham dt ifaac & iacoh in regno caelormn' FUii autem regni 
eicientur in tenebraf exterioref ibi erit flstuf <ft ftridor dentium' Et 
dixit the centurioni' Vade' A ficut credidifU fiat tibi' Et fanatuf 
eft puer in ilia hara. 

Ein anderes EvaBgeliarium ebenfalls aus dem 10. Jahrhundert 
besitsst die Trierer Domkirche unter Nr. 137. ol. 133. Der Perga- 
mentcodex zeigt den Text in Absatzen, wie die Handschrift yon 
Echternach und der Codex Fuldensis, mit Minuskeln gescbrieben. 
Yoraaf geben die Caaumes Eusebii, dann die Prefatio Sci. Hier. 
Presb.: Novum opus etc.\ hieraaf: Incipit Argum, Sti, Hieron. 
Presb, in Evang. Damaso Fapaer Sciendum etc, Weiter: Incipiunt 
Breves eiusdem, Diese Breves^ deren Matthaas XXIII z&hlt, v«r- 
treten die Stelle der anderswo angewandten GapiteL Die Ortho- 
grapfaie ist ziamlicb derjenigen der frUheren gleich; doch steht in 
dem 8. 241 angefahrten Text iustitiam, aelemosincnn, hypocrite^ 
ademosyna, reddet l^och mebrere Evangelientexte aus dieser and 
etwas spliterer Zeit sind za Trier im Domschatze and in Privat- 
besitz, andere im Schatze des Mflnster zn Aachen, je eines in 
Erlangen, in Mflnchen, in Ingohtadt, in Mari& Lyskircfaen 
zu Cdln, in Ehrenbreitstein, eines, aus Altenberg herriihrend, 
anf der Landesbibliothek zu BtLsseldorf ; flberhaupt finden sich 
noch manche handBchriftliche Ycdgatatexte ans dieser Periode an 
den StiftB- und Abteikirchen auB damaliger Zeit, wo sie oft bloss um 
des Einbandes willen bewo&dert, dfter aach gar niobt beacbtet sind. 



— 243 ~ 

Bemerkenswerth ist, dass alle diese Haadsdiirifteii in relativ reiner 
Latinitat geschrieben sind und in Schrift oder Sprache nur wenige 
Spuren des YHlg&rlatein zeigen. Dagegen sind die vulg&ren Formen 
ofter in spaterer Zeit hineincorrigirt ; so ist in einem der oben an- 
gegebenen Trierer Evangeliarien die Form abscondiius jedesmal 
ausgestrichen und von sp&terer Hand in abaconsua ge&ndert. Dies 
diirfte wohl als nener Beweis gelifn, dass Alcuins Sorge vor AUem 
da bin ging, den Text von sprachlichen Feblem und EntsteUungen 
zu s&ubern. Was den Schriftsog botriflt, so lassen die sp&te^n 
Manus'.ripte dieser Periode schon den Uebergang in die gothiscbe 
Minuskel erkennen ; so namentlich ein Lectionarium mit den Evan- 
gelien-Perikopen , das im Staatsarchiv zu Ddsseldorf aufbewahrt 
wird und wenigstens aus dem 12. Jahrbnndert stammt. 



16 



/ 



Correctorlen. 



Dass durch die fortgesetzten Bemtihungen einzelner 
Mftnner kein eiuheitlicher Text der lateinischen Bibel her- 
gestellt werden konnte, musste den tiefer blickenden Gelehr- 
ten des Mittelalters frdhzeitig einleuchten. Es h&tte ja auch 
ohne Wunder nicht geschehen k5nnen, dass der einzelne 
M5nch in seiner Zelle, bei wenigen, unzureichenden Hiilfs- 
mitteln, bloss aus richtigem Geftlhl genau dieselbeu Les- 
arten ausw&hlte, die ein anderer weit entfemter Forscher, 
der nicht mit ihm in Verbindung stand, fiir die richtigen 
hielt. Musterhandschriften , die als allgemeine Norm 
hatten gelten k5nnen, gab es nicht; denn abgesehen da- 
von, dass Alcuin's Recension tiber die Grenzen des franki- 
schen Reiches hinaus nur wenig Einfluss gewann, so 
ward auch diese, je ofter sie abgeschrieben wurde, desto 
mehr dem ersten Exemplare unllhnlich. Allein ware es 
auch m5glich gewesen, dem ganzen Abendlande etwa eine 
einzige authentische Abschrift des hieronymianischen 
Textes oder einer spatern Emendation als Nor- 
malexemplar zu bieten, so besass die Zeit nicht die 
Mittel dazu, dass man sich iiber die Annahme desselben 
verstandigte und bei der Vervfelfaltigung Consequenz er- 
zielte. So lange daher der vom achten bis zum zwolften 



— 246 — 

Jatarhundert eingehalteue Weg weiter verfolgt wurde, liess 
sich die Einstimmigkeit des . lateinischen Bibelwortes 
nicht bewirken. 

Im zw5lften Jahrhundert verfiel desswegen zuerst 
der Abt Stephan II. (Harding) von Giteaux auf ein an- 
deres Mittel. Dieser . hatte, wie er selbst erzS.hU, bei 
geinen biblischen Arbeiten ein altes Manuscript zn Bathe 
gezogen und war darch dessen Abweichungen von dfsn 
Texte seiner ilbrigen Exemplare sehr b^troff^n worden. 
Besonders war ihm aufgefalleji, dass die Fassung des 
altern Textes an vielen Stellen kttrzer als die der . 
neuern war ; eine Verschiedenheit, die nach d^m oben 
Ge^agt^en leicht zu denten ist. Offqnbar war jene 
ajte Handschrift ein Exemplar des - bieropymianischen 
Textes, das von den spatem Entstellungen nicht erreicht wor- 
den T^ar. Als solches hatte sie zu^ Zwecke 4er Textver- 
besserung gewiss das allergeeignetste Htilfsmittel geboten. 
Dean nachdem eini^^l die Uebersetzung de^ hi. Hiero- 
nymus allgranein eingefilhrt war, hatte die Kritik keine 
andere Aufgabe, als diese in moglichst annahemder Ge- 
stalt zu ennitteln. Stephan begnugte sich iedoch hiermit 
nicht, sondem glaubte grUndlicher zu Werke gehen zu 
miissen, indem er die Originaltexte zu Bathe zog. . Bei 
dem Neuen Testamente war dies leicht moglich, weil 
die Kenntniss des Griechischen nicht selten, und grie- 
chische Exemplare unschwer. zu haben w^ren.| Bei dem 
Aiten Testamente aber hatte die Aufgabe grossere Schwie- 
rigkeit, weil damals nicht so leicht ein christlicher Ge- 
lehrter aufzufinden war, der hebraisch verstanden ha,tte. 
Stephan wandte sich daher an einige bibelkundige Juden 
und liess sich von diesen bei alien Stellen, die eine 
Yergchiedenheit in den lateinisqhen Texten zeigten, in 



tMkzMiAther SpMche AQfiscUttSs fiber d«ii Sifiti d6s he- 
briidchen Oder chfUdfti»<;hen Originals gebeti. Zu seiner 
Verwundening iiberzeugte er Bich, dass die Aligaben df^ 
Juden &dt dttrchaud mit den Lesarten seines alien Co- 
del flbereinsHmmten, nnd no glaubte er endlich die Mittel 
m besiteen, um einen znterlilddigen Text der lateinischen 
Bibel h^teUett m kdnnen» Er nahm desswegen ein 
MrgftUtig geschriebened Exemplar der Kloster-Bibliothek, 
das aus vier Pergamentbftndevi in Folio bestand, and 
verbeftserte es theils naeh den mandlich erhattenen 
Angaben, theils ' hMh der alten Handschrift vomeinnlich 
in der Weise, dass er aDes im Hebraiscben nicht Yor- 
findliche ausradirte. Die so im Text entstandenen LQeken 
fflllte er abdichtlich nieht tad, nm die Abschreiber daranf 
anfenerksam m machen, dass die betr. WOrter nnd Verse 
^^Wdben tottssten. Das emendirte Exemplar erkiarte 
er dftnn mm Normalexemplar, an dem in Kraft des hi. 
Gehorsams niehts geSndert werden dftrfe, und nach dem 
fortan atte Bibelabsehriften in der ganssen Congregation 
angefertigt trerden soUten'). 

Dieses tJntemehmen be^eiehnet den Uebergang ans 
der maa^losen fim^datbon der Mheren Zeit eu einem 
andem geordnetem Verfidiren, Wir finden bei demselben 
namlidi swei Gesichtspunkte eingehalten, unter denen die 
gesammte Behandlung d^ lateinisehen Bibel ffir die 
n&ehsten drei Jahrfannderte betrieben wnrde. Der erste 
war, dass der Text der Yulgata den Bemnhungen 
Einzelner lentzogen und der Bearbeitung wie der Beauf- 
sichtigung ganzer Corporationen unterstelJt wurde. Wie 
nfimlich Stepban die von ibm veranstaltete Recension als 



1) Martiane^ Prokg. in Div. Sibl 8. Bier. VaU. IK, p. LXXI. 



— 247 — 

die noniukle fQr den Cisterzienserorden erklarte, so einig- 
ten sich in der Folge fast alle gelehrten Korperschaften 
in der Annahme einer bestimmten TeStesform. Der 
zweite Gesichtspunkt, der bier als geltend erscbeint, ist 
die Gontrole des lateiniscben Textes durcb den Original- 
text der bl. Scbrift. Eine solcbe war scbon zur Zeit 
der Itala vielfach ^eiibt worden; Hieronymus batte sie 
gefordert, Augustinus und Gassiodorus wollten sie als 
letztes Mittel ebenfalls angewandt wissen. Sp^ter aber,* 
als die Uebersetzung des hi. Hieronymus fiir die absolut 
riebtige gait, liefen alle B^niihungen bloss darauf binaus, 
diese in ibrer Urform zu ermitteln. Das letztere Ver- 
fabren war gewiss das einzig der Sacblage entsprecbende, 
das bei einer gesunden Eritik wobi zum Ziele ftibren 
miisste. Es batte bisher nicbt zum Ziele gefObrt, weil 
weder die vorbandenen Hillfsmittel, nocb der von densel- 
ben gemacbte G^braucb den Grunds&tzen der Kritik in 
jedem Falle entsprocben batten. Dem sollte jetzt abge- 
bolfen werden; ^enn so verschieden aucb die Mittel 
waren, die nunmebr in Anwendung kamen, so blieb docb 
die Absicbt dieselbe ; man woUte den urspriingUcben Text 
des bl. Hieronymus in mogUchster Reinbeit wieder ber- 
stellen. Bloss dazu sollte die Vergleichung der Original- 
texte dienen; d^m man biett es itr ausgemaobt, dass 
jede Lesart, die mit denselben stimmte, vom U. Hiero- 
nymus berriibre. 

War damit ein neues Hiilfsmittel gescbafifen, so 
sollte nun aucb die Metbode die Erbaltung der urspriing- 
Ucb hieronymianiscben Form sicbern. Hierzu wablte man 
den Weg, dass man alle vorbandenen Lesarteu sam- 
melte, sie kritisch beuirtheilte und so fiir die Abscbreiber 
nur die Walil der einen beglaubigten Lesart ubrig liess^ 



Eine solche Yarianten-Sammlung nannte man Epa- 

northotes oder Correctorium. Bei der Einrichtung dersel- 

ben ward ein doppelter Weg eingeschlagen. Anfangs suchte 

man eine Bibelhandschrift, die einen mdglicfast breiten 

Rand hatte, und schrieb auf den Rand, so wie zwischen 

die Zeilen alle Verbesserungen und Bemerkungen, die man 

fiir n5thig hielt. In solcher Gestalt warden entweder 

die ganzen Bibelhandschriften, wie eine Editio critica^ 

vervielfaJtigt, oder es warden die kritischen Bemerkan- 

gen in ein schon vorhandenes Bibelexemplar nachgetragen. 

Spater sachte man den so entstandenen Apparat allge- 

meiner nutzlich za machen, indem man bloss die hinzu- 

gefiigten Bemerkangen abschrieb und diese variae lecUones 

als selbststandiges Handbuch zur Verbesserung jedes be- 

liebigen Bibelexemplares verbreitete. Bei Abschrift dieser 

beiden Arten von Correctorien verfuhr man wieder in 

sehr verschiedener Weise. Selten warden sie wortlich 

nach dem ersten Entwurf wiederholt; haufig warden sie 

bloss excerpirt, je nach dem Gutdtinken^es Abschreibers, 

zuweilen auch noch erweitert, wenn einem solchen neue 

Hiilfsmittel zu Gebote standen. Als Quellen fiir derartige 

Bemerkungen dienteu neben dem hebraischen und 

griechischen Originaltext, und zwar in weit Uaufigerer 

Anwendung, die vorhandenen alten Handschriften , die 

Gommentare des hi. Hieronymus, die Itala, die sonstigen 

alten Uebersetzungen, die Schriften der Vater, die Olossa 

mterlinearia des Rhabanus Maurus, die Erklarungen des 

Walafrid Strabo oder Haymo von Halberstadt, und man- 

ches Aehnliche. Als Gegenstande der Correctur galten in 

grosserer oder geringerer Ausdehnung nicht bloss die 

Abweichungen im Worttexte, in den Wortern und in der 

Wortstellung , sondera auch die Rechtschreibung , die 



— 249 — 

Vers- und Satzabtheilung und die Interpunction. Man 
war auch bemtiht, gegen unberufene Aenderungen an 
Stellen, die dazu Gefahr boten, Vorkehrungen zu treffen, 
indem man z. B. bei ungewohnlichen grammatischen Er- 
scheinungen ausdriicklich deren Aechtheit bezeugte. In 
den grSsseren Correctorien werden die Bemerkungen ge- 
wohnlich zu formlichen Erorterungen tiber das Fiir* und 
Wider, wahrend in den spatem Ausziigen nur lakonische 
Augaben an deren Stellen treten. 

Beispiele konnen die Einrichtung solcher Correctorien am 
besten klar legen. So heisst es in einem Epanorthotes des drei- 
zehnten Jahrhunderts, ohne Text, ana dem einzelne Stiicke ver- 
offentlicht worden sind *): Gen. I. a. In principio' Aquila transtuUt, 
in capitulo. Item et tenebre super faciem abissi et spiritus Dei 
ferebatur hebr habet vayruca *) heloym v e* spiritus Dei' Si esset 
in textu spiritus Domini' kebr' haheret rucha adonai ')• kistoriae au* 
tern dicunt et hebraev quod quousque homo creatus est' Deus . nan 
estappellatus Dominus* sed Deus* et hoc habent antiqui- [scil, co- 
dices] Ambrosius in hexaemeron' spiritus Dei ferebatur ceP Syrus 
habet' et spiritus Dei fovebat aquas' i- e* vivificabat. — Matth. XVIII. 
d, in montibus' glossa' in excelsis' Alias tamen glossa exponit in 
montibus' Gregor etiam dicit super Luc quod ubi iMcas dicit in, 
deserto' edius evangelista dicit in montibus' quod nuiHus dicit nisi 
Matthaeus' Unde glossa, quae exponit in deserto' sumta est desuper 
Lucaer et ibi debet esse* non hie — Cant, Cantic. V, d. anima mea, 
liquefacta est- ut locutm est' Subauditur dilectt4S' Etsi cantetur 



1) Literarisches Museum. Erster Band. Altdorf. 1778. S. 30. 

2) Wahrscheinlich nach franz5sischer Aussprache ftir ver, eh 
weil das Correctorium einen franzosischen Verfasser hat- Inter- 
essant ist die Aussprache des Patach furtivum nach dem betr. 
Consonant. 

3) Yermuthlich nach Angabe der Juden, die adonai fUr TW^*^ 
lesen. 



— 250 — 

in eeclesia* non tameti est de textw quia kehraei et antiqui non ha- 
bent' aed i$Udligitur de versu praecedenti, — Job XIX. [in came 
mea videbo deum] scdvatorem mewmr hebr Jeron' Fhilippus* Qregor 
et omnes antiqui nan habent hoc enim quidam acioli appanunt in 
texiw quod videtur facere ad fidem et quia cantatur in ecclesia' sed 
si apponeretur iudaeis' statim exsuf/larent' quia non recipiunt' 
nisi quod habent, — ib. XXVIII, a. tempus posuit tenebris et uni- 
versorum finem ipse considerat' hie fit versus propter aUegoriam' 
gregor et libros antiquos' qui sic habent' sed ad literam melius 
punctat hebr sic universorum finem ipse considerat lapidem qwh 
qu€ cdliginis et umbram mortis ipse considerat' et dicit h^pr' lapi- 
dem cdliginis* r e* saxa in corde terras Uttentia' umbram mortis* 
infernum' et post indpit iuxta hebraeam literam loqui de dUa ma- 
teria scilicet de terra Sodomorum. 

Ganz anders, als diese aasfahrlichen Bemerkangen, sind die 
Noten in einem auszugsweise gebaltenen EponorthoteB *) 
Act* Ap* 9m cap, sarone 

et continuo ingressus in syna^g* 10m cap, 

gre[cum'\ nee m[odemi codd,] petrus in superiora' gre' nan 

hie hab' Saulus nee etiam paulus h€U>ent domus 
diseip%Ui noete gre' non hob' eius' per ter 

sed m* invenit 

et crediderunt multi in dom* gre* vos scitis usque ibi ad alieni^ 

non ?utb* dominum* alii m* in genam interrogatio vel affir- 

domino maUo 

tarsum secundum glo[ssam\ a4sumus* non 

lidde assumus 

invenit seleuciam. 

Das erste Correctorium, wovon wir wissen, ist das- 
jenige, welches an der Pariser Universitfit um das Jahr 
1226 angefertigt wurde; es wird haufig unter dem Namen 
Parisius oder correctio bibliae Parisiensis erwahnt. Wer 
es zusammengestellt habe, ist unbekannt; vermuthlich 



1) I c. S. 353. 



— 251 — 

war es eher das Werk der ganzen theologischen Facultftt, 
Oder doch einer Anzahl von Gelehrten, als die Arbeit 
eines einzigen Mannes. Wir kOnnen liber dasselbe ein 
bestimmtes Urthdl gewinnen, weil es in mehreren Exem- 
plaren bis heute erhalten ist. Zwar bilden die Exem^ 
plare, welche davon vorhanden sind, bloss eine Varianteii^ 
Bammlnng im Anszug; allein es geht doch aus manchen 
Umst&nden hervor, dass dieses Correctorium ursprtinglich 
in dner emendirten Handschrift der lateinischen Bibel mit 
Bandbemerkungen bestand. Der so hergestellte Text 
scheint, dem Ruffe der Pariser Universitfit entsprechend, 
ein hohes Ansehen und eine grosse Yerbreitung erlangt 
sra haben; es wurde sogar von dem damaligen Primas 
von Gallien, dem Erzbischof von Sens, formlich appro- 
birt und hiess desswegen auch Correetorimn Senonense. 
Roger Baco nennt urn 1266 diese Recension kurzweg 
das exemplar mlgatum ; dies wUre demnach das erste 
Mai, dass da: Ausdruck Vulgata in seiner heutigen Be-^ 
deotung gebraucht wurde ^). Wie der gedachte Text be* 
schaffen gewesen sein mag, ist auf directem Wege kaum 
mdglich zu erschliessen, weil die erhaltenen AuszUge 
dariiber kein hinreichendes Urtheil gewahreu; sicher 
aber ist, dass er in vielen Stiicken von dem jetzigen 
abwich. Ob er die alcuinische Recension znm Yorbild 
hatte, ist wegcn de« angefthrten Grundes. weder aus 
dem Correctorium selbst, noch aus den sonst bekannten 
Thatsachen zu erschliessen. 

Jedenfalls wurde die so entstandene Textesform von 
competenter Seite missbilligt, und hierdurch wurde bald 



1) Nam textus est pro maiori parte corruptus korribilitef in 
exemplari vulgato, hoc est parisiensi. Body h c. p. 4J^, 



— 252 — 

ein anderes ahnliches Unternehmen hervorgerufeti. Schon 
im Jahre 1236 hatte der Dominicanerorden, wie aus den 
Acten seines Generalcapitels hervorgeht, eine Com- 
mission ernannt, die mit der Abfassung eines neuen Cor- 
rectoriums beaiiftragt wurde ^). Dies war hauptsachlich auf 
Betreiben des damaligen Ordensprovincials Hugo von St. 
Caro geschehen, und die Arbeit, welche zw5lf Jabre in 
Anspruch genommen hatte, erhielt desswegen nach diesem 
gelehrten Manne ihren ^amen. Bald aber ward dieselbe 
nngentigend befunden, und Hugo gebot die Anfertigung 
eines neuen Correctoriums. Mit der VoUendung dessel- 
ben wurde das erste iiberfliissig ; ein neuer Ordensbeschluss 
setzte es daher ausser Kraft ^). Der nunmehr fixirte 
Text fand Beifall. Dass derselbe sogleich in die litur* 
gischen Biicher des Ordens eingefdhrt wurde, t geschah 
einer sehr nahe liegenden praktischen Mcksicht zu Liebe ; 
nach dem Corporationsgeist aber, der damals noch mehr, 
als heute, die Orden beherrschte, wurde die Recension 
des Textes auch fur alle dem Orden gehorigen Bibel- 
handschriften obligatorisch erklart. Auch als die Pariser 
Correction von dem Erzbischof von Sens flir Gallien ap- 



1) Martkne, Thes. not), anecd, torn, IV, p, 1676. (Acta capituii 
generedissimi Parisiia celd>rati a. D, 1236) n, 34. Item volumus 
et tnandamuB, ut secundum correctionem quam faeiunt fratres, qui- 
hu8 hoc inhmgitur in provincia, aliae biblieie ordinis corrigantur et 
purgentur, 

2) Unde cum ad duodecim annos praedicatores redegerunt cor- 
rectionem in scripturis, iam venerunt alii et novam ordinaverunt 
correctionem, quae continet plus medietate unius hihliae; et quia vi- 
dent se errasse in antiqua correctione, iam fecerunt statuta^ quod 
nuUus ei adfiaereat, Fr. Bog. Baco, op, maj, ed Jehb. p. 49. 



— 253 — 

probirt worden war, blieb der Dominicanerorden bei 
seinem Beschluss, wie dies eine ausdrfickliche Emeuerang 
desselben auf dem Generalcapitel von 1256 zeigt '). 
Demnach hiess das neue Correctoriuin allgemein das 
der Prediger oder der Dominicaner, oder auch wie 
das frflhere, das dea Hugo von St. Caro. Ueber seine 
Beschaffenheit sind wir genauer, als fiber die des Pa- 
riser, unterrichtet, weil es noch in mehreren Handschrif- 
ten voUstandig erhalten ist. Selbst das Originalexemplar, 
das auf den Rand einer Bibelhandschrift in vier Folio- 
bfinden geschrieben ist, existirt noch auf der kaiserlichen 
Bibliothek in Paris, wohin es aus dem ehemaligen Do- 
minicanerkloster daselbst geschafft worden^). Die Ab- 
schrift der Bemerkungen allein, bald ausfeLhrlicher, bald 
kilrzer, iindet sich zu Rom in der Vaticana, zu Leipzig, 
zu Nlirnberg, zu Prag, zu Turin, in der bodlejanischen 
Bibliothek zu Oxford und gewiss noch an • mehreren 
Stellen^). Die Textesrecension, welchedurch dieses Cor- 
rectorium gewonnen worden, ist insofem von Bedeutung 
geworden, als die grossen Gelehrten des Predigerordens, 
wie Albertus Magnus, Thomas von Aquin, Hugo selbst 



1) L, c. p. 1715. (Acta capituli generalis a, D. 1356 Paristis 
celebrati) n. 23, Item correctiones bibliae Senonensis non approba- 
mu8 nee volumus, quod fratres innitantur illi correctionu 

2) Vercellone, Diss, Accad, p, 46. 

3) S. dartiber Vercellone h c. p, 47. Acta Erud. Lips. 1690 p. 95. 
Catpzovii Crit s. p. 2, c. Vly §. 5. Liter. Mus. Erster Band S. 13 ff. 
BosenmuUer, Hist, interpr. Ubr, sacr. p. 5. p. 239 s. Der Xi- 
tel des Leipziger Exemplars ist Liber de correctionibm n^wis super 
biblia ad sciendum, quae sit verior et communior litera, [opera] re- 
verendissimi patris et domini D. Hugonis, sacr. rom. eccl. presb. 
card. ss. theol, profess, et de ordine praedica^orum. 



— 254 — 

und so manche Andere ihr gefolgt siad^). £$ i»t ab^ 
irrig, wenn sie als Erneuerung der alcoinischen Re- 
ceasion ausgcgebeu wird')- Deim die Vorrede fuhrt ate 
Grundlagen der vollzogeneo Gorrecturen auseer den Com- 
mentarea des hi. Hieronymus uud dem hebraiBcbeo Texte 
ausdrucklicb die Handschriften an, ^uae etiam ante ietn^ 
pora Karoli magni mscripta fuerani. Es lag also daa 
richtige Bestrebeu zu Orunde, den acbten Text des hi. 
Hieronymus zu erniitteln, wie dies auch die Vorrede 
deutUch zu versteben gibt^). Dass die Verfasser des 
Hebr^scfaen nicht unkundig wareu, lasst sicb wobl aus 
maochen Bemerkungen schliessen; dagegen stawoien die 
Noten, welche sicb auf die Septuagiuta, auf Aquila, Sym- 
macbus und Tbeodotion berufen, aus deu Scbrifteu des 
hi Hieronymus*). 

Der Franziscanerorden wollte hinter den Domini* 
canern nicht zurlickbleiben und liess auch seinerseits ein 
Correctorium verfa^sen. Dieses scheint jedoch weniget 
Einflufls gewonnen zu haben, als die beiden bereits ge- 
nannten. Eine Abschrift davon findet sicb auf d^ Tii- 



1) In d^r Turiner 5ibliothek ist eiuelateinischeBibelliaadschrift. 
welche das HandexenplAr des hi. Thomas v. A^uin gewesen sein 
soil; dieselbe hat den ein&chen Text, aler die Vorrede z\x dem 
Gorrectoriam Hugo's. Vercell, I. c. p* 47. 

2) Dies thut Lucas Brugensia und joach ihm Hog £inlJ. S. 423. 
S) Ife^e mm, f/^ didt Jeronymua, sic nova cudimus, ut Vetera 

d08trt4€mu8, $e4 magis Vetera statuentes guaedam nova vitw scriptQ- 
rum de glossis et postiUis in textu insarta vel etiom primer guorun- 
dam imperitiam .... depravata non nostra, Bed aiiorum viaiorum 
autoritate resecanda mon^tramt^. 
4) Lit. Mus. Erster Bdi»d. S. IB. 



— 255 — 

binger Universitatebibliothek '). Die Carthauser batten 
ein anderes, in dem der alcuinische Text wiederherge- 
stellt war; ob aber dieses aus ihrer Mitte hervorgegan- 
gen, Oder ob es von den Franziscanern heriiber 
genonunen war, lasst sich nicht ermitteln^). 

Noch ein Correctorium, das wichtigste von alien, 
wurde im vierzehnten und ftinfzehnten Jahrhundert an 
der Sorbonne zu Paris aufbewahrt, und man glaubte 
desswegen lange Zeit, die Sorbonne babe ebenso, wie 
die oben genannten Orden, selbst die Anfertigung eines 
Correctoriums besorgt. Sicheren Nachrichten zufolge be- 
stand jedoch diese Variantensammlung , aus der Vereini- 
gung des von den Domiuicanern angefertigten mit einem 
andern Correctorium, das von alien bisher erwahnten 
ver^chieden und durch keinen bestimmten Namen kennt- 
lich gemacht ist. Ob. dieses jemals bei einer Handschrift 
der lateinischen Bibel angebracht worden ist, oder ob 
ein solches glossirtes Exemplar noch existirt, lasst sich 
bis jetzt nicht angeben. Die blosse Sammlung der Be- 
merkungen aber findet sich in der Arsenalsbibliothek zu 
Paris, in der Markusbibliothek zu Yenedig, in der 
k. k. Bibliothek zu Wien, in der Universitatsbibliothek 
zu Turin und zweimal zu Bom, namlich in der Vaticana 
und in dem Collegium di S. Carlo a Catinari^). Ueber 
Ursprung und Verfasser dieses hochst bedeutenden Wer- 



1) S. Hug a. a. 0. 

2) Lindanm de opt. script, interpr. gen. III. 3. bei Hag a. a« 
0. Das ztterat im Jahre 1608 (ia 4 mit gothischen Buclistaben) 
gedruckte Werk des Domiaicaners Magdalius Jacob, das sich aof 
dem Titel Correctorium bibliae nennti gahdrt in keiner Beziehong 
hierher. 8. dardber Liter. Mas. Bd. I. S. 10. 

8) Verc, Diss. Accad, p. 48. 



— 256 — 

kes lasst sich nichts Anderes mit Sicherheit sagen, als 
(lass der letztere ein Franzose gewesen ist; dies geht 
aus einzelueu Bemerkungen hen or, in deuen er das Fran- 
zosische des Mittelalters mit dem Ausdruck sicui didnius 
zur Verglcichuug heranzieht '). Nun aber steht in einem 
uns erhaltenen Briefe Baco's die Angabe, dass zur Zeit 
dieses Schreibens, im Jahre 1267, ein Gelehrter lebe, 
dessen Name er nicht nennt, der aber theils wegen 
eminenter Sprachkeuntnisse, theils wegen vierzigjahriger 
Beschaftigung mit der hi. Schrift das geeignetste Mittel 
bilde, um eine verlassliche Textesrecension der lateini- 
schen Bibel herzustellen '). Vercellone hat ziemlich wahr- 
scheinlich gemacht, dass von diesem ungenannten Gelehrten 
jenes eine noch vorhaiidene Correctorium herriihre, und 
dass dieses somit kurz uach dem der Dominicaner • ent- 
standen sei. Letzteres wird von ihm in jeder Hinsicht 
iibertrofifen; denn es vereinigt wirklich alles Material in 
sich, das die Bildung damaliger Zeit liefern konnte. Ver- 
cellone, der es genau untersucht hat, sagt daniber: „der 
Verfasser vergleicht den ihm vorliegenden Text der la- 
teinischen Bibeltibersetzung mit drei Klassen von lateini- 
schen Codices, namlich mit neuern (moderni)^ altern 
(antiqui) und altesten (antiquiss'imi). Aeltere nennt 
er diejenige, welche Alcuin's Recension euthalten; die- 
selben ftihrt er manchmal auch unter dem Namen Biblia 
Caroli Magni an. Die §.ltesten sind ihm diejenigen 



1) Deut XXXIII, 8, sciendum, qtiod hie ponitur artlcuiusy si- 
cut est le tel al in gaXlico, quod non solum cUUtvo, sed etiam ge^ii- 
tivo inservity sicut diceremus la chape, le meatre, atve al 
mestre. Verc, I, c. 

2) Hody a. a. 0. p. 430. 



— 257 — 

Handschriften, welche vor dieser Emendation geschrieben 
worden: exemplaria ante tenepora Caroli scripta; darunter 
nennt er Biblia Gregorii M, '). Da . er jedoch zum 
Unterschiede von Vielen seiner Zeit anerkennt, dass der 
Urheber unserer Vulgata kein Anderer, als Hieronymus 
ist, so beraiiht er sich rait seltener Sachkenntniss, nicht 
bloss die Latinitat des hi. Lehrers einzuhalten, sondern 
auch einen von vielen Andern begangenen Fehler zu ver- 
meideu; diese namlich waren der Itala oder auch dem 
griechischen Texte gefolgt, um die heutige Vulgata zu 
emendiren, und hatten damit nicht geringe Verwirrung 
angerichtet. Aus demselben Grunde will er nichts 
auf die Citate der lateinischen Vater geben, welche der 
Itala gefolgt sind, noch auf die Stellen aus letzterer, 
welche in der kirchlichen Liturgie seiner Zeit erhalten 
waren ; vielmehr notirt er die Missgriffe Anderer, die nicht 
nach solchen Grundsatzen verfahren waren. In Folge der 
Collation nun, welche ich bei den besten und altesten 
Vulgatahandschriften, die es gibt, namlich bei dem Co- 
dex Amiatinus^ dem Vallicellianus und dem von St. Paul 
extra muros vorgenommen habe, kann ich versichern, 
dass unsere Handschriften in demselben Maasse sich an 
die in unserm Correctorium adoptirten Lesarten an- 
schliessen, als sie sich durch Genauigkeit und Alter 
empfehlen. Wo ferner die lateinischen Handschriften 
einen Zweifel bestehen liessen, hat unser Verfasser die 
hebraischen und griechischen Originalhandschriften zu 



1) Vercellone vcrsteht darunter die vonGregor nach Britanuien 

> 

geschickten Bibein; vielleicht ist aber darnnter der Codex Amiati- 
nm zu verstehen, der nach einer unverburgten Legende von Gre- 
gorys eigener Hand geschrieben sein soil. 

Kaiilen, Oeschichte der Ynlgata* \'J 



— 268 — 

Bftthe gezog^; uud er unterscheidet erstere uijckt bloss 
in alteve und ueuerQ, sonde^n auch in franz()sische imd 
spajoisohe; selbst die chaldaische Uebersetzung* vergi^t 
^r nicht zu befragen .... Ich rede nicbt von den Ci- 
taten, die er ausi rabbinischen Sehriften anftthrt, nicht 
van den Citaten einz.elner Worter aus dem Evangelium 
de$ hi. Matthaus, das er im hebraiscben Te^te las; auch 
nicht YoijL den. Anfuhrungen aus vielen lateinischen Schrift- 
stellei:n, die von Hieronymua an bis zur Zeit unseres 
Verfgfss^rs lebten, AnftihriTngen, die oft nicht ohne Wicb- 
tigkeit sind und imiaer von der ujiglaublichen Erudition^ 
d^j^, ihm zu (Jebotfi stand, so wie von dem richtigen Ur- 
thi^il, Yf<omt er. dieselbe j^nwandte, Zeugni^s ableg^n"^). 

Di. dieses, Corre^^toriom die Hohe der damaligea BlbelwiEksen- 
schaft. bezeiqbnet, so folgen Mer ausfulirlicliere Mittbeiluugen 
daraus, welche dem zweitenBande von Vercellone's Variantensamm- 
lung entnommen sind. FUr das Yerst&ndniss ist zu beacbten, dass 
Septuaginta in graeco die griethische Uebersetzung des A. T., iS^ep- 
tuaginta in latino die Itala bedeutet; notula ist ein &Herea Gof- 
rectoiiunt; liitera heiflsti Les«rt 

JoEi, liljIX, 4^, Hp^c est posfies.8ip tribm fiLiorum -^a» etc. — 
Antiqui et novi et h^bmem et graecus legunt „tribus JUiorutn DanJ' 
AJii quod dictum est „tribus/^ adhaerentes hebraeo nwdemo auferuni. 
Sed postea inveni antiques hebraeos. gallicanos habere ; item postea 
invent exemplaria hispana habere, Sed iterum ne novitati codicum 
hebraeorufn adscriberetur, invent quod dicitur ,^tribus*' in graeco de 
LXX; unde propter solum hebraeum modermim nullatenus de libris 
nostris aliquid mutare debemus. 

Bicht. IH> 2^ [Aodfi- per posticum egressus est. — Perfiius.: 
Occipiti caeco, posticae occurrite sannae, Glossa: Antiqui posterio- 
rem portam templi ^^osticam^" antertorem „a/nticam^* vncaverunt^ quod 
ad posteriorem et anterior em hominis partem translatum est. Biblia qua 



1) Diss, Accad. S. 53. 



— 259 — 

magnm Gregoriua utehatur, hanc ipsam habet lUteram, Papias: 
postica est humle ostium per quod exeunt, Guldaricm exponit hanc 
lit^am dicens : postica eat paroa ianua post tergum domus laiens. 

% Kon. ly 6. Et ait adolescenSy qui nuntiabat ei\ al. narrabat, 
*- Decor atw watio idem nan penitus eadem voce, sed eodem sensu 
repetendo; unde pro ^^narrabat^^ nan dehuit rursum poni ^nunQia- 
bat,^^ quasi istud habei'et fiehraeu^-y nam 1 Beg, XIX. jyUuncios^*' 
etiam ,^atellites** aliqaotiens, nonnuitiquatn „lictores^^ vel ,^pparito- 
res/' pluries „nuncios^* transfei^t. Primo ergo hie ponit ,^iunciabat,^^ 
deinde „uarrabat,^*' postmodum etiam ,,nunciaverat^^ 

Ebend. V. 18. Et praecepit, ut docerent JUioa Juda arc am etc, 
— Antiqui legant: „etpraecepit. ut docer&nt filios iudaeorwn, sicut 
sc^ptam est m libro iustorwn: Inclyti,. Israel ete.*^ Hie incipit 
threnu»; huic autem litferae, quae non lukbet nee y^cum^^^ tiec ,^to»- 
ctt0nj*^ attestatur muHtun^ hebraeo adhaerere consuetus graecuSj qui 
nihil habet de iis, Sed tamen dicit sic: ut docerent filios Israel et 
Juda^ (ao A.qttila und einige Codd. bei Hoknes uud Parsona), sictd 
seripttum est in libro iustorum: et dixit: Inclyti^ Israel etc, (dies 
wahi'scheintich nach der Itala). Unde secundum Utteram twn grae- 
corum, quam latinorum antiquorumsupplendum est resumendo ^^lan- 
ctum" de superior ibus; „planotum^^, inquam, „docerent fiiios Israel et 
Jtida^* sive ^ filios iudaeor.um^*' Hieronffmus (d. h. der Yexf. der 
i^uae.\tt. hehr, in LL. Regum) habere dicit hebraeum hane litteram: 
yfEt dixit ut doceret filios Juda arcuni,'* quod exponens ait: „Et 
dixit tit doceret,^* subaudi Deus^ „arcuirt/' id* est, foi'titudinefu esse 
in titnore Dei, quod patet in casu Suul quofidam electi Domini et 
optimi, Putarem quod antiqui habent ,filios iudaeorumy^^ quoniam 
easet error scriptorum, ab eo quod fiUt , filios Juda^ arcum ;*.' 9od vi- 
deo alias et dwersas Utter as. Communis enim^ haUeU ,^r€U!cepit,^^ 
haee habet ^ydixit;^^ cmn»\ums hahet ,,idocsrent,^ haee^ habet „doceret,^' 
quia utiru'mque potest sigmficare. heh^a^usy quod^est ^fid docefidum,'^ 
Dicunt tamen, quia ivti ceciderant ictibus sagittmum, David prae- 
cipere filios Judae doeeri de arte, sagittandi, Quaenam mdetwr ista 
consequential ut exordio Hireniy postq^tam. di^^at:- ,^Planxit autem 
David plancttmi huiusoemadi^'^ subiungatur ^,sicut seriptum est, itt 
dooerjmt. filioe^ Judaf*^ artem sofiittandi,, el static incboetlbrefmm 

17* 



— 260 — 

8ic\ „Inclyti, IsraelJ^ Quod si aliquando erat ilia docfrh a d'ier- 
minanda, consequentius videhatur, quod sicut docti paene ante tern* 
pora nostra quasi glossando apposuerant ,,planctum,^^ ihi dimitteretur 
potius quain litteram hebraeorum ante tempora translationis Htero- 
nymi in textum interserere Ubrorum, qui per septingentos annos 
ita cucurrerant. Quod si cap, XXX. libri 1 Begum dicebas Hiero- 
nymum dicere quod hebraeus hdbet f,qui iussi remanserant^^' nee 
tamen propter hoc veram litteram, quae est „qui lassi substiterant^^ 
mutavisti, quare hie similiter non fecisti? Sed Hieronymus exponit, 
inquiunt, Exponit quidem, sed ut litteram hebraeorum, Nonne 
etiam ubi dicit Hieronymus non bene habere latinos codices, illam 
tamen litteram^ immo mtdtas tales, nullus atisus est immutare? "Re- 
quire Gen^XXIU, (16,) et in 1 Beg, XXV, (2) et 2 Beg, XIV, (26,) 
Sed dices, quod Babanus exponit, Sed non recolis, quod Bcibanus 
nuUi litterae hebraeae, quam exponit, vult praestare auctoritatemy 
ut ipse in exordio testatur? Septuaginta autem etiam in latino nee 
de „arcu/* nee de planctu habent aliquid, sed sic: „Et docuit Israel 
et dixit: curare, Israel.*' Quod autem ante threnum, hoc est ante 
hoc verbum ^jlnclyti," interponitur sic: ,^ ait: Considera, Israel, 
pro his, qui mortui sunt super excelsa tua vulnerati,^* nee hebraeus 
nee antiqui habent nee graecus. Quod si Babanus glossavit, non 
praestitit auctoritatem ut textus esset; mtdto magis si postillator. 

Ebend. V.^6: Amabilis super amorem mulierum etc, — Post 
hoc, scilicet „super amorem mulierum,'^ versus expositorivs subiun- 
gitur in textu, quern tamen hebraeus non habet neque graecus : ^^Sicut 
mater etc.'^; tamen est de textu (ibsque ccdumnia, Bequire infra 
XIII (21). 

Ebend. Ill, 26: Beduxit eum a cisterna Sira, — ,ySira** primi- 
titmm est et totum hebraicum et ideo in fine acuendum. Derivati- 
vam enim,,syray" quod est femininum huius nominativi : y,syrus," in 
hebraeo dicitur „aramiay*^ qudliter accipitur 1 Tared, VII (4) „c(w- 
cubina syra,^* sicut syrus dicitur „arami*^ et Syria ,,Aram," 

Ebend. V. 29: et leprosus et tenens fusum etc, — y,Et leprosus, 
tenens fusum ;" debet moruHa iniici inter duo adiectiva, quia hebraeus 
habet ibi copulativam coniunctionem; sed ut dune decentius essent 
citae clausutae cum quadam resumptione spiritus, antiqui carent ea 



— 261 — 

in medio \ sicut Jos, XI (1) „in montanis ei campestribua, in mari- 
timis ac littore magni maris,^^ sic et hie. Sic Dan. XI (33,) 

Ebend. lY, 4: habuitque vocdbulum Miphiboseth, — Graecus 
vocat Miphiboseth ^JDilemphibiMl" et Isboseth vocat Memphiboseih* 

Ebend. Y. 5, 6: Ingressi sunt autem domum latenter Msurnen- 
tes spicdLS tritici etc. — Tritici assumptio spicarum quas quasi pro 
benedictione portabanty fuit occasio intrandi ; propter quod antiquiy 
ut ptUo, interpretes priu9 ordituxnt de assumptione spicarum, ut 
supra posita littera ostendit. Novi nimis hebraeo adhaerentes sic 
ponunt: ^Ingressi sunt autem domum latenter assumentes spieas tri- 
tici,^^ Hebrae^8 noster nihil hubet de ostiaria iUa, Septuaginta 
[in latino] dicunty quod „08tiarius purgdbat triticum et dormitabat;" 
in graeco tamen sonat in feminino genere sicut in nostra translor 
tione. Nihil tamen habet de assumptione spicarum. 

Ebend. Y. 11: non quaeram sanguinem eius de manu vestra 
etc, — ,ynon quaeram*^ interrogative legendum est, hebraeus enim 
habet j^nonne,^ ubi latinus habet ^^non,^' 

Ebend. Y. 12 : praecepit pueris suis etc. — Hebraeus et antiqui 
non interponunt suis. 

Ebend. Y, 23: et venies ad eos ex adoerso pyrorum^ — Pro 
y^rorum*^ Hieronymus dicit hebraeum legere ^flentium.*' Quemad- 
modum supra dixit hebraeum non habere j^praemium,^^ et habere 
yyintrabit in domum^^* et tamen quod dicitur „praemium/^ et quod 
dicitur „templum,*^ ibi refnansit, ita et littei'a quae est y^rorum^*' 
debet stare. Sed cum essent idola combusta^ quamodj dicitur X Pa- 
red. XIVy 12, non videtur hie debere esse yjlentium.^^ Graecus hie 
habet fyKlaithmos*' (KXaM^fi&vot),id est ,Jletus,^^ in Parol. ,fKleonton^^ 
(nur in wenigen Codd.) id est j,flentium.^* Verumtamen notula su- 
per iis inter correctiones litterae /omentum erroris est, quia faeit 
destrui Htteram communem. 

Ebend. YI, 12 : Abiit ergo David et adduxit arcam Dei etc. — 
Secundum hebraeum et antiquiores et satis antiquos non legitur 
quod sic solef interponi : ,yDixitque David: ibo et reducam arcam 
Dei cu9n benedictione Dumini in domo mea,*^*' neque id eU de textu, 
pro quo graecus (d. h die Itala). habet \ „Et dixit David: convei- 
tarn leuedictlonem in domum meam*^* ^nod sequilur in qui-. 



— i^i — 

hu^datn Ubrisi „et ttant cum Datnd ttc^^ fi&n t9t tie textu, (H 4e 
graeco "sumptmn eift, seu de LXX. 

Ebrtend. Vn, W: queni tmmi a fcKsit mta, ^ Ihhrtitus^ iwqniunt^ 
habet ^,iua;** habet quidem modernus. 8ed ponanmSy qmd tt antt^ 
qms, ttequire Exod. XXIX (He) ti Jot. XXH (IT) tt XXIV (27), 
i^uanibque pi%ma pro secwnda ptrsona Mterpres utitur, »W con- 
grwit. Qu9d enim htc ditifur „fw?<t,** muito tst p)*avtti9, qnam st 
dicahvr „ftiw.'* 

fibend. 19: Domine Deus, — Hie et supra (V. 18) haibetvr 
in codicibus approhcttis hoc prottomen y,fneus f* nee poUfft atvipi de 
hehrc^Oy nisi in hoc nomine ^^Adonai/^ quod tantum importat, quan- 
tum damnantes ,,meus^* vd „mei^ quoad suptrfieiem littepoe; ^oad 
Internum vero sensum, quantum ad hoe derivativae ptrsonae et nw- 
men damnantur, Gfaeoas proinde hobet ^Kpriemiou*^ id est „Do* 
mine mi;^^ sed tt ipsi LXX ht^etit „wett«." * 

Ebend. 28: gentem et deum tius, ^ ^Oentetn et dec eius'^ 
editio vidgata, quam Hieronpmus recifat, hahebat „gentem et deum 
et«»;" littera de htbraeo, ut dicit Hieronymus, est y^gentHbun rt diis 
earum;^^ LXX „dtt« et tabernactUis^* (vielmehr gentes et taberna- 
cuhij ^^^HN *t'k*t Vrfti^)- Pfitet ig^r, quod modo Uttera Hierontf- 
mi est i^ente et dto-eiu^*' setundum trantOatiimem Hieronymi, quam 
hed>emus. Unde ex utraque parte fcdsum est, quod diCit notulaj quxfd 
titfera Hieronymi est y^gentem et deum tius;'*^ mlgatae tnim trans*' 
lationis erat, de qua disputabat, 

£b«lid. 28: Domine Beus, tu ts Deus etc, ^ Quod dicitw^ 
prima ,,Deus,^^ invocatio est ietragrammaton; quod dieitur in prae* 
ditato fjDeus,^ idem est, quod y^Hdoim*^ 

fifoend. yni, 9: Audivit auiem Theu, rex Emath ttt, «— Gen^* 
rMiet tone de isto Thou, quody sicut per septingentos mnos fuit in 
libris apostolicarum sediMn, per u finalem debet scrihi apud latinos, 
fiieron^mus autem dicit j quodTkoi scribitur apud iudtteos', (ft sicut 
dHae. litterae remanserunt ihtaetae, ita debet esse ista, Bequire supra 
1 Eeg. XXV (2) et XXX (13, 21) et 2 Meg, I (19), V (24). mm- 
quid in nomine EKechiel quia hehraeus nmi habet ioth penuliimam 
vocaiem, sed dhit Jettechel, Auferemus earn, attt a de medio JoaHham^ 
quia hebraem non habet nisi Joiham, aut in nomine Isadiar apjtO" 



suht M^c, 

Ebend. Id: Jiostis qUippe erat Thdii A9arigz)Br kte. — iVb- 
hda tllay quae dibit quod hebiineus non hdbet ter)sum hukt : „£foatv^ 
quippe erat Thou Adarezer^^*^ falaa est; sed latinus posuit ,yha8tis'^ 
pro „t?*> pr<»slioru)/H',^*^ qada istud in hebraeo dbscfdritis dmebktUr, 

m 

Ebend. IX, 11 : Miphiho^eth cornedet super memam meam etc, 
— ^^Mensam tudm ;^^ dfcit Hieronpmus, ^uod hebtaetis habet ^^mean^^'' 
et quod post illud Sibae quod finivit ,\servo ffto,*' snpplendttm sit : 
,yDixit^e David,^^ ui iiide sequatur : ^^Et Miphibd^eth nami^dei super 
inensam matiHi/' Patet i§fitnr, quoniam iHter^ries propter obseu^ta- 
tern fugiendam poiuit ibi ^^tuam,^^ ut continwxtis rcspmsiefnibus «e* 
cufkdum contenieHtiim 6ibii verba regis recitaUdo diideret f,tiiam.^^ 
LXX de hoe difficuHcvte se expedientes po9uerUnt „super men$am 
regis^^*' quod in graeco et in latina patet interpretatione de LXX. 

Ebend. X, 10: iradidit AJbisai fratri suo etc, — ^yAbisai;^* died 
HieronymuSy quod nomen Abisai hie amittit ioth litteram/ quod fue- 
rat intelligendum apud hebraeos^ sicut et ipse dicit\ in quo ihterpres 
graecus eos sequitur~ ('k^tttita)^ non apud Idtihds. ^ed et a)^kidqit6S- 
dam taht'A^ hihrtceos, noH apuA (yrhli/tds, Eebraei inim^ quos fHiH, 
h^eiii ibih ih jfinlp, bt mfi^i Viomi etiain et ^oti Usque Od istaki 
iAUtat(oH^M haifeHt 4 U ^fSie acm^is, Hiapa^icum etiam ekemplar 
vi€Pi^ ^w aiiferibditur io^ de medio n6n de fine, hie dioem: fyAbsai.^^ 
Tu autem observa eanonem latinorum, Miror autet», quare mutasti 
nomen barbarum apud nos propter traditionem hebraeorum de litte- 
ris suis, et litteras sententiosas non mutasti Gen, XLIX (6) f,mu- 
rum<' 1 Beg, XIV (35) „primum'' XXf (2) Jn soUtudinei^' xitk 
(21) ,,lassi,^ non posuisii „*«*«*;" et simim Xt (i) y^quo koterk^*^ 

B Eon.V, Id: septuagintami(ii!att¥d'my q^ithteYd ^o¥ti^M^ <^c. 
^JAvXii dniiqki pi-o ,,eorum^^ habent nequorum;*^9^d ih 2 Pdrdi, IL 
(S6) dicitur, quod SeptUttginta millia brant eorum, qiH prbprii^ onerd 
poftabafit humeris; et hebraeus et biblia Ghregorii MagfH, qua ute* 
batur, habent ,fiorum^\ non ,,equorum;^' et historia scholastica con* 
cordat, et etiam Rabanus habet y^eorum\^^ sed nee LXX de eqiiia 
faciunt mentionem, 

Ebend. VI, 29 : Et omnes purietes templi per circuiium scul* 



^ 264 -r 

p»it etc, — Antiqui nan habewt ,^8culpere/^ sed ^scaipere'* per a VO" 
caJem in prima syllaba^ et f^scalptura ;^^ inde f,8calprum" quo seal' 
pitur^ idetft celtis, et inde ,,8C€UpeUtis^^ Jer, XXXVI (23) TamenLXX 
habent sculpere et sctUpturas per u in prima ayllaba, et taliter 
infra, 

4 K5ii. XY, 19 : Veniebat Phul rex Assy riorum in terram etc, — 
Multi pro f^terram^^ et pro „terra** (v. 20) habent ,,Thersam^* et 
„Thersa;" sed Jiebraeus et LXX tarn in graecoy quam in lutino, et 
per hoc intelligo de aniiquo hebraeo, et^ si bene recolo, biblia qua 
magnus Gregorius utebcAur, habent primam litteram. Quia igitur 
in tali casu cum tot testimoniis similitudo dictionum apparet, pri- 
mae adhaereo. • 

Aus allem Gesagten lasst sich schon entnehmen, 
welche hohe Bedeutung filr die Geschichte der Vulgata, 
wie fiir das gesammte Bibelstudium diese Correctorien 
hatten. Gewiss ist es, dass seit Hieronymus nichts 
Wichtigeres fiir den lateinischen Bibeltext geschehen 
war. In unserer Zeit haben die erhaltenen Correctorien 
einen noch grossern Werth, als sie zur Zeit ihrer Ent- 
stehungen haben kdnnten; denn sie bieten uns in vielen 
Bemerkungen die Lesarten uralter Bibelhandschriften, die 
jetzt langst verloren sind. * Dies triflft nicht bloss den 
lateinischen Text, von dem aus dem sechsten Jahrhun- 
dert nur eine einzige voUstandige Bibelhandschrift erhal- 
ten ist, sondern auch den griechischen, fur den aus den 
verschiedenen Correctorien eine reiche Nachlese zu den 
bekannten Lesarten gesammelt werden kann. Noch wich- 
tiger ist wenigstens das zuletzt genannte Correctorium 
far den hebrSischen Text. Denn da die vorhandenen 
Codices desselben nur fiir einen kleinen Theil des Textes 
iiber das elfte Jahrhundert hinausgehen, der Verfasser 
des Correctoriums aber im dreizehnteu Jahrhundert schon 
zwischen alten und neuen Handschriften unterscheidet, so 
iiaben ihm gewiss viel altere Texte als uns zu Gebote ge- 



— 265 — 

standen, und er hat gewiss Textesformen und Varianten, 
die Kennikott und de Rossi nicht gekannt haben. 

Nicht denselben Werth aber batten die Correctorien 
far den nachsten Zweck, um dessentwillen sie entstandeu 
waren. Uebereinstimmung im lateinischen Bibeltext h&tte 
nur dann erzielt werden konnen, wenn ftir die ganze 
abendl&ndische Kirche, nicht bloss fUr einzelne Corpora- 
tionen, ein Text festgestellt und vorgeschrieben wor- 
den w&re. Bel der Stellung, welche die gelehrten 
Corporationen des Mittelalters zu einander einnahmen, 
hatte sich auf dem Wege der Correctorien hSchstens 
eine Vereinfachung der grossen Zahl verschiedener Textes- 
formen erwarten lassen; aUein gerade dadurch ware dann 
die Aufnahme eines einzigen authentischen Textes um so 
mehr erschwert worden. In Walirheit jedoch ist auch 
dies nicht geschehen; vielmehr haben die Correctorien 
nach dem Zeugnisse der Zeitgenossen dazu gedient, 
die vorhandene Yerwirrung noch gr5sser zu machen. 
Hierzu trug die Form und Einrichtung solcher Yarianten- 
sammlungen das Meiste bei. Beim Abschreiben derselbeu 
war ja die Gelegenheit zu willkftrlichem Verfahren in 
ausgedehntestem Maasse geboten. Selten wurden sie 
einfach mit diplomatischer Treue copirt; 'gew3hnlich wurdeu 
Ausztige aus denselben vervielfaltigt, und hier kam bei der 
Wahl Alles auf das Ermessen des Einzelnen an. Daneben bo- 
ten die vorhandenen Variantensammluugen die bequemste 
Gelegenheit, eigene Weisheit vorzubringen und die in den 
eigenen unzuverlassigen Exemplaren gefundenen Lesarten 
hinzuzufiigen '). Noch schlimmer ward es, als man an- 



1) QtH>t sunt lectores per mundumy tot sunt correctores aeu magis 
cotruptores, quia quilibet praesumt mutare quod ignorat^ quod nQt\ 



— 266 — 

fing die feindfer der vorhandenen BiMb mit Bemeticun- 
gen aus den Correctorien zn bedecken; Merbei wurde 
der voriiaiydene Text auf unkritische Weise corri- 
girt Oder bestatigt, wfihrend neue Abschriftett di6 Aaiid- 
lesarten in den Text brachteti. Kuris, durch die Coi*- 
rectorien wurde filr die vulgar gewordene Uebersetziing 
des hi. Hieronymus ganz dasselbe Schicksal bereltet, das 
friiher die Itaia getrofien hatte; aueh in jener rids die 
gr<)sste UnzuyerlllBsigheit des Texles ans dem unger egelten 
und Ubertriebenen Bestreben ein, denselben zuyerl&ssig 
hefzustellen. 

Die vielen Missgriffe und Willkiftrlichkeiten , denen 
ftberhaupt der lateinische Text vom elften bis znm vier- 
ifehnten Jahrhundert ausgesetzt blieb, hat am Treffendfeten 
der berflhmte Roger Baco in einem Begleitschreiben ge- 
schildert, dass er mit seinem ehcyclopadischeft Opus 
mains im Jahre 1267 an Pabst Clemens IV. nach Itiwaa 
sandte. Vielleicht ist der Ton in demselben zu faeftig 
und die Schilderung der Missbrftuche dessweg^n etWas 
ttbertrieben ; dass er abet in der Sache Recht hat, dafilr 
liefem die Correctorien selbst die Belegfe. DieselMn 
wamen nfimlich an den geeigneten Stelleti tiberall vor 
den MissgriflFen, die gewohnlich begangen Wurden: Miss- 
griffen, die sie selbst in der Pra?tis mehren halfen^ w&hrend 



lies facere in libris poetarumy sagt Boger Baco bei Hody S. 420. 
Uarichtig ist aber das Urtheil, welches Mayer' (Einl. in die Schr. 
des N. T. S. 571) an diese Stelle ankntlpft, indem er von den Cor- 
rectorien sagt: „Sie waren mit so wenig Einsicht nnd kritischem 
Sinne bearbeitet, dass sie statt Correctorien yielmehr Corruptorien 
genannt werden soUten.'' Ueber die Correctorien im Al]^em6inen 
prtheilt Baco so nicht ab. 



- ^i - 

sfe theotrtisch flinfeii weJirten. Hoc^st an^i^heml ist dahfet 
die Beobachtitng, wte Viele Deispiele far die Airgab^n Rod- 
ger Baco^ aus ihtren genoiniften wetxlen konhien. „D?e 
gross© Masse dcr Theologen," sagt Baco, „weiss nicht, 
dass die gebrauchliche Uebersetzung von Hiefonymus ifet; 
viele laugneti es direct. Noch andere wissen gar nicftl, 
•^teher Uebersetzung sre eigentlich folgen sollen; so ist 
«s denn nattiriich, dass jeder das Eine fttr das And'^re 
setzt, das Uneigentliche fiir das Eigentlithe, das Falsth'e 
fttr's Wahre. Da aber ntir eine einzige Uebersetzutig ih 
alien Btttbem der latdnischen Kirche steht, namlieh die, 
wetehiB Hieronylnus zuerst anfertigte (eine zweite fertigte 
er bei seiner Auslegung des OriginaltexteS an^, so wird 
die Uebersetzung, welche die Kirche recipirt hat, Viel- 
fftltig entstellt. Manche n&mlich achten bei den Schrift<en 
der heiligen V&ter nicht darauf, welcher U^bersfetAtttig 
inAtt sich tirsprtinglich bedient hat. Nun braiichte tttAn 
aber die der Siebenzig ; urenti also di^ Vater die Schrift^ 
worte nach dieser Uebersetzung atiftthren, so giaubeh ste, 
das sei die namliche, wie die jetzt in den lateinischfett 
Bibeln stehende, was durchaus falsch ist. Deitagemftss 
verschliinittbessern (torngimt et cotrumpuni) sie dek 
Teit auf diesem Wege, wie das Beispiel von deia 
Raben in der Genesis zeigt, das ich im beifolgeh^ 
den Werkc anftthre." Hier schreibt nanilich Bato*): 
„Von ungerechtfertigten Zusatizeti flndet sich ein unv^* 
zeihllehes und schMahliehes Beispiel im adhteh Kapltd 



1) Ed, Land, p, 50. De siiperfiuitate dictionis horrihile est clc 
nefandum octavo^ Genesis, cum dicitur, quod corviis ad arcam non 
est reversuSf et onmes Judaei et onmes libri antiqui he^^nt affiV' 
mativQfn, 



— 268 — 

der Genesis, wo es heisst, dass „der Rabe zur Arche 
nicht ,zuriickkehrte/' wfthrend doch alle hebraischen 
Texte uud alle alten Biicher das Gegentheil enthalten." ^) 
Dies bestatigt ein Correctorium, indem es bemerkt: Hoc 
antiqui latini non habenL Modo a translaiione^ qua uti- 
tur Augustinus^ inolevit ut dicatur corvtis ad arcam non 
redisse^). „Dazu," fahrt Baco fort, „liessen sich noch 
unz&hlige Beispiele anfiihren. Besonders aber riihrt das 
Yerderbniss daher, dass sie den ganzen Tag aus folgen- 
der Ursache . am Texte andern. Die hi. Vater, zumal 
Hieronymus, ftihren verschiedene Uebersetzungen fiir eine 
and dieselbe Stelle an, urn deren Sinn vollstandiger dar- 
zulegen. Viele aber, die auf den Unterschied der Ueber- 
tragungen nicht achten, glauben, es seien das andere 
Lesarten (literae) der namlichen Uebersetzung, und so 
nehmen sie im Texte diejenige Lesart auf, die sie am 
besten verstehen. Solchergestalt verursachen sie unzfihlige 
Entstellungen.^^ Ein Beispiel hierzu liefert das Domini- 
caner-Correctorium Job V, 26 : sicut infertur acervus triiici 
in tempore suo. Hebr. et antiqui non habent tritici^ 
tamen Gregor. habet: sed per expositionem magis quam 
per liter am. „Femer," schreibt Baco an den Pabst, 
„mengen diejenigen, welche sich einen Uebersetzungstext 
zusammenstellen, denselben ganz nach Belieben; denn 
sie berufen sich darauf, es sei die gebrauchliche Form 
der Bibel aus maacherlei [Uebersetzungen] zusanunenge- 
tragen. Und desswegen schreiben sie alle, was ihnen 
beliebt, und mengen und &ndern, was sie nicht ver- 



1) Vgl. hierttber VerceJl I. jx m 

2) Cod, 0. bei Vercell V, L, I. p. 28h. 



r 
t 



— 269 — 

stehen." So bemerkt das Pariser Correctorium bei 
Apok. VI, 11. donee impleatur mtmerus conservortim eorum 
ei fratrum eorum: anti(qui) hnt: donee eompleantur eon- 
servi eorum et fratres eorum, „Und wieder," fahrt Baco 
fort, „nehmen sie, was ihnen beliebt, aus einer beliebigen 
ahnlichen Uebersetzung auf, die nicht bloss aus den in 
den Schriften der Vater vorfindlichen Uebertragungen, 
sondern auch aus den jtidischen Alterthiimern des Jo- 
sephus gemeugt ist ; dieser aber erklart doch den Bibel- 
text und gibt nur den Inhalt der hi. Geschichte an und 
andert den Ausdruck, wie es ihm gefallt. Daher emen- 
diren und andeni die Neuern so vielerlei nach ihm, 
wahrend doch keine Aenderung gestattet werden darf, 
die nicht auf alte Bibelhandschriften bisirt ist." So 
steht in Hugo's Correctorium 2 Kon. VIII, 8. de quo 
feeit Salomo omnia vasa aurea in templo et mare aeneum 
ei eolumnas et altare : hoe hehr. et antiqui non habent^ 
sed sumtum est de Josepho, „Endlich," sagt Baco, „nehmen 
sie allerlei aus dem kirchlichen Officium auf und schrei- 
ben es in den Text. AUein diejenigen, welche das Offi- 
cium einrichteten, haben Manches geandert, wie es ftir's 
Officium zu leichterem Verstandnisse und zur Erhohung 
der Andacht sich passte. Und dazu^ hat die romische 
Kirche das Recht, und durch sie auch die ubri- 
gen Kirchen." Ein Beispiel hierzu bilden die Bemer- 
kungen Correet Hug, H. L. I, 2: Ideo adoleseentulae 
diligunt te, non est hie nimis^ quamvis eantetur in 
eeelesia ^). 

Das Resultat einer so willktirlichen Behandlungs- 



1) Vgl. ob. S. 249, 260. 



' _ 270 — 

weise konnte kein auderes sein, sis was Baco schliess- 
licb achildert. ,,Aus diesen Ursachen sagen Alle, es ^ab« 
verschiedene Lesarten im Texte. Denn sie fuhren immer 
Wy eioe andere Lesart heisse so, und sie selbst rnehren 
dies^ Lesarten bei jedem Wort; und dann entschiildigen 
$iie sieh damit, dass eiu und derselbe Inbalt auf ver- 
schiedene Weise dargestellt werden k^ane. Dass as au- 
dere UebersjetzuBgen sind, woUen sie nicht sagen, son- 
dern der eine Ausdruck soil buchstaWich, der andere 
¥jm3Cihreibead sein, und beides dem einen Yulgatatexte 
angehoreni ;. denn sie wtirden grosses Aergernise gebea 
[^ej^n es bekannt wtirde], dass eiu und derselbe Text 
in einem und demselben Exemplar aus verscbiedeBen 
Uebertragungen bestande. Daber sagen sie denn, es 
seien verscbied^ne Lesaoften des namlichen Textea, und dea- 
ken gar nicht, dass sie dabei Unrecht haben konnteni Und 
doch kouunt es nie vor, dass ein und der namliche Ueber- 
setzer bei seiner Uebertiragung in einem und dem nam- 
licben Texte njehrerlei Ausdriicke ftir denselbea Inbalt 
bifl3chr.eibt Denn dies ist bei philosophiscben Werken 
und so;isfe doch nicht zulassig: jede beliebige Ueber- 
tragiuig kanja doch nur einen dnzigen Ausdruck finden^ 
YW3cbiedeniw;tige Uebertragungen aber bringen verschieden- 
artigen Ausdruck mit sich. Sonach bildeni jene* vecschie^ 
d^nqn Le^rten, die sie anftihrcn, verschiedene Ueber- 
tragungen, welcbe- die hi. Vater in ihren Schriftwerkjen 
gpbrancbj^n,. w^lche Josephus hat,, und welche die Kirche 
fur ihre Zwecke abandert. Daraus entspringt em unaadr 
U(d)^i Yerd^bqisis, und fur die Studien wird daraus eiu 
unermessliches Uebel erwachsen. Auch hat Hieronymus 
bei der Genesis und beim Psalter und an vielen- and^rii 



— 271 — 

SteUen die Uebersetzung der Siebenzig erkl&rt; diese 
nennt er „die unsrige/^ well damals alle Kirchea sie ge- 
brauchten. Er hatte namlich damals noch nicht au3 dem 
Hebraischen tibersetzt, und es war auch zu seiuw Lebzeiten 
seine Uebersetzung noch nicht allgemein angeaommen. 
Desswegen sagen sehr angesehene, hochgestellte und h5chst- 
stehende Manner, dies und jenes, was Hieronymus in den 
genannten Schriften auslegt, sei eine Lesart unserer Bibel. 
Folglich setzen sie dieselbe in unsem Text, und so ent- 
stellen sie mehr und mehr Hieronymus^ erste Uebersetzung, 
die einzig in unsem Bibehi zu finden ist, durch die 
zweite, die bloss in seinen G(»Qmentaren steht; deiui 
sie. gls^uben, es sei Eine Uebersetzung. So geben sie dem 
Texte edne ganz andere Gestalt^)." 

Diese Gestalt soUte der Text noch lange, laoge Jabre 
beha)ten ; denn es Islsst sich nicht laugnen, dass die fortr 
gesetzten Bemuhungen um denselben mit Anfang des. vier- 
zehnten Jahrhunderta wenigste^s in denjenigen Lapd^n), 
in welchen das regste theologische Leben herrsqht^, eine 
gewisse Uniformitat bewirkten. Die Handschnften, welche 
aus dem vierzehnten und fiinfzehnteq Jahrhund^rt vor- 
hajaden siod, weichen untereinander w,emgec ^bi t^l3. dies 
friiher jemals der Fall gewesen ist. Nicht, als ob sdch 
in. ihnen eine bis in alle Ein2;elh^t€n tibereiofttiQimende 
Textesfas^ung fande; in der That siijd die Abweicbupgen 
in^ Einzelpen unzahlbar. Allek dip Veijschiedenhei^ der 
Lesai'ten zeigt sich doch mebr in uptbed^utendeim, und 



1) Den lateinischen Text der Stelle s. bei Body 1. c. S. 427. 
Insoweit das tiber den hi. Hieronymus Gesagte eine Berichtigong 
bedarf, muss aof S. 145 ff. verwiesen we^den. 



— 272 — 

feleinlichern Stflcken, wahrend in den wichtigern Aus- 
(Irftcken eine ziemliche Uebereinstimmung herrscht. Inner- 
halb der letzern scheinen die beobachteten Abweichuugen 
von einander in Uebereinstimmnng mit der Verschieden- 
heit der Nationalitat zu stehen. Wenigstens bilden die 
deutschen und die italienischen Handschriften dieser 
Zeit zwei erkennbare Klassen oder Familien, deren all- 
gemeinster Unterschied in der Wortstellung und ahnlichen 
Eigenthiimlichkeiten des Stils beruht: die italienischen 
bewahren mehr den achten color latimu% wahrend die 
deutschen oft dem Genius der deutschen Sprache in 
Wortfolge und Construction Rechnung tragen *). Da, wie 
schon gesagt, hierbei doch noch eine gewisse Gleich- 
formigkeit des Textes sich auspragt, so kann jetzt zuerst 
von einem gewohnlichen Text, einem textus vulgatus^ die 
Rede sein; und der Be griff Vulgata in seinem modernen 
Sinne stammt demzufolge aus dieser Periode. Leider aber 
war der so fixirte Text ein unkritischer und verwilderter, 
der seinem ursprunglichen Originale sehr unahnlich sah, 
und dem die erlangte Stabilitjlt desswegen zum Schaden 
und zum Vorwurfe gereichte. Daher ist auch aus den 
zahllosen Handschriften, die aus der genannten Periode 
vorhanden sind, fur die Kritik der Vulgata fast gar 
kein Gewinn zu Ziehen. Inwieweit zu diesem Re- 
sultate die Correctorien beigetragen haben mOgen, ist 
schwer zu bestimmen; doch m5chte nach dem oben 
S. 251. Angeftihrten wohl das Wahrscheinlichste sein, 
dass die gedachte Textesgestaltung eine Folge des grossen 
Ansehens war, welches das Pariser Gorrectorium genoss. 



1) VercellonCj Diss. Accad, p. 111. 



— 273 — 

Hierdurch wtirde besonders der Ausdruck exemplar vuU 
gatum erklart, den Roger Baco in Bezug auf die betr. 
Pariser Bibelhandschrift braucht. 

War aber nunmehr auch eine Art von Gleichformigkeit 
in das Geschaft der Abschreiber gebracht, so war doch 
noch nichts weniger erreicht, als eine allgemeine Ueber- 
einstiiuniung bei dem Gebrauche, der vom Bibelworte zu 
machen war. In den Handen Unzahliger, welche die hi 
Schrift zu wissenschaftlichen oder erbaulichen Zwecken 
verwendeten, blieben noch immer die altern Handschriften, 
zum grdssern Theil aus dem zehnten und elften Jahrhun- 
deit, zum Theil aus noch friiherer Zeit herstanmiend. Daher 
rfthrt die eigenthiimliche Erscheinung, dass die Ueber- 
setzungen in die Volkssprache, welche aus dem vier- 
zehnten und fiinfzehnten Jahrhundert erhalten sind, auf 
alterthtimlichern Texten beruhen, als die in den gleich- 
zeitigen Handschriften vorkommenden sind^). Selbst die 
Itala hat, wie aus den Gorrectorien hervorgeht, den Ge- 
lehrten des dreizehnten Jahrhunderts noch in vollstftndi- 
gen Exemplaren vorgelegeu und ist noch lange von Einfluss 
auf die Gestalt des Textes geblieben. So fehlte noch 
viel daran, dass den Klagen iiber dessen trostlose Be- 
schaffenheit ein Ende gemacht worden ware. 

In Bezug auf die aussere Geschichte des Vulgatatextes ist aus 
der behandelten Periode e'ne Yeranderung zu berichten, deren Wir- 
kungen schon in den oben S. 249 angefUhrten Bruchstdcken sicht- 
bar sind. Dies ist die Eintheilung in diejenigen Kapitel, welche 
noch heute gebr&uchlich sind. Die frahern Eintheilungen seit Al- 
cuin's Zeit erstreckten sich zumeist nur auf das Neue Testament 



1) VerceUme^ Diss. Accad, p. 100. 113. Eine llhnliche £r- 
fahrung ist schon frtther mit Bezug auf die Itala angegeben worden. 

Kaulen, Oetohiohte d«r VnlgaU. \Q 



— 274 — 

und hatten nicht immer constanten Gharakter^ wie sich schon aus 
den obigen Angaben S. 238 ff. ergibt. Noch frtiher war der Text blosa 
nach Bttchem abgetheilt, und der hi. Hieronymus hatte nur fur die 
richtige Satzeintheilung (Kola und Kommata) gesorgt. Im drei- 
zehnten Jahrhundert entstand die Nothwendigkeit einer genauern 
Citationsweise zunllchst durch das Aufkommen der Concordanzen. 
An die Beal-Concordanzen, deren erste der hi. Antonius von Fadua 
(t 1231) fdr das Studium der Moral yerfasste, schloss sich bald die 
erste YerbalcoQCordanz; welche Hugo von St. Garo (f 1262) znm 
Yerfasser hatte. Um die Stellen gehdrig noUren zu konnen, theilte 
dieser Gelehrte die einzelnen Bflcher in nicht zn grosse Abschnitte, 
welche eben uasere Kapitel bilden. Da hiermit noch keine hin- 
reichende Erleichterung geboten war^ so gliederte er die Kapitel 
wieder in einzelne Unterabtheilungen, welche lediglich nach der 
Zahl der Zeilen in seinem Handexemplar bestimmt and durch die Buch- 
staben des Alphabets a. b. c' d. unterschieden wurden. Die ziem- 
lich unvollkommene Citationsweise, welche hierdurch moglich wurde, 
erscheint seit 1240 zuerst angewendet und blieb seitdem voile drei- 
hundert Jahre, nILmKch bis zur zweiten Ansgabe der Yulgata von 
Stephanas 1646, in allgemeinem Gebrauch. Ans dem rdmischen 
Messbach und Brevier iat sie bis auf den hentigen Tag nock nicht 
verdr&ngt. 

In ihror Gestalt unterscheiden sich die lateinischen Bibelhand- 
schriften dieser Zeit von den frilhem hauptsachlich durch den go- 
thischen Schriftzug, der jetzt in Aufhahme kam. Bei grosserem 
Format sind sie immer zweispaltig geschrieben und mit rothen oder 
blauen Initialen geziert. Die Zahl der aus dieser Periode erhalte- 
nen Exemplare ist Uberans gross und der Text in alien ziemlich 
flbereinstimmend. Bemerkenswerth ist, dass in dieser Zeit wieder 
mehr vulga,re Schreibungen und Ausdrtlcke sich zeigen, als in 
frilhem Perioden. 

Als Repr&sentanten dieser ganzen Zahl von Manascripten kann 
eine Handschrift dienen, die auf der Bonner Universitatsbibliothek 
aufbewahrt wird und nach der Aufschrift frtther der Landesbiblio- 
thek zu Dtisseldorf angehdrt hat. Dieselbe bestand ursprlinglich 
ans vier FoHoh&nden, ron denen aber der ente and der letzte 



— 275 — 

nicht mehr vorbanden sind. Die beiden erhaltenen umfassen das 
Alte Testament von den Konigsbuchern an mit Ausnabme der 
Psalmen and zwar nach folgender Ordnung. Im ersten stehen die 
Biicher der Konige, die Cbronik, Spricbwdrter, Prediger, Hohes 
Lied, Weisbeit; Ecclesiasticus, Job, Tobias, Judith und Esther; im 
zweiten befindet sich nach den Propheten (mit Baruch) neben 
Esdrae liber L und Liber Nehemiae auch noch Esdrue liber IL 
d. h. das apokryphische 3. Buch Esdras. Das Format ist Folio, 
die Schrift zweispaltig zu 88 Zeilen. Die beiden Blinde scheinen 
nicht von Einer Hand herzurlihren ; in beiden aber ist der Schrift- 
zug sehr genau und gefallig, mit vielen AbkUrzungen und ohne 
Pankt auf dem i. Die Initialen sind abwechselnd roth und blau, 
die AnfangsbucbstabengrossererAbschnitte sehr schQn in Federzeich- 
nuAgen ausgefuhrt. Sammtliche grosse Anfangsbuchstaben im Text 
sind roth angestricben. Die Interpunktion wird durch Punkt undDoppel- 
punkt bewirkt. Den einzelnen Btichern gehen die gewohnlichen 
prologt ^ctt ^t^eronimt presbtttrt vorauf. Jedes Blatt tr&gt oben eine 
Signatur; im einenBande geht diese uber beide Seiten hinweg, z.B. 
K( - gunif Pro - oerbia^ im andern steht auf der Seite rechts der Name 
desBuches, links eine allgemeinere Aufschrift wiePyt)., nj PP4* ^ie 
Kapiteleintheilung ist durch rothe Bubriken angegeben, aber so, dass 
das Corpus der betr. Zeile desswegen nicht unterbrochen wird. 

Eine Probe des hier gebotenen Textes und der Rechtschreibung 
gibt das Folgende, das theils Textstiicke, theils die Abweichungen 
von dem heutigen officiellen Texte der Yulgata enthalt. 

Prologue in iibrum baruc^. fiber tote qui baruc^ nomine praenotatur. 
in t^ebreo canone non l)abetur: oeb tamen in onlgata ebtcione. ^tmtitter et 
epiotola t^eremte prop^ete. propter noticiam autem iegenctum t)ic ecripta 
ount: quia multa be crioto nooiooimioque teinportbuo inbicant. (tjrpiictt 
prologuo. ^nctpit baruc^. 9 cap* <2St ^ec oerba iibri quern acrtpott baru(^ 
fiiitto nerte fiiij niaaoie filtj oebec^ie filtj oebet fiUj i)el(4te in babilonia. 
in anno quinto in oepttma bte menoio: in tempore quo ceperunt c^aibet 
il)eruoalem et oucrenberunt eam igni. (St legit barnc^ verba Iibri ^uiua 
ab auree teconie filtj ioac^im regie tuba, et ab auree untnerot popuU oe- 
nientto ab Iibrum: et ab aureo potenctum filtorum regum. et ab auree 
preebiterorum. et ab auree populi a mintmo ueque ab manmum eorum 

18* 



— 276 — 

^«l)it«nUnin in b«b{loni«. ct ab flntntn »uU. fUni Aubicnttft |it«r«lfant tit. 
I 7 to«(^im. l)ei(^tat ettlomi 8 (tbAti. jebec^ias. i)06ie 9 et iitnctO0 et po- 
tented, bujrtt eoa in bttbtl. 10 t)olorAu»tom«td 11 regie babi(oni«e. bire 
ipeorum 12 ut bet 14 in oportuno bie 15 et ^ent». i)dbttantibu0 16 noetrie. 
edcerb. noetrie 18 et non obnubitiimtte 19 tit i)unr biem 20 m«ld muUd 
II 4 et bebit no». in rirc. n. »unt. et be»oi. 12 inique ec^imtie 14 abbujre- 
runt 16 ertnbi. ^peri 19 quaerimus mieerir. 23 norem gaubintonii 25 
(tint proiecta 29 obanbieritis. ambitto t)aec m. in minimum, ego bteper- 
gam illo0 34 patribue illorum. et i)9aac. ominab. eius HI 4 quia peccan. 
5 iniquitate» 8no» t)ob. in rapt, eumue. qui biereeeerunt 13 sapientiae. 
$\ 19 alii in loco 21 a facie eorum 23 ejrquisierunt. et negottatorre terrae 
25 magnue et 27 elegit beue. niam bisc. bebit illie 28 (St quia 29 et 
bebnrtt 30 innenit turn 32 et inoenit 33 obaubit 34 lumen hth. lY 1 te- 
nent eam ab nitam : cam ab mortem 4 quoniam. nobis manif. sunt 8 obltti 
autem 16 abbujrerunt 24iie0tram: sic nib. 27bucit. 31 Itocentee parebunt 
32 punientur. quae 33 in tuo casu 35 in muUitubinem Y 1 becorem et 
t)onorem 2 circumbato te. bipl. beo iudtitiae : capiti tuo : l^onorie 3 in te : 
qui 8 autem eiloae: tsrael manbato 9 ab ipso. 

(trpltcit prop^ecia il^eremie. ^ncipit ejremplum epistole quam misit 
it^remias ab abbuctos captinos in babilonia a rege babitoniorum ut nun- 
ciaret illis secunbum quob praeceptum est illi a beo (dap. oi. 1 abbuce- 
mini 2 babiloniam: eritis illir. et tempus longum. abbucam 6 ;?Lngelu0 
autem 8 fabricata 9 t)abent aureas. ab illis. eemetipsis 14 glabium in 
manu 15 oeneremini eos 17 tutant 19 bicuntur. nest, eorum 20 nigrae 
sunt 22 scietis 24 non est in ipsis 26 non surgent 27 sacerb. 
ipsorum nenb. 34 bin. bare, nee l)oc 36 restituent 38 bit eorum. 
iapibei anrei. colunt ilia 40 ilium 42 circumbatis. succebentes 43 abstracta 
bormierit. proj:. 44 quomobo autim 45 et aurificibus 46 aurifices. possunt. 
que ab ipsis fabr. sunt 48 sacerbotes ubi 50 lignea et inaurata. opus 
bei in illis est 52 susritant : pluniam i)om. non babunt 54 cum ceciberit. 
aureorum et argenteorum 55 aut bicenbum 57ferunt 58iUub. quam falsi 
bii : nel ostium 59 et sibera 63 esse tllos beos. neque fatere 71 quoqut 
et marmore. super illnb. et erit oppr. 

IHii^aeas I 1 ai^a^ e^ei^iae 4 et colles scinbentur. ignis sicut 7 igni 
15 uUftm n 2 bomos rapuerunt 4 regiones nestras 6 P Israel ne loqu. 



— 277 — 

8 tutitrtm 10 l^tbebitis 13 asrenbtt. bttiibrnte^ tmitfttbtint. et tgrebientur 
III 3 Itbrtt quaet 5 euper dim 7 ouitue 8UO0 omntt 9 tubitt l)acc 
lY 3 aboerdtttn 4 0ttbtii0 oineam 9 nunc rrj:. quia non compr. Y 1 ftunc 
oaet' 3 panet* lleltqitu 5 (um aeetir. nen. 6 in tcnninie nostrU 8 ieo- 
nte rugiene in 9 (St rrftU. YI 3popultt6 meue. et qutb dpopulue meu0 
0eti)tm 6 t)oiocaii6tomata 7miUbii0. t)i)rrorum Squaerat a it 14 tngUbio 
YII immaturae flcud 2 oenatur ab mortrm 6 patri. ^ilia. nuvus contra 

9 ittbtcet rattdam meant 10 aaptciet me intm. nunc ernnt 12 nrniet 
a69ttr 13 et erit terra 16 manue 17 eicut eerpens. be aebibns ant«. 
jDom. beum no^tr. besiberabunt 18 et tranefere pecc. 

|)rooerb. (Etap. Yin. 9lunc ergo flltj aubite me. fBeati qui custobtunt 
ntae meaa. J?lubite bieciplinam et eatote aapientea: et noiite abtrere eam. 
|3eatu0 ^omo qui aubit me : qui nigilat ab forea meaa cotibte. et obaeruat 
ab poatea oatij mei. 9ui me inuenerit inueniet nitam : et l)auriet aalutem 
a bno. %VLX autem in me peccanerit : lebet animam auam. iDmnea qui me 
oberunt : biltgunt mortem. 

Eine andere Handschrift derselben Bibliothek, die ebenfalls 
aus dem 13. Jahrhundert stammt, enth&lt bloss die Psalmen in 
Octav aof Pergament, sehr schdn und deatlich in Stichen geschrie- 
ben, mit sp&ter dazwischen and auf demRande angebrachtem Gom- 
mentar. Als Interpunktionszeichen erscheint bloss der Fonkt. Der 
Text ist das gallikanische Psalterium mit wenigen Abweichungen 
von dem heutigen. Die zehn Psalmen 90 n. f. ergeben folgende 
Yerschiedenheiten von letzterem : XC 9 tu ea apea mea 14 aperabit. 
et lib. 15 clamanit. et ejraubiam XCI 8 om. ut intereant usque ad (tt 
erait. 13 ut cebrua 15 multiplicabitur XCIII 17 l)abitanit 22 bominua 
mt^i XCIY 4 eina omnea 5 aicra 10 aemper errant 11 intrabunt XCY 

10 orbem qui XGYI 7 aborate bominum XGYH 1 aalnabit 4 iubilate 
bomino 9 a facie bomini XGYIIl 1 aebea. Auf der nftmlichen Bi- 
bliothek ist auch ein Lectionarium mit den evangelischen Perikopen, 
einst der Eirche St. Gunibert in Gdln gehdrig, das frilhestens im 
14. Jahrhundert entstanden ist. Der Text ist fortlaufend mit einem 
halb lateinischen, halb gothischen Schriftzuge geschrieben; als In- 
terpunktion dient ein Punkt auf mitilerer H&he der Buchstaben 
und das Fragezeichen. Abkilrzungen sind ziemlich h&ufig. Die 
folgenden Perikopen geben ein Bild Yom Texte. 



— 278 — 

Fra VI {poft(J9tinquag.] 8cdm, Mattheum' In %H' Dixit ihc difcip- 
JS' Audiftif quia dictum eftr diligef proximum tuunv et odief tntwit- 
eufn tuum- Ego autem dico uobif' Diligite inimicof urof* benefacite 
hif qui oderunt uof' et orate pro perfequcntib ; & calumpnianWb ; 
uof' ut jUii fitif patrif uri qui incaelif eft* qui folem fuum orin fa- 
eit Super bono/ et malof' dt pluit fuper iuftof dt iniuftof' Si enim 
diligitif eof qui uof diligunt' quam mercedem hahebitif? Nonne dt 
publicani hoc faciunt? Et fi falut'aueritif fratref urof tantumr quid 
ampliuf faeitif? Nonne et ethnici hoc faciunt? Eftote ergo et vof 
perfectv ficut et pater uefter caeleftif perfectuf eft' Attendite ne 
iuftidam uram faeiatif coram hominibuf ut uideamini ab eif Alio- 
quin' mercedem non'^habebitif apud patrem urm qui in cadif eft' 
Cum ergo facif elemofinam* noli tuba canere ante te' ft cut hypocri- 
tae faciunt in fynagogif et inuicif ut honor ificentur ab hominibuf 
Amen dico uobif receperunt mercedem fuanv Te autem fadente ele- 
mofinam- nefciat finiftra tua quid faciat dextera tua* ut fit elemo- 
fina tua in ahfconfo' Et pater tuuf qui uidet in abfconfo- reddet 
tibi. 

In die 8co' Afcenf' dnv Secdm Marcum' In illo t' Beeumhenti- 
buf undecim difcipulif apparuit ffUf ihc dt exprobrauit increduUtaitem 
iUorum et duriciam cordif* quia hif qui uiderant eum refurrexiffe 
non credidei'unt' Et dixit eif' Euntef in mundum uniuerfum' prae- 
dicate euangelium omni creaturae* Qui crediderit dt baptizatuf fuerit 
fcHuuf erit' Qui uero non crediderit' condempnahitur' Signa autem 
eof qui crediderunf haec fequentw In nomine meo daemonia eident' 
lifiguif loquentur nomf' ferpentef tollent' Et fi mortiferum quid bi-* 
berint- non eof nocebit Super egrof manuf imponent' dt bene habe- 
bunt Et dnf quidem ihc poftquam locutuf eft eif affumptuf eft in 
celum' dt fedit adextrif di' Mi autem profecti praedi&iuerunt ubiq; 
Dno eooperavte dt fermonem confirmante' fequentibuf fignif. 



XI. 

E r s: e b n 1 8 8 e, 



In der Periode, zu welcher die Geschichte der Vul- 
gata imnmehr fortgefuhrt ist, hatte die gebrauchliche 
Bibeliibersetzung der abendlandischen Kirche einen tausend- 
jahrigen Kreislauf vollendet. Die Uebersetsung des hi. 
Hieronymus war im vierzehnten Jahrhundert genau da 
angekommen, wo im vierten die vor ihr gebrauchliche 
Itala gewesen war. Dieselbe Mannigfaltigkeit in den 
Textesrecensionen, dieselbe Abweichung von der ursprting- 
lichen Gestalt, dieselbe Unzuveriassigkeit im Ausdruck 
jeder einzelnen Stelle, welche damals der filtern Ueber- 
setzung zum Vorwurf gemacht wurde, war jetzt in die 
jlingere eingedrungen. Selbst was der hi. Hieronymus 
liber die andere Uebersetzung geaussert, war bereits von 
seiner eigenen gesagt worden: quot codices^ tot exempla- 
ria '). Wie daher unter gleichen historischen Verhaltnissen 

1) Lustrans armaria nequibam hoc adipisci, veraoia scilicet 
exemplaria invenirCj quia et quae a doctissimis viris dicebantur cor- 
rectay unoquoque in suo sensu abundante^ adeo discrepahantf ut pene 
quot codices, tot exemplaria reperirem : usque adeo etiam millesimo 
fere post interpretationem Hieronymi anno codices sacrae Scripturae 
mendosi atque corrupti erant, et ita inter se discrepantes, Nicolaus 
Biac, Card, ap, Hodium p, 417, 



— 280 — 

sich stets dieselben Erscheinungen als Resultat einstellen, 
so liess sich auch jetzt erwarten, dass die Unsicherheit 
im Texte zu einer erfolgreichen Besserung der lateini- 
schen Bibel fiihren werde. 

Die Geschichte der Vulgata hat daher nunmehr die 
geistige Bewegung zu verzeichnen, welche fast zwei Jahr- 
hunderte geftillt hat und als Resultat aller der an der 
gebrauchlichen Bibeliibersetzung gemachten Erfahrungen 
anzusehen ist. Einen neuen Anstoss und zum Theil auch 
eine bestimmende Richtung erhielt diese geistige Reg- 
samkeit von einem Umstande, durch den die damalige 
Sachlage den tausend Jahre Mher eingetretenen Fiigungen 
erst vollkommen ahnlich wurde. Seit dem dreizehnten 
Jahrhundert war das Studium des Griechischen und des 
Hebraischen im Abendlande mit neuem Eifer betrieben 
worden. Jenes war einerseits durch die Kreuzziige jand 
durch die Errichtung des lateinischen Eaiserthums, andrer- 
seits durch eingehende Beschaftigung mit den aristoteli- 
schen Schriften dem Abendlande nHher gebracht worden; 
den Anstoss zu hebraischen Studien aber hatte der Eifer 
gegeben, der von Seiten der Kirche bei der Bekehrung 
der Juden entwickelt wurde. Da letztere um das zwolfte 
und dreizehnte Jahrhundert mit grosser Regsamkeit eine 
nationale Wissenschaft ausgebildet batten, so forderte der 
geistige Kreuzzug gegen ihre Irrthiimer, sich mit ihrer 
Sprache und Litteratur bekannt zumachen. Dies geschah 
besonders von Seiten der Dominicaner, namentlich der 
spanischen. Einzelne Bekehrungen von bedeutenden jti- 
dischen Gelehrten vermehrten christlicherseits wie die 
materielle Kenntniss des Hebraischen, so auch die Lust 
und Liebe zum Studium derselben. Die Polemik gegen 
die spanischen Araber gab alien diesen Bemtihungen einen 



— 281 — 

neuen Impuls, insofern das eifrig betriebene Studium des 
Arabischen auch ffir die hebraische Sprachkenntniss frucht- 
bar werden musste. Bald war es eine stehende Be- 
zeichnung ftir einen mehr als gewohnlichen Grad von 
Gelehrsamkeit : „des Griechischen und des Hebraischen 
wohl kundig." Die Kirche selbst sclienkte dieser neu 
erwachten Thatigkeit, zunachst urn ihrer praktischen 
Zwecke willen, eine grosse Aufmerksamkeit und beniilhte 
sieh, dieselbe auf jede Weise zu fordern. Bekannt ist, 
dass Clemens V. auf dem allgemeinen Concil zu Vienna 
1311 den Befehl gab, an den grossen Universitaten rler 
damaligen Zeit eigene Katheder fiir das HebrlUsche, das 
Arabische und das Chaldaische zu errichten '). Er er- 
neuerte damit bloss eine Verordnung, die schon seine 
Vorganger seit Innocenz IV. getrofifen batten. Die wieder- 
holten Einscharfungen des namlichen Decrets unter mehreren 
seiner Nachfolger zeigen, dass die Kirche diesen Gegen- 
stand fortwiihrend im Auge behielt und den Nutzen 
eines solchen Studiums nicht unterschlitzte. Wie bald 
die erweiterte Sprachkenntniss dann fiir die biblischen 
Wissenschaften fruchtbar gemacht wurde, lasst sich aus 
den Correctorien ersehen, und da die Polemik gegen die 
Juden an sich nOthig machte, neben der Vulgata auch 
den Grundtext des alten Testaments zu beriicksichtigen, 
so konnte die neue Besch&ftigung nicht ohne Rfickwir- 
kung auf die lateinische Uebersetzung bleiben. 

Hierbei drtingt sich von selbst die Erinnerung auf, 
dass tausend Jahre fruher ebenfalls die GlaubenserQrte- 
rungen mit den Juden den ersten Anlass zur Revision 



1) Die Yerordnung ist auch in*8 Corpw Juris aafgenominen| 
WO »ie Cletn, L. F. Tit. L c. 1 zu finden ist. 



— 282 — 

der alten Version und zur Ersetzung derselben durcfa 
eine neue gegeben batten. Jetzt musste, ebenso wie da- 
mals, unter den steten Klagen uber die Unzuverlassigkeit 
des gebrauchlichen Bibeltextes das Bewusstsein erwachen, 
dass die Mittel vorhanden seien, diesen Beschwerden ein 
Ende zu machen, und die praktische Nothwendigkeit 
einer solchen Abhtilfe legte das Verlangen nach derselben 
sehr nahe. Auch einen zweiten Hieronymas besass das 
dreizehnte Jahrhundert, das fiberhaupt an geistigen Ga- 
pacitaten so fruchtbar war. Dies war Roger Baco, der 
mit seltener Universalitat alle Kenntnisse seiner Zeit, 
namentlich auch die der biblischen Sprachen, in sich ver- 
einigte ; und wenn der Gelehrte, . den er in einem Schrei- 
ben an Pabst Clemens IV. zur Revision der Vulgata 
empfiehlt^), nicht er selbst ist, so gab es neben ihm 
noch einen andern Mann, den die damalige Zeit dem 
hi. Hieronymus wenigstens seiner geistigen Befahigung nach 
an die Seite stellen konnte. Die Zeit also, von der die 
Rede ist, besassL in sich alles, was als Vorbedingung zu 
einer ahnlichen Abhiilfe des biblischen Nothstandes, wie 
vor tausend Jahreii, gelten konnte. 

Allein in mancher andern Hinsicht war diese Zeit 
des Mittelalters dem yierten Jahrhundert der Kirche sehr 
unahnlich. Zur Zeit des hi. Hieronymus konnte die Bi- 
bel noch unbedenklich in AUer Hande gegeben werden, 
weil zunachst die Erbauung darin gesucht wurde, und 
weil das theolo^che Verstandniss derselben, soweit es 
nicht schon durch lebendiges Verstandniss der Sprache 
erldchtert war, nicht auf dem Wege der freien For- 
schung, sondem im Anschluss an das kirchliche Lehr- 



1) S. oben S. 256. 



— 283 — 

ikmt gesucht wurde. Seitdem aber die Katfaarer aus der 
M. Schrift Anschauungen herleiteten, welche von der 
fiberlieferten Lehre abwichen, war die Kirche angewiesen, 
das Recht der Tradition iiberhaupt und der traditionellen 
Schrifterklarung insbesondere auf das Entschiedenste zu 
betonen. Der Unfug der Waldenser, welche gerade auf neue . 
Bibelilbersetzungen sich sttitzten, rieth um so mehr, fiir den 
Werth und die Bedeutung der Tradition einzustehen. 
Hatte die Kirche damals dne neue lateinische Bibel- 
(Ibersetzung anfertigen lassen oder eine neu angefertigte 
approbirt, so ware damit ein doppeltes bedenkliches Zu- 
gestandniss gemacht gewesen. Auf der einen Seite tfare 
dem Bibelworte eine Bedeutung beigelegt worden, 
die es nach katholischer Lehre nie und nimmer habe^ 
kann ; auf der andern Seite aber w^re damit scheinbar 
eingeraumt worden, dass in einer Zeit von fast tausehd 
Jahren fiir ein wichtiges Bediirfniss der Kirche nicht hin- 
reichend gesorgt gewesen ware, oder dass zur Erfiillung 
desselben eine mangelhafte Praxis bestanden hatte. Ge- 
rade umgekehrt war die Forderung gewesen, welche im 
4. Jahrhundert an die Kirche herantrat. Damals hatte 
die maasslose Willkiir, welche bei den Einzelnen in Be- 
zug auf den lateinischen Bibeltext eingerissen war, schliess- 
lich auch zur freien Forschung und zur Spaltung fiihrea 
kdnnen, und es war, um die Einheit zu erhalten, eine 
neue Uebersetzung und eine kirchlidie Empfehlung derselben 
nOthig geworden. Jetzt war AUes anders, und es wSxe daher 
ein beklagenswerthes Resultat gewesen, wenn die in der 
Kirche zu neuer Geltung gekommenen Studien die An- 
fertigung einer neuen lateinischen Bibeltibersetzung be- 
wirkt batten. 

Das Gewicht dieser Grande hat niemand besser zu 



— 284 — 

sch&tzen gewusst, als der Mann, welcher bereits als der 
Hieronymus des dreizehnten Jahrhunderts bezeichnet 
wurde. Dass Roger Baco auf der H6he seiner Zeit 
stand und klaren Auges die Bediirfnisse der Kirche, wie 
der Wissenschaft, zu ermessen wusste, hat er besonders 
in der Wahl der Mittel bekundet, die er Pabst Cle- 
mens IV. zur Abhiilfe der herrschenden Bibebioth vor- 
schlug. So tief er auch die Wirkung aller der be- 
stehenden UebelstSnde empfand, so woUte er doch weder 
selbst eine neue Uebersetzung anfertigen, noch einen 
Andern dazu auflfordem. Ebensowenig erschien ihm eine 
Revision und Verbesserung der Vulgata nach den Grund- 
texten als nothwendig oder zulassig. Bloss die Rdckkehr 
zu der vom hi. Hieronymus herriihrenden Form schien 
ihm das nachstliegende und h5chste Bediirfniss, gerade 
wie auch Cassiodorus und Alcuin nichts Anderes erstrebt 
batten. Als den Weg hierzu bezeichnet er die Vergleichung 
der alten Handschriften, die aus Alcuins Zeit und noch 
friiheren Jahrhunderten vorhanden seien. Diesen Weg 
betrachtet er als durchaus zuverlassig, weil jene alten 
Exemplare, Schreibfehler abgerechnet, durchgangig ftber- 
einstimmten; sei doch die herrschende Unsicherheit im 
Texte gerade dadurch hervorgerufen worden, dass man 
sich von der Auctoritat der alten Handschriften emanci- 
pirt habe^). Auch die Ursachen, welche die Abweichung 
herbeigef(ihrt haben, weiss Baco klar anzugeben und im 



1) Deinde Exemplaria et regis Karoli et innumerdbiles cUtae 
bibliae per diversas regiones, quae fuerunt tempore Isidori et ante 
eum, adhuc permanent sine corruptioncy et in omnibus concordant, 
nisi sit vitium scriptoris, quo nulla scriptura carere potest, Hody 
f^, a. 0. p. 422* 



I 



— 285 — 

Einzelnen unwiderleglich nachzuweisen : es seien haupt- 
sachlich Verwechslungen, die aus dem Mangel von grie- 
chfscher und hebraischer Sprachkenntniss , sowie einer 
geschichtlichen Kenntniss des Lateinischen herriihrten ')• 
Zur Vermeidung oder zur Besserung solcher Fehler, 
nicht zu eigenmachtiger neuer Uebersetzung, sei demnach 
die Bekanntschaft mit den gelehrten Sprachen unerlass- 
lich. Mit grosser Einsicht bestimmt er , demgemass die 
Eigenschaften , welche der Revisor der Vulgata haben 
miisse: ausser dem Griechischen und Hebraischen, das 
er hinreichend, und dem Lateinischen, das er grdudlich 
kennen miisse, miisse er auch die Regelo der Kritik er- 
fahrungsmassig verstehen und letztere mit Besonnenheit 
anwenden^). Wenn er endlich eine solche Emendation 
nur auf die apostolische Ermachtigung des Pabstes bin 
unternommen wissen will, so hat er damit der Richtig- 
keit aller seiner Vorschlage die Krone aufgesetzt. 
Drei Jahrhunderte spftter bewies das von der Kirche 
selbst eingeschlagene Verfahren, wie sehr die von ihm 
aufgestellten Grundsatze der Sachlage entsprachen 0* 

1) Op. maj. ed, Jebb p, 44 — 56'. 

2) Oportet quod homo sciat graecum et hebraeum sufficienter et 
bene grammaticam Latifiorum in libris Priscianij et quod bene con- 
sideraverit modos corrigendi, et victa probationum verae correctionis 
(nd hoc quod sapienter corrigat: quod nuUus unquam fecitj nisi ille 
sapiens quern dixi. Nee mirum cum ipse posuerit fere quadraginta 
annas in literae correctione et sensu literdli exponendo, Omnes sunt 
idiotae respectu illius et nihil sunt in hac parte. Epist. ad Clem. IV. 
bei Hody p. 429. 

3) Clamo adDominum et ad vos de ista corruptione literae, quia 
vos soli potestis ponere remedium, sub Deo per consilium illius 
sapientissimi, de qtu> superius sum locutus et per alios, sed maxime 
per eum, secundum quod in retnediis studii apertius declarabo. it. 



— 286 — ' 

Wenn d^r Pabst dieseft verstandigen und besoimenen 
Vorscfalageh keine directe Folge gab, so muss der Grimd 
dazu nicht sowohl in seineni bald nachher erfolgten 
Tode, als in der richtigen Auffassung seiner kirch- 
lichen Stellung gesuclit warden. Die mangelhafte Be- 
schatfenlieit des lateinischen Bibeltextes hatte noch keine 
solche FoJgen far den Glaubeu und die Sitten gehabt, bei 
denen das Einschreiten des obersteu kirchlichen Richter- 
amtes nOthig geworden ware. Noch war der wesentliche 
Inhalt der hi. Schrift intact, und an die Form waren 
noch keine Lehren oder Auffassungen geknUpft, welche 
die Anschauungen der Kirche beeintrlU^htigen konnten. 
Dagegen wiirde selbst das geringe ZugestHndniss, wel- 
ches die Vomahme einer Revision von kirchKcher Seite 
gemacht hatte, den damaiigen Irrlebren gegenilber be- 
denklich gewesen sein. So musste denn das, was ndthig 
zu thun war, der Wissenschaft als der berechtigten Aucto- 
ritM iiberlassen bleiben. Zu solchen ErwUgungen wird 
auch wohl die Erkenntniss der Unausftlhrbarkeit gekom- 
men sein. Die Herstellung eines NormaleKemplars, nach 
dem neue Abschriften gefertigt oder die vorhandenen ge- 
bessert werden konnten, wiirde auch unter apostolischer 
Auctoritat den vorhandenen Uebelstanden auf die Dauer 
nicht haben abhelfen konnen. Die Willkilr war schon 
zu tief eingerissen, als dass die Nothwendigkeit und der 
Werth diplomatischer Genauigkeit damals hfttte allgemein 
erkannt und gewtirdigt werden konnen. Noch viel grosser 
waren die technischen Schwierigkeiten, welche sich der 
Ausftihrung eines solchen Planes in den Weg stellten. 
So lange die Biicher nur auf dem Wege der Abschrift 
* vervielfaltigt werden konnten, lag eben hierin das grosste 
Hindermss fOr die diplomatische Reiaerhaltung des Tex- 



— 287 — 

tes, und in Wirklichkeit war dieses nicht so leicht zu 
beseitigen, ^ie Roger Baco anzunehmen scheint. 

Nicht bloss bei der kirchlichen Auctoritat , son- 
dern auch in den wissenschaftlichen Kreisen seiner 
Zeit verhallte Baco's Stimme. Hiervon trugen gerade 
die neu betriebenen sprachlichen Studien die Schuld. 
Wie es in der Geschichte der geistigen Entwicklung des 
Menschen gew5hnlich beobachtet werden kann, dass neue 
Erkenntnisse und Entdeckuugen anfangs uberschatzt und 
erst allmalig auf ihren richtigen Werth zuriickgefiihrt 
werden, so legte man auch seit dem Ende des drei- 
zehnten Jahrhunderts dem Studium des HebrHischen und 
der erneuerten Kenntftiss der biblischen Grundtexte 
eine iibeml&ssig hohe Bedeutung bei. Man glaubte durch 
diese Studien der aussern, wie der innern Entwicklung 
der Kirche in einem Grade forderlich sein zu konnen, 
welchen in Wahrheit die Beschaftigung mit dem Buch- 
staben der hi. Schrift gar nicht erreichen kann. Dieser 
Irrthum konnte aber niemals naher liegen, als gerade im 
dreizehnten und vierzehnten Jahrhundert. Nur ein so 
gewaltiger und klarsehender Geist, wie Roger Baco oder 
dessen Ungenannter, durfte der allgemeinen Verwilderung 
des Vulgatatextes und der Rathlosigkeit der Exegeten 
auf dem Wege blosser Kritik abzuhelfen hoflfen; fur jede 
gewohnliche Einsicht schien dieser Weg jetzt ebenso 
hoflfnungslos, als er friiher wiederholt erfolglos geblieben 
war. Hierzu kam die Unklarheit, welche nach so vielen 
Schicksalen des Textes auch uber dessen Verh^tniss zur 
ersten hieronymianischen Version herrschte, um viele ge- 
wissenhafte Theologen an der Vulgata fast verzweifeln 
zu lassen. So war es nattirlich, dass man sich des vom 
hi. Hieronymus gegebenen Beispieles erinnerte und das 



— 288 ~ 

TJebel an der Wurzel anzugreifen suchte: die Grundtexte 
sullten nun zur Hebung desselben als Mittel dieneu. 

Bei eiuem solchen Heilverfahren eroffuete sich due 
doppelte Moglichkeit. Eutweder kouute man die vorhau- 
dene Uebersetzung nach den hebraischen und griechischen 
Origiualien revidiren und andern,* oder man konnte eine 
ganz neue Uebersetzung an die Stelle der gebrauchlichen 
setzen. Beide Wege hatte ja zur Zeit der hi. Hierony- 
mus eingeschlagen, und die Vulgata war ein Resultat 
zum Theil des einen, zum Theil des andern Verfahrens. 
So fehlte es denn auch seit Anfang des vierzehn- 
ten Jahrhunderts nicht an Versuchen, in der einen oder 
der andern Richtung vorzugehen. 

Schon der Spanier Raimund Martini, der noch an's 
Eude des dreizehnten Jahrhunderts gehort, erklart in 
der Vorrede zu seinem gegen die Juden und Mohamme- 
daner gerichteten „Schwert de& Glaubens," dass er bei 
der AnfOhrung von Bibelstellen mitunter nicht der Vul- 
gata, die er translaiio nostra nennt, folgen, sondern 
seine eigne Uebersetzung geben werde; denn sehr oft, 
sagt er mit damals verzeihlicher Ueberschatzung, trete der 
hebraische Text mehr ftir die christliche Wahrheit ein, 
als die Vulgata^). Bald nach ihiu schrieb Nicolaus von 
Lyra seine Commentare zur hi. Schrift. Diese schliessen 



1) Caeterum inducendo auctoritatem tea-tiis, ubicungtie ab he- 
hraeo f iter it desumptum, non LXX ^equar^ nee interpretem cUiutn, 
et quod maioris prciesumptionis videbitur, non ipsum etiam in lioc 

verebor Hieronymum, BursiAS vero noverint^ qui eiusmodi sunt 

[ut arguant quidquid ipsi non fecerint] in plurimis vcUde S. Scri- 
ptureie locis veritatem nmlto planius atque perfectius haberi jtro fide 
Christiana in litera hebraica, quam in tra^mlatione nostra. Raym. 
Mart. Pugio Fidei, ed, Carpeav. 1687. p. 4. 5. 



— 289 — 

fiich zwar an die Vulgata an, allein in ihrem alttesta- 
mentlichen Theil findet sich h§.ufig die Bemerkung: He- 
hrctei videntur hie melius dicere '). Auch L3rranu6 spricht 
von den alien Bibelhandschriften als den Fundgniben des 
d,chten hieronymianischen Textes, ohne jedoch desswegen 
die Rackkehr zu letzterem als nothwendiges kritisches 
Mittel zu empfehlen. Gegen die Mitte des vierzehnten 
Jahrhunderts schrieb der Minorit Wilhelm Brito einige 
kdrzere Httlfsbticher zum Verst&nduiss der Bibel; auch 
in diesen fiedet sich angegeben, der Verfasser habe 
wegen Unzuverlassigkeit der lateinischen Handschriften 



1) Pout, in Ez. I, 4. quasi species electri : dicit hie E. Sam, quod 
ipse nescit proprie quid significet choanal, et ideo nescio quare Hie- 
ronymus transtuUt electrum, nan enim multum videtur prohabile 
quod melitts intellexerit hehraicum^ quam doctor tile, lb. IV, 12 : ojpey 
ries illud, in hebr, habetur coques illud, dictio enim hebr, quae hie 
ponitur, aequivoea est ad operire et coquere. hebraei tamen videntur 
hie melius dicere. ib, XL, 31: et oestibtUum eius. in fieb. habetur 
et porticus eius ad atrium exterius. et ideo litera nostra videtur 
esse corrupta per scriptores vel ignaros correctores. Zur voUst&ndi- 
gen Kenntniss von Lyranus^ Standpunkt gehort noch folgende Stelle 
au8 der Einleitung zu seinem Bibelcommentar hierher: sensus lite- 
rcdis, a quo est incipiendum, videtur mtdtum ohfuscatus diebus mo- 

dernis, partim scriptorum vitio, partim imperitia aUquorum 

correctorum. pro veritate literae habenda in scriptura veteris 

testamenti recwrrendum est ad codices hebraeorum. in hoc tamen 
valde cavendum est, quantum ad locos scriptural V, T. qui de deitate 
Christi ac de consequentibus ad hoc loquuntur. quorum cUiquos Judaei 

corruperunt ad defensionem sui erroris in illis autem in qui- 

bus non est verisimile quod odiquid immutaverint ^ — nuUitm vi- 
detur periculufn, sed magis securum, secundum di^stum b. Hieronymi^ 
in dubiis recftrrere ad textum hebraeum tanquam ad originaie pro 
veritixte textus deelaranda, 

KauUn, Gasohiohta der TiilgaU. \^ 



— 290 — 

in manchen Fallen seine Zaflucht zum hebrftischen Texte 
nehmen miissen *). Seit Anfang des fiinfzehnten Jahr- 
hunderts scheint es dann bei den TPheologen des Abend- 
landes gewissermassen eine Ehrensache g^worden zu sein, 
dass sie in ihren Commentaren und Citaten anf den he- 
braischen und griechischen Text zuriickgingen und die 
Verscbiedenheit der Vulgata von demselben aufdeckten; 
so bei Paulus a St. Maria, Alphons Tostatns, Marsilius 
Ficinus, Angelus Politianus u. m. A. ^). 

Der andere Weg der Abhulfe, namlich der einer 
ganz neuen Uebersetzung statt einer blossen Verbesserung 
der herkommlicbeu, ward zuerst von dem 1397 verstor- 
benen englischen Bischof und Cardinal Adam Easton be- 
treten. Er ubersetzte das gauze Alte Testament, die 
Psalmen ausgenommen, neu aus . dem Hebraischen ; die 
Arbeit scheint aber keine Verbreitung gefunden zu haben 
und ist jetzt ganz verloren^). Ein halbes Jahrhundert 
sp&ter begann in Italien Manetti (gest. 1459) eine neue 
lateinische Uebersetzung der ganzen Bibel, die aber nur 
das Neue* Testament voUstandig, von dem Alten Testa- 
ment wenig mehr, als die Psalmen, umfasst zu haben 
scheint. Auch liber das Schicksal dieser Uebersetzung 
i&t wenig bekannt, und wie viel handschriftlich noch 
existirt, kann nicht angegeben werden"). Vom Psalter 
allein fertigten urn das Jahr 1480 der Carmeliter Jo- 
hann Creston zu Pavia und der Humanist Rudolf Agri- 



1) Hodp L c. p. 433. 

2) Ho€fy I. c, p. 438 aq. 

a) Mash, I. c. U, 3. p. 43:^. 

4) Mmh I c, Zl^ 3. p, 43^. YetM ew Hebraeo F$alvm I* et 
partem Veteris Testamenti, Possev, in App4ur, 



— 291 — 

eok(t 1485) zu Or6ningen ^) selbBtstSmdige Uebersetzimg«n 
ans dem Hebr^lischen an. Das Neue Testament dbertrug 
gegen Ende des dreij^hnten Jahrhunderts der Domini* 
caner Simon Jacumaus in's Hebr&ische und in'€ Latmni* 
sche; beide Uebersetzungen sind verloren^). 

Die Ueberscbatzung eines andern wissensehaftUchen 
Gewinnes, als der hebr&ischen Sprachkenntnis, soUte we* 
nigstens am Ende dieses Zdtraumes auch meht ohne 
Einfluss auf die Vulgata bleiben. Mit dem fanfzehnlen 
Jahrhunderte hatte im Abendlande die Kenntniss des 
klassischen Heidenthums Uberaus viele Freunde gefuoden, 
and man hielt die klassiscbe Diction ak den absolut voU- 
kommensten Ausdruck. Dieser Ansicht zufolge wurde an 
die Vulgata ein ganz nener Maasstab gelegt: man fing 
nun an, ihren bistorisch berechtigten Sprachektrakter der 
V«*besserang bediirftig zu b^raehten. Diea^ Meinung 
trat besonders in d«r vielbertibmten und vielbestrittenen 
Arbeit des Humanisten Laurentius Valla (f 1457) de cot* 
latione Novi Testamenti hervor ^). In diesen fortlaufenden, 



1) Hie studia hebraea agressiis est nactus Judaeum tUcuntque 
peritum; pducis mengibus tantum prafecit, ut aliquot pscUmos Da* 
vidicos in latinam linguam citra culpam tranistnisritj tU refiert in 
ei^s vita Melehior Adami, Haec nan tam est versH> accurate facta^ 
quam pensum praeceptori ab ipso solutum, Trithemii 0pp. ed, Fran- 
CQf. 1601 P. L p. 377. 

3) In s, scripturis N. Test ex graeca lingua in hebrofiam et 
latinam convertendis laudabilem operant posuit, quas trilms colum^ 
nis ita disposuit, ut verbum verbo apte responderet, uti Status Se- 
nensis tradit. Cave, Scriptt Eedes. hist, liter. Col. 1790. 8aee. 
WidUev. p. 58. 

9) Lawmtii VaUae viri cla^simi de OoUati^ne Nwi Testae 
menu libf4 duo, ed, Joe. Bspius. Ametdod. l$98k 

19* 



— 292 — 

bloss die Berichtigung der Vulgata bezweckenden An- 
merkungen ist das Hauptaugenmerk auf die Abweichun- 
gen ded lateinischen Textes von der klassischen Sprache 
gericbtet; und die Verbesserungen an demselben gehen 
zumeist auf die Herstellung einer vernieintHch bessem 
Latinitat ^). Ebensa werden dem Uebersetzer allerlei Ver- 
stdsse gegen die richtige Uebertragungsweise vorgewor- 
fen, die fast uur aus der Grammatik und dem Sprach- 
gebrauche der klassischen Zeit abgeleitet werden'). Es 
leuchtet ein, wie weit eine solche Behandlung von dem 
Ziele, welches die achte Eritik der Vulgata sich vor- 
stecken muss, abirrt, und welche gUnzliche Verkennung 
des Thatbestandes darin zu Tage tritt. Das gesunde 
Geftihl der damaligen Zeit liess desswegen anch eine 
solche Yerbesserungsweise nicht aufkommen, und es ist 
gewiss mefar dem im Buche liegenden Grandirrthume, als 
dem bekannten Sarkasmus des Verfassers zuzuschreiben, 
dass seine Bemiihungen ohne Wirkung blieben^. 



1) Vgl. z. B. Hehr, XII, 3, ut non fat igemini animia 
vestris deficientes. Melius foret defatigemini, h. e. labore 
dejfkiatis* Animis etiam pro animabus dixit; haud d^hie ele- 

gantius n&finTt rat; ^u^ac^. 

2) Vgl, z. B. Matth, XXVI, S. utquid perditio haec? — 
Eindem sunt in Marco verbth quod adverbium ita compositum non 
memini ubi apud eruditos invenerim, qtwd apud Graecos nunc non^ 
hgitury sed in quid sive ad quidy h$ xl; — ib, 10 quid mo- 
le sii est is mulieri? — verba graeca proprie et eleganter et ad 
eruditorum consuetudinem transferuntur : quid negotii exhibetis 
mulieri? h. e, quid mulierem aecusatis? etc. 

8) Valla kam niclit zufrtthe, wie Fritzsche (Herzog's Bealencyci. 
XYII^ S. 442) mmktj sondern er kam zu alien Zeiten ungelegen, well 
Beine Bestrebungen mnerlich ungerechtfiortigt war«n. Audi auf ihn 



— 293 — 

Neben solchen theils irrigen, theils unausfiUirbareA 
Auskunftsmitteln hatte das Schicksal, welches die Yulgata 
erlitten batte, doch auch einen unmittelbaren Nntaen, der 
nicht hocfa genug anzuschlagen ist. Diejenigen nftmlieh, 
welche sich ein ruhiges und unabhdngiges Urtheil be- 
wahrten, wurden durch die vorhahdene Sachlage mit 
innerer NotfaweiMigkeit zu der Beurtheilung des Ver- 
hfiltnisses gefQhrt, das zwischen Text und Uebersetzung 
der hi. Schrift aberhaupt besteht. Bisher hatte man sich 
vielfach in Extremen bewegt, indem man entweder tiber 
der Vulgata das Original ganz vergass, oder dieses 
ungebiihrlich Uber jene erhob; beiderlei Irrthum ent- 
sprang aus der zu grossen Schitzung des Buchstabens 
in der hi. Schrift. Eine ruhigere Betrachtung musste 
bei der Verwilderung des lateinischen Textes und der 
beschr&nkten Zug&nglichkeit der Grundtexte von selbst 
dazu fiihren, bei der Bibel Kern und Schale, Inhalt und 
Form zu sondem. Man musste* anerkennen, dass der 
g5ttliche Gharakter der Offenbarung trotz aller Ffthrlich- 
keiten der &ussern Form unverletzlich und unverletzt 
geblieben, und dass desswegen durch alles, was die kirch- 
liche Bibelfibersetzung erlitten, weder der Kirche, noch 
den Gl&ubigen ein emsthafter Mchtheil erwachsen sei. 
Allerdings war diese richtige Ansicht auch sonst schon 
In def Kirche laut geworden, sobald es den entgegen- 
gesetzten Irrthum zu bekEmpfen gait. So hatte schon 



l&BBt Bich anwenden, was Roger Baco (Hody S. 422) sagt: qui vo- 
lunt corrigere textum^ mutant antiquam grammaticam, quam optinie 
scivit Jeronymus qui transtulit^ eo quod Donatus mctgnua et maior 
Priscianus fuit eius magister, nam in dliquihus deficit PriseianuSf 
ulbi Jtronymus rectissime sensii. 



— 2f»4 — 

km neunten Jshrbundert 4er hi. Agobard gcf e^ iw Abt 
Fredegfis bestUnmt au^igesproGbeii, dass der U. Geist 
nioht 4eB Ausdruck der biblischea Scbriftsteller t'oniiu*t, 
scmdern ibnen hloss den InhaU; inspirirt babe; damit 
war alie i&ussere Form, sei sie Grundtext, sei sieUeber- 
setzung, auf ihren richtigen Werth euriickgefuhrl '). Nocb 
nie aber war diese Wahrheit bestimmter wsgesprocbea 
ttitd entmekelt warden, als dies ia dem jetzigen 
Z^itri^^me durch Erzbischof Richard von An^agh (f 1859) 
g^eechab. £ine solche Ueberzeugung war jetzt besonders 
wichtig, veil ja nur w(m einem ^olchen Gruudgedanken 
aus eine riditig geleitete Revision des Vulgatatextes zu 
erwarteii war. Anch der Ueberscbatzung des biblischen 
Buchatabeas gegeniiber, die schon als Vorbotin der 
Refortnation in der Kircbe aufgetaucht w^, blieb die 
rechte Abschatzung von Inhatt und Form der Bifoel von 
gpesseoaa Werth. Aus beiden Ursachen verdient es ein 
Gewinn zu he&ssen, wenn die Schicksale des Vulgata- 
textes zu einer sokben Erkeniutniss fuhrten. Die betr. 
SteUe Richard's mag um so eher hier einen Platz finden, 
weil manches von dem, was oben S. 53 ff. iib^ diesen 
GegensUiad er^rtert iat, in ^rfreulicher Weise mit den 
Gedanken dieses Mannes zusammentrifft. Die SteUe findet 
sich in dem apidlogetischen Werke contra Armenos^ in 
dem alle gegen die katholiBche Kirche zu erhebenden 
Finwendungen ausMhrlich widerlegt werdai. Im neun- 
zehnten Buche lUsst er jemanden den Einwand machen, 
dass die Verschiedenheit in dem Buchstaben der 
Bibel, sowohl zwischen Text und Uebersetzungen, als 
zwischen den letzern insbesondere , hinsichtlich des 



1) Ygl. oben S. 150, Anm. 



— 295 — 

bihliscfaesi Glaubeasiohaltes die Zuverlassigkeit aufhebe, 
and antwortet demBelben darauf ^):^' Du musst yor Allem 
beacbten, dass unser Gesetz nichts Anderes ist, als was 
der bl, Geist durcb Vermittelung der Propheten, Apostel 
und Jtinger Christi den Menschen zum Zwecke eines 
tugendbaften Lebens bekannt zu macben gebot und ver- 
anlasste, in welcber scbriftlichen Form immer es vorliegen 
mag. (m cuiuscunque codicibus mseratur.) Wir nennen 
keine asdere Schrift authentisch, als jenes Gesetz, und 
als Bestandtheile desselben verstehe icb nicht dieWorte, 
sondern den Sinn ; denn die ganze Schrift des A. T. ist wie 
bekannt in hebraischer Sprache abgefasst, und wir haben 
im Lateinischen (bloss) ibren Sinn tibertragen, gerade so 
wie ihn die Griechen im Griecbischen und andere Yolker 
in andem Sprachen haben, und dies war schon eine 
Reibe yon Jahren yor Ankunft unseres Erlosers yoUendete 
Thatsache. — — Was aber die Discrepanz oder die 
Unricbtigkeitra bei den drei yon der Eirche gleichmassig 

approbirten Uebersetzungen betriflft^), so bemerke 

ich dasselbe, wie oben, ncUnlicb dass eine sokhe Appro- 
bation der Kirche hinsichtlich der Uebersetzungen auf 
den urspriinglichen Sinn zu beziehen ist; den die Ueber- 
setzer ausgedriickt batten, nicht auf deinen Codex oder 
auf den meinigen, die beide yielleicht yon unkundigen oder 
nachlSssigen Abschreibem misshandelt worden sind. Wie 



1) Die nac]il3.ssige und weitschweifige Schreibart des Verfassers 
hat die Uebersetzung selir erschwert und die angedeuteten Aus- 
lassungen nothig gemacbt. Auch der Text scbeint bei Hody, an 
den der Yerfasser sicb wegen der tJnmOglichkeit^ das Buch selbst 
zu bekommen, bat halten mtlssen, nicht im besten Zustande zusein. 

2) Hiemnter de&kt er sich die Itala, die Uebersetzung des hJ. 
Hieronyiiius und die Yulgata. 



— 296 — 

du also glaubst, dass in unserer ursprtLnglichen Schrift 
die Wahrheit enthalten ist, so musst du anch glauben, 
dass sie in jeder Uebersetzung ist, welche die Kirdie 
nach gemeinsamer Berathung der lateinischen, griechischen, 
hebrSischen und sonstigen Kirchenobern unter sorgf&lti- 
ger P^tifung und Vergleichung mit den Exemplaren jeder 
andern Sprache, in welcher unsere ursprOngliche hi. Schrift 
vorhanden war, angenommen und kanoniscfa erkl&rt and 
znm Gebrauch empfohlen hat, und du darfst nicht zwei- 
feln, dass in den betr. Goncilien eine hinreichende Sicher- 
heit ftber die Person der Uebersetzer oder doch tiber 
die Richtigkeit der Uebersetzung und deren deutliche 
Uebereinstimmung mit ihrem Original gewonnen worden 
sei. Denn du bist kurzsichtig, wenn du Uebersetzungen, 
die mit so viel Sorgfalt und so viel Fleiss geprfift sind, 
der Unrichtigkeit oder der Abweichung von einander be- 
ziichtigst; glaube lieber, dass irgend ein Exemplar, wel* 
ches dir vor Augen gekommen, durch die Unkenntniss 
seines Anfertigers entstellt ist. In diesem Falle hast du 
ja das Mittel, das ich schon angegeben, n&mlich dass du 
auf andere alte und berichtigte Handschriften oder im 
Nothfall auch aiif die Texte in den anderen Sprachen zu- 
rUckgehst ; kein Zweifel, dass du dann den ursprtlnglichen 
Sinn auffindest. Bei diesen Uebersetzungen wird die Be- 
miihung um die Namen der Verfasser tlberflfissig durch 
die Auctoritat der hi. Schrift, welche von den Ueber- 
setzern keine Auctorit&t empfangt ; genug, dass die Ueber- 
setzung Wahrheit enthalt und mit dem Texte, von dem sie 
genommen ist, tibereinstimmt. Wenn dir aber in den 
ursprOnglichen Texten der Uebersetzungen irgend eine 
Verschiedenheit aufstosst, so glaube lieber, dass dies auf 
deiner Seite ^inem Man|;el an Einsicht oder Uebung in 



— 297 — 

den verschiedenen Redeweisai der Schrift zuzuBchreiben 
ist, Oder dass jene VerscMedenheit auf den Sprachuhter- 
schied der Originale (propter idiomata diver sa ecdra- 
riorum^ oder auf die Zweideutigkeit von Ausdriicken in 
verschiedenea Sprachen zuriickzuftihren sei, oder dass 
sie aus der tropischen Anwendung der betr. Ausdriicke 
stammt, die in einer Sprache geUlufiger ist als in der an- 
dem, nicht aber aus dem vom Uebersetzer intendirten 
Sinn, der wie gesagt nach sorgf&Itiger PrOfung der 

ganzen Kirche approbirt ist. Cap. XXIII. „Wenn 

du die verschiedenen Schrifttexte aufmerksam au- 
siehst, wirst du zu der Ueberzeugung kommen, dass in 
den angefilbrten und ahnlichen F&llen die verschiedenen 
von der Kirche gebilligten Uebersetzungen sich keines^- 
wegs widersprechen, obgleich vielleicht der einen von 
ihnen nachg€wiesen werden kann, dass sie weniger ent- 
b< allein ware es auch nicht die wQrtliche Uebertra- 
gung des Originals, so kann dir dies nicht schaden, wo- 
fem nur das, was darin gesagt ist, eine nach obiger 
Angabe approbirte Wahrheit enthalt und nichts darbietet, 
was der andem Uebersetzung oder dem Originaltexte 
widerspricht. DAin nicht jeder Uebersetzer intendirt 
Wort ftbr Wort nach der Reihe wiederzugeben, weil die 
Bedeutung der aus den einzelnen Spr&chen zu iLbertra- 
genden Ausdriicke eine w5rtliche Wiedergabe nicht immer 
leidet; vielmehr versucht der Uebersetzer manchmal bei 
einem weitschweifigen Ausdruck bloss den Sinn auszu- 
dracken. Weil nun die eine von unsem Uebersetzungen 
aus dem Hebraischen angefertigt ist, namlich die des hi. 
Hieronymus, eine andere aus dem Griechischen, namlich 
die nach den Siebenzig [die Itala], und die dritte viel* 
leicht noch aus einer andem Sprache, so dass der ur^ 



— 298 — 

sprOnglicfae Schriftsmn vermittels mekrerer U^b^raguu* 
gen in unsere lateinische Spracbe gekommen ist, so 
darfst du es nicht fur ungehorig oder merkwilrdig halten, 
dass in jenen Uebersetzungen 5fter sich irgend eine Ab- 
weichung von einander oder auch eine anscheinende Yer- 
schiedenbeit findet. — — Daher Iddet die Auctorit&t 
unserer bl. Scbrift so wenig, als die Bicbtigkeit des in 
irgend einer kircblicb approbirten Uebersetzung Entbalte" 
nen, dadurcb, wie dir scbeint, dass an einzebien Stellen 
nicbt die wirkliche Uebertragung de^ Urtextes steht, oder 
dass [eine Uebersetzung] nicht den [ganzen] Inbalt des 
Originaltextes enthalt, wofem sie nur Wahrheit entii&lt 
Freilicb muss ein Text, dessen Uebereinstiinmung mit 
dem ursprUnglicben Texte ^icberer gestellt werden kann, 
grSssere Auctoritat haben, als einer, der nur durch posi- 
tive Gesetze, wie oben gesagt, approbirt wird'). Denn 
wenn z. B. das Alte Testament das mosaiscbe Geset2 
approbirt, so approbirt es nicht irgend eine Uebersetzung 
desselben, die auch im Mindesten nicht entstellt ist, son- 
dern das ursprtingliche Gresetz selbst und dessen Inhalti 
in welcha* Sprache und in welchem Ausdrucke immer 



1) Die Stelle heisst im Original nach Hody; Ntm igitw infid- 
tut auctoritas nestrae scripturcke nee Veritas contentorum in cUiqua 
translatione ab eccUaia approbata, ut tibi videtur, etsi in dliguilms 
iocis non sit vera trainslwtio scripfurae primariae nee etiam sen- 
sum eeripturae primariae contineat, dum tamen contineat verita- 
tem .... auctaritatis maioris sit ilia scriptura^ quae maioribus 
testimoniis cancordare cum primordial scriptura videtur seu 
cognoscitur, quam ilia sola, quae per leges alias, ut deduxi 
superitAS, approbatur. Die angedeutete Ltlcke ftlillt Hody durch 
ein eingeschobenes licet aas; ob mit Recht, muss dahin gestetit 
bleiben. 



— 299 — 

das^dbe dai*geatellt Bern ipug '). Entstc^t diir nun ^b 
Zweifel aber den uraprtinglichen SchriftinhaU, so geh aa 
dJLe Wurzel, nSnUicb an die Originalsprache, in welcher 
die Schriit 2uerst i&itgetheilt wordeu, d. h. die hebrajsche, 
und zwar an die Ultera Handschriften in dieser Sprache, 
fticht bloss an die, wdche die Juden haben, sonderp 
auch an die, welcbe die Ghdstea besit^en, damit nicbt, 
wie du frUher eingevreodet, die Handschrifteu der Juden 
selbst ein Verderbniss liefaii; ferner musst du auf die 
griechischen Handscbriften zuruckgehen, aus denen cinzig 
wir eine uneerer Uebersetzuogen erhalten haben, und 
zweifelsobne wirst du so jeden aUenfaUsigeu Iirtbui^ 
leicht entdeeken und den urspriingUchien Inbalt der hi. 
Schriit ermitteln kOnnen/^ 

Bei dieser Darlegung be&emden die sonderbaren 
YordteUungen, welche der gelehrte Erzbischof hinsietat- 
Uch aller die Yulgata betreffendeo geschichtlichen That- 
sachen sich gebildet hat. Indess stelien solche Irrthtimer 
ganz iin Einklange mit der Unsicfaerheit, welche. das 
spMere ICttelalter hindurdi uad noch bis in die neuere 
Zeit uber die betr. Punkte vorhandeii war. Auch dieser 
Mangel an richtiger Erkenntniss muss, wie schon ofoen 
bemerkt, als mitwirkeuder Grund hei mwchen der Be- 
strebungen anarkannt werden, die als verfehlt zu be- 
zeiehnen sind. An sich selbst war jene Unklarheit ein 
Besultat der grossen Mannigfaltigkeit , welche in den 
einzelnen Exen^lax en der Yulgata so lange zu Tage ge- 



» ' ■ » I 



1) Cum enim lex antiqua legem approbat, non eiua dU^ptam vel 
in minimo corruptam eiua translatumem approbate sed ip/^m pri- 
mariam legem et sensua ipsius^ sub quacunque lingua et quibuacun* 
que sermonibus exprimatur^ confirmat* 



— 300 — 

listen war; man hielt die Verschiedenheit fttr zu gross, 
als dass sie bloss in dem Verfehren der Abschreiber 
ihren Grand haben kdnnte, und verfiel desswegen auf 
den Gedanken an eine Mehrheit der ufsprtlnglichen Ueber- 
tragungen. Der Wahrheit zunachst bKeb noch Roger 
Baco, wenn er dem hi. Hieronymus eine doppelte Ueber- 
setzung zuschrieb, wovon die eine in der Vulgata, die 
andere in seinen Gommentaren vorliege^). Weiter gingen 
Andere, wie Raimund Martini, Petrus Comestor, Richard 
von Armagh, welche nnr den in den Gommentaren des 
hi. Hieronymus stehenden Text als dessen Werk ansahen, 
unsere Vulgata aber ein.em unbekannten Verfasser zu- 
schrieben'). Letztere Meinung scheint sich sehr weit 
verbreitet zu haben; wenigstens deutet darauf die grosse 
Mflhe hin, womit Sp&tere die Vulgata aus wissenschaft- 
Uchen GrOnden auf den hi. Hieronymus zurfickzuftLhren 
bemllht sind'). Zur Zeit Hugo's von St. Garo galtBe- 
da wenigstens als Verfasser der Uebersetzung von den 
Sprichwdrtern. Sp&ter kam die Meinung auf, dass die 
Vulgata theils aus der Uebersetzung des hi. Hieronymus, 
theils aus der Itala zusammengeflossen sei. Diese An- 
sicht beruhte damals noch mehr auf Wahrheit als heute ; 
denn die Vulgata des Mittelalters enthielt nicht bloss 
einige Bdcher aus dieser, andere aus jener Uebertragung, 
sondem die Handschriften batten noch manches Einzehie 
aus der Itala in die hieronymianische Version herflber- 
genommen. Wie viel aus der einen und wie viel aus 
der andem Uebersetzung stanmie, wussten freilich nur 



1) Vgl. ob. S. 267. 2) Hody a. a. 0. S. 647. 
8) Bonflrerii Prod, in totam scr. 8, cap, XIV, sect, 1, p, 39. 
§d, Toumem, Mariana pro Ed, vulg, tap. XVIU. p, 78, ed Tournem. 



— 301 — 



diejenigen anzugeben, welche mit biblischen Studien sich 
eingehender beschaftigteD. Die Meisten aber ilbertrugen 
die so entstandene Ungewissheit auch auf die Beant- 
wortung der Frage, welche Lesarten und Ausdrucke in 
der Vulgata als kirchlich approbirt anzusehen seien. 
Hierbei ward die Unsicherheit sehr fiihlbar, weil man sich 
die Gutheissung der Kirche, wie oben aus Richard von Ar- 
magh erhellt, als einen einmaligen feierlichen Act vor- 
stellte, bei dem nur ein ganz bestimmter Text der Vul- 
gata iu's Auge gefasst wordeu ware. Dieser Mangel 
einer aussern Sicherheit trug, wie schon bemerkt, um 
so mehr dazu bei, dass man in der Umgestaltung der 
V^lgaJta selbst eine innere Gewajir zu erreichen suchte 
und damit auf die verschied^en, oben erwahnten Mittd 
der Abhiilfe verfieL 



XIL 

Gedruckter Text. 



Die Zeit des dreizehnten und vierzehnten JabthuH- 
derts hatte ftir die auasere Geschichte der Viilgata keinen 
Fortschritt, sondern einen Stillstand gebracht. Gleichwohl 
war diese Periode tiberaus wichtig an gdstigen Resnl- 
taten gewesen, die auf die Geschicke der Vulgata von 
grossem Eiufluss werden mussten. Dass diese Ergebnisse 
fortgeschrittener Erkenntniss einstweilen ohne Wirkung 
blieben, lag bloss an den aussern Hindernissen, welche 
eine allgemeine Verbreitung derselben erschwerten. Von 
der Ueberwindung dieser Schwierigkeiten liess sich dess- 
wegen ein weittragender, fordernder Impuls auf die 
fernern Geschicke der lateinischen Bibel erwarten. 

Da geschah eines der wichtigsten Ereignisse^ welche 
in der Qeschichte der Vulgata zu verzeichnen sind. Die 
Buchdruckerkunst ward erfunden, und alle geistige Thatig- 
keit der Menschen erhielt durch diese Erfindung einen 
grossartigen, ungeahnten Umschwung. Wie die Vulgata 
damals im Geistesleben des Abendlandes eine der be- 
deutendsten RoUen spielte, so musste auch diese von den 
Wirkungen des neuen Verfahrens in besonderem Maasse 
erreicht werden. Die Bibel war es ja auch zuerst, an 



— 303 — 

der die Erfinder des Buchdrucks sich versuchten, und 
f&r ein Jahrhundert beschaftigte kein anderes Geistes- 
werk 80 sehr die Pressen des Abendlandes. Was aber 
hier dem Beobachter als Fortschritt entgegentritt, ist zu- 
nftchst nur der aussere Zuwachs, den die vorhandene 
Zahl der Exemplare rasch steigend gewann; innerlich er- 
wuchs dadurch der Vulgata keine Vervollkommnung. Und 
doch sollte es scheinen, als hatte durch diese Vermeh- 
rung der Bibelexemplare einer der wichtigsten vorhan- 
denen Uebelst&nde beseitigt werden mlissen. Jetzt konnten 
ja viele Hunderte von Exemplaren so hergestellt werden, 
dass sie alle bis in die kleiiisten Einzelheiten einen 
identiBchen Text enthielten; die oft gehorte Elag(i: so- 
viet Recensionen, als Exemplare, ward dadurch ganz un- 
mdgUch. Indess darf hierbei nicht iibersehen werden, 
dass die Herstellung eines solchen in vielen Abziigen 
verbreiteten Textes denselben Fahrlichkeiten unterlag, wie 
das Abschreiben einer einzelnen Handschrift; und wenn 
hier durch Versehen oder Missverstandniss oder auch 
Willklir des Setzers und Correctors eine Verschiedenheit 
eintrat, so beschrftnkte sie sich nicht, wie im Manu- 
scripte, auf ein einziges Exemplar: Der Druck schloss 
ferner eine neue Gelegenheit zu Textes-Abweichungen 
durch die Druckfehler ein, und dieser Nachtheil wog 
reichlich auf, ja uberwog den Nutzen der herbdgeftlhrten 
Unifbrmitat. AUein auoh dieser Nutzen ward illusorisch, 
Bobald die Bibelausgaben sich mehrten; denn so wenig 
jemals die Abschreiber im Abendlande ein einziges Nor- 
malexemplar anerkannt batten, so wenig war dies von 
den Buchdruckem zu erwarten. Da nun der Druck von 
mehreren hundert Exemplaren im Ganzen noch weniger 
MUhe verursachte, als das Niederschreiben nor einer 



— 304 — 

eihzigen Handschrift, so stand von der neuen Kunst zu 
erwarten, dass sie die vorhandenen Schfiden des Vulgata- 
textes intensiv nicht ftndeni, extensiv denselben aber eine 
viel grossere Bedeutung geben werde*). 

Dass es in der That so geschehen, zeigt der Ueber- 
bliek liber die im fllnfzehnteu Jahrbundert angefertgten 
Aiifigaben der Vulgata. Die ersteu, welche gedruckt war- 
den, erschienen ohne Angabe des Ortes and der Zeit, 
so dass liber das Alter der vorhandenen Ausgaben Zwei- 
fel entstanden sind. Jetzt ist es sicher, dass die alteste 
Ausgabe zu Mainz im Jahre 1450 gedruckt worden ist^). . 
Aehnlicbe Drucke der Vulgata erschi^eu bald nachher 
zu Mainz, zu Bamberg, zu Strassburg, zu Basel und zu 
Coin, \ne denn ftberhaupt bis zum Ende des Jahrhunderts 
aus den verschiedeuen , deutschen Stfidten, welche Buch- 
druckereien besassen, vierunddreissig undatirte Drucke 
hervorgingen. Von den datirten Drucken der Vulgata 
ist der Ulteste der zu Majnz 1462 herausgekommene 0; die 



1) Fttr daB Folgende vgl. Masch, Bibh sacra, 11, 3. Vercdlone 
8uUe edizioni della Biblia fatte in Italia nel secolo XV. (Dissert, 
Accad, p. 97 sg) Herzog Real- Et%cy clop. XVII, S. 437 ff, Vercell 
Varr. Lectt. I, p, XCVL II, p. XXIL 

2) Ebert, allg. bibliogr. Lex. I, 2272. Herzog, Real-Encycl. 
XVII, S. 489. 

3) Die Ausgabe, aaf Pergament gedruckt, tr&gt den Titel : fBibUf 
$anr« Tattn« \nxtA IDulQAUm ebUtontm und bestekt aus 2wei B&nden 
in Folio, die sweispaltig ohne Absetzung der Verse gedruckt. Die Anfangs- 
bnchstaben der Abs&tze sind mit der Hand roth un«l blau gemalt. Am 
Schlusse beisst es: present i)oc opueculum finitum ac complctum et ab 
QEtterbiam bet in cioitate ma^untina per |ioannem fuet rioem et IDetrum 
3(i)eoiffcr bt ^txm\i)tt^m rltrirum bioceeis eiu«bem tet roudumtnatum ^n- 
no inrarnationte bomimct |lt(Q:<E(Q:(2lf;X^9 in oigtlta as«umpttonte glonoie 
9tr0tttt» JMarie. 



— 305 — 

Ausgabe ward wiederholt 1472. Die meisten Ausgaben 
des fiinfzehnten Jahrhimderts erschienen danach zu Ba- 
sel, namUch 1477, 1481, 1486, 1487, 1489, 1490, zweimal 
1491, 1495 und 1500, ferner zu Niirnberg 1471, zwei- 
mal 1475, 1477, zweimal 1478, 1479, 1480 und 1482, 
dann zu Coin 1479, 1480, 1492, 1497, zu Strassburg 
1482 (1492?) und 1497, endlich au Ulm 1480. Nach 
Deutschland war Italien in diesem Jahrhundert am frucht- 
barsten in Hervorbringung lateinischer Bibeldrucke. Aus- 
gaben erschienen, meist von deutschen Buchdruckern be- 
sorgt, zu Venedig 1475, zweimal 1476, zweimal 1478, 
1479, zweimal 1480, 1481, zweimal 1483, 1484, 
1486, 1487, 1489, zweimal 1491, 1492, zweimal 1494, 
1495, 1497, 1498, ferner zu Eom 1471, zu Piacenza 1475, 
zu Vicenza 1476, zu Neapel 1476, zu Florenz 1480, zu 
Brescia 1496. In Frankreich ward die Vulgata 
nicht so oft gedruckt: in Paris erschienen sechs Aus- 
gaben 1475, 1490, 1492, 1497, zwei 1500, in Lyon 
drei (1479?), 1489, 1499, 1500. Aus Spanien ist nur 
eine einzige Ausgabe bekannt, namlich zu Sevilla 1491. 

Was die anssere Beschaffenheit dieser Ausgaben betrifft, so 
warden die lateinischen Bibeln anfanglich nur in grossem Formate 
doppelspaltig mit gotbiscben Bacbstaben gedruckt ; fur die Anfangs- 
bucbstaben worde Eaum gelassen, und in diesen warden sie rotb 
Oder blaa oder auch mit Miniaturmalerei nacbgezeicbnet. Die ersten 
Ausgaben entbalten bloss den nackten Text der Vulgata nebst den 
Einleitungen des bl. Hieronymus und den alten argumentis, wie sie 
scbon im Codex Amiatinus yorkommen. Ein eigener Titel ist An- 
fangs gar nicbt vorbanden, and weder die Bogen, nocb die 
Seiten erscbeinen numerirt. Statt des Titels tragt die erste Seite 
gew5hnlicb eine grossgedruckte IJeberschrift : ^nctptt prologuf 0ftncti 
it)eron9mi, tnciptt ept6toU ecti ii)eroni)mt ab paulinum^ prologue biblie 

Kaulen, Oesohichte der Yolgata. 20 



— 306 — 

Oder dergl. Die FolioaaBgabe von Basel 1487 iriigt als Titel bloss 
das eine Wort piblta. In einer Ausgabe von I486, deren Dmckort 
nicht angegeben ist, heisst der Titel QDejrtud btblte. In einer Nilm- 
berger Bibel von 1471 stebt zum ersten Mai als Titel fBiblift l)ul- 
gAtft (nnno mtlleeimo quabrtngenUdtmo eeptuAgeBtmo pnnto per ^n- 
t^onium (Eoburger in rtgia ^iottate Hiirnbergenei). Der bei Weitem 
gew5bnlichste Titel ist SBiblift 7ftttna, der in spfttem Ausgaben 
noch den einen oder andem, dem Inbalte entnommenen Zasatz 
tragt. Bald ward es nftmlicb Oebrauch , dem einfachen Bibeltexte 
einen mehr oder weniger bedeutenden Apparat hinzazufilgen. Den 
Anfang hierzu machen die Yorreden, deren erste in der Ausgabe 
Yon Bom 1471 erscbeint. Ausserdem warden die Texte bald mit 
einem, bald mit mehreren Zuthaten yersehen, die allm3lig traditionell 
wurden und in den Ausgaben nacb 1500, als plenus apparattis 
zusammengefasst, scbon auf dem Titel figuriren. Diese Zugaben sind 

a. eine Angabe der alten Bibeldbersetzungen : Hotanbum quob translatortt 

0eu interpreted bibltr fuerunf multfplices 70 interprrtet, quof 

<Sle«|tKru0 ytolontftef rogttu m 9egi)ptum ntrait. ^uiU ^ubaeua air ftbem 
€l)ri«ti ronoersiif^ %th poetta in t)aert0ini iapeud, qui be l)tbr«tco in 0rae- 
rnm transtuiit. Sl^eobotton eub imprrafore (ilommobo. S^i^mmt^w 6ub i«- 
ptrtt0re Sti^txa, ^nterpretatio 19ter00oli)mt9 inoenta^ quae oel imlgata, »el 
qutnto ebttio vcttLinr; Prigenea^ qui tranelattoma imperfecta^ rorrerit et 
l^ejrapia etibtt. Uouiaeime auperueniena beatua IJ^ieronpmua peritus in 
tribua Unguia^ t)ebrat(a^ graeca et latina. J)nmo corrept tranalationem 
72 tnterpretum latino rum aateriacia et obelta^ poatea oero tranatulit 
immebtate J^bliam be t)ebraeo in iattnum aine aateriacia et obelia. (St 
^ac tranalatione utitur romana eccUaia ^ lictt non in omnibua libria . . . 
Hota, quobf ubicunque in iibrid ^eterfa ^eatamcnti menbositaa reperttur; 
currenbum eat ab voiumina l^ebraeorum, quotr Detua QCestamentum primo 
in lingua Ifebraea acriptum eat. $i vero in libria Houi CS^eatamentf^ re- 
curren^um eat abf uolumtna (5raecorumf quotr II. Or. primo in lingua graeca 
acriptum eat praeter CSuangrlium JRatt^aet, et cpiatolaa |)auli ab ^rbraeo0. 

b. Die Denkyerse iiber die yierfache Auslegungsweise der Bibel: 

IQiatoria, QCropologia, ^Uegoria^ ^nagogia. 
Ttttera grata bocet: qutb creban^ alUgoria. 
IKoraUaf qutb agaa: quo tenbaa anagbgia. 



— 307 — 

a. nnd b. zuerst in der Baseler Ausgabe von 1487. c. eine Anempfeh- 
lung der Lesohg in der hi. Schrift: ^ bininitrum littenurum otrantm- 
qtte biottitrum anwtored ej:t)ortatto. d. Summarium, d. i. Aufzfthlang, 
Classificirung, Inhaltsangabe der yerscbiedenen biblischen Bacher. 
e. Denkverse zam Behalten der Bdcbertite] , nacb Sitte der Zeit 
sinnlos abgekiirzt, urn Hexameter za bilden : 

(JSenteb. (Sjro* ?toi* Humerontm. iDeuteronomt. 

Pmi 9oaue. ^lubicum. Hutl). ISegkm. |)Ar«Up. (Sebre. 

Sobtit0. $ttbtti). l^tiUr. fob. |)0«lttnumqttf. 

jDreoerb. (SccUmeX, ^itntnt. l$apit. (Srcleetftetic. 

(S0ai. %\txtml JBamd). (S^ed). iDanlelque. 

t)H. 9ot)ei. ^mo0. |ibbi. 9ona0. fltidie. Itaunt. ;?lbA(i). 

$opt)on (t ;?lg9eit0. 9ad)a. 9tal«(^t. IKat^tbei. 

|iatti)ni0. |tbirnt0. 7uca0* po0trnn0 $ol)anne0. 

Homa. (Sorinti). (JSaUti). Clfpi). |)^tlipp(n0e0. Colo0en0e0. 

Qtt)e00d. Si:tmoti)(U0. Situo. |)i)tlemon. J^thvtnt. 

^tXM et facobi. })etrtt0. 9oi)an et 9uba0. ;?lpoc. 

Diese drei Stiicke stehen zaer&t in der Basler Octav-Ausgabe 
Yon Froben 1491. f. Tabula aJphdbetica historiarum, ein alphabe- 
tisches Namen- und Sachregister, von Gabriel Bruno 1490 in Yene- 
dig zasammengestellt und zuerst in der Basler Ausgabe von 1495 
gedruckt. Spater erscheint dafiir ein Index rerum et sententiarumj 
der in der Eeformationszeit Aolass zur Einschreitung von 
kircblicher Seite gab. g. Tabula super lihliam per versus 
composita, 212 Denkverse des Alexander Yilladeus enthaltend, in 
denen der Inhalt jedes Capitels in je einem Wort mit ioterlinearem 
Commentar erscheint. So heisst es fiber die 24 ersten Capitel der 
Genesis : 



(5(tL i 


ii 


iii 


burum opera. 


be llgno oite ne ebatit. 


abam et eva. 


$tr. 


prol)ibtt. 


ftttmt 



to oi oti 

ocdbitttr a cai)n. tran0ferttir in parabio. a noe. noe et filii ettt0. 

^btl (Snod). tt ard)< fit. intrant. 

20* 





— 308 — 




out XT 
not be ar(^a. nubatur coram filite. 

rgrtbitttr. bormit. 


r 

fiitt et filte noe; 

Dattttntttr. 


babel. 

turrw. 


rti 

egrebitttr be terra. 


eeparatur ab abraam. 


ab abraam oincuntttr 

rrgef. 


beo abrat)am. 

crrtit. 


rot roit ytiiii 
agar. abrae et duorum. isare post oottum. 

fugs. circttmrtoto. rtous. 


rir 

beetrurit pmtapoUn. 

futpl)ur. 


abstttltt 0aram. 

rey (Stntre. 


6ara teaac. 


mi 

abraam fiUum. 

offnrt. 


yriit 

montttr. 


t0aac tungitiir. 

Mebecca. 



h. Interpretatio nominum hebraicorum, chaldaicorum, graecorum et 
latinorum, zuerst in der rdmisclieii Ausgabe you 1471. i. Menardi 
Epistola, eine Art Isagoge in die hi. Schriften, schon in ganz alten 
undatirten Ausgaben Yorhanden. k. C S., d. i. CapituU Summa Oder 
Casus Summarily eine knrze Inbaltsangabe der einzelnen Capitel, 
zuerst in der Ulmer Bibel 1480. 1. Die bekannte Evangelienbarmo- 
nie des Ammonias oder Easebias, scbon in ganz alten Drucken. 
m. Concordantiae, entweder Veteris et Novi Testamenti oder Juris 
Canonict; jene sind die Angabe der Parallelstellen am Bande, die zu- 
erst in zwei Bibeln vom Jabre 1491 yorkommen, diese enthalten Be- 
merkungen ans dem Corpus Juris, ebenfalls anf dem Bande gedruckt; 
endlich n. erst in spaterer Zeit aucb variae lectiones am Bande. 
Inbaltsverzeichnisse treten erst gegen Ende des Jahrhunderts auf, 
seit man die Seiten zu numeriren anfangt. 



— 309 — 

FrUlizeitig erschienen auch commentirte Bibeln. Schon gegen 
1480 ward der Text der Yulgata, wahrscheinlicli zu Strassborg bei 
Adolf Rusche , mit der glossa ordinaria des Walafrid Strabo and 
der davon unzertrennlichen glossa interlinearis des Anselmus Lau- 
dunensis abgedruckt. Im Jahre 1481 erschienen gleicbzeitig zwei 
Ausgaben, eine zu Yenedig, die andere zu Kiirnberg, mit der Postille 
des Nikolaus' von Lyra, und beide wurden ofter wiederholt. 
Vierzehn Jahre spater (1495) erschien zu Venedig eine Aus- 
gabe, welche in vier grossen Foliobanden beiderlei Commentare in 
sicb vereinigte; dieselbe rOhrte von dem Camaldulenserprior Ber- 
nardino Gadolo in Murano her, der die Leitung der Druckerei des 
Paganino von Faganini tibernommen hatte. Die spatem lateinischen 
Bibeln mit den Glossen und der Postille beruhen auf dieser Aus- 
gabe, haben dieselbe jedoch theilweise um die Bemerkungen des 
Paulus Burgensis zuLyranus und ahnliche Zuthaten yermehrt. End- 
lich erschien auch seit 1498 eine kleine Beihe von Bibeln, welche 
neben dem Texte die Postille des Hugo von St. Caro enthielten. 

Was, den Text dieser ersten, in's fiinfzehnte Jahr- 
hundert fallenden Ausgaben betriflft, so scheinen die 
Drucker anfangs das erste beste Manuscript genommen 
und dasselbe, abgesehen von den Druckfehlem, getreu 
copirt zu haben. WenigstenS ist dies der einzige Schluss, 
den beim Mangel jeder Nachricht hiertiber die Beschaflfen- 
heit der Ausgaben selbst nahe legt. Der Text in den- 
selben ist in kritischer Hinsicht identisch mit dem in 
den Handschriften des 14. und 15. Jahrhunderts vulgSr 
gewordenen. Unter sich stimmen die Texte der einzelnen 
Ausgaben fast vollstandig tiberein, so dass oflfenbar, wie auch 
sonst bekannt ist, ein Druck dem andem als Original 
gedient hat. Vermuthlich hat die Mainzer Ausgabe von 
1450, die auch kritisch als Typus der Bibeln dieses 
Jahrhunderts gelten kann, mittelbar oder unmittelbar den 
meisten tlbrigen die Entstehung gegeben. Nur die in 
Italien erschienenen Ausgaben haben ebenso, wie oben 



N 



— 310 — 

von den sp9,tern Manuscripten dieses Landes bemerkt 
worden ist, den Text in Wortstellung und manchen 
kleineren Stiicken nach italienischem Sprachgefiihl geandert. 
Einen neuen selbststandigen Weg schlug 1476 ein Buch- 
drucker ein, der sich Woss Leonardus Basileensis nennt; 
derselbe liess zu Vicenza eine lateinische Bibel erscheinen, 
bei deren Herstellung statt aller vorhandenen Drucke ein 
italienisches Manuscript benutzt und einfach copirt wurde. 
Auch die commentirte Ausgabe des Bemardin Gadolo ist 
vermuthlich einem Manuscript gefolgt, in welchem der Text 
gleichzeitig mit den Glossen und der Postille stand, so 
dass auch hier ein von den ubrigen Drucken unabhSngiger 
Text zu finden ist. Bemerkenswert;h ist noch, 4ass diese 
alten Drucke beim Neuen Testamente durchgehends die 
Anordnung der Handschriften beibehalten, so dass der 
Rdmerbrief auf das Evangelium des hi. Johannes und 
die Apostelgeschichte auf den Hebraerbrief folgt. 

Nach allem diesem hatte die Buchdruckerkunst in den 
ersten fiinfzig Jahren ihres Bestehens fiir die Yulgata 
keine andere Folge gehabt, als dass sie die YervielfMti- 
gung derselben mechanisch erleichterte. Alle die ange- 
fiihrten Drucke waren einfache Copieen von Handschriften 
gewesen, und als solche unterschieden sie sich bloss durch 
die Herstellung von den fruher mit der Feder angefertig- 
ten. Auf die innere Oeschichte der lateinischen Bibel, auf 
die Oestaltung des Textes und das Yerstandniss des In- 
haltes, hatte das neue Yerfahren noch keinen Einfluss 
gehabt. Und doch Hbte die Buchdruckerkunst auf alien 
Gebieten des menschlichen Geisteslebens eine uberaus be- 
fruchtende und entwickelnde Anregung. Die fruchtbaren 
Gedanken, welche in der Zeit lagen, konnten bei der 
dargebotenen Leichtigkeit der Yerbreitung nicht bloss 



— 311 — 

gedeihlich wirken, sondem der gehobene literarische 
Verkehr gab seinerseits Anlass zu froher geistiger Thatig- 
keit, aus welcher unzahlige neue Oedanken und Erkenntnisse 
hervorgingen. Mochte desswegen auch der neugegebene 
Impuls eine Zeit lang fur die Vulgata ohne Wirkung 
sein, so konnte dieselbe doch auf die Dauer von dem- 
selben nicht unerreicht bleiben. In der That lasst sich 
leicht bemerken, dass mit dem Anfange des sechs- 
zehnten Jahrhunderts diejenigen Ansichten, welche im 
Laufe der Mbem Zeiten hinsichtlich der lateinischen 
Bibel aufgekommen waren, durch die Buchdruckerkunst 
sich nachhaltig geltend zu machen suchten. So erwachte 
denn auch in den Ausgaben der Vulgata von da an eine 
rege Geistesthatigkeit, in deren vielseitiger Gestaltung 
tief einschneidende ' Grundsatze sich Bahn zu brechen 
suchten. 

Fiir den Anfang ging diese Thatigkeit, wie nicht un- 
schwer zu erklaren ist, auf unrichtiger Fahrte. Als un- 
richtig muss namlich das Bestreben bezeichnet werden, 
den Text des hi. Hieronymus nach den hebraischen und 
griechischen Originalien, zumal nach dem Texte der da- 
maligen Zeit zu verbessern. Seit dem Jahre 1470 er- 
schien aber eine Reihe von lateinischen Bibeln, die sammt- 
lich auf solche Weise gebessert sein wollen. Wenigstens 
tragen sie alle die vielsagende Unterschrift : 

^ontilittf ejr grarrif ^ebraeontm quoqne Ubrift 

emrnbatit i^atif ft ttcorata $imnl v 

Jixhik $nm praenrns %niftvoi^ tp ttttor et itttra 
e0t imprt^sa nee in orbt mil)i nimilif. 

f iuguU qttoqtte iota turn concorbantibun t^ant. 
otll)09rapl)ia mmni qtiant btne ifxnu mmtt. 
Die einzelnen Ausgaben indess, welche diese Schluss- 



— 312 — 

aufschrift tragen, miidsen in drei Elassen gescMeden 
werden. Urspriinglich berechtigt steht dieselbe nur unter 
zehn Folioausgaben, welche zwischen 1470 und 1490 er- 
schienen sind. Von diesen ist di6 erste ganz undatirt, die 
zweite ist von 1479, die dritte von 1481, die vierte von 
1482, die ftinfte von 1483, die sechste von 1485, die sie- 
bente und achte von 1486, die neunte von 1487, diezehnte 
von 1489 *). Eigenthtimlich ist, dass keine einzige dieser 
Ausgaben, die im Texte genau tibereinstimmen, den Namen 
des Druckorts oder des Herausgebers tragt. Bloss nach 
dem Schnitte der Lettem glaubt man sie aus Deutschland, 
vermuthungsweise aus Basel, und zwar von zwei verschie- 
denen Druckem herieiten zn k5nnen'). Die Unterschrift 



1) Hiernacli ist Fritzsche's Angabe in Herzog's Beal-Encycl. 
XVn. S. 139 zu berichtigen. 

2) Dem Yerf. ist aus dieser ersten Elasse bloss die Aus- 
gabe Yon 1482 in kl. Fol. bekannt, die sich in einem scbOnen Exem- 
plar auf der Bonner Uniyersitatsbibliothek befindet. Sie beginnt 
ohne Titel mit dem JDrologua in bibltam: ^nripit tpiatoU btittt $lcvoni)- 
tni nb IDaulinum predb^terum be omnibua bioinae I)i0tonae Ubria. (2I«pitu- 
Iwm I. Jrater ^mbroeiua etc. Sie enthalt ausser dem Texte die Vor- 
reden des hi. Hieronymus nebst argumentia, an deren Stelle bei den 
Evangelien regietra treten. Die Ordnung im N. T. ist: Evangelien, 
pauliniscbe Briefe, Apostelgeschichte, katholische Briefe, Apokalypse. 
Yon den mittelgrossen Bl&ttern gehen zelin auf einen Bogen; "Slie 
Bogen sind auf den fQnf ersten Blattern signirt; die ganze Bibel um- 
fasst a— t) , ^—1) und 1—10. Der Schriftzug ist gothisch, fiir die 
gemalten Initialen ist Baum gelassen. Farallelstellen finden sich 
bloss im N. T. Anr Schlusse heisst es wie in den meisten dieser 
Ausgg. : JBiblta quern rettnet eequitur nunc metrinta orbo. O^tnerat. erobui. 
etc. Dann: JFontibua ejr flraecici etc. Weiter MDCCCCLXXXII ohne 
alle n3.here Angabe. Hierauf folgt auf besonders paginirten Bogen a. 
ohne Ueberschrift das Yerzeichniss der kirchlichen Perikopen. Dann 



— SIS — 

schernt, dem Geschmacke der damaligen Zeit zufolge, 
grosses Aufsehen gemacht und den betr. Bibeln grosse 
Empfehlung bereitet zu haben. Daher bemUchtigte sich 
sogleich die Speculation dieses Erwerbsmittels, und es er- 
schienen nunmehr eine Anzahl von Nachdrucken, in denen 
der Text der obigen Bibelausgaben sammt den Endversen 
treu wiederholt wurde. Der Regel nach ist aber bei diesen 
secund&ren Druoken der Herausgeber genannt; so senetiid 
tmi^r. ^trbort be $A\itMttbt^ 1483; id. tin:pr. (Se. be 1li9<- 
ktniB 1487; 0. 9. per |n<rcttm Mehii). be ^gentitia et ^m- 
Utim l^\)xl be $enf ^etm 1482. Da au(^ diese Ausgaben 
guten Absatz fanden, so bedienten sich nunmehr die Buch- 
drucker der fraglichen Unterschrift wie eines Aush^nge- 
schildes und druckten dieselbe unter jede beliebige Aus- 
gabe, welcher Art auch immer der Text sein mochte. 
Inwieweit nun die Berufiing auf die griechischen und he- 
braischen Originale gerechtfprtigt ist, kann bloss bei den 
Ausgaben der ersten Elasse zur Frage konunen. GrUnd- 
liche Untersuchungen, die hieniber Licht verbreiten k5nnten, 
sind nicht angestellt worden, und es mag im Allgemeinen 
nur behauptet werden, dass der Text derselben von manchen 
Yersehen Mherer Ausgaben gereinigt ist. Eine theilweise 
Collationirung der vorhin beschriebenen Ausgabe zeigt 
aber z. B. die vom Hebr&ischen abweichenden Lesarten 
Gen. XXYU, 27 sgri yleni, XXIX, 33 qttoniftm Dibit, XXX 
32 ftttenm XLI 54 in nmcta etiam tenr« ^eg^i^ti famef er<t; 
ebenso die vom Griechischen abweichenden Matth. XIII 23 



heisBt OB litrcua ronwnie Beb iot|anne» aetimie : Tfnaii itdiatja m«ttl)e«« 
0crtp«tt ^tbreto. 9UUtt)ett0 empsit eoangeiutm anno Domini 39. JKarnii 43. 
9nni0 53. 9o^itnnt« 83. y'xnit, iDeo gmtiat. b. Inteq^rttittionee t)rbniir0- 
rum n0mtnttm; am Schlttsse: ^KrpUciiint ^nteqintatiomo ^cbmicomm no- 
minunu fimi to. 



— 314 ~ 

<Uitb quibrm ctnimmnm^ tilmi Mtm $mit^tama^ alwlr titro 
trictfimttm XIY 19 turbam SO nlii|itt<f buobtrim (o^^tnof 
fntginentontm i^lniof 33 ancmbif $et XY 2 trabitiontft 33 ift- 
nn tantiKf Joh. XYII 6 i^emontm meum 18 it« rt t00 XYin 
11 nott m ut Mbam 40 cUmanentnt mrsttm XIX 4 r^it 
itintm 16 et ebttjrrrtmt tttm 29 o«i mttem trat. ilU trgo XX 26 
btrit t\» 28 bi^it: iBommtm 31 qnob ui^ttf e$t fUbtf bet 
XXI 1 itfttf «b marr 13 accrpit fmtm tt babat 15 pnmbi- 
btffent^ bijrit 16 btrtt tt itentm: ftttt. Die Emendation 
nach den Originalien kann also nicht bedeutend gewesen 
sein und ist vielleicht auch hier ein blesses Aushange- 
schild. 

Das ganz Entgegengesetzte wird gewohnlich von der- 
jenigen Yulgataausgabe gesagt, welche einen Theil der 
beriihmten Complutenser Polyglotte bildet. Es wird be- 
hafuptet, in dem lateinischen Bestandtheile der letzteren sei 
der Text tlberwiegend nach den hebraischen und grie- 
chischen Originalien, nur'wenig nach Handschriften ge- 
bessert ^). Dagegen versichert die Yorrede sehr bestimmt, 
der Yulgatatext sei auf Grund uralter znverlassiger Ma- 
nuscripte, die bis in's siebente Jahrhundert hinaufreich- 
ten, hergestellt ) und die betr. Ausdrtlcke lassen nicht 



1) Mariana pro Ed, Vtdg, c, 24. (ed, Tournem. p, 85) Fritzsche 
in Herzog's Real-Encydopadie Bd. 17, S. 440. 

2) Latinam beati Hieronymi transUxiionem cantuUmtis cum quam 
plwrimis exemplarihus venerandae veiustatis, sed his maxime, quae 
in publica complutensis nostrae universitatis hihliotheca recondun- 
tur^ quae supra octingentesitnum abhinc [a5 a. 1517] annum litteris 
gothicis conscripta^ ea sunt sinceritate, ut n^c apicis lapsus possit 
in eis deprehendi. Aliqua tamen nomina propria vitio scriptorum 
aUter scripta, quam in originaiihus utriusque testamenti habeniur, 
intacta dimisimus , . . Aus der Vorr. bei VerceU, V. L. I, p, XCVII, 



— 815 — ' 

an der Absicht zweifeln, dabei nut kritischer Gewissen- 
haftigkeit zu verfahren. Auch sind die Lesarten, die 
dem Texte, namentlich des Alten Testamentes, eigen- 
thtimlich sind, durch gute alte Handschriften bezeugt, 
und namentlich stimmt der Text des mozarabischen Mess- 
buches und Breviers sehr haufig niit ihnen, wie z. B. 
Gen. IV 9 numquid ctistos aut 15 in Cain signum Y 1 ad 
imagvnem atd 3 et genuH; fiUum YIU 7 et revertebatur XXII 
16 unigenito, lenedicam aut 20 his itaque gestis Rich. Ill 15 
Aioth. Unter diesen Lesarten sind allerdings einige, die 
mehr mit de^ Grundtexte, als mit den ubrigen kritischen 
Zeugen tibereinstimmen, wie Gen. YIII 9 manum suam 
Vn 15 Detis ad Noe IX 17 hoe est signum; viel mehr 
aber finden sich darunter, die gerade von den Grund- 
texten, wenigstens wie sie in der Polyglotte wiedergege- 
ben sind, abweichen. 

Solche sind Gen. VI 17 coelum et universu IX 10 cunctisque 
22 esse nudata X9 afc hoc XIII monstravero 6 usque XIII 17 surge 
ergo XIV 10 et rex Oomorrhae XVIII 4 laventur pedes vestri 20 
Gomorrhaeorum 28 propter quinque XIX 14 et egredimini XX 7 
et ordbit 'pro te: quia propheta est, XXIV 32 pedes camelorum. 
Weish. I 6 maJedictum 15 iniustitia autem mortis acquisitio 16 morte 
II 1 impii 2 afflatus, scintillae 3 quia extinctm 9 vestrum. sors 
nostra, 10 viduae nee veterano nee revereamur 11 lex iniustitiae 
18 ilium de manibus III 2 et aestimata est afflictio illorum 3 et ah 
itinere iusto ahiemnt in exterminium, et quod a nobis est iter ex- 
terminii 19 nationes, consummationis IV 4 et nimietate 6 ex iniquis 
enim omnes JUii 10 factus dilectus 15 respectus super electos 17 mi- 
nuerit 18 videhunt enim, Deus V 3 gementes prae angustia spiritus 
9 praecurrens 11 aut avis, itineris illius 17 et in hrachio 21 diram 
iram 24 iniquitatis, 

Insoweit ist kein Grund zu zweifeln, dass die Com- 
plutenser Ausgabe der Yulgata wirklich nach den Begeln 
9,chter Eritik hergestellt ist, und dass die oben angege- 



— 316 — 

benen Behauptungen aof einem Irrthume beruhen. Eine 
Ausnahme scheint aber in der That hinsichtlich des 
Psalmentextes gemacht werden zu mtlssen, der un- 
zUhlige Abweichungen von der gewOhnlichen Fassung des 
gallikanischen Psalteriums enthalt; diese stimmen nam- 
lich jedesmal mit dem nebenan gedruckten griechischen 
Texte, der selbst wieder von den bekannteren Recen- 
sionen sehr abweicht, wortlich tlberein, so dass man sich 
hier dem Gedanken an eine bewusste Aenderung nicht 
verschliessen kann. 

Beispiele Bind I 5 comilio II 7 praeceptwui Domini (dm) 9 
tamquam vasa (et tamquam pas) 10 erudimini omnes III 6 Ego au* 
tem dormifyi. exurrexi (et eocurrexi). suscipiet. 7 circundantia lY in 
hymnis (carminibus), invocarem ego 4 clamavero ego 7 ostendet Y 4 
videbis me (videbo) 5 non hdbitdbit 10 patens (est) guttur 12 in te 
(omnes) qui 13 voluntatis coronasti YI in hymnis (carminibus) 4 et 
tu 6 (et) eripe 7 in lachrymis 11 conturbentur (vehementer) omnes 
YII 6 persequatur merito 6 in pulverem collocet (deducat) 7 (et) 
exaltare 9 iudicabit (iudicat) 10 consumetur iam, Bern iuste (lu- 
stum) 12 et fortis et numquid 16 et incidet (inddit) Ylli 1 admira- 
bile (est) nomen 4 coelos (tuos) 10 admirabile (est) nomen IX 6 nomen 
eius (eorum) 7 in fine, memoria eius (eorum) 11 cognoscunt 13 da- 
moris 15 exultabimu^s (exultabo) 17 cognosdtur 21 eos: sdant 22 
tribulationibus 28 os eius 31 cum ipse dominatus S^Dominus Deus 
meus, pauperum tuorum in finem, 35 tradas eum (eos). tu fuisti 
(eris) 37 Dominus rex (regndbit) 38 exaudisti Domine (exaudivit 
Dominus). praeparationi attendit (praeparationem a/udivit) X 2 
sagittas (suas) in 3 quae tu perfedsti, ipsi destruxerttnt 5 suam 
animam *). 



1) In Ermangelung des Complatenser Textes hat die Yergleichung 
for das Bttcli der Weisheit und die Psalmen nach der Antwerpenef 
Folyglotte geschehen mtlssen, die jenen Text neu abgedmckt ent- 
h&lt. Die Lesarten, welche bei den Psalmen am Bande stehen^ Bind 
in Elammern gegeben. 



— 317 — 

In Bezug auf das Psalmenbach also wird man wohl 
zugestehen mttssen, dass die Herausgeber des Com- 
plutenser Textes zuerst das Verfahren eingeschlagen 
haben, welche die oben bezeichneten Ausgaben falsch- 
lich for sich in Anspruch nahmen. Dieses sollte bald 
in ausgedehntem Maasse Nachahmung finden. 



xra. 

Verwirrung. 



«Die Herausgabe der Complutenser Polyglotte fiel un- 
mittelbar mit dem grossen Ereignisse zusammen, das 
die Eirche des Abendlandes so machtig erschiitterte. 
Wie die Bibel im ganzen [Verlaufe der Reformationsge- 
schichte eine der wichtigsten RoUen spielen musste, so 
konnte auch der herk5minliche Kirchentext von den ent- 
standenen Streitigkeiten nicht unberfihrt bleiben. Zur 
Stiitze seiner neuen Lehren hatte ja L]ither die vor- 
handenen deutschen Bibeltibersetzungen um eine weitere 
vernjehrt, welche im Princip eine neue Aufifassung und 
ein neues Verstandniss des biblischen Inhaltes darlegte. 
Seiner Behauptung, hiermit den Sinn der alten Kirche 
wieder an's Licht gebracht zu haben, widersprach aber 
in unbequemer Weise die alte Vulgata, deren geschicht- 
liches Recht sich nun einmal nicht wegl&ugnen liess. 
Es war auch bei der damaligen Form der Studien nicht 
moglich, dieselbe zu verdrangen und sie entweder durch 
die Grundtexte oder durch die Uebersetzungen in mo- 
deme Sprachen zu ersetzen. Nur eine theilweise Aus- 
rede war bier iibrig gelassen, indem die textuellen Ver- 



— 319 — 

schiedenheiten zwischen der Valgata tind den damaligen, 
ohne Weiteres als authentisch ausgegebenen Grundtexten 
hervorgehoben wurden. Indessen reichte diese dem Re- 
formator und seinen Anhangern schon bin, urn nun auch 
eine Consequenz zu ziehen, zu der man nothwendig 
gedrangt wurde. Das lastige Zeugniss der Tradition 
namlich, welches in der Vulgata vorhanden war, konnte 
am leichtesten zum Schweigen gebracht werden, 
wenn die Vulgata selbst der Revision unterzogen, 
und wenn dieses Vorgehen durch die Beschaffenheit der 
Grundtexte als gefordert dargestellt wurde. 

Leider war diesem Gebahren damals, als Luther 
seine Bibeliibersetzung verfasste, schon vorgearbeitet. Ge- 
rade als die Complutenser Polyglotte, . im Druck vollendet, 
der Herausgabe entgegenging, unternahm Erasmus von 
Rotterdam auf Betreiben des Basler Buchhandlers Froben 
eine Ausgabe des N. T., der er auch eine lateinische 
Uebersetzung an die Seite steilte. Bei letzterer liess er 
sich, statt von der Rticksicht auf den Werth der Tra- 
dition und auf die ehrwiirdige Latinitat der Itala, viel- 
mehr von dem herrschenden Geschmacke des Humanismus 
leiten; und doch vermochte er demselben nicht soweit 
Rechnung zu tragen, dass er sich von der Gewohnung 
an die alte Version losgemacht oder die bestehende Ehr- 
furcht gegen dieselbe verachtet hatte. Die fragliche 
Uebersetzung ist demnach ein Mittelding zwischen der 
Vulgata und einer ganz selbststandigen Uebertragung ; 
sie ist, wenn der Ausdruck nichts Ungereimtes enthalt, 
die Vulgata in klassischem Latein aufgeputzt. Man ver- 
gleiche z. B. die folgende Stelle aus den beiden latd- 
nischen Texten. 



— 320 — 

Markas Vn, 1—6. 
Yulg. Erasm. 

Et conveniunt ad eum Pha- 1 Et congregantur ad eum 
risaei et quidatn de Scrihis ve- pharisaei et quidam de acrihis 
nientes ab Jerosolymis, Et cum ^ qui venerant ab Hierosolymia. Et 
vidissent quosdam ex discipults cum vidissent quosdam ex di- 
eiu8 commufUbus man^ms, id scipulis eius communibus mani' 
est non lotis, fnanducare panes, bus, id est, nan latiSj mandw- 
vituperaverunt Fharisaei enim S care panes, vituperaverunt, nam 
et omnes Judaei, nisi crebro la- pharisaei et amnes Judaeij nisi 
verint manus, non manducant, crebro laverint manus^ non man- 
tenentes traditionem seniorum; ducant, tenentes traditionem se- 
ct a faro nisi baptizentur^ non co* 4 niorum. Et a foro venienteSj 
medunt, et alia multa sunt, quae nisi loti Juerint non comedunt. 
tradita sunt Ulis sennire, bo- Et alia multa sunt, quae susce- 
ptismcUa edlicum et urceorum et perunt servanda, nempe lotiones 
aeramentorum et lectorum, Et eaiicum et urceorum et aeramen' 
interrogabant eum Fharisaei et 5 torum et lectorum. Deinde tn- 
Scribae: quare discipuli tui non terrogabant eum pharisaei et 
ambulant iuxta traditionem se- scribae: Quare discipuli tui 
niorum, sed conmnmibus num&ms non ambulant iuxta traditionem 
manducant panem? At tUe re- 6 seniorum, sed tUotis mantbus 
spondens dixit eis : Bene prophe- manducant panem ? At ille re- 
tavit Isaias de vobis hypocritis, spondens, dixit eis. Bene pro- 
sicut scriptum est etc. phetavit Esaias de vobis hypo- 

critis, sieut scriptum est etc. 
(Text nach der ersten Basler 
Ansgabe Ton 1616.) 

Gal. m, 1—6. 
O insensati CkUatM! quis 1 O stuiti Galatae, quis vos 
vos faseinavit non obedire veri- fascinavit, ut non crederetis ve- 
toH, ante quorum oeulos Jesus ritati? quibus prae oculds Jesus 
Ckristus praescriptus est, in vo- Christus ante fuit depietus, inter 
bis erucifixus? Hoc solum a vo- 2 vos crudfixus. Hoc solum cupio 
bis voio diseerei Ex operibus le- discere a vobis, ex operibus legis 



— 321 — 

gis Spiritum (nccepistis, an ex spiritum accepisttSy an ex prae- 
auditu fidei ? Sic stuUi estis, ut, 3 dicatione fidei? Adeo stulti estis, 
cum spiritu coeperitis, nunc car- cum spiritu coeperitis, nunc car- 
ne consummemini? Tdnta passi 4 ne consummaminL Tarh multo 
estis sine causa? si tamen sine passi estis frustra, si tamen et 
causa. Qui ergo trihuit vobis 5 frustra. Qui igitur suhministrat 
Spiritum et operatur virtutes in vobis spiritum et operatur vir- 
vobis: ex operibus legis, an ex tutes in vobis, utrum exoperibus 
auditu fidei? Sicut scriptum est: leg is, an ex praedicatione fidei 
Abraham credidit Deo et repu- 6 id facit? Quemadmodum Abra- 
tatum est iUi ad iustitiam etc. ham credidit deo et imputaium 

est illi ad iustitiam etc (Text 
nach der ZUriclier Ausg. v. 1539. 

Ein solches Verfahren rechtfertigt Erasmus gegen 
die Angriflfe, welche er voraussah, durch Berufung auf 
den hi. Hieronymus, der auch die alte Uebersetzung sei- 
ner Zeit auf bessere Sprachkenntnisse bin emendirt habe. 
Wie jenem, sei es auch ihm nur darum zu thun gewe- 
sen, die Vulgata in denjenigen Stiicken, in denen sie 
vom Grundtexte abweiche, zu berichtigen und sie im 
Ausdruck den Gesetzen des lateinischen Stiles entsprechen- 
der herzustellen. Hiermit war wegen des allgemeinen 
Ansehens, welches Erasmus genoss, ein hochst wichtiger 
Anstoss gegeben, der zu folgenreichen weitern Schritten 
fiihren konnte.' Es kam hinzu, dass Pabst Leo X. als 
Freund und Gonner aller humanistischen Bestrebungen 
das Unternehmen des Erasmus gut hiess und ihn 
wiederholt dafur belobte *). Demnach erlebte das Eras- 
mische N. T. eine Auflage nach der andern und wurde 
in ganz Deutschland, der Schweiz, den Niederlanden und 
Frankreich allenthalben nachgedruckt ; im Ganzen sind 
an zweihundertfunfzig Ausgaben davon bekannt. 



1) Hody, a. a. 0. S. 458. 

Kaukn, Oetchichte der Yulgata. 21 



— 322 — 

Trotz der Berufung auf den hi. Hieronymus und 
trotz des Beifalls von Seiten des Pabstes hatte doch das 
Untemehmen des Erasmus, welches der Ueberlieferung 
und Praxis der Kirche in einem so wichtigen Stflcke 
zuwiderlief, seine bedenkliche Seite. Dies wies sich auch 
darin aus, dass bei den bald nachher ausbrechenden Re- 
formationssturmen die neue Uebersetzung allgemein als 
Grundlage der auf die Bibel gerichteten Bestrebungen 
dienen musste. Luther selbst hat sie unzweifelhaft bei 
seiner deutschen Uebersetzung des N. T. vor Augen 
gehabt; andem lateinischen Ueberarbeitungen des' Bibel- 
textes diente sie geradezu als Vorbild. Wichtiger aber, 
als diese directe Wirkung, war die indirecte, die sie 
durch Beseitigung der Pietat gegen den althergebrachten 
Text libte, und in diesem Sinne muss des Erasmus Ar- 
beit geradezu als Urheberin aller der Unternehmungen 
angesehen werden, die spSter von ^en Neuern auf Her- 
stellung lateinischer Bibeltexte gerichtet wurden. 

Anfangs zwar verfuhr man bei der „Verbesserung" 
der Vulgata mit grosser Vorsicht und Schonung. Die 
alte Uebersetzung genoss eine zu hohe Verehrung, als 
dass man nicht dieselbe vorerst moglichst hfttte in ihrem 
Bestande zu erhalten gesucht. Dies that denn auch 
der lutherische Prediger in Nlimberg und spfitere Pro- 
fessor in K()nigsberg Andreas Osiander, als er zuerst 
1522 eine nach den Grundtexten verbesserte Vulgata 
von der ganzen hi. Schrift herausgab^). 



1) Biblia sacra utriusque Testamenti, cHligenter recogniia et 
emendata, non pauds Jocia quae corrupta eranty collatione hebrai- 
corum voluminum restitutis. (Norinibergae per Fridericum Feypua 
1522) 4. Cf. Maschy U, 3. p. 309. 



— 323 — 

Er sagt in der Vorrede : Cum essent apud nos sacra utritisque 

Testamenti Biblia typis excudenda, carehamm vetustis exem- 

plaribus, In partem laboris tnvitatus rogatusque ut expwnctis 

erroribus, quos typographorum ineuria vel rerum grammaticarum 

ignorantia invexerat consultis Hebraea veritate et Septua- 

ginta Interpretibus^ subodorarer quid esset legendum, Qtwd cum 
facer e coeptssem conferremque Latina Hebraeis, occurrebant won- 
nuUay quae Interpres non fuerat assecutus vel parum commode ex- 

plicarat; quorum aliqua placuit annotare nonnvMa vero pru- 

dens dissimulavi, alii vel tempori vel authori reservans^ quod eiusmodi 
essent, quae nuda et suis rationibus orbata non viderentur tuto in 
lucem proditura. 

Diese Ausgabe war im Ganzen freilicli wenig mehr, 
als eine Wiederholung der Niirnberger (Koberger'schen) 
Ausgabe von 1480; der Text war von fortlaufenden No- 
ten begleitet, in denen die alte Uebersetzung nach dem 

Grundtexte verbessert war. Nur an einzelnen Stellen, 

f 

wie Gen. HI, 15 ipsum^ ist die Aenderung in den Text 
selbst hineingetragen. 

Was demnach bei dieser Ausgabe nur principiell 
aufgestellt wurde, ward praktisch durchgefuhrt in zwei 
Ausgaben der Vulgata, welche der Niirnberger Buch- 
handler Johann Petrejus 1527 und 1529 erscheinen liess *). 
In seinem Eifer fur die Verbreitung des reinen Evan- 



1) Biblia Sacra Utriusque Testamenti tuxta veterem translationem, 
qua hucusque Latina utitur Ecclesia, ex antiquissimis ac recentiori- 

m 

bus exemplaribus diligentissime collaiis et sicubi dissentiebant, constdtis 

fontibuSy hoc est hebraeis et graecis voluminibus adhibitis, fidelissi- 

me restituta. Norembergae, per Joan. Petreium Anno M, D, XXVII, 8. 

Denselben Titel fahrt die Ausgabe M. D. XXIX. 8. Nachge- 

drackt in Folia Norimhergae apud Frid. Peypus Anno MDXXX, 

zn Strassburg 1585 in Octav und nocli dreimal zu Lyon bei Giuntt 

1535, 1586, 1540 in 8. 

21* 



— 324 — 

geliums durch die Bibel glaubte derselbe den Namen 
Osianders als eine schlechte Empfehlung bei den Eatho- 
liken vermeiden zu miissen. Den hergebrachten Text 
aber konnte er der Aufklarung zu Liebe nicht brauchen; 
so erfand er denn einen Mittelweg. Er nahm den la- 
teinischen Text aus der Complutenser Polyglotte, der 
ja bis auf einen gewissen Grad dem von Osiander an- 
genommenen Frincip entsprach, und druckte diesen nach, 
allein nicht ohne ihn an vielen Stellen seinem Zwecke 
gemass zu andern. 

Hiertlber sagt er in der Yorrede selbst : quis fuit — qui excuden- 
dis sacria (ut vacant) Bihliis non dico diligentiam emendandi, et 
quae depravata fuerant (quod imprimis praestcMre deberent typographi) 
restituendi, sed sdltem id quod minimum erat, vel characterum ele- 
gantiam vel chartarum nitorem praestare se dehere arhitraretur? 

No8 certe pro virili conati sumus, ut haec praestaremus, Coe- 

terum in emendando quid secuti simus paucia accipe. Congessit 
ante aHiquoa annoa Franeiacua Symeniua aanctae Balbinae Cardina- 
lis, univeraoa sacrae acripturae libroa, variia linguia, Hebraea vi- 
delicet, Chaldaea, Graeca et Latina interpretatoa, in unum, quibua 
et veterem trdnalationem, qua huataque Latina utitur Eccleaia^ quam' 
que Hieronymi eaae nonnulli hactenus arbitrati aunt, immiacuit, Et 
quoniam sancte teatatur, earn ae {aumptia ex Pontificia Bibliotheca 
pluribua iiaque antiquiaaimia ac fide dignia exemplaribua) dediaae 
quam emendatiaaimam, quumque id ita eaae rea ipaa clamaret, eiua 
aeditionem libenier aumua imitati, aed tamen non aolam. Nam et 
reliquaa omnea, quotquot habere potuimua, cum ?mc contulimua, et 
aicubi diacreparunt , quod ad veritatem, hoc eat ipaoa Hebraeae ac 
Graeca£ linguae fontea quam proosime acceddtatf aequuti aumua, aic 
quoque multa emendantea, quae aut illiua diligentiam fugerant, aut 
ChtUcographorum incuria rurjaua depravata fuerant. Loca inauper 
nonnuUa inter aeae quam aimilima, Librariorum perverae memorum 
atulticia, in unum confuaa, diligenter in auam quodque aedem re- 
du^imua, Quare ne atatim damna, aicubi hane aeditionem a veteri 
saliva dtfferre animgdvertea, aed diligenter expende, et probabis. 



— 325 — 

Trotz dieser Tielversprechenden Empfehlung ist die 
Ausgabe ziemlich abh9,ngig von Andr. Osiander, dessen 
Uebersetzungen wohl oft anstatt der hebraischen und 
griechischen Quellentexte gedient haben in(tgen. 

Eine Ansicht von der BeschaffeDheit des Textes kOnnen die 
folgenden Zusammenstellangen aus Ps. LIY—- LYIII geben. Gegen 
nnsere heutige Yulgata stimmt die Ausgabe des Petrejus mit dem 
Complutenser Texte zusammen LIY, D exspectabam Deum 17 et Do- 
minus evaudivit me 20 quoniam nan timuerunt LY, 10 deus mens 
€8 tu 18 morte, oculos meos a lachrymis^ et pedes LYI, 1 inscrip- 
tione 8 intendet 10 sicut in ira LYIU 1 inscriptione — ut inter- 
ficeret eum 2 Dem, et ab 10 quia tu Deus 12 obliviscantur legis 
tuae. disperge 13 sermo 14 dominatur. Dagegen steht der Nilrn- 
berger Text in Uebereinstimmung mit der beatigen Yulgata, wo der 
Complutenser abweichend bat: LIY in hymnis — intellectus Asaph 
4 iniquitatem 11 eius, et iniquitas 15 ambulavimus in consensu 16 
veniat iam mors 17 ego ad Deum 22 appropinquaverunt corda eo- 
mm LY 4 sperdbo in te 10 tua. convertentur 12 in me Deus vota 
quae reddam laudationis tuae 14 lapsu placebo LYI 3 iniquitatem — 
ini'ustitiam 6 venefici quae incantatur a sapiente LYIII 1 cum misit 
7 canis 8 ecce ipsi loquentur 15 canis 18 adiutor meus es, tibi psal- 
Jam, quia tu Deus, Weiter differirt der Text des Petrejus von dem 
Complutenser Text in folgenden Stflcken, in welcben dieser mit der 
Yulgata Ubereinstimmt : LYI 1 a facie Saul regis Israel 10 confite- 
bor in poptdis LYII 2 rede iudicate 9 eos ad nihilum. Endlich 
weichen alia drei Texte von einander ab LY 1 Y David in titiUi 
inscriptionem C David in tituli inscriptione P in tituli inscriptione 
ipsi David LYI 6 Y et in omnem terram C et in omni terra P et 
super omnem terram 8 Y psalmum dicam C ps, d, in gloria mea P 
ps, d, domino LYII 9 Y supercecidit ignis C cecidit ignis super eos 
P super eos cecidit ignis. 

Bei Weitem willkflrlicher erscheint dieses ntoliche 
Verfahren bald nachher in der sogenannten YiTittenberger 
Bibel eingehalten. Es erschien nlUnlich 1529 unter dem 
Titel Pentateuchtis^ Liber Jomae, Liber Judicum, Libri 



— 326 — 

Regum^ Novum Testamentum zu Wittenberg eine (unvoll- 
standige) lateinische Bibel, tiber deren Urheberschaft 
vielfache Streitigkeiten in der protestantischen Welt 
stattgefunden haben. Gewiss ist, dass Luther die Ver- 
anlassung zu diesem Buche gab, und hochst wahrschein- 
lich ist er auch der haupts&chlichste Bearbeiter dessel- 
ben ^). Der in diesem Buche vorkommende Text ist 
allerdings ursprtinglich kein anderer, als der Vulgatatext ; 
er ist aber im Alten Testamente an unzShligen Stellen 
geandert, und zwar, wie es scheint, bloss nach dem hebrSi- 
schen Texte , weniger nach der lutherischen Uebersetzung. 
Im Neuen Testamente dagegen sind die Aenderungen der 
Anzahl nach viel geringer; namentlich sind die meisten 
der Stellen, , welche in Luthers deutscher Uebersetzung 
den £atholiken anstossig sind, hier unverandErt gelassen. 
So steht Rom. Ill, 28. a/rWramur enim iiistificari homi- 
nem per fidem sme operibus legis ^). Hier und da freilich 

1) Das ganze Werk ist daher auch in Walch's Ausgabe von 
Luther's Schriften Bd. XIV abgedruckt. Nach diesem Abdrucke sind 
die oben gegebenen Mittheilungen. 

2) Dies ist consequent nach dem, was Luther in seinem 
„Sendbrief vom Dolmetschen" schreibt: „Ich habe hier Bdm. 3. 
fast wohl gewusst, dass im Lateinischen und Griechischen Text das 
Wort solum nicht steht, und batten mich solches die Fapisten nicht 
dOrfen lehren. Wahr ist's, diese vier Buchstaben sola stehen nicht 
darinnen, welche Buchstaben die Eselskopfe ansehen wie die Ktthe 
ein neu Thor, sehen aber nicht, dass es gleichwohl die Meinung 
des Textes ' in sich hat ; und wo man's will klar und gewaltiglich 
verteutschen , so geh5rets hinein . . . Das ist aber die Art unserer 
teutschen Sprache, wenn sich eine Bede begibt von zweien Dingen, 
deren man eines bekennet und das andere vemeinet, so brauchet 
man des Wortes soZmn, allein, neben dem Wort nicht oder kein. 
Als wenn man sagt: Der Bauer bringet aUein Kom, und kein 6eld<< 
u. B. w. Walch, Luther's W. XXI. S. 317. 



— 327 — 

ist dennoch die Lutherische Uebersetzung um der Recht- 
fertigungslebre willen befolgt, und dann sind die Aende- 
rungen desto durchgreifender. 

Als Beispiele mogen die Abweichungen in einigen Capiteln der 
Genesis und des Rdmerbriefes dienen. Gen. 11 1 e^ omnis exercitus 
eorumd et benedixit Deus Lath, und segnete. quia in eo die 5 coe- 
lum et terranhj antequam oriretur ullum virgultum in terra aut uUa 
herha in agro germinaret Luth. und allerlei Baume auf dem Felde, 
die zuYor nie gewesen waren auf Erden, und allerlei Kraut auf dem 
Felde, das zavor nie gewachsen war 6 sed vapor 7 de ptdvere terrae 
Luth. auB einem Erdenkloss 8 Faradisum in Eden versus orientem 

9 prodttxerat enim Luth. liess aufwachsen 9 et suave ad vescendum 

10 egrediebatur de Eden, 14 des. ipse v, e. A, quartus autem fiu- 
viuis 15 in Faradisum Eden 17 quacumque enim die 18 adiutorium 
quod coram eo sit 19 formatis enim — animam viventem 20 adiu- 
torium quod coram eo esset 21 clausit locum came 23 hoc tandem 
OS 24 duo una caro 25 ercmt autem III 1 scilicet praecepit vobis 
5 quod quocunque 6 ocidis et delectdbile, quia prudentes faceret 7 
turn aperiebantur 8 in Faradiso post aestum diei inter arbores Fa- 
radisi 10 vocem tuam Dondne Luth. deine Stimme im Garten 11 
q;uis autem 14 maledictus tu inter — et pulverem comedes Luth. 
und Erde 16 et inter semen tuum — ipsum conteret — et tu mor- 
debts cdlcaneum eius. 16 aerumnas^ cum eris gravida 17 de quo 
praeceperam tibi dicens — terra propter te 21 fecitque Dominus 
22 et ait Dominus Deus ne mittat 24 ante Faradisum Eden -^ 
fiammeum gladium atque vibrantem Eom. Ill; 1 quid ergo praecellit 
Judaeus 8 et cur non Luth. und nicht vielmehr 25 Deus propitia^ 
torium — ut ostenderet iustitiam suam — delictorum quae toleravit 
Deits Luth. welche bis anhero geblieben war unter gdttlicher Ge- 
duld 26 ut ostenderet iustitiam suam Phil. Ill, 9 ittstitia per fldem 
Luth. Gerechtigkeit, die ycfn Gott dem Glauben zugerechnet wird 
Act. Ill, 21 quern oportebat coelo suscipi Luth. welcher muss den 
Himmel einn«hmen. 

Noch durchgreifender verfuhr mit der Vulgata der 
Ztiricher Professor Conrad Pellieanus, der sie bei seinen 



— 328 — 

ausfuhrlichen Commentarien fiber die hiff Schrift zu 
Grunde legte ^). Obwohl derselbe dem iiberlieferten Texte 
die Fietat, die er als ehemaliger Minoritenguardian ge- 
nahrt hatte, auch spater nicht versagen konnte, so 
glaubte er doch dem Zeitgeiste Rechnung tragen zu 
mtissen , und anderte desswegen den Text an so viel 
Stellen , dass vielfach eine neue Uebersetzung statt einer 
Ueberarbeitung dadurch zu Stande kam. 

In derVorrede zum Pentateuch sagter: Translationem Vidgatam 
Z>. Hieronymi titulo adhibuissem, si meo licutsset arbitrio agere; 
sed rogatm a fratrtbus et a chdlcographo , cum iam liber commen- 
tariorum proelo subjiciendus esset, ut ueterem textum alicubi emerir 
darem, .... amicorum meorum consiJio et precibus obsecuttis, trans- 
lationem^ quae sub* Hieronymi nomine in Ecclesiis recepta est, inter- 
polatam reddidi. 

AIb Textesprobe dient Folgendes. Exod. XY. Tunc cednit 
Moses <& filii Israel carmen hoc domino, & dixerunt, dicendo: 
Cantabo domino: gloriose enim magnificatus est, equum dt ascen- 
sorem deiecit in mare. Fortittulo mea & laus mea dominus , dt 
f actus est mihi in salutem: iste deus meus, & glorificabo eum, deits 
patris mei & exaltaho eum. Dominus uir belli, dominus nomen 
eius, Currus Fharaonis & exerdtum eius proiecit in mare: electi 
principes eius submersi sunt in mari rubro. Abyssi operuerunt 
COS , descenderunt in profundum quasi lapis, Dextera tua domine 
magnificata est in fortitudine : dextera tua dne oppressit inimicum, 
Et in multitudine gloriae tuae excussisti aduersarios tuos: misisti 
iram tuam quae deuorauit eos sicut stipulam. Et in spiritu furoris 
tui accumtUatae sunt aquae : 8teterunt sicut aceruus fluenta, coagu- 
latae sunt abyssi in corde maris. Dixit inimicus: Persequar dt 



1) Biblia Latina Vulgatae editionis, sed ad Hebraicam lectionem 
accuratius emendata studio Conradi FeUicani cum eius commentariis, 
Tiguri 1532-^1540. Fol VII. Vol Zweite Ausg. , mit PelUcanus' 
Leben vermehrt, ebend. 1582. Der Commentar zu den deatero- 
kanomschen Schriften (Bd. 5) folgt dem Complutenser Texte. 



— 329 - 

comprehendam ^ diuidam spolia^ implebitur eia anima mea: euagi- 
nabo gladiutn meum^ exterminabit eos manus mea, Flauisti spiritu 
tuo , operuit eos mare : submersi sunt quasi plumbum in aquis 
uehementibw, Quissimilis tui in fortibus ^domine? quis similis tui? 
magnificus in sanctitate, terribilis atque laudabilis, faciens mirabi- 
lia. Extendisti dexteram tuam, deuorauit eos terra. Dux fuisti in 
misericordia tua populo quern redemisti: & portasti eum in fortitu- 
dine tua, ad hdbitacuHum sanctum tuum, Audierunt populi, irati 
sunt: dolor obtinmt haMtatores Philistijm. Tunc conturbati sunt 
principes Edom, robustos Moab obtinuit tremor : defluxerunt omnes 
habitatores Chanaan. Irruat super eos formido <& pauor: in mag' 
nitudine brachij tui obmutescant qua^ lapis: donee pertranseat 
populus tuus domine , donee pertranseat populus iste qtiem posse- 
disti. Introduces eos & plantabis eos in monte haereditatis tuae, 
habitacuHo tuo quod operatus es domine : sanctuarium domine, quod 
firmauerunt manus tuae. Dominus regnabit in aeternum dt ultra. 
Ingressus est enim equus , Pharao cum curribus & equitibus eius 
in mare: ds reduxit super eos dominus aquas maris: filij autem 
Israel ambtdauerunt per siccum in medio maris. Sumpsit ergo 
Maria prophetissa soror Aaron tympanum in manu sua: egressae^ 
que sunt omnes mulieres post eam cum tympanis d^ choris, quibus 
Maria praecinebat : Canite domino : gloriose enim magnificatus est, 
equum et ascensorem eius deiecit in mare. Et proficisci fecit Mo- 
ses Israel de marirubro, <& egressi sunt in desertum Sur: ambu- 
laueruntque tribus diebus per solitiuUnem, <St non inueniebant 
aquam etc, (Tes^t nach der Ausgabe von 15S2.) 

Wie nun selten in religiosen Ding^n eine Neuerung 
aufgebracht wird, ohne dass auch bei manchen Anh^n- 
gem der Kirche eine gewisse Unklarheit entsteht, so 
rief auch zur Zeit der Reformation das Vorgehen der 
Neuerer gegen die alte Vulgata mancherlei Bedenken 
hervor, als sei sie fOr die damalige Zeit nicht mehr ge- 
eignet. Demzufolge fing man auch katholischerseits an, 
die Vulgata ganz auf dieselbe Weise zu behandeb, wie 
dies die Anhftnger Luther's thaten. Hierher ist nur in 



— 330 — 

uneigentliehem Sinne eine Ausgabe zu rechnen, welch« 

zuerst 1527 zu Coin unter dem Erzbischof Hermann von 

* 

Wied erschien und seitdem wiederholt nachgedruckt 
wurde^). Der Herausgeber derselben, Johannes Rudelius, 
spater Syndicus zu Lubeck, ward namlich einige Jahre 
spater protestantisch, und die protestantischen Schriftsteller 
spHterer Zeit heben tibereinstimmend hervor, dass er diea 
der Oesinnung nach schon bei Herausgabe seiner Vul- 
gata gewesen, und dass dieselbe hiervon sehr deutliche 
Spuren trage. Das Letztere ist nicht schwer zu begrei- 
fen, wenn man weiss, dass die Ausgabe wenig mehr, 
als ein Abdruck der von Andreas Osiander besorgten 
ist. Zwar spricht Budelius in einer voraufgedruekten 
Zuschrift an den Senat von Frankfurt von der Muhe, 
die er sich gegeben babe, den Text der Vulgata mit 
den Grundtexten und alten lateinischen Ex^mplaren zu 
vergleichen; allein die aufgewandte Milhe bestand haupt- 
s&chlich darin, dass er Vieles, was Osiander in den Text 
aufgenommen hatte, als Bemerkung an den Rand setzte, 
wahrend er umgekehrt yiele Randlesarten des Osiander 
seinem Texte einverleibte. Auch die Zuthaten, von de- 



1) Biblia sacra utriusgpte TestamenH iuata Hidbraicam et Grae- 
cam veritatem vetusHssimorttmgue ac emendatmimorum ccdicum 
fidem dUigentissime recognita, Positis suia loots, ubi opus videban' 
tur, figuris quibtMdam, Additis quoque ad singula capita singulis 
argumentis, Tiactenus non visis, studiosis haud dubie brevitate ma 
placituris, Adest index rerum biblicarum una cum Hebraicarum 
vocum dictionario, Haec omnia nova. Quibus tertius MachabaeO' 
rum liber paucissimis cognitus iam recens accessit I*oeltx Co^ 
Ionia 1627. Coloniae Petrus Quentel excudeb. A. MCCCCCXXVH 
Fol. Zweite Ausgabe mit noeli mehr (wenigstenB auf dem Titel an* 
gegebenen) Aenderangen ib, Mk. i>* X£2X 



— 331 — 

nen er auf dem Titel und in der Vorrede^) viel Re- 
dens macht, sind nur zum geringsten Theile neu, und es 
bleibt ihm als einziges Verdienst, das dritte Mackabaer- 
buch zuerst durch den Druck bekannt gemacht zu haben. 

Eine Probe vom Texte und yon den Anmerkungen gibt fol- 
gende Yergleichung mit unserem officiellen Texte. 

Navm I 1 Hdchesei 10 consumantur ^eb. et cum inebriatifuerint 
ehriij consumentur 12 ita et plures 13 dirumpam H 2 quia sicut 
reddidit, sic sujperbiam Israel 8 ignitus %th. ruhefa^ttts, et agit€h 
tores eius $eb. lanceae tremuerunt in plateis, eqmtes insanient, cur- 
rent per plateas. Aspectus etc, et ubi nos miles %tb. collocatum 
vel regina legunt 10 dilacerata est, cor. fades omnium sicut 12 coe- 
pit 13 ad summum III 6 exemplum %tb. stercus 7 quis %tb. con- 
dolebit ei unde et caetera 11 quaeres tu 13 ad apertioneni pandetur 
porta 15 congregare ergo 16 sunt coeli. Bruchus expansus ^eb. 
excurrit 17 parvuli tui %th. principes 18 sepelierunt. 

In welcher Weise sonst die Bearbeitnng des Textes geschehen 
ist, kdnnen einige andere Stellen zeigen. Gen. Ill 15 ipsa conteret 
%^^* i<)r] ^i** «vTtf« 16 sub viri potestateeris'j^b.advirumdesiderium 
tuum lY 8 egrediamur foras, nan est in Hep, Ex. XXI ^7 dimittet 

€08 liberOS pro dente sua XXIII 24 SCd destruendo dcstrUCS COS Ct 

confringendo confringcs COS XXIV 5 immolaveruntque victimas pacific 
cos domino vitulos* duodecim. Duodecim non est in hehrae, 11 
nee super eos qui procul reeesserant de fiUjs Israhel %tb. mag^iates 
de fiH^s Isrl. ego malim super eos, qui propius accesserant 12 ut 
doceae fflios Israhel J^, ad abiidendum eos , id est, ut cognito per. 



1) Habes his lector S. Biblia utriusque instrumenti emendatissi- 
ma stiae — restituta integritati. Ula omnia, quibus tam Chraeci, 
quam Hebraei plus nostris abundant, ^ratiori a nobis charactere ex- 
cusa — deficientia vero illis asteriscis annotata. In N. T, stellulae 
eoncordantias designant Evangelistarum, Signa vero haec duo [ ] 
sententiam quam complectuntur soli illi Evangelistarum, apud quem 
sunt, pectdiarem esse, Multa alia notatu dignissima, quae ah aliis 
desiderantur, in hoc opere a nobis diligenter elaborata conspicies. 



-^ 832 — 

legem peccato sdant se esse abiectos peccatores sola gratia per fidem 
iustificandos. Ps. lY 3 gravi corde ^t. gloria mea erit contumeliae 
4 mirificavit %tt, segregabit 7 signatum est %tb. leva 8 vini (et 
olei) Non est in hebraeo. Jer. XXXI Argom. BacM ploraturam in 
Bamat 1. Ausg. in Boma. 

Bald nacbher erschien in Italien ein Werk des re- 
gulirten Ghorherrn, spatem Bischofs i. p. Augustin 
Steuchus aus Gubbio, das den Anfang zu einer vollstan- 
digen Revision der Yulgata nach dem Hebraiscben bilden 
sollte ^). Das Bucb entbielt Anmerkungen zum Pentateuch, 
in denen einzelne Stellen der Vulgata verbessert waren. 
Indess blieb es bei dem Anfange, und weiter ist, soviel 
bekannt, davon nicbts erscbienen; jedocb gab der Ver- 
fasser spater eine abnliche Arbeit liber Job und die 
Psalmen beraus. 

In der Yorrede zu dem erstem Werke sagt er: In Hieronymi 
editione sunt qui muUa aut veriora aut clariora esse desidirent. At- 
que ea tanti tnomenti quibusdatn visa sunt^ ut persuasum sit eis, 
hanc editionem non esse ipsius Hieronymi, Ex quibus omnibus so- 
pientissimus quisquam intelligere poterit, non sine caussa me aggres- 
sum hoc opus, in quo et Veritas Hebraica et reliquorum editiones 
breviter et clare omnes conferrentur, sed in primis de nostrae edi- 
tionis veritate quaereretur, cui non cessant derogare petulanter 
Hebraei et hi qui Hebraeis assentiuntur. £r selbst vertheidigt mit 
grosser Wfirme die Richtigkeit and Gediegenheit der Yolgatailber- 
setzung, in qua si quid aut mendosum reperitur, aut ab Hebraica 
veritate dissonum, aut additum, aut detractum, vel nuHius est tno- 
menti vel scriptorum vitio contigit. Si qua vero alia est causa, 
ostendetur a nobis toto opere, Beispiele von seinen Lesarten, 
Emendationen und Anmerkungen sind Gen. XXIY 32 pedes came- 
lorum Ex. XYII 16 super solium Domini XXXI Y 29 at ignorabat 
Moses, quod comuta esset fades sua. Vox ambigua fecit in Editione 

1) Veteris Testamenti ad Hebraicam veritatem Eecognitio, auct. 
Augustino Steucho EugubinOy Venet. 1529, 4, 



— 333 — 

errorem, non enim hahetur in contextu Hebr. , faciem Moaia fuiese 
cornutam, sed radiantetn fuisse cutem, Et mirum quod Hieronymua 
non considerata veritate Hebr. non adverterat etiam quid LXX 
transtulissent, qui bene hunc locum transtulerunt Lev. YI 9 in eodem 
Num. XI 1 qtMsi dolentium prae labore, Magia placet sententia 
Septuaginta, qui j;*^, quae vox Hebraeia dolorem et pravitatem aigni- 
ficat, pro eo quod eat pravum acceperunt, XII 1 cum audiaaet Do- 
minua. Abradenda eat particula iratua eat ; quae aumpta fuit ex 
inferiori loco, ut plerumque aolet fieri, raro quidem in noatria codi* 
cibua, creberrime vera apud LXX, quod tranacribentibua eat attri- 
buendum, qui locoa inter ae aimilea in margine notatos in contextum 
intulerunt, ut quaai ex eiua corpore viderentur, XIY 12 auper gent em, 
Bedundat „principem^\ et forte cmrumpitur aententia ai addatur; 
non enim dlterius gentia principem eum ae facturum dicit , aed 
ilium ipaum Moaem aucturum, genua eiua et progeniem propagando: 
quare ,^incipem^^ dbradendum eat, neque enim in contextu habetur 
XX 6 clamaverunt^e aq, ad: ceaaet murmuratio eorum. Arbitror 
non ab Eieronymo, aed ab aliia eam particulam eaae adiectam, quod 
et aliia pleriaque locia factum reperiea, in quibua verba 
ex aimilibua in aimilea locoa tranaponuntur, 10 rebellea et 
increduli. Hieronymua aummo decore, et noatrae etiam utilitaU 
conaulena , locutionea mutavit hebraicaa, et quae per ae fuiaaent 
obacura et difficilia inteUectu, reddidit apertiaaima, Mitto enim 
quam divine totum kebraicae orationia fUum immutavit , ut eaaent 
omnia noatria auribua magia conaona et intelligibiliora, idque etiam 
diaaentiena a Septuaginta. Ps. I, 1 quod LXX dixerunt Zary?, meliua 
iuxta Hebr, permanait, constitit 

Viel weiter, als alles, was bis dahin katholischer 
Seits erschienen war, ging die 1542 erschienene Bibel- 
ausgabe des Benedictiners Isidorus Clarius, der sp&ter 
Bischof von Foligno wurde*). Derselbe war in dem Ge- 



1) Vulgata Editio Veteria et Novi Teatamenti, alterum odGrae- 
cam veritatem emendatum est dtligentiaaime, ut nova editio non fa- 
cile deayderetur, et vetua tamen hie agnoacatur; adiectia ex eruditia 
acriptoribua acholiia, ita, u&t opua eat, locupletibus, ut pro comment 



— S34 — 

danken an die Verderbtheit des damaligen Textes so be- 
fangen, dass er denselben nicht bloss einer kritischen 
Durchsicht, sondern auch einer durchgreifenden Umge- 
staltung glaubte unterziehen zu soUen. 

AJii, sagt er dartiber in der Yorrede, nova in liHguam Latinam 
versione, alii commentariiSf alii utraque re Christianam rempubli- 
cam ditare pro se quisque conati sunt, Sed duo mihi deesse adhuc 
videhantur. Nam in his horum omnium studiis atque laboribus ae- 
ditio ilia, qua totus Christianus orbis utitur^ ac semper, ut facile 
coniecto, t^urus est, nondum squdUorem suum deposuerat, nee ei 
quisquam errores, quibus innumeris paene scatebat, adimere ddhuc 
curaverat', quae res eo magis repraehensionc ddgna mihi videbatur, 
quo eorum maior esset hac aetate copia, qui huic maio mederi po- 
tuissent^), Alterum erat quod desiderabam, ut scilicet ea loca, quae 
in utroque sunt testamento obscuriora, et aiiqua egent luce, ita pla- 
na fierent, atque ea brevitate explicarentur, ut nihilo minus una 
volumine sacrorum Bibliorum opm claudi posset, — — Hanc ergo 
geminam provinciam, et corrigendae videlicet aeditionis et lucis affe- 
rendae locis difficilioribus, aggressus sum, ut viri docti, qui in utra- 
que hac parte sese exercuerunt, amare me de hac re debeant, ^qui 
profitear me ex eorum lucubrationibus non eocigua accepisse cufju- 
menta, praesertini in ipsa Bibliorum correcHone, ut quidquid hie pro- 
fectum sit, ipsis eorum vigiliis referri acceptum velim (quanquam 
accedere et ipsi, quae Dei est benignitas, ad Hebraeos fontes possu- 
mus)', sed et tutius et minus invidiosum fuit,. hac ingredi via ne 
plus aliquid unus, quam tot eruditi viri, qui hdctenus scripserunt, 
viderer sapere voluisse. 



tariis sint: multis certe locorum miUibus, praesertim difficilioribus, 
lucem afferunt, Authore Isidoro Clario, Briseiano monacho CasinO' 
te. Venetiis apud Petrum Schoeffer, Moguntinum Germanum, Anno 
M. D, XLU, Fol. min. Wiederholt zu Venedig 1564 fol. Vgl. 
Bichard Simon Hist* crit, des vers, du N. T, Botterdam MDCXG 
p, 144, GSzens Verz. S. 177 ff. Masch I, c, p. 219, 

1) Diese ganze StQlle ward mit Becht von der Congregation des 
Index nnterdrackt, wordber spater. 



~ 335 — 

Als Gommentar zu dieser Angabe muss dienen, dass 
die gauze Arbeit fast ausschliesslich auf der sogleieh zu 
nennenden lateinischen Uebersetzung des protestantischen 
Gelehrten Sebastian Mtinster beruht. Die dem letztern Texte 
beigeftigten Anmerkungen sind fast alle wortlich hertiber*- 
genommen; aus der Uebersetzung aber ist eine grosse 
Menge von Ausdrficken an die Stelle der in der Vul- 
gata stehenden berechtigten Lesarten aufgenommen. Im 
A. T. sind diese Aenderungen beim Drucke grossentheils 
hervorgehoben ; im N. T. ist aber auch dies unterlassen. 
Die urspriingliche Form der betr. Stellen ist nirgend 
mitgetheilt. So kann Clarius freilich in der Vorrede 
sich riihmen, dass er an achttausend Stellen nach seiner 
Weise emendirt habe; allein seine Arbeit ist dadurch 
auch weder ein alter, noch ein neuer Text, und ist im 
Princip vollstandig verfehlt. Noch weniger als hierdurch 
empfiehlt sich die Arbeit durch einen sehr bemerkbaren 
Mangel an sprachlicher Gelehrsamkeit. Derselbe zeigt 
sich nicht Moss uberall da, wo der Verfasser eigene 
Anmerkungen zu denen von Sebastian Miinster hinzufiigt, 
sondem noch mehr in der Auswahl der Stellen, die er 
zu emendiren ftir nothig gehalten hat. Zwar gibt er 
in der Vorrede an, er habe absichtlich viele Stellen in- 
tact gelassen, urn der katholischen Welt kein Aergemiss 
zu geben; allein er wtirde gerade dadurch das Aerger- 
niss, das seine Ausgabe nothwendig hervorrief, verringert 
haben, wenn er nach eigener wissenschaftlicher Ueber- 
zeugung und nicht nach einem einseitig benutzten Yor- 
ganger gearbeitet hatte. 

Im Eiozelnen finden sich unter Clarius' Emendation^ allerdings 
auch solche, die nut woblbezeugten Lesarten zusammentreffen und 
desswegen spater in den officiellen Yulgatatext aufgenommen wur- 



— 886 — 

den; andere sind, von der Tradition der Handschriften abge- 
sehen , gewiss zul&ssig ; die meisten aber sind verfehlt. Beispiele 
Bind Gen. m 16 ipsum YIU 21 ait in corde suo XXI 9 om. cum Isaac 
fUio 8tu) XXYI 15 eit^, in diebtis Abrahae ohstruxerunt XXXTT 15 
tauros decern XXX YII 2 septendecim 24 cistemam vacuam XLI 54 
erat panis Ex. VIII 9 om. et a servis tuis et a populo tuo 19 hoc 
digitus Dei est 26 IJeo nosti'o ? XII 22 qui fuerit in pelvi XHL 7 
fermentum nee aliquid fermentatum XVII 16 super solium 
Domini XXXV 11 columnas eim XXXVIII 24 add. argentum autem 
numeratae congregationis centum tdlenta mille septingenti septuaginta- 
que sicli secundum siclum sanctuarii. Singula capita ohtulerunt dimi' 
dium sicliy iuxta pondus sicli sanctuarii Lev. I 10 mdsculum et 
absque X 6 fratres vestri , nempe omnis domtis Israel XXin 2 
vocahitis convocationes Num. XXIV 8 aperttts est oculm Jos. V 6 
quod non ostenderet illis terram, quam iurarit Dominus patribtis 
eorum, ut dares nobis^ terram lacte et melle manantem. 

Dieses missgltickte Untemehmen kann demnach am 
besten als Beweis dafiir gelten, dass jede Verbesserung 
^er Vulgata nach den im sechszehnten Jahrhundert bekannten 
Grundtexten verfehlt war. Viel consequenter erscheint 
demgegeniiber ein anderer Weg, der seit dem Anfang 
des sechszehnten Jahrhunderts namentlich in Deutschland 
und der Schweiz eingeschlagen wurde. Um diese Zeit 
begann man mit unglaublichem Eifer neue Ueber- 
setzungen aus dem Hebraischen und Griechischen anzu- 
fertigen. Von katholischer Seite batten dieselben meis- 
tentheils keinen andern Zweck, als das Studium des 
Hebraischen zu erleichtern oder die Vergleichung des 
Grundtextes moglich zu machen. Die AnhSnger der 
neuen Lehre dagegen, die bei dem damaligen Stande der Wis- 
senschaft die lateinische Sprache als Vehikel nicht ent- 
behren konnten, suchten auf solche Weise einerseits die 
Pietat gegen die althergebrachte Uebersetzung zu schwa- 
chen, andererseits ihren aus der Schrift hergeleiteten 



— 337 — 

Doctrmen die rechte Stiltze zu geben. So entstanden 
denn urn die Zeit von 1500—1550 nicht bloss lateinische 
Uebersetzungen aus dem hebraischen Texte des Alten uncji 
aus dem griechischen des Neuen Testamentes , sondern 
auch lateinische Uebertragungen aus der Septuaginta 
und den Targums, ja sogar aus der deutschen Lutheri- 
schen Uebersetzung; der lateinischen Earaphrasen des 
Textes und der metrischen Uebertragungen poetischer 
Biicher gar nicht zu ge(fenken*). Der erste katholische 
Verfasser, von dem eine solche Uebertragung gedruckt 
wurde, war Jakob Faber aus Stapleton, der um das 
Jahr 1505 eine neue Uebersetzung der paulinischen 
Briefe aus dem Griechischen anfertigte und dieselbe der 
Vulgata gegentiber abdrucken liess, um den Werth dieser 
Version, die nicht von Hieronymus herriihre, herab- 
zusetzen'). Die Psalmen ubertrug neu aus dem Hebrai- 
schen Felix Pratensis, ein zum Christenthum bekehrter 
Jude, der spater in den Orden der Augustinereremiteii 
trat; sein Werk, das zu Venedig 1515 erschien, er- 
hielt die Approbation Leo's X.') Eine andere Ueber- 
tragung des Buches Job und der Psalmen erschien 



1) Bloss von lateinischen Uebersetzungen aus den Originaltexten, 
die des Erasmus nicht mitgerechnet, z&hlt Masch 1. c. p. 431 — 64S^ 
einhunderteinundachtzig Ausgaben fUr die Zeit von 1515-^1550 aus ; 
dieselben umfassen indess zur grdsseren H&lfte bloss Theile der hi. 
Schrift. 

2) Die Ausgftbe ward wiederholt zu Venedig 1512, 1515 and 
1681. S. Hody 1. c. p. 451. Eich, Sim. Hist crit. des vers, de N. 
T. II, 21. Ed. 1690. p. 239. 

3) Psdlterium ex Hebraeo diligentissme ad verbum fere trdla' 
turn, Frtxtre Felice ordinis Heremitarum Sancti Atigustini interpreter 
per summum pantificem Leonem decimum approbatum 4. 

KauUn, Geaohiohte der VulgaU. 22 



— 338 — 

nebst der Vulgata und dem Original, sowie der griechi- 
schen, arabischen und chaldaischen Version yon 
Augustin Justiniani ^) ; die neue Uebersetzung ist bloss 
auf die lUustrirung des hebraischen Textes berechnet. 
In dieselbe Reihe gehort der lateinische Prediger von 
Rob. Sbirwood, 1523 0, und das hohe Lied von Aga- 
thius Guidacerii(3, 1531 erschienen '). 

Wichtiger als diese Versuche war die vielgenannte 
und oft gedruckte Uebersetzdng der ganzen heiligen 
Schrift von Sanctes Pagninus, die zuerst 1527 ztt 
Lyon erschien*). Der Verfasser, ein Dominicaner aus 
Lucca, arbeitete daran von 1493 bis 1518, musste sieh 
dann aber noch zehn Jahre bemiihen, ehe er sein Werk 
gedruckt bekommen konnte. Nur die Unterstiltzung der 
P&bste Leo X. und Clemens VII. machte endlich das 
Erscheinen der Arbeit mdglich. 



1) Liber Job adHehraicam veritatem restitutus duplici versione 
lattna , una viUgata, cdtera ex Hebraeo Augustini Jtistiniani, Pari- 
$118 1516, 4, Psalterium Latinum ex versione AugiisUni JusUniani 
Genevae 1516 Fol. 

2) Ecclesiastea Latine ed veritatem Hebraicam recognitua, aum 
nonnullis annotationibus Chaldaicis et quorumdam Babbifwrum sen- 
tefUiiSf textus obscures dliquos literaliier explana$Uibus, Studio 
Boberti Shirtoood. Antwerpiae apud Chiih Vorstmann 1523* 4, 

8) Canticum Canticorum latine ex versione Agathii Quidaotrii 
Parisiis 1531. 4. (mit dem hebr&ischen Texte.) 

Der Yollst&ndigkeit wegen gehdrt noch hierher: Septem Fsalmi 
poenitentiales hebraici cum grammaticali tralatione Latina, Tu- 
bingae apud Thomam Anshelmum Badensem 1512, 8, (von Reuchlin.) 

4) Veteris ac Novi Testamenti nova translatio per Bev, S. ThedL 
Doet. Sanct. Pagninum hucen. nuper edita; impressa est Lugduni 
per Afttonium de By, — — Anno Domini 1527 die 29. Januarii. 
4. maj, (in fronte 1528.) 



— 339 — 

In der Vorrede ^ibt er als seinen eigentlichen Zweck 
an, die Vulgata (die nicht vom hi. Hieronymus herriihre) 
in Uebereinstimmung mit den Urtexten zu bringen; dem- 
gemass woUe er letztere neu iibersetzen, aber sich da- 
bei moglichst an die Ausdriicke der Vulgata binden. 
Die auf solche Weise entstandene Uebertragung war 
wortlich, aber dunkel, unlateinisch and oft auch wegen 
mangelnder Sprachkenntniss ungenau^); wegen der er- 
sten Eigenschaft aber , durch welche sie zum Stadium des 
Hebraischen und Griechischen ein brauchbares Htilfsmit- 
tel abgab, ward sie bald allgemein beliebt und ward 
sowohl ganz, als theilweise, sehr oft nachgedruckt. Sie 
crlebte mancherlei Schicksale, weil sie vielfach von An- 
dem uberarbeitet wurde'). 

Als Beispiel diene der Anfang der G^enesis*). In princij^o 
creavit Deus caelum et terram. Terra autem erat desolata 
6t inania^ tenebraeque (erant) in superficie voraginis , et Spirt* 
tu8 Dei a^itdbat sese in Buperfide aquarwn, Dixitgue Deus: 
Bit lux, et fait lux, Viditque Deus lucem quod (esset) bona et di- 
visit Deus lucem a tenebris, Vocavitque Deus lucem diem et tene- 
bras vocavit noctem, fuitque vespera et fuit mane dies unus. Dixit 



1) Sanctis Pagnini versio secundum vtUgatam versionem omnium 
optima est ; sed ut libere dicam , minus diligens , nimis amhitiosa, 
nimis curiosa, nimis grammatica, nimium Babbinicarum minutiarum 
aemula quaequ€ reeeniium praeeepHonum sn^tiUtaie noxam sinceri- 
tati et sententiarum et rerum saepiuscule etferat. Unde nee satis 
interdwn cohaeret cum veterum H^raeorum doctrina, nee cum fidei 
catholicae mysteriis. Quia in propriis nominibus locorum^ fluviorum^ 
hominum etc. parum fidelis est. (£r Bchreibt n&mlicli Selomoh, 
Mirjam^ Jeschuah). Genebrard bei Masch 1. c. p. 474. 

2) For dieee Zeit bleibt bloss die in Calvinistiscliem Geiste ge- 
haliene Ueberarbeitung Seryet's (Lyon 1542) zu erwahnen. 

8) Test nach der Ausgabe von Stephanas 1557. 

22* 



— 340 — 

guoque Deu8: sit expansio in medio aquatrwn et dividat ciqtMs ab 
(iguis. Et fecit Bern expansionem divisitgue ttquas quae {erant) 
8uh expansione, ab aquis yquae (erant) super expansionem. et fuit 
ita, vocavitque Deus expansionem coelum. et fuit vespera et fuit 

mane dies secundus. Istae (sunt) generationes coeli et terrae, 

quando areata sunt die , qua fecit Jehovah Deus coelum et terram 
et omne virgultum agri , antequam esset in terra , et omnem herham 
agri, antequam oriretur, necdum enim pluerat Jehovah Deus super 
terram y nee quisquam (erat) qui coleret terram, Porro vapor ascen- 
debat e terra irrigabatque universam superficiem terrae, Formave- 
rat igitur Jehf^ah Deus hominem e pulvere terrae inspiraveratque 
in factum eius spiraculum vitae, et fuit homo in animam viventetn. 
Plantaverat autem Jehovah Deus etc*), 

Auch die Uebersetzungen des Cardinals Thomas de 
Vio (Cajetanus) mtissen hier erwahnt werden. Von ihm 
erschienen nach einander erst das Neue Testament 1530 
und 31, dann die Psalmen 1530, der Pentateuch 1531, 
die alttestamentlichen Geschichtsbtlcher 1533^ Job 1535, 
Isaias theilweise 1537, die Sprichworter 1545, der Pre- 
diger 1552^). AUe diese Werke enthalten ausfiihrKche 
Commentare ilber die mitabgedruckte Vulgata; zu besse- 
rem VerstSndnisse der letztern aber liess er , da er selbst 
nnr dtirftig das Griechische und Hebraische verstand, 
sich durch fremde Htilfe Uebersetzungen aus den Origi- 



1) Text nach der Sanctandreanischen Ansgabe von 1587. 

2) . Gesammtaasgabe : Librorum Veteris Testamenti , scilicet 
,Fent(xtetichij Josuae^ Judicum, Begum, JSfiNntlipomenonj Esdrae, Ne» 
hemae, Job , Psahnorum^ Proverbiarum Salomonis et priorum trium 
Capitum Esaitie versio nova Latina ex JSebraeo a Thoma de Vio 
CardinaJe Cc^etano , ope duorum linguam Hebraeam sdentium (al- 
terius Hebraei Magistri linguae iUiuSj, aiterius Christiani) instituta 
iuxta methodum, quam ipse tradidit in praefatiane Commentariorum 
in PsaHmos, quaeque infra exponitur. Lugduni 1639* Foh 5 Volh 



— 341 — 

nalien anfertigen. Ueber seinen Plan wie Uber die Aus- 
fuhrung desselben konnen am besten seine eigenen 
Worte Aufschluss geben. 

Divinorum PacUmorum librum, sagt er in der Yorrede zum 
Psalmencommentar , itucta Utteralem sensum quum incepissetn, corn- 
pert nullum apud nos habere textum tcUem, qualia est in sua ori- 
gine, lingua scilicet Hehraea. M propterea assumta iUa, quae 
nomine beati Hieronymi circumfertur, interpretatione iuxta Hebrai- 
cam veritatem et collata cum ea quae circumfertur nomine 70 Inter- 
pretum et cum quatuor aliis modernis inter pretationibus ex Hebraeo 
immediate, adhibui duos linguam Hebraicam scientes {dlterum He- 
braeum Magistrum linguae illius, cUterum Christicmum) cum pluri- 
bus vocabulariis linguae illius -, et coram me (exigente significationes 
dictionum Hebraeorum in lingua nostra Latina vel vulgari et eligente 
significationem , quae magis quadrare contextui visa est, feci per 
singula verba vocatam beati Hieronymi interpretationem reduci ad 
respondendum Hebraeo textui de verbo ad vefbum. Et sic conflata 
est nova isthaec interpretatio PscUmorum de verbo ad verbum con- 
sonans textui Hebraeo , quam exponere studui secundum sensum 
tantummodo Utteralem. Fuit autem tanti labor is necessitas, quia 
nisi textusadsit talis, qualis ^st in sua origine, iam non text us ex- 
ponitur nisi divinando, sed exponitur textus, ut intellectus est a^ 
ilia interpreter Testor ego, quod inter hos labores dicebatur mihi 
<ib interpretibus : dictio hebraica sonat hoc, sed non apparet sensus, 
nisi mutetur in hoc dlterum, Bespondebam ego auditis omnibus sig- 
nificationibus : non sit vobis curae, si sensus non apparet, quia non 
est vestri officii exponere, sed interpretari: interpretamini mihi si- 
cut iacet, et relinquatis expositoribus cur am intelligendi ; traducite 
textum, ut iacet in Hebraeo, et communem relinquatis nobis et He- 
braeis curam intelligendi textum sic obscurum: si ego non intelle- 
xero, alius inteUiget Sicque curavi, ut de verbo ad verbum textum 
hdberem Psalterii, qualem kabent Hebraei; utifiam assecutus sim^), 

Auf solche Weise konnte nattirlich die Uebersetzung 
nur ein philologisches Hiilfsmittel bilden und musste zu 

1) Masch. 1. c. p. 528. 



— 342 — 

jedem andem Gebrauohe untauglich bleiben. Da aber der 
Cardinal auch nichts Anderes bezweckte, so thun ibm 
alle die strengen Urtheile Unrecbt, die von der Forde- 
rung einer mnstergtfltigen Uebersetzung ausgehen, Oder 
die ibm die Absicht, die Vulgata in Schatten zu stellen, 
zuschreiben ^). 

Ueber seine Methode bei den dbrigen, zumal den neutestamentli- 
chen Schriften, gibt er in der Yorrede zum Eyangeliencommentar 
(Ausg. von 1532) folgendeu Aufschluss. Et quia vulgata editio totius 
novi testamenti quandoque minus fida est^ et nos non interpretem, 
sed verum textum intendimus exponere, idea adhibuimus studium 
nostrum, ut textus corrigeretur iudicio peritorum in utraque lingua, 
quod ubique facimus, quando senteniiae diversitas esset: uhi autem 
eadem est sententia , pertransimus, nisi apud Joannis evangelium et 
epistolam ad Eomanos, propter arduam enim utriusque materiam 
exattivs studuimus correctioni literae, Et ne oporteat millies re- 
peter e, graece sic hdbetur, noverint omnes, mutationes fieri appo- 
sita sola praepositione pro: et superflua aut deficientia significari, 
superfluit aut deficit subintelligendo semper iuxta textum Graecum, 

Beispiele : Rdm. V^ 1 ff. Justificati igitur ex fide pacem habe- 
amus, pro, habemus, ad deum per dominum nostrum Jesum Christum, 
per quern habemus. Legendum est hdbuimus et : et deest coniunctio 
et, Ita quod legendum est. Per quem et habuimus accessum, seu 
aditum, per fidem, pro, fide, in gratiam istam , in qua stamus , pro, 



1) Melch, Canus L, TheoL II, 13. Quo putas animo ferret 
(S. Spiridion) cum in cdiia libris , turn maximt in Davidids PseU" 
mis, Caietani lectionem et textum usque adeo a nostra discrepantem, 
ut vix possis agnoscere, an idem liber sacer an aiius ait? Quid 
Eieronymus? Psalmosne ad verbum translates pateretur? — 
Quid, quod Cicero in lib, 5. de finibus ait, verbum e veitbo expri- 
mere indisertos interpretes solere? Fallitur ergo prae caeteris 
Caietanus, qui huius praecepti immemor Psalmorum versionem dum 
fidam voluit reddere, reddidit ad Ecclesiae quidem usum prorsus inuti- 
lem. Vergl. auch R Simon Hist crit du V. T. U, iSOl 



— 343 — 

8t«iiinu8, et gloriamur in spe gloriaeJUiartun dei. Superflmt JUiorum. 
Nan sohim autemy sed et gloriamur in tnbuMionihuiy pro, aiffUcUom- 
h^8J sciences y guod tribtdtUio, prOy affUctio, patientiam operatuff 
patientia autem prebationem, probatio vero speniy apes autem non 
confundit, pro, non pudefacit ; quia charitoAy pro, dilectio, dei dtffusay 
pro, effusa, est in cordibus nostris per spiritum sanctum qui datus 
est nobis, 

Jak. I; 5. Si quis autem vestrum indiget sapientia, pro, si 
cui vestrum deficit sapientia , postulet a deo , pro , postulet ab eo, 
qui doty deOy qui dat omnibus affluentery pro, simpliciter, et non 
improperat : et dabitur ei, Postulet autem in fide nihil haesitanSy 
pro, diiudicans: qui autem haesitat, pro, diiudicaty similis est fluctui 
maris, qui a vento movetur et circumfertur y pro, iactatur; non 
ergo, pro, non enim, existimet homo ille, quod accipiat, pro, accipiety 
cUiquid a domino etc, 

Unter den protestantischen Uebersetzungen in's La- 
teinische, die in der ersten HSlfte des sechszehnten 
Jahrhunderts erschienen, verdient am meisten die des 
A. T. Yon Sebastian MtLnster aus Ingelheim beachtet zu 
werden. Dieser hatte zu Basel durcb PeUicans Unter- 
richt und durch das Studium rabbinischer Schriftsteller 
bedeutende Kenntnisse im Hebraischen gewonnen, die er 
durch hebraische Grammatiken , ein hebraisches Lexicon 
und durch eine Ausgabe des hebraischen Bibeltextes be- 
kundete. Der letzern, die zuerst 1534 erschien, gab 
er auch eine' selbststandige Uebersetzung mit Anmer- 
kungen bei, die spater noch eininal von Pellicanus ohne 
den hebraischen Text und die Noten herausgegeben 
wurde^). Wie er in seinen sonstigen Schriften die Rab- 



1) Die sp&tere Ausgabe fdhrt den Titel: Biblia sacra utrius- 
que Testamentiy et vettis quidem post omnes omnium hactenus aedi' 
tiones , opera Z>. SehasHani Munsteri ewAga^um et ad Hebraicam 
veritatem , quoad fieri potuit redditumy coUoHs ubique vetustieaimie 



— 344 — 

binen als seine Hauptquelle benutzt, so hat Miinster 
auch in der Vorrede des angegebenen Werkes die Tra- 
dition der Juden als . das Hauptmittel zum VerstS^ndnisse 
des A. T. dargestellt und demgemass seine lateinische 
Uebersetzung eingerichtet. 

Ueber dieselbe spricht er sich folgendermaassen aus: in 
latina versione hoc unum spectavimus , ut quoad fieri potuit, 
latina hebraicis responderent , niH quod cUiquando quctsi per paren- 
thesin adiecimm unam aut cdteram dictionem quae ad explicationem 
obscurioris faceret sententiae, id quod summe necessarium videbatur 
in prophetis, — Phrasim quoque hebraicatn et idiotismos ipsoa nan 
semper immutavimus , praesertim qui Christianis auribua hodie nan 
sunt horrori, — — eis similes: placuit verbum in oculis meis — 

filius mortis pro dignus morte comedere panem et bibere aquam 

pro laute vivere , gravis manus domini pro gravis plaga, Hos et 
multos alios similes idiotismos nee vulgatae aeditionis autor ubique 
et semper vitavit : qttaemadmodum et coUectiva specierumque nomina 
nonnunquam more hebraid sermonis copulavit verbis pluralibus. 
Alioqudn parapJirasten in plerisque locis verius egit quam interpret 
tern : id quod nobis non agendum visum fuit , quando Hebraice stU' 

diosos semel iuvare instituerimus. Nee admodum moveor iUo- 

rum verbis, qui aiunt , horrorem hebraici sermonis omnino tollendum 
et apposite latino sermoni accommodare , cum plerumque id non 
possis facere citra magnam periphrasim aut sententiae viola' 
tionem, — — Quos vero potissimum secuti fuerimus in hac nostra 
aeditione, supra in epistola praeliminari obiter indicavimus, nempe 
quod solos Hebraeos consuluerimus scriptores, postquam nobis in 
animo fuit, talem parare aeditionem, quae per omnia Hebraismo 



et probatissimis eius linguae scriptoribus. Novum vero non solum 
ad Graecam veritatem veruni ^^^^^ ^ mtUtorum utriusque linguae 
et interpretttm et codicum fidem opera D, Ereis, Bot, ultimo recog- 
nitum et aeditum. Additi sunt e LXX versione et Apocfyplhi libri 
sive Ecelesiasticif qui habentur extra Canonem, Tiguri apud Ohri-' 
stophorum Froschoverum Anno M. Z>. XXXTX, 



— 345 — 

esset conformis. Contulimits tamen obiter Santis in pentcUeueho 
dumtaxat cteditionem ^ Lutheri recognitianem, Steudhi annotationes 
iuxta hebraicam veritatem, et OecolampcuUi partietdares versiones, 
et quid in quoUhet desideretUTj facile advertimus. Scmtes opus ha' 
bet maiore luce^ praesertim cum aeditionem suam absque anmota- 
tionibus emiserit. Sunt in eo plurimi omissi versus^ sicut et in Lu- 
theri recognitione : quod no^i ob aliam causam hie refero^ quam quod 
cupiam quosdam typographos esse diligentiores. 

Die Uebersetzung muss, wenn die traditionelle Tex- 
tesauffassung der Juden einmal als die richtige ang&- 
siommen wird, als durchaus wohlgeratben bezeichnet 
werden; sie ist treu und doch fltissig, und wenn barte 
Oder unlateiniscbe Wendungen darin vorkommen, so 
muss dies eben dem Bestreben nach mCglichster Genauig- 
keit zugescbrieben werden. Dagegen fallt bei denjeni- 
gen Biichern, welche der hi. Hieronymus aus dem He- 
braischen iibersetzt hat, die Aehnlichkeit mit der Vul* 
gata bald in die Augen; es war aber auch Mtinster 
unter der GrewQhnung an diese Uebersetzung herange- 
bildet. 

Beispielsweise und zur Vergleichung mit der Vulgata steht hier 
der Anfang des 21. KIpitels des Buches Numeri *). At cum 
audivisset Chananaeus rex Arad, qtii habitabat ad meri- 
diem j quod venisset Israel per viam exploratorum , pugnavit 
contra Israelem cepitque ex eo captivitatem, Et vovit Israel votum 
domino dicens: si tradendo tradideris populum isttim in manu mea^ 
delebo veluti anathema urbes corum. Et exaudiens dominus vocem 
Israel, tradidit ei Chananaeum: qui exterminans eos atque civitates 
eorum, vocavit nomen loci Horma (hoc est, exterminium). Et pro- 
fecti sunt de monte Hor per viam maris rubri, ut circuirent terram 
Aedom, et attaediata est anima populi in via. Locutusque est po- 
ptdtts contra deum et Mosen: ut quid eduxistis nos de Aegypto, ut 



1) Text nach der Ausgabe von 1534. 



— 346 — 

moreremur in soUtudine, cum nan sint (nobis) panes nee aqm, sed 
et anitna nostra nauseam habeat in pane isto vili? Quapropter nUsU 
daminus in populum serpentes urentes, qui mordebant populum, ei 
mortuus est multus poptdus de Israel. Veniens igitur populus ad 
Mosen diaerunt: pecca/vimus, quia locuti sumus contra dominum et 
contra tei ora dominum^ ut auferat a nobis serpentes^ et oravit 
Moses pro poptUo ete. 

MeKr tritt die SelbststHndigkeit und Eigenthtimlichkeit der Ueber- 
setzung bei detgenigen Texten herror, die in der Yulgata aus dem 
Qriechischen stammen; bo z. B. bei Fs. II.: QtMre ad 
tumtUtum conveniunt gentes, et populi meditantur rem inanem? 
Statuunt se reges terrae^ et principes simvA ineunt con^ 
silium contra dominum et contra Christum eius. Dirumpamtts vin- 
cula eorum et proiiciamus a nobis funes eorum. Qui habitat in coe- 
lis deridebit, dominus subsanndbit eos. Tunc loquetur ad eos in ira 
sua, atque in furore suo terrebit eos. Ego autem constitui regem 
meum super Zion montem sanctitatis meae, Narrabo (veluti) decre- 
turn, quod DominUs dixit ad me, filius metis es tu , ego hodie genui 
te. Postula a me, et dabo gentes Obi in hereditatem atque fines 
terrae in possessionem tuam. Tu confringes eas in virga ferrea, et 
quasi vas figtdi conteres eas. Nunc itaque reges prudenter agite, 
erudiamini iudices terrae. Servite domino in timore, et extdtate 
cum tremore. Osculamini filium ne forte irascatur et pereatis (a) 
via, si velpaululum exarserit ira eius ; beati omnes qui confidunt in eo. 

Man wird demnach Seb. Mtinster wohl das Verdienst 
lassen miissen, dass er eiiie treue und fur das Studium 
des Hebraischen recht nutzliche Uebersetzung geliefert 
habe. Es bleibt desswegen auffallend, dass seine Ar- 
beit bei ihrem Erscheinen wenig beachtet wurde; 
die Gesammtausgabe erlebte nur drei Auflagen, und bloss 
viermal wurden einzelne Theile daraus wiedergedruckt. 
Moglich ist, dass Merzu die hebrSische Schreibung der 
Eigennamen {Jehuda^ Bmjamin^ Aemordi^ Jirmeia^ Je- 
heekel) das Ihrige beitrug. 



— 347 •— 

Wemger Mcksicht auf buchstabliche Genauigkeit als 
auf sprachliche Eleganz findet sich in der sogenannten 
Ztiricher Uebersetzung von 1543, die zum grSssten 
Theil von dem Zwinglianer Leo Judae herrtihrt. Sie um- 
fasst bloss das Alte Testament, weil die Erasmische 
Uebersetzung des N. T. damals jede andere Uebersetzung 
uberfltissig erscheinen liess und hochstens, wie auch 
hier, eine Ueberarbeitung erfuhr*). 

Ueber die Geschichte dieser Bibel berichtet die von Pellicanus 
berrttlirende Yorrede folgendermaassen. Leo Judae inter Tiguririae 

Ecclesiae Pastores et Ministros non poatretmM primus inter 

eo8 latinam versionem Sibliarum moliri coepit . , . In transferetido 
autem i43U8 est hehraico exemplari eoque emendatissimo , quod reli- 
giose secutus est. Consuluit etiam alia exemplaria Hehraea, prae- 
sertim in locis difficUiorihus et amhiguis, Et quanquam neque ex 
Graecis, neque ex va/riis Latinorum editionibus lectionis veritatem 
putauit esse petendam, consuluit tamen illas non infrequenter, neque 
neglexit, quae de genuina lectione et germane setisu passim tradi- 
derunt orthodoxi ecclesiae Interpretes, Adiutus est autem opera 



I) BiUia Sacrosancta Testament* veteris et Navi, e sacra He- 
braeorum lingua Graecorumque fontibus^ constUtis simul orthodoxis 
interpretibus religiosissime translata in sermonem latinum. Authores 
omnemque totius operis rationem ex subiecta intelliges praefatione. 
Faulus Bom. XV, Quaecunque scripta sunt, ad nostram doctrinam 
scripta sunt, ut per patientiam et consolationem scripturarum spent 
habeamus. Tiguri excudebat C, Frosehoverus Anno M. D, XLIII. 
fol. Die deoterokanonisclien BUcher sind von Petrus CholinuB ttbe]> 
setst; die Yorrede dazu datirt Yom 29. Octbr. 1542. Das N. T, 
hat den besonderen Xitel : Novum Testamentum omne ad Graecorum 
exemplarium fidem , ad veterem item editionem , Erasmi quoque 12o- 
terod, versionem postremam aliorumque emendatorum Latinorum co* 
dicum interpretationem recognitum, castigatum atque translatum — 
— Tiguri excudebat Christoph, Froschover Anno Domini M. J). 
XLIII, Der Bearbeiter iat Rudolf Walther aua Zttricb. 



— 348 — 

et diligentia darissimorum virorum , . . his inquam omnibus adiu- 
tu8, his denique consttUis omnibus latinam suam tratislationem sifh 
cere ad veritatem hebraicam formaoit atque composuit Porro in 
vertendo non fuit superstitiosm , . . Curavit libique, ut oratio siue 
versio esset simplex et quantum potuit^ latina, exceptis verbis ali- 
quot et idiomatis , quae receptiora et notiora sunt, quam ut mu- 
tari conueniat . . . Priusquam Ulum laborem <zd optatum finem per- 
duxissetf in gravissimum morbum incidit . . . Postremo ad Theo* 
dorum Bibliandrum conuersuSf te, ait, oro atque obtestor^ ut ea tu 
in nostra Bibliorum versione absoluas, quae morbo hoc meo interce- 
pius transferre absoluereque nonpotui, Octo videlicet postrema ca- 
pita Ezechielis y a quadragesimo nimirum capite, Danielem totum^ 
librum Job integrum, Psalmos siue Hymnos 48 ultimos^ a 10^. scilicet 
Psalmo, libellos etiam Salomonis duos, Ecclesiastem et Cantica Canti- 
corum . . . sitam Bibliander hac in re operam sancte promisit . . . 
Inter haec Conradus PeUicanus sua sponte morienti omnem poUice- 
tur operam. Cui tile mandabat, ut ea fideliter reuiderety quae pro- 
pter morbum nondum ipse recognouerat cwraretque omnia e praelo 
quam castigatissima prodirent in lucem. Post Leonis, obitum Bib- 
liander ea, quae promiseraty fide praestitit, quemadmodum ipsi 
libriy quos vertit^ abunde testantur. 

Das Streben nach lateinischer Eleganz brachte bei 
dieser Uebertragung von selbst mit sich, dass sie sich 
ziemlich frei bewegt und mehr Umschreibung als Ueber- 
setzung geworden ist; daher auch solche Ungenauigkei- 
ten, wie Gen. XXXII, 2 malitiam studiorum vestrorum 
Ps. n, 2 concur sant reges terras III, 1 Oda seu 
carmen Damdis, quum fttgeret metu Absalom ^ Y, 13. 
velut lanceam cinget eum bona voluntas tua. Sonderbar 
nehmen sich daneben solche Ausdrttcke aus, wie Jer. 
XXIV, 1 et inclusores de Jerusalem , Ps. XXI, 4 et tu 
sanctus sessor laudum Israelis^). 



I) YergL Carpgovii Oriticd sacra ^ p, 733. 



— 349 — 

Zasammenh&ngende Proben Bind folgende: Jon. I. FACTUM 
est iterbum DOMINI ad Jonam filium Amithai in hunc modum: 
Surge, uadein Niniuen urbem moffnatiiy & clama contra earn, aseendit 
enim consceleratio eorum ante conspectum meum, Surrexit igitur 
Jonas ut fugeret in Tharsis a conspectu DOMINI ^ descendensque 
Japho^ nauem euntem in Tha/rsum repcrity <St dato naulo eius conscen" 
dit in earn, ut cum illis veniret Tharsum, DOMINUS autem excita- 
hat uentum magnum in mari, ita ut cogitdre [quispiam posset] nauem 
esse confringendam, Timuerunt ergo nautae, clamaueruntque quis- 
que ad deum suumj eiecerunt etiam arma qua^ in naui erant in 
mare J ut [nauis] hisce leuaretur. Porro Jonas ad carinae latera 
descenderat iacens et dormiens. Accedens autem guhemator nauis 
ad eum , dixit , quid tu hie stertis ? surge inuoca deum tuum, an 
forte sese deliberaturus sit de nobis deus, ne pereamus, Dixerunt 
autem quisque ad proximum suum , Agite , sortiamur, ut cognosca- 
mus cuitis gratia periculum illud nobis [acctdat], Ductis itaque sor- 
tibus, sors in Jonam cecidit, Dixeru/nt ergo ad eum, Indica quaeso 
nobis, unde sit nobis hoc malum. Quid est tibi negotij? dt undenam 
uenis? aut quae patria tua? ex qua gente es tu? Bespondit eis, 
Ebreus sum ego , t^ timco DOMINUM deum eoeli, qui <& mare iSf 
continentem fecit. Timuerunt autem uiri isti ingenti timore, dixerunt" 
que ad eum, Our istud fecisti ! (nouerant enim uiri illi eum a facie 
DOMINI fugisse , siquidem illis indicauerat) dixerunt ergo ad eum, 
quid tibi faciemus ut nobis tranquiUum fiat mare? nam mare magis 
niagisque increscebat ac aestuabat Dixitque ad eos, Tollite me, dt 
in mare me abijcite, tum tranquiUum fiet uobis mare: noui ehim 
propter me esse hanc tempestatem magnam quae nobis imminet, 
Conabantur autem uiri illi nauem remigando ad terram subducere, 
neque potuerunt, quod mare magis magisque contra eos efferebatur. 
Clamantes itaque ad DOMINUM, dixerunt, Ne quaeso pereamus 
DOMINE istius hominis gratia, neque nos sanguinis iwnoxij reos 
agas , tu enim DOMINE quod uoluisti, fecisti, Accipientes igitur 
Jonam, deiecerunt eum in mare, constititque mare ab aestu sua, 
Viri autem iUi timuerunt DOMINUM ingenti timore, quin dt 
sacrificia DOMINO sacrificarunt, ac uota nuneuparunt ' Mark, 
yn, 1. ET conueniunt ad eum pharisaei , ^ quidam e 



s 



— 850 — 

scribis , qui uenerant Hieroeolytnis : dt cwm uidissent quosddm ex 
diaeipulis eius communibus manihus, id est iJloiis^ edere panes ^ in' 
cmabant. Nam pMrisaei ift omnes Judaet, nisi crebro lauerint 
manuSj non capiunt cibuniy obseruantes instituta maiorum: & a foro 
[uenientes,] nisi loti fuerint non edunt, Et alia multa sunt quae 
susceperunt seruando , [nempe] ablutiones pocuhrum, <& urceorumy 
dt eramentorum, dt lectorum, Deinde interrogant eum pharisaei dt 
seribae. quare disciptdi tui nan uiuunt iuxta ritum traditum a maioHr 
bus^ sed illotis manibus edunt panem? At ille respandens, dixit 
illis: Bene ua^cinatus est Esaias de uobis hyphocritis^ etc. (Text 
nach der Oetav-Ausgabe von 1544)') 

An Streben nach klassischer Latinitat wird diese Ueber- 
setzung, wie jede andere, iibertroflfen durch die wenigstens der 
Entstehungszeit nach noch hierhergehOrige Version von 
Sebastian Chateillon oder wie er sich selbst nannte, 

1) Merkwdrdig sind die sp&teren ScMcksale dieser Uebersetzung. 
Sie ward Ton Robert Stephanas 1545 obne Nennnng der Verfasser za- 
gleich mitder Yalgata nea herausgegeben und in dieser Gestalt von der 
Sorbonne als u»richtig verurtheilt. Genebrard snchte diese Sentenz 
ausfiihrlicb zu rechtfertigen. NichtBdestoweniger ward dieAusgabe 1584 
Yon den Theologen zu Salamanca nea herausgegeben anter dem Xitel 
Biblia sacra cum duplici translations et Scholiis Francisci VatabU 
nunc denuo a plurimis, quibus scaUebant, erroribus repurgata, dO' 
ctissimorum Theologorum tarn almae Universitaiis Salmanttcensis, 
quam Cowplutensis iudiciOy ac sanctae et Generaiis Inquisitionis 

iussu. Cum pi'ivilegio Hispaniarum Regis. Sdlmanticae apud 

Qasparem a Portonariis M. 2>. LXXXIV. fol. Der Text itt in 
dieser Ausgabe nor in folgenden SteUen yerbessert: Deut. XYU, 8 
]st in actionibus iudicialibus weggelassen; 8 Edn. YIII, 47 ist die 
Stelle unterdrdckt : revocaverintque ad cor suum in terra, in quam 
captivi abductisunty si inquam resipuerint; Ps. XY, 10 ist hinzuge- 
fttgt : neque enim deseres animam meam apud sepulchrum , tieqtte 
permittee; Apoc. Ill, 9 ist statt resipisce gesetzt poenitentiam age, 
Ausser'den angegebenen erlebte die Uebersetzung noch sechs Auf- 



— 851 — 

Castellio. Der Verfasser war in seinen letzten Jahren 
Professor der klassischen Philologie zu Basel, begann 
seine Uebersetzung aber zu Genf, wo er mit Calvin 
befreundet lebte, urn das Jahr 1542. Nachdem er zu- 
erst 1546 den Pentateuch und 1547 den Psalter heraus- 
gegeben hatte, verofifentlichte er 1551 die ganze BibeP) 
in einer Uebertragung , die ihm von Seiten Calvins die 
heftigste Anfeindung zuzog. Noch mebr Missbilligung 
erfuhr seine Arbeit bei den Katholiken, da sie die bis 
dahin traditionell gewesene Bibelform vollstSndig zerst5rte. 
Sie tragt namlich in die hi. Schrift so ganz die 
Anschauung des heidnischen Alterthums hinuber, dass 
selbst die specifisch jiidischen und christlichen Begriflfe, 
wie Engel, Taufe, besessen, Synagoge, Tempel durch 
die klassischen Bezeichnungen genius^ lavacrum^ furiosusj 
collegium, fanum wieder gegeben sind. Dabei nothigte 
ihn das Streben nach formeller Abrundung und klassi- 
schem Periodenbaue von der traditionellen AufFassung und 
Eintheilung des Textes ganz abzuweichen, und er scheute 
es auch nicht, zum namlichen Zwecke an dem hebrai- 
schen und griechischen Wortgefiige eigenmachtige Kritik 
zu iiben. Im N. T. sind diese Eigenthiimlichkeiten 
weniger hervortretend , du er sich hier in etwa an die 
uberlieferten Ausdrucke gebunden hat. 

Von dem wunderlichen Aussehen , welches das Bibelwort unter 
seinen Hidden erhielt, konnen die folgenden Stall en einen Begriff 
geben *). Euth I, 1. Qua tempestate praesides procurabant , vir 



1) Bihlia Interprete Sebastiano Castalione, una cum eiusdem 
annotationibus, Sasileae, sumptibus Jdh, Oporini 1551 Foh Sie 
erlebte noch vierzehn weitere Auflagen. Der Text amfasst auch 
die deuterokanonischen BUcher and ist nach der Yulgata geordnet. 

2) Text nach der Ausgabe von 1556. 



— 352 — 

quidam a Beihlehema Judaeae, orta in finibus ilUs fame^ profeetus 
est ad peregrinandum in ctffrum Modbiticum una cum sua cof^uge 
duohttsgue filiis. Viri nomen erat Elimelechus^ mtUieris Noemis^ 
duorum fiUorum Mahcdon et Chelion^ Ephrataei, ex Bethlehema 
Judaeae, His in agrum Moabiticum profectis ibique degentibus, 
moritur Elimelechus, uxore Noenii et duobus JUiis super stitibus, 
Filii uxores Moabitidas duxerunt, guarum uni Orpha, alteri Eutha 
nomen fuit: atque iUie circiter decern annos commorati moriuntur 
et ipsi ambo , Mahalon et Chelion. Mulier autem duobtts natis et 
viro superstes, cum apud Moabitas agens audivisset Jovam suis suXh 
venisse eisque annonam levasse, illinc digressa comitibus ducbus 
nuribus in Judaeam reverti contendit etc, Hoh. L. V, 1 ff. Venio 
in meos hortulos ^ sororcula mea sponsa: decerpo meam cum odori- 
bus myrram: comedo meum cum welle favum: bibo meum cum lacte 
vinum: comedite sodales, potate et amoribus perfundimini. Ego 
dormio ^ vigilante meo corculo: vox auditur pulsantis amid mei, 
Aperi mihi mea sororcula , mea amicula , mea columbula , mea per- 
fecta : nam et caput rore et capillos noctwnis plenos guttulis haheo, 
Exui meam tuniculam, quo pa^to earn induam? etc, Dan. Ill, 47 ff. 
Genius autem Domini descenderat una cum Asaria et sociis in 
caminum et disiecta ex camino flamma ignis medium caminum rosea 
et leviter spirante vento refrigeraverat , ita ut eos ignis nee attin- 
geret, nee laederet aut offenderet. Tunc iUi tres Deum una ore 
celebrare, praedicare , collaudare coeperunt in camino his verbis: 
Praedicandus es , domine Deus maiorum nostrorum , et laude extol- 
lendus immortali etc, 

Ausser diesen vollstandigen Uebersetzungen erschienen 
urn dieselbe Zeit von den Refonnatoren noch viele la- 
teinische Uebertragungen von einzelnen Biichern der hi. 
Schrift. Da sie jedoch ebenso, wie die vorstehend ge- 
nannten, ftir die Geschichte der Vulgata nur indirect von 
Bedeutung sind,-S' m6gen die Namen der wichtigeren Ueber- 
setzer geniigen^). Es sind Bibliander (Nahum 1534) J. Brenz 



1) AusfOhrlichereB bei Masch 1. c. p. 493—642. 



— 353 — 

(Job 1527) Bugenhagen (Psalmen 1544) Bucer (Sophonia's 
1528, Psalmen 1529 ') Capito (Habakuk 1528) J. Dra- 
conites (Psalmen 1540, Daniel 1544) Luther (Deuteron. 
1525) Melanchthon (SprichwSrter 1524) Oecolampadius 
(Job 1523, Propheten 1525—1535) Pellicanus (Spruche 
1520, Psalmen 1527) Zwingli (Isaias, Jeremias, Psalmen, 
Sprichw. Pred. H. L. 1529 flf.). Bloss um zu zeigen, 
welche Verschiedenheit durch alle diese Uebersetzungen 
in den Bilaeltext kommen musste, steht hier der dritte 
Psalm in der vierfachen Uebertragung von Bucer, Cal- 
vin, Musculus und Bugenhagen. 



Bucer. 

Ode Davidis , quum fugeret 
AheshaHomum filium suum. 



Musculus. 

Psdlmus David f cum fugeret 
a facie Absalomi fUii sui. 



Jehova, ecquid tarn multij qui Domine , quam multi sunt, 

me infestant: tnultiy qui contra me qui tribulant me ? multi insurgunt 

insurgunt Multi , qui apud ee adversum me. Multi dicunt ani- 

de anima mea sic cenr mae meae: non est solus ipsi in 

sent:' non est isti a Deo solus Deo. Seloh, Tu autem Domine 

speranda, Selah, At tu Jehova protector mem es , gloria 
praesidium es et decus meum 



Calvin. 

Cathticum Davidis, quum fu- 
geret a fade Absalom fUii sui, 
Domine, quam multiplicati sunt 
oppressoresmei: midti insurgunt 
contra me. Multi dicunt animae 
meae: non est solus ipsi in 
Deo, Seloh. Et tu, Jehovah^ 
clypeus es pro me, gloria 



Bugenhagen. 

Fsalmus David, cum fu» 
geret a facie Absalon fUii sui. 
Domine , quid multiplicati sunl, 
qui tribulant me ? multi insurgunt 
adversum me. Multi dicunt ani' 
mae meae: non est solus ipsi in 
Deo eius. Tu autem Domine 
susceptor meus es , gloria 



1) Herausgeg. unter dem Namen Aretius Felimis. 

Kaulen, Qeiohiohte der Volgata. 23 



— 354 — 



Bucer. 

dignitatisque tnecie vindex 
Voce mea ad Dominum 
clamdbOj et respondehit mihi de 
monte sancto sim. Sdah, 
Secwrus quieti me componam^ 
dormiam: ipBeque cum commodum 
erit, expergiscar, namJehova me 
stMtentat, Non vel mpriades p(h 
pull, gui undigue me cingentes 
obsideantf expavescam. Exurge 
Jehava, serva me Beus mi, nam 
hactenm quibuslibet meishosUhus 
impegisti alapam, dentes^ im- 
probarum fregisti, Jehovae est 
servare, et populi tut, ut benefi- 
centia tua iuvetur. Selah. 

Calvin. 

mea et exdltans caput meum 
Voce mea ad Dominum 
clamavi, et exaudMt me de 
monte sancto suo. 

Ego decvhui et somnum cepi: 
et evigilavi, quia Dominus susten- 
tat me, Non timebo amyriadibus 
populi, qui undique adversum 
me posuerunt castra. Surge 
Domine, serva meDeus mi: quia 
percussisti omnes inimicos meos 
in maxiUa, dentes impiorum 
confregisti, Domini est 

saiusy super populum tuum 
benedictio tua, Sdah, 



MusculuB. 

mea et exdltans caput meum 
Jehova prece mea invocavi, 
et annuit mihi de 

monte sancto suo, Selah, 
Ego recumbam , ac 

dormiam , evigilabo , quo- 
niam Dominus susten- 

tabit me, Non timebo myriades po- 
puli, quae me circumqtM^pie 
obsident. Surge Domine, 

serva me Deus meus, quoniam 
percussisti omnium inimicorum 
meorum maxillam, dentes im<- 
piorum contrivisti, Domini est 
solus, et super populum tuum 
benedictio ttM, 

Bugenhagen. 

mea et exdltans caput meum 
Voce mea ad Dominum 
damavi, et exaudivit me de 
monte sanctitatis suae, Selah, 
Ego dormivi et soporatus sum: 
exurrexi, quia Dominus susci- 
piet me. Non timebo mUlia 
populi circum irruentia in me: 
exurge Domine, salvum me 
fac Deus, Quoniam tu percussisti 
omnes adversantes mihi sine 
causa: dentes peccatorum 
contrivisti, Domini est 

sdlta, et super popuHum tuum 
benedictio tua*). 



1) Die Texte sind den oben 
nommen. 



S. 858 genannten Ausgaben ent- 



_ 355 — 

In' die Reihe aller dieser Untemehmungen gehdrt 
auch noch die eigenthiimliche Bearbeitung des Evangeliea- 
textes^ die der schon oben genannte Andreas Osiander 
1537 herausgab^). In einer Eyangelienharmonie n&mlich, 
die auch den griechischen Text enthielt, suchte er dfem 
alten Texte der Vulgata und der zur Mode gewordenen 
Uebersetzung des Erasmus in gleicher Weise gerecht zu 
werden, indem er die Eigenthilmlichkeiten beider zu 
einem neuen Texte yerschmolz. 

Hiertiber sagt er selbst: novam e regione translatianem ctdiecu 
quam tamen non idea de novo molitus 9t»iM, quod vel veterem con^ 
temneremy vel JEkasmica meliorem eldborare me posse confiderem: 
Bed quod utramcunque sumpsissem, muUa necessario mutari a me 
oportere animadverterem. quod si mihi permisissem in antiqua^ 
verebar ne superstitiosi me ut fdlsarium damnarent: si in EraS' 
mica, metueham ne docti me ut Idboris dlieni contaminatorem inceS' 
serent Quare meo more meoque periculo sine cuiusquam iniuria 
transferens hoc unum spectavi, ut sensum genuinum verbis simplv' 
cibus ac mundis efferam, mcduique inter dum ineptam elegantiam ne* 
gligere, quam ab ecclesiastica consuetudine nimium recedere, 

Wie sehr aber trotz dieses Vomehmens die Ueber- 
setzung von den beiden genannten Texten abh&ngig ist, 
mag die ZusammensteUung des Abschnittes Luk. 1 , 1 ff. mit 
der Erasmischen zeigen, da der Yulgatatext als bekannt 
vorausgesetzt wird. 



1) Earmoniae Evangelicae Libri TTTT. graece et "Mine 

autore Andrea Osiandro. Froben. Bastleae anno M. D. XXXVIL 
Cum privilegio Imp, Bom. ad annos IIIL 



23* 



— 356 — 



I 



OBiander. 

In tnense autem sexto mtS" 
8U8 est angelus Gabriel a deo 
in civitatem Oaltlaeae, cut no- 
men Nuzaretha^ ad virginem 
desponsatam viroj cut nomen 
erat Josephus, de dmno Davidis, 
ac nomen virginis Mariae. Et 
ingressus angelus^ ad earn dixit : 
Ave gratiosa, dominus tecum^ 
Benedicta tu inter mulieres, Ula 
vero quum vidisset, turbata 
fuit super oratione eiw et 
cogitdbat qudlis esset haec sa- 
lutatio, Et ait angelus ei: Ne 
timeas Maria, invenisti enim 
gratiam apud deum. Ecce con^ 
cipies in utero et paries JUium 
et vocdbis nomen eius Jesum: 
hie erit magnus et jUius al- 
tissimi vocabitur: et daJbit 
ei dominus deus sedem Da- 
vidis patris ipsius regndbitque 
super domum Jacobi in ae- 
temumf et regni eius non 
erit finis. Dixit autem Maria 
ad angelum: Quomodo erit 
istud , quandoquidem virum 
non cognosco ? etc. 



Erasmus. 

In mense autem sexto mts- 
sus est angelus Gabriel a deo 
in civitatem Gdlilaeaej cui no- 
men Nasaretf ad virginem 
desponsatam viro, cui nomen 
erat Joseph, de domo David ^ 
ac nomen virginis Maria. Et 
ingressus angelus ad earn dixit i 
Ave gratiosa, dominus tecum^ 
Benedicta tu inter mulieres. Ilia 
vero cum vidisset, turbcUa 
est super oratione eius et 
cogitabat qudlis esset ista aa- 
lutatio, et ait angelus ei: Ne 
timeas Maria, nacta es enim 
gratiam apud deum, Ecce con- 
cipies in utero et paries fiHium 
et vocabis nomen eius Jesum. Is 
erit magnus et fiHius al- 
tissimi vocabitur, et dabit 
illi dominus deus sedem Da- 
vid patris ipsius regnabitque 
super domum Jacob ' in ae- 
temum, et regni eius non 
erit finis. Dixit autem Maria 
ad angelum: Quomodo erit 
istud, quandoquidem virum 
non cognosco ? etc. 



Die Betrachtung all dieser verschiedenen Versuche, 
einen lateinischen Text der hi. Schrift herzustellen, liefert 
ein doppeltes Resultat. Dem Beobachter drangt sich 
zuerst die Ueberzeugung auf, dass niemand war, der 
zu wissenschaftlichen Untersuchungen einen lateinischen 



— 357 — 

Bibeltext glaubte entbehren zu Mnnen. Das Lateinische 
war Dun einmal zu sehr im wissenschaftUchen Leben 
eingebtirgert , als dass es, auch abgesehen vom inter- 
nationalen Verkehr, hatte daraus verdrangt warden 
konnen. Auf der andem Seite zeigt die Mannigfaltig- 
keit der selbststandig angefertigten Uebertragungen, 
wie wenig irgend eine davon auf allgememe Anerkennung 
von Seiten der Theologen Hoffnung hatte. Jede neue 
Uebersetzung bildete demnach eine neue Empfehlung fiir 
den althergebrachten Vulgatatext, der schon ein Jahr- 
tausend tiberdauert und wahrend dieser Zeit die ganze 
abendUndische Eirche bei alien auf die Bibel gerichteten 
Bedtirfnissen in Einstimmung erhalten hatte. Wenn die 
Neuerer behaupteten, dass die Vulgata den Grundtexten 
an manchen Stellen nicht entspreche, so hob diese vor- 
gebliche Unrichtigkeit jene Empfehlung nicht auf; denn 
es blieb dann Sache der Wissenschaft, an den betref- 
fenden Stellen das Gehorige zu ermitteln. Dass nun 
hier die Grundtexte in ihrer damaligen GestaJt nicht 
ohne petitio prmdpii als einziges Correctiv gelten konnten, 
drsUigte sich den Einsichtsvollen bald als kritische 
Ueberzeugung auf. Andererseits musste man wohl er- 
kennen, wie wichtig fttr die Bibelerklarung und den 
christlichen Glauben iiberhaupt das geschichtliche Zeug- 
niss sei, welches in einer aus den friihesten Jahrhun- 
derten der Kirche stammenden Uebersetzung lag. So 
verloren denn inmitten all der Verwirrung, welche die 
oben genannten Bemiihungen um eine lateinische Bibel 
anrichteten ^ einzelne verstandige Gelehrte nicht das richtige 
Bewusstsein, dass es vor AUem darauf ankomme, den 
Vulgatatext auf erfahrungsmassigem Wege , durch kritische 



— 358 — 

Vergleichung der handschrifUichen Hfilf smittel , von den 
eingeschlichenen Fehlem zu reinigen und damit der 
Ueberlieferung der alten Kirche sicher zu werden. Die 
aus solcher Ueberzeugung heryorgegangenen Bemtlhungen 
mflssen hier um so sorgf&Itiger besprochen werden, well 
sie allein ein folgerichtiges Glied in der Geschichte der 
Yulgata bilden^). 

Als Erster in der Reihe von Gelehrten, wekhe auf 
dem einzig wissenschaftlichen Wege der Handschnften- 
vergleichung einen gesicherten Text der Vulgata herzu- 
stellen suchten, ist Adrian Gumelli zu nennen, nach dessen 
1504 erschienener Recension^) bald eine Reihe von Aus- 
gaben jedes Formats zu Paris, Lyon und Basel gedruckt 
wurden. Seine Verbesserungen des Textes sind noch 
nicht durchgreifend , zeugen. aber von kritischem Tacte 
und haben zu den spateren Untemehmungen derselben 
Art die Bahn gebrochen. Als Probe seines Textes fol- 



1) Uebergangen ist hierbei die Ausgabe : Biblia LcUina cum 
opmcuio Aristeae et Epistola Joannia Andreae Episcopi Aleriensts 
ad Paulum H, Pont. Max, scripta Bomae 15, Martii natalis Do' 
mini anno M. D. CCCO. LXXI. 11. Vol. fol Diese scheint woU 
mehr als ein blosser Abdruck einer Handschrift zu seiii, aUein die 
Collation anderweitigen handschriftlichen Materials mass sich doch 
auf ein Minimum besclir&nkt haben. Wiederholt wurde der hier 
gebotene Text zu Nttmberg unter dem Titel : Biblia Latina. Norim- 
bergae per Andream Fimer et Joan. Sensenschmidt 1475, Fol, 

2) Biblia cum pleno apparatu summariorum, concordantiarum 
et quadruplids repertorii sive iudicii numeriquefoliorum_ distinctione 
tersissime ac veriasime rursiM Parrhisiis a Thielmatmo Kerver im- 
pressa, Venundatttr ibidem ob Johanne Parvo sub ledne argenteo 
in via ad divum Jacobum, fol. (1504). 



— 359 — 

gen die von der heutigeh Vulgata abweichenden Lesarten 
des Jakobusbriefes *). 

I 1 tnbu0 (?) 9 entltatione 11 bedbit : becor 13 it peo tentetur 
25 in lege perfrcte iibertatift 11 5 fratrea biUctissimi 9 personam 13 
facit in 3 fr(no0 equie — nobia : omne 4 rt tea nanea — rircumferttntur 
Attttm 9 qui ab imaginent et aimUitiibinem 15 besrenbens a patre inmi- 
nunt 17 bonia : iubicane aine aimuiatione lY 1 nonne rjr conmpiacrntifa 
4 inintica eat beo 11 fratrea met 12 nnua eat entm 13 pro^mum tunm 
Y 8 eatote noa 10 mali et ionganimitatta et iaboria 11 miaericora eat 
bominiia 13 triatatur autem. 

Weiter ist hier der Dominicaner Albert Castellano 
zu nennen, der zuerst 1511 zu Venedig eine kritisch 
revidirte Quartausgabe veroffentlichte ') ; in dieser findet 
sich auch ein kleiner kritischer Apparat beigegeben ^). 
Seine Textesgestaltung diente einer grossen Zahl anderer 
Ausgaben, die zumeist in Lyon erschienen, als Grund- 
lage, und aus einer derselben*) stehen hier wieder die 
aus der Collation mit der jetzigen Vulgata sich ergeben- 
den Varianten des Jakobusbriefes. 



1) Yerglichen ist dazu die Octavausgabe , welche 1611 bei Sa- 
con in Lyon erschienen ist. Dieselbe ist nach Masch 1. c. p. 156 
ein genauer , Zeile um Zeile wiedergebender Abdruck eines Lyoner 
Druckes von 1610 (Marechal), der seinerseits wieder eine Baseler 
Folioausgabe von 1509 (Langendorff und Froben) reproducirt; da 
aber nach Vercellone (Varr, Lectt. 11. p, XXUI) diese Ausgaben 
auf der Gomelli'schen von 1504 beruhen, so bleibt das Ergebniss 
der Yergleichung annUiernd richtig. 

2) Welche Ausgabe eigentlich zuerst die Yerbesserungen 
Gastellano's enthalte, ist ziemlich dunkel; die obige Angabe be- 
ruht auf der Auctoritat Yercellone's I.e. I. p. XG und XGYII. 

3) Hae lectiones neque multae sunt neque magni momenti, sagt 
Yercellone iP^c, L p. XG. 

4) 9ntpr. jdartaita per ^o^nnem |3reQel anno bomtnt mtiieaimo qutn- 
genteaimo oigeatmo octavo tt- menaia ^unti. 8. 



— 360 — 

I 7 rrietimet 9 tntUtttome 11 benbit : be 13 t 9eo itnUivx 25 in 
lej(e prrftrte Ubrrtatie II 5 fratrte bUrcti5»imt — elicit 9 prrsontm 13 
farit 23 et implrta est 26 tta fibte m 3 frmoe cqitte — mobtt omnc 
4 et ecrc naoee — cimiinfentiittir aittem 7 bomatnr 8 nntliiie l|omtm9 
9 ab imagtnem et etmUttubinnn 15 bescrnbene a patrr Inmiiutiii 17 bo- 
nie : ivbtcane sine lY 1 nonne tf conruptsrentits 4 eet beo f al. bet 9 cov- 
oertetiir 11 fratres met 12 unus est entm 13 prorimitin trntin 14 in rra- 
stfnnm 15 pro eo bicatis Y 8 appropimjuabit 10 mali et londantmitatis 
et laboris 11 est bominus 13 tristatur antem — oret aequo animo et 
psalUt 20 operit. 

Der mit diesen Versuchen betretene Weg konnte erst 
dann zu yollkoinineiien Leistangen ftthren, wenn die Ver- 
gleichung der Handschriften und alten Ausgaben mit sprach- 
kandiger Beachtung der hebraischen und griechischen Ori- 
ginaltexte gepaart wurde. Ein seiches Verfahren sehen 
wir in einer Ausgabe der Vulgata angewendet, die 1530 zu 
Edln erschien und gew5hnlich nach ihrem Herausgeber die 
Hittorp'sche genannt wird *). Diese steht in jeder Hinsicht 
singulUr da. Nur sehr wenig ist Hber ihre Entstehung be- 
kannt, und bei ihrem Erscheinen wurde sie so wenig ge- 
achtet, dass sie (damals ein seltener Fall) nicht einmal 



1) Biblia juxta Divi Hieronymi stridonensis trcdationem, post 
mtUtas Tiactenus editiones nan modo ad Hebraeorum CHrciecorumque 
fonteniy verum etiam multorum vetustissimorum codicum Latinorum 
consemum accuratissime castigata , ea quidem fide et diligentia, ut 
ilia 2>. Hieronymi editio in hac plane renata videri possit. Confer, 
itidica et fruere. Adiecta Chronographia ex Euaehio etc. Coloniae 
ex officinaEtuiharii Cervicorni Anno 1530. Fol. Am Ende heisst 
es: Coloniae apud Euchariwn Cervicornum, procurante M, Gode- 
frido Hittorpio cine dt hibliopola Coloniensi. Anno post CJSBl- 
STUM natum M. D. XXX, decimo Ccdendas Aprii^ , Adolpho 
Bincho, Amoldo Segenio COSS, Der Text ist gothisch^ die meis- 
ten Zuthaten lateiniscli gedrackt. 



— 361 — 

eine zweite Auflage erlebte. Desto hSher kfinnen wir jetzt 
ihren innem Werth anschlag^n , indem sie in hohem Maasse 
den Anfordemngen entspricht, welche an eine wissen- 
schaftliche, kritische Ausgabe des herkomnilicben Textes 
gestellt werden miissen. Der Gelehrte, welcher es ver- 
schmahte^ seine Erudition dem damaligen Zeitgeschmacke 
znm Opfer zu bringen und mit seinen hebraischen Eennt- 
nissen auf Eosten der handschriftlichen Ueberlieferung zu 
prunken, hiess Gobelinus Laridius — ein Name, fiber den 
unsere. Eenntniss der betr. Personlichkeit nicht hinaus- 
reicht. 

In der Vorrede heisst es : Cum igitur haec Christiana 

philosophia, a varijs linguarum interpretibus variis sensibus excepta 
sit, ac proinde editionibus discrepet, ad vnam diui Hieronymi tra- 
lationem (qua post vetustam LXX. seniorum, post Theodotionis 
aique Aquilae editionem , post Origenis hexaplos cathoUca vsa est 
ecclesia) tanquam sacram anchor am confugimus, quae, praeter id 
quod autoritate fidelium suscepta atque approbata sit. Hoc etiam 
caeteris praestat , quod sit verborum tenador , atque sententiarum 
luce clarior. Verumenimuero cum temporis iniuria vel potius ho- 
minum incuria, Hieronymianae editioni accidit (qtwd plerisque 
libris vsu venire solet) vt exemplaria non per omnia sibi respon- 
deant , dedimus operam pro nostra quaJicunque tenuitate, quo 
Hieronymus filo et formae originali restitueretur .... Curauimus 
itaque vt singula quaeque , praesertim ambiguae lectionis, ad fidem 
vetustissimorum aliquot codicum diligenti examine expenderentur, 
riuulos interim ad hebraicae et graecae linguae primordia, tanquam 
ad fontem reuocantes. Bonam huius oneris partem , nempe veteris 
instrumenti recognitionem, , in se suscepit venerabilis vir Gobelinus 
Laridius, homo praeter sacrarum liter arum peritiam, et vitae 
morumque integritatem , in hebraicis apprime doctus .... Adiu- 
tus enim non minus quindecim utriusque linguas voluminibus, Us- 
que vetustissimis , , ac diligenti cur a conscriptis, ea industria, ea 
vigilantia, deprauata quaeque restituit, ut prisca Hieronymi editio 



— 362 — 

in hcu: rentUa videri possit .... Ceterum ne quispiam 
tetnere ittdicet, candidum lectorem svbinde adtnoniium ve^im, ana- 
gnosten nostrum non graece solum qucie XXX. est, non hebradce 
tantum veritati sese addixisse, sed vulgatam D. Hi&ronymi editio- 
nem per omnia seruasse , immtUasse ac restituisse ea tantum, in 
quibus vetusta latina graecis , simuloitque hehraeis exemplaribus 
consonarunt, contra vudgatam lectionem. Praeterea eam^quoque in 
plerisque modestiam seruasse, vt nusquam non aJiquid concedat 
consuetudini ecelesiae, praesertim in psaUerio, q%ko in diudnis offi- 
dis fideles vtuntur, ne cuipiam causa offendiculi esset scrupulosto- 
rem extitisse, Tametsi loca quaedam praeterire non poteraJt, qui- 
bus vetusti codices hebraicae veritati mire congruebant , quorum 
nonntdla (u^ morosis quibusdam dliqua ex parte satisfieret) libuit 
adijcere: Legitur psdlmo vicesimosexto , ut videam voluntatem do- 
mini, quo loco graecus rspnvirYiroi , Augustinus legit, delectationem, 
forsitan melius legendum, voluptatem, quod tamen in nullo latino- 
rum codice se vidisse meminit. Item psdlmo sexagesimotertio, Ac- 
cedet homo ad cor aJtum. Graeci et probati latinorum codices con- 
formiter hebraeo consonantes, & cor adtum. Fsalmo sexagesimo- 
qmnto vulgariter, exultaui sub lingua mea. Veteres libri et He- 
braicus , Exaltaui sub lingua mea. Item psdlmo centesimoqmnto, 
Et irritauerunt ascendentes in mari rubro , ita XXX. interpretes, 
quo loco quidam male geminant dictionem, mari, interposito puncto. 
Hieronymus tamen et recentiores Hebraei voculam, ascendentes, non 
habent, et ea amota, recte legunt bis, mari. Quo argumento liquet 
puncta in libris hebraicis non esse de essentia (ut vocant) literal, 
dlioqui XXX. interpretes nuXlo pacto transtulissent , ascendentes, 
pro eo quod recentiores exponunt, in mari, diuidentes dictionem 
AL-IAM, quod sonat in mari, quam illi pro una dictione le- 
gerunt OLIM, id est , ascendentes. In eodem psdl. Et interfecta 
est terra in sanguinibus. Diuus Hieronymus traduxit, Et polluta 
est terra in sanguinibus. Vnde fit , ut credat potius legendum in 
nostris libris, Et infecta est terra in sanguinibus: quod etiam re- 
perit in duobus vetustis exemplaribus. Praeterea psalm. CVL 
Effusa est contentio super principes, rectius antiqua aliquot exem- 
plaria habent contemptio, Augustinus legit, contemptus. Nam ea- 



— 363 — 

dem verba hebraica, leguntur etiam Job XL quo loco Hierony. 
traduxit, Effundit despectionem super principes, Praeterea psal. 
CXLIX, ubi vulgo legitur, Exultationes dei in gutture eorum, in he- 
braeo, exaJtationes , . , . In nouo demum testamento nobis admini- 
culo fuit editio ilia nostris dudum typis 'summa fide excusa , sed 
ne hac quidtm sola contenti, omnia a capite usque ad calcem dili- 
genti examine rursum ponder auimus, studiose observantes quivetusti 
codices, quae nouae editiones cum Graecis venis quam maxime 
consentirent. His nimirum vtroque fauentes pollice qui a fontibus 
minime degenerare videbantur, Atque in his omnibus it a morem 
gessimus necessitati, ut vtrisque dk fonti S riuulis (si qua dissen- 
tire viderentur) nonnihil concederemus, vtpote quae nee in hebraeo 
nee graeco legebantur, non statim resecuimus, sed ob fidem latinorum 
codicum, minoribus characteribus ab alijs discrepare fecimv>s. Quod 
autem in veteri instrumento sententiolas quasdam (ut in Prouerb, 
& Ecclesiast, videre est) desectas reperies, a Gobelino consuUo 
actum est, ut quae nee in vetustis latinorum nee iUis hebraeorum 
exemplaribus legebantur, ac proinde fide carebant .... 

Diese Grundsatze sind mn so bemerkenswerther , weil sie bei 
der officiellen rdmischen Ausgabe in gleicher Weise zur Anwendung 
kamen. Auf den frdhern Bogen des Werkes findet sich auch eine 
kleine Anzahl von Randlesarten und Anmerkungen beigegeben ; so 
Gen. V 3 et genutt ab tmaginem et stmtUtubinem »uam: pU«tn^ in he- 
braeo ncque in antiqnia. VI 3 non * pennanebit : J^tbv. iubicabit. YllI 7 
qui (grebiebatur et non nvertebatur : non^ in t)ebrae. nee in antiquid X 18 
*^rabittm: al. antabtnm XLIII 3 0nb * teetifteatione : al. atteetatione. 
Diese Bemerkungen horen jedoch allm&lig auf. Yon dem ganz eigen- 
thtlmlichen, sebr merkwtirdigen Texte kdnnen folgende Abweichungen 
von der heutigen Yolgata ein Bild geben. Deut: I 1 moeed. aeeroti) 2 
neqne eabesbame 4 t)abitattit 9 in illo tempore 12 oeetra negoeia 13 e 
oobi0 17 oienm oobie 18 praeeepique oobte omnia 19 et majnmam soli- 
tnbinem 20 eet oobie 21 noli metnere 28 nobi^ in etatura 30 buctor 
ei»t no0ter 31 ip0t oibietid 32 dt ne sic quibem 36 c^aleb 38 ip^e ter- 
ram sorte biuibat n 3 eircnieee 12 l)orim. bebit et 23 (Sneoe 31 tra- 
bert tibi 33 cum filiis et 2 E5n. I 1 eiceiec bies buos 2 aepersua 4 
ionatt^an 6 narrabat et 8 ^malec^iteft 12 Israel , quob 17 ionatt^am 18 



— 364 — * 

et nit : 9ntii)ii (om. toneibtra — oulnewti) 20 pl)ilt»ttm 26 nmlierttm. 
JHuomobo (om. ^icut mater — btliacbam) II 5 000 a jDomino 6 feceritis 
7 tuba rc^ftn 8 circunbwyit 9 tButx 18 unue er capret« 21 bcrtram 22 
nc forte compelUr 23 ingutne , et tranefobit , et mortttuft C9t 24 aquae 

buCtU6^ quae lY 5 meribV et ostlaria domns pnrgans triacum obdoriuiait 

V 23 Pomintttn: qui reeponbit (om. j5i aecenbam — mea») VI 12 cuin 
gaubio. (Eumque tran0renbi00ent (om. et erant — ottult) 21 ab |llid)ol: 
viuit Dominns quia indam X 19 ;?lbabe|er oicto0 0e ab i0rael^ fecerunt 
T^ttm (om. erpauerunt — $0raei. (St) XHI 21 oaibe. |)orro (om. et 
nolttit — erat ei) 27 regi©. Praeeeperat (om. Jeceratque — regi0) XIV 30 
igni. jJurreyitque (om. dX oeniente0 — igni) XV 18 et oinne0 getljei 
pugnatores vaUdi 20 fratre0 tuo0 1 O0tenbi0ti (om. et jDoininu0 — quia) 
4 Eon. ni 12 io0apt)at rex Juda 1 Paral. XV 22 propi)etiae praeerat 

et ad praecinendam melodiam 2 Paral. XXBI 11 et te0ttmonittm dedenmt- 
qne in manu eius tenendam legem JeS. Sir. 1 2 inen0tt0 e0t 8 Omnipoten0^ Xtjp 

10 praebet 12 in longitubinem 16 creattt0 e0t et rum 20 0apientiae timere 
25 rami enim 36 contumar non 0i0 et increbibtli0 37 0ranbali|en0 labiift 

11 2 et ereipe oerba 9 oblectatione 12 eonfu0U0 e0t: perman0it in 13 eot 
bominu0^ et remittit in tempi^re tribuiationi0 16 0tt0tinentiam^ qui 19 
0unt iUi 21 manbata eiu0 22 in mantt0 bei 23 magnitubtnem illius III 2 
filii bilecti 8 qui 0e generauerunt 10 manet 12 gloria ^ 0eb ronftt0to 14 
et ne contri0te0 15 in tua oirtute 22 praerepit 26 multO0 enim 28 0ttc- 
rc00U0: ^l. requiem, et prauum tor 30 non e0t 0anita0. erabirabitur. 34 
meminit in po0terum 2 Petr. I 2 agnitione 16 inbocta0. prae0cientiam 
19 in loco caligino0o II 21 0anctorum III 2 bomini et 0aioatori0 5 eon- 
0i0tente0 9 non tarbat bominu0 promi00i 10 terra autem et omnia quae 
13 nouam terram et promi00a 15 arbitramini 18 in gratia et rognitione. 

Wichtiger als diese Leistungen wurden die nach- 
haltigen Bemtihimgen des Pariser Buchdruckers Robert 
Etienne oder Stephanus um die Herstellung eines zuver- 
lassigen Vulgatatextes. Dieser bedeutende Mann, unter 
dem man sich nicht einen blosen Handwerker oder Spe- 
culanten, sondern einen in aller Bildung der damaligen 
Zeit erfahrenen Gelehrten zu denken hat, ging in sp^tcren 



— 365 — 

Jahren zwar zum Calvinismus iiber und ward schon eine 
Eeihe von Jahren vorher der Hinneigung zur reformirten 
Lehre beztichtigt; jedoch that dies in der ersten Halfte 
des Jahrhunderts seiner kritischen Gewissenhaftigkeit 
keinen Eintrag. Vom Jahre 1523 bis zum Jahre 1547 
war er rastlos thatig, um der theologischen Welt Texte 
der Vulgata zu liefem, die der ersten Abfassung der- 
selben so nahe, als es tiberhaupt moglich zu machen 
war , konunen soUten. Die Ueberzeugung, dass nur dies 
bei den Ausgaben des lateinischen Textes zu erstreben 
sei, und dass dies nur auf dem Wege der Handschrif- 
tenvergleichung ni5glich sei, war bei ihm um so fester 
geworden, weil er sich dieselbe praktisch durch Versuche 
aller Art erworben hatte. Nachdeni er bei einer 
fruheren Ausgabe unter den verschiedenen Lesarten, 
welche die vorhandenen Exemplare darboten, diejenigen 
aufgenommen hatte, welche ihm mit den hebraischen 
und griechischen Texten iibereinzustimmen schienen, sah 
er spater ein, dass er auf diese Weise dem Urbilde der 
ersten Aufzeichnung sich nicht nShem konne. Desswegen 
verglich er nun alle alten Handschriften , deren er hab- 
haft werden konnte, um nach ihren Zeugnissen den 
Text gewissenhaft festzustellen. Die erste Frucht dieser 
Bemiihungen war eine Ausgabe des Neuen Testamentes, 
die 1523 bei seinem Schwiegervater Colin6 zu Paris in 
Sedez erschien. Durch Beifall auf der einen und Wider- 
spruch auf der andem Seite angefeuert, fuhr er nun 
fort, alte Manuscripte der Vulgata zur Vergleichung auf- 
zusuchen, und nachdem er in den Besitz einer eigenen 
Druckerei getreten, veroffentlichte er zuerst 1528 eine 
Folioausgabe der ganzen Yulgatabibel in tiberaus schoner 



— 366 ~ 

Ausstattung^). Ueber seine Methode bei der Behandlung 
des hier enthaltenen Textes gibt die Yorrede zu diesem 
Buche folgenden Aufschluss. 

Cum sacratissinia utriusque testamenti hihlia tt/pis nostris ex- 
primere statuissemus , christiam lector, operae pretium facturos esse 
arhitrati stMnus, si prius, quam aggrederemur rem ipsam, Vetera 
exemplaria consuleremus , inde germanam lectionem excerpturi, quo 
authoritate eorum fulti et quae depravata essent, restitueremus et 
scrttpiUosis quihusdem lectoribus satisfieret, qiios vel unius verhtdi 
immutatio sdlet offendere. Cum itaque anno M, D. XXIIII huius 
urhis pervetustas hibliothecas evolveremw , earn maxime, quae est 
apud B. Germanum a pratis , in manus tandem nostras pervenit 
exemplar quoddam mirae vetustatis ^^^ quod ut manu dUigentissime 
scriptum, ita et a virts doctis , ut, videre licet, accurate perlectum 
eratj et, si quando librariorum vitio mendae irrepsissent, tanto stu- 
dio castigatum, ut non credam cdiud usquam pari. Eius nobis co- 
piam libenter fecerunt , qui tUi bibltothecae praeerant, a qui' 
bus et alterum simili prope diligentia conscriptum mutuo accepimus, 
in quo (ut fuerunt observantissimi minimarum etiam rerum paJbres 
nostri) videas accentus superscriptos dictionibus ambiguae significor 
tionis, quod et imitati sumus. Nee his quldem contenti, evolvimus 
etbibliothecamS. Dionysii: inqita unicum exemplar reperimuSy quod 
ad fidem praedictorum accederet, tametsi multa alia iUic visuntur^ 
sed quae elegantia tantum scripturae nostra superent, non item fide- 
litate, Contulimus ea cum its quae tunc ut emendatissime impressa 
circumferebantur adnotantes in quibus iUa discreparent ah impressis, 

1) Die Ausgabe fiihrt den Titel: Biblia, Darunter das Zeichen 
des Stephanus, ein grosser Holzschnitt mit einer Olive. Dann: 
Farisiis, ex ojfidna Boberti Stephaniy eregione Scholae Decretorum. 
M. D. XXVIII. Cum privilegio regis. Zelm Bl&tter ohne Nummer 
und 890 numerirte Blatter, dann 42 and nochmal 48 nicht numenrte 
BlSktter mit dem besonderen Titel: Hebraica, ChaMaea Graecaque 

et Laiina nomina quae in bibliis utriusque testamenti 

sparsa sunt, restituta, hoc volumine comprehenduntur cum interpret 
tatione latina* Indices item duo, alter in vetus testamervtum, alter 
in novum. (Oliva) Farisiis ut supra. 



— 367 — 

ctdnotantes inquam seorsum in scheda quadam ad temptis, non autem 
in margine Ubrorum qui patUo post opera nostra excusi fuerunty 
germana lections, quae nimirum cum Helraeis conveniret, contenti. 
Caeterutn ut ingenue fateamur, prima Ula coUatio non usquequaque 
exacta fuit^ quandoquidem tunc pauca et cursim quidem emendavi- 
mus, aliis districti negotiis. Oh idquCy ne turn quidem conquievit 
animus noster, qui maiore quam credi possit , desyderio flagraret 
emittendi tandem Bihlia iUa quam emendatissima, Dum sedulo igi- 
tur disquireremus qtu>d ad exactam illorum editionem conferre pos- 
set ^ memores dictorum Beati Augustini in Decretis distinct, IX\ ut 
veterum librorum fides de Hebraicis voluminibus examinanda, ita 
novorum Veritas graeci sermonis normam desyderat: nostris sumtibus 
allaia sunt biblia ilia Hispaniensia , a Leone X, Pontifice Maximo 
tantopere laudata, Conttdimus illico nostram trdtationem^ quae in 
tilts inserta est, cum nostris exemplaribus , quorum supra memini- 
mus, deprehendimusque per omnia fere consentire, Diceres Hispa- 
nos ilia ex nostris exemplaribus impressisse. Posthaec , corrogatis 
undique et aliis exemplaribus pressis, its maxime, in quorum mar- 
gins toties adiecta est nota ilia vaHae lectionis j,ailias,^^ denuo labo- 
rem {Hum conferendi subivimus, singula quaeque (quoad eius fieri 
potuit) expendentes : eocque variis lectionibus eas potissimum delegi- 
mus, quae antiquis , Hispaniensi et Hebraeis codicibus astipularen- 

tur a Genesi facto exordio, Unum tamen nobis curae ac re- 

ligioni semper fuit, ne quid de genuina ilia nostra tralatione immu- 
taretur, sed quam fieri posset incorruptissima prodiret. 

In der That verdiente der neue Text entschiedene 
Anerkennung, und diese ward ihm von Seiten der Buch- 
handler , namentlich nach Ablauf des vierjahrigen Privi- 
legiums, durch Tijederholten Nachdruck bewiesen. Ver- 
bessert erschien dieser selbe Text 1532 von Neuem im 
jgr(Jssten FoKo. Ausser den wirklichen Besserungen je- 
doch, welche der Text nach erneuter Vergleichung von 
Handschriften erfahren hatte, enthielt diese neue Aus- 
gabe auch mancherlei Zuthaten von zweifelhaftem Werthe. 
Dabin gehfiren ein kurzer Abriss der bilSlischen Theo- 



— 368 •— 

logie und ausftthrliche Indices, die mit Recht den Wi- 
dersprucli der theologischen Facultat hervorriefen; doch 
stand dies alles mit dem Texte nur in entfernter Ver- 
bindung. Wichtiger ist der Apparat, den Stephanus bei 
dieser Ausgabe mit dem Texte selbst verbunden hatte. 
Er wollte namlich, wie es scheint, bei dieser Ausgabe 
auch denjenigen genug thuu, welche die Vulgata einer 
Verbesserung bedtirftig hielten, und versah sie desswegen 
mit Randbemerkungen , welche das Verhaltniss der Vul- 
gata zu den Originaltexten , und zwar auf Grund der 
neuen lateinischen Uebersetzungen , bemerklich machen 
sollten. Ueber diesen ganzen Plan sagt er selbst: 

Ne tu forte , christiane lector, nihil in hac hibliorum altera 
editione praeHitum existimares amplius^ quam in primd, quae ex 
nostra officina ante aliquot iam annos prodiit: voluimus paucis hie 
indicare quo quidque modo, quaque diligentia perfectum fuerit, 
Primum omnium vulgarem hibliorum tralationem denuo tanta accu'. 
ratione contulimus cum veterihv^ exemplarihus manu descriptis, quae 
annis superioribus nobis monachi S. Dionysii itemque 8. Germani 
et gravissimum illud theologorum Pariensium collegium nobis com- 
municarunt: ut nihil iam omissum putemus (agnoscimus enim quod 
conqu^sti sunt amid quidam, in priore editione nonnihil esse dormi- 
tatum) esseque nostram tralationem nunc primum prope integrant 
et illibatamj qucUis ab ipso interprete quondam scripta fuerai . . • . 
quod nisi auxilio veterum exemplarium fieri haud potuisse quis nan 
intelligit? Quoniam vero inter conferendum^ multa obscurius versa 
dsprehendebantur, quae nisi consultis hebraieis voluminibus, statim 
intelligi non poterant: multa praeterea quae,aliter atque ctb inter- 
prete versa eranty transferri poterant: nonnulla postremo dbhebraica 
significatione prorsus aiiena: essetque haec tralatio receptissimoj 
quam plures iam memoria pene totam tenerent^ qui tamen ipsi 
aliorum quoque versionibus uti cuperent , nee commode id facere 
multis locis possent ignoratione linguae Hebraicae, ut qui nescirent 
quibus verbis nqstri interpretis verba alterius respondere deberent 
(adeo diverse locum unum et eundem aiiquando a variis redditum 



— 369 — 



offendehant) idcirco rogati annotavimus in gratiam illorum ad mar- 
ginem interiorem ea quae a diversis interpretibus dliter atque aliter 
redditaessent: ut statime regione hdberent quod ah aliia versum its 
auxilio esse posset ad intelUgentiam sacrarum liter arum, 

Ausser solchen Randbemerkungen nahin er dann noch 
im Texte den Asteriskus zu Hiilfe, wo die Origi- 
nalien etwas enthielten , was die Vulgata nicht hatte, 
und setzte umgekehrt das, was die Vulgata mehr als 
die Grundtexte hatte, init einem Obelos an den innern 
Rand^). Hier und da gab er auch kritische Anmerkungen, 
z. B. Tob. Ill, 21 corruptione — vetus exemplar legit correptione, 
Auf den aussem Rand kamen endlich kurze Inhaltsangaben und 
Parallelstellen , so dass der Text folgende Gestalt gewann. 

Gen. Cap, XLV, Non se poterat 
vltra cohihere Joseph multis 

7 praecepit ] ciamavit coram astatitihus I Vfidc prae- 

cepit vt egrederentur cuncti 

•f et nuiius interesset foras, & nullus intercssct all" 

alienus agnitioni 

mutuae 1 et non reman- enus agnitioni mutuoe. Eleua- 

sit auisquam secum : .. zi . ^. 

ut ostenlret se Joseph ^^H^ ^OCem CUW fletu: quam 



Joseph se 

fratribus 

agnoscendum 

praebet. 



fratribus suis. 
*- quam {yel quod) 
scil, Jlevisse Joseph, 



Jet. 7. b. 



». ctementer 
* quaeso 



Consolatur 
eos. 



audierunt Aegyptii , omnisque 
domi^ Pharaonis. Et dixit 
fratribus suis, Ego sum Joseph: 
adhuc pater meus viuit? Non 
poterant respondere fratres nimio 
terrore perterriti. Ad quos tile 
clenienter, Accedite*, inquit^ ad 
me, Et cum accessissent prope , 
Ego sum, ait, Joseph frater 
vester, quern vendidistis in Ae- 
gyptum, Nolite pauere, neque 
vobis durum esse videatur etc. 

1) Nach der Vorrede zur ersten Ausgabe soil das N^mliche auch 
sclion in dieser mitunter geschehen sein; der Verf. hat aber trotz 
.alles Sttchens nichts der Art entdecken kOxmen. 

KauUn, Gesohichte der Ynlgata. 24 



pavere ] dolore 
affivi. 



— 370 — 

Eine solche Behandlung des Textes hatte nun, so 
sehr sie auch wissenschafUichen Anforderungen zu ge- 
ntigen schien, doch ihre bedenkliche Seite und nahm 
gleichsam mit der einen Hand, was sie mit der andern 
gab. Die kritische Sauberkeit und -VerlSsslichkeit des 
Textes wurde fast ganz paralysirt, wenn .die vielfachen 
Kandbemerkungen liebst Obelen und Asterisken die Recht- 
massigkeit dieses Textes selbst in Frage stellten. Die 
angewandte Methode konnte demnach den Bestrebungen 
Stephanus' bei den Anhangern der alten Earche keine 
Freunde gewinnen; die Facultat der Sorbonne betrachtete 
sie mit grossem Misstrauen und unterzog seine Ausgaben 
einer strengen Priifung, die schliesslich zu deren Ver- 
werfung fCihrte. Dagegen zoUten ihm die Humanisten 
und die Anhanger der neuen Lehre um so grosseres 
Lob, und auch seine neue Ausgabe wurde eifrig nachge- 
druckt^). Stephanus selbst schwieg zu Lob und Tadel 
und fuhr in seinen Bestrebungen eifrig fort; er liess 
die zweite Auflage in bequemem kleinem Format 1533 
neu abdrucken, sammelte weitere Manuscripte zur Ver- 
gleichung und flihrte die Revision des Textes inuner weiter. 
Als Resultat dieser Beschaftigungen erschien in den Jahren 
1538 — 1540') eine neue Ausgabe, die auf der Vergleichung 



* 1) S. Masch , Bihh sacra. P. IL vol 3 p. 193 sq, Der beste 
Nachdruck ist von BouUe, Lyon 1587; das Bucli ist auch im AeusBeren 
seinem Original sehr Simlich. 

2) Der Index rerum ist von 1588, das Neue Testament von 
1589, das Alte Testament von 1540. Der Titel ist : Bihlia, Hebraea, 
Chaldaea, Oraeca et Latina nomina virorum, mtdierum, populorumy 
idolorum, orhium, fluviorum, montium caeterorumque locorum, qtute 
in ipsis bibliis leguntur, restituta, cum latina interpretatione et 
ipsorutn locorum descriptions ex cosmographis. His accesserimt 



— 371 — 

von vierzehn werthvoUen Manuscripten , darunter auch 
dem Correctorium Sorbonicum , und drei der filtesten und 
besten Drucke beruhte. Diese Ausgabe unterscheidet sich 
von den Stephanischen Bibeln nicht als Auflage, sondem 
als selbstandiger neuer Text; sie mq^chte bei ibrem 
Erscheinen grosses Aufsehcn und muss auch jetzt noch 
als die wichtigste und beste der Stephanischen Bibelaus- 
gaben angesehen werden. Der Text ist hier ziemlich 
wieder der altenForm genahert, wie sie in den altesten 
Malnzer Drucken vorliegt; an Stelle der Randbemerkungen 
aber, durch welche Stephanus bei der zweiten Ausgabe 
mit Becht angestossen hatte, ist demselben die Samm- 
lung der Lesarten, welche die benutzten Codices boten, 
in verstandigAr Auswahl beigegeben, und dieser kritische 
Apparat bildet den Hauptwerth dieser Ausgabe. Der 
Obelus und der Asteriskus ist auch hier angewendet, 
um die in den Handschriften mangelnden oder mehr 
yorhandenen Lesarten anzuzeigen, und zwar steht ersterer 
auch im Texte. Auf dieser Ausgabe berilhen nun noch 
vier andere lateinische Bibeln, welche Stephanus selbst 
edirte^), und zahllose Nachdrucke, die bald allenthalben 
und in jedem Format auftauchten. Im Ganzen sind an 
hundert Vulgatadrucke bekannt, als deren Urheber 
Stephanus direct oder indirect anzusehen ist. Diese 
grosse Verbreitung rief von Neuem die Aufmerksamkeit 



Schemata TahernacuU Mosaici et templi Salomonis, quae praeeunte 
Francisco Vatdblo .... summa arte et fide expressa sunt. Pari- 
sits ex officina Boberti Stephani Typographi Eegii M. 2>. XL, Cum 
Frivilegio Begis, Fol. 

1) Die wichtigBte daranter ist die von 1545, welche zagleich 
die Uebersetzung des Leo Judae und die (sogen.) Anmerkongen des 
Yatablus enth&lt. 

24* 



— 372 — 

der theologischen Facultat hervor, und da auch die 
neuen Ausgaben, obwohl ohne sachlichen Anmerkimgen, 
doch in den Inhaltsangaben und Indices manche refor- 
mirt klingenden Aufstellungen enthielten, so wurden sie 
sammt und sonders erst von der tlieologischen Facultat, 
nachher auch von Konig Heinrich II. verboten und zur 
Unterdriickung bestimmt. Wie aus dem Gensuredicte der 
Facultat hervorgeht, gait dieses Urtheil nicht dem 
von Stephanus eruirten Texte selbst, sondern vielmehr 
den 'Sachlichen Anmerkungen, Inhaltsangaben und Indices, 
und darf uns nicht abhalten, in Bezug auf Text- 
kritik den Leistungen des Stephanus eine der wich- 
tigsten Stellen in diesem Zeitalter einzuraumen^). Nur 
das lasst sich nicht laugnen, dass bei der Ausgabe von 
1540 durch die Aufnahme des Obelus in den Text selbst 
letzterem in vielen Stiicken ein noch mehr problemati- 
sches Ansehen gegeben ist, als in der von 1532, wo der 
Obelus bios am Bande steht , und dass solche Zuthaten fur 
die Zeit ihres Erscheinens als nicht ganz geeignet anzu- 
sehen waren. 

Zur Eenntniss d^r TexteBbeschaffenheit in diesen verschiedenen 
Bibeln soil die folgende Yergleichung des Jakobusbriefes nach den 
Ausgaben von 1528, 1532 and 1540 mit dem Texte desselben in der 
heutigen Yolgata dienen. Die drei Ausgaben Bind als a. b. und c. 
aufgefdhrt; d. bezeichnet die Randlesarten der letzten: die mit der 
Yulgata zusammentreffenden Lesarten sind gesperrt gedruckt. 

I 4 a b c habeat Tab existimet c aestimet 18 a b enim 
c >► enim 26 a c lege perfectae b lege perfecta d complutensis 

1) Vercellone sagt V. L. I, p. XCVIU: Lectorem monitum esse 
volumus censuras theologorum parisiensium impetere indices, argu- 
menta cUiaque adiuncta quae in editionibus stephanicis occurrunt, 
non vero ipsum Bihliorum textum a Stephana recognitum, quem nos 
laudamus. 



— a73 — 

editio legit in legem perfectam II 5 a h f rat res met di- 
lectissimi c fratres* dilectissimi d* mei 8 a b c scripturas 
d scripturam 9 a b c personam d personas 13 a b c facit d 
fecerit a b superexuUat c superexaltat a b d iudicium c 
iudicio 15 a b d f rater aut cfrater et 18 a b d dicet c dicit 
20 a c ostiosaest b d mortua est 25 a b c similiter et d simi- 
liter autem III 2 a b d potens c potest 3 ab c nobis, omne d 
nobis, et omne 4 a b c ^^ ecce a b d circumferuntur c cir- 
cumferuntur autem 5 a b exultat c ex alt at 7 a b et cetorum c 
et ceterorum 9 a b c ad imaginem et similitudinem d ad similitu- 
dinem 12 a b d salsam c salsa \h Si,h c descendens a patre lu- 
minum d descendens 17 a c suadibilis, bonis consentiens, 
plena b d suadibilis, plena a bonis, iudicans sine b c bonis, 
non iudicans, sine IV 1 a b nonne ex c nonne* ex d* hinc 2 
a b belligeratis, non c belligeratis et non a b propter ea quod 
c propter quod 4 a b adult eri c adulteri* d* et adtdterae 
a b nescitis quod c nescitis quia 5 a b j>i«^a^e$ ^t«0(? c putatis 
quia a b c in vobis d in no&t« a b c appropiate d a|7|)ro- 
|7tn$tta^6 a b c fratres mei dfratres 12 a b c est enim legis- 
lator d est legislator 13 a b c proodmum tuum d proximum 
16 a b vapor est c vapor est* d* enim V 4 a c sabaoth b sab- 
booth 6 a b d addixistis c adduxistis a b c restitit d resisUt 
8 a b d opproptnguam^ c approptngtia&t^ 10 sl fratres, exitus 
mali, laborish dfratres, laboris c fratres, exitus mali et Ion- 
ganimitatis et laboris 13 a b c tristatur autem d tristatur a b c 
animo? et psallat 15 a b c alleviabit d allevabit 20 a b d 
operiet c operiat. 

In die Fussstapfen Stephanus' trat bald nach Er- 
scheinen von dessen zweiter Recension ein Mitglied der 
theologischen Facultat zu Paris selbst. Jean Benoit oder 
Johannes Benedictus, wie er gewShnlich genannt wird, 
woUte ebenfalls nur auf dem Wege der Handschriften- 
vergleichung den achten Text der Vulgata herstellen. 
Allein entweder dem Geschmacke der Zeit zu Liebe oder 
aus Opposition gegen Stephanus glaubte er ebenfalls, 



— 374 — 

wie dieser, den Unterschied zwischen der Yulgata und 
dem hebr&isclien und griechischen Texte darlegen zu 
sollen. Nach diesen Mcksichten erschien 1541 seine 
grosse Bibelausgabe ^) , in deren Yorrede er sagt: 

Miror, cur tanta scriptorum in tractancUs transcribendisque so- 
cr%8 (xtque adeo divinis scriptis haetenus fuerit ineuria ut tot re* 
periantur] exemplaria, quot codices. Quibm si non brevi occurra- 
tur , rediens tandem Hieronymus , et quisquis optimus interpres, 
qucie nobis integra tersaque reliquerunt , negabunt esse sua. Huic 
autem morbo utcunque mederi volentes, quospotuimus vetustissimos 
et scriptos manu et impressos inter se codices, et illos tandem cum 
Hebraeis Qraecisque contulimus , ut veriorem editionis nostrae 
sensum integritati suae restitueremus. Nee tamen tantum vetustati 
tribuimus, quin Ecclesiae usum , et qui passim legitur et ccmtatur 
in templis textwm pro captu reformaremus. Collatis igitur Latinis 
codicibus cum Hebraeis, qui nobis ex Hebraeo canone traduntur, 
atque cum Graeds, qui tantum Graece leguntur, differ entias anno- 
tavimuA , asterisco, inquam, in quibus Latina a peregrina deficit 
editio, obelo in quibus abund<xt , scholia vero doctorum super diffir 
dllimis locis Uteris a. b. c. etc. 

Aus diesen Worten ergibt sich dreierlei: zuerst, dass 
Benedictus einen kritisch zuverlHssigen Text herstellen, zwei- 
tens, dass er in diesem Texte die Verschiedenheiten zwi- 
schen der Vulgata und den Originalien bezeichnen, drit- 
tens endlich, dass er Anmerkungen zur Erkl&rung hin- 



1) Biblia sacra itixta vulgatam, quam dicunt, editionem, a 
mendis, quibus innumeris partim scribarum ineuria, partim scio- 
lorum audacia scatebat , summa cura parique fide repurgetta atque 
ad priscorum probatissimorumque exemplarium normam, adhibita 
interdum fontium authoritate, restituta .... Parisiis ex officina 
Simonis Colinaei pro Galeato a Frato 1541 fol. Noch elf andere 
Aosgaben erschienen bis 1569. Das N. T. wurde wenigstens sechs- 
mal besonders gedruckt; die letzte dem Yerf, bekannte Aosgabe 
ist Yon 1587. 



— 375 — 

zufdgfin wollte. Was nun tf^n ersten Punkt betrifft, so 
muss zugestanden werden, dass seine Textesfassung den 
Anforderungen wissenschaftlich^r Kritik wohl entspricht ^). 
Dies ist daraus zu erklaren, dass er seinen Text nicht, 
wie aus der Vorrede geschlossen werden kSnnte, unter 
Biicksicht auf das hebraische und griechische Original, 
sondern nach der Ueberlieferung der Handschriften und 
alten Drucke festgestellt hat. Als Beleg hierfur dienen 
wieder die Vdrianten, die zwischen seiner Ausgabe und 
der heutigen Vulgata im Jakobusbriefe bestehen ^). 

I, 4 hdbeat 7 exisfimet 11 enim est 13 a Deo tentetur 25 in 
lege profectae II, 8 et dixeritis: ttii 5 fr aires dilectissimi 9 personam 
13 facit 18 dicit aHiquis 22 exoperihus fidei III, 3 consentiendiun 
nobis, omne 4 et ecce — circumferuntur autem 7 serpentium etiam et 
caeterorum 9 ad imaginem et similitudinem 15 descendens a poire lu- 
minum 17 misericordiae — bonis, iudicans sine IV, 1 nonne ex concu- 
piscentiis 2 beUigeratis , non — propterea quod 11 fratres met 
12 units est enim Y, 9, alterutrum et non iudicemini 10 maHi et 
longanimitatia et Idboris 11 est dominus 13 tristatur autem 15 dimit- 
tentur 20 operit. 

Hatte der Herausgeber sich auf diese Textesrevision 
beschrSukt, so wUrde gewiss seine Arbeit in der dama- 
ligen Welt die verdiente Anerkennung gefunden haben. 



1) Dem strengen Urtheil, welches Rich. Simon iiber Benoit Wit, 
ist das viel schwerer wiegende YerceUone's entgegenzustellen , der 
in seinen Diss. Accad. p, 114 sagt : certo nel secolo XVI pontificii 
correttori furono preceduti e aiut<xti non poco dagU studi fatti ' 

da Giovanni Benedetto quali colle loro stampe 

agevolarono molto epreparavano la strada alia correzione romana. 
Ma i loro studi sono or a cosi poco noti, che appena v' hd chi ne 
faccia breve menzione. 

2) Die Yergleichong ist nach der Ausgabe des N. T. von 1554 
geschehen. 



— 376 — 

AUein er woUte ja auch ein klares Bild von dem Ver- 
Mltniss der Vulgata zu den Grundtexten geben und ver- 
sah desswegen seine Ausgabe mit der in der Vorrede 
bezeichneten Einrichtung. Was er im Hebraischen und 
Griechischen nicht fand, dem setzte er einen Obelus im 
Texte vor ; was die Originalien aber mehr hatte, das setzte 
er lateinisch an den Rand und bezeichnete dessen Stelle 
im Texte durch ein Stemchen ; die Stellen endlich, welche 
ihm ungenau iLbersetzt zu sein schienen, setzte er in 
seiner eigenen Uebertragung wieder an den Rand und 
versah Textes- und Randlesart mit correspondirenden 
Ziffem. Die Grenze der betr. Stellen gibt im Texte je- 
desmal eine Elammer an. Ein Bild von dem Aussehen, 
welches der Text auf diese Weise erhielt, gibt folgendes 
Specimen, bei dem die ebenfalls am Rande stehenden 
Parallelstellen fehlen, die Anmerkungen zum Inhalte aber 
aufgenommen sind. 

ainitium -Evangelii Jeau Christi fUii deiy sicut 
* ego scriptum est in* >- Isaia] propheta: Ecce* mitto 

angelum meum ante factem tuam qui praeparaibit viam 
tuam ante te. ' Vox clamantis in deserto, Farate 
viam domini, rectos facite semitas eius. Fuit 
in deserto Joannes haptizans et praedicans haptismum 
poenitentiae in remissionem peccatorum. Et egredie- 
batur ad eum omnis Judaea^ regio et Jerosolymitae 
• omnes >^ universil et baptizdbantur* ah illo in ^Jordanis] 

^ Jordane 

fl/umine confitentes peccata sua, Et erat Joannes 

2 cameu vcstitus piUs * camelorum], et zona pellicea circa lum- 

bos eius^ et locustas et mel sylvestre edebat^ et praedi- 

3 'venit, cdbdt diccnsi 'veniet] fortior me post me etc. 

-Initium Evangelii finis legis est, ^Nunquam in Isaia propheta scriptum esse 

• 

reperire potui , quod ponitur : ecce ego mitto : sed in Mnlachine fine scriptum est, 
Chrysost, ex var. in Marc, loc. horn. I, *Hoc est dicere: non sum ego verbum 
quod erat in principio apud Deum , sed vox potius , id est minister sum verbi , ut 
per me ad auditus hominum sensumque perveniat, Eus, Emiss, de Joa, Bapt, hom^ I, 



— 377 — 

Bei dieser Vergleichung der Vulgata mit den Origi- 
nalien scheint Benedictus jedoch ungeniigende Handschrif- 
ten der letzem benutzt zu hahen; denn die Kritik, die 
er nach den Grundtexten libt, ist zum grossen Theile 
verfehlt. So steht Matth. I, 11 nach Josias autem 
genuit die unachte Stelle Joachim. Joachim autem 
genuit ohne Weiteres als Bestandtheil des griechischen 
Textes am Kande, und VI, 13 nach libera nos a mdlo 
heisst es ebenso iinkritisch *gma tuum est regnum et 
potentia et gloria in saecuJa saecuJorum. Tarn Hebraea 
quam Graeca habent et plurima vettista Latina. Hierzu 
kommt, dass ihm fur diesen Theil seiner Arbeit die 
nothwendige Sprachkenntniss gemangelt zu haben scheint; 
denn bei vielen der Stellen, an welchen er die Ueber- 
setzung der Vulgata zu bessern ilbemimmt, hat er ent- 
weder die Berechtigung des lateinischen Ausdrucks oder 
den Sinn des hebraischen und griechischen Originals 
nicht erkannt. So bemerkt er zu Matth. VII, 15 cavete 
vobis statt attendite, welches letztere doch durch den spateren 
Sprachgebrauch ganz eingebiirgert ist; und solcher Art 
sind viele seiner Anmerkungen. Bei manchen Noten, 
welche die Uebersetzung bessern sollen, ist auch keine 
verntinftige Veranlassung einzusehen; dsis dissidium z. B. 
zwischen villam quae didtur Matth. XXVI, 26 und prae- 
diurfi cui nomen^ oder pri/ncipem sacerdotum XXVI, 57 
und summum sacerdotem^ oder daemonium habentis Joh. 
X, 21 und daemoniad ist nicht sehr gross. Vermuthlich 
haben statt einer andem Veranlassung die neueren Ueber- 
setzungen sammt Stephanus' zweiter Ausgabe auf Bene- 
dictus' Anschauungen und Verbesserungen Einfluss geiibt, 
und die Kenntniss des Hebraischen und Griechischen 
wird vielfach durch jene Htilfsmittel ersetzt worden sein. 



— 378 — 

Von den Sach-Anmerkangen, wdche den dritten Theil 
yon Benoit's Arbeit bilden, ist hier nicht der Ort zu 
reden. £s lUsst sich aber leicht einsehen, dass das 
ganze Unternehmen trotz der guten ihm 'zu Grunde 
liegenden Absicht die E^tholiken unbefriedigt lassen und 
unangenehm beruhren musste; denn es finden sich in 
der ganzen Bibel unzaMige Stellen, deren Berechtigung 
auf die eine oder die andere Weise in Frage gestellt 
ist, und da die dessfaUsigen Zweifel schon im Texte 
selbst angedeutet sind , so musste dies yiel mehr Anstoss 
erregen, als die von Stephanus angewandte Methode. 



XIV. 

Concil zu Trient. 



Mit den Ausgaben yon Stephanas und Benedictus 
hatte die Vulgata abermals einen Abschnitt in ihrer Ge- 
schichte durchlaufen. Es waxen nunmehr alle Yersuche, 
in wissenschaftlicher Weise eihen lateinischen Bibeltext 
endgiUtig herzustellen, erschopft; ein von den angewand- 
ten verschiedenes Mittel ware schwerlich mehr ausfindig 
zu machen gewesen. Das Resultat aller dieser Be- 
miihungen blieb mehr negativ, als positiv. Fiir die 
Wissenschaft war, insoweit sie die Bibel bedurfte, der 
Begriff einer Vulgata, d. h. einer aUgemein angenomme- 
nen Form des biblischen Ausdruckes, yoUstaiidig aufge- 
hoben. Der vorhandenen, von Alters her iiberlieferten 
Uebersetzung wurde nur noch literarischer Werth ge- 
lassen; sie sollte nur ein Zeugniss yon Anschauungen, 
welche friihere Zeiten gehabt, und von der Form, worin 
diese ihre Anschauungen hatten klar zu machen ge- 
sucht, bilden. FrejQich blieb auch dies ein nicht zu 
unterschatzender Grund fiir deren Wichtigkeit und Hei- 
ligkeit. Allein die Mangel und Mannigfaltigkeiten, denen 
diese Uebersetzung, der Natur der Sache gem^ss, 
unterlegen war, hatten durch die Bestrebungen der Be- 



— 380 — 

formationszeit einen anderen Charakter angenommen. 
Wenn man sie friiher bloss als formelle Verschiedenheiten 
angesehen hatte, denen lediglich um der PietILt gegen 
das Gotteswort oder um der erhabenen Idee der kirch- 
lichen Einheit willen abgeholfen werden musste, so wurde 
ihnen nun um der Analogie willen eine materielle Wich- 
tigkeit beigelegt. In den neuen Uebersetzungen und 
Ausgaben fanden sich mancherlei Varianten, die von weit 
aussehenden und durchgreifenden Consequenzen waren. 
So schloss die Verschiedenheit zwischen ipsa und ipsum 
Oder ipse Gen. Ill, 15, zwischen gratia plena und gratiosa 
Luk. I, 28 eine Verschiedenheit der Auflfassung in sich, 
aus der sich tiefgehende Abweichungen in Glaubenssatzen 
ergaben. Solchen Erfahrungen entsprechend, legten eben- 
so die Bekampfer, wie die Vertheidiger der alien kirch- 
lichen Lehre «uf jede Verschiedenheit im Bibelworte nun- 
mehr ein grosses Gewicht. Dazu\am, dass die reforma- 
torischen Bestrebungen des sechszehnten Jahrhunderts 
sich auf die Behauptung von der Hinlanglichkeit und 
der Deutlichkeit der hi. Schrift fiir alle religiose Er- 
kenntniss stiitzten. Mit dieser Behauptung war der Sub- 
jectivitat und der Willkiir des Einzelnen ohnehin schon 
ein solcher Spielraum eroflfnet, dass eine Erweiterung 
desselben durch die Mannigfaltigkeit der Lesarten oder 
Uebertragungen hochst ' gefahrlich erscheinen musste. 
Gerade damals also, wo die Verhaltnisse der Zeit und 
die Lage der Kirche das Bediirfniss, welches seither 
durch die Vulgata befriedigt worden, besonders fiihl- 
bar machten, war letzterer von der Wissenschaft die Moglich- 
keit, demselben fiirder zu genugen, genommen oder doch 
bestritten. Nur in der Praxis der Kirche behauptete 
die Vulgata ihr angestammtes Recht, insofem sie theil- 



— 381 — 

weise mit deren Liturgie untrennbar verschmolzen war. 

Ein solcher Gegensatz konnte indess unmoglich ohne 

AusgleichuDg bleiben. Genoss die Vulgata im wissen- 

schaftlichen Verkehr nicht mehr normatives Ansehen, so 

musste friiher oder spater an die Kirche auch die Auf- 

forderung herantreten , die biblischen Bestandtheile in 

der Liturgie den neu gewonnenen Erkenntnissen gemass 

umzuformen; erachtete aber die Kirche die alte Form 

fiir ihren Gottesdienst und fiir die Erbauung der Glau- 

bigen als maassgebend , so musste sie dieselbe auch den 

Anforderungen der theologischen Wissenschaft gegenuber 

aufrecht erhalten. Welchen nun von beiden Ausweg^n 

die Kirche ergreifen wtirde, das war, wie durch den 

Charakter der Kirche selbst, so auch durch die in der 

Zeit gelegene Entwicklung schon angezeigt. Die Einheit 

der Lehre und der Anschauung, welche die Kirche auch 

durch den Gebrauch der Vulgata bekundete, hatte gerade 

bei den Bemtihungen um die Vulgata auch eine wissen- 

schaftliche Bestatigung gefunden. Denn diejenige Kritik, 

welche nach den rechten, sachgemassen Grundsatzen ge- 

iibt worden war, hatte an der Vulgata ftir eine Reihe 

von Jahrhunderten eine feste und unwandelbare Gestal- 

tung aufgedeckt. Diese bestand einerseits darin, dass 

bei weitem der gr5sste Theil des iiberlieferten lateini- 

schen Textes von alien Schreibfehlem und sonstigen 

Varietaten unerreicht geblieben war. Noch mehr, als 

durch diese numerische Integritat, erwies sich anderer- 

seits der constante Charakter der Vulgata aus den zu 

ermittelnden Varianten der fruheren Zeit selbst; denn 

es zeigte sich hier, dass in keinem Punkte, auf den die 

Kirche oder die Theologie Werth legen konnte^ eine 

wesenhafte Verschiedenheit vorhanden war. Sobald daher 



— 382 — 

die Kirche in die Lage kam, sich (Iber den Werth und 
die Bedeutung der hi. Schrift als solcher auszusprechen, 
war dnrch eine nahe gelegene Consequenz auch die 
Veranlassung gegeben, (iber die Vulgata eine Erklarung 
abzugeben, und dies geschah bekanntlich in der vierten 
Sitzung des Concils zu Trient, am 8. April 1546, durch 
zwei beriihmt gewordene Beschliisse *). 

Die Veranlassung zu diesen beiden Decreten ist am 
Ende des ersten klar ausgesprochen. Omnes itaqne m- 
telligant, heisst es bier, quo ordme et via ipsa Synodus^ 
post iactum fidei confessionis fundamentum ^ sit progress 
sura, et quibus potissimum testimoniis ac praesidiis m 
confirmandis dogmatibas et instaurandis in ecclesia mori- 
bus sit usura. In der dritten Sitzung hatte die Ver- 
sammlung das Bekenntniss des katholischen Glaubens als 
die Rtistung bezeichnet, womit die Gotteskampfer sich 
zum Streit gegen den Irrthum wappnen sollten. Dem- 
zufolge hatte sie die Form desselben endgultig festge- 
stellt und damit die gesammten Verhandlungen des Con- 
cils tiber die Glaubenslehren, wie tiber die Sittenzucht, 
inaugurirt. Bei den weiteren Verhandlungen erschien es 
nun folgerichtig , erst die Quellen zu bezeichnen, aus 
denen die kirchliche Lehre fliesst, und so den spateren 
Bestimmungen des Concils von vornherein diejenige Be- 
grttndung zu geben, welche eine geordnete und logische 
Behandlung der vorkommenden Gegenstande wflnschens- 
werth machen konnte. Dies war um so nothwendiger, 



1) Far das Folgende Bind benutzt die bekannten Werke von 
Pallayicini and Sarpi, sowie der Aufeatz von Yercellone: Studi fatti 
in Bcnna e mezzi usati per correggere la bibbia volgata, Diss, AO' 
cad. p. 56. 8. 



— 383 — 

weil die Irrlehren, um deren willen das Concil versam- 
melt worden, sich auf falsche Lehren von den Glaubens- 
quellen stutzten, und weil das Uebel demnach durch die 
Entscheidung der Wahrheit hiertiber in der Wurzel an- 
gegriflfen wurde'). 

Hiermit hUngt zusammen, dass die beiden fraglichen 
Erlasse nicht die Vulgata zum einzigen Gegenstande 
haben, sondem nur Theile des Decretum de sacris et 
canonids scripturis und des Decretum de editione et tcsu 
sacrorum librorum bilden. Soweit indess beide die 
Vulgata treflfen, sind sie nicht von gleicher Tragweite; 
dies ergibt sich aus dem verschiedenen Charakter, den 
beide haben. Es war ntolich in den der dritten Ses- 
sion voraufgehenden Congregationen ausgemacht worden, 
dass bei den Verhandlungen des Concils die Darlegung 
der einzelnen Glaubenspunkte mit der Regelung des kirch- 
lichen Lebens gleichzeitig vorgenommen werden solle, 
und dem entsprechend wurde nun auch verfahren. Am 
11. Febr. 1546 beschloss man in der Generalcongrega- 
tion, die nothwendigen Erklarungen und Bestimmungen 
liber die hi. Schrift zu treflfen, und es wurden die ein- 
zelnen Fragen formulirt, welche in den Specialcongrega- 
tionen discutirt werden soUten. Schon am folgenden 
Tage wurde (iber denselben Gegenstand wieder General- 
congregation gehalten. Die Sache war aber noch nicht 
so weit durchgearbeitet, dass sie spruchreif sein konnte. 
Es dauerte daher bis zur nftchsten Generalcongregation 
am 15. Febr., ehe man sich iiber die Form des ersten 



1) Yergl. PdUavicini, Istoria del eoncilio di Trento, illustraia 
can Annotazioni da F, A, Zaccariay Bomal833. L. YI. G. 17. n. 12. 
(T, n, p. 100.). 



— 384 — 

• 

Decretes, insoweit es die hi. Schrift betraf, einigte. 
Die Erklarungen tiber die Traditionen riefen so lange 
und eingeheiide Discussionen in den beiderlei Congrega- 
tionen hervor, dass man sich wfthrend derselben ent- 
schloss, noch eine besondere Commission von Theologen 
zu bilden, welche die den Congregationen zu unter- 
breitenden Gegenstande vorlaufig nach alien Seiten dis- 
cutirten und durch Beschaffung des nothwendigen Ma- 
terials die eigentlichen Verhandlungen abkiirzen hSlfen. 
Nachdem man auf solche Weise am 20. Febr. das erste 
der beiden fraglichen Decrete vorlaufig festgestellt hatte, 
wurde eine besondere Commission gebildet, welche die 
Missbrauche beziiglich der hi. Schrift bezeichnen • und 
Mittel zu deren Beseitigung angeben sollten. Diese 
Commission bildeten Filholi, Erzbischof von Aix, als 
Vorsitzender, dann Markus Vigerius, Bischof von Siniga- 
glia, die Bischofe von Cava, CastelF a mare, Fano, 
Bitonto und Astorga, femer der Ordensgeneral Seripandus, 
Alfons di Castro und Bichard von Mans aus dem Fran- 
ziscanerorden, endlich Ambrosius Caturinus aus dem Domi- 
nicanerorden. Die Commission soUte sich monatlich zwei- 
mal versammeln, und die iibrigen Beisitzer des Concils 
wurden eingeladen, fleissig dabei zu erscheinen und zu- 
zuhoren, damit sie mit dem Gauge der Sache vertraut 
blieben. 

Am 17. Marz referirte erst der Erzbischof von Aix, 
dann der Bischof von Bitonto iiber die Ermittelungen 
der Commission und stellte als Resultat derselben ein 
Verzeichniss von vier Missbrauchen auf, von denen nur 
drei hierher gehoren. Als den ersten bezeichneten sie 
die grosse Mannigfachheit der Uebersetzungen , durch 
die iiber den eigentlichen Wortlaut der hi. Schrift grosse 



— 385 — 

Unsicherheit entstehe. Als Heilmittel dagegen schlug 
die Commission vor, eine einzige der vorhandenen Ueber- 
setzungen als gut zu bezeichnen, Damlich diejenige, 
welche im gewOhnlichen Gebrauche der Kirche das grosste 
Ansehen geniesse, und die man desswegen die Vulgata 
nenne. Den zweiten Uebelstand biide die Menge der 
Fehler, welche sowohl die lateiuische, als die griechische 
und hebraische Bibel entstellten. Dieses Uebel kSnne 
nicht anders gehoben werden, als wenn der Pabst neue, 
durchaus revidirte Ausgaben veranstalte und jeder Ka- 
thedralkirche je ein Exemplar zustelle. — Der vierte 
Fehler sei, dass die Buchdrucker die Bibel nach feh- 
lerhaften Exemplaren vervielfaltigten. Dem, meinte 
man, mflsse durch Androhung grosser Geldstrafen vor* 
gebeugt werden. Ueber diese Funkte alle erhob sich 
in den Specialcongregationen und noch mehr in den 
Generalcongreg^tionea, die am 27. Marz, am 1., 3., 5. 
und 7. April gehalten wurden, eine der lebhaftesten 
ErSrterungen , die uberhaupt auf dem Concil gepflogen 
wurden. Die Warme, womit tiber das erste Decret 
noch in alien diesen Versammlungen verhandelt wurde, 
theilte sich auch den Besprechungen fiber diese prakti- 
schen Punkte mit. ^ Es 19,sst sich kaum eine auf die- 
selben beziigliche Ansicht denken, die nicht in jenen 
Congregationen vorgebracht und vertheidigt wurde, sowie 
auch alle nur moglichen Vorschlage zur AbhiQfe gemacht 
und durchgesprochen wurden. Nach' alien diesen Ver- 
handlungen einigte man sich auf der letzten General- 
congregation , am Tage vor der beschlussfS.higen Session, 
liber die Form, in welcher die Decrete publicirt werden 
pollten. Es war so ziemlich dieselbe, welche ursprting- 
lich von der damit • beauftragten Commission redigirt 

Kaidtn, Oeichichte dtr YulgaU. 25 



— 386 — 

worden war; nur hatte man bei Aufzahlung der heiligen 
Schriften statt Psahni David regis gesetzt Psalterium 
Davidicum^ um der Wahrheit naher zu kommen^). 

Ueber den factischen Hergang bei der Sitzung selbst 
steht hier der Bericht, welchen die auf dem Concil pra- 
sidirenden Gardinallegaten noch am selben Tage dem 
Cardinal Famese nach Rom einsandten. „Trient, den 
8. April 1546. Obschon wir gestem bereits im Voraus 
Ew. Eminenz von allem avisirt haben, was in der heu- 
tigen Sitzung vorkommen sollte, so k5nnen wir doch 
nicht umhin, Hochdenselben den Yerlauf derselben zu 
melden und damit das N^mliche zu wiederholen. Die 
Sitzung verlief mit Gottes Gnade regehnassig und Med- 
lich in Gegenwart vieler fremden Herren, die mit der 
Post aus Venedig und sonstwoher gekommen waren, um 
sie anzusehen, und denen man desswegen nicht f&glich 
den Zutritt wehren konnte. Nach dem, was spilter yer- 
lautete, war es auch wohl gethan, well sie mit vieler 
Befriedigung beigewohnt haben. Gegenwartig waren aus- 
ser den Hochwurdigsten Cardinals von Trient und Jaen 
(Madrucci und Pacecco) und dem Gesandten des Eaisars 
drca funfundfiinfzig Pr&laten (mitrie) und die Ordens- 
generale; iiber das Einzelne wird nOch genauerer Nach- 
weis folgen. Nach Beendigung der Gebete las der Erz- 
bischof von Sassari, der das Hochamt gehalten hatte, 
von der Eanzel das Decret tlber die Annahme der hi. 
Schriften und der Tradition in der Form , wovon wir 
gestern Abend Ew. Eminenz Abschrift geschickt haben, 
und wovon heute der Wortlaut de verba ad verhum bei* 
folgt. Schliesslich las er die Indiction der aftchsten 



1) PaXlav, 1. c. p. 72. 80. 



— 387 — 

Sitzung flir Donnerstag nach Pfingsten, und stellte die 
Frage, ob dies alles Zustimmung fande. AUe antworte- 
ten Placent mit Ausnahme Sr. Gnaden von Chioggia, 
der bios sagte obediam^ vielleicht wegen einer geringen 
Zurechtweisung , die ihm in der voraufgegangenen Con- 
gregation widerfahren war. Fiesole, Gapaccio und Osca 
antworteten, sie wunschten in der Ueberschrift die Worte 
umversalem ecdesiam repraesentans, Der Coadjutor von 
Bergamo woUte nicht gutheissen, dass die Ueberlieferungen 
der Apostel pari pietatis affectu^ wie die hi. Schriften, 
angenommen wfirden, sondem statt pari wollte er 
summo. AUe Andere waren mit dem Vorgelesenen ohne 

Ausnahme einverstanden*' '). 

Bei Beurtheilung des Inhaltes der beiden Decrete 
muss vor AUem der Beschluss als Ausgangspunkt ge- 
nommen werden, dass bei den einzelnen Verhandlungen 
des Gondls der Glaube und die Sitten zugleich in's 



1) Den Wortlaut dieses Schreibens s. bei Vercellone, Diss, 
Accad. p. 73. FUr die folgende ErOrterung Bind keine Qudllen 
Oder Auctoritaten angeftlhrt, weil dieselbe lediglich die Ueberzeugung 
des Yerfassers darstellt und sich event, durch innere Kichtigkeit 
Mpfeblen mnss. Verwandte Anfichauongen bei sehr bedeute^den 
Theologen nach^uweiden, w&re nicht schwer gewesen, da far jeder- 
lei Ansioht aber die Trienter Decrete hOchst ehreawerthe Kamea 
ftBgerufen irerden kdnnen. Gesammelt sind die AeuBserangen del* 
wichtigBten ftltern Theologen bei Hody, p. 509 sq., abgedruckt mit ge- 
ringen Aendemngen und ZuBfttzen bei van Ess, Gesch. S. 401 ff. 
AuB Bp&terer Zeit Bind fiber diesen Gegenstand zu nennen Branca 
de Auihentia Vulgatae Bibliorum Editionis, Mediolani 1816; daB 
S. 15. erw&hnte Schriftchen von Brunati ; Welte, kirchlicheB Ansehen 
der Vulgata, Ttlb. Q-Schr. 1845. S. 55; Vercellone, sulla autenticita 
4fMe singale parti dellaBibbia f>olgata secondo il deereto tridentino, 
S^nw 1866, fraoz. in der LOwener Rivue axthoUque 1866, p. 641. 

25* 



— 388 — 

Auge gefasst werden sollten; diesem ist n§.mlich eben so 
in der vierten, wie in den folgenden Sitzungen ent- 
sprochen. Die beiden Decrete erscheinen dadurch 
in verschiedenem Charakter: das eine hat doc- 
trinellen, das andere disciplinaren Charakter. Diese ver- 
schiedenartige Natur derselben ist auch in ihrer Form 
sehr bestimmt hervorgehoben ; ftir die Widerspanstigen nam- 
lich findet sich im ersten der bekannte Ausdruck anathema 
sit^ im zweiten dagegen heisst es: qui contravenermt, per 
ordinaries declarentur et poenis a iure statutis puniantur. 
Die wichtigen Folgerungen, welche sich aus diesem Un- 
terschiede der fraglichen Aussprflche ergeben, brauchen 
hier noch nicht hervorgehoben zu werden. Es lUsst sich 
aber nach dieser Beschaffenheit beider Bestimmungen 
schon aus inneren Grunden erwarten, dass die Vulgata, 
als lateinischer Text gedacht, nur bei der zweiten das 
materielle Object bilden, bei der ersten aber lediglich 
als formeller Entscheidungsgrund oder als beweisendes Zeug- 
niss auftreten kann. Denn die Vulgata ist ja nichts 
anderes, Als eine Form des Bibelwortes, die menschli- 
cher Thatigkeit ihren Ursprung verdankt. Dasjenige aber, 
was bei der hi. Schrift Gegenstand des Glaubens bilden 
soil, muss liber alle menschliche Gestaltung erhaben 
and von geschichtlicher Entwicklung unabhangig sein. 
Umgekehrt unterliegt der disciplinaren Aufsicht der 
Eirche wie sonst iiberall, so auch bei der hi. Schrift, 
das, was an ihr fltissig und accidentell ist, damit sie 
es den jedesmaligen Bediirfnissen der Zeit und der Per- 
sonen entsprechend gestalte. 

Dies heisst mit andem Worten, dass in dem ersten 
Decret vom In halt, in dem zweiten aber von der Form 
der biblischen Offenbarung die Rede ist In ersterem ist 



— 389 — 

dies am so ersichtlicher, well in ihm neben der Schrift 
auch noch die andere Erkenntnissquelle des Glaubens, 
die Tradition, behandelt wird. Die Eirche gibt hier 
an, welche BUcher als inspirirt und zum Eanon gehorig 
gelten soUen, und fiihrt dieselbe der Reihe nach auf^). 
Damit aber ist der Inhalt der biblischen Offenbarung 
noch nicht erschdpfend umschrieben , weil ja fiber die 
quantitative Ausdehnung einzelner BfLcher Zweifel be- 
stehen konnen und damals wirklich bestanden haben. 
Das Decret definirt denmach genau und umst&ndlich, 
was als Inhalt der schriftmassigen Offenbarung ange- 
sehen werden solle. Wir sind hier wie sp&ter angewie- 
sen, die einzehien Ausdrticke des Erlasses sorgfaltig 
abzuwSgen; denn es ist bekannt, dass bei Abfassung 
derselben mit gr5sster Sorgfalt und Umsicht verfahren 
wurde. Als zur hi. Schrift geh5rig bezeichnet nun die 
Eirche zun&chst libros ipsos mtegros cwm ommlms suis 
parUbus, die ganzen Bucher mit alien ihren Theilen. 
Der Ausdruck libros ipsos verbietet irgend eines der 
vorher genannten BfLcher als unkanonisch zu verwerfen, 
z. B. das Buch Baruch, um dessentwillen besondere Unter- 
handlungen auf dem Goncil gepfiogen worden waren '), oder 
die „str6erne Epistel St. Jakobi", wie Luther wollte. Die 
beiden andem Ausdrilcke mtegros und cum onmibus suis 
partUms declariren , wie weit dieses Verbot sich erstreckt : 
nicht bloss die betr. Btlcher in ihrer Totalitat, sondem auch 



1) Bemerkenswerth ist, dass die Aufz&hlung nach der damals 
noch neuen Anordnung, welche dem Griechischen eiitspricht, ge- 
schieht. Es war dies, abweichend von einem froheren Entschlusse, 
in der Generalcongregation beschlossen worden, Pa^v. VI, 14, 5, 
(p. 83). 

2) Palkw. VJ, 11, U. (p. 70). 



— 390 — 

jeder einzelne Bestandtheil derselben soil vor Ltognung 
geschlitzt wcrden Hier entsteht denn die Frage, wie 
weit der zweite Auedruck zu dehnen sei, und was 
alles als Theil eines biblischen Buches gelten 
konne. Da es slob nun in diesem Decrete um 
materielle V oUst&ndigkeit , nicbt um formelle Integri- 
t§,t der hi. Schrift bandelt, so muss unter omniAus suis 
partibus alles dasjenige veretanden werden, was zum 
Inhalt eines Buches gehOrt. Die raumliche Ausdehnung 
kann hierbei gar nicht in Betracht kommen; ganze Ab«^ 
schnitte sind in dem fraglichen Ausdrucke mit nicht 
grOsserem Bechte eingeschlossen , als es ein einziges 
Wort sein kann. Im Buche Daniel sind die deuterokano* 
nischen Sttlcke darunter begriffen; in den ETangelion 
gehort z. B. das einzige Wort est in hoc est carptis meuw 
zu den stlmmtlichen Theilen, die als kanonisch anerkannt 
werden mflssen. DemgemUss macht sich die Nothwen* 
digkeit filhlbar, einen Bestimmungsgrund zu haben, nach 
dem dasjenige, was zum Inhalte der biblischen Bdcher 
gehdrt, zu erkennen ist. Um diese Norm zu finden, 
wiirde die Wissenschaft kritische und geschichtliche Un- 
tersuchungen anstellen; die Kirche aber verf&hrt anders. 
Quod semper, quod ubique^ quod ah omnibus creditum 
est, hoc est cathoUeum; nach diesem Grundsatze sind 
solche Fragen kirchlicherseits immer entschieden worden. 
Der Grundsatz bedeutet im vorliegenden Falle, dass 
alles das als zur hi. Schrift gehdrig gelten muss, was 
in der Kirche jederzeit dahin gerechnet worden ist. 
Dies muss durch die kirchUche Praxis entschieden wer- 
den, und das Decret fahrt i»ii^x wvmvxmt^ Wei^ 

fort: prout m ecclesia catholka legi consueverunt. Bei 
dieser Clausel bedOrfen die Begriffe Ton prmt and consue" 



— 391 — 

verunt genauer Begranzung. Was zunslchst das letztere 
betrifft, so ist hierdurch die erforderliche Allgemeinhdt 
der betr. Prajds betont. Nicht, was aberhaupt einmal 
als zur hi. Schrift geh5rig in der Eirche gelesen worden 
ist, sondem nur dasjenige, was nach der gewdhnlichen 
o^er herrschenden Anschauung in der Eirche stets als 
Gottes Wort vorgetragen worden ist , das soil als kano- 
nisch gelten. Wenn femer der normative Charakter der 
kirchlichen Praxis durch praut eingeflihrt wird, so ist 
damit gesagt, dass die Trienter Versammlung tiber die 
Ansdehnung* dieser Praxis keine XJntersuchung anstellen 
und keine Bestimmung treffen will ; sie verweist vielmehr 
zar BegrHnzung dessen, was in der Kirche als zum In* 
halte geh()rig gelesen wird, auf ein ausseres, traditionelles 
Zeugniss. .Dies ist eben die Vulgata, und zwar quanti- 
tativ ihrem Inhalte nach: et (prout) m veteri vulgata lor 
Una editione hahentwr. Was in der alten lateinischen 
Yulgata steht, das ist immer in der Eirche gelesen 
worden, und das ist demnach als Bestandtheil der 
kanonischen und inspirirten biblischen Biicher anzusehen. 
Hierbei ftllt nun auf, dass das Concil als Norm etwas 
aufetellt , das zu damaliger Zeit jedenfalls , vielleicht aber 
auch zu alien Zeiten bis auf einen gewissen Grad 
schwankend und unsicher gewcsen ist. Zur Zeit des 
Condls war der Begriff Vulgata in seiner r&umlichen Aus- 
dehnung noch nicht T5Ilig umschrieben, und das damit 
Bezeidmete hatte viel mehr ein ideales, als ein reales 
Dasein. Die eigentliche Vulgata bestand damals in sehr 
vielen Gestalten, die, wenn auch nur unwesentlich , doch 
thatsftehlich yon einander abwichen; und ob dieser oder 
jener Bestandtheil, wie die Geschichte von der Ehe- 
. brecherin odes das c(mma Johanneum , von jeher zuir 



— 392 — 

Vulgata und zu den kirchlichen Lehrstiicken gehdrten, 
gerade das war ja zweifelhaft. Wenn trotzdem das 
. GoDcil nicht anders gehandelt hat, als es gethan, so 
ist dies ein Beweis von der hohen Weisheit, die es ge- 
leitet hat. Denn selbst bestimmen, was von jeher zur 
Vulgata geh^rt habe, hatte es' nicht ohne Wund^, 
nicht ohne specielle Offenbarung gekonnt. Die Eirche 
ist bei ihren Concilien, wie friiher dargelegt worden, 
darauf angewiesen, durch menschliche Kr&fte die Wahr- 
heit zu ergrfinden, und ist dabei des tLbernattirlicheli 
Beistandes des hi. Geistes und der Unfehlbarkeit yer- 
sichert. Allein dies trifft bloss diejenigen Gegenst&nde, 
die ein Object ihrer Lehrth&tigkeit bilden , und die sich 
aus der Schrift oder aus der Tradition ergrflnden lassen. 
Jene Frage aber, urn die es sich hier handelt, gehort 
auf das Gebiet der geschichtlichen Eritik und konnte 
als solche damals weder von einem Einzelnen, noch 
von einer Versammlung endgtiltig erledigt werden; dazu 
fehlten vorerst noch die Mittel, wie sie vielleicht immer 
fehlen werden. Hatte das Goncil dariiber entscheiden 
woUen, so hS,tte es auf ein Gebiet hinUberg^riffen, 
auf dem die Wissenschaft allein berechtigt ist, und auf 
dem auch von dieser noch lange keine Entscheidung zu 
erwarten steht. Die Eirche hat demnach auf der einen 
Seite eine untrtigliche und unwandelbare Bestisunung 
getroffen, wie sie den in jhr lebenden Grunds&tzen ent- 
spricbt; auf der andern Seite hat sie aber auch der 
Wissenschaft eine Frage offen gelassen, zu deren Be- 
sprechung dieselbe ein Becht hat. Praktisch hat also 
das fragliche Decret die Tragweite, dass alles da^enige 
in der Vulgata, an dessen stetem Vorhandensein nicht 
gezweifelt werden kann , als Bestandtheil der kanonischen 



\ 



— 393 — 

und inspirirten Biicher angesehen werden muss. Eann 
aber jemand mit Grund nachweisen, dass der eine oder 
andere, kleinere oder grossere Abschnitt nicht von je- 
her in der Vulgata recipirt war, so bezieht sich auf 
die Verwerfung desselben auch nicht das in dem Decrete 
aasgesprochene Anathema. Gar nicht in Betracht aber 
kommt bei demselben alles das, was bloss formeller 
Natur ist, und dessen Weglassung keine Verktirzung 
des Inhaltes* bedingt; hierzu gehSren namentlich alle 
diejenigen Ausdriicke und Wendungen in der Vulgata, 
welche bloss durch den Genius der lateinischen Sprache 
bedingt sind, und denen in den Urtexten nichts Identi- 
sches entspricht. 

Bemerkenswerth ist, dass der in Bede stehende 
Erlass von dem Charakt^ der Vulgata als einer Ueber- 
setzung keine Erwahnung thut; er nennt sie bloss edUio^ 
nicht versio. Der Unterschied zwischen einer ursprflng- 
lichen und einer secundaren Form kann da, wo es sich 
bloss um Erkenntniss des Inhaltes handelt, nicht in 
Betracht kommen; der Eirche ist also die Vulgata nuf 
eine von den vielen Gestaltungen , in denen das Schrift* 
wort vorliegt. Dass gerade diese, und keine andere, 
alS'Zeugniss der Tradition angerufen wird, ist theils 
durch die innere Geschichte der Eirche, theils durch 
die Zwecke des Goncils wohl begrfindet. Im ganzen 
Abendlande war seit tausend Jahren die bibhsche Offenbarung 
nur durch die Vulgata vermittelt worden; jetzt aber ban- 
delte es sich um Entscheidung einer Streitfrage, die ge- 
rade das Abendland bewegte. Ihre Entscheidung konnte 
nur auf Grund der in der Eirche geltenden Erkenntniss- 
quellen erfolgen. Was alles sich aus Vergleichung der 
Grundtexte und Uebersetzung ergeben mag, das geh5rt 



— 394 — 

auf das Qebiet wissenschafUicher Untersuchung , nicht 
kirchlicher Entscheidung. 

Den namlichen Standpunkt bewahrt die Eirche 
aueh in dem zweiten Erlasse. Das Object der ganzen 
Declaration ist hier Jtaec vetus ei vulgata ediiio^ welcher 
ein bestimmter, mit dem Wort ,,authentisch^^ bezeich- 
neter Charakter zuerkannt mrd. Urn die Bedentung 
dieser Maassregel zu ergrtinden, wird wieder die genaue 
Erwagung aller einzelnen Ausdrucke das sicherste Mittel 
bilden. 

Als Grundlag^ fiir das weitere Yerstandniss muss 
snierst die Betracfatung der Einleitungsformel dienen. 
Considerans ^ sagt die heilige Yersammlang, turn parum 
utilUaUs accedere posse ecelesiae Dei. Hiermit sind wir 
sogleich auf den Standpunkt einer aus gegebenen Ver* 
h&ltnissen erwachsenen Maassregel yersetzt. Die Rfick- 
sicht, um derentwillen Qlaubenssd,tze bestimmt jpirerden, 
ist eine andere : ut suhlatis &rrortims ptmkxs ipsa 
EvangelU m ecclesia canservetur^). Wenn also in dem 
vorliegenden Decrete yon der Form der biblischen Oflfen* 
barung die Rede sein soil, so diirfen wir nicht erwar* 
ten, die Kirche werde sich tiber den kritischen W^h 
Oder die Uebersetzungsweise der Vulgata oder tiber deren 
YerhSltniss zu den Grundtexten aussprechen. Dies alles 
kOnnte nur theoretisch oder wissensehaftlich yon Beden- 
tung sein; wir sehen aber einer YerfUgung entgegen, 
welche den praktischen Nutzen der Kirche zum Zwecke 
hat. Diesen Nutzen erwartet die Eirche dayon, si ex 
omnibus laHnis edOionibtis , quae droumferuntur, sacrorum 
librorum^ quaenam pro autheniica hahenda sit^ innotescat. 



1) Deer, de camm^ $eript, init 



— 895 — 

Die Ausdriicke sind hier wieder so gewilhlt, dass sich 
der Charakter der getroffenen Maassregel leicht erkennen 
l&sst. Es soil nicht eine bloss zeitweilige Verordnung 
getxoffen werden, die «twa zu einer andern Gelegenheit 
wieder aufgehoben werden kSnate; dies miisste dann 
angenojmuen werden, wenn das Condi etwas ganz Neues 
einftlhren woUte, das vorher nicht bestanden Mtte. 
Allein es ist mit jenem Decrete etwas Anderes beab- 
sichtigt: mnotescat sagt bloss, dass die Yersammlung den 
besproehenen Nutzen von der Bekanntwerdung einer 
schon bestebenden Thatsacbe erwartet. Diese 
Thatsache ist, dass ans den damals vorhandenen lateinischen 
Bibeltexten ein einziger als der authentische anzusehen 
war. Die Ueberzeugung von dieser Thatsache war zur 
Zeit des Concils durch die Menge der ttbrigen lateini- 
schen Texte verdunkelt worden; ein grosser Nutzen 
fQr die Eirche war folglich davon zu erwarten, dass 
durch die Erklarung des Concils jener n&mlichen That- 
sache eine neue, zweifellose Anerkennung verschafft 
wurde. Mit dieser einleitenden Erkl&rung ist zugleich 
das Object des ganzen Erlasses genau angegeben. Zu- 
nS^hst fasst die Kirche nur die vorhandenen lateinischen 
Uebersetzungen in's Auge. Wir nennen n^lich auf 
unserm Standpunkt Uebersetzung, was dem Concil 
e&iiio heisst. Denn der Unterschied zwischen Text und 
Uebersetzung kommt, wie schon gesagt, flir die 
Zwecke der Eirche im Allgemeinen nicht in Betracht. 
Das Concil hat nur daven Notiz genommen, 
dass die biblische Offenbarung in mehrfacher lateinischer 
Gestaltung vorlag. Als feststehend hat es angenommen, 
dass nur eine ein?ige davon die authentische sein konne, 
und diese ist, wie sich aus dem Folgenden ergibt, die 



— 396 — 

Yulgata. Hier drangt sich vorab die Frage auf, warum 
denn bloss von den IcUinis editionibm , nicht von den 
Grundtexten, den Targums, der Peschittho, der Septuaginta 
die Rede ist,' warum also die Yulgata bloss mit 
jenen, nicht auch mit diesen verglichen wird. Die 
Antwort ist schon im Voraus gegeben: das Cioncil er- 
w&gt bloss, woraus der Kirche Nutzeh erwachsen k5nne. 
Eine Yergleichung der Yulgata aber mit den biblischen 
Grundtexten und tlbrigen Uebersetzungen , oder ein Ur- 
theil tlber die nichtlateinisGhen edUianes wftre ohne 
Nutzen, weil alle diese Texte zu dem Zwecke, den die 
Kirche im Auge hat, durchaus nicht verwendet werden. 
Dieser Zweck ist eben der, welcher das ganze Condi 
nach Trient gefOhrt hat: es ist die Ermittelung und 
Festsetzung des katholischen Lehrbegriffes , sowohl hin- 
sichtlich des Glaubens, als der Sitten, und zwar wegen 
einer im Abendlande entstandenen Spaltung. Die aus 
dieser Spaltung erwachsenden Erorterungen erforderten 
die Anerkennung eines authentischen Bibeltextes, nicht 
bloss weil best&ndig auf die Bibel als auf eine der 
Glaubensquellen recurrirt werden muss, sondem vor 
Allem auch, weil bei den Streitigkeiten im Abendlande 
die Auslegung der Bibel eine ganz besonders wichtige 
Rolle spielte. Es gab nun im Abendlande nur einen 
einzigen authentischen Text, n&nlich die lateinische 
Yulgata. Im Morgenlande bestanden daneben ein authen* 
tischer syrischer, armenischer und griechischer Text; 
liber diese alle hatte das Concil keine Yeranlassung, sich 
auszusprechen , weil ihre Authentidt&t^) weder in Frage ge- 

1) Das Bchwerf&Uige Wort muss beibehalten werdep, weil der 
Ausdruck „Authentie" nach dem bestehenden Spracbgebrauch etwas 
Anderes bezeichnet. 



— 397 — 

Stent war, noch iiberhaupt zu den vorliegenden Fragen 
in Beziehung stand. Noch weniger war dies in Bezug 
auf den hebrSiskhen Text des A. T. der Fall; denn 
dieser gait im* christlichen Morgenlande so wenig, als 
im Abendlande, Mr authentisch. Dagegen lag die 
Nothwendigkeit , sich fiber den lateinischen Text 
auszusprechen , urn so n^her, weil die lateinische 
Sprache die Bedeutung eines allgemeiuen Verstandigungs- 
mittels bei alien kirchlichen und wissenschaftlichen Er- 
drterungen besass und nach Absicht des Concils auch 
fQrderhin besitzen soUte. Eine andere Frage wfire ge- . 
wesen, ob nicht den Forderungen der Zeit gegentiber 
der griechische und der hebraische Originaltext oder 
auch Bibeltibersetzungen in neuern Sprachen ffir die 
Zukunft als authentisch erkl^rt werden soUten. Die 
Reformatoren der damaligen Zeit forderten dies ja mit 
grossem Nachdruck und suchten desswegen auch die 
Authentie der Vulgata zu bestreiten. Wirklich wurde 
auf dem Concil dariiber verhandelt, ob nicht der hebraische 
Oder griechische Text, und zwar dann in einer bestimm- 
ten Recension, als authentisch erklart werden solle Ein 
besonders eifriges Mitglied der Versammlung schlug so- 
gar vor, auch in neuern Sprachen einen bestinmiten 
Text als authentisch zu erkiaren'). Dass dies nicht ge- 
schah, lag zunachst im Wesen der Kirche selbst; denn 
die Beschlussnahme iiber diesen Gegenstand hatte, statt 
auf die Ennittelung einer bestehenden Tradition, vielmehr 
auf wissenschaftliche Erorterung sich sttitzen mtissen. 
Noch mehr aber sprach gegen einen solchen Beschluss 
die Bedeutung der Authenticitat. 



1) Pallav. VI, 15, 2 (p, 85,) 



— 398 — 

Hier fordert denmach der Fortschritt der Darlegung 
eiue genaue Entwicklung des Begriffes, der mit authen- 
tici€$ bezeichnet wird. Da das Wort aus dem Griechi- 
schen stammt, muss mit dem griechischen Sprachgebrauche 
begomien werden. Hier ist die Bedeutung des Adjectivs 
av^tvztttoq aus der des Nomens avBivrri^ und des da- 
mit zusammenhangenden Yerbums audevrsG.) zu entwickeln. 
Die gewdhnliche Etymologie, welche die Lexicographen 
fur jenes geben, namlich dass es statt axjvo — evTrj^ stehe 
uud denjenigen bedeute, weleher mit eigener Hand (sich 
Oder einen Andern) tddte, genfigt nicht; denn wemi diese 
Bedeutung auch z. B. Weish. XII, 6 vorhanden zu sein 
scheint, so reicht sie dgch zur Deutung der dbrigen 
Anwendungen des Wortes. nicht aus, und man muss vor 
der Hand auf eine etymologische Erkl&rung verzichten. Oe- 
sichert aber ist die Bedeutung des Wortes durch den 
Sprachgebrauch dahin, dass es soviel als unser „miinr 
dig^^, Oder „selbstandig^^ heisst. Erweitert ist seine Bedeu- 
tung „unumschranktt selbstherrschend^S in schlimmer An- 
wendung „eigenm^chtig^^ oder „gewaltth&tig.'^4 avSsvreu 
hat dem entsprechend die Bedeutung „in eigenem Na- 
men handeln^)'' oder ,.eigenmllchtig fiber etwas verfa^ 
gen ^y^ AudEVTia endlich ist „Selbstandigkeit, Recht, VoU- 
gewalt^S ganz wie das lateinische audoritas^). Das Ad- 
jectiv aOdEvrt)cd^ nun hat, seiner Ableitung gemass, die 



1) Basil. Epist 52 ad Athan. p, 825: ifd^m V^v aurdv audfyrij- 

9at ircp{ TO np&y/jLCt. Suic. Epiphan. I. p. 801 A, &»$ toO u{oO toc Tt&vra, 
7roto0vTo$ xa2 aud'svToOyro;. 

2) 1 Tim. II, 12 StSdiuxtiv Si yovoLml oux imrpinta ou^i ocud<vTeiv 
kvSp6i, neqite dominari in virum, 

3) Dem entsprechend ist auch Weish. XII, 6 oLxi^hx^i^ in der 
Itdla mit avLCtor Ubersetzt. 



— 899 — 

den obigen Begriffen entsprechende objective Bedeutung, 
insofeme es nur von Sachen gebraucht wird, die von 
einem avSivzng herriihren oder Ausfluss der aySevtia 
sind; also „rechtsg(iltig , zuverlassig, verbtirgt." Diese 
Bedeutung bringt es mit sich, dass der Grund zu der 
betreflfenden Qualitat nicht ein innerer, sondern ein Hus- 
serer ist: er liegt nicht in einer dem Gegenstand in- 
harirenden Beschaffenheit , sondern in einer Anerkennung 
von Aussen. Als Subject dieser ausseren Anerkennung 
gilt gewohnlich das Gesetz oder die burgerliche Ordnung, 
und in der hiermit limitirten Bedeutung ist das Wort in 
den lateinischen Sprachgebrauch Ubergegangen. Hier heisst 
authenticus alles das, was von einem berechtigten Urhe- 
ber herkommt. Speciell ist im Lateinischen die Anwen- 
dung auf Schriften, so dass statt des Adjectivums ge- 
wfthnlich die Substantiva autkentica sc. littera oder mdlifn- 
ticum sciL instrumentum erscheinen. Die Vollinacht des 
berechtigten Urhebers kann nun ebensowohl die Urschrift, 
ais in Ermangelung derselben die Abschrift und die 
Uebersetzung tragen; ftir jede der drei Arten ist glei- 
cherweise, damit sie verbtirgt oder rechtskr&ftig werde, 
die Anerkennung der zusttindigen Behorde nothwendig. 
So heisst demnach anthentkum bei den Juristen die 
Urschrift, das Original^), den Abschriften entgegengesetzt; 
kann aber die Urschrift aus irgend einer Unm5glichkeit 
nicht producirt werden, so wird die Copie unter den 
vom Gesetze bestimmten Bedinguugen als atUhentica aner* 
kannt. Eine der gewohnlichst vorkommenden Unm5glich- 



1) Fatd. Dig. Lib. XXIL Tit. 4. I. 2: Quicungue a fisco con* 
venitur, non ex indice et exemplo cUicmus scripturae, eed ex (HUheri' 
tico canveniendtts esV 



— 400 — 

keiten, von denen hier die Rede ist, besteht darin, dass 
die Sprache des Originals dem einen Theil oder dem 
Richter nicht verst&ndlich ist; in diesem Falle ist dann 
eine Uebersetzung die authentica. Daher stammt es, dass 
der Begriff autheiitisch sehr oft mit dem der Ueber- 
setzung in Verbindung kommt; keineswegs aber ist, wie 
oft gedacht wird, die Authenticitat eine speciflsche und 
nur bei Uebersetzungen vorkonunende QuaIitS.t. Jene 
Anschauung des r5misehen Rechtes ist, wie manche andere, 
in den kirchlichen Sprachgebrauch tibergegangen und fin- 
det sich speciell auf die hi. Schrift und die biblische 
Offenbarung angewendet. Den Inhalt der Schrift bilden 
Offenbarungen, welche von der hochsten Auctoritat, dem 
allmachtigen Gott, ausgehen. Sollen dieselben fiir den 
Menschen auf Erden maassgebend sein, so muss die schrift- 
liche Form, in welcher sie sich darstellen, von der da- 
zu competenten Behdrde, namlich der Eirche, als zuver- 
lassig und verbUrgt anerkannt werden. Demnach sind 
libri authentiei alle diejenigen Biicher, welche als docu- 
mentirte Form der gfittlichen Ofifenbarung gelten, oder 
nach unserer Art zu reden, kanonische Schriften^). Ihnen 
stehen die Apokryphen gegentiber, namlich solche Ur- 
kunden und Offenbarungen, die von der Eirche nicht als 
von Gott herstammend anerkannt wetden. Nun aber tritt 
bei der hi. Schrift der Fall ein, dass keine der betref- 
fenden Urkunden in der Urschrift, die aus der Hand 
des inspirirten Verfassers hervorgegangen ist, producirt 
werden kann; es mussen zum Ersatze dafiir Copien und 
Uebersetzungen hingenonmien werden, und zwar letztere 
besonders, weil die Sprache der Urschriften bei den Ver- 



1) S. Hier, Ep, ad Pammachium I, p. 316, 



— 401 — 

handlungen, welche die Kirche auf Grand der biblischen 
Urkunden fiihrt, nicht allgemein verstandlich ist. Wie nun 
der weltliche Bichter sich bei einem Rechtsgeschaft nicht 
mit jeder Copie oder Uebersetzung begniigt, sondem erst 
untersucht, ob das dargebotene Schriftsttick die vom 
Gesetze ad hoc gestellten Bedingungen erfiillt, so kann 
auch die Kirche bei ihrer Wirksamkeit die biblischen 
Schriften nur in solcher Form zulassen, welche den von 
ihr zu stellendeu Forderungen Geniige leisten; im einen 
wie im andem Falle aber ist es die aussere Anerken- 
nung der Urkunde, nicht deren innerer Werth, wodurch 
sie zu ihrer jedesmaligen Bestimmung tauglich wird. 
Ist sie anerkannt, so ist sie authentisch, d. h. sie ist 
ein vollgiiltiger Ausdruck von der Willensmeinung ihres 
auctbr primarius. Welche Bedingungen nun die Kirche 
zur Anerkennung der Gultigkeit einer biblischen Urkunde 
fordert, gehOrt einstweilen nicht hierher; fiir jetzt aber 
ist schon klar, in welchem Sinne die Kirche einen prak- 
tischen Nutzen erwartet, si ex omnibus latinis editionir 
bus, quae circumferuntur sacrorum lihrorum, quaenam 
pro atdhentica hahenda sit^ innotescat Das Lateinische 
ist namlich die Y erkehrssprache , in welcher aUe kirch- 
lichen Verhandlungen ohne Ausnahme geftihrt werden. 
Bei weltlichen Yerhandlungea muss der Bichter inmier 
authentische Urkunden in der Sprache fordem, in wel- 
cher die Gerichtsverhandlung geschieht; lage auch die 
erste Urschrift mit alien Kennzeichen der Aechtheit 
vor, ware aber in einer anderen Sprache abgefasst, 
so miisste der Bichter zu seinen Zwecken erst eine 
authentische Uebersetzung fordern, und er wurde keiner 
Partei die lYeiheit zugestehen, das betreflfende Schrift- 
sttick nach ihrem Gewissen und Vermogen zu interpre- 

Kaulen, Oeschichte dez Yolgata. 26 



" — 402 — 

tiren. Ebenso ist es in der Kirche. Von den bibMschen 
Offenbarungen muss es lateinische Uebersetzungen geben, 
well dies die Kirchensprache ist; die Kirche kann aber 
fto ihre Zwecke niemandem das Recht lassen, eine be- 
liebige lateinische Uebersetzung zu produciren, sondern 
sie muss daftir eine authentische Uebersetzung fordam. 
Wenn nun endlich der Bichter bei seinen Yerhandlungen 
auf Urkunden zurilckgreifen muss, welche nicht bloss 
einmal fur einen speciellen Fail, sondern welche oft und 
allgemein zur Geltung kommen, also auf die Bechtsquel- 
len, so gereicht es alien Betreffenden zum Nutzen, dass 
ein fiir allemal feststeht, welche Copien oder Urkunden 
als authentisch angesehen werden; damach kann man- 
niglich sich richten und Irrthtlmer oder EnttSuschungen 
venneiden. Ebenso hat die Kirche, wie unser Decret sagt, 
mit Becht es fiir sehr niitzlich erachtet, eine lateinische 
Uebersetzung der hi. Schrift als die authentische zu er- 
kl&ren, d. h. durch ihre ausdriickliche Declaration es 
allgemein bekannt zu geben, welches die als authentisch 
anerkannte lateinische Uebersetzung sei. Es ware doch 
gar zu. sonderbar gewesen, wenn die Kirche im Abend- 
lande nach mehr als tausendjahrigen Yerhandlungen, die 
sie auf Grund der biblischen Urkunden gefiihrt, noch 
keinen authentischen lateinischen Text dieser Urkunden 
besessen h&tte. Yon dem Yorhandensein eines solchen 
war auch bis zum sechszehnten Jahrhundert die ganze 
abendlSndiscbe Kirchengemeinschaft tiberzeugt; erst zu 
Anfang dieses Jahrhunderts war die Meinung aufgetaucht, 
die Sache liege anders, und dem gegenUber war die 
Kirche veranlasst, die besprochene Erklarung zu geben. 
C^enbar konnte auch niemand anders diese Erklltrung 



— 403 — 

geben, als sie selbst, well ja in Ihrer Anerkennung der 
Charakter der AuthenticitUt bestand. 

Somit ist klar, dass die Eirche die iibrigen Formen 
der biblischen Schriflen, wie die alte hebraische, chal- 
daische, griechische, syrische oder die neu entstandene 
deutsche, franz5sische , fl&mische, aus doppeltem Grunde 
nicht als authentiscb bezeichnen konnte. Erstens konnte 
sie nicht ein Factum anerkennen, wo keines bestand: 
im Abendlande hatte keiner der genannten Texte authen- 
tische Geltnng. Zweitens konnte sie de jure dieselben 
nicht fiir die Zukunft als authentiscb declariren. Einer- 
seits konnte sie den Nutzen, den sie im Augo hatte, 
yon keiner andem, als einer lateinischen Bibeltibersetzung 
erwarten. Andererseits fehlten fOr die nichtlateinischen 
Texte der hi. Schrift jene traditionellen Zeugnisse, um 
deren willen eine derselben aueh fiir das Abendiand 
hatte als authentiscb promulgirt werden k5nnen. Diese 
Zeugnisse h&tten vielleicbt ersetzt werden k6nnen durdi 
die Qewissheit von der absoluten Integritiit der betreffen- 
den Texte; allein fdr diese Gewissheit fehlten damals 
ebenso die Eriterien, wie sie jetzt fehlen und immer 
fehlen werden. In dieser Hinsicht erhlilt die Entschei* 
dung ihre Rechtfertigung durch alles dasjenige, was oben 
S. 68 — 85 vorgebracht worden ist. Wenn nun hieraus 
folgt) dass alle jene Gestaltungen der biblischen Urkunden 
for die Zwecke der Eirche nicht zur Anwendung kora* 
men, so folgt aber auch sonst durchaue niohts fiir die- 
selben daraus; es Iftsst sich nur sagen, dass die Eirche 
iiber sie absolutes Stillschweigen beobachtet und jede in 
dem Bechte lasst, welches sie besitzen mag. 

Wie aber kam denn die Eirche dazu, die Verkiin- 
digung einer schon bestehenden Wahrheit als so sehr 

26* 



— 404 — 

ntltzlich zxL erachten? Die Antwort ist leicht. Kirchliche 
Declarationen erfolgen immer, wenn die betreflfenden Wahr- 
heiten durch die entgegenstehenden Irrthfimer bekampft 
werden. Im vorliegenden Falle hatte sich der Wahrheit 
von dem authentischen Charakter der Vugata ein Irr- 
thiun fiber das Wesen der Authenticitat entgegengestellt. 
Mit den Frincipien namlich, welche die Reformation auf- 
gestellt hatte, fand die Meinung Eingang, der authen- 
tische Charakter biblischer Urkunden beruhe nicht auf 
der Anerkennung der Kirche, sondem auf innem Eigen- 
schaften der Schriftwerke selbst; bei Uebersetzungen ins- 
besondere sollte er durch deren Uebereinstimmung mit 
den hebraischen und griechischen Originaltexten bedingt 
sein. Dieser Irrthum ging aus dem andem hervor, wo- 
nach es der Wissenschaft, statt der Eirche, freistehen 
kSnne, fiber die Tauglichkeit und Geeignetheit der ein- 
zelnen Bibelformen zu den h5chsten Zwecken des Men- 
schen zu bestimmen. Beiden Irrthfimem begegnet das 
Goncil mit dem vorliegenden Beschlusse nicht formell, 
sondem factisch. Das Becht, in dieser Sache zu ermes- 
sen und zu urtheilen, nimmt es fur sich in Anspruch, 
indem es fortfahrt: statuit et declarat. Das Goncil be- 
schliesst und erklart, d. h. es macht in seinem Schoosse 
sich einig und macht nach Aussen zur Nachachtung 
bekannt, welche lateinische Ausgabe der hi. Schrift 
als authentisch anzusehen sein soil. Der Grund zu 
der Declaration ist die im eigenen Schoosse ruhende 
Machtvollkommenheit; damit ist die Gompetenz jeder 
andem Auctoritat in der fraglichen Angelegenheit ab- 
gewiesen. Die Entscheidung fallt auf haec vetus et 
vulgata editio^ namlich auf die sogenannte Vulgata: weil 
diese und nur diese die Merkmale der Authenticitat an 



— 405 — 

sich tragt, darum will die Eirche dieselbe auch an ihr 
anerkannt wissen, pro authenfica habeatur. Der Aus- 
druck besagt hier zweierlei: erstens, dass die Authenti- 
cit&t der Yulgata gesichert sein soil, und zweitens, dass 
hiermit in einer bestehenden Uebung fartgefahren wird: 
die Yulgata soil fur authentisch gehalten und als authen- 
tisch behalten werden. 

Warum aber erkennt das Concil der Vulgata die 
Merkmale der Authenticitat zu? Der Grund hierfflr ist 
in dem Zusatz quae longo tot saeculorum usu in ipsa 
etodesia probata est ausgesprochen, und es wird damit 
auch dem weitem Irrthum entgegengetreten, der fiir die 
Authenticitat andere Erkenntnissgriinde statuirt. Die Kirche 
entscheidet bei ihren Declarationen entweder nach der 
hi. Schrift oder nach der Tradition. Ueber den vor- 
liegenden Gegenstand gibt die Schrift kein Zeugniss ab, 
und derselbe kann einzig auf das Zeugniss der Tradi- 
tion hin erledigt werden. Gerade dieses aber hat die 
Vulgata fiir sich aufzuweisen; sie ist durch den langen 
Gebrauch wahrend so vieler Jahrhunderte in der Kirche 
erprobt, und sie hat diese Probe bestanden. Es ver- 
steht sich von selbst, welche Probe hier gemeint ist, 
namlich die , ob sie in Allem den von der Eirche an 
eine Quelle der biblischen Ofifenbarung zu stellenden An- 
forderungen entspreche. Dies kann ohne stilistische 
Schonheit, ohne w5rtliche Uebereinstimmung mit den 
tibrigen Texten, selbst ohne kritische Integritat der Fall 
sein; ein Hinderniss wiirde bloss dann da sein, wenn 
die Vulgata den Inhalt der biblischen Ofifenbarung ir- 
gendwie beeintrachtigt enthielte. Die Eirche braucht 
also, urn die Vulgata zu ihren Zwecken verwenden zu 
konnen, bloss die Gewissheit, dass ihre Form, quantitativ 



— 406 — 

u&d qualitatiy genoBounen, der vollkommene Ausdnick der 
durch die hi. Schrift bewirkten Offenbarung ist. Eine 
solche Gewissheit nun varlangt sie durch Zeugnisse, die 
Yor ihrem Forum Geltung haben, nicht durch irgend 
weldie anderweitige Ueberzeugungsgrilnde. Wie der welt- 
liehe Bicfater, urn die Rechtebest&ndigkeit einer Urkunde 
anzuerkennen, nicht sowohl auf Papier und Schriftzfige, 
als vidmehr auf die Unterschrift und das Siegel der 
legalisirenden Beh5rde sieht, so hat sich auch das Con- 
di bei seinem Urtheile iliber die Vulgata nicht nach 
grammatischen , philologischen und kritischen Gninden, 
nicht nach deren Uebersetzungstreue , nicht nach ihrer 
stilistischen Beschaffenheit , nicht nach ihrem Sprachcha- 
rakter umgesehen, sondem einzig nach der Stellung, die; 
sie in dem Leben der Eirche eingenommen hat; und 
da sich nun herausst^llt^ dass sie eine lange Beihe von 
Jahrhunderten hindurch immer als rechtskr&ftiger Aus- 
dnick der Schriftlehren gegolten hat, so hat das Concil 
nidbit anders gekonnt, als deren Authenticitat als be- 
stehend zu proclamir^: denn quod semper, quod uUque, 
quad ah omnibus creditum est, hoc est c&iholicum. £s ist 
wahr, dass jene aUgemeine Anerkennung, welche die 
Authenticitat bedingt, auch manche in der Vulgata selbst 
liegende Griinde zur Voraussetzung hat; allein maassge- 
bender Grund fiir das Concil ist blpss die Gewissheit, 
dass die Vulgata immer als voUstandiger und richtiger 
Ausdruck der biblischen Offenbarung gegolten hat. Hier- 
mit kommen wir ferner zu der Frage, wie weit denn 
die Authenticitat der Vulgata ausgedehnt werden muss. 
Das Decret deutet dies im Voraus schon an, wenn es 
von der Erprobung m ipsa ecdesia spricht. Im Schoosse 
dar Etrche wird niemals nach wissenschaftlichen, sprach* 



— 407 — 

lichen, historischen DiDgen geforscht, sondern bloss nach 
der geoffenbarten Wahrheit imd dem WiUen Gottes. Wie 
demnach durch diesen Zusatz die jahrhund^rtelange Er- 
probung der Vulgata auf deren Verwendang beim kirch- 
lichen Lehramte beschrankt wird, so hat auch im Yer- 
lanfe des Decrets das Goncil die Authentieitat der Vul- 
gata auf d^jenigen Gebrauch beschrankt, der zu kirch- 
lichen Zwecken von derselben gemacht wird. Die Vul- 
gata soil als authentisch anerkannt bleiben in publids 
leetionibus, disputcUionibus^ praedicatianibus et expositiani- 
bus. Die letztem vier Ausdrtlcke bezeichnen die Yer- 
schiedenen Arten, auf welche die kirchlidie Lehre in 
der Eirche erortert und begriindet wird. Sie sind ver- 
muthlich von dem Verfahren, welches auf dem ConcH 
selbst eingehalten wurde, hergenommen; war doch das 
ganze Decret gewissermassen das Fundament f(ir die 
sp&tem Verhandlungen der Versanmilung , und kam es 
doch bei diesen zuerst zu seiner rechtskraftigen Anwen- 
dung. In welcher Form aber auch die Wahrheiten des 
Heils mSgen behandelt werden, so ist fiir die Anwendung 
unseres Decrets der Hauptnadidruck auf das Wort publi- 
ds zu legen. Fiir alle diej^gen Erorterungen« des 
christlichen Lehrbegriffs , welche einen offentUchen Cha- 
rakter haben, d. h. welche im Namen der Eirche ge- 
jschehen, soil die Vulgata als die authentisdie Form der 
biblischen Offenbarung gelten. Hier hat also die Eirdie 
mit bewunderungswtirdiger Weisheit sich eine Schranke 
gezogen, welche jeder andern die hi. Schrift foehandeln- 
den Auctoritat das voUste Recht sichert. Denn im Na- 
men der Kirche kQimen keine andern Erorterungen ge- 
pflogen werden, als die sich auf den Glauben und die 
Sitten des Christen beziehen; ftir solche allein ist die 



— 408 — 

Vulgata die authentische Form der biblischen Ofifen- 
barung. Es liegt hierbei der Gedanke zu Grunde, dass 
die bezeichneten Verhandlungen ohne Recurs auf die 
hi. Schrift nicht stattfinden konnen. Ein grosses Hin- 
demiss aber ware bei denselben, wenn man sich erst 
liber den Inhalt der hi. Schrift selbst einigen miisste; 
desswegen erachtet die Kirche es ftir sehr ntitzlich (non 
parum utilUatis posse existere ecclesiae DeiJ^ wenn hiertiber 
vorerst der Streit unmoglich gemacht werde. Auf jede 
andere Beschaftigung mit der hi. Schrift aber nimmt die 
Kirche in diesem Decrete keine Rticksicht. ErSrterungen 
iiber Geschichte, Geographie, Grammatik kOnnen niemals 
puUice im Namen der Kirche geschehen ; bei denselben 
ist es daher unbenommen, sich der hebraischen, griechi7 
schen u. a. Texte von der hi. Schrift als Quellen oder 
Beweismittel zu bedienen. In solchen Stticken bleibt es 
auch der Wissenschaft unbenommen zu zeigen, dass die- 
ser Oder jener Text viel zuverlassiger sei, als der Vul- 
gatatext. Ebenso ist die Erbauung des Einzelnen nichts, 
was im Namen der Kirche oder Sflfentlich getibt wird; 
so erwachst auch bei dieser dem Gebrauche jedes belie- 
bigen biblischen Textes von Seiten unseres Decretes kein 
Hinderniss *). Ferner kann bei Behandlung der Christ- 
lichen Glaubens- und Sittenlehre eine andere Form der 
Schriftoffenbarung , als die Vulgata, gebraucht werden, 
sobald diese Behandlung keinen offentlichen*, lehrhaften 
Charakter hat; dies ist gewiss in vielen Schriftwerken der 
Fall. Endlich steht es auch bei der offentlichen, im 



1) Daher recnrriren auch die hedeutendsten Asceten nachtriden- 
tinischer Zeit gar nicht seiten auf den hebr&ischen und griechischen 
Text 5 s. z. B. Oeuvres de S. Frangois de Sc^es ed, Lyon 1861, 1, p, 317* 



— 409 — 

Namen der Kirche geilbten Verwaltung des kirchlichen 
Lehramtes frei, jede andere Form der Bibel, als die 
Vulgata, zu gebrauchen; nur haben dann die auf solche 
Weise erbrachten Beweise und Begrflndungen keinen an- 
dem Werth, als den eines menschlichen Beweismit- 
tels; was bloss auf solche Weise ermittelt wird, ist aus 
der Glaubensquelle der hi. Schrift nicht nach kirchlicher 
Lehre, sondem nach wissenschaftlicher Anschauung herge- 
leitet. Letzteres findet besonders bei ErSrterungen iiber die 
Glaubenswahrheiten mit Nichtkatholiken statt, bei denen 
die Auctoritat der Kirche nicht angerufen werden kann; 
diesen gegeniiber hat ja auch die Vulgata bloss wissen- 
schaftliche, nicht oflScielle Bedeutung. Hiermit ist dem- 
nach der Freiheit des Einzelnen beim Gebrauche der hi. 
Schrift jedel* nur wiinschenswerthe Spielraum gewahrt. 
Gleichwohl lasst* sich nicht laugnen, dass eben dadurch 
auch der Vulgata vor alien andern Bibelformen ein 
grosser Vorzug eingeraumt worden ist. Denn jeder, der 
das kirchliche Lehramt wahrzunehmen hat, darf nun 
nicht bloss, sondern muss die Vulgata gebrauchen, 
so oft er die Schriftwahrheiten als Glaubensquelle zu 
produciren nSthig hat*). Nur die Vulgata kann ohne Gefahr 
materiellen Irrthums bei alien lehrhaften Erorterungen 
innerhalb der Kirche gebraucht werden*). 



1) Wenn dies nach einem schon angeftihrten Ausspruche (s. ob. 
S. 4) heisst, dass die Vulgata die Bibel des Dogmatikers sei, so 
gilt es nur filr den Fall, dass letzterer die kirchliche Lehre ohne 
alio eigene Speculation darlegen will. 

2) Gehoren die exegetischen Vorlesungen an unseren Universi- 
tSLten zu den pvblicis lectionibus, von denen das Concil spricht? 
Bei der yolligen Verschiedenheit des damaligen von dem heutigen 
Stadiengange hann man diese Frage weder bejahen, noch vemeinen. 



— 410 — 

Das Decret schliesst, indem es die positive Erkla- 
ruDg in negativer Form wiederholt. Allein auch diese 
Hinzufiigung bringt ein neues Moment in die ganze 
Sache hinein, das zar Erkenntniss des kirchlicben Stand- 
punktes von grosser Wichtigkeit ist. Die Kirche ver- 
bietet schliesslich, ut nemo earn rmcere quovis praetextu 
audeat vel praesumat. Es soil weder aus Leicbtsinn (au- 
deat), noch auf Griinde hin (praesumcU) jemand die Yul- 
gata als nicht authentisch zuruckweisen. Das Wichtiigste 
bei dieser Yerwehrung ist der Zusammenhang, in dem 
sie mit dem Yorhergehenden steht. Es scheint aus in- 
nem Grunden, so wenig positive Anzeichen auch dafiir 
da sind, doch selbstverstandlich, dass dieser Zusatz unter 
denselben Bedingungen und Einschrankungen statuirt 
wird, wie audi die Aathenticit9.t der Yulgata^dedarirt ist; 
ware er allgemein zu verstehen, so wILren ja die ange- 
fuhrten Beschrankungen wirkangslos. Es kommt dann 
weiter zur Frage, was quovis praetextu heisst. Man 
konnte ja ebensowohl d^iken, es bedeute „mcht unter 
jedem beliebigen Yorwand^^ als auch, es heisse „unter 
keinem Yorwand, welcher Art er sei." Im ersten Falle 
wtirde bloss die Leichtfertigkeit oder Yoreiligkeit bei 



Allein weim sie dazu gehorten, so wfirde daraus doch aichi folgea, 
dass in diesen Vorlesungen der Vulgatatext zu Grunde gelegt wer- 
den, sondern bloss, dass er bei denselben als authentisch anerkannt 
werden muss. Der akademische Lehrer will ja bei exegetischen Vor- 
lesungen nicht bloss darlegen, was die Kirche als biblische Offen- 
barung anerkennt, sondern auch, was nach seiner elgenen Ueber- 
zeugung biblische Lehre ist Zu jenem dient die Yulgaita, zu die- 
sem bietet sich der Grundtext als ebenso berecktigt dar, die Ent- 
scheidung wird daher auf anderweitigon, z. B. padagogischen GrOiir 
den beruhen. 



— 411 ^ 

Verwerfung der Vulgata verboten, womit dann ein be- 
sonnener Zweifel noch erlaubt scheinen konnte; im an- 
dern Falle aber w&re jede ZurUckweiBttng der Vulgata 
absdut tinerlaubt. So sonderbar die erstere Annahme 
auch scbeint, so hat es doch verstandige Manner gege- 
ben, die sie fiir zul&ssig gehalten haben^); allein es ist 
leicht einzusehen, dass dies nicht die Meinung der Eirche 
ist. Unter keinem Vorwande darf die Vulgata bei offi- 
cieUen lehrhaften Erorterungen Kurtlckgewiesen werden. 
Soweit liegt in diesem Zusatze eigentlich nichts Neues; 
allein es ergeben sich doch aus demselbeh wichtige Gon- 
sequenzen uber das Verhaltniss zwiscben der Vulgata 
und den Originaltexten, der Bibel. Es ist ja auch der 
Pratext abgeschnitten, dass die Vulgata nicht mit voll- 
k(Mnmener Treue den urspriinglichen Sinn der hi. Schrift 
wiedergebe; und doch ist es wissenschaftliches Resultat, 
dass die Vulgata an viden einzelnen Stellen mit den 
OriginaJien nicht ubereinstimmt '). Ob . dieses Ergebniss 
begrUndet ist oder nicht, braucht bei der vorliegenden 
Frage gar nicht untersucht zu werden. Sicher ist, dass 
an vielen Stellen Verschiedenheiten zwischen der Vul- 
gata und deren Originalien bestehen, und hier ist es 
ebenso moglich, dass die Vulgata eine unrichtige Ueber- 
setzung enthalte, als dass die jetzigen Originaltexte von 
ihrer urspriinglichen Gestalt abgewichen sind. Ob das 



1) Dv^ notanda sunt: 1) Quod, quaenam vulgata sit, Triden- 
tinum non satis determinavit, 2) quod Tridentinum non quo vis 
praetextu earn reiicere praesumendum esse dixerit, adeoque ex 
manifestis et gravibus rationihus ah ea recedere licere non nega^ 
verit, Wittmann, Principia cath, de 8. Script. Eatisb, 1793. bei 
van Ess, pragm. krlt. Gesch. S. 257. 

2) Ygl. oben S. 173 ff. 



— 412 — 

Eine oder das Andere der Fall sei, ist auf dem Con- 
cilium gar-nicht imtersucht worden. Die Kirche hat viel- 
mehr einfach sich iiberzeugt, dass die Vulgata von jeher 
als unzweifelhafter Ausdruck der biblisehen Offenbarung 
anerkannt gewesen ist und hat auf das traditionelle 
Zeugniss hin dieser Anerkennung eine neue Sanction ge- 
geben; das Verhaltniss zwischen Vulgata und Urtexten 
brauchte dabei gar nicht erortert zu werden. Es kann 
folglich auch aus der QualitS^t der AuthenticitS^t auf die son- 
stige Beschaflfenheit der Vulgata direct nicht viel gefol- 
g€^t werden. Ob die Vulgata die treuste, die richtigste, 
die flfissigste Uebersetzung ist u. dgl., das alles ist Ge- 
genstand anderweitiger wissenscbaftlicher Untersuchung. 
Ein gewisses Maass von Eigenschaften iS^sst sich nur 
indirect ffir die Vulgata aus jenem Decrete postuliren, 
namlich diejenigen, ohne welche schlechthin keine Ueber- 
setzung authentisch werden kann. Ein solcher wesent- 
licher Mangel bestande z. B. in der absoluten Unrichtigkeit 
einer Uebersetzung bei wichtigen Stellen. Verstiesse also 
die Vulgata irgendwo gegen eine geoffenbarte Lehre, so 
hatte sie nicht allgemein authentisch werden k5nnen. 
Die Erklarung der Authenticitat sagt folglich, dass die Vul- 
gata nirgendwo gegen Glauben und Sitten verstOsst, und 
dass sie weder den Originalien, noch sich selbst irgend- 
wo widerspricht. Sonst aber lasst sich denken, dass 
eine andere Uebersetzung viel treuer, viel flussiger, viel 
sprachrichtiger ware, ohne desswegen authentisch zu sein^). 



1) Zur Vergleichang steht hier, was PaUavicini in seiner Ge- 
Bchichte des Trienter Concils tiber diese Frage'S,ussert: „Etwas An- 
deres ist die Erkl^ong, eine Uebersetzung sei authentisch, d. h. 
sie sei weder absichtlich in irgend einem wenn anch nnbedeutenden 



— 413 — 

Gleichwohl entsteht jetzt die Frage, wie wir uns auf 
Grund dieser kirchlichen Bestimmung das Verhaltniss 



StUcke verf&lscht, noch vom Original in irgeud einer bemerkbaren 
Weise dem Inhalt nach yerschieden; und etwas Anderes die Erkl^- 
rung, sie enthalte alle Elarheit, alle Kraft, alle Anspielungea des 
Originals. Das Erstere ist zu Trient Ton der Yulgata ausgesprochen 
worden; das Zweite ist bei alien Uebersetzungen geradezu unmdg- 
lich, denn jede Sprache hat ihre eigenthtimlichen Yorziige und 
M&ngel, 80 dasB viele Ausdriicke der einen in der andern nicht 

vollstandig wiedergegeben werden kdnnen. Wer die strengste 

und Tollst&ndigste Uebereinstimmung zwischen der Yulgata und dem 
ursprtinglicben Bibelwort (il testo divino) laugnet, der gebt gegen 
eine bestimmte Elasse von Theologen an, aber nicht gegen die ka- 
tholische Kirche, in der es frei steht, mit einer andern Elasse von 
Theologen das fragliche Decret in weiterem Sinne zu erkl&ren. Letz- 
tere stiitzen sich auf den Wortlaut desselben, wonach die Yulgata 
einfach als authentisch erklftrt, und wonach gefordert wird, dass sie 
weder in Fredigten, noch in Yorlesungen, noch in Erklflrung^n ver- 
worfen werde; daraus folge, dass sie ohne Irrthtlmer hinsichtlich 
des Glaubens und der Sitten sei^ und ausserdem noch, dass sie we- 
der eine Fftlschung, noch eine offenbare Abweichung vom Texte, 
auch nicht im kleinsten Sttlcke, noch einen Wid^rspruch mit sich 
selbst enthalte; denn sonst wflre sie nicht authentisch und ver- 
diente nicht von der Kirche approbirt zu werden. Ferner wtirde es 
eine grosse Yerwegenheit sein, irgend eine andere lateinische Ue- 
bersetzung im Ganzen der Yulgata vorzuziehen; denn well dasCon- 
cil mit bestimmten Worten erkl&rt, es ziehe die Yulgata dentibrigen 
lateinlschen Uebersetzungen vor und erkenne sie allein unter alien 
andern als authentisch an, so muss sie entweder die beste sein, 
Oder die Kirche hat bei einer so wichtigen Wahl unklug gehandelt, 
was doch ohne L&sterung nicht behauptet werden kann. Dass fer- 
ner die Yulgata in aUem Unbedeutenden und Unwlchtigen mit dem 
Original tibereinstimme und niemals von demselben abgewichen sol, 
indem sie einen Baum far den andern oder dieses Thier fUr jenes 



— 414 — 

zwischen Urtext und Vulgata denken sollen. Die dog- 
matische Wahrheit, auf welcher unser Decret beruht, 
kann doch nicht mit den Wahrheiten, welche die Wis- 
senschaft ermittelt, in Widerspruch treten; und bei den 
Beschltissen des Goncils kommt es nicht bloss auf dessen 
bestimmende Grtinde, die m(3glicherweise bloss subjectiv 
richtig sein kdnnen, sondem auf die im Geiste Gottes 
Yorhandenen absoluten Ursachen an. Hier ist nun 
zweierlei denkbar. Entweder beruht das Decret darauf, 
dass die Vulgata im Ganzen genommen keiije Offen- 
barungslehren enthalt, welche nicht auch die urspriing- 
lichen Texte enthielten; oder die Vulgata hat, distributiv 
genommen, an alien einzelnen Stellen das Bechte, und 
da, wo die Grundtexte anders lauten, sind diese ihrer 
urspriinglichen Gestalt entfremdet. Im ersten Falle musste 
man den- Inhalt jeder einzelnen Vulgatastelle desswegen 
als biblische Offenbarung anerkennen, weil er im Urtexte, 
wenn auch nicht an der entsprechenden Stelle, doch 
sonst wo geschrieben ist; im zweiten Falle musste jede 
einzelne Stelle der Vulgata als der Ausspruch des in- 
spirirten Schriftstellers gelten. Welche von den beiden 
Annahmen die richtige sei, dies nachzuweisen, bleibt 
fiir jetzt eine Aufgabe der Wissenschaft, wird aber viel- 
leicht auf immer eine unlosbare Aufgabe bleiben mfissen ^). 



S6tze, ist eine fromme Meinung einiger Gelehrten; aber die EQrche 
verdammt keinen, der ihr nicht beipflichtet." VI, 17, 6. 9. (p. 96. 97.) 
1) Die erstere Annahme ist Tertreten yon Reusch, Erkl&rang 
der Decrete des Trienter Concils fiber die Vulgata. Eatholik 1860 
S. 641. Fiir die zweite sprechen sich manche ftltere Theologen aus, 
ohne jedoch wissenschaftliche Grdnde dafQr beizabringen ; eine wis- 
senscbaftliche Stdtze hat indessen diese Ansicht dorch die LeistuBgen 



— 415 — 

Sieher ist nur, dass die zweite Annahme ftlr viel mehr 
einzelne Stellen zutrifft, als gewShnlich zugestanden wird; 
denn die Yulgata hat sehr oft die alte Gestalt des 
Bibelwortes besser bewahrt, als der hebrSische oder der 
griechische Text, der jetzt als Original gilt^). Die ganze 
Untersuchung fiber diesen Gegenstand hlUigt daim weiter 
enge mit der letzten Er()rterung zusammen, zu der das 
Decret noch auffordert. Nachdem nUmlich Hber die inten- 
sive Bedeutung der Authenticitat Sicherheit gewonnen, 
muss auch die extensive Tragweite des Begriffes klar 
gestellt werden. Die Yalgata ist im Ganzen als authen* 
tisch erklart: ist es damit auch jeder Abschnitt, jeder 
Satz, jedes Wort der Vulgata? Die Fringe wird wohl 
durch eine naheliegende Analogie zu beantworten sein. 
Die Authenticitat der Yulgata dient als Gewahrleistung 
ftir die richtige Uebermittelung des biblischen Inhaltes. 
Sie erstreckt sich folglich so weit, als der Inhalt der 
biblischen Schriften selbst geht. Ueber die Ausdehnung 
des letztern gibt, soweit es hierher gehort, das erste 
Decret der vierten Session Aufschluss. Die Tragweite in 
der Erklarung des zweiten Decretes ist demnach die 
nSmliche, wie die des Ausdrucks Ubros integros cum om- 
nibus suis partUms. Was als Bestandtheil der hi. Schrift 
angesehen werden muss, dessen Ausdruck in der Yul- 
gata ist auch authentisch; die raumliche Ausdehnung 



neuerer Eritiker erhalten, unter denen z. B. Lachmann in seiner 
Emendation des N. T. unabsichtlich mit der Yulgata zusammenge- 
troffen ist, Thenius aber in seinem Commentar zu den Btichern Sa- 
muels den Text nach der Yulgata ge^ndert hat. 

1) Ygl. Windischmann in der Yorrede zu seiner Erklslrung des 
Briefes an die Galater, Mamz 1843 S. YIII. 



— 416 — 

kommt dabei abermal nicht in Betracht. Auch dies 
griindet sich auf den von der Kirche gebrauchten Aus- 
druck haec veins et vulgata editio. Die Vulgata nam- 
lich, wie sie hier gedacht ist, war von der Eirche nicht 
so in's Auge gefasst worden, wie sie in dem einen oder 
andern Exemplar vorlag, sondem wie sie sein sollte oder 
wie sie sich die Anerkennung der Kirche erworben hatte. 
Es blieb dadurch die Moglichkeit offen, dass manche 
Stellen in der Vulgata gefindert, hinweggestrichen oder 
nachgetragen werden konnten. Diese Moglichkeit ist von 
Seiten des besprochenen Decretes so lange ofifen gelas- 
sen worden, als nicht eine andere kirchliche Vorschrift 
dieselbe eingeschrankt hat. Mit dem Eintritt dieser Vor- 
schrift ist ein bestimmter Text der Vulgata fiir (relativ) 
unverletzlich erklart; abgesehen hiervon, ist jede belie- 
bige Stelle der Vulgata insoweit von der Erklarung un- 
seres Decretes erreicht oder nicht erreicht, als gezeigt 
werden kann, dass sie zu der vetus et vtdgata editio 
gehort Oder nicht gehort. 

Die Wichtigkeit beider Beschliisse trieb demnach 
nothwendig zu der Consequenz, dass nunmehr auch die 
Textesgestalt der Vulgata einer sorgfaltigen Behandlung 
unterzogen werden musste. Die Trienter Versammlung 
zog diese Consequenz selbst, indem sie ihre Bestimmun- 
gen (iber die Vulgata dui:ch die weitere Verordnung er- 
ganzte, ut posthac 8. Scriptura^ potissimum vera haec 
ipsa veins ei vulgaia ediiiOj quam emendaiissime imprir 
maiur. Die Bedeutung dieser VerfUgung ist nicht 
schwer einzusehen. Sie hat ganz die allgemeine Trag- 
weite, welche in ihrer unbestimmten Form liegt, und be- 
zieht sich nicht bloss ^auf die Vulgata, sondem auch 
auf den hebraischen und griechischen Bibeltext. Nach- 



— 417 — 

« 

dem die Versammlung das Ihrige gethan, urn beim Ge-* 
brauche der hi. Schrift den Nutzen der Eirche herbeiza- 
ftlhren und alien Schaden der Seelen zu verhiiten, ver- 
langt sie, dass auch sonst von Seiten der Betheiligten 
auf diesem Gebiete kein Unheil angerichtet werde. Letz- 
teres konnte von keiner Seite mehr eintreten, als durch 
die Buchdrucker, denen jetzt einzig die VervielfMtigang 
der Bibel oblag. Bei fehlerhafter Herausgabe der Vul- 
gata w9.re dies direct, bei Entstellung der hebraisehen 
und griechischen Bibel aber indirect geschehen. Den 
Herausgebem biblischer Texte wird daher durch das betr. 
Decret die Pflicht eingescharft , nicht bloss auf typogra- 
phische Gorrectheit, sondem auch auf kritische IntegritSt, 
und zwar auf die hochste erreichbare, bedacht zu sein. 
Par diese Auslegung sprechen die Ausdrilcke des Decrets 
unzweifelhaft. GewShnlich indessen wird demselben die 
engere Deutung gegeben, es sei von Seiten des Goncils 
Oder der Kirche der Beschluss gefasst worden, eine cor- 
recte Ausgabe der Vulgata zu veranstalten. Dabei tiber- 
sieht man jedoch, dass in dem fraglichen Decrete nicht 
bloss von der Vulgata, sondern dberhaupt von alien Bi- 
beltexten die Rede ist. In Bezug auf die Vulgata war 
allerdings ein solcher Beschluss in den Generalcongrega- 
tionen vor der Sitzung angeregt und empfohlen worden; 
allein hier war er auch gleich demgemass formulirt wor- 
den^). Da nun die officielle Form des Decretes eine 



1) PdUati, VI, 15y 3. (p. 85): „Man war der Meinong, das De- 
cret sei folgendermassen abzufassen : es mUsse Sorge getragen wer- 
den, dass die Vulgata so bald als mdglich in correctester Grestalt 
gedruckt werde." In dem oben S. 884 erw&hnten Bericht tiber Ab- 
schaffnng der Missbr&uche, welcher abschriftlicb nach Rom geschickt 

KauUn, Geschiohte der Vulgata. 27 



— 41$ ^ 

andere geworden ist, so wird es wahrscheinlich, dass 
man eben dem Beschlusse einen aUgemeinern Gharakter hat 
geben wollen. Allerdings wurden auf dem Goneil selbst 
schon Schritte gethan, um eine neue fehlerlose Ausgabe 
der Vulgata herzustellen : man setzte zu dem Ende dne 
Commission von aochs Mitgliedem der Yersammlung nie- 
der ^). AUein dies geschah zunHchst bloss, um die Wiirde 
der Versammlung zu wahren. Die Gegner der Kirche 
sollten ihr nicht den Vorwurf machen, sie habe die Vul- 
gata als authentisch anerkannt, okne auf deren actuelle 
Beschaffenheit aufmerksam geworden zu sein. Diese 
Maassregel stebt daher zu dem vorliegenden Deeret in 
keiner unmittelbaren Beziehung, und es darf aus ihr 
nicht gefolgert werden, dasselbe sei einzig in dem vor- 
her gedaehten Sinne erlassen worden. Dies ist um so 
weniger zulassig, weil es in der Absicht der Trienter 
Yater lag, nach der Vulgata auch die Herausgabe eines 
hebraischen und griechischen Bibdt^tes zu bewirken^); 



wurde, heisst es: Abusus est nonnuUam incorrectionem codicum 
qui circumferuntur vulgatae huius editionis pati. Bemedium est, 
ut expurgatis et emendatis codtcibus restituatur christiano orbi haec 
ipsa vulgata editio sincera et pura a mendis Ubrorum qui circum- 
feruntur. Id autem muwus erit simetissvmi Z>. N, Papae, quern 
vacroaancta synodus humUiter 6xora>bit, ut pro ovibus Christi suae 
heatititdini creditis hoc onus ingentis fruct'us et gloriae sui ipsvus 
andmi magnitudine dignvm suscipia^, curando etiam ut codicem 
graecum item hebraeum,- quoad fieri potest correctum, sui ipsius 
opera habeat EccJesia sancta Dei. Vercell Diss. Accad. p. 82. 
Man sieht hieraas, dass die Yersammlung dem fraglichea Decrete 
keine ausgedehntere Form kat geben wollen, dass aber die kxuk- 
JRihriuig desselben durch den Pabst in ihrem Sinne war. 

1) Ygl. uaten S. 426. 

2) Vere. Diss. Accad. p. 83, 



— 419 -- 

eine solche ist aber bis heute noch nicht erfolgt, und 
es ware demnach die fragliche Bestimmung noch immer 
ohne Ausfiihrung geblieben. Im Gegentheil muss man 
anerkennen, dass die Anordnung der quam emendatissima 
impressio noch immer als das besteht, was sie von An- 
fang an war, namlich als die allgemeine Forderung, beim 
Drucke der Bibel die hocl)ste kritische . und technische 
Sorgfalt anzuwenden ^) ; hiermit soil den Schaden vorge- 
beugt werden , welehe' filr Kirehe und Wissenschaft aus 
der Nachlassigkeit der Herausgeber erwachsen konnen. 



I) Qans in dieiav Sinne wird das fragHehe, Decret tou der 
imtflr Ckegor XI¥. 90? Ker^iuigabe dei; Yujga|9,. eisMiiuit^ii Com- 
loifvlo^, erklftrt: Fr9>ec$pit sdcrQSjtmctvm €oncili%m Tvickviintm, ut 
in ^dmdis im^rimendisque sacri^ Bibjiis, j^aefiipuis chrisHanae 
j^dei fundamentis, diligentia quantaguanta adhiheri possit, adhi- 
heatur, videlicet ut non tantummodo a mendis errorihusqiie, qui 
aut ifiscitid et incuria librariorum, aut fratide ac mdtiti^ haereti- 
coram trrepsermt-, perpurgentur, sed etiam wt eotum anUquissima 
hxUna versvo, tam muitorum annopum ewrriCuMs e$ doc^m-um ap- 
pr6JfiaH(mf r^teptia ac oanfirmaia^ nbiqws^ in tcclsms divimsqme of^ 
fieiifi ad9er^t»r ^a. Yerceli. V. X. Ji p. XiFItf. 



27 



XV. 

Officieller Text. 



Nach dem, waa vorstehend zur Erkl&rung der Trienter 
Decrete tlber die Vulgata gesagt, bedtlrfen dieselben kd- 
ner Rechtfertigung. Ihre Begriindung liegt in der Ge- 
schichte, welche die Vulgata ein ganzes Jahrtausend hin- 
durch erlebt hatte. Ihre frtiheren Schicksale waren nicht 
bloss di^ sachliche Veranlassung zu den beiden Decreten 
gewesen, sondern das Goncil hatte bei Abfassung der- 
selben auch an den Tag gelegt, wie richtig es alle vor- 
liegenden Thatsachen za sch&tzen und die dorchlaufene 
Geschichte zu beurtheilen wusste. Denn wie bei den 
fraglichen Erlassen einerseits die Rechte der Eirche und 
der Wissenschaft gleichm^ssig gewahrt blieben, so war 
mit denselben andererseits das frtlhere Verfahren der 
Eirche gebilligt und consequent fortgesetzt. Erscheinen 
demnach diese Bestimmungen ausserlich so sehr begriin- 
det, so wird ihre innere Berechtigung durch die Erfah- 
rungen dreier spatern Jahrhunderte glanzend dargethan. 
Diese so yiel angefochtenen Erlasse bilden daher eine 
der schOnsten Zierden der Trienter Verhandlungen und 
legen auch ihrerseits Zeugniss von der Weisheit und 
Ftirsehung des Geistes ab, der die Eirche leitet. 



— 421 — 

Diese Oewissheit erscheint last wunderbax, wenn wir 
erfahren, dass auf dem Goncil selbst, wie am p&bstlichen 
Hofe, gerade diejenigen Bestrebungen , welche ein ent- 
gegengesetztes Ziel verfolgten, mit grossem Nachdruck 
geltend gemacht warden. Eb Usst sich nicht l&ugnen, 
dass die zur Mode gewordenen Klagen tiber die Unzu- 
verlassigkeit der Yulgata in den maassgebenden Ereisen 
der Eirche sehr grossen Anklang gefunden batten. 
Auch waren seit Anfang des sechizebnten Jahrhunderts 
in Rom selbst die klassischen Studien sammt allem, was 
dazu gehorte, so sehr in Aufnahme gekommen, dass die 
Grondtexte der heiligen Schrift auf Eosten der Yul- 
gata ungebtlhrlich erhoben wurden. Endlich dbte auch 
noch die Besorgniss, bei den Neuerern anzustossen, einen 
der Vulgata nachtheiligen Einiluss aus. So lasst sich 
begreifen, dass Pabst Paul III. z5gerte, den beiden frag- 
lichen Decreten die zu ihrer Gfiltigkeit nothwendige Ge- 
nehmigung zu ertheilen. Vorerst legte er dieselben, wie 
das Becht und die Praxis forderten, sammtlichen zu Rom 
anwesenden Gardinfilen und den bedeutendsten rSmischen 
Theologen yor, um sie quoad formam zu priifen. Ehe 
aber noch die betreffenden Gutachten mitgetheilt werden 
konnten, schon wenige Tage nach Empfang der Anzeige, . 
liess der Pabst durch den Staatssecret&r Famese den 
Legaten auf dem Goncil Bedenklichkeiten dartiber Hussem, 
dass die Yulgata einfach als authentisch erklart worden 
sei, ohne dass von einer Revision oder Yerbesserung der- 
selben gesprochen werde; sei es doch offenbar, dass sie 
manche Irrthflmer enthalte, die nicht fQglich den Buch- 
druckem zugeschrieben werden k5nnten. Gewiss werde 
dies audi auf dem Goncil zur Sprache gekommen sein, 
and der Pabst wtlnsche desswegen n&here Information. , 



— 422 — 

Oleiduseitig diaHiit schHeb der ^Idirte Cardinal Birlet 
an deal CardinaUegateii vDm fal. Kreiiz ksbesondere^ tim 
ifam nochmib den Vorsdiiag eu lempMlm, dass ^int 
ComtnbBiOii tob Geldhrten leniaiiBt treMe, wekhe d«a 
hebraii^hen, den griechischen 'and den latdniseiien BibeU 
text zugliBich der Bievisfoii unttsrzdgen imd 80 au&h ?oii 
den teiden «t8t«ai, ols iiiclrt evl entbehtenflen TiNi^ten, 
officielle, y(m der SyiHode gutzvdieiiBsende Ausgaben redi^ 
girten. Er miiafte ditB wiederholen, well die Beatimiiami; 
des GoDitils, ut ediiio v^tHs ft v^dgatu jpro mu^entiea ha^ 
bmtur^ viel&eh Anstosa enmge iind ate nicbt der Sauche 
entspredtend be^eicbmet wefd^. So wohlgemeiBt dieser 
Yorschtag auch war, tind . so l»ekT er auch der d»« 
jnalis herrscheadeii GeistesstrSnitung enb^nich, &o HQs&tM 
wii* doefa lii<^tzutag€ beldag&n, vitnu. er auf d^em Ctm* 
oUtttn durchgedrungen Yf&c<e. Die Kircbe iirurd« da&ii 
eine refLn wtesensckaftlicfae Arbeit imternattmiai }mkf&tLn 
zu der •sie kdne Missdoo erhaJten litttte; deiitt ekwia 
^anfe And«res war es, die Yulgata fttr authelitiBOk, afci 
eiuea b^riUischen oder gritebifsohea Te&t filr obirect xa 
«r]dareia. (ilewiss hatte dne 6olcb« Eitianiiig, wenn die 
im 16. Jahrfatindert gegeben v^den irixe) in onserotn 
Jiahrhunderte eum giX)S6en Sdialen filr das AssebeA der 
Eifarcbe widerrofea werdeh miisseiti. SowoiU auB die8el^ 
alB au8 den ^unadtot liegjesideai praktischen Sew^tsribn*- 
dean koiHi^en die Legstten auf die ihnea geftuftsearten 
Bedenkli^bl^ten wM eingeh^n, isondem rechtfertigtw 
die Beechiasae in einem «usfiihrikben Sdbmben aa 
den Oardinsd Staatssecretlir F^ymese, das von ilurer Um^- 
«i€bt ein «^h5nes JZengniss ablegt Der Vonschlag ixA 
Cardinal Sarlet isM in demsdlben soiteit ScrOnksakA'^ 
tiguflig, aJA sie die Intttotion der Synode mittbtilteH) Ota 



— 423 — 

UL Yater selbst urn eine Ausgabe erst des kteinischen, 
dann aber auch des hebr&ischen und griecbischen Bibel- 
textes zu bitten und ihrerseits dazu die n&thigen Vor- 
arbeiten zu liefern. Die Stelle eines Auszugs aus die* 
sem instructiven Berichte kann am besten ein Brief ver- 
treten, den der eine von den betr. Legaten, der Cardi- 
nal vom hi. Kreuz, gleichzeitig an Famese's Vertrauten^ 
den. spatem Cardinal Maffei, absandte, und der die vor- 
gebrachten Griinde in vertraulicher Weise hervorhebt 
,Jic;h ersehe aus dem officiellen Schreiben/^ heisst es in 
diesem Briefe vom 24. April 1546, „8owie aus Ifaren 
"^Privatmittheilungen vom 17., dass die Beschlttese der 
Mzten Session weder der Theologen- Commission, noch 
dem heiligen Collegium gefallen wollen. Dies thut mir 
leid, und ich erwarte noch zu erfahren, in welchen 
Stficken dieselben Missfallen erregt faaben. Was den 
ersten Erlass fiber Annahme der hi. Sehriften und der 
apostoUschen Traditionen betriSt, so sollte es mich wun-* 
dem, wenn sich ein Verstoss darin fande; denn sie sind 
per aquafn et ignem gegangen, und das sehr oft mit 
einer Opposition, die in Wittemberg ehrenvoll bestanden 
h&tte. Hinsichtlich des zweiten Decretes dber Abstellung 
der Missbrftuehe glaube ich, dass es dem Einen oder 
Andem missfallen hat, nicht die Verbesserung des Bibel- 
textes darin aufgenommen zu s^en, wie es zverst war 
vorgeschlagen worden. AUein, wie ich Ihnen am 9. d. M. 
geschrieben 'babe, und wie Sie jetzt aus dem officiellen 
Sdureiben ersehen werden, waren diejenigen, welche da- 
von im Decrete Erwahnung gethan haben wollten, der 
Sache nicht bis auf den Grund gegangen; denn in der 
That ware die Gftesitliche Angabe eines Synodaldecretes 
von der Incorrecthdt uns^er Hfoel, d. h. der Bibel der 



— 424 — 

rdmischen Eirche (well sie von dieser als Matter an die 
flbrigen lateinischen Eirchen gekommen ist) doch eine 
gar zu grosse Anschuldigung for uns, zmnal in diesen 
Zeiten, wo die r6mische Eirche nor zu sehr verleomdet 
und bedr&ngt wird. Dagegen wird auf dem Wege, den 
man eingeschlagen hat, dieselbe Wirkung erreicht, ohne 
dass etwas aufs Spiel gesetzt wfirde; denn es wird 
ebensogut dem heiligen Vater die Revision des Bibel- 
textes, sowohl des lateinischen, als des griechischen and 
hebraischen, zugewiesen, and wer Lust zu einem solchen 
Unternehmen hat, wird keine Ursache bekommen, sich 
desswegen iiber uns zu beschweren. Wir verharren dess- 
wegen in der Erwartang, dass Sie uns bald eine schdne 
Bibel corrigirt und emendirt schicken, um sie drucken zu 
lassen, und wenn von hier aus die Studien und die 
Bemtlhungen vieler tfichtiger Manner, welche sich hier 
befinden, das Werk fSrdem kSnnen, so soUen Sie bereit- 
wiUigst unterstfitzt werden. Und wenn also diejenigen, 
welche jetzt gleich Ihnen Anstoss daran nehmen, dass 
man die Vulgata ftir authentisch erklart hat, ohne von 
ihrer Verbesserung zu reden, sie sp&ter verbessert sehen, 
so werden sie immerdar Seiner Heiligkeit verpflichtet 
bleiben, und das Concil hat dann nicht gegen den Bibel- 
text unserer Eirche gestimmt, sondem im Gegentheil ihn 
authentisirt und approbirt. Dies aber ist von nicht ge- 
ringer Wichtigkeit. Ich will nicht davon reden, dass die 
Vulgata nach dem Urtheile vieler Sachverstftndigen ver- 
ntlnftigerweise desswegen noch nicht fOr incorrect ausge- 
geben werden konnte, well dies oder jenes Buch incor- 
rect war; denn die Vulgata ist gleichsam eine Gattung, 
worin die einzelnen Bticher nur Individuen sind. Ich er- 
wfihne auch nicht, dass nicht Viele der Ansicht sind, 



. — 425 — 

es f&nden sich darin andere Fehler als [ Schreibfehler, 
trotzdem es heute bei unseren gesteigerten Anforderun- 
gen* scheinen will, es hatte das Eine oder Andere klarer 
Oder gewahlter wiedergegeben werden kSimen. Denn die 
Betr. wollen immer die lateinischen Lesarten den grie- 
chischen und hebr&ischen Texten angepasst sehen; und 
doch sind diese haufig fehlerhafter als der lateinische. 
Im Gegentiieil, je alter die Handschriften dieser beiden 
Texte sind, desto mehr stimmen sie mit unserer Vul- 
gata tiberein. Nichtsdestoweniger wird es mir lieb sein, 
zu vemehmen, inwieweit Se. Heiligkeit diese Grtinde bil- 
ligt Oder missbilligt ^)/* 

Diese vertraulichen Auf klarungen vermochten ebenso* 
wenig, als die officiellen Schreiben der Gardinallegaten, 
die bedenkliche Stimmung in Bom zu yerscheuchen. So 
viele Congregationen auch die zur Priifung der Decrete 
ernannte Commission abhielt, immer neue Schwierigkeiten 
wurden von den betr. Theologen bald gegen die Zul&s* 
sigkeit, bald gegen die Ausfuhrbarkeit der Decrete er- 
hoben. Besonders war es die Clausel von der quam 
emendatissima impressio^ welche viel zu denken und zu 
tiberlegen gab. Es schien den romischen Gelehrten un* 
m5glicli, dass man an der Vulgata diejenigen Stellen in* 
tact liesse, welche vom Griechischen oder Hebraischen 
abwichen; dies wiirde aber der Fall sein, wenn man 
sich auf blosse Correctur der durch Versehen in den 
Text gekommenen Fehler beschranken wolle; wofem man 
aber anfangen wollte, den tiberkommenen Text nach den 
Originaltexten zu andem, wurden viel grossere Schwierig- 



1) Den Originaltezt dieses Briefes, so wie der frilber erwAhnten 
Schreiben s. bei Vereelh Dissert, Acead. p, 8i, 



— 426 — 

keiten entstehen, bd denen gar kein Ende ab2ii66h<Hi 
sei. Dagegen setzten die C^irdinallegaten theils officiell, 
theils privatim nicht bloss immer klarer die nachhaltigea 
Griinde auseinander, wdche das Decret recktfertigten, 
sondern wiesen auch auf die tossere Nothwendigkeit lua^ 
welche dasselbe yeraftdasst katt^. So konnten sie i?oki 
am 8. Juni 1846 schli^slich ihre Yertheidigung resu- 
miren: „wer in den Decreten die Approbation unserer 
Yulgata ausgelasBen hatte, der wfirde gegen den WiUeii 
aller Bdsitzer des Conclte und ebenso det vielen an! 
demselben ohne Stimmrecht anwesendra Theologen ge- 
handelt haben, und er ware dabei Schuld gewescn, dass 
man in kurzer Zeit nicht mehr gewusst hfttte, welches der 
richtige Bibeltext eigentlich ist^)." 

£s nimmt uns heute Wander, dass dn so sorgfattig 
erwogener und allseitig durchgesprochener Erlass, der 
auch an sich der kirehlichen Anschaaang so vollkoiamen 
entspricht, auf solche Hindemisse stossen konnte. AUek 
die Eirche hat j^zt Ursache, sich dieser Schwierigkeiten 
zu freuen. Abgesehen davon, dass nur eine allseitige 
BeleuchtuDg des fraglichen Gegenstandes denselben zu ge- 
niigender Elarheit bringen konnte , sind die gepflogenen 
Discussionen auch der beste Beweis, wie &ei die Ent- 
scheidungen auf dem Goncil waren; und dass getude die 
r^mische Curie es war, welche in diesem Falle der &- 
beralern Zeitstromung Becdmung trug, ist ein neuer Bei* 
trag zur Entkraftung eines oft aufstossenden Yorurthdls. 

Wie aus dem Yorhergehenden sich ergibt, und wie 
SaiTpi') ausdrticklich versicbert, wurde auf dem Condi 



1) VereelU Disi, Aectul, p. 67. 

2) n, 1, 7. (S. 290 der U«l)^s. y^n Winterw, Bd. 1.) 



— 427 — 

fiolort Bftcb Abhaltimg der vierten Ses&ion eine ComiMS'' 
6iofi y^Mi G^ehrten mt Revision d^ VulgaMextes dn^- 
gefietet) und diese gab sich sogleidi eiMg icq's Wetk. 
Yon dieden BemOhungeti war jedotfa wenig zn ^rwaiten, 
ireil es zu Trient zwar nkht aa Einsicht and Erfahrung, 
aber wohl an Randschriften und ;alten Dra<^ken der VnU 
gata gebrach. Sobald daher in BfOm die zu d^m h&ai- 
lichen Zwecbe nnternoimnenen Arbeiten voranschiitten, 
lieBS Paid in. durch die Caxdinallegaten die Trienter 
Commission bis auf Weiteres ^istiren und gab BefeM, 
das berdts gewonnene Mii>terial nacb Rom m schickeo. 
Hier setzte man die begonnenen Untersuchnngen ohne 
Unterbrechung fort. Von dem wdtem Veriaufe derselben 
ist indess aus den nSchsten Jahren wenig mehr be^ 
kannt) als dass der Cardinal Sirlet eineB der eifrigsten 
Mitglieder der hierzu niedergeseteten Commission war^). 

Inzwischen war die Bestimmung des Concils iiber 
die Vulgata in der abendlandischen Kirche bekannt ge- 
worden und hatte hier, wie zu erwarten stand, eine sehr 
verschiedenartige Aufnahme gefunden. Die Anh&nger der 
iieuen Lehre und die Humanisten waren daruber, jeder 
von seinem Standpunkte, erbittert und machten ihrem Un- 
muth in den gewohnliehen Spottreden Luft; aber audi 
tteue Eatholiken erfaoben die nftmlkhen Bedenken, 
w^ldie in Rom vorgebracht worden waren. Die Mehrzahl 



1) Im €&d. Vattn. S9$5 fol 46 fiteht di« Notiz : A Mons. €hi^ 
Udi/ifd Sitleti^ ^udi tinquanta d'oto, quati N. S, gli eftwift peY man;-^ 
t9ia € per la faXicii ehe iBSM mons. Guglielmo ha durMa gid in ami 
in carteggere tuUo H Testatnento nuov0 »ect>ndo i decrtti del ton- 
tUid tridentino. Di palatto «7 dk 14 di gtnnaio 15S4. VeroeU. I 
c. p. 62. 



— 428 — 

der abendUndischen Gelehrten dagegen war mit Inhait 
und FassuQg der Decrete einverstanden, und von alien 
Seiten bemtihte man sich, ihnen durch richtige Deutung 
und Bechtfertigong die gebfihrende Anerkennung zu ver- 
schaffen. Bei dieser Meinungsverschiedenheit, die fur 
lange Zeit alle bedeutenderen Er&fte des Abendlandes 
mehr oder weniger aufrief, gab es nach Sitte der Zeit 
einen erbitterten Eampf, der bald ebenfalls, wie es Brauch 
war, Yom literarischen Gebiete auf die Hbrigen Lebens- 
kreise hiniibergetragen wurde. Besonders in Spanien 
scheint der Gegensatz zwischen den Vertheidigem und 
den Bestreitem der Decrete in spaterer Zeit zu tief ein- 
schneidenden Misshelligkeiten , bei der keine Partei ent- 
schuldigt werden kann, gefilhrt zu haben^). Der Eampf 
fand anfangs seine Hauptnahrung in der Hoffnung, die 
pS^bstliche Bestatigung der fraglichen Decrete zu bewir- 



1) Vgl. hierttber Mariana pro Ed. Vulg. Fraefr. Opus mo- 
lestum suscipimtis multaque difficultate impeditum, penctdosam 
aleam, ac qua nescio an tdla disputatio superioribus annis inter 
Theologos, in Hispania praesertim, maiori animorum ardore et 
motu agitata sit od/ioque partium magis implacabali, usqite eo, ut 
a probris et contumeliis, quibtis se rnvtuo foedabant, ad tribunalia 
ventum sit: atque quae pars sibi magis confidebat, adversaries de 
religione postulates gravissime exercuit, quasi impios, superbos, ar- 
roganteSf qui divinorum librorum au^ctoritatem atque eius interpre- 
tationis fidem, qua Ecclesia utitur passim et vulgata Editio nuncu- 
patur, audacter elevarent, novis interpretationibus prolatis invectis- 
que contra divinas leges dt humanas Concilii Tridentini decreta non 
ita pridem promulgata. Tenuit ea causa multorum animos sus- 
penses expeetatiene, quern tandem exitum habitura esset, cum viri 
eruditionis epirdone praestantes e vinctdis cogerentur causam di- 
cere, TMud levi saHutis exisHmationisque discrimine etc. 



J 



~ 429 — 

ken Oder zu hintertreiben; er war demnach nur eine 
neue Aeusserung des noch nicht vennittelten Gegensatzes, 
in welchen damals die neue Bildung zum alten Kircben- 
glauben getreten war. Bedauern mtissen wir dabei die 
Unklarheit, welche auf beiden Seiten liber die eigentliche 
Bedeutung und die Tragweite der beiden Decrete herrschte. 
Auf der einen Seite ging man so weit, den BegriflF au- 
thentisch dem der Inspiration gleichzustellen und die Vul- 
gata ftir ein unmittelbares Werk des hi. Geistes auszu- 
geben; und eben dies forderte die Gegner desto mehr 
auf, das Decret als eine Ausgeburt mittelalterlicher Fin- 
stemiss, die der fortgeschrittenen Zeit nicht Rechnung 
trage, zu verhehnen. Auf der andern Seite sollte die 
Erkiarung der Authenticitat bloss die negative Approbation 
enthalten, dass in der Vulgata nichts gegen Glauben 
und Sitten stehe, und dies gab dtnn wieder Anlass, den 
Werth der Originaltexte auf Kosten der Vulgata in je- 
der Weise hervorzuheben. Bei so vielfacher ErSrterung 
konnte es schliesslich doch nicht ausbleiben, dass die 
Wahrheit in der Sache klarer zu Tage trat; und wenn 
itir heute eine voUstandige Kenntniss von der Bedeutung 
der vielbesprochenen Decrete und der Vulgata selbst 
haben, so diirfen wir nicht vergessen, dass wir dieselbe 
auch den vielfachen Erorterungen nach Erscheinen der 
Decrete verdanken. 

Wahrend aller dieser Verhandlangen batten indess 
die Bestimmungen des Goncils schon frtihzeitig ange- 
fangen, praktische Friichte ftir die Vulgata zu tragen. 
Die Bestimmung ut quam emendatissime imprimatur war 
von Anfang an als ein allgemeines Gesetz, nicht als eine 
vom Concil auszufQhrende Maassregel angesehen worden, 
und so suchte man auf mehreren Seiten derselben zu ge- 



~ 430 — 

Biigen. Die Haupttbatigkext in dieser Richtimg eot^alt^ 
sich in den Niederiaaden, wo an der Lawener llniversi- 
tat die Gelehrsamkeit, in Antwerpen die typograpluschQ 
Industrie einen hohen Aufschwung genommen hatte. Die 
Revision der Vulgata untemahin zuerst der Lj&w^oneir 
Theologe Johannes Henten aus Mech^. Dies^ war 
hierzn von der theologischen Facultat beauftragt, die 
sich als Yertretenn der Wissenschaft den Beruf zu einer 
solchen Aufgabe zuschrieb. Als Grundlage seiner Arbeit 
nahm Henten die Ausgabe des Stephanos von 1540,' 
nicht bloss weU sie einen sorgf&ltig revidirteo Teoi^t, 
sondern noch mehr, weil sie den kritischen Apparat d^r 
Yariantensammlung enthielt; ausserdem aber verglich ei: 
auch noch eine Beihe von Handschriften und mehrere 
alte Drucke. Sonach faad sich hier ein grosserer Ap* 
parat beisammen, als. bis dahin fiir den Text der Yul* 
gata verwendet worden war. Die Ausgabe erscbien seism 
1547 ztt Lowen^), 

In der Yorr^de heisst es : Consider antes, quod tola, latinc^ ec-* 
clesia tot seculis Vulgata editions semper usa sit, summo studio 
curavimus ex iussu, instructione ac iudicio gravissimorum Theo- 
logorum huius Academiae Lovaniensis, ut comparatis undique non 
solum quae castigatius excusa erant, exemplarihus , i^erum aliis 
quoque plus minus viginH: quorum recentissimum ante ducentos 
annos manu scriptum erat, alia ante trecentos, quadringenbos immo 
et sexcentos vel plures etiam annos : ex horum cfillati^9t€ r«00iiitieret- 
mus quoad fieri posset, veterem. et vulgatank editionem sinaeritaii 
suae atque puritaU. — — Itaque acceptis variis e:)i:em^laribu8 $t 



1) Biblia ad vetustissima exempTaria recens eastigata. Quid 
in horum Bihliorum cmtigtxtione praestitum sit, subsequens prae- 
f4iitio latius indieabit, Lovanii apud Bartholomaeun Qtamum- 
IHT. Fol 



— 431 — 

pes' Mohefti SUphani eodieem plurimist eticm aliU, qme Hit 8m9 
annQtcMPoi marginihus, ex eomplwium consensu nonmdla e textu 
sustuUmtis aut immuta/vimus ; frequenter id in margine reponentes 
praefixo asterisco *, ei, quod e textu ademtum erat, aut hinis huius- 
modi stigmatis " priori textus lectioni praenotatis, idque absque ullo 

exemplarium numero. In Proverbiis autem Salomonis, quan- 

quam versus integros non paucos videremus esse super fiuos aut 
aliunde infartos, quos plurima eaque vetustissima laiina exemplaria 
non haberent, imo ne ipsa quidem hebraica nee Sa/mtes Pagninus, 
iJUs t€men iiibeliseum duntaxat pra^ximus : addito margini numero 
codicum, in qmbus versus illos non invenimus. -^ — Universos 
^iiaUi/or Esdrae libros lectori tradidimus. —^-^ In locis autem iis, 
uibi non tot exemplaria a communi lectione dissidebant, ut quid- 
quam immutandum duceremus, hie diversam lectionem in margine 
annotavimus praefixo asterisco, quid plus in aliis ; quid minus, obe- 
lisco; quid vero diver sum, duobus stigmatis lectori significantes, 
adiuncto ubique discrepantium exemplarium numero. 

Die Ausgabe behielt demnach die XJnsitte der kriti- 
schen Zeichen im Texte bei und unterschied sich von den 
Stephanischen Moss dadurch, dass die Handschriften mit 
Ziflfern, statt mit ihren ausfuhrlichen Namen citirt waren. 
Trotzdem bezeichnet sie einen Fortschritt in der Ge- 
schichte der Vulgata, insofern die Vergleichung so vieler 
Hiilfsinittel, die mit Besonnenheit getibt war, zu einem 
verlftsslichen Resultate fiihren musste. 

Stephanas selbst fuhr wahrend dessen ebenfalls fort, 
seinen Text neu aufzulegen. Von diesen spSteren Aus- 
gaben (1545. 8. 1546 fol. 1555. 8. 1557 fol.) sind besonders 
die erste und die dritte merkwilrdig geworden. Jene 
nSmlich, unter dem Namen Biblia VatabJi bekannt, ent- 
hWt ausser der Vulgata und der Zflricher Uebersetzung 
auch Noten zum Verstandnisse, die aus den Vorlesungen 
des Pariser Professor Franciscus Vatablus herriihren solten, 
von diesem aber desavouirt wurdeir. Sie sind sp&ter in 



— 432 — 

manche andere Ausgaben abergegangen, die dann alle 
als Biblia Vatdbli ausgegeben warden. Die andere oben 
hervorgehobene. Ausgabe von 1555 enthalt zuerst die 
heute gebrauchliche Versabtheilung der Bibel, welche 
Stephanas an die Stelle der sonst ilblichen Zerlegung 
der Kapitel in Abschnitte a. b. c. setzte, and welche bald 
in alle Aasgaben nicht bloss der Valgata, sondern auch 
des hebraischen and griechischen Textes, sowie der neuem 
Ueberset^sangen eingefiihrt warden. Uebrigens sind die spd.- 
tern Aasgaben des Stephanas nicht mehr mit jener kri- 
tischen Gewissenhaftigkeit angefertigt, welche die Mheren 
bekunden. Seine offene Hinneigung zam Calvinismas 
machte aach die theologische Welt misstrauisch gegen 
seine Bibelaasgaben ; wenigstens zeigen zwei neae Titel- 
auflagen von 1565 and 1577, deren erste die von 1545, 
and deren zweite die von 1557 aaf den Markt brachte, 
dass der Absatz nicht bedeutend mehr war. Die vielen 
Nachdracke . seiner Texte dagegen, die nicht seinen Na- 
men trugen, scheinen hftufig im Gebrauch geblieben zu 
sein, wie eben die Menge dieser Ausgaben darthat*). 

Fiir den Abfall des beriihmten Buchdruckers erhielt 
die katholische Welt bald einen bedeatenden Ersatz in 
dem noch thatigern Christoph Plantinas, der in Antwer- 
pen eine Officin von wahrhaft cultargeschichtlicher Be- 
deatung erSffnete. Aach er begann im Jahre 1569 der 
Valgata seine Mittel and Erafte zazawenden, indem er 
einen neaen sorgfaltigen Abdrack der Henten'schen Aus- 
gabe von 1547 veranstaltete. Die Ausgabe hatte auch, 
wie damals zur Mode geworden war, Varianten am Bande, 
aber ohne den Text durch Sternchen and Obelen zu 



1) Masch, Bill, sacra, P. IL Vol III. p. 193^213. 



— 433 — . 

ratstellen; sie fand so viel Beifall, <lass sie rasch nach* 
einander 1563, 1564, 1565, 1567, 1569 in den verschieden- 
sten Formaten wiederholt wurde, und dass man sie zu 
Rom bei den Vorarbeiten zur officiellen Ausgabe zu 
Grande legte. 

Alle diese Ausgaben wurden aber bald ebenso, wie 
die vielen Nachdrucke des Henten'schen Textes*), in 
den Schatten gestellt durch die erneuten Bemfihungen 
der Ldwen'schen theologischen Facultat um Herstel- 
lung eines Textes, welcher den Intentionen des Trien- 
ter Goncils entsprSx^he. Nachdem nSmlich Johannes Hen- 
ten 1566 gestorben war, beschloss die FacultUt, nach 
gemeinsamer Bem(ihung und Verantwortlichkeit eine Aus- 
gabe zu veranstalten , bei der alle damals zuganglichen 
Htilfsmittel nach wissenschaftlichen Grunds&tzen benutzt 
wftren. Den Anstoss hierzu scheint eine Aufforderung 
Philipp's II. von Spanien gegeben zu haben, der um eben 
diese Zeit die neue Ausgabe der Complutenser Polyglotte 
betrieb ; aber auch vom p&bstlichen Hofe selbst ward 
Plantinus ermuntert, bis zum Abschlusse der zu Rom be- 
triebenen Arbeiten vorl&ufig fiir zuverlassige Vulgatatexte 
zu sorgen'). Durch diesen ehrenvollen Auftrag ange- 

1) S. dieselben aafgez&hlt bei Maach, I c. jp. 225-^230, 

2) Wenig8ienB scbreibt Plantinds in seiner Dedication an Pablit 
Qregor JUIX.: InteUtgeham autem rara hoc tempore Biblia latina 
venalia ex his eorreetionthas [seine frlUiern Ausgaben] prostare', 
atque a rev, p, Thoma Mcmrico a, palcUii vestri mcigistro per lit' 
tertu fnonitus ftierain, ut dum iate labor corrigendi VtUgatam edi' 
tionem Botnae absolveretur, qui propter ret gravitatem longior fu- 
tun^ esse videbattMr, ipse interim eorum, qui' Bibliorum inopia Ich 
horabant, desiderio satisfc^erem. Id quod dum ego eo quo erga 
sacTOS disciplinas afficior studio lubenter susciperem etc. Ausg. 
▼on 1574. 

XmuUn, O«iohiohte der Vnlg aU« 28 



— 434 — 

feuert, brftchte Plantinus aus den niederiandischen Biblio- 
theken gegen sechszig Hd^ndschriften zusammen, deren 
Varianten er in L5wen zusammenstellen liess und dann 
der Facultat zur Benutzung libergab. Mitglieder der 
Facultat waren um diese Zeit Franziskus Lucas aus 
Brfigge, Johannes Molanus, Augustin HunnM.us, Cornelius 
Reyner aus Guda, und Johannes von Haarlem. Sie be- 
nutzten ausser dem handschriftlichen Material, das Hen- 
ten und Plantinus gesammelt batten, und den Ausgaben 
von Btephanus mit ihrem Apparat, besonders auch den 
Text der Complutenser Polyglotte nebst dem inzwischen 
erschienenen Abdrucke desselben in der AntwerpeniBr Po- 
lyglotte. Das gesammte kritische Material, das sie auf 
diese Weise gewannen, verwendeten sie aber nicht zur Re- 
cension des Textes, sondern zur Vennehrung der Rand- 
lesarten; als Text gaben sie den unverftnderten Ab<b'uck 
der Henten'schen Recension von 1547. In dieser Weise 
entstand die neue berdhmt gewordene Ausgabe, die zu- 
erst 1574 erschien, aber auf manchen Exemplaren die 
Jahreszahl 1573 zeigt^). Sie tragt die variirenden Les- 
arten auf dem Rande; die kritischen Bemerkungen und 
Nachweise dagegen wurden aus Mangel an Raum in 
einen besondern Band gedruckt und beim Texte selbst 
durCh Q. n. (quaere fwtationes) angezdgt. 

Die Vorrede sa dieser Ausgabe sagt trotsdem, dass von den in 
Bom betriebenen Arbeitea in Antwerpen officielle Eunde gegebea 
war, siemUcb sdbstgef&Uig: Visum fuit FacultaiU nostrae Theoh^ 



1) Biblia sacra. Quid in hoc editions a Theologis Lovanisnsi' 
bus praestitum sit, pauio post indicatur. Antwerpiae ex offiduM 
Chfistophari Plantini, ArcMtypographi Begii M, D. LXXIIL S, 
etllL Vol 24. al M. 2). LXXIIIL 



— 436 — 

cue, omni conaiu et studio in JuHi ineumbendum, v4 ve0i^ et vtdgata 
BMiartnn Latina editio (quam Saerosmncta Synodm Tridm^ina in 
publieis Uetionibus, disptdationibtis, prctedieaitiimibui et exposUiO" 
wibue emthentieeun habendam deeiarauit) iKCuraUanme ewtigaretttr, 
Uttber die bei der Herausgabe befolgte Metfaode sagft die Yarrede 
Folfendes: Univer8€^ Uciianea variae, tarn iUae, quas Hentmim 
invenii, guam eae, quae ntmc repertae etmi, primum ad eum vut- 
ftKtae ediHonis TexUnm, qui in Beffiis Bibliis esscu8U9 est, eolUtitae 
swHt, Neque immerito: mtm etia/msi non imni in loco eUmatus nS" 
qua ab omni eom^tda sit mndieatus iUe textus, tamen lads plu* 
rims s9nendatioribu8 scriptis e4msenMen8 gemimcm exkibet Seri' 
pturae Uetionem: qmbusdam etiam eodicibus uniuersis, qui et ab 
sMb et^ a fwbis considti sunt, amtradicens sinceram habet inter* 
preUs translatiansm: quippe qui, CardinaU Ximenio teste, ex (fe«. 
ledissimis manuseriptis expreesus sit, -^-^ Primum igitur adhunc 
variae lectiones eollatae sunt. Turn ad veterem Traet<riorum textus 
et ammentaria examinatae sunt, Fraeterea expensae sunt eaedem 
IsHiones ad Mebraieum, Qraecum et Chdldaioum ; naui veroadGrae- 
cum et Sffriacum editionis Eegiae Textus, Quia vera tcdisprapemo- 
dum exemplarium Chraecorum, qualis Latinorum, diuersitas est, etiam 
oHarum editiontm exemplaria Oraeca a nobis consvMa suM, Ad 
haec igitwr uniuetsa iam reeensita wmae lectiones eollatae stmt, 

Wie aus diesen Worten hervorgeht, ^tsprach der 
Werth des beigetoachten kritischen Materhds darchaus 
nkht der Menge desselben; denn abgesehen von dem hier 
und da zweifelhaften Werthe des Complutenger Textes, der 
80 viele Lesarten geliefert hatte, muss die Rilcksicht auf 
den hebraischen und griechischen Text fiir die kritische 
Bearbeitung deg Vulgatatextes Inuner bedenkUch bleiben. 
Eb wm: zu der Ausgabe auch ein kriti^cher Commentor 
versprochen worden; derselbe erschien aber erst 1580, von 
Lucas Brugensis verfasst, mit der zweiten Auflage der n&m- 
Kchen Ausgabe*). 



1) Notationes in Sacra BihUa, quibus vmiantia disereptmdibm 

28* 



— 436 — 

In dem Briefe an den Cardinal Sirlet, womit der Conmientar 
eingeleitet ist, heisst es: Jam demum prodeunt, secunda bibliorum 
editione, quae a qmnquennio (anno sc, 1574) primae editioni iungendae 
fuerant, promissae notationes . . , Statuit aynodus Tridentina, tU haec 
ipsa vetus et mUgata editio quam emendatissime imprimatur ; emendate 
autem imprimihaud posse videtur, nisi, coUatis variis illius exemplar 
ribtis, menda deprehensa eliminentur, sincera lectio admittatur, Qtui 
in re, u;t st^odi desiderio satisfaceret, theologica facultas et B, Hen- 
tenio olim etpost nobis hoc operis demandavit. Q%umquam a nobis tex- 
tus, ut ab Hentenio est editus, verbis neuitiquam mutatus sit. Non 
enim ex Hebraeo, Graeeo, Chaldaeo aut 8yro vvdgatam emendate 
studuimus versionem: sed cum variare reperta essent mUgatae ver- 
sionis exemplaria, adhibita sunt Hebraea et Grraeca, plerumque etiam 
Chalda^a et Syr a, ut dignosd posset, quae exemplaria lectionem 
servarent germanam. Hoc conati sumus, cum in marginibus bibUo- 
rum, turn maanme his in notationibus. Usqute adeo vero a nobis 
abfuit animus vel minimum recedendi ab ipsa veteris interpretis 
soriptwra, ut is scopus noster fuerit ipsam quaerere interpretis 
scripturam. 

Als Probe vom Texte und von der Einrichtung der 
Lowener Ausgaben kann folgende Stelle gelten, bei der 
die ParallelsteUen auf dem Bande weggelassen sind. 

(G := griechischer Text, M8, = Manuscripte, B = Biblia re- 
gia, d. i. Antwerpener Polyglotte, Bab. = Bhabanus. * bezeichnet 
das Ende der Lesart Asteriskus und Obelus sind wie gewdhnlich 
gebraucht " zeigt die Lesarten an, die in den angegebenen Quel- 
len statt der ebenso bezeichneten Texteslesarten steben. *** bezeicb- 
net Stellen, deren Zweideutigkeit am Bande geboben werden soil. 
Die lateiniscben Lesarten sind ebenso wie der Text, die ans grie- 
cbischen Quellen entnommenen aber mit anderer Scbrift gedrackt.) 



exemplaribus loea summo studio discittiuntur, auctore Francisco 
Luca Brugensi 8, Theol Licent. Antverpiae ex offidna Christophori 
Plawtini Architypographi Begii 1560. 4, 



~ 437 — 



10 



11 



IS 



II 



Eccl Cap. XXXIIII. Vana spes, 
et mendacium viro imenaato: A 
somnia extoUunt imprudentes. 
Quasi qui apprehendit umbrafn, 
dt persequitur ventufn : sic dt qui 
attendit ad visa mendacia, hoe 
secundum hoc visio sommorum, 
ante faciem hominis similitudo 
>► alterius * hominis. Ah im- 
mundo quid mundahitur? dt a 
mendace quid verum dicetur? 

DiuincUio erroris dt auguria, 
mendacia, dt somnia maHefaden' 
tium, vanitas est. Et sictttpar- 
ttmentis, cor tuum phamtasias 
patitur, nisi ab Altissimo fuerit 
emissa visitatio, ne dederis in 
illis cor tuum, multos enim er- 
re^re fecerunt somnia, et ex* 
dderunt sperantes in Ulis. 
Sine mendacio consummahitwr 
^'verhum >► legis', dt sapientia 
in ore fidelis " complanabitur \ 
>•- Qui non est tentatus, quid 
scit'? Vir in muitis expertus, 
cogitabit mvAta: dt qui mvMadi' 
dicit, enarrdbitinteUectum. Qui 
non est expertus, pauca reco^ 
gnoscit : 'qui autem in multis "f ac- 
tios * est, '* mtUtipJicat ' malitiam. 
>- Qui tentatiM non esty quaJia 
scit? qm implanatus est, " c^un- 
daibit nequitia\ 

Multa vidi "enarrando*, dt 
phmmasverborum eonsuctudines, 
AUquoties usq. ad mortem pe* 



• M. s, a. 



••lex Qt, 

>^ MS. Rob. 

" complantabitur, 

S MS. Rob, 

•* conaummfttio G. 



"fatuus MS, 

•* multipUcabit MS, 

>^ 8 MS. Rob. 

Q. n. 
**abundamt net/, 

MS. 



**errando 1 MS, O, 



— 438 — 



'* tfuaeretur MS, 
"viuet Gt, 
" henedicentur MS, 
Rob. 



"pauperis MS, B, Rab, 
Yemm Teztus confor- 
mia est O, 



*'/lrohftmM MS, B, 

" auToO. 



•'verbum SI MS, 
Q. n, 

**salutaris MS, G. 
>- 1 MS, G. 



8 MS, Rab, G, 



rieUUUus sum hofwn causnt, dt 
liber^u8 sum ^atia Dei, Spi' 
rihu timentium D^um "^^umri- 
iur % >^ dtinre^wUi iUius "he- 
nedicetwr \ Spes emm iUortm 
in aaiuantem illosy dt oevii Dei 

in diUgenUs se Qwi of- 

fert &aerificium ex substantia 
pmvp^rum, quasi qui vicUmat 
filiwn in conape^u patria sui* 
Panis egBntmm, vita '*p(mp^ 
rum* est: qni d^raudai iilum, 
homo sMiffuinia eat Qui uufert 
in audore panem, quaai qui ac- 
cidit prammum auum. Qui tf^ 
fimdit aanff^mnem, et qui frau- 
dem faeit ineroenario^ fratrsa 
«flm^ Vnuia asdifieana, & 'onvM 
deatruena: qmdprodeatiliia, mai 
labor? Vnua orana, (&vnmamar 
ledicana: <:mus i>ocem ^aaudiet 
Deua? Qui bapUeaiur a moT" 
tuopd^iterumianpit ^'eim*> quid 
proficit laiue^io iUiua? ai^ homo 
qui isiunai in peceatia auia: 4i 
iterum eadem faoiam, ^'d pro- 
fit hMmiimiAo h^ oratiowm 
mim qui ^xaudiet^ 

XXXV. Qui xionHruat ''U- 
gmn\ mid^fuM oraHonem* 
Saerificimm "aakUare ^ eat' 
at^indere mandaUa, 4t diwBdtre 
ab omni iniquitcfte^ *^ 4: pro* 
pitiaiioinem hinre gacrifiMi au- 
per igUmtiHaa *4 4f id^proHiMo 
pav pU9 Qti e , fwcedfre wiStmaiM' 



*14 



16 



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IB 



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16 



17 



%i^, "Reirihwii gratiam, qui of- 
fert sinUlaginem: dt qui fadt 
misericordiam, offert sacrificium. 
Benepladtum eat Domino rece- 
dere ab iniquitate >^ d depre^ 
C(xHo pro peccittia, recedere ab 
initistitia \ Non apparebis ante 
conspectum Domini vacuus. 
Haec enitn ormia propter itian- 
datum Dei fiuwt, Ohlatio iusti 
impinguat cdtare, & odor suavi- 
tatis est in conspectu Altissinii. 
Sacrificium iusti cbcceptum est 
<St '*' memoriam eius' non obliui- 
seetur Dominus. Bono animo 
gloriam redde Deo: git non mi- 
nuM primitias manuuim tucurum. 
In omni dato hilarem fac vul- 
turn tuum, & in exultatione san- 
ctifica decimas tiMS. 

Da altissimo secundum da- 
tum eius, A in bono oculo " ad- 
inuentionem ' facito manuum tu- 
arum: quoniam Dominus retri- 
buens est, dt septies tantum red- 
det tibi. Noli off err e munera 
praua, non enim suscipiet iUa, 
Et noU "inspicere* sacrificium 
iniustum, quoniam Dominus iu- 
dex est, dt non est apud ilium 
gloria personae. Non aec^net 
Dominus personam inpamperem^ 
^ depreooHonem laesi exiiudi^. 
Non d^spidet preces "pusiUi'; 
nee viduam, si effundat loquekm . 
gemiihts. 



6 MS, 






**ad inuentionem 
S MS, Q, n» 



••res/Hcere in RtUf, 



•ipoputt • 



^ • ^ 



— 440 — 

Nonne laehrymtu vidtMe od i* 

maxitlam descendunt, dt excla- 
matio.eius super deducentem eas? 

>. G. >^ A maxiUa enim ascendtmt ^ i* 

usqtie ad caelum, & Dominus 

* noH MS. Rab, Bxatiditor * delectohitur in Hits *. 

Qui adorat Deum in ohlector *® 

tione^ gusdpietur: dt depreeatio 
illiue iMq. ad nubis propinqiunbii. 

Noch yiermal erschien diese Ausgabe zu Antwerpen in 
der plantinianischen (Tfficin selbst, 1582, 1583 *), 1587 und 
1590. Nachgedruckt wurde sie mehrmals zu Lyon und 
sonst % Die grSsste Wichtigkeit erlangte dieselbe aber 
dadurch, dass sie schon seit ihrem ersten Erscheinen bei 
den Arbeiten der rdmischei^ Commission zur Grundlage ge- 
nommen wurde. Dieser Umstand ist besonders desswegen 
interessant, weil der in ihr enthaltene Text, als mit dem 
Henten'schen identisch, in letzter Instanz auf dem Ste- 
phanischen von 1540 beruht; somit haben die Resultate 
&chter wissenschaftlicher Kritik hierbei die gebtihrende 
Anerkennung gefunden, trotzdem dass sie von einem 
unkirchlich gesinnten Manne herrilhrten und mit unkirch- 
lichen Zuthaten in die Welt geschickt worden waren. 

Eine solche Erfahrung erweckt von vomherein ein 
giinstiges Yorurtheil fUr den wissenschaftiichen Gharakter 
der Bemtlhungen, welche in Rom seit 1546 nicht unter- 
brochen worden waren '). Vorerst batten dieselben bloss 



1) In diesem Jahre sind nach Masch 1. c. zwei Ansgaben erschie- 
nen, ^ne in Folio, die andere in Octav. Eine mir yorliegende Octar- 
auBgabe tragi die Jahreszahl M. D. LXXXIHI; vermathlich ist diei 
die letztgedachte. 

2) Masch I c. p, 234. 

9) Fur dan Folgende dienen all Quelle die PtoUgamtna^foti 



— 441 — 

theoretische, vrissenschaftliche Bedeutung gehabt, insofern 
mehr liber die Moglichkeit und die Methode der Testes- 
besserung Erdrterungen gepflogen worden waren, als dass 
bereits Hand zur Aasfdhrung dieses Untemehmens ware 
angelegt worden. Das Goncil von Trient hatte der prak- 
tischen Arbeiten so viele nahe gelegt, und die Verhand- 
lungen desselben nahmen die allgemeine Aufmerksamkeit 
in solchem Maasse in Ansprach, dass die Revision des 
Bibeltextes wohl den Lowener Gelehrten liberlassen wer- 
den konnte. Das Goncil war aber noch nicht beendigt, 
als Pabst Pius IV., der von 1559 — 1565 regierte, an's 
Werk ging, urn dem Geiste desselben entsprechend 
eine zuverl&ssige Ausgabe des Vulgatatextes zu ver- 
anstalten. Zur Ausfiihrung dieses Vorhabens ernannte 
er eine Commission, die aus den Cardinalen Johannes 
Morone, Job. Bernardin Scotti, Anton Amulius und Vitel- 
lius bestand. Wissenschaftliche Beihiilfe leistete vor Allem 
der damalige Protonotar und sp§,tere Cardinal Sirlet, der 
fortwUhrend mit den Yorarbeiten zur Revision beschUftigt 
geblieben war. Die Ernennung der Commission scheint 
in's Jahr 1560 gefallen zu sein; denn schon 1561 glaubte 
der Cardinal Seripandus zu Trient das Werk so weit ge- 
ffirdert, dass bald der Druck begonnen werden k5nne, und 
wirklich berief Pius lY. den bekannten Buchdrucker Paulus 



Ungarelli vor Vercellone's Varr, Lectt. Vol L mit den wichtigen 
Zusfttzen and Yerbesserungen des letztern, so wie die vierte von 
Yercellone's Abhandlungen : Stttdi fatti in Boma e mezzi usaU per 
oorrepgere laBibbia Volgata, Diss, Aecad, p. 67. Dazu gehGren 
die hOchfit werthvoUen Originaldocamente p. 79—96. Ygl. Reusch, 
Zur Geschichte der Entstehung unserer officiellen Yulgatft, im Ka- 
tholiken 1860 8. 1. 



— 442 — 

Maontnis nadi Bam, mii die Dnickl^iiiig za Idtea. Oft 
aber die Commissum das Besoltat ihrer Be^isioosarbeiteD 
Doch nicht zaverlassig geong glaubte, so ward der Druck 
einstweilai au^geschobeiL Die Arbeiten warden nichtsdesto* 
wemga* mit grosson Eifer weitergefohrt ^). 

Unter Pins Y. (1565 — 1572) 20g zwar die Heraosgabe 
des rftniscbffli Eatecbismos sowie des emeadbrten Breviers 
ond Missals Kr&fte ond Anfinerksamkeit ia etwa Ton der 
y^bessemng des Ynlgatatextes ab; allein die Commission 
zor Aosfobrnjig derselben blid) besteboL Eine Urkunde 
im geheimen Arcbiy des Yatikans bewabrt die Nam^i der 
Mitglieder, welche im Jafare 1569 za derselb^i geborten. 
£s sind die der Cardinale Marcos. Antonius Colonna, Wil- 
befan Sirlet, Ladovico Madmcei, Hieronymns Soucbier, An- 
tonio Garaffia als Mitglieder, sowie die der Gonsnltoren 
Eostacbins Locatellas aos dem Predigerord^ spatem Bi- 
scbofes von B^gio, Tbomas Manriqnez, magister s. pa- 
latiij Marianas Yictorias, spatem BiscbofB yon Beate, des 
Dominieaners Mag. Paulinas, des Garmeliters Job. de JRu- 
beis, des Jesuiten Emmanuel Sa, des Benedictiners Eu- 
titius Cordes and des berabmten Agellias, spatem Bi- 
schols yon Acemo, nocb eines Jesuiten, eines Ci- 
sterziensers and zwei^ sonst nicbt bekannten Weltpiie- 
ster^). Yon den Yerhandlungen dieser Congregation sind 



1) Der oben S. 239 erw&hnte vaticaiiische Codex n. 4216 wurde 
naeh einer Notiz im Archiv der Yaticana am 21. Oct 1562 an Sirkt 
cor Vergleichung verabfolgt Vercell. F. L, L p. XIX, Ebenso 
erhielt, wie das KlosterarebiY ron St Paul bexeugt, der Oaidinal 
Amolios am 12. Mai 1564 aaf Ansachen des Cardinals Morone den 
oben S. 237 genaanten Codex CaroUfims znr CoUaUoairang. Dita. 
Aecad, j». 6Q, 

2) VerceU. F. L, I. p. XXII, Disd, Accad, p. 88. 



— 443 — 

die I^otokolle aus sechsuBdzwanzig Sitzungen, die vom 
28. April bis zum 7. Dezember 1569 gehalten wurden, 
noch Yorhanden; in diesen Zusammenkiinften wurde der 
Text der Biicher Grenesis und Exodus durchgearbeitet. 
So scheinen die Arbeiten fortgesetzt worden zu seiu, 
obwohl die spatern Acten der Commission noch uicht 
aufgefimd^ sind. In jeder Sitzung verhandelte man dber 
die Varianten und die an diese sich scMessenden Zweifel, 
welche sich in drei bis vier Capiteln vorfanden; jeder 
Gonsoltor braehte seine Grtinde ftir und gegen die eine 
Oder die andere vor, und schiesslich setzte man die Les* 
art durch Stimmenmehrheit fest. Dies alles forderte viele 
Zeit, und man kam bald zu der Einsicht, dass die Ar- 
beit sich noch lange hinziehen konne. Im April 1571 
schrieb desswegen Thomas Manriquez an den Yenediger 
Buchdrucker Giunta, er soUe nur die plantinianische Bibel 
von 1569 neu auflegen, well die Arbeit der „r5mischen 
Correctoren^^ noch nicht zum Abschlusse gediehen sei. 
Auch an Plantin selbst schrieb Manriquez in aHnlichem 
Sinne ^) ; dieser stellte in Folge dessen das Resultat seiner 
Handschriftenvergleichung ^) der romischen Commission zur 
VerfUgung. 

Unter Gr^or XUI. (1572—1585) erhielt die Druck- 
l^ung der revidirten Yulgata einen weitern Aufschub durch 
die ?ieue Bearbeitung des julianischen Kalenders und des 
Corpus Urns canonid ; die Arbeiten zur Revision aber wur- 
den nur mit desto grosserem Eifer fortgesetzt Je langer 
dieselben sich hinzogen, um so besser sah man die Grosse 
und Schwierigkeit des Unternehmens ein, und um so mehr 



1) S. oben S. 488. Anm. 2. 

2) S. ob«n S. 484. 



— 444 — 

erweiterte man auch den Maassstab, nach dem dasselbe 
soUte ausgefUhrt werden. Dem entsprechend machte im 
Jahre 1578 der damalige Cardinal Peretto dem Pabste den 
Yorschlag, als Hiilfsmittel zu einer gesicherten Revision 
der Yulgata erst eine kritische Ausgabe der Septuaginta 
zu veranstalten. Gregor XIII. ging auf den Vorschlag ein 
und gab dem Vorsitzenden der Vulgatacommission, dem Car- 
dinal C^raffa, Befehl, eine Commission von Gelehrten zu 
diesem Zwecke niederzusetzen. Caraffa wablte im Ganzen 
dieselben, welche auch die andere Conmiission bildeten; 
unter diesen war damals der Cardinal L9.1ius Landus, der 
Domherr Fulvius Orsini, Agellius, Bellarmin, der Franzose 
Petrus Morin, der Spanier Valverde, der Englander Wil- 
helm Allen. Die neue Aufgabe konnte erst im Jahre 1587, 
zwei Jahre nach Gregorys XIII. Tode, vollendet werden, 
und die directe BeschUtigung mit der Yulgata blieb so 
lange sistirt. 

Inzwischen hatte der Urheber dieses Untemehmens, 
der Cardinal Peretto, unter dem Namen Sixtus V. den 
p&bstlichen Thron bestiegen. Sogleich nach Herausgabe 
der Septuaginta dr&ngte dieser, nun auch die Herausgabe 
der Yulgata zu beschleunigen, und die Commission (Suctmi) 
nahm dessfalls ihre regelmassigen Sitzungen im Palaste des 
Cardinals Caraffa wieder auf. Aus dieser Zeit sind ziem- 
lich Yollstandige Nachrichten tLber die Hiilfsmittel erhalten, 
welche der Commission zu Gebot standen; die Aufzfthlung 
derselbeu kann zeigen, dass sie im richtigen Yerh&ltnisse 
zu der eminenten BefSliigung der Commissionsmitglieder 
standen. Am meisten trug zur Yermehrung dieses Beich- 
thums der Papst «elbst bei, der seine Machtvollkommenheit 
auf bot, um die handschriftlichen Sch&tze des ganzen Abend- 
landes herbeizuschaffen. Die Yaticanische Bibliothek hatte 



— 445 — 

hierzu das Wenigste geliefert, well sie bei allem Reichtbum 
an Bibelhandschriften docb keinen Vulgatatext von beson- 
derem Alterthum enthielt. Dagegen mussten die Benedic- 
tiner von St. Paul und die Oratorianer ihre friiher schon 
erwUhnten Handschriften aus dem 9. Jahrhundert herleihen ; 
der Codex OUobonianus ^ Yf&r schon seit langer Zeit durch 
den Cardinal Marcellus Corvini in die Hand'e der Com- 
mission gekonmaen. Die Handschrift aus dem 10. Jahr- 
hundert, von der oben S. 239. die Rede ist, war in der 
Basilica St, Maria ad Martyres, wo sie Sirlet coUationirte. 
Der Cardinal Caraffa selbst kaufte alle Handschriften der 
Vulgata an, die damals kauflich wurden, und stellte sie 
sammtlich der Commission zur Verffigung; darunter war 
auch ein Correctorium aus dem 13. Jahrhundert. Ausser- 
dem wurde die Handschrift aus dem Avellaner Kloster 
zur Benutzung eingeschickt ; die Benedictiner zu Florenz 
mussten auf Geheiss des Pabstes die besten Handschriften 
in ihrer Nahe, zw51f an der Zahl, vergleichen und die 
Variantensammlung nach Rom einsenden. Noch reichere 
Emte bewirkte der Befehl des Pabstes bei den Benedic- 
tinern auf Monte Cassino, die in ihrer Bibliothek vierund- 
zwanzig alte Handschriften der Vulgata besassen; dies6 
alle collationirten sie sorgf9.1tig und sandten die Varianten 
an die Commission. Erst ziemlich splU; erhielten die r5- 
mischen Correctoren Kenntniss von dem uralten Codex 
Amiatinus; die Cisterzienser zu Mont' Amiato machten 
seinetwegen yiele Schwierigkeit, allein der ausdrilckliche 
Befehl Sixtus V. zwang sie, ihn nach Rom zu schicken, wo 
er bald die Grundlage der ganzen Revision bildete Die 
Aufmerksamkeit des Pabstes und der Correctoren erstreckte 
sich aber auch in die LUnder ausserhalb Italiens. Aus 
Frankreich war wenig Neues zu hoffen, well die Ausbeute der 



— 446 — 

dortigen BibHotheken in den Stephanischen Bibeln voriag. 
Auch aus den Niederlanden batten die L6wener Theologen 
schon das vorhandene Material gesammelt, und Plantinas 
hatte zum Ueberfluss die Collation seiner vielen Hand- 
schriften eingpsandt Dagegeh erhielt man Nacbricht, dass 
in Spanien noch uralte Codices der Vulgata seien, imd 
der p§,bstlicbe Nuptius daselbst besorgte eine Collation 
derjenigen beiden, welche fQr die besten gehalten warden. 
Dies waren die in den Cathedralkircben zu Leon und zu 
Toledo befindlichen; sie wurden mit einem gedruckten 
Exemplar verglichen, auf dessen Rand die Varianten ge- 
schrieben wurden. Soweit reichen die vorhandenen Nach- 
richten ; unsere Aufzahlung gibt indess nur einen Tbeil des 
Yorbandenen Materials an, und in den Acten der Commis- 
sion finden sicb Notizen aus mancherlei andem, jetzt on- 
bekannten Handscbriften *). 

Das Yerfahren war folgendes. Als Ausgangspuid^t der 
Yer&rleicbung diente die plantinianische Ausgabe von 1583. 
Der gelehrte LaJius verglicb den Text derselben mit den 
einzelnen Handschriften, AgeDius aber mit dem griechiscben 
und bebraiscben Texte. Ueber die so entstebenden, auf 
einzelne Stellen beztiglicben Fragen referirten dann beide 
in den Sitzungen, und es wurde iiber jede ausfdhrlieh 
discutirt. Die bierbei einzuhaltenden Gesichtspunkte batte 
der Pabst selbst angegeben. Die Aufgabe war, dem Texte, 
qualis prima ah ipsiu^ interpretis manu stUoque prodierai^ 
so nabe zu kommen, als es moraliscb m^glicb sei ^). Da- 
bei soUte jedoch die durcb den IdrcbMcben Gebraucb ein* 



1) Vercell. Diss. Accad. p. 66 sq. Dazu die Documenti IX- 
:SfIL p. 89 sq. 

2) CoHstU, Sixti V, Aeternm (lie vom 1. Mai 1587. 



— 447 — 

gefOhrte Gcstalt in etwa geschont und keine gar zii auf- 
fallende Aenderung getroflfen werden. Dieser Grundsatz 
scheint den Regeln der Kritik zu widersprechen ; er zeugt 
aber von grosser Einsicht, insofem gerade die jahrhnnderte- 
lange Praxis der Kirche als ein kritisches Zeugniss von 
hoher Wichtigkeit angesehen werden muss. Die Fest- 
stellung der Lesaxt soUte mit Rticksicht auf das Alter 
und die Genauigkeit ' der Handschriften oder auch der 
Drucke, welche solche Handschriften reprasentirten , er- 
folgen. Daher kommt es, dass die Emendationen der six- 
tinischen Commission besonder^ hM.ufig mit dero Amiatinus 
stimmen. In zweiter Linie soUten die Citate der Vater 
und altesten Ausleger zu Hulfe gerufen werden. Nur da, 
wo auf solche Weise keine Sicherheit erlangt werden 
kdnnte, sollte man den hebrlUschen und griechischen 
Text befragen, aber nicht, um danach zu ftndem, son- 
dem bloss, um durch deren Zeugniss Aufschluss tiber 
die Bedeutung und event. Entstehung der vorhandenen 
Lesarten zu bekommen. Auch die Wortliclikeit oder Ele- 
ganz der Uebersetzung dtirfe durchaus keinen Ausschlag 
fttr die Wahl dieser oder jener Lesart geben. Dann soil- 
ten sorgflUtig alle Einschiebsel entfernt werden, welche mit 
der Zeit unkritisch in die Vulgata gekommen waren. Der 
Text zuMzt sollte endgtiltig festgestellt und jede Beiftigung 
von Varianten am' Rande unterlassen werden. Alle diese 
Grundsdtze wurden in der Commission gewissenhaft zur 
Geltung gebracht. Die Aenderungen, zu denen man sich 
einigte, wurden auf den Band von einem Exemplar der 
oben erw&hnten plantinianischen Ausgabe geschrieben; wo 
Zweifel bestehen blieben, trug,man die verschiedenen Les- 
arten mit den Grilnden ftlr und wider auf dem Rande ein. 
So veriSossen zwei Jahre . 



— 448 ~ 

Gregen Anfang des Jahres 1589 wurde der corrigirte 
Text dem Pabste iibergeben. Dieaer hatte ein solches In- 
teresse an dem Unternehmen, dass er sogleich die ganze 
Arbeit eigenhSndig revidirte. Hierbei stellte er die streitig 
gebliebenen Stellen endgiiltig fest, anderte aber viele der 
schon entschiedeneh Lesarten. Aus welchen Ursachen oder 
nach welchem Princip das letztere geschehen, weiss man 
nicht; noch aber ist das betr. Exemplar zu Rom vorhan- 
den, das die Thatsache sicker stellt. Am Wahrscheinlich* 
sten ist, dass dem Pabste die grosse Abweichung von den 
Lowener Texten, auf die er besonderen Werth legte, miss- 
fiel, und dass er die neue Ausgabe in grossere Ueberein- 
stimmung mit jenen zu bringen suchte. Die Vorstellung 
Garaffa's, der sich und die Commission hierdurch desavouirt 
sah, vermochten den Pabst nicht davon abzubringen. Viel- 
mehr verwandte er, nach eigenem Gestandnisse, auf diese 
beschwerliche Arbeit mehrere Stunden jedes Tages und 
gonnte sich keine Ruhe, bis AUes voUendet war. Den* so 
festgestellten Text erhielt Aldus Manutius, um ihn in der 
vaticanischen Druckerei herauszugeben ; den Druck Uber- 
wachten der Augustiner Angelus Rocca, sp&ter Bischof zu^ 
Tagaste, und der Jesuit Franz Toletus, spater Cardinal ge- 
worden. Sogleich nach Beendigung der Durchsicht ent- 
warf der Pabst auch die BuUe, welche der neuen 
Ausgabe vorangedruckt werden sollte. ' Weil ihm an der 
genauen Fassung derselben besonders viel gelegen war, 
liess er von derselben erst einen Probedruck (ohne be- 
stimmtes Datum) herstellen, den er dann lange und sorg- 
faitig verbesserte ^). Da sich von dieser vorlftufigen Fas- 

1) Yermuthlich stammt aus dieser fortgesetzten BescMftigung 
die Breite und Ausftlhrliclikeit, welche das Actenstttck erhalten hat. 
Ygl. unten die ausgehohenen Stellen, 



— 449 — 

sung sp&ter Exemplare gefunden haben, so ist die irrige 
Meinung entstanden, Sixtus V. habe zwei verschiedene Bi- 
belausgaben veranstaltet. W&hrend des Druckes nun liess 
der Pabst sich jeden einzelnen Correcturbogen bringen und 
sah denselben mit aller ihm mSglichen Sorgfalt durch; 
dass hierdurch indess nicht alle Druckfehler verhiitet war- 
den konnten, liegt in der Natur der Sache. Bei der 
Energie, womit der Pabst die Vollendung betrieb, konnte 
so schon im Juli 1590 die ganze Ausgabe fertig hergestellt 
werden; sie erschien in drei Foliob&nden mit doppeltem 
Titel in der vatikanischen Druckerei. 

Wichtig ist besonders der Inhalt der Bolle, welche dem ersten 
Bande dieser Ausgabe voraufgedruckt steht. Hier finden wir zuerst 
aasftllirliche Mittheilong tlber die Ursache der Herausgabe, sowie 
fiber die bei derselben befolgten Grunds&tze. Cum non in haereti- 
da tantum, heisst es bald nach dem Eingang, sed in catholicia 
etiam quibtisdain, tametsi consilio dissimiU, subortufn sit nimium 
quoddam nee plane lauddbile studium et quctsi libido scripture 
latine interpretandi : malorum omnium artifex Satanas per illos, 
licet nihil tale cogitantes, ex hoc ipsa tarn incerta ac muitiplici 
versionum diversitate et varietate sumpta occasione sic miscere 
omnia atque in dubium revocare et, si fieri posset, rem eo perdu- 
cere contendit, ut, dum scripturarum verbis diversi interpretes dliam 
atque aliam formam ac speciem induunt, nihil in eis certi, nihil 
rati ac firmi, nulla denique invioldbilis auctoritas sine magna dif- 
ficultate reperire posse videretur, ita ut hoc saectdo valde timen- 
dum fuerit, ne in priscum illud edUionum chaos rediremus, de quo 
b, Hieronymus inquit: apud Latinos tot sunt exemplaria, quot co- 
dices Quare hmc morbo sacrosancta Tridentina syno- 

dus mederi cupiens statidt ut ex omnibus, quae circumferuntur, sa- 
crorum librorum latinis editionibus ipsa vetus ac vulgata, quae 
longo tot saeculorum usu in ecclesia probata est editio, in publids 
lectionibus, disputationibus, praedicationibus et expositionibus pro 
authentica habeatur et nemo illam reiicere quovis praetextu atulea^^ 

Kaulen, Qeichiohte der Volgata. 29 



— 450 — 

vel pratesumat. Haec autem vtHgata editio cum una esset, variis 
leetiombns in plures quodam modo distracta videbatur, Quarum 
licet nonnuHlas aut veterum codicum aut sanctorum patrum invexis- 
set auctoritas, plurimae nihilominus vel ex iniuria temporum vel 
ex librariorum incuria vel ex impressorum imperitia, vel extemere 
emendantium licentia, vel ex recentiorum interpretum audacia, qui 
ecclesiae filii cum sint, minus tamen ecclesiae doctoribus, quam Ju- 
daeorum Babbinis morem sibi gerendum putarunt: vel demum ex 
haereticorum scholiis ad marginem captiosisque fallaciis obrepserant. 
Et quamvis in hoc tanta lectionum varietate nihil hucusque reper- 
twm sit, quod fidei et morum causis tenebras offundere patuerit, 
verendum tamen fuit, ne crescente magis ac magis in dies addendi 
detrahendique temeritate haec probatissima scripturarum editio, 
quam vinculum pads, fidei unitatem, charitatis nexum, dissentien- 
tium consensionem, certissimam in rebus dubiis normam esse opor- 
tebat, plerisque contra schismatis et haeresis inductio, dMtationum 
fluctus, involutio quaestionum, discordiarum seges et piarum men- 
tium implicatio multiplex evaderet. Quod in septuaginta interpre- 
tum graeca editione beatus Hieronymus, in Latina vero sanctus 
Augustinus olim accidisse commemorant. Tanta autem lobes ne 
adhuc ufterius serperet sensimque in vulgatam editionem nostram 
mana/ret, sapienter eadem oecumenica Synodus Tridentina decrevit, 
ut haec ipsa vetus et vulgata editio posthac quam emendatissime 
imprimeretur. Verum quia nihil profuisset huitM editionis auctori- 
totem gravissimo sanxisse decreto, si illius quae germana esset 
lectio nesciretur sacerque textm it a disputantium pater et arbitrio, 
ut is, qui adversus perfidum hostem tamquam vdlidissimus mucro 
districtus fuerai, idem et clypeus fieri posset, quo debilitati iam 
coesique hostis latera tegerentur, id igitur nos indigne ferentes 

m 

eoque indignius, quod per hosce iam viginti duos annos, qui a 
dicto Tridentini concilii decreto ad nostri t^que pontificatus exor- 
dium inter flu^xer ant, licet huiusmodi opus aliquando coeptumfuerit, 
tamen ob alias fortasse occupcttiones intermissum nullumque huic 
imminenti mcdo remedium adhibitum fuerat, ac propterea tanto 
impensiore euro ac studio id prosequendum censentes, quanto magis 
et ob omnibus Dei ecclesiis expetitur et synagogis satanae refor- 



— 451 — 

midatur; cum primum €td apostolicam heati Petri sedem cUvina noa 
miseraiio, mentis licet imparibus, evocavit, nihil tandem anti^uitts 
habuimus, qiKim ut primo quoque tempore optatissimam istam vul- 
gtxtae editionia emendationem aggrederemur, Itaque viroa complurea 
doctoa, qui aanetarum acripturarum, aacrae theologiae muHtarum- 
que linguarum adentia ac diuturno variarum rerum usu curique, 
cum dliqmd diacemendum eat, iudicio ac sollertia praeatarent, de- 
legimua ac aimul congregavimua, ut in germana ainceraque aacri 
textua editione perquirenda atrenue laborarent nobiaque adiumento 
forent. Noa enim rei magnitudinem perpendentea ac provide con- 
aidercmtea'f ex praeciptto ac aingulari Dei privilegio et ex vera ac 
legitima aucceaaione apoatolorum prindpia b, Petri, pro quo Domi- 
wua ac reiemptor noater, ab aeterno patrepro aua reverentia proctU 
dubio exauditua non aemel tantum, sed aemper rogavit, ut eiua fid^a 
rum humana carne et aanguine, aed eodem patre inapirante ei re- 
velata, nunquam deficeret: cui etiam Dominm inivnxit ut caeteroa 
apoatoloa in eodem fide confirmaret: qui denique, aicuti confidimua, 
divinam pro nobia opem uaque ad conaummationem aaeculi, eccleaiae 
catholicae promiaaam imphrare non ceaaat, ad noa in eiuadem Petri 
cathedra, in qiut eiua vivit poteataa et exceUit atu^oritaa, Deo aic 
diaponente conatittUoa totum hoc iudidum propria ac apeciaUter 
pertinere, Dei omnipotentia auxilio auppliciter invocato, et ipaiua 
apoatolorum prindpia auctoritate confid, ob publicam aanctae Dd 
eededae utiUtatem haudquaquam gravati aumua, inter dliaa Ponti- 
fi^ae aollidtudima ocoupationea hunc quoque non mediocrem Cbccur 
ratae lucubraUonia lai^orem auadpere aitque ea omnia perlegere, 
q^ae aUi coUegerant mii senaeranti diveraarum lectionum rationea 
perpendere, aanctorum doctorum aententiaa recognoacere, quae qui- 
bua anteferenda eaaent, diiudicare, adeo, ut in hoc laboriodaaimas 
emendationia curricuio, in qtu) operam quotidianam eamque pluri- 
bua horia collocandam duximua, aliorum quidem labor fuerit in 
c^naulendo, noater autem in eo, quod ex pluribua eaaet optimum, 
deligendo: ita tamen, ut veterem multia in eccleda abhinc aaecuiia 
receptam lectionem omnino retintierimua, Novam interea typogra- 
phiam in apoatolico vaticano palatio noatro ad id potiadmum ma- 
gnifice exatruodmua atque ad eiua curam CQngregationem dliq%u>t 

^ 29* 



— 452 -- 

sanctae romancie eeelesiae cardinalium et insigne collegium dociiS' 
simorum virortim fere ex omnibus christiani orhis nixtionibus et 
celeberrimis atudiorum generaJium universitatibua, amplis opuLen- 
Usque redditibus dotatum deptUammus, ut in ea em^ndatum iam 
bibliorum volumen excuderetur: eaque res quo magis incorrupte per- 
ficeretur, nostra nos ipsi manu correximus, si quapraelo vitia obre- 
pserant, et quae confusa aut facile confunM posse videbantwr, ea 
intervaUo scripturae ac maioribus notis et interpunctione distinxi' 
mus. Ceterum nostri ne huius conMUi institutique rationes igno- 
rentur, sed potius universae ecclesiae catholicae ipsique posterita;{i 
notissimae ac testatissimae relinquantur cu/nctique facile intelligant, 
quisnam ordo in hoc opere conficiendo, quae lex ac methodus inita, 
quae indagandi veri norma a nobis servata sit : illud san§ omnibtts 
certum atque exploratum esse volumus, nostros hos lahores <ic vi- 
gilias nunquam eo spectasse, ut nova editio in lucem exeat, sed ut 
vulgata vetus ex Tridentinae synodi praescripto emendatissima 
pristinaeque suae puritati, qudlis primum ab ipsius interpretis 
manu styloqueprodierat, quoad eius fieri potest, restituta imprima- 
tur. In hac autem germani textus perv&stigatione satis perspicue 
inter omnes constat, nullum argumentum esse certius ac firmius, 
quam antiquorum probatorumque codicum latinorum fidem, quos 
tam impressos, quam manuscriptos, ex bibliothecis variis conqui- 
rendos curavimus. In qua^umque igitur lectione plures vetmtiores 
atque emendcMores libri consentire reperti sunt, ea iure optima, 
tamquam primigemi textus verba aut his maodmefinitima retinenda 
decrevimus. Id vero ad germanam editionem constabiliendamprae-^ 
sidium sicubi desideratum est, tunc sanctorum patrum veterumque 
expositorum enarrationes, quibus diversa scripturarum loca et libros 
iUustrarunt, subsidio fuerei in quibus, quidquid e re nostra obser- 
vatum fuxt, id in huius operis partem adsdtum est In iis tandem, 
quae neque codicum, neque doctorum magna consensione soitis munitd 
videbantur, ad hebraeorum graecorumque exemplaria duximus conr 
fugiendum, non eo tamen, ut inde latini interpretis errata corrige- 
rentur, sed ut in eorum verborum locum, quae, cum apud latinos 
ambigua sint, potuissent, quo non oporteret, inflecti, certum ailiquid 
atque indubitatum sufficeretur, svve ut, quod apud nos variantibus 



— 453 — 

codicihiM inconatcms, diversum ac multiplex erat, id umforme, con- 
aanum, uniusque modi ipsorwn fontium veritate perapecta, aan- 
ciretur. 

Diese Daxlegung, deren Elarhelt und Bestimmtheit 
gewiss nichts zu wdnschen Ubrig lS.sst, fordert doch in 
einem Theile ihres Inhaltes zur Eritik heraus. Offen- 
bar hat der Eifer fiir eine gute Sache den feurigen 
Eirchenhirten zu weit, namlich zur Inconsequenz getrie- 
ben. Wenn Sixtus der von ihm eingesetzten Congrega- 
tion bloss eine berathende Stimme eingeraumt, sich selbst 
aber die Entscheidung vorbehalten hat, so hat er mit 
andem Worten ihr bloss die Vorbereitung des Materials 
Uberlassen und die eigentliche Eritik des Textes selbst 
ausgetibt. Eine solche Arbeit nun erfordert einen hohen 
Grad wissenschaftlicher Fahigkeit und Erfahrung^ und der 
Pabst ware in seinem Recht gewesen, wenn er aus dem 
Bewusstsein, diese zu besitzen, so, wie er that, gehan- 
delt hatte. Dass er aber statt auf solche Befahigung 
vielmehr auf die dem Nachfolger Petri verheissene Un- 
triiglichkeit im Glauben recurrirt, ist der Sachlage durch- 
aus nicht entsprechend. Die Gewissheit namlich, dass 
diese oder jene Lesart dem ursprtinglichen Texte ange- 
hore, ist eine rein historische Wahrheit, deren Ermitte- 
lung nicht durch iibematiirlichen Gnadenbeistand, sondem 
durch Anwendung menschlicher Erafte geschieht. Dies 
ist urn so gewisser, weil der Pabst selbst erklSrt, dass 
% bei all den verschiedenen Lesarten, zwischen denen die 
Wahl vorzunehmen war, nichts den Glauben oder die 
Sitten Berilhrendes vorfindlich war. Indem also Sixtus 
sich auf ein Gebiet begab; das der Competenz des 
Eirchenoberhauptes nicht unterstand, setzte er sich gewiss 
der Gefahr aus , zu irren, und die. Beschaffenheit seines 



— 454 — 

Textes zeigt, dass er dieser Gefahr unterlegen ist. Derai 
statt, wie er sich selbst als Ziel vorgesteckt hatte, den 
Vulgatatext der ursprunglichen Gestalt mSglichst zu 
nfthern, hat er ihn vielmehr mit den Lowenern Aus- 
gaben in Uebereinstimmung gebracht, und dies auf Eosten 
der Gruhds9.tze , die er selbst als oberste Normen auf- 
gestellt hatte. 

Eine solche kritisch unvollkommene Beschaffenheit 
des Textes that nattirlich dem authentischen Charakter 
derselben keinen Eintrag, und Sixtus war daher voll- 
stfindig berechtigt f ortzufahren : 

J^d laudem et gloriam ommpotentts Dei, cathoUcae fidei c&n^ 
servationem et incremerUum €ic 8acro8€mctae ufdverscUis ecclesiae 
utilitatem hac nostra perpetuo vMtura comtituttone de eonm4evi 
venerabiUum fratrum nostrorum S. B. E. CardincUium super typo- 
graphia vaticana deputatorum consilio et assensu, quorum opera 
et industria in hac ipsa vulgatae editionis emendatione, in rebus 
praesertim gravioribus usi sumus, et ex certa nostra scifsntia, de- 
que apostolicae potestatis plenitudine statuimus ac declaramus, earn 
mUgatam sacrae tarn veteris, quam novi testamenti paginae laM- 
nam editionem, quae pro authentica a conciUo Tridentino recepta 
est, sine ulla dubitatione aut controversia censendam esse hanc 
ipsam, quam nunc, prout optime fieri potuit, emendatam et in 
Vaticana typographia impressam in universa repMica atque in 
omnibus (^kristiani orbis ecclesiis legendam evuHgamus, 

Ein ganz neuer Begriif tritt aber nun in die Ge- 
schichte der Vulgata ein, indem Sixtus V. femer be- 
stinunt: 

Decernentes, earn prius quidem universaU sanctae ecclesiae cui 
sanctorum patrum consensione, deinde vero generalis condlii Tri- 
dentini decreto, nunc demum etiam apostolica nobis a domino tra- 
dita auctoritate comprobatam pro vera, legitima, authentica et in- 
tMntata in omndbus publids privatisque dispidationibus, lectiond- 
bus, praed4cationibu8 et explanationibt43 redpiendam et tenendum 



— 455 — 

esse, Districtiys vera inhibemus, ne umquam perpetuia futuris 
temporibus- novae viUgatae editionis posthac bibliorum sine expressa 
apostolicae sedis Ucentia textus imprimatur, neve quisquam pri- 
vate aut peculiari suo sensu aliam editionem sibi confingere 

audeat vel praesumat quae vera antehac quibmcumqtie in locis 

impressa sunt, iuxta hunc nostrum textum ad verbum et ad litte- 

ram corrigantur; idque tam in impressis, quam in imprimendis 

Misscdibus — — et aliis ecdesiasticis libris quoad eas tantum 

i scripturae lectiones et verba, quae ex vidgata editione sumta aique 

in eisdem libris inserta fuisse constai, ubique servetur, 

Nulli ergo hominum liceat hanc paginam nostri statuti declaratio- 
nis, decretorum, voluntatum, prohibitionis et derogationis infringere 
vel ei ausu temerario contraire, Siquis autem hoc attentare prae- 
sumpserit, indignationem omnipotentis Dei ac beatorum Petri et 
Pauli apostolorum eius se noverit incursurum. 

Was durch diese Verordnung neu gewonnen wird, 
ist der Begriff des officiellen Textes. Da ders^lbe sehi' 
oft mit dem des authentischen Textes verwechselt wird, 
so ist es nSthig, die leicht erkennbaren Unterschiede 
beider hervorzuheben. Der Begriff der Authenticitat kommt 
der Yulgata im Gegensatz zu alien tibrigen lateinischen 
Bibeltexten zu; die officielle Geltung aber sollte nach Six- 
tus' Yerfiigung nur eine bestimmte Recension der als au- 
thentisch erkl^^rten Yulgata haben. Der authentische Cha- 
rakter der Yulgata beruht auf der traditionellen Anerkennung 
derselben und ist vor jeder kirchlichen Bestimmung vor- 
handen gewesen; der ofSicielle Charakter einer bestinunten 
Textesform aber geht nur aus einer positiven Bestimmung, 
die auf Nutzlichkeitsrucksichten basirt, hervor. Jede Bibel- 
ausgabe, welche den alten Yulgatatext wesentlich richtig 
darbietet, enthalt den authentischen Text gultig; dazu 
gehSren die Stephanischen Ausgaben vor 1550, die Lowe- 
ner und Plantiner Drucke, die Biblia ordinaria und un- 



— 456 — * 

z&hlige andere. Officiell aber ist durch Sixtus einzig der 
1590 im Vatican gedruckte Text erlaubt worden. 
Die rein praktischen Griinde, auf welchen diese Maass- 
regel beruht, sind aus richtigem und weisem Ermes- 
sen hervorgegangen. Der von der Kirche als authen- 
tisch erklarte Text der hi. Schrift war wohl seiner 
wesentlichen Gestaltung nach unzweifelhaft vorhanden; 
die einzelnen Ausgaben desselben aber wichen in unwe- 
sentlichen Stlicken vielfach von einander ab. Der von 
der Kirche intendirte Zweck aber konnte nur dann voll- 
standig erreicht werden, wenn auch solche unwesentlichen 
Verschiedenheiten aufgehoben wurden. Dies zu bewerk- 
stelligen, musste Sache menschlicher Erkenntniss und 
menschlicher Arbeit bleiben; daher ward es nach 
dem Concil vorerst der Thatigkeit von Privatgelehrten 
dberlassen, und auch was spater von der kirchliehen 
Gewalt selbst zu dem nfimlichen Zwecke geschah, ward 
auf rein menschlichem , erfahrungsmassigem Wege voU- 
bracht. Da aber der Erfolg zeigte, dass die mensch- 
lichen Mittel nicht hinreichten, um iiber die Beschaffen- 
heit des achten Vulgatatextes eine ganz vollstandige Ge- 
wissheit zu erhalten, so ersetzte der Pabst diesen Mangel 
durch die kirchliche Auctoritat und gab seiner Ausgabe 
dadurch relativ denjenigen Charakter, den eine vollstM- 
dige Identitat mit dem ursprfinglichen und zuerst aner- 
kannten Texte ihr verliehen haben wiirde. 

Dieses Verfahren erscheint innerlich durchaus be- 
rechtigt und seinem Zwecke entsprechend. Die Erklarung 
von dem authentischen Gharakter der Vulgata ward erst 
durch ein solches Vorgehen praktisch wirksam, und viele 
zwecklose Erorterungen wurden dadurch abgeschnitten. 
Es blieb numnehr ' bloss noch eine weitere Gonsequenz 



— 457 — 

zu Ziehen, die der entschiedene Kirchenftirst nicht liber- 
sehen hatte, und die um ihres Zusammenhanges mit der 
obigen Verordnung willen ebenfalls als hochst berech- 
tigt und verstandig erscheint. 

Verum, sagt Sixtus, qtwniam ex variis, quae hactenus ad mar- 
ginem adscribi consueverant , lectionibus iUud sequitur incommodi 
ac molestiae, quod, cum primum huiusmodi varietas oculis ohiici- 
tur, lectoris animum ah eo, quod tunc instep agendum, avocat, 
ittumque alieno plane tempore ad ea, quae in codidbus dissonant, 
inter se conferenda tradtAcit, nee facile est in tanta lectionum mvH- 
tiplicitate scripturas inoffenso pede percurrere et ea quasi silva 
diver sitatis oblata, quae qutbus praeppnenda sint, internoscere, nos 
optimum factu piisqtie omnibus gratum fore arbitrati, ut ecclesiae 
filii ab his perplexitatibus eiusdem ecclesiae indicio liberentur ut- 
que eos, quibus unum baptisma, una fides, una spes vocationis est, 
dissentiens non dividat lectio scripturarum , quarum potissimum 
indifferens consensio eos debuit in unitatem spiritus coptdare, aucto- 
ritate et tenore praemissis mandamus, ut vulgatae editionis biblia 
posthac nownisi uniformia imprimantur nee aHiquid a textu diver- 
sum in margine scribatur. 

Trotz der Anerkennung, welche der ausgesprochene 
Grundsatz verdient, l£lsst sich doch abermal nicht laug- 
nen, dass er in seiner Anwendung einen grossen Fehler 
an sich tragt. Die Auctoritat des Kirchenoberhauptes 
durfte gewiss als Schlussstein an Stelle der Entschei- 
dungen treten, die auf wissenschaftlichem Wege nicht ge- 
wonnen werden konnte ; allein dann musste es erst auch 
sicher sein, dass alle wissenschaftlichen Mittel erschopft 
waren. Noch weniger durfte das pabstliche Ansehen an 
die Stelle einer Sicherheit treten , die auf wissenschaft- 
lichem Wege factisch noch zu gewinnen oder schon ge- 
wonnen war. Beide Eiicksichten aber hat Sixtus nach 
seiner gewohnlichen Entschiedenheit bei Seite gesetzt, 



— 458 — 

als er so viele Stellen des Textes gegen die Entschci- 
duDg der Fachmanner nach Gutdtinken oder nach den 
Lowener Ausgaben fixirte^). Dainit war oflfenbar eben- 
falls auf ein fremdes Gebiet hinubergegriffen und der 
wissenschaftlichen Forschung eine unberechtigte Schranke 
gezogen. Ein noch grosserer Missgriff lag in der Art 
und Weise, nach welcher er seinen Text verbindlich 
wissen woUte. W&hrend namlich das Concil in richtigem 
Yerstandnisse seiner Aufgabe den authentischen Charakter 
aufoffentliche Lehrverhandlungen beschrankte, erweiterte 
Sixtus diese Bestimmung um den Zusatz privatisque und 
legte dadurch der Wissenschaft eine formliche Bevor- 
mundung auf. Sonach trug sein Werk schon beim Ent- 
stehen Eennzeichen an sich, die ihm keine lange Dauer 
verhiessen, und es war desswegen nicht wohlgethan, zur 
Sicherung desselben so iiberaus viele Drohungen und Eir- 
chenstrafen aufzubieten. 

Zu diesen innern Eigenschaften kam auch eine S,usser- 
liche Beschaflfenheit , die geeignet war, das Werk in 
Misscredit zu bringen. Der Druck hatte trotz aller Sorg- 
falt nicht die Beschaffenheit, welche den Anforderungen 
des energischen Pabstes hsLtte entsprechen kdnnen. Die 
vorhandenen Druckfehler iiberstiegen zwar nicht die Er- 
wartungen, welche man billiger Weise an ein Werk von 
solcher Ausdehnung stellen konnte. Allein Sixtus gab sich 



1) Solche Stellen sind z. G. Gen. XXXI, 29 patris tui statt 
vestri, 32 tibi in occursum st. in occursum tibi, XXXVI, 24 asinas 
St. asinos, XXXIX, 1 exercittis sui st. exercitus, XXXIX., 9 in Bo- 
minum meum st. in Deum meum, Num. XXXII, 85 et Both st. et 
Etroth, Deut. XVI, 8 lepram et non lepram st. lepram et lepram, 
XXXn, 80 persequebatur st per sequatur. 1 EOn. IV, 21 a5 Israel 
St. db Israel, quia capta est area Dei, 



— 459 — 

nicht 2ufrieden, bis auch diese Versehen unschadlich ge- 
macht wSren. Zu dem Ende wurden an den Stellen, wo 
nor ein Buchstabe unrichtig war, dieser radirt und der 
richtige Buchstabe dartiber gedruckt; bei grdssern Ver- 
st5ssen wurde ein Zettelchen mit der richtigen Lesart 
fiber die fehlerhafte geklebt; noch andere Verstosse wur- 
den mit der Feder corrigirt. Die einzelnen Exemplare 
wurden dabei nicht gleich behandelt. Beispiele aus einem 
Exemplare zu GSttingen sind folgende^). 
Ex. IV, 3 stand proikit^ aufgeklebt ist proiecit. 
Lev. Xin, 3 steht I in leprae auf der Stelle eines aus- 

radirten Buchstabens. 
4 K5n. XI, 4 ist bei observet das t spater angedruckt. 
Judith I, 1 stand latitudinem^ woriiber altiiudi aufge- 
klebt ist. 
Sprichw. XXX, 27 ist est in einem Exemplar mit der Fe- 
der hinein corrigirt, in einem andem auf- 
geklebt. 
Eccli. V, 15 ebenso. 
Eccli. XYIII, 32 bei sacctUo sind die drei Buchstaben sac 

aufgeklebt. 
Deuter. XXXI, 5 ist ad vor conspectum mit der Feder 

geschrieben. 
Ps. XXXVin, 3 ist nobis mit der Feder in bonis ge- 

andert. 
Is. XXVI, 19 ist nach tribulatione ein m radirt. 
Apg. VII, 6 ist vor Jacob ein et mit Tinte ausgeloscht. 
Derartige Verbesserungen in einem Texte, welcher mit 
so pomposen Formen als olBficiell promulgirt worden, mach- 



1) Nach L. V. Ebs a. a. 0. S. 331. Vgl. Hug, Einl. S. 427 der 
4. Aufl. 1847. 



— 460 — 

ten einen peinlichen Eindruck und lenkten erst die Aaf- 
merksamkeit auf solche Eleinigkeiten, die sonst unbeach- 
tet geblieben waren. Trotzdem wurden sogleich nach der 
am romischen Hofe bestehenden Sitte einzelne Exemplare 
prachtig gebunden und an ausw&rtige Fiirstenhauser 
geschickt. Ehe dies aber in gr5sserer Ausdehnung fortgesetzt 
werden konnte, starb Sixtus V. am 27. August 1590, zu- 
frieden, die VoUendung seines Werkes erlebt zu haben. 

WS,hrend man sich nun in Rom und Italien viele 
. Mdhe gab, die Exemplare der neuen Ausgabe zu erwer- 
ben, suchte man von anderer Seite die Verbreitung der- 
selben zu hintertreiben. Die Mitglieder der Commission 
konnten es nicht verschmerzen , dass ihre Arbeit so zu 
sagen vergeblich gewesen war, und das, nachdem sie 
sich sagen durften, dass sie nicht bloss nach den rich- 
tigen Grundsatzen, sondem auch nach der formellen An- 
weisung des Pabstes verfahren batten. Die Beschaffen- 
heit des neuen Textes rechtfertigte ihre Unzufriedenheit 
nicht weniger, als die in der Vorrede begangenen Miss- 
griffe. Auf Betreiben Caraflfa's wurde daher vorerst 
der Verkfiuf sistirt; dies erregte grosses Aufsehen und 
gab Anlass zu den verschiedenartigsten Detitungen. 

Um so mehr bemtihte sich jetzt die Conunission, 
ihre Ehre zu retten; die inzwischen eingetretenen Ver- 
anderungen kamen ihr dabei zu Hfilfe. Als nfimlich 
Sixtus' Nachfolger, Urban Vn., schon dreizehn Tage 
nach seiner Kronung gestorben war, wurde im December 
1590 Gregor XIV. auf den pabstlichen Stuhl erhoben, 
und bei diesem trug die Commission einige Tage nach 
dem im Januar 1591 erfolgten Tode Caraffa's auf die 
Revision der neuen Bibelausgabe an. Der Pabst holte 
in dieser Sache den Rath Bellarmin's ein, der kurz vorher 



— 461 — 

aus Frankreich ziirtickgekehrt war. Ueber dessen Ant- 
wort liegt ein authentisches Zeugniss in der von ihm 
selbst verfassten Lebensbeschreibung vor, und da die 
betr. Antwort fur das, was spater mit der Vulgata ge- 
schah, von entscheidender Bedeutung ist, so muss hier 
die ganze Stelle ihren Platz finden. Anno 1591^ schreibt 
er, cum Gregorim XIV, cogitaret, quid agendum esset de 
Bibliis a Sixto F. editis, in quibus erant permulta per- 
peram mutata^ non deerant viri graves^ qui censerent ea 
Biblia esse publice prohibenda; sed N. (Bellarminus) co- 
ram Pontifice demonstravit , Biblia ilia non esse prohi- 
benda , sed esse ita corrigenda^ ut salvo honore Sixti V. 
Pontificis Biblia ilia emendata prodirent; quod fieret^ si 
quam cderrime tollerentur^ quae male mtdata erant^ et 
Biblia recuderentur sub nomine eiusdem Sixti et addita 
praefatione, qua significareturi in prima edUione Sixti 
prae festinalione irrepsisse aliqua errata vel typographo- 
rum^ vel aliorum. Et sic N, reddidit Sixto Pontifici bona 
pro malis. Sia^us enim propter illam propositionem de 
dominio Papae directo in totum orhem posuit controver- 
sial eius in indice librorum prohibitorum, donee corrige- 
rentur, sed ipso mortuo sacra Bituum Congregatio iussit 
deleri ex libro indicis nomen illitis. Placuit consilium N. 
Gregorio Pontifici^ et iussit ut Congregatio fieret ad recogno- 
scendam celeriter Bibliam sixtinam et revocandum ad or- 
dinariam bibliam, praesertim lovaniensem. Id factum est 
Zagarolae, in domo Marci Anionii ColumnaCy praesentibus 
Cardinali ipso Columnens% et Alano Cardinali Anglo nee 
non magistro sacri palatii apostolid^ ipso N. et aliis tribus 
vel quaiuor: et post obitum Gregorii et Innocentii Clemens 
VIIL edidit Bibliam recognitam sub nomine Sixti cum 
prae/aiione, quam idem N. composuit. Es ist wohl nicht 



— 462 — 

schwer zu verstehen, was das heissen soil, dass in der 
Bibel Sixtus' V. Vieles verkehrt geandert sei: offenbar 
ist Bellarmin der Memung, dass Sixtus die Schuld die- 
ser Verschlimmbesserangen trage. Die viri graves, von denen 
er dann spricht, sind gewiss keine andern, als die Mit- 
glieder der Commission, deren Empfindlichkeit durch 
Sixtus' eigenthtimliche Verfahrungsweise hart getroffen 
worden war. Sie waren der Meinurig, Gregor XIV. soUe 
das Andenken dieses Pabstes preisgeben und durch ein 
ausdrllckliches Verbot seine Bibelausgabe desavouiren. 
Ein solches Verfahren wlirde aller Tradition des romischen 
Hofes zuwiderg^laufen sein, und schwerlich wurde man 
auch so etwas zu rathen gewagt haben, wenn Sixtus 
nicht durch seine iiberaus selbstandige Regierungsweise 
ein unliebsames Andenken zu Rom hinterlassen hatte. 
BeUarmin indessen, der wegen seiner Mission nach Paris nicht 
bei den Arbeiten der Conunission hatte thatig sein kon- 
nen, bewahrte sich ein objectiveres Urtheil, und obgleich 
auch er Ursache hatte, pefsonlich mit Sixtus unzufrie- 
den zu sein, behielt er doch vor Allem das Beste der 
Eirche und die Ehre des romischen Stuhles im Auge. 
Die Bibelausgabe diirfe nicht verbreitet werden, das war 
auch Bellarmin's Meinung; allein das Andenken ihres 

* 

Herausgebers diirfe darunter nicht leiden.^ So schlug er 
denn vor, eine neue Ausgabe zu veranstalten , die eben- 
falls unter Sixtus' Name herauskommen sollte und dies ja 
auch konnte, insofern derselbe ihr indirecter Urheber 
war. Den eigentlichen Thatbestand woUte er dann unter 
Ausdriicken verhtillt wissen, die der Wahrheit keinen Ein- 
trag thaten, ohne doch den ganzen Sachverhalt zu ver- 
rathen. Denn die Worte, es seien durch Eilfertigkeit 
sowohl der Drucker, als der sonst Betheiligten Fehler in 



— 463 — 

die Ausgabe gekommen, trafen ja auch den Pabst, der 
den letzteu Redactor und den Corrector derselben abgegeben 
hatte und dabei allerdings mit mehr Raschheit, als gut 
gewesen, zu Werk gegangen war. 

Es lag in der Natur der Sache, dass mit einer sol- 
chen Abhiilfe nicht lange gezogert werden durfte; daher 
emannte Gregor XIV. sofort eine Congregation, welche 
die Revision des Bibeltextes schleunig betreiben soUte. 
Nach handschriftlichem Material, welches die vaticanisclie 
Bibliothek enthalt, traten die Mitglieder derselben am 7. 
Februar 1591 zum ersten Male im Hause und unter dem 
Vorsitze des altern Cardinal Colonna zusammen. Es waren 
ausser diesem die Cardinaie Augustin Valiero,^ von Ruvere, 
von Samano, Allen, der jiingere Colonna und Friedrich 
Borromeo, ausserdem als Consultoren der Bischof Petrus 
Ridolfi, der Magister Palatii Bartholomaus Miranda, der 
Abt Andreas Salvener, die Jesuiten Franz Toletus und 
Bellarmin, der Theatiner Agellius, der Lowener Professor 
Heinrich Graf, Lalius Landus, der spanische Doctor Val- 
verde, der Franzose Petrus Morinus, endlich als Secretar 
der Congregation der Augustiner Angelus Rocca. Man 
beschloss bei dieser ersten Zusammenkunft, jede Woche 
eine Generalversammlung und zwei berathende Conferen- 
zen zu halten; in diesen soUte der Bibeltext Wort flir 
Wort gelesen und bei variirenden Stellen nach den bereits 
vorhandenen Materialien erMert werden. Die in den Con- 
ferenzen nicht zum Abschluss gekommenen Zweifel soil- 
ten in der Generalversammlung erledigt, die auch hier 
unerledigt gebliebenen Fragen dem hi. Vater zur Ent- 
scheidung vorgelegt werden. Als Richtschnur wurde auf- 
gestellt, dass 1. die in Sixtus' Bibel ausgelassenen Stellen 
wieder aufgenommen, 2. die Einschiebsel in derselben 



— 464 — 

beseitigt, 3. die Aenderungen geprilft, 4. die Inter- 
punktion und Versabtheilung b^richtigt wtirden^); 5. sollte 
festgehalten werden, dass man, wo keine Nothwendigkeit 
erwiesen sei, nichts Undere, besonders nicM, wo es sich 
um Synonyme, handele, wie ergo statt igilur; da aber, 
wo die Nothwendigkeit vorliege, soUe man strenge nach 
den Regehi der Eritik erst die Manuscripte, dann die 
Originaltexte , endlich die Vater und Exegeten zu Rathe 
Ziehen. Hieraus ergibt sich zur Geniige, dass Gregor XIV. 
mit edler Pietat gegen seinen Vorganger nichts Anderes 
intendirte, als den Plan desselben in einer seinen eigenen 
Absichten entsprechenden Weise auszuftihren ; hatte Sixtus 
doch durch seine eigene Redaction die Regeln, die er 
selbst aufgestellt, unwirksam gemacht. Indess stimmt 
das Yerfahren der Congregation durchaus nicht zu der 
Absicht des Pabstes, wie sie Bellarmin angibt, namlich 
den Text der Bibel in Einklang mit den gebr&uchlichen 
Ausgaben zu bringen. Yermuthlich lauft hier eine Un- 
klarheit mit unter. Wenn Bellarmin unter Biblia ordi- 
naria das versteht, was oben unter diesem Namen be- 
zeichnet ist, namlich den Bibeltext, der mit der Glosse 
und Postille gedruckt worden, so ist er im Irrthum, den 
Lowener Text damit in Uebereinstinmiung zu halten. Dann 
aber bestanden die Mangel der neuen Ausgabe gerade da- 
rin, dass Sixtus die Lesarten der Lowener Ausgaben statt 
der von der Commission gewahlten so oft wiederherge- 



1) In der sixtinischen Bibel war unter Anderem auch die bis 
dahin Ubliclie Eintheilung des Textes^ sowohl was die Satzgliede- 
rung, als was die Versabschnitte betrifft, darchg&ngig geandert wor- 
den. Beispielsweise hat beiSixtas der XXXYI. Psalm 42 statt 40, das 
XXII. Kapitel der Sprichworter aber 25 statt. 29 Verse. S. VerceU. 
V. L. L p. LVIL 



— 465 — 

stellt hatte. Vielleicht war Gregor selbst tiber diesen 
der gewohnlichen Anschauung ziemlich fern liegenden 
Sachverhalt nicht aufgeklart. Jedenfalls wahlte die Con- 
gregation das Rechte, wie es der Absicht Gregor's gemass 
war, mochte sie auch dem Wortlaute des pabstlichen Auf- 
trages nicht entsprechen. Dies zeigt sich augenscheinlich 
dadurch, dass an mehreren streitigen Stellen, die vor den 
Pabst gebracht wurden, letzterer die vom Lowener Texte 
abweichende Lesart wahlte. 

Bei diesem Verfahren erwies sich bald ebensowohl die 
Menge der Mitglieder, wie der Geschaftsgang als ein 
grosses Hindemiss. Erst am 18. Marz konnte mit dem 
Buch Exodus begonnen werden, so ddss die Genesis 40 
Tage bedurft hatte. Ehe nun das alte Testament atlf 
solche Weise revidirt war, konnte ein ganzes Jahr ver- 
streichen. Und doch lag alles daran, die Arbeit bald zu 
beendigen, weil sich die Verbreitung der vorhandenen 
Exemplare von Sixtus' Bibel trotz aller Vorsicht nicht 
ganz verhiiten liess. So erlangte denn der altere Colonna 
vom Pabste VoUmacht, die Sache abzukiirzen. Er liess zu 
dem Ende neun aus den Mitgliedem der Congregation 
auswahlen, namlich den Cardinal Allen, Miranda, Salvener, 
Agellius, Bellarmin, Valverde, Landus, Morinus und Roc- 
ca, und begab sich mit diesen nach seinem Landgut zu 
Zagarola, wo er ihnen die reichste Gastfreundschaft erwies. 
Hier vollendete der genannte Ausschuss unter seinem Vor- 
sitze die ganze Arbeit im Laufe des Sommers^). Das Re- 



1) Gewohnlich sagt man, die Commission habe 19 Tage zur 
AasfUhrung gebraucht. Dies ist nicht unmoglich, weil ja das Material 
genOgend vorgearbeitet war und die einzelnen Fragen sehr baM 
spruchreif sein konnten ; allein liistorisch zu erweisen ist diese An- 

KauUn, (Hschiclite der Ynlgata. QQ 



— 466 — 

sultat ihrer Revision schrieben sie als Randbemerkungen 
auf ein Exemplar der von Sixtus herausgegebenen Bibel; 
dasselbe ist im Original dieser Anmerkungen noch auf der 
vaticanischen Bibliothek, in Abschrift auf der Angelica. 

Im October kehrten die Mitglieder des Ausschusses 
wieder nach Rom zuriick, um dem Pabste das Resultat 
ihrer Arbeiten mitzutheilen. AUein schon am 15. dieses 
Monates starb Gregor XIV.; an seiner Statt wurde In- 
nocenz IX. gewahlt, und dieser starb auch schon am 30. 
Dezember desselben Jahres. So wurde der Abschluss der 
lange betriebenen Arbeiten von Neuem verzdgert. Zum 
Gliick wurde einen Monat spater, 30. Januar 1592, Cle- 
mens Yin. auf den pabstlichen Stuhl erhoben. Dieser 
traf sofort Yorkehrungen, die Arbeiten zu einem Resultate 
zu fiihren. 



gabe nicfat. In dem Saale zu Zagarola, in velcfaem der AusschuBS 
seine Sitzungen hielt, steht folgende Insclirift. Gregoritts XTV. 
P. M. de incorrupta sacrorum Bihliorum puritate sollidtus textwn 
viUgatae editionis sedente praedecessore suo Sixto F. typis vatica- 
nis indiligenter exciisum a plurihvLS quae irrepserant mendis expur- 
gari pristinoque niton restitui curavit, delectis in hunc scopum 
at que Zagarolam missis clarissimis viris Bartholomaeo Miranda, 
Andrea Sdlvener, Antonio Agellio, Boberto Bellarmino, Joanne 
(i, e. Bartholomaeo) de Valverde, Lelio Lando, Petro Morino e^ 
Angelo Bocca, additis etiam doctrina non mintts quam dignitaU 
eminentissimis Cardinalibus Marco Antonio Columna et Guilelma 
Alano, qui pontificiae obsequentes voluntati anno MDLXXXXI 
eommunibus eollatis animadversionibus et notis opus insigne et 
cathoUcae religioni maxime salutare assiduo seduloque XIX die- 
rum labore his ipsis in aedibus perfeeerunt. Ne tantae rei notitia 
aliquando periret, Clemens Dominicus Prospigliosus, dementis IX. 
P. 0. M. ex fratre pronepos, Zagarolensium dux, monumentum 
posuit anno sdlutis MDCCXXIII, Vereell. I, c, jp. LX, 



— Ul — 

Das Mittel der gelehrten Gongregationen war schon so 
oft versucht und hatte so langsam zum Ziele gefiihrt, 
dass Clemens VIII. jetzt einen klirzern Weg einschlug. 
Er tibertrug das ganze Geschaft den beiden Cardinalen 
Valiero und Fr. Borromeo nebst dem schon mehr genann- 
ten gelehrten Jesuiten Fr. Toletus. Der letztere war, wie 
sich von selbst versteht, die Seele des ganzen Unterneh- 
mens, und ihm tlberliessen daher die beiden Wtirden- 
trSger die Ausfiihrung der letzten, endgtiltigen Revision. 
Toletus nahm' zu dem Ende eines der Prachtexemplare 
von der Ausgabe, welche Sixtus V. zu Geschenken be- 
stimmt hatte, und verzeichnete auf dem Rande desselben 
die Resultate der friihem Bearbeitungen mit seiner eige- 
nen Kritik darfiber. Er that dies nicht, ohne selbstan- 
dig noch einmal den wichtigsten Theil des gesammten 
Materials durchzuarbeiten ; namentlich verglich er die alte- 
sten Handschriften und Drucke nebst den OriginaJtexten 
der Complutenser Polyglotte. Auf solche Weise ist die- 
ses noch in der vaticaniscben Bibliothek vorhandene Cor- 
rectorium eines der kostbarsten kritischen Documente ge- 
worden, die es in der ganzen biblischen Literatur gibt. 
Nach sieben Monaten war die Arbeit vollendet; so lehrt 
die Unterschrift von Toletus' Hand auf der letzten Seite 
des dritten Bandes : J^8, augusti an, 1592 die sancti Augu- 
* stinh Clem, VIIL an- 1, perfect atlnotationes has omnes, 
'Die Verseintheilung hatte er indess nicht beriicksichtigt. 
Das Ganze .wurde nun von den Cardinalen nochmals einer 
giemeinschaftlichen PrUfung unterzogen, und wie es scheint, 
trug Angelus Rocca die endgtiltig festgestellten Resultate 
in ein anderes Exemplar der sixtinischen Vulgata em. 
So(mit war endlich der Text, auf den inzwischen die Er- 
wartung des ganzen Abendlandes gespannt war, driickfer- 

30* 



— 468 — 

tig. Die beiden CardinSle beeilten sich, das redigirte 
Exemplar dem Pabste zuzustellen, damit er den Befehl zur 
DruckleguHg gebe : da kam nochmals ein imerwartetes 
Hindemiss. Der Mher wiederholt genannte Doctor Val- 
verde, ein grosser Kenner und noch grosserer Liebhaber 
des Hebraischen, bezeichnete in einer Denkschrift fiber 
zweihundert SteDen, bei welchen die Revisoren, Toletus 
einbegriflfen, irrthiimlich entschieden batten. Er bat den 
Pabst, bier eine andere Bestimmung zu treflfen, bei der 
hauptsachlich die Originaltexte zu berticksichtigen waren. 
Clemens VIII. zog gutmiithig die Frage in Betracht und 
besprach sich dartiber mit sachkundigen Mannern ; das 
Resultat aber war, dass er Valverde liber die ganze An- 
gelegenheit Schweigen auferlegte. 

Nun konnte endlich das lang erwartete Werk zum 
Abschluss gebracht werden. Das fertige Exemplar ward 
dem jiingern Aldus Manutius, fiir den Sixtus V. schon 
fUnf Jahre vorher in der vaticaniscben Bibliothek eine 
Druckerei batte einrichten lassen, zur Besorgung liberge- 
ben. Die Leitung der ganzen Angelegenheit erhielt Franz 
Toletus, die Ueberwachung der Correctur Angelus Rocca 
zugewiesen ^). So erschien denn die neue Bibel in grossem 



1) Clemens Papa VIII. Hone Bihliorum editionem iuxta cor- 
rectionem a Congregatione praestitam imprimendam mandamus; et 
iudicio p. Frandsci Toleti e societate Jesu committimus eique nostram 
hac in re aiACtoHtatem impertimur : emendationem vero typographi- 
cam fratris Angeli Eocchensis augustiniand a Camerino fidelitati et 
industriae demandamus. Clemens Papa VIII. Verc. Varr. Lectt. I. 
p. LXX. Dieses Decret, das kein Datum trilgt, scheint seinem 
Inhalte nach nur aaf diese, nicht auf eine spatere Ausgabe Be- 
ziehung zu haben, wie es denn aach in Abschrift einem Exemplar 
der ersten Ausgabe beigegeben ist. Verc. I. c. 



• — 469 — 

Folio, an Ausstattung der sixtinischen ganz gleich, noch 
vor Ablauf des Jahres 1592. Die Ausgabe tragt den 
Titel: Biblia sacra Vulgatae editionis Sixti V. Pontificis 
Max. iussu recognita et edita und gibt sich dadurch ftir 
nichts Anderes aus, als den Abschluss des schon von 
Sixtus V. begonnenen Unternehmens. 

Ueber die Grundsatze, nach denen dieser Text her- 
gestellt worden, gibt die voraufgedruckte praefatio ad 
lectorem , die nach der schon oben gegebenen Mittheilung 
von Bellarmin herriihrt, die wiinschenswerthe Auskunft. 
Hier wird namlich das ganze Werk als Ausftihrung des 
schon von Pius IV. gegebenen Auftrages dargestellt, ut 
vuigatam edUionem latinam adhibitis antiquissimis codi- 
cibtts manmcriptis, inspectis quoque hebraicis gra^dsqi^e 
fontibiAS^ consultis denique veterum patrum commenta- 
riis accuratissime castigarent Dies sind oflfenbar die rich- 
tigen Grundsatze, die in der Anordnung der Hiilfsmittel 
mehr, als die sixtinischen Regeln, den kritischen Anfor- 
derungen entsprechen. Ueber die Art der Ausfuhrung 
gesteht die Vorrede zwar ein, dass dieselbe nicht abso- 
lute VoUkommenheit erreicht habe, machi aber Anspruch 
auf das Zugestandniss , dass der Text dieser Ausgabe 
reiner und zuverlassiger sei, als der irgend einer frtihern. 
Dies miisste wohl zugegeben werden, wenn der Druck cor- 
recter ausgefiihrt worden ware; die schone Ausgabe war 
indess durch mehr als 200 Druckfehler entstellt*) und 
unterschied sich dadurch sehr zu ihrem Nachtheile von 
der sixtinischen'). Eine Quartausgabe , die im folgenden 



1) Vem V. L. L p. XLVIII n. 1. 

2) Beispiele sind hostium flir ostium Gen. XIX, 6, testa est fUr 
text a est Lev. XIX, 9, filiis Israel fiir filii Israel, Jos. XII, 1, 



— 470 — • 

Jahre 1593 ebeofalls aua der vaticaaischea Drackerei her- 
vorging, verbesserte zwar duen Theil der Druckfehler, 
liess aber einea iioch grosseren Theil stehen iind fiiigte 
viele neue Verstosse hinzu ^), so dass der Text derselben noch 
incorrecter war, als der der ersten. Erst bei der dritten 
Ausgabe, die nach Aldus' Tode 1598 in klein Quart ^schien, 
ward auf die typographische Gorrectheit mehr Bedacht ge- 
nommen. Ganz fehlerfrei ist zwar aucb' dieser Text nicht, 
allein es finden sich am Schlusse des Ganzen Indices car- 
rectorii, in denen die DruckfeUer aller* drei Ausgaben, 
bier und da aber aucb noch einzelne Lesarten, Terbessert 
sind'). Durch diese Verzeichnisse ist der Text der Vul- 
gata kirchlicherseits endgiiltig abgeschlossen ; dieselben 
sind namlich nicht als einfache Druckfehleryerzeichnisse 
des Typographen, sondern als Anordnungen der kirch- 
lichen Behorde anzusehen^). 



ab humero et rursum statt sursum 1 EOn. X, 23, hostia at. ostia 
Jud. Xin, 1 per centum annorum far ptier e. a. Is. LXY, 20. Verc. 
I c. p, LXVIIL 

1) So z. B. et Judam far et ludam 2 Eon. YI, 22. 

2) Yergessen ist der sonderbare, noch lange in den Ausgaben 
nachgeschleppte Druckfehler Gen. XXXY, 8, wonach Rebecka super 
quercum (anstatt svbter quercum) begraben worden ware. Dagegen 
fUhrt Loch in der Oetavausgabe Ton 1868 mit Unrecht Job. IY, 14 
{idviveret als Druckfehler auf und hat demgem&ss auch verbeasert, 
s, Yercell. z. d. St. 

3) Die clementinischen Ausgaben enthalten zum Unterschiede 
Ton der sixtinischen, in der dies alles weggelassen ist, noch a. die 
Oratio Manassae regis Juda, b. L, III. et IV, Esdrae, beides un- 
ter der Ueberschrift lAbri Apocryphi — — extra serteiKxanonico- 
rum Librarum sepositi, c. die Beisehriften des M. Hierenymos bei 
den deuterukanoaisdien BestMkdtheilen der BUcSlw Daniel und Esther. 



— 471 — 

Erst auf den Text, der durch Anwendung dieser Cor- 
rejcturen zu Stande gebracht wird , * finden die Worte Cle- 
mens' Vin. Anwendung, die der ersten und alien spatern 
Ausgaben voraufgedruckt sind. Nachdem namlich der Pabst 
angeordnet, dass fiir die nachsten zehn Jahre kein Vul- 
gatatext ausserhalb der' vatikanisehen Druckerei verof- 
fentlicht werden diirfe*), fahrt er fort: Elapso autem 
praefato ' decennio earn cautionem adhiberi praecipi- 
mm, ut nemo ham sanctarum Scripturarum editionem 
typis mandare praesumat^ nisi habUo pritis exemplari in 
Typographia Vaiicana excuse: cuius exemplaris forma, ne 
minima quidem particula de textu mutata, addita vel ab 
eo ddracta, nisi aliquid occurrat, quod typographicae in- 
curia>e manifeste adscribendum sit, inmolabUUer observetur. 
Dies heisst mit andern Worten, dass der betr. Text ftir 
die ganze katholische Kirche ofScielle Geltung' haben 
sollte. Pabst Clemens traf diese Verfugung aus densel- 
ben Erwagungen, welcbe auch Sixtus V. zu einer ahnlichen 
Bestimmung veranlasst hatte. Die Ausschreitungen, welcbe 
letzterer dahei begangen hatte, waren bier verstandig ge- 
mieden und nur der unbestrittene Grundsatz festgehalten, 
dass die pabstlicbe Auctoritat den unternommenen menscb- 
lichen Bemiihungen suppliren mtisse. Zu diesem Auswege 
konnte Qemens sich mit gr5sserem Recbt, als Sixtus, ent- 



In der zweiten Ausgabe kamen auch die Einleitudgen des hi. Hiero- 
nymuB zu den einzelnen Bachern, bibl. Parallelstellen, eine Erkl&rong 

■ 

der hebr&ischen und griechischen Namen und ein Index rerum hinzu. 
1) Die Bestimmung ward nicht strenge aufrecht gehalten, in- 
dem Morety Plantin's Schwiegersohn, schon im Jahre 1597 das Pri- 
yilegium zu einer neuen Ausgabe erhielt. Diese Ausgabe erscliien 
1599 in Quart and in Octav. Sie enthSlt auch die Oratio Manasse, 
so wie das 8, und 4. Buch Esdras. 



— 472 — 

schliessen, weil bei Feststellung seines Textes alle mensch- 
lichen Mittel wirklich in der hSchsten VoUkommenheit, die 
moralisch moglich blieb, erschopft waren. Bei der Bear- 
beitung desselben hatte alles handschriftliche Material, das 
nur von Bedeutung sein konnte, vorgelegen; es waren mit 
der Benutzung dieses Materials die bedeutendsten Fachge- 
lehrten nicht bloss der damaligen, sondern vielleicht jeder 
christlichen Zeit thatig gewesen; die Arbeit war endlich 
mit der reiflichsten Ueberlegung unter Berucksichtigung 
aller nur geltend zu machenden Ansichten einen Zeitraum 
von sechsundvierzig Jahre hindurch fortgesetzt worden. 
Was bei so sorgfaltigen Bemtlhungen nicht zu absoluter 
Sicherheit erhoben werden konnte, daftir war nie eine an- 
derweitige Uebereinstimmung, als durch Einsetzen des 
kirchlichen Ansehens, zu erwarten. In der Natur einer 
solchen Maassregel ist nun aber von selbst gelegen, dass 
sie bei Aufhoren des bestimmenden Grundes auch durch 
eine anderweitige ersetzt werden kann. Sollte es jemals 
der Fall sein, dass eine Vermehrung des handschriftlichen 
Materiales, oder der Fortschritt der kritischen Kunst eine 
grossere Moglichkeit, sich der absoluten Richtigkeit des 
Vulgatatextes zu nahern, in Aussicht stellte, so wiirde das 
Belieben des -kirchlichen Oberhauptes oder Gninde der 
Opportunity auch Veranlassung zu einem neuen oflSciellen 
Texte werden konnen, wodurch dann die clementinische 
Ausgabe ebenso,* wie jetzt die sixtinische, abrogirt sein 
wvLrde. ^ 

Dass es jemals hierzu kommen werde, muss nach dem, 
was mit der Vulgata bereits geschehen ist, mehr als zwei- 
felhaft erscheinen. Das Gesagte reicht indess hin, um 
Licht auf Clemens' VIII. Verfahren seinem Vorganger Sixtus 
gegeniiber zu werfen. Die Ersetzung von dessen > Ausgabe 



— 473 — 

durch eine neue ist von vielen Seiten benutzt worden, 
um das pabstliche Ansehen oder, wie die Betreffenden sich 
ausdriicken, die pabstliche Unfehlbarkeit herabzusetzen und 
das Decret iiber die Authenticitat der Vulgata als innerlich 
nichtig aufzudecken. Besonders trug hierzu die entschie- 
dene Form bei, in der Sixtus V. seine Ausgabe als uuau- 
tastbare Norm fUr alle spHtern Ausgaben erkl^ hatte. 
Hieriiber sind ganze Biicher von nicht genngem Umtange 
geschrieben worden^); indQ3sen hat die Leidenschaft auf 
der einen mid die Aengstlichkeit oder Genauigkeit auf 
der andem Seite hierbei viel mehr Miihe aufgeboten, als 
bei der einfachen Sachlage nothig war. Dem authentischen 
Charakter der Vulgata ist durch die Verschiedenheit zwi- 
schen Sixtus' und Clemens' Ausgabe kein Abbruch ge- 
schehen, well ja beide sich nur in dem unterscheiden , was 
von der Authenticitat selbst unberilhrt bleibt. Ein Text 
bleibt wesentlich derselbe, wenn auch verschiedene Recen- 
sionen von demselben vorhanden sind, und weiter, als in 
kritischer Hinsicht, gehen die beiden Ausgaben uach Ab- 



1) Besonders das bekannte Buch von Thomas James: Bellum 
papale, sive concordia discors Sixti V. et Clementis VIII. circa 
hieronymianam editionem zuerst London 1600. Ferner die Schrift: 
Sixtini Amamae Frisii Literarum Hebraicarum in Acad. Franche- 
rana Professoris Antibarbarus Biblicus libro quarto auctus. Quo- 
rum [^c] primus ostendit septem fontes omnis barbariei, quae su- 
perioribtAS sa^cuUs sacras lifter as foedarit: reliqui non solum ex* 
hibent centurias aliquot crassissimorum errorum, qui circa parti- 
cularium locorum interpolationem ex istis fontibus emanarunt, 
sed et compluribus locis Scriptural facem allucent Franequerae 
sumptibtis Elzeviriorum. Anno 1656. Zur Widerlegiing der erst- 
genannteu Schrift erschien das Buch von Bukentop, niNO "IINj -^wa? 
de Luce, Col. Agripp. 1710. 



— 474 — 

zug der beiderseitigen Druckfehler nicht auseinauder. Das 
Decret des Trienter Concils ist also durch die gedachte 
Yerschiedenheit so wenig beruhrt, wie durch die zwischen 
den beiden iind den Henten'schen Ausgaben obwaltende 
Differenz. Jede Vulgataausgabe , bei der die kritischen 
Hiilfsmittel mit der erforderlichen Eenntniss and SorgCalt 
angewandt worden, gibt einen authentischen Text, und jede 
SteUe und jeder Ausdrack in einer solchen Ausgabe parti- 
cipirt in demselben Maasse an der Authenticitat der Ynl- 
gata, als ihr Yorkommen in der alten Yolgata nachgewie- 
sen werden kann. Insofem aber dieser Nachweis nur mit 
menschliclien Mitteln gefiihrt wird, findet hierbei die kirch- 
liche Oder pabstliche Infallibilitat durchaos keine Anwen- 
dung, wie sie denn auch von keiner Seite in Anwendung 
gebracht worden ist. Wenn Clemens YIII. unter schweren 
Eirchenstrafen fiir alle spatern Drucke die Beibehaltung 
seines Textes forderte, so war dies eine disciplinarische 
Maassregel, die zunachst nicht in der Beschaffenheit des 
Textes selbst, sondern in einer aussem Mcksicht bemhend 
und wohl begriindet ist Fiele diese Biicksicht weg, so 
wiirde gewiss einer Aenderung oder Aufhebung der betr. 
Maassregel nichts im Wege stehen. Ganz dasselbe findet 
auf das Untemehmen Sixtus' Y. Anwendung. Dieser Pabst 
war der Meinung gewesen, sein Yulgatatext habe den 
hochstm5glichen Grad kritischer Yollkommenheit erreicht 
Dies war ein Irrthum, allein ein Irrthum nicht in dogma- 
tischer, sondern in historischer Beziehung. Die pabstliche 
Glaubensauctoritat oder Unfehlbarkeit kommt also nach 
ihrer objectiven Seite bei dieser ganzen Frage nicht in's 
Spiel. Was bei der Yerordnung Sixtus' Y. von dogmati- 
scher Bedeutung war, darin hat er gewiss nicht geirrt: 
dies ist namlich die Erklarung, dass der von ihm heraus- 



— 475 — 

gegebene Text als authentischer anzusehen sei. W^e die- 
ser Text zugleich auch kritisch so zuverlassig gewesen, 
wie Sixtus iha erachtete, so war nichts gerechtfertigter, als 
die Bestimmuug iiber die Unverletzlichkeit desselben; als 
sich aber nachher die mangelhafte Beschaffenheit desselbea 
herausstellte , ware es Widerstreben gegen die Wahrheit 
gewesen, jene Uuverletzlichkeit aufrecht zu halten, und 
Clemens' VIII. Verfahren verdient desswegen gewiss die 
hochste AnerkenQung. Das Einscbreiten dieses Pabstes 
war um so mehr herausgefordert , weil Sixtus wenigstens 
den Schein auf sich geladen hatte, dass er die pabstliche 
Auctoritat von dem Mogmatischen auf das historische 6e- 
biet ilbertragen woUte. Hatte er n^mlieh nicht seinem 
Texte eine geradezu absolute Yollkommenheit beigemessen, 
so ware es schwer zu erkiaren, wie er die Bestimmung 
der Kircbe, dass die Yulgata bei offentlichen Lehrverhand- 
lungen maassgebend sein solle, um den Zusatz privatisqtie 
erweiterte und so in die Rechte der Wissenschaft eingriff. 
Auch von dieser Seite also bedurften Sixtus' V. Maassregeln 
einer Remedur, und seinem Nachfolger stand gewiss nichts 
im Wege, diese Pflicht zu erfiillen; denn die Androhung 
des gottlichen Zornes und die Verhangung schwerer Kir- 
chenstrafen, womit Sixtus jede Aenderung seiner Einrich- 
tung verboten hatte, verlor ihre Berechtigung mit der Auf- 
deckung der irrigen Ansicht, woraus sie hervorgegangen 
war. Allein ware sie auch innerlich berechtigt gewesen, so 
lag es doch in der Competenz des spatem Pabstes, sie 
aufzuheben, und das selbst, wenn die pabstliche Gewalt in 
Sixtus' Ausdrucke nulli ergo omnino hominum liceat ware 
mitverstanden gewesen. Letzteres aber war nicht der Fall, 
wie denn Sixtus' Bulle an einer andern Stelle das betr. 
Verbot ausdrticklich so formulirt, ne unquam jperpetuis /«- 



— 476 — 

turis temporibus novae vulgaiae editionis posthac hiblwrum 
sine expressa apostolicae sedis Ucentia textus imprimatur. 

Nach solchen auf der Hand liegenden Erw&gungen ist 
es schwer zu begreiifen, warum das Vorgehen Clemens' VIII. 
schon rechtlfch das p3,bstliche Ansehen in der Kirche 
soil erschiittert und die Vulgata selbst um ihre AuctoritUt 
gebracht haben. Noch imbegreiflicher wird eine solehe 
Behauptung, wenn man sich die Miihe geben will, auf die 
factischen Verschiedenheiten zwischen Sixtus' und zwi- 
schen Clemens' Ausgabe einzugehen. £s ist dies gerade 
von den Gegnem der Kirche mit solcher Grttndlichkeit ge- 
schehen, dass die Genauigkeit ihrer ffesultate kaum etwas 
zu wunschen iibrig Esst. Zu verwundem bleibt nur, wie 
die betr. Gelehrten selbst nicht inne geworden sind, dass 
sie durch die Mittheilung jener Besultate ihre Behaup- 
tungen widerlegt haben. Die Differenzen sind namlich 
s^unmtlich so wenig dogmatischer Art, dass der authen- 
tische Charakter der einen, wie der andem Ausgabe auch 
nicht im Geringsten dadurch beriihrt wird; in kritischer 
Hinsicht aber verdienen die Lesarten der clementinischen 
Ausgabe unbedingt den Vorzug vor denen der fruhem. 
Beides wird sich am besten beispielsweise durch Eingehen 
auf solehe Stellen nachweisen lassen, zu deren Beurthei- 
lung das kritische Material in Vercellone's Saramlung vor- 
liegt. Es soil hierbei die Ordnung eingehalten werden, 
welche Amama in seiner Schrift aufgestellt hat. 

Nach dieser Aufstellung enthalt zuerst die spSltere Ausgabe 
manche Verse und Ausdriicke mehr, als Sixtus' Text. Allein bei 
diesen Stellen ist es zum Theil handgreiflich, dass in letzterm ein 
typographisches Versehen vorliegt. Dahin gehort, wenn Num. XXX 
die drei' Verse 11—13 oder Richt. XVII, 2 die Worte Reddidit ergo 
eoamatri suae; quae dixerat ei: consecravi et vovi ?u>c argentum bei 



— 477 — 

Sixtas fehlen. Dass in Sprichw. XXY. der Vers 24 der heutigen 
Vulgata, Oder Matth. XXVII, 85 die Worte tft impleretur etc, bei 
Sixtus fehlen, ist ans der Racksicht hervorgegangen, dass beide 
Stellen auch Sprichw. XXI, 9 und Joh. XIX, 24 yorkommen. Far 
die Beibehaltung sind hier die kritischen Grunde, wenn auch nicht 
von zwingender, doch wenigstens von rechtfertigender Bedeutung. 
An den Stellen Lev. XX, 9, wo patri matrique maledixit, 1 Edn. 
IV, 21, wo quia capta est area Bei, 3 Kon. XII, 10, wo sic loque- 
ris ad eos, 2 Chron. II, 10, wo et vini viginti millia metretas 
bei Sixtus fehlen, sprechen die kritischen Griinde so sehr fiir die 
Beibehaltung, dass die Weglassnng auch eher ah Druckversehen 
erklart werden muss. 

Im Gegensatz hierzu finden sich in der frtihern Ausgabe viele 
Stellen, die bei der spatern weggelassen sind. So steht 1 Sam. 
XXIV, 8 (aus XXVI, 10 herubergenommen) Vivit Bominus, quia nisi 
Bominus percusserit eum aut dies eius venerit, ut moriatur aut 
descendens in praelium perierit: propitius mihi sit Bominus, ut 
non mittam manum meam in Christum Bomini ; ferner XXV, 6 
ex mtUtis annis salvos fadens tuos et omnia ttta, das aus der 
Itala Btammt; dann 2 Sam. VI, 12 dixitque Bavid: ibo et redur 
cam arcam cum benedictione in domum meam, ebenfalls aus der 
Itala stammend; 2 Sam. VIII, 8 de quo fecit Salomo omnia vasa 
aerea in templo et mare aeneum et columnas et altare, aus einer 
Glosse Oder aus Josephus herrUhrend; 2 Kon. XIX, 10 et consi- 
lium totivs Israel venit ad regem, eine'zweite Uebersetzung von V. 12 
bildend, u. s. w.. Bei alien diesen und d,hnlichen Stellen hat die 
kritische Forschung iLberzeugend nachweisen konnen, dass die cle- 
mentinische Ausgabe durch Weglassnng derselben dem ursprUng- 
lichen Texte n§.her gekommen ist. 

Andere Differenzen werden geradezu WidersprUche genannt; 
80 wenn Ex. XXIII, 18 in der frdhern Ausgabe victimae tuae, in 
der sp&tern meae steht. Num. XXXIV, 4 bei Sixtus ad meridiem, 
bei Clemens a meridie; Deut. XVII, 8 bei Sixtus inter lepram et 
non lepram, bei Clemens inter lepram et lepram; Jos. 11, 18 bei 
Sixtus signum non fuerit, bei Clemens signum fuerit, IV, 23 dort 



— 478 — 

Deo nosiro, hier vestro, XI, 19 quae se non traderet und quae se 
traderet, Kicht. XIV, 8 populo tuo und meo, 1 Kftn. IV, 9 servie- 
runt nobis und vohis, XX, 9 hoc a me und hoc a te, 2 Kon. IX, 
1 1 super mensam tuam und . meam n. s. w. Abg^sehen von dens 
irrelevanten Charakter dieser die unbedeutendsten Nebendinge tref- 
fenden Yerscbiedenheiten, die nur im weitesten Sinne Widersprache 
heissen kOnnen, gentlgt es aucb bier wieder, zu constatiren, dase 
die Kritik an all solcben F^len sich fdr die sp&ter gew&blte Les^ 
art hat entscbeiden k5nnen. 

Mit weniger Sicherbeit l&sst sicb dies bei einer andern Klasse 
von Differenzen, n^mlicb bei den abweicbenden Zablangabeo, be- 
b tup ten. So sind nacb der ersten Ausgale bei der Tddtung ^er 
GOtzenanbeter Ex. XXXII, 28 triginta tria mUlia, nacb der zweiten 
viginti tria millia umgekommen ; 1 K6n. XV, 7 stebt bei Sixtus 
post quatuor annos, bei Clemens post quadraginta annos^ XVI, 1 
dort duohus utribus vini, bier u;tre vini, 3 Edn. V, 12 quinque 
millia und quinque et mille u. s. w. Bei solcben Stellen, unter de- 
nen der Natur der Sacbe nacb keine objectiv wichtige Differenz sein 
kann, muss vor Allem beacbtet werden, dass binsicbtlicb der Zablr 
angaben in alien kritiscben Documenten eine sebr grosse Verschie- 
denbeit herrscbt; indessen spricht aucb so nocb die kritiscbe, wie 
die innere Wabrscbeinlicbkeit lediglich fUr den clementiniscben Text. 

Eine fiinfte Glasse endlicb umfasst alle Verschiedenbeiten, die 
p den vier vorbergebenden nicbt eingescblossen sind. Gerade diese 
sind besonders geeignet, zu zeigen, wie unwesentlicb die Differenzen 
zwiscben beiden Ausgaben sind. Bebecka sagt z. B. Gen. XXIV, 24 
bei Sixlus: Filia sum Bathuelis filii Nachor quern peperit ei 
Melcha, bei Clemens aber filia sum Bathuelis, filii Melchae, quern 
peperit ipsi Nachor. Der Sinn ist durcbaus derselbe, die kritiscben 
Zeugnisse aber steben fast durchgangig fj&r die letztere Lesart ein, 
und die erstere ist bloss in sp&ten Handscbriften aufgekommen, 
um eine anscbeinende Unklarbeit zu yermeiden. Nocb unbedeuten- 
der fur den Inbalt ist Deut. XVII, 12 ea? decreto und et decreto, 
Jos. Ill, 17 contra Jordanem und contra Jericho, 8 K6n. II, 28 
ad Sdlomonem und ad Joab, 4 Kon. XV, 19 in Thersam und in 



— 479 — 

terrain, a. v. a., wo tlberall die Lesart der clementiniBchen Anagabe 
dnrch die Eritik yollkommen gerechtfertigt wird. 

Im AUgemeinen lasst sich sagen, dass der Text Gle- 
mops' VIIL wieder auf die von der sixtinischen Congrega- 
tion festgestellten Lesarten zuriickgegangen ist. Dies dient 
von Neuem auch zur factischen Bestatigung von der Recht- 
massigkeit und Niitzlichkeit des von diesem Pabste ein* 
geschlagenen Verfahrens. Clemens fuhrte wirklich und 
voUkonimen aus, was Sixtus V. gewoUt, aber wegen eines 
gutgemeinten Missgriffes nur halb vollendet hatte'). Eben 
dies gab er zu erkennen, indem er auf den Titel der neuen 
Ausgabe setzen liess, dass sie auf Sixtus' V. Geheiss heraus- 
gegeben worden. Hiennit war auch die einzige noch tibrige 
Riicksicht erledigt, welche der spMere Pabst zu nehmen 
hattc: es war das Andenken seines Yorgangers in der ge-* 
buhrenden Weise geehrt uncPseinen Intentionen gerade da 
voile Bechnung getragen worden, wo seine Ausfiibrung der* 
selben annullirt wurde. 

Man kann nach allem diesem kaum sagen, dass das 
Vorgehen Clemens' VIIL gegen einen friihern Pabst etwas 
Missliches babe. Es muss immer der vollziehenden Ge- 
walt frei stehen, frtihere Einrichtungen, wenn sie sich nicht 
mehr ntitzlich erweisen, aufzuheben und durch andere zu 
ersetzen. Gewiss wiirde Sixtus V. selbst, wie es bei rasch 
handelnden Charakteren sehr gewohnlich ist, im Falle lange- 
ren Lebens sich nicht bedacht haben, seine eigene BuUe 
mit all ihren Strafandrohungen zu cassiren; denn es ist 
kaum anzunehmen, dass er mit der Zeit seinen kritischen 



1) Tandem stib initium pontificatus Clementis VIIL . . . opus, 
in quod Sixtus V. intenderat, Deo bene iuvante perfectum est, 
beisBt es in der Vorrede zu der clementinischen Ausgabe. 



— 480 — 

Pehler nicht eingesehen hatte. Gregor XIV. aber und Cle- 
mens VIII. machten in Bezug aof die kirchliche Gewalt 
nur Eine moralische Person mit Sixtus aus, und ihre Be- 
stimmung hat daher keinen andem Charakter, als wqnn 
Sixtus selbst sie vorgenonunen hatte. Misslich bleibt im 
Gegentheil bei dem ganzen Hergange nur ein einziger Punkt, 
der ai^s zu grosser Bticksichtnahme auf Sixtus entsprungen 
zu sein scheint. Die elementinische Ausgabe tragt in der 
Vorrede, welche erweislich von Bellarmin herriihrt, die 
eigenthtlmliche Angabe, Sixtus sei nach dem Drucke seiner 
Bibel der eingeschliehenen Druckfehler wegen mit dersel- 
ben so unzufrieden gewesen, dass er die ganze Arbeit der 
Bevision noch einmal woUte vorgenommen haben, und nur 
well sein friihzeitiger Tod ihn daran gehindert habe, sei 
die neue Ausgabe von Gregor XIV. und Clemens Vin. un- 
ternommen worden^). Diese Angabe leidet an innerer 
Unwahrscheinlicbkeit ; die Menge der Druckfehler hUtte ja 
h5chstens Veranlassung zu einem neuen Drucke, aber nicht 
zu einer neuen Bevision des Textes werden konnen. 
Dann aber waren der Druckfehler auch in Sixtus' Ausgabe 
verhaltnissmSssig nicht viel, und bedeutend weniger als in 
der clementinischen. Dieselben hatten sich ja mit der Fe- 
der und sonst corrigiren lassen, und sie hatten den Pabst 
nicht abgehalten, Exemplare der neuen Bibel officiell an 



1) Sixttis F. . . . optts tandem confectum typis mandari iussit. 
Quod cum iam esset excusum et ut in lucem emitteretur, idem pon- 
tifex operam daret, animadvertens non pauca in sacra hiblia praeli 
vitio irrepsisse, quae iterata diligentia indigere viderentur, totum 
opus sub incudem revocandum censuit atque decrevit Id vera cum 
morte praeventus praestare non potuisset, Gregorius XIV. . . . 
eiu^ animi intentionem execiUus perficere aggressus est. Praef, 
ad Led. Ed. Clem. 



— 481 — 

die christlichen H5fe zu schicken. Diese innere Unwahrschein- 
lichkeit wird zur gegentheiligen Gewissheit durch die ftussere 
oben schOQ beriihrte Thatsache, dass die neue Revision nur auf 
Betreiben der von Sixtus eingesetzten Commission vorge- 
nommen worde. Dass Bellarmin einen andeijp Grand an- 
gibt, ist urn so auffallender , weil er selbst unter diesen 
Antragstellem war und sp&ter aul Befragen Gregorys XIY. 
als Aasweg vorgeschlagen hatte, $i quam celerrime tolleren- 
tur, quae male mutata erant^ et Biblia recudereniur 
sub nomine eiusdem Sixti et addita praefatione^ qua signi- 
ficarduTj in prima editione Sixii prae festinatione irrepsisse 
aliqua errata vel typographorum vel aliorum^). Dass Bel- 
larmin die wahre Sachlage kannte, geht auch aus einem Briefe 
hervor, in dem er den Pabst Clemens VIII. vor einer vor- 
eiligen Entscheidung wamt und es als eine grosse Gefahr 
fiir die Eirche bezeichnet, „dass Sixtus V. die Bibel nach 
eigenem Ermessen habe verbessem woUen')/^ Auf der 
andem Seite lasst sich auch nicht gut begreifen, dass 
Bellarmin so dfTentlich und ofGieiell etwas soUe vorge- 
tragen haben, das, wofem die obige Darstellung begrUndet 
ist, so leicht konnte des Irrthums oder der Unwahrheit 
geziehen werden ^). SoUte Sixtus V. in seinem ersten Un- 
wiQen fiber die Druckfehler eine Aeusserung gethan haben, 



1) Verc, Varr. Lectt L p. XLVL 

2) La SanHtd Vostra sa ancora il pericolo, nel quale mise se 
Btesso et tutta la chiesa la sa. me. di Sisto V. in voter correggere 
la hihlia secondo il suo proprio parere, Ed io eerto non so se 
eia mai corso pericolo maggiore. Vercell. I c. p, XXXVIL Arm. 

3) Dass Bellarmin bei Anregung seiner Heiligsprechung wegen 
jener Angabe wirklich der Unwahrheit angeklagt wiirde, scheint 
Bicher zu sein, s. Hag, Einl. I, S. 429 (4. Aufl.) Vercell. Varr. Lectt. 
L p. XLVL annot. 1. 

Kaulen, Oeichlohte der Yulg»to. 3| 



— 482 — 

die man spater aufgreifen konnte, um so etwas daraus m 
folgem, wft Bellannin gethan hat? Oder sollte tiberhaupt 
in der Kette der bei dem Ganzen maassgebenden That- 
saohen ein Olied uns unbekannt geblieben sein ? Die Sache 
behlUlt imm^r einen r&thselhaften Gbarakter. 

Jedenfalls erhellt aus der besprochenen Stelle die Ab- 
sicht des spStem Pabstes, der Auctoritat seines Vor- 
gangers die gebiihrende Rechnimg zu tragen. Dem ent- 
sprechend blieben aach Sixtus' Yerordnungen wegen der 
Vulgata in Kraft, soweit sie nicht durch die neue Ausgabe 
factiscfa beseitigt waren. Hierzu geh5rt vor Allem die Be- 
Mimtnung, at lediones variae ad marginem ipsms textus 
mmime annotmtur. Die Bulle Aeternus Uh hatte indess 
ihre Bedeutung verloren und wurde desswegen durch Nicht- 
aufiiahme in das Magnum Bullarium stillschweigend be- 
seitigt. Wahrend der Yorbereitungen zu Clemens' Ausgabe 
hatt^ indess Inchon viele Exemplare von Sixtus' Ausgabe 
ihren Weg in die StMte Italiens und der tibrigen L&nder 
Europa's gefunden. Clemens YIII. gab desswegen BefeU, 
aiese Exemplare auf Eosten der apostoUschen Kamm^ zu- 
tMlmikaxdeti. Hierzu vefwendete er besonders die Je^- 
te^, d^ durch ihre weite Verbreitung und einheitlidie 
C^ganisation dazu vor AUen geeignet waren. Die nadi 
Rom abgelieferten Exemplare wurden vemi^tet. l^rhalt^ 
haben sich nur einzelne Exemplare in Offenflichen Biblio- 
theken, so dass die sixtinische Vulgata heute zu den gross- 
ten literarischen Seltenheiten gehort. 

Dieses Schicksal der bezeichneten Ausgabe und ihre 
Ersetzung durch die neue clemeatinische darf audi in kri- 
tiscfaer Hinsicht nicht bedauert werden. Offenbar hat Pabst 
Clemens ^iiien bessem und dem Bedfirfnisse der Eirthe 
entsprechendem Text geliefert. . Zur richtigen WOrdigung 



— 483 — 

dieses nunmehr allgemein gebrauchten Textes nmss zuerst 
festgehalten werden, was Clemens VUL wollte. Seine Ab- 
sicht war, was auch scfaon Sixtus als leitenden Geskhts- 
pnnkt festgestellt hatte, die Vulgata in mdglichst ursprting- 
liclier Gestalt darzubieten. Er wollte weder eine neiie 
Uebersetznng aus den vorbandenen Gruudtexten lieferfi, 
noch die vorhandene Uebersetzmig mit diesen Texten in 
Einklang bringen, sondem bloss den wahrea Bestand der- 
selbea ermittein. Es ist daher thSricht, die besteheude 
Vnlgata wegen mancherlei Abweichuogen von dem jetzigen 
hebraischen oder griechischen Texte zu tadeln. Die Auf- 
gabe war ja nidit, festznstellen, wie die ietztem jetzt Hber- 
setzt werden mtissten, sondern wie sie der hi. Hlerony- 
mus Oder der italische Uebersetzer zu seiner Zeit wirklicfa 
tlbersetzt hat. Zu einer solchen Fixirung der Aufgabe 
hatte eine doppelte Erwlgung gefiihrt. Einerseits hatte 
die abendltadische Kirdie von jeher dem Bibeitexte' in 
dieser and in keiner andem Fassung authentische Geltung 
^Herkajmt. Andrerseits war im sechssehnten Jahrhunderte 
tber die ursprtlngli^^e Gestait des hebriUscbeft und grie- 
dbisc^^ Bibeltextes direct keine Sicherheit zu gewianen, 
und die indirecten Zeugnisse der altea Uebersetzuitgen 
Terdienten desswegen die hdchste BeacMung. Den Text 
eiaer so atten Versioii, wie die Vulgata, hersteilen, Uess 
desswegen auch der vrsprUnglicben Gestait der hi. Sehrif- 
ten auf s M^ichste sich nahem. Hiermit leuchtet die Be- 
sonnenheit, womit das gauze Untemehmen >begrfindet und 
a«sgefiUurt wurde, sehon ein. Dieselbe Besonnenheit gebot 
aneh dem hebraischen und griechischen Original die gebiih- 
rende Aufeieiksamkeit zu schenken. Nieht als w&re eine 
Stelle jemals dem hebraischen oder griechischen Texte zu 
Liebe geandert worden; dies ware ja unkritiseh und will- 

31* 



— 484 — 

ktlrlich gewesen. Wohl aber wurden die Originaltexte, weil 
deren treue Wiedergabe seitens der ersten Uebersetzer 
feststand, als kritische Zeugnisse fiir die Uebersetzung 
selbst abgewogen, und so konnten Beispiele vorkommen, 
in denen aas Gewicht dieser Zeugnisse alien andem Grun^ 
den gegentiber den Ausschlag geben musste. Solche Stel- 
len sind z. B. Gen. VIII, 21 und XXIV, 32 0, wo die heu- 
tigen Lesarten et ait statt et ait ad eum und pedes eius 
statt pedes camelbrum alien alien Handschriften widerspre- 
chen und einzig auf das indirecte Zeugniss der Grundtexte 
und alten Uebersetzungen bin gewfihll sind. Die Kritik 
erscheint hiernach im AUgemeinen mit grdsster Gonsequenz 
und Gewissenhaftigkeit in Anwendung gebracht. Allein eine 
zu grosse Beharrlichkeit bei diesem Verfahren ware fiir 
den praktischen Zweck der Ausgabe nicht rathsam gewe- 
sen. Die Kircbe hatte, abgesehen von den ersten Urhe- 
bem der alten lateiniscben Xlebersetzung , diese inuner als 
ihr Eigenthum angesehen, und hatte allm&lig das Eine und 
Andere in derselben einheimisch werden lassen, dessen kri- 
tisdie Berechtigung sich spater nicht unumst5sslich nach- 
weisen liess. Hier ware es nicht angebracht gewesen, die 
Kritik allzu scharf zu handhaben und dadurch Missver- 
gntigen oder Misstrauen gegen das ganze Untemehmen 
hervorzurufen. Waren die betreffenden Stellen und Aus- 
drticke innerlich begriindet, so durfte wohl die kirchliche 
Reception als fiusserer Grund zu den unvollstandigen kri- 
tischen Griinden hinzutreten und den Ausschlag geben, 
vorausgesetzt, dass dies auf ein bescheidenes Maass be- 
schr&ukt blieb. So ist es z B. der Fall mit der Stelle 
Num. ym, 2, wo der Zusatz aufgenommen ist: candeta- 



1) S. Yercellone Varr, Lectt. L z. d. St. 



— 485 — 

brum in australi parte erigatur. Hoc igilur praecipe, ut 
lucemae contra loream e regione respidant ad mensam 
panum propositionis. Diese Worte, die vermuthlich aus 
Ex. XL, 22 stammen, fehlen in manchen der bessem Htod- 
schriften, wurden aber gleichwohl ihrer allgemeinen Ver- 
breitung wegen beibehalten. Ebenso ist es Num. XX, 6 
mit der Stelle clatnaveruntque ad Daminum atque dixerunt. 
Domme Dens audi clamorem huius populi^ et aperi eis 
thesaurum tuum fontem aquae vivae^ ut satiatif cesset mur- 
muratio eorum. Dagegen hat nirgendwo die blosse Re- 
ception eine Lesart retten k5nnen, wenn die kritischen 
Zeugnisse dieselbe verortheilten. So ist z. B. Ps. XLI, 3 
das herkQmmliche ad Deum fontem vivum in das richtige 
fortem oder Luc. XY, 8 evertit, das schon im God* Ftdden- 
sis steht, in everrit geftndert worden. 

Ueber die hierbei eingehaltenen Q^rands&tze spriclit sich die 
Yorrede zar Yulgata folgendermassen aus: Quamvis in hoe btblio- 
rum recognitione in codicibua manttscriptia Hebraeia Qraecisque 
fontibua et ipsis veterum patrum cammentariia conferencUs nan 
mediocre studium odMbitum fmt, in hoc tamen pervulgata lectione 
sictU nonnulla consulto miUata, ita etiam alia, quae mutanda vide-' 
bantur, considto immutata relicta sunt; turn qiwd ita faciendum 
esse ad offensionem populorum vitandam sanctus Hieronymus non 
semel admonuit: tum quod facile fieri posse credendum est, ut 
maiores nostri, qui ex Hebraeis et Graecis Lixtina fecerunt, copiam 
meUomm et emendatiorum librorum habuerint, quam it, qui post 
iUorum aetatem ad nos pervenerunt, qui fortasse tarn longo tem- 
pore identidem desoribendo minus puri atque integri evaserunt; 
tum denique, quia sacrae Gongregationi amplissimorum Car dinar 
Hum aliisque eruditissimis viris ad hoc opus a Sede Apostolica de- 
lectis propositum non fuit, novam dliquam editionem cudere, vel 
antiquum Interpretem ulla ex parte corrigere, vel emendare, sed 
ipsam veterem ac vulgatam Editionem Latinam a mendis veterum 
lihra/riorum nee non pravarum emendation'(§m erroribus repurgatam 



— 486 — 

suae pristinae integritati oc puritati, quoad ems fieri potuit, re- 
stituere, eaque restitvia, ut quam emendatissime itnprimeretur tuxta 
Concilii Oecumenid Decretum pro viribus operam dare. 

Diese Gnindsatze enteprechen ganz dem Wesen einer 
Kircbe, die auf ihre Tradition ein nicht geriogeres Gewicht 
legt, als auf das gescbriebene Gotteswort Abgesehea bie- 
von, sind sie auch gaoz der Sachlage entsprecbend imd 
sind ein Resultat von allem^ was seit dem fiinften Jahrhun- 
dert zur HeFstellung eines zuverlassigen lateiniscben Bi- 
beltextes gescheben ist Mit der Ausfiibrung jener Grund- 
satze moss daher in sicb scboii die Geacbicbte der Vulga- 
ta abgescbk)ssen erscbeinen. Dies ist um so mebr wahr^ 
weil das Yerbot Clemens' YIIL, an dem Texte seiner Yul- 
gata zu Sndem, i^cbt^aulgeboben worden ist; dadurcb ist 
das, was zu Eingang dieses Buches als Begriff der Ge- 
scbicbte aufgestellt worden, auf die Yulgata nicbt mebjr 
anvendbar. Ein solcbea Besultat darf mm der Kath^iik 
mit hoher Befriedigung hinnebmen; denn nnr for ibn isl 
durcb die Sorge seiner Kircbe die bl Scfarift wirWicb das, 
was die Scbrift dem Menscben sein kann und soil. Weil der be- 
braiscbe und griecbiscbe Originaltext, der so Mbzeitig das 
Scbicksal aller bandscbriftlicben Werke tbeilen musste, der 
5ffentlicben Gontrole entbebrt, kann er immer nur eine 
Sicherbeit darbieten, die cter Zuveriassigkeit wisseitscbaft- 
lieber Besultate gleiebkommt Die Yulgata dagegen ist 
nadi ibrer heutigen Oestalt die fVucbt einer Ai^^eit, 
welebe in dem Geistesleben alter Zeiten obne Beispiet 
ist, und Befert die moratiscb b(^cbste Gewissbeit, welcbe 
auf Erden in solcben Dingen erreicbt werden kann. Der 
Batbolik ist gewiss, in seiner Yulgata das zu besitzen^ 
was die abendlandiscbe Kircbe seit vierzebnbundert Jabren 
a,ls Gottes Wturt anerkannt bat; so tatt in einwi FaUe» 



._ 487 ~ 

bei dem eine absolute Sicherbeit nicht mebr m erreichen 
ist, die bcH^hste Glaubwtirdigkeit auf Erden zum Ersatz ffir 
ihn ein. Durch die Ytdgata bat der Eatholik allein <jU3 
Mittel, Gottes Wort, das als Leucbte fur unsere Schrittis 
und als Nahruug unserer Seele uns gegeben worden, fiir 
sein zeitliches und ewiges Heil frucbtbar zu macben; deim 
er braucbt nicht zu ftircbten, dass ein neuer Fortschritt der 
wissenscbafttichen Forscbung ibn in seiner Piet&t irre 
maehm kOnnte. Au€b das Unwesentlicbe muss eigenmftcb- 
tiger Aeaderung entzogen sein, wo das Wesentliebe von 
unendlicb bober Bedeutung ist Dies ist es, was die Kirebe 
bei ibren Verordnungen tiber die Vulgata im Auge gebalten 
bat, und der Eatbolik kann ibr dafiir nur Dank wissen* 

Mit dieser Darlegung und Becbtfertigung des jetzigen 
Tbatbestandes bat der Gesebicbtscbreiber der Vulgata seine 
Aufgabe erfiillt: sind docb seit Erscbeinen des officiellen 
Textes keine Begebenbeiten mebr zu verzeicbnen, in denen 
eine Fortentwicklung stattgefunden batte. Die Ausgaben, 
welcbe der Vulgatatext seit dem Jabre 1592 erlebt bat, 
sind nicbt als gescbicbtlicbe Ereignisse aufzufassen, da sie 
nnr Wiederbolungen des einmal bestebenden Textes sein 
konnten. Aucb die vielen Uebersetzungen, welcbe aus der 
Vulgata in die bedeut^dem Spracben der ganzen Welt 
gescbeben sind, bilden kein Glied einer weiteren Entwick- 
lungsreibe, sondem geben nur neue Beweise von der Ent- 
sebiedenfaeit, welcbe in der Eircbe binsicbtUcb des eimnal 
angenommenen Standpunkfes bewahrt wird. Die Gonse- 
qufinz , womit die kircblicben Auctoritaten jetzt scboh fast, 
drei Jabrhunderte an dem geschicbtlicb erwacbsenen Tbat- 
bestande festbalten, kann aucb nur Gregenstand der Aner- 
kennumg, nicbt Object gescbicbtlicbier Darstellung werden. 
Bloss insofem bleibt zur Gescbicbte der Vulgata nocb etr 



— 488 . — 

was hinzuzufiigen , als die in der Eirche bestehende An- 
schaumig durch spHtere' Yorg&nge in grSsserer Elarfaeit 
und Erkennbarkeit hervortritt 

Hierher rechnen wir zuerst die Bestimmung Clber die 
Bibel von Isidorus Glarius, welche sich in den auf Pabst 
Pius lY. zurilckfQhrenden Regeln des Index findet. Hier 
heisst es : Beg. IIL in fine : Ex biblis vera Isidori Clarii 
Brixiani prologus et prolegomena praecidantur; eius vera 
texbum nemo textum vulgcdae editionis esse exisiimet. Durch 
diese Anordnung wird die principielle Unrichtigkeit 
verworfen, welche der Yerfasser insofem festhSlt, als er 
den Text der Yulgata nicht traditionell ermitteln, sondem 
auf anderweitige Griinde hin bilden will. Dass er factisch 
das Bibelwort in einer Form geboten hat, welche nicht 
authentisch genannt werden kann, hat die kirchliche Oe- 
walt nicht beanstandet; dem -^wissenschaftlichen oder son- 
stigen privaten Gebrauche, der von einem solchen Texte 
zu machen w&re, hat sie kein Hindemiss in den Weg legen 
wollen. Nur soil dieser Text nicht mit der alten Yulgata 
verwechselt werd^, d. h. es soil das Zeugniss der Tradi- 
tion, das bloss der letzteren eignet, nicht auf diesen ganz 
neuen Text angewendet werden: dies wtirde ja d^ princi- 
piellen Anschauung, welche die Eirche auf dem Concil von 
Trient festgehalten hat, gerade zuwider laufen. 

Weiter ist hier die Bulle zu erw&hnen, worin Clemens 
YIIL einer missbr&uchlichen Anwendung der zweitra tri- 
dentinischen Bestimmung entgegentritt. Pius Y. hatte im 
Jahre 1510 eine Revision des romischen Messbuches voll- 
zogen und den Gebrauch desselben allgemein unter be- 
stimmten Ausnahmen vorgeschrieben. Als nun 1592 der 
officielle Text der Yulgata erschienen war, glaubten ein- 
zelne Buchdrucker oder Liturgiker diesen iib^all da sub- 



— 489 — 

stituiren zu mtissen, wo Bibelstellen in officiellem Gebrauche 
seien, und veranstalteten demzufolge Ausgaben des r5mi- 
schen Messbuches, in welchen der Text der Itala oder deH 
Psdlterium romanum mit dem neuen Texte vertauscht war. 
Diesem Yorgehen trat Clemens YIII. in der Bulle Cum 
Sanctissimum vom Jahre 1604 entgegen, deren hierher ge- 
h5rige Hauptstelle folgende ist (Pius V.) etsi tnultis pro- 
positis poenis severissime caverit, n^ quid (Missali ab ipso 
edito) vel adderetur vel ulla ratione demeretur, tamen pro^ 
gressu temporis sive typographorum sive aliorum temcritas 
et audada effecU, id mtdti in aa, qxMe his proximis annis 
excussa sunt, missalia errores irrepstrifU^ quibus vetustis- 
sima ilia sacrorum Bibliorum versio^ quae etiam ante St, 
Hieronymi tempora Celebris habita est in Ecclesia^ et ex 
qua omnes fere Missarum introitus^ et quae dicuntur gra- 
dualia et offertoria accepta sunt, omnino sublata esty Epi- 
stolarum et Evangeliorum textus, qui hucusque in Missae 
solefnniis perlectus est^ fnultis in locis ^perturbatus j ipsis 
Evangeliis diver sa et prorsus insollta praefixa initia, plu- 
rima denique passim pro arbitrio immutata sint^ cuius rei 
praetextus fuisse videtur^ ut omnia ad praescriptum sacro- 
rum Bibliorum vulgatae editionis revocarentur, quasi id 
aiicui propria auctoritate atque Apostolica Sede inconsulta 

facere licitum sit Quod nos animadvertentes pri- 

mum praedicta Missalia impressa sic depravata prohiberi 
et abrogari eorumque usum vn celebrations Missarum inter- 
did iussimus — — deinde mandavimus nonnuUis venera- 

bilibus fratribus nostrils S, R* E. Cardinalibus^ ut 

curam Missale ad pristinam et quam maxime emendatum 
formam restituendi susciperent^), Ilieraus ergibt sich un- 



1) Magnum Bullarium Bomanum ed. Luxemb. T, III, 



— 490 — 

zweideutig einerseitB, dass durch die Authentidtftt der Vul" 
gata den Rechten kelner audern Bibelform vorgegriffeQ 
werden soil, andererseite aber, dass durch die neue Erkl&^ 
rung des authentiscben Gharakters bloss die bestehende 
Tradition erhartet worden ist, und dass auch die Folgen 
dieser Erkl&rung insoweit modificirt werden, als die AU- 
gemeinheit der Tradition selbst eine Einschrankung er- 
leidet. 

An dritter Stelle bleibt eine Declaration der zur 
Erklarung der Trienter Decrete niedergeset/iten Congre- 
gation zu besprechen, welche in einer 1608 zu Frankfurt 
a. M. erschienenen Sammlung derartiger Beschlusse ent- 
halten ist. Diese Erklarung ist nach Angabe der 
betr. Sammlung schon 1576 gegeben worden, wird aber 
fruher nirgendwo erwahnt und hat ihre Wirkung je- 
denfalls erst spater ausgeiibt, so dass sie Mer erst zu er- 
wahnen ist. Sie antwortet auf die Frage einer gelehrten 
Korperschaft , ob ^er Ausdruck cum omnibus suis partibus 
von buchstablicher Integritat sammtlicher Schriften oder 
bloss von der Vollstandigkeit des Canons der hi, Schrift 
zu verstehen sei. Dubitatur in quaSam TJniversitatey 
quae Societatis Jesu curae commissa est^ quo pacto in- 
telligendum sit Decretum Uiud, quo sancta Tridentina Syno- 
duSy enumeratis Libris Sacris^ sic statuit : Si quis libros ipsos 
integros cum omnibus suis paHilus, prout in Ecclesia Catho- 
lica legi con^ueverunt et in Veteri Vulgata editione haben" 
tuTj pro Sacris et Canonicis mm susceperit, anuthema sit 
An scilicet eo pacto ^ui in fide errare censeantuTy qui asse- 
ruerint aliquid requgnans vel minimae periodo aut membro 
enumeratorum Librorum, etiam cum in ea re sint appositae ^) 



. 1) Die gedruckten Texte, die dem Yerf. zu Gesicht gekommen 
^ind; haben aUe appositae; soil dies rieUeicht appositae heizsen? 



— 491 — \ 

leeHon^a Groeei eontextus atd Hdtraici^ m potius ii tap- 
tum^ qui intej^um aliquem ex his Lihria cMt eerwn partem 
dliquam reiecerint^ de qua aliquando fmt controversial num 
(kmoniee et Sacra censenda esset: Quo pado qmdam in 
V^teri Testamenio dubitarunt de Cantico Trium JPuerorum 
et de Historia Susannae, in Novo autem de tdtimo Capite 
Marci ei de iniiiQ octavi Capitis Evoftgelii Joannis. Die 
Antwc^ lautet: Die 17. Jaimarii 1576 congrep^io genera- 
lis per S. L. A. 8* Monialt. Sixium Qarafam respondent 
dum ccn^mt^ nihil posse assevcfari, quod repugmet vulgatae 
laimae editioni^ etiam quod easel sola pmoduSy sola dati- 
svia^ vd mewbrum sive vox vel dkiio sola vel sylWta 
ioiave immn^ et acriter reprtkendM Vegcm^ qui Lu XV. de 
JusHf. C 9 tarn audader Joquutus est. Qt^sd appofiitia- 
nem textus Qraed et Hebraiei cum Latino, Vulgata lectione 
remiua interroganiem ad regulam III. indkis sub Pio IV. 
editam ^). Dieser Ausspruch kann seiB Yerstandiiiss und seine 
WflrdiguBg erst danu finden, weom festgehalten wird, daas 
' er 1576 gegebeB sein soil. Damals n&iiUch bestand noch 
km, officieller Text von der Vulgata, wie beute, sondem 
ein s<^lier war ebenso, wie zu Zeiten des Goncils, nur als 
Ideal Oder als Postulat vorhanden. Nach diesem Bestande 
aber war ihr Inbalt als inspirirt und kanonisch erklart, 
und zwar nicht bloss der Inhalt der ganzen Bficher, son- 
dem auch alle einzelhen Bestandtheile , die zum Inbalte 
gerechnet werden miissen. Wenn nun eine Congregation 



Dasselbe w&re in der Antwort aber appositionem und oppositionem 
zu fragen. Heneberg, der aber auch sonst den Wortlaut der Decla- 
ration sehr abweichend anfUhrt, hat an letzterer Stelle oppositiones 
(GeBch. der bibl. Offenb. 1850. S. 755. Anm.) 

1) So in Leoms Allatii in Anttfu. Etrtise. fragmm. ah IngM" 
ramM0 edita miiwuidversiones^ Boma$ HI>CXLII, 



- 492 — 

erklM, es dflrfe nichts anfrecht gehalten werden, was dem 
in der alten Yulgata aufbewahrten biblischen Inhalte wider- 
spricht, sei der Widerspruch auch nur durch Einen Satz, 
durch Ein Wort, durch Ein Jota herbeigefahrt , so ist dies 
eine durchaus folgerichtige Entwicklung des Sinnes, wel- 
chen die Versammlung zu Trient intendirt hat. Dies zeigt 
sich besonders in der negativen Form, welche die Declara- 
tion hat. Positiy zu behaupten, dies Oder jenes kOnne 
Oder mtisse als Aiisdruck des aberlieferten biblischen In- 
haltes beibehalten werden, w&re im Jahre 1576 eine Yer- 
wegenheit oder vielmehr eine Unmoglichkeit gewesen, wie 
es dies bis auf einen gewissen Grad auch jetzt noch wlbre, 
wofem die spatern kirchlichen Bestimmungen die Eror- 
terung dardber. nicht abgeschnitten h&tten. Dass aber in 
der That bei dem Erlasse der Congregation nur vom In- 
halte, nicht von der Form der Yulgata die Rede sein kann, 
ergibt sich aus der Anfrage, die bloss auf ersteren und 
nicht auf letztere gerichtet ist. Insoweit also enthalt die 
fragliche Declaration, falls sie acht ist, nichts UngehSriges. 
Hochst unpassend und unwahr aber wiirde sie sein, wo- 
fem sie jemals in Bezug auf den im Jahre 1590 einge- 
tretenen Bestand gegeben wSxe, oder wofem sie auf die- 
sen irgendwie angewendet wiirde. Dann ntolich wSre 
alles als unhaltj)ar bezeichnet, was dem Wortlaut des offi- 
ciellen Yulgatatextes widersprache. Nun aber ist es durch 
die hochste kirchliche Auctoritat, und zwar in der Yorrede 
zu unserer Yulgata selbst, ausgesprochen, dass „Einzelneg, 
welches einer Aenderung bedurft hatte, absichtlich unver- 
andert gelassen ist.^^ Es kann also nach dem Geiste der 
£[irche wohl verboteu sein, an der jetzt bestehenden 
Fassung der Yulgata eigenmachtig auch nur ein Jota zu 
&ndem; allein die Behauptung, dass die eine oder andere 



— 493 — 

' Stelle ursprdnglich gefehlt- oder anders gelautet habe oder 
haben kSnne, ist, wie durch die wissenschaftliche Kritik, so 
auch durch die Anerkennung der kirchlichen Auctoritat 
selbst gerechtfertigt. Sonderbarer Weise wenden nun alle 
neuem Gelehrten, welche von jener Declaration sprechen, 
dieselbe auf den jetzigen Bestand der Vulgata an. Die 
Einen woUen aus derselben ganz ungeh5rige Folgerungen 
Ziehen und statt der officiellen Unverletzlichkeit 
vielmehr den Begriflf der absoluten VoUkommenheit oder 
Congruenz mit dem Inhalt bis auf den Buchstaben aus- 
dehnen; die Andem folgern aus dem (von ihnen hineinge- 
legten) Widerspruche gegen den gesunden Verstand und 
gegen die geschichtlichen Thatsachen, dass die fragliche 
Declaration gar nicht acht sein konne. Beide aber sind 
gewiss dabei im Irrthum. Was die Erstern betriflft, so ist 
die Unzul3,ssigkeit ihrer Ansicht durch alles, was den In- 
halt dieses Buches bildet, hinreichend dargethan. Die 
Letztem dagegen befinden sich wenigstens principiell im 
Irrthum. Factisch mag es immerhin-zulassig sein, aus an- 
dem Gninden die Aechtheit des besprochenen Erlasses an- 
zuzweifeln, obwohl der wirkliche Beweis der Unachtheit 
nicht beigebracht worden ist'). Allein rechtlich kann aus 
dem Inhalte desselben kein Zweifel an der Aechtheit her- 
geleitet werden. Die irrige Auffassung wurzelt vermuthlich 
Moss in dem Ausdruck vulgatae latinae editioni; allein 
hiermit ist nach dem Sprachgebrauche der damaligen 
Zeit nicht eine bestimmte Recension der Vulgata, son- 



1) Die Grtlnde ftir die Un&chtheit nebst der betr. Literatur b. 
bei ReuBch, im Jabrg. 1860 des Eatholiken, 6. Heft S. 648, und im 
Jahrg. 1865 des GbQianeum S. 245. 



— 494 — 

dem die Vnlgota als Uebersetzang gemeint (vgl. ob.* 
S. 395) '). 

Dass . es sich so und nicht anders verhalte, l&sst sich 
um so zuversichtlidier behaupten, well noch dn anderer Yor- 
gang auch die Anschauung der kirchlichen Behorden in 
Bezug auf die Fonn der Vulgata beleuchtet ^). Bekannt- 
lich besitzen die Armenier eine alte aus dem fdiifiten ^ahr- 
hundert stammende Bibeliibersetzung , die stets in autheo- 
tischem Ansehen bei ihnen gestaaden hat Nebea dieser 
hat, soviel bekannt ist, nie ein Armenier versucht, eine 
neue Uebersetzung anzufertigen, auch nicht, nachdem die 
r<)mi8che Vulgata erscfaienen war und eine Uebertragui^ in 
das jetzt gesprochene Neuaranenische niitzlich erscheinen 
konnte. Im Jahre 1666 erschien jedoch.zu Amsterdam 
eine Ausgabe der armenischen Bibel, worin Vieles aach 
der inzwischen erschienenen Vulgata yer&ndert war. Dies 
hing mit einer gewissen Vorliebe filr alles Lateinische za- 
sammen, welche in Armenien gepflegt wurde, seitdem la- 



1) Die weiter folgende Stelle der fraglichen Declaration nimmt 
vermuthlicli auf die Schlussworte Vega's in dem angefQhrten Kapitel 
Bezng. Itaque nee tu, heisst es hier, nee quispiam oHm propter 
heme approbationem wigatae BdiUonis impedUwr^ quominus^ uN 
ha£B%tat>Brii , ad f antes reemrrat et in medmrn prcfermt, qiiUdqi^id 
habere potuerit, quo iuventur et locupletentwr Latinif et vuigatmn 
editionem ab erroribus repurget, et qucLe seneui spiritus sancti et 
ipsis fontibtM sunt magis consentanea, assequantur. Diese Aeusse- 
rung yerdient wirklichen Tadel; denn nachdem vettis vulgata editio 
einmal authentisch erklS,rt war, konnte es die Aufgabe dt-r Wissen- 
schaft nicht mehr sein, dieselbe nach den Grundtexten zu veryoll- 
Icommnen, sondern ihre traditionelle Form zu ermittelm. 

^ Dub Folgende na(^ der freuaflichen Mitiikeilang des Terdieh- 
ten Herm Prof. Dr. Meckel in Trier. 



— 495 — 

teinische Priester daselbst als Missionftre und Volksbildner 
aufgetreten waren und die Annenier sich der romischen 
Kirche naherten. Der Katholikos Jakob IV. schickte um 
das Jiahr 1665 den Bischof von Etschmiatzin , Vartabed 
Osgan, nach Eiiropa, am den Druck einer neuen Bibel zu 
bewerkstelligen. Osgan reiste zuerst nach Rom, wo er bei 
der Propaganda seine Absicht zu erreichen suchte. Die 
Propaganda ging aber auf seine Antrage nicht ein, und so 
wendete er sich nach Amsterdam, wo er selbst armenische 
Typen herstellen und die fragliche Bibel 1666—1668 unter 
seinenAugendruckenliess. Diese enthielt zwar die alte haika- 
nische Uebertragung , allein vielfach nach der Vulgata ge- 
ftndert und interpolirt; namentlich hatte Osgan das Buch 
Sirach aus der Vulgata neu iibersetzt. Allein diese Aus- 
gabe fand gerade bei den unirten Armeniem, besonders 
bei den 1711 ge^llndeten Mechitaristen, die gr5sste Miss- 
biUigung; von den Schismatikem wurde sie vollends perhor- 
rescirt. Die Mechitaristen sind bis heute bei der alten 
haikanischen Uebersetzung geblieben. Koch Mechitar selbst 
gab 1733 die hi. Schrift nach alten armenischen Hand- 
schriften heraus, ohne auch nur Eine Veranderung Osgan's 
im Texte zu . adoptiren. Des Letztern Bibel wurde tlber- 
haupt in der Folge nur insofem berticksichtigt , als die 
spatere Ausgahe, welche 1805 unter der Oberleitimg Zohrabs 
zu Venedig erschien, bei ihren kritischen Noten und Va- 
rianten zu well en auch Osgan's Text citirt. Da Mechitar 
den literarischen Zweck seiner Ordensstiftung sehr stark 
betont hatte, wiirde Pabst Clemens XL, der sie 1712 be- 
statigte, gewiss nicht unterlassen haben, eine Abanderung 
Oder Vervollstandigung der alten armenischen Uebersetzung 
nach der Vulgata zu verlangen, wenn die Betr. nicht ruhig im 
Besitz und^Gebrauch, sowie im Recht der Verbreitung 



— 496 — 

ihrer alten armenischen Uebersetzung batten belassen sein 
sollen. Selbst nicht einmal der Ecclesiasticas, der in den 
Handschriften der alten haikanischen Uebersetzung sehr 
luckenhaft und unvoUstandig erhalten ist, hat in der Bibel- 
ausgabe yon Zohrab eine Yeranderung oder Erganzung aus 
der Vulgata erfahren. Ausserdem bedienen sich die Me- 
chitaristen und die iibrigen unirtrarmenischen Priester der 
alten liturgischen Bticher, worin nur die haikanische Ueber- 
setzung der hi. Schnften in Anwendung ist. Das Still- 
schweigen, welches die kirehlichen Beh5rden diesem allem 
gegeniiber beobachtet haben , ist der . beste Beweis , dass 
die irrige Deutung, welehe dem oben angefuWten Decrete unter- 
gelegt wird, nicht im Geiste derselben begrilndet ist. Aber 
auch abgesehen hiervon, sind diese Thatsachen eine neue 
willkommene Aufklarung fiber die Art und Weise, wie die 
Bestimmung der Authenticitat aufzufassen ist, und insofem 
kQnnen sie bei der gesammten Geschichte der Vulgata, die 
in der Feststellung der AuthenticitUt gipfelt, als Schluss- 
stein angesehen werden. 



Namens- und Sachregister 



(nacb der Beiteiuahl)« 



Aachen (HAndschr.) 242. 

Abschreiber 211. 224. 

Africa (chriBtl) 107. 112, 

AfricaniBches Latein 124» 

AgapetuB 202. 

AgelliuB 442. 444. 446. 463. 465. 

Agobard 50. 124. 294. 

Agricola 290. 

Albertus M. 253. 

Alcuin 214. 229 ff. 248. 

Aleria (J. A. v.) 858. 

AlfonB di Castro 884. 

Allen (Card.) 444. 463. 465. . 

Amama 473. 

Amsterdam (Handschr.) 237. 

Amulius 441. 442. 

Anastasius 201. 

Antonius v. Padua 274. 

Aquilas 98. 

Armenische Bibel 494. 

Arnobius 195. 

Athenagoras 68. 

Augastinus 101. 113. 115. 119 ff. 

128. 148. 158. 161. 185. 247. 
Authenticit&t 10. ^ 

Authentischer Text 99. 455. 
Avellana (Handschr.) 445. 
Avitus 197. 
Bamberg (Handschr.) 237. 

(Ausg.) 304. 
Basel (Ausg.) 305. 
Bee 234. 235. 
Beda 208. 210. 300. 
Bellarmin 444. 461. 463. 465. 
Benedict I. 202. 
Benedict (der hi.) 196. 
Benedictus (Ausg.) 373. 
Bianchkii 128. 141. 

Kaulen, GesoUobte der Yolgata. 



Bibellesen der Laien 103. 110. 182. 
Biblia ordinaria 455. 464. 
Biblia VatabU 431. 
Bobbio (Palimps.) 216. 222. 

(Lection.) 219. 223. 
Bonifacius II. 202. 
Bonn (Handschr.) 274. 277. 
Borromeo (Frid.) 463. 467. 
Brescia (Ausg.) 305. 
Brevier (r5m.) 160. 
Brunati 15. 
Bucer 353. 
Bugenhagen 353. 
Capito 353. 

Carafia 442. 444. 448. 460. 
Carpzov 11. 
C&sarius 198. 
Cassian 194 

Cassiodorus' 148. 196. 225 ff. 247. 
Castellano 359. 
Caturinus 384. 
Cava (Handschr.) 218. 
Cerealis 195. 
Chrysologus 159. 
ChrysostomuB 75. 
ClariuB 333. 488. 
Clemens v. Alexandrien 68. 
Clemens v. Rom 67. 110. 
Clemens V. 281. 282. 284. 
Clemens VHI. 466 ff. 488. 489. 
Clemens XI. 495. 
Clementinische Ausg. 469. 
Codex Amiatinus 216. 257. 446. 

— Carolinus 237. 442. 

— Fuldensis 217. 221. 

— Mediolanus 218. 

— Ottobonianus 218. 445. 

— StatianuB 286. 

32 



— 498 — 



Golin&us 865. 

coin (Handschr.) 218. 242 (Ausg.) 

804. 805. 
Colonna 442. 468. 465. 
GolumbanuB 197. 
Complutenser Polyglotte 814. 819. 

824. 467. 
Goncordanzen 274. 
Gongregatio Goncilii (Declar.)490 fif. 
Gordes (EutitiuB) 442. 
GorrectoreB Bomani 448. 
Gorrectorium, anonymes 265. 445. 

— der Garth&uBer 254. 

— der Dominicaner 252. 268. 

— der Franziskaner 254. 

— von Sens 251. 

— der Sorbonne 254. 

— des ToletuB 466. 467. 
Goryini 445. 

Greston 290. 
Gyprian 69. 118. 147. 
Oamasus 149. 157. 159. 
Draconitis 858. 
^unstan 284. 

Dasseldorf(HandBchr.)287.242.248. 
Easton 290. 
Ecclesiasticus 90. 
Echtemach (Handschr.) 240. 
Ehrenbreitstein (Handschr.) 242. 
Eichhorn 119. 

Einiheilung des Testes 274. 432. 
EleutheriuB 198. 
EnnodiuB 198. 

Entstehong der hi. Schrift 28. 
Erasmus 819. 821. 
Erhaltung der hi. Schrift 58. 
Erlangen (Handschr.) 242. 
Ebb (L. y.) 12. 
Eucherius Anglns 205. 207. 
EucheriuB y. Lyon 197. 
Evangeliarien 240. 
Eyangelienharmonie 157. 808. 

Facondus 196. 
Famese 421. "^ 
FastidiuB 194. 
FauBtinuB 198. 
Faustus y. Riez 198. 
Felix in. 201. 
Ferrandus 196. 
FilhoU 884. 

Florenz (Handschr.) 445. 
(Ausg.) 805. 



Form der hi. Schrift 27. 45. 79. 

80. 142. 
Franz y. Sales 8. 
Fritzsche 16. 
Fulgentius 196. 
CSadolo 809. 810. 
Gabriel Bruno 807. 
Gallien (christl.) 108. 
GelasiuB I. 201. 
GennadiuB 207. 
GermanuB 198. 
Geschichte (Begriff) 7. 
Gildas 196. 
Giunta 448. 

GloBsa interlin. 248. 809. 
Gondulf 285. 
Graf (Heinrich) 468. 
Granfelden (Handschr.) 287. 
Gregor der Gr. 208. 207. 240. 
Gregor XIH. 448. • 
Gregor XIV. 460 ff. 466. 
Griechisch (Eenntn. dess. in Bom.) 

108. 
Gumelli 858. 

Haupt (Hoheslied) 287. 
Haymo 248. 

Hebraische Studien 280. 
Hebraischer Text (Fehler) 78. 
Hebraismen (im Deutschen) 6. (in 

der Itala) 189. (in der Yulg.) 

178. 
Henten 480. 
Heracleon 68. 
Hermann y. Wied 80. 
Hennas 67. 
Hieronymus (der hi.) 17. 83. 111. 

122. 127. 146 ff. 247. 279.321. 
Hilarius 124. 128. 
HildTus 201. 
Hittorp 860. 
Hody 12. 
Hormisdas I. 202. 
Hug 287. 
Hugo yon St. Garo 252 ff. 274. 

800. 809. 
Hugo yon St. Victor 208. 215. 

285. 
HumanismuB 291. 820. 
Hunn&uB 484. 
Ignatius 67. 
Udefons 204. 
Ingolstadt (Handschr.) 242. 



— 499 — 



Inhalt der hi. Schrift 26. 82. 80. 

Innocenz I. 109. 

Innocenz lY. 281. 

Innocenz IX. 466. 

Inspiratio concomitans 36. 

Inspiratio yerbalis 48. 

Inspiration 28 fif. 

Iren&uB 68. 101. 118. 

Irrthomslosigkeit der hi. Schrift 
87 ff. 

Isidor 204. 

Itala 107 ff. 190 ff. 212. 273. 
(Sprache) 181. (Uebergetzungs- 
weise) 186. (Revision) 154. 

Italien (christl.) 108. 114. 

JTacamauB 291. 

James 473. 

Johannes 11. 202. 

Johannes m. 202. 

Johannes Diak. 198. 

Johannes v. Haarlem 484. 

Judith (Buch) 90. 

Julian V. Toledo 205. 207. 

Julianus Pomerius 198. 

Junilius 196. 

Justinus 68. 

Justus V. Urgel 198. 

ILatharer 283. 

Karl der Gr. 229. 

Eatakomben 112. 

Koburger 323. 

Kortholt 11. 

Kreuz (Card, vom hi.) 422. 

Krim (Handschr.) 71. 

liactantius 69. 

Landus (LaUus) 444. 463. 465. 

468. 
Lanfranc 284. 
Laridius (Gobelinus) 361. 
Laurent 4. 

Laurentius Movariensis 196. 
Leander y. Sev. 203. 
Lectionarien 216. 
Leipzig (Handschr.) 253. 
Leo d. Gr. 201. 
Leo X. 821. 

Leon (Handschr.) 218. 446. 
Leonardus Basileensis 310. 
Licinianus 199. 
Liturgie (ambros.) 160. 200. (gall.) 

200. (mozarab.) 199. 200. (rOm.) 

109. 159. 160. 200. 



LocatelluB 442. 

London (Handschr.) 287. 

Lowener Ausg. 484 ff. 448. 464. 

Lucinius 183. 

Lukas Yon Brtigge 484. 435. 

Luther 7. 88. 818. 322. 326. 853. 

Luxeuil (Lection.) 219. 228. 

lHackab&erbuch (erstes) 90. 

Madrucci 442. 

Maffei 428. 

Mainz (Ausg.) 804. 809. 

Manetti 240. 

Manriquez 442. 448. 

Manutius (Aldus)' 448. 468. 470. 

Manutius (Paulus) 441. 

Marianus Scotus 214. 

Marius Mercator 194. 

Marsilius 290. 

Martin I. 205. 

Martinus Dumiensis 197. 

Masorethen 70 ff. 

Maximus 195. 

Mechitar 495. 

Melanchthon 853. 

Menardus 308. 

Miranda 463. 465. 

Missale (rdm.) 160. 488 ff. 

Mittenzwey 11. 

Molanus 434. 

Monte Cassino (Handschr.) 287. 

240. 445. 
Moret 471. 

Morinus 8. 444. 463. 465. 
Morone 441. 442. 
Mdnchen (Handschr.) 242. 
MuDSter (Seb.) 835. 
JKeapel (Handschr.) 805. 
Neues Testament (Text) 81. (Ue- 

bers.) 157. 160. 
Nikolaus (Card.) 236. 
Nikolaus v. Lyra 288. 
Niirnberg (Handschr.) 253. 

(Ausg.) 306. 

Oecolampadius 853. 

Offenbarung 80. 

Officieller Text 455. 471. 

Orange (Concil) 199. 

Origenes 102. 146. 

Orsini 444. 

Orosius 22. • 

Osgan 495. 

Osiander (Andr.) 822. 830. 355. 

32* 



— 500 — 



Otto III. 240. 

Oxford (Handschr.) 253. 

Pamphilus 162. 

Papias 67. 

Paris (Handschr.) 263. 255. (Ausg.) 

305. 
Parisius 256. 269. 272. 
PaschasiuB 198. 
Patricius 195. 
St. Paul (Handschr.) 445. 
Paul m. 421. 427. 
PaulJnus V. Nola 194. 
Paulinus 442. 
Paulus a St. Maria 290. 
Paulus V. Burgos 305. 
Pelagius I. 202. 
Pelagius H. 202. 
Pellicanus 328. 353. 
Pentateuch 24. (sam.) 77. 
Peretto 444. 
Peschittho 79. 106. 
Petrejus .B23. 
Petrus 109. 
Petrus Comestor 300. 
Petrus Damiani 234. 239. 
Piacenza (Ausg.) 806. 
Pius IV. 441. 488. 
Pius V. 160. 442. 488. 
Plantinus 432. 446. 
Politianus 290. 
Polykarpus 67. 
Pr&destinatus 195. 
Prag (Handschr.) 253. 255. 
Prosper 198. 
Psalterium (gallic.) 163. <rom.) 

160. 206. 239. (vetus) 160. 199. 

206. 
Ptolem&ue 68. 

Raimund Martini 288. 300. 

Regner 434. 

RemigiuB Antiss. 214. 

Reusch 16. 

Rhahanus 214. 248. 

Richard v. Armagh 294. 300. 

Richard y. Mans 384. 

Ridolfi 463. 

Riegler 15. 

Rocca (Angelus) 448. 463. 465. 

467. 468. 
Roger Bibo 209. 251. 256. 266 ff. 

282. 284. 287 300. 



Rom (christl.) 107. 114. 121. 141. 

(Handschr.) 236. 237. 239. 240. 

253. 255. (Ausg.) 305. 
Ruheis (Joh. de) 442. 
Rudelius 330. 
Rufdnus 183. 
Ruvere 463. 
Sa 442. 
Sahatier 119. 

Sacramentarium Leonianum 201. 
Salonius 198. 
Salvener 463. 466. . 
Salvianus 197. 
Sarnano (Card) 463. 
Scotti 441. 

Septuaginta 18. 79. 93 ff. 163. 444. 
Seripandus 388 441. 
Sevilla (Concil) 199. 204. (Ausg.) 

305. 
Simon (Rich.) 12. 
Sirlet422. 427. 436.441.442.445. 
Sixtinische Commission 445. 
Sixtinische Bibel 464. 
Sixtus V. 444 ff. 
Sophronius 183. 
Souchier 442. 
Speculum Augustini 193. 
Stephan v. Citeaux 245. 
Stephanus (Robert) 364 ff. 370. 

431. 
Steuchus EugubinuB 332. 
Strassburg (Ausg) 304. 805. 
Symmachus 201. 
Synagoge (Grunds. in Betr. der 

hi. Schr.) 99. 
Talmud 72. 

Targum (Jon.) 79. 93. (Onk.) 98. 
Targumim 92. 
TertuUian 112. 113. 147. 
Theodotion 101. 
Theophano 240. 
Thomas v. Aq. 253. 
Tobias (Buch) 90. 
Todi (Handschr.) 240. 
Toledo (Cone.) 204. (Handschr.) 

218. 446. 
Toletus 448. 463. 467. 468. 
Tostatus 290. 
Tours (Concil) 199. 
Trier (Handschr.) 241. 242. 
Turin (Handschr.) 258. 
Veberarbeitung 86. 



— 501 — 



Ueberlieferung der hi. Schrift 68. 

Uebersetzung 86. 

Ulm (AuBg.) 805. 

TJngarelli 16. 

Urbanitat 130. 

Urschriften der Bibel 61. 

Talerianus 194. 

Valiero 463. 467. 

Valverde 444. 463. 466. 468. 

Yatablus 431. 

Yenedig (Handschr.) 255. (Aasg.) 

305. 
Vercellone 16. 209. 256. 
Vicenza (Ausg.j 305. ' 
Victor Vitensis 195. 
Vienne (Concil) 281. 
Vigerius 384. 
Yigilius (Pabst) 202. 
Yilladeus 307. 



Yincentius Lerin. 198. 
YitelliuB 441. 
Yulg&rlatein 180. 181. ^ 
Yulgata (EinfluBS ders.) 4 (Kamen) 

17. 118. 216. 251.278. (Begriff) 

288. 272. 

l¥ala£rid Strabo 248. 809. 
Waldenser 288. 
Walton 12. 20. 
Wien (Handschr.) 237. 255. 
Wilhelm Brito 289. 
Wiseman 119. 
Wittenberger Bibel 325. 
Wolfenbuttel (Lection.) 219. 

SEagarola 465. 
Zohrab 495. 
Zttrich (Handschr.) 237. 
Zwingli 353. 



Znsatze imd Berichtigungen. 



Zu S. 128 Anm. 2: Codex IV Evan fyeliorumJati nus ReJidigeraftif^ 
. . . coll a J. K Seheibel, Wratisl. MDCCLXIH. 4. J. D. Scfiulz, 
JDisput. de Cod. IV, Kvangg. Bihl Mhediyeranae. Vrat.'sl. MDGCCXIV. 4, 

Zu S. 131 Anm. 1: Zink, der Mytholog Fulgentius. Eiii Bei- 
trag . . . zur Grammatik des atrikanischen Lateins. Wiirzburg 1867. 4. 

Zu S. 133. Nach Fleckeisen (Fiinfzig Artikel u. 8. w.) sind 
proniunturium und umerus klasslBche, nicht vuigare Formen. 

S. 223 Z. 3 V. u. lies Et alius Jacob, 

S. 240 Z. 12 V. 0. lies Todi. 



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